»Im Laufe der Geschichte wurde der Glauben immer billiger zu haben, speziell Konkurrenz senkt die Preise.«


Inhaltsverzeichnis:


      Christliche Moral
      Gott sei Dank: Alle Menschen müssen sterben
      Mögliche Positionen zum Tod
      Wer glaubt was?
      Gott: Der größte Vernichter von Leben?
      Auch das noch: Das Missionarsproblem
      Es ist schlimmer, einen Ungläubigen zu töten als einen Gläubigen

 

Christliche Moral

Die christliche Ethik hat mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, siehe auch →Übersicht zum Thema Moral. Hier ist eine harte Nuss:

Wir nennen wir jemanden, der einen Menschen in bewusster Absicht tötet, einen Mörder. Als Ausnahme lassen wir die Selbstverteidigung gelten – wer in Notwehr tötet, ist kein Mörder. Es dürfte außer Frage stehen, dass Gott nicht in Notwehr handeln kann (niemand kann die Existenz Gottes bedrohen), also können wir von diesem Fall absehen. Es ist auch umstritten, ob Tötung im staatlichen Auftrag (Soldaten als Beispiel) als Mord gelten soll oder (meist) nicht. Da es aber keine Instanz »über« Gott gibt können wir diesen strittigen Fall ebenfalls ausschließen.

Es bleibt noch der Fall übrig, dass man jemanden sterben lässt, obwohl man leicht hätte eingreifen und dies verhindern können. Das bedingt aber immer eine Mitschuld. Sicher ist, dass wir an Gott in dieser Hinsicht höhere moralische Ansprüche stellen können als an unvollkommene Menschen – denn Gott steht für moralische Perfektion. So sagt man uns zumindest.

 

Gott sei Dank: Alle Menschen müssen sterben

Und nun betrachten wir ein unumstößliches und unbestreitbares Faktum: Alle Menschen müssen sterben. Die Mehrheit der Menschen ist bereits gestorben. Wenn man den Gott der Kreationisten nimmt, der persönlich in die Evolution eingreift, dann ist Gott eindeutig der Verursacher dieses Massensterbens. Denn der Tod ist ein dem Menschen angeborenes Schicksal. Wenn man die biblische Geschichte von Adam und Eva wörtlich nimmt, ist der Tod eine Strafe Gottes. Nimmt man die Geschichte nicht wörtlich, so bleibt das Faktum, dass wir Menschen eines Tages sterben müssen, aber immer noch bestehen. In jedem Fall ist – letzten Endes – Gott der Verursacher des Sterbens.

Soweit die unbestrittenen und m. E. nach unbestreitbaren Fakten – alle Menschen werden einst sterben.

Sicher kann man sein, dass wenn Menschen ewig leben würden, so wäre dies ein stützendes Argument für die Liebe Gottes. Aber eines ist ebenso sicher – dass Menschen nach dem Tode ewig leben werden, ist eine höchst umstrittene Behauptung. Es gibt keine Beweise dafür, allerdings einige Beweise dagegen. Nun müssen wir, wenn wir vom ewigen Leben ausgehen, vier mögliche Fälle unterscheiden. Für die ersten drei Positionen gibt es christliche Gruppen, die sie vertreten:

 

Mögliche Positionen zum Tod

§ Alle Menschen werden sterben, alle werden auferstehen – die einen zum ewigen Leben im Paradies, eventuell mit einem Durchgangsstadium im Fegefeuer, die anderen zur ewigen Qual in der Hölle.

§ Alle Menschen werden auferstehen, nur einige werden ewig leben, die anderen werden wegen »Gottesferne« nicht ewig leben.

§ Es werden alle Menschen ewig leben (ohne Ausnahme) – dies nennt man »Universalismus«.

§ Es werden alle Menschen sterben und dabei bleibt es (Annihilismus).

Universalismus wird hierzulande nur ausnahmsweise vertreten, aus dem Grund lasse ich Position 3. außen vor. Universalismus ist mit einem liebenden Gott vereinbar. Den vierten Fall, dass der Tod das Ende ist, den betrachte ich hier momentan nicht. Der Annihilismus ist mit keiner christlichen Position kompatibel, man muss Atheist, um das zu glauben und zu vertreten.

 

Wer glaubt was?

Position 1. wird hierzulande nur von einer Minderheit vertreten. Mit einem liebenden Gott ist 1. nicht vereinbar. Die (katholische) Mehrheit vertritt Position 2. (was historisch gesehen relativ neu ist, nebenbei).

In diesem Fall (2.) kann man Gott ganz sicher als Verursacher eines Massensterbens bezeichnen – er tötet alle Menschen, die er nicht ewig leben lässt (ob sie dazu nach dem Tode nochmal kurz auferstehen oder nicht ist für diese Betrachtung unerheblich). Gott bringt also alle Menschen um, die aufgrund mangelnder Evidenzen (oder anderer Gründe) nicht bereit sind, an ihn zu glauben, oder in seinem Sinne zu handeln, oder denen er nicht gnädig gesonnen ist (oder einer beliebigen Kombination dieser Gründe). Er ähnelt hier einem Diktator, der alle Menschen umbringt, die ihn nicht für den tollsten und besten Menschen halten. Allerdings degradiert die schiere Menge der Tötungen jeden menschlichen Diktator zu einem Waisenknaben.

Ob man das ewige Leben bekommt, weil man an Gott glaubt oder ein gutes Leben führt oder aus anderen Gründen, ist unerheblich. Ewiges Leben wird als Belohnung für eine bestimmte Form des Wohllebens betrachtet. Das keiner so ganz genau weiß oder begründen kann, warum mehr die eine oder die andere Form des Wohllebens zum ewigen Leben führt, kommt noch erschwerend hinzu. Klar ist aber auch, dass nach christlichem Glauben die Seele potenziell  unsterblich ist _1_.

 

Gott: Der größte Vernichter von Leben?

Ein Christ, der kein Universalist ist, betet zum und verehrt folglich den größten Vernichter von Leben, den man sich vorstellen kann. Denn die Mehrheit der Menschen glaubt nicht an den christlichen Gott. Die Mehrheit der Menschen verhält sich auch nicht im Sinne der christlichen Lehren positiv. Je höher die Anforderungen gestellt werden, die man erfüllen muss, um ewig zu leben, umso mehr Menschen werden einst endgültig umgebracht (und umgekehrt). Das ist aber mit einem liebenden Gott nicht zu vereinbaren – und das ist eine der Gründe, warum kaum ein Mensch wirklich an den Gott glaubt, den er anbetet. Die meisten Christen wissen tatsächlich nicht, was sie glauben! _2_

Die übliche Ausrede lautet übrigens: Es hätte sich ja jeder nur Gott gegenüber wohlgefällig _3_ Verhalten müssen. Jeder, der deswegen sterben muss, hat sich seinen Tod selbst zuzuschreiben. Aber mit derselben Logik kann man auch Abtreibungen befürworten – das Kind hätte ja nicht zu diesem Zeitpunkt entstehen müssen. Wie wir wissen, ist der Glauben in der Mehrheit aller Fälle von biographischen Zufällen abhängig – kaum einer wird Christ, wenn er in eine hinduistische Familie hineingeboren wird.

Wenn Gott nur einen Bruchteil des Vertrauens wert ist, den Christen in ihn setzen, dann wird es ewiges Leben unabhängig von irgendeinem Wohlverhalten oder Glauben etc. geben. Aber Christen misstrauen ihrem Gott entweder oder missgönnen anderen Menschen das ewige Leben – man weiß nicht, was schlimmer ist. Positionen 1. und 2. sind mit einem liebenden Gott nicht vereinbar – außerdem scheitert dann jede Lösung des Theodizeeproblems, die auf dem ewigen Leben basiert – denn einiges an Leid wird eben nicht ausgeglichen.

 

Auch das noch: Das Missionarsproblem

Es gibt, um das zu verstärken, noch das »Missionarsproblem«. Nach allgemeiner christlicher Lehre kann jemand, der nie von Gott und dem Evangelium erfahren hat, deswegen nicht von Gott bestraft werden – denn Gott gilt als gerecht.

Wenn jemand jedoch wissentlich Gott ablehnt, dann kann er sehr wohl bestraft werden. Nun ist die erste Voraussetzung, um Gott und das Evangelium wissentlich abzulehnen, die Kenntnis des Evangeliums. Sobald also ein Missionar einem (vorher unwissenden) Menschen vom Evangelium erzählt, steigt für diesen Menschen das Risiko, nicht erlöst zu werden (= endgültig zu sterben oder in die Hölle zu kommen, ein Risiko, das vorher nicht bestand). Folglich wäre es besser, wenn die Missionare ihr Wissen nicht weitergeben würden, weil er damit die Voraussetzung schafft, dass ein vormals Unschuldiger schuldig wird und in die Hölle kommt.

Das gilt hauptsächlich für die Kinder der Christen. Wenn diese nicht wissen, dass es Gott gibt, dann könnten sie für ihren Unglauben nicht bestraft werden. Erzählt man ihnen vom Evangelium, dann setzt man sie einem unnötigen Risiko aus. Wenn also die Christen tatsächlich an einen strafenden Gott glauben würden, dann würden sie ihren Kindern nichts vom Christentum erzählen! Folglich glauben die meisten Christen nicht wirklich an den Gott der Positionen 1. und 2., sondern erzählen anderen nur davon, um sie einzuschüchtern und sie damit zum Glauben zu pressen. Diese Christen sind entweder sich selbst (meist) oder anderen gegenüber (selten) nicht ehrlich, das Resultat ist allerdings dasselbe. Aus diesem Grund ist es falsch, etwas ohne hinreichenden Grund zu glauben.

 

Es ist schlimmer, einen Ungläubigen zu töten als einen Gläubigen

Außerdem wäre es zweifellos schlimmer, einen Atheisten zu töten als einen Theisten – denn der Atheist stirbt für immer, während der Theist danach ewig im Paradies leben wird. Man tut ihm geradezu einen Gefallen, wenn man ihn früher dahin befördert – sicher eine absurde Konsequenz. Das gilt auch für den Universalismus – wenn der wahr ist, dann ist es zwar möglich, einen Mord zu begehen, aber unmöglich, jemanden endgültig zu töten.

Es gibt sicher Mixturen der Positionen 1. und 2., aber diese lösen das Problem nicht – entweder, Gott selektiert nach bestimmten Kriterien Menschen für das ewige Leben / die ewige Hölle oder den ewigen Tod – oder er tut es nicht. Auf einen »selektierenden Gott«, der nach unbestimmten Kriterien (beispielsweise weil sie ihn nicht lieben) Menschen tötet, kann man keine Moral aufbauen. Man kann diesen Gott auch nicht annähernd als moralisch perfekt bezeichnen, womit es sich per Definition nicht um Gott handeln kann. Folglich schließen die Positionen 1., 2. und 4. die Existenz Gottes aus. Wer eine dieser Positionen für wahr hält, mag glauben, dass sie oder er an Gott glaubt, aber mehr nicht – es handelt sich um einen »anonymen Atheisten«.

Die einzige Position, die nicht von moralischen Problemen und Inkonsequenzen geplagt wird, ist die Position 4. ohne Gott.

Das Argument ist strukturell verwandt mit dem Argument des Unglaubens.

Lesen Sie weiter: Hier ist diese Reihe zu Ende, aber es gibt noch mehr Lesestoff unter →Psychologie: Leben, Glauben, Religion, Gott und der Rest der Welt.

»Man muss die Logik der Geschichte hinterfragen, einen allwissenden, allmächtigen Gott zu haben, der fehleranfällige Menschen erschafft, und sie dann für alle seine Fehler verantwortlich macht. (Gene Roddenberry

1. Man vergleiche diese Diskussion mit der Abtreibungsdebatte – nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle hat man potenzielles menschliches Leben. Die Vernichtung dieses potenziellen  Lebens wird von vielen Christen als Mord angesehen. Die Vernichtung einer potenziell unsterblichen  Seele wäre nach dieser Logik ebenso als Mord zu betrachten. Andererseits, wenn es wirklich ein ewiges Leben gäbe, gäbe es keinen Mord. Man tut einmal so, als gäbe es Mord, dann wiederum gibt es doch keinen – sehr verwirrend. Zurück zu 1

2. Das Durchdenken der Konsequenzen des Glaubens ist meist kein Bestandteil der Glaubenslehren. Zurück zu 2

3. Zwar hält jeder Anhänger einer bestimmten Variation der christlichen Lehre »wohlgefällig« für wohldefiniert und selbst-evident – aber wenn es selbst-evident wäre, dann würde jeder dasselbe für selbst-evident halten. Folglich ist die Selbst-Evidenz eine Täuschung. Zurück zu 3


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