»Die meisten Christen kümmern sich nicht mehr um das, was in der Bibel steht, die meisten Muslime verfahren mit dem Koran ebenso. Das nennt man moralischen Fortschritt.«


Inhaltsverzeichnis:


      Suche in der Dunkelheit
      Ein auf beiden Füßen hinkender Vergleich
      Glauben ist kein Ausweg – glauben kann man viel
      Was ist so Besonderes am Glauben?

 

Suche in der Dunkelheit

Wir haben jetzt gelernt, Hypothesen nur zu akzeptieren, wenn die Güte der Begründung in einem angemessenen Verhältnis zur Entfernung der Mutmaßung von unserer Erfahrung steht. Je weiter entfernt von unserer Erfahrung, desto besser muss die Begründung sein. Unsere Wahrnehmungen und unser Denken beruhen auf dem Grundsatz (Bayes Theorem – über Wahrscheinlichkeit). Offensichtlich hat sich der Satz im Laufe einer 3,5 Milliarden Jahre dauernden Evolution so gut bewährt, dass sich unser komplettes Wissen auf die Grundlage verlässt.

Theisten und Theologen haben einen Einwand, der gerne mit folgendem Witz erläutert wird:

Mitten in der Nacht sieht Paul seinen Freund Erich, wie er auf der Straße ständig um eine Laterne herumläuft, den Blick auf den Boden gesenkt.

Paul: Was machst Du denn hier?

Erich: Ich habe meinen Haustürschlüssel verloren, den suche ich jetzt.

Paul: Wo genau hast Du ihn denn verloren?

Erich: Etwa bei dem Häuserblock da hinten.

Paul: Warum suchst Du ihn denn nicht dort, sondern hier?

Erich: Weil es dort stockfinster ist – da sehe ich ja nichts!

Das Gleichnis will uns sagen, dass der Verstand unsere Umwelt nur in einem begrenzten Umkreis »erleuchtet«. Vieles liegt im Finstern, und wenn wir dort eine Sache verloren haben, hilft uns der Verstand bei der Suche nicht weiter. Wir müssen, statt um die Laterne herumzulaufen, im Dunkeln suchen, wo wir etwas verloren haben, nicht im Hellen, wo wir nichts verloren haben.

 

Ein auf beiden Füßen hinkender Vergleich

Die Geschichte hinkt gleich auf mehreren Füßen. Zum einen ist es der Theist, der uns einreden möchte, wir hätten Gott im Dunkeln verloren, und müssten ihn finden. Zum anderen kann uns der Theist nicht begründen, warum wir das, was wir nicht suchen und nicht vermissen, im Finsteren verloren haben und nicht im Hellen.

Warum sollten wir uns vom Theisten ins Dunkle locken lassen, wo wir nichts sehen können? Wenn man etwas verloren hat, aber nicht genau weiß wo, dann handelt Erich völlig sinnvoll, wenn er zuerst im Hellen sucht. Denn im Dunklen wird er es ohnehin nicht finden. Das gilt sogar für den Fall, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass er den Schlüssel in der Nähe der Laterne verloren hat, aber die Wahrscheinlichkeit, dort etwas zu finden, ist einfach größer als im Dunkeln _1_.

 

Glauben ist kein Ausweg – glauben kann man viel

Glauben hilft uns hier einfach nicht weiter. Wir können etwas in verschieden Graden der Verlässlichkeit wissen oder in verschiedenen Graden der Ungewissheit vermuten oder glauben. Wir können Wahrscheinlichkeiten abschätzen, und wir können feststellen, dass sich die Frage nicht eindeutig oder ausreichend beantworten lässt und die Frage dann einfach offen lassen. Und die Begründung der Antwort muss von ausreichender Qualität sein.

Wir haben keinen Beweis dafür, dass Gott existiert _2_. Es scheint, dass es keine logische Möglichkeit für uns gibt, zu Gott vorzustoßen und ihn zu erkennen – auch das wird von Theologen zugegeben. Gott ist unerkennbar, mindestens in Teilen. Gott ist im Dunkeln, und wir können ihn nicht sehen – falls er überhaupt da ist. Gott in der unendlichen Dunkelheit zu suchen macht überhaupt keinen Sinn. Gott müsste schon auf uns zukommen – immerhin soll er allmächtig sein. Er müsste ins Licht treten, damit wir eine Chance haben, ihn zu sehen. Und die Offenbarungen nützen uns nichts. Es reicht nicht, dass jemand behauptet, er habe im dunklen Gott erkennen können, genau dort, wo die Täuschungsmöglichkeiten am Größten sind. Es läge an Gott, sich uns zu offenbaren. Gott aber hat sich nicht offenbart. Es gibt nur einzelne Menschen, die behaupten, er habe sich ihnen offenbart. Diese Art der Offenbarung geht uns nichts an, weil wir weder Täuschung, Selbsttäuschung noch Lüge ausschließen können.

 

Was ist so Besonderes am Glauben?

Warum ein allmächtiger Gott, der sich jederzeit zweifelsfrei zu erkennen geben könnte, ausgerechnet eine der unsichersten Methoden der Erkenntnis – den Glauben – bevorzugen sollte, ist schlechterdings unerfindlich. Das ist so, als ob wir unser Geld nur von Leuten zählen ließen, von denen wir sicher sind, dass sie sich verzählen. Es sind ja anderseits die Theologen, die uns ständig erzählen, wir könnten nicht ausreichend erkennen. Das macht eine Täuschung in dieser Frage aber eben nur wahrscheinlicher. Gerade, wenn die Theologen mit ihrem Zweifel am Verstand recht hätten, dann müssten wir noch mehr Sicherheit für ihre Behauptungen verlangen. Aber es ist fast paradox: Unser Verstand soll zu schlecht sein, um Gott zu erkennen, und deswegen sollen wir ohne jeden Beweis akzeptieren, was sie uns sagen!

Je schmaler meine Basis des Erkennens ist, desto sorgfältiger muss ich neue Erkenntnisse prüfen, nicht umso sorgloser kann ich glauben, was mir erzählt wird.

Wer gerne den mathematischen Beweis sehen möchte, mit dem man zeigen kann, wieso es sinnvoller ist, im Licht zu suchen, dem sei das sehr gute und sehr vergnügliche Buch »Der Schein der Weisen empfohlen« (siehe [Beck-Bornholdt 2003]). In dem Buch wird gezeigt, von welcher Relevanz Bayes Theorem im alltäglichen Leben ist.

Lesen Sie weiter: Brief an einen Atheisten – die Antwort
»Wenn Gott uns die Fähigkeit gab, unseren Verstand zu benutzen, warum würde er uns dafür bestrafen, davon Gebrauch zu machen ? (Unbekannt)«

1. In dem Buch von Beck-Bornholdt, siehe [Beck-Bornholdt 2003], finden Sie dazu sogar einen mathematischen Beweis dafür. Zurück zu 1

2. Auf die so genannten Gottesbeweise gehe ich später noch ein. Ich kann Ihnen nur versichern, dass selbst ein Theologe wie [Küng 2001b] zu dem Ergebnis kommt, dass es keinen zwingenden Gottesbeweis gibt Zurück zu 2


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