Ein Christ, der Gutes tut, weil er an die Belohnung oder Bestrafung im Jenseits denkt, handelt nicht moralisch. Er handelt moralisch gut, wenn er dabei nicht an Gott denkt. Das nennt man »säkularen Humanismus«.
Inhaltsverzeichnis:

      Ohne Gott keine Moral?
      Warum ist Nächstenliebe gut?
      Ist Nächstenliebe gut, weil Gott mächtig ist?
      Ist Nächstenliebe gut, weil es von Gott geoffenbart wurde?
      Ist Nächstenliebe gut, weil dies persönlich offenbart wurde?
      Ist die Nächstenliebe gut, weil Jesus für uns am Kreuz starb?
      Moral ohne Gott
      Offenbarung von Geboten – Zusammenfassung
      Moral ist nicht das, was im Monotheismus dafür gehalten wird

 

Ohne Gott keine Moral?

Christen, oder allgemein Menschen, die an einen der monotheistischen Götter  glauben, halten sich manchmal  für die besseren Menschen. Weil eine Moral, wird behauptet, nur  von Gott kommen kann. Das impliziert, dass Leute, die nicht an den einen Gott glauben, keine Basis für ihr ethisches Handeln haben.

Somit muss eine Moral religiös  begründet sein, damit sie wirksam ist – ohne göttliche Gebote gäbe es nur willkürliche menschliche Gebote. Das erscheint  auf den ersten Blick einleuchtend zu sein. Das macht es schwer erklärbar, warum sich Atheisten moralisch verhalten können. Wenn man versucht, eine Moral auf göttliche Gebote zurückzuführen, stößt man auf Euthyphrons Dilemma, das zuerst von Sokrates formuliert wurde, siehe [Plato 2006a]. Das ist eine abgewandelte Variante.

 

Warum ist Nächstenliebe gut?

Ist die Nächstenliebe gut, weil  Gott sie gut heißt? Wenn man dem zustimmt, macht man das Urteil über gut und böse zu einer Willkür Gottes _1_. Wenn Gott zufällig  Nächstenliebe für böse hält und Folter für gut, ist es böse, seinen Nächsten zu lieben und gut, und jemanden zu foltern? Wenn man behauptet, das könne nicht sein, weil Gott die Nächstenliebe nie für falsch und die Folter für richtig befunden hätte, weil er gut sei, der verstrickt sich in einen logischen Zirkel. Gott ist gut, weil er die Nächstenliebe für gut befindet, und die Nächstenliebe ist gut, weil Gott sie für gut hält. Wir haben gesehen, dass logische Zirkel sich stets in eine Tautologie auflösen lassen, in dem Fall wäre die Behauptung, Gott ist gut, weil er gut ist, und die Nächstenliebe ist gut, weil sie gut ist. Eine zirkuläre Begründung lässt sich für alles finden, auch für das Gegenteil, weswegen die Begründung ungültig ist.

 

Ist Nächstenliebe gut, weil Gott mächtig ist?

Nun kann man sich auf die Macht Gottes berufen. Aber bedeutet Macht, stets auch im Recht zu sein? Hitler war mächtig, war deswegen die Judenvernichtung richtig? Sicher nicht, also kann man auf Macht auch keine  moralische Begründung aufbauen. Moralisches Handeln setzt eine gewisse Autonomie des Subjekts voraus, wer unter Zwang handelt, handelt nicht moralisch. Wer sich der Macht beugt, handelt nur moralisch, wenn er dies freiwillig tut, tut er aus Zwang heraus, handelt er nicht moralisch, denn er konnte nicht anders handeln.

Also müsste man begründen, dass Nächstenliebe deswegen gut ist, weil sie für die Menschen gut ist. Jetzt ist die Begründung aber völlig losgelöst von Gott – womit die Behauptung, man brauche Gottes Gebote, um gut zu handeln, widerlegt wäre. Wir können also ethische Begründungen finden, ohne uns auf Gott zu berufen. Mehr noch, wir machen unsere eigenen Maßstäbe zu denen, anhand derer wir Gottes Handeln beurteilen. Gott ist gut, weil er das für gut hält, was wir auch ohne ihn für richtig befinden.

 

Ist Nächstenliebe gut, weil es von Gott geoffenbart wurde?

Der Einwand der Christen lautet dann, dass Gott allwissend sei, und daher besser als die Menschen wüsste, was gut für sie ist. Auch und gerade wenn sich dies mit unserer Auffassung deckt. Aber woher kennen wir denn die Gebote Gottes? Durch Offenbarung, so heißt es, aber damit verstricken wir uns in eine Reihe neuer Probleme. Wenn wir die Offenbarung der Bibel entnehmen, so werden wir feststellen, dass diese sehr unterschiedlich interpretiert wurden und werden. Die einen sagen »Du sollst nicht töten«, die anderen sagen, es lautet »Du sollst nicht morden«. Nicht umsonst lautet einer der Slogans der amerikanischen Friedensbewegung auch: »Welchen Teil von Du sollst nicht töten' haben wir nicht verstanden?«. Denn auch Bush beruft sich auf das Christentum. Damit werden also moralische Gebote zu einer Frage der Auslegung  und da in der Bibel nichts oder nicht viel über die richtige Interpretation steht, kann diese nicht Teil der göttlichen Gebote sein. Ihre Begründung ist nicht auf Gott zurückführen, sondern wiederum auf rein menschliche Maßstäbe.

Dem steht entgegen, dass viele christliche Gruppen meinen, nur sie hätten die richtige  Interpretation gefunden. Da diese aber viele Gruppen für sehr  unterschiedliche Auffassungen sagen, brauchen wir wieder rein menschliche Maßstäbe, um unter der richtigen Auslegung auszuwählen. Das Problem ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Das betrifft auch die Auswahl des Glaubens selbst, die Katholiken haben ein offizielles Lehramt – man müsste sich autonom  entscheiden, deren Regeln anzuerkennen. Nun ist die Mehrheit der Katholiken aber in ihren Glauben hineinsozialisiert worden, also kann nicht von einer autonomen Entscheidung gesprochen werden. Da die Entscheidung selbst nicht autonom war, kann sie kein moralisches Handeln begründen, ist also selbst nicht moralischer Natur. Entscheidet man sich doch dafür autonom, dann aufgrund von Maßstäben, die außerhalb  des Lehramts liegen, die Entscheidung ist moralisch, aber nicht von Gott begründet.

 

Ist Nächstenliebe gut, weil dies persönlich offenbart wurde?

Können persönliche Offenbarungen  eine Moral begründen? Sicher, aber das hängt von der Glaubwürdigkeit des Menschen ab, der behauptet, eine Offenbarung empfangen zu haben. glaubwürdig  kann nur heißen, dass die Gebote mit unserer eigenen Auffassung über gut und böse übereinstimmen, denn wir brauchen Kriterien, anhand derer wir das beurteilen können. Also stehen diese Gebote selber auf dem Prüfstand und können sich daher nicht selbst begründen.

Das prinzipielle Problem, ob eine sich auf Gott berufende Moral gut ist, wird durch die Art und Weise der Offenbarung übrigens nicht berührt. Des Weiteren wird hier das Problem angesprochen, woher wir denn wissen, ob Gott gut ist. Gott kann dies von sich behaupten, solange er will – ob jemand gut ist, können wir nur anhand seiner Handlungen  abschätzen anhand menschlicher Maßstäbe. Angesichts der Übel der Welt muss man aber berechtigte Zweifel haben, ob Gott gut ist (Theodizeeproblem). Scheitert die Theodizee, d. h. die Rechtfertigung Gottes anhand der Übel der Welt, so kann und darf man sich nicht  auf göttliche Gebote berufen. Sondern man muss diese gerade dann anhand menschlicher Maßstäbe sorgfältig prüfen.

 

Ist die Nächstenliebe gut, weil Jesus für uns am Kreuz starb?

Kann man sich dann auf bestimmte sog. »Heilstatsachen« berufen, z. B. den Kreuzestod Jesus? Aus dem Kreuzestod können verschiedene  Schlussfolgerungen gezogen werden, er diente u. a. zur Rechtfertigung der Kreuzzüge und des Antisemitismus. »Gott will es« war das Motto der Kreuzfahrer. Außerdem müsste der Kreuzestod eine normative Prämisse begründen, aber wer erklärt diese? Und wie entscheiden wir uns, welche Erklärung aus welchen Gründen die Richtige ist? Damit brauchen wir Kriterien, um eine bestimmte normative Komponente mit welcher »Heilstatsache« wie begründet werden kann und wie wir die Entscheidung darüber fällen können. Wir landen wieder in Euthyphrons Dilemma.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es Atheisten und Moslems und andere Glaubensgemeinschaften gibt. Wie erklärt man einem Hinduisten oder Shintoisten oder Buddhisten, wieso die Berufung auf den monotheistischen christlichen Gott eine Moral begründet im Angesicht von Euthyphrons Dilemma?

 

Moral ohne Gott

Aus diesem kann man nun folgern, dass wir eine Moral ohne Gott begründen können  und dies sogar wegen der geschilderten Probleme tun müssen. Es gibt also keine Verbindung von Religion zur Moral. Eine weitere Evidenz dafür sind die Gräuel, die im Namen des Christentums begangen wurden. Wer also behauptet, die Religion möge vielleicht nicht wahr sein, sie sei aber zur Begründung einer Moral unerlässlich, den kann man auf Euthyphrons Dilemma verweisen.

Übrigens gibt es noch ein weiteres Problem, mit dem sich der Kreis wieder schließt: Da Gott als das Gute schlechthin definiert wird, sind alle seine Handlungen gut. Aber das ist wiederum eine Einschränkung seiner Möglichkeiten – denn dies hieße, dass Gott ein Gefangener seiner Güte ist, der nicht anders handeln kann, selbst wenn er wollte. Da aber Gott weiterhin als allmächtig definiert wird, wäre eine solche Einschränkung seiner Handlungen damit in Konflikt. Also könnte Gott auch Böses tun und z. B. lügen, aber damit ist es unsinnig, alle seine Handlungen als gut zu bezeichnen. Vor allem, weil wir Gott nicht vollkommen verstehen können, ist es völlig sinnfrei, alles von ihm als moralisch einwandfrei zu klassifizieren. Daher kommen wir in keinem Fall umhin, eine eigene Moral aufzustellen und anhand dieser Moral Gott zu beurteilen. Nicht, weil wir dies so wollen, sondern weil wir nicht anders können.

Wenn Gott uns ein moralisches Gebot gibt, sind wir dann verpflichtet, nach diesem Gebot zu handeln? Wenn ja, warum? Gibt es dazu ein Gebot? Und schon sind wir in einem unendlichen Regress. Wir können also auch hier keine Gebote auf Gott begründen.

Manchmal wird noch behauptet, unsere Moral sei korrumpiert, und deswegen müssten wir auf Gott hören. Aber wenn unsere Moral korrumpiert ist, wie können wir dann die Ansicht begründen, es sei gut, auf Gottes Gebote zu hören? Das kann ja, weil unsere Moral so korrupt ist, genau die falsche Schlussfolgerung sein. Wir können dann überhaupt nichts mehr wissen oder urteilen über Moral, und wir können schon überhaupt nicht sagen, Gott sei gut.

 

Offenbarung von Geboten – Zusammenfassung

Man könnte nun meinen, dass Gott überhaupt keine Gebote offenbaren kann, und dies ist in gewisser Hinsicht auch richtig. Eine göttliche Offenbarung könnte man daran erkennen, dass sie keinerlei moralische Gebote enthält, und zwar wegen des geschilderten Dilemmas. Man sollte davon ausgehen, dass Gott davon weiß. Was Gott offenbaren könnte, wären moralische Regeln, d. h. Gebote plus einer Begründung, die so gut ist, dass man sie akzeptieren kann, gleichgültig, ob sie von Gott oder von Menschen stammt. Wenn Gebote es nötig haben, geoffenbart zu werden, damit sie Autorität bekommen, dann können sie nicht von Gott kommen, nur Regeln, die so einsichtig sind, dass man es nicht nötig hätte, sich dabei auf Gott zu berufen, könnten wirklich von Gott stammen. Gebote ohne Begründung müssen nur unseren Argwohn erwecken, dass hier ein Mensch versucht, sich die Autorität Gottes zu »entleihen«, um uns bewusst (in betrügerischer Absicht) oder unbewusst (in Selbsttäuschung) zu manipulieren _2_. Wenn man sich die Gebote in der Bibel ansieht, so fehlt ihnen meist jede Begründung, sie können nicht auf »eigenen Füßen stehen«, also stammen sie nicht von Gott. Glauben nützt nichts, weil sich jeder mit seinen widersprechenden Geboten auf Gott beruft und nur den Glauben als Rechtfertigung anbietet, welcher davon richtig wäre, müsste man nach Vernunftgründen entscheiden (Primat der Vernunft).

 

Moral ist nicht das, was im Monotheismus dafür gehalten wird

Religion trägt nichts zur Moral bei, solange diese nicht ohne Gott begründet wird.

Noch schlimmer wird es, wenn man sich dann konkrete Religionen wie z. B. das Christentum ansieht. Denn zum einen wird dort Gott als ewig, liebend und gerecht bezeichnet, zum anderen kollidiert genau das mit Geboten wie Leviticus 20:13, wo zur Tötung von Homosexuellen aufgerufen wird. Ist dies ein göttliches Gebot, dann charakterisiert es einen grausamen und inhumanen Gott. Verwirft man das Gebot, setzt man seine Moral über die Gottes. Verwirft man selektiv die Gebote, die man für inhuman hält, dann macht man sich ebenfalls zum moralischen Richter über Gott, die Bibel wird zu einem willkürlichen Steinbruch für Ethik, man sucht sich aus, was einem passt, nach eigener Willkür. Wahlweise kann man auch selektiv den Offenbarungscharakter der Bibel anzweifeln, d. h. die Stellen, die zum eigenen Gottesbild oder zur eigenen Moral nicht passen, werden verworfen. Dies geschieht entweder willkürlich, was die Offenbarung entwertet, oder gezielt, womit man sich selbst wieder zum Richter Gottes macht. Aber in keinem Fall kommt man umhin, seine eigene Moral zum Maßstab und zur Richtschur Gottes zu machen, ob man nun will oder nicht.

Dass Religion und Moral zusammengehören, ist ein lange gepflegtes Vorurteil. Es gibt auf der Welt ca. 100.000 verschiedene Religionen. Es gibt aber bestimmte Verhaltensweisen, die wir überall auf dieser Welt finden. So ist es gleichgültig, welche Kultur oder welchen Menschenstamm Sie betrachten, überall werden Sie einige gleichartige Regeln finden, z. B., dass man einem anderen Menschen in akuter Not hilft, oder dass kleine Kinder und Erwachsene keinen Sex miteinander haben sollten. Das ist vollkommen losgelöst von der praktizierten Religion überall so. Wie kann also eine Religion wie z. B. das Christentum die Ursache für ein Verhalten sein, welches auch von Menschen für gut befunden wird, die nie etwas vom Christentum gehört haben? Plausibler scheint es mir zu sein, dass hier das Verhältnis verkehrt herum erscheint: Da man nicht genau weiß, warum man eigentlich Menschen in Not hilft, bietet man als Rationalisierung die jeweilige Religion an.

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Die Zeit, in der Religion die Welt regierte, nennt man 'Das dunkle Zeitalter

Unbekannt

1. In der Tat ist das die Haltung einer Minderheit von Christen – was Gott tut ist gut, und wenn er alle Erstgeborenen umbringt, ist das eine gute Tat. Und wenn Gott seine Meinung ändert und zu einem Gott der Liebe wird, ist Liebe gut. Heute so, morgen anders. Damit wird die christliche Ethik, die vermeintlich ein absolutes Fundament hat, zu einem extremen ethischen Relativismus – unter gegebenen Umständen kann Massenmord eine gute Sache sein. Die Ethik wird zwar als absolut »verkauft«, ist aber an willkürliche Umstände gekoppelt und hat alle Merkmale einer Ethik, die Christen gerne den Atheisten unterschieben. Zurück zu 1

2. Was sich – siehe voriger Abschnitt – auch tatsächlich so verhält Zurück zu 2


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