Wenn Du nur halb so skeptisch gegenüber Deiner eigenen Religion wärst wie gegen alle anderen, würdest Du Deine Religion aufgeben.
Inhaltsverzeichnis:

      Glauben: Schwarz-Weiß-Denken in einer grauen Welt
      Wie wäre es denn nun richtig?
      Waren die Amerikaner auf dem Mond?
      Gute Denker versus schlechte Denker

 

Glauben: Schwarz-Weiß-Denken in einer grauen Welt

Es gibt noch einen schweren Fehler in dem Konzept »Glauben«, der ebenso für die alltägliche Form gilt. Man sagt entweder, »Ich glaube es« oder  »Ich glaube es nicht«. Dieses Entweder-Oder ist zu extrem  für eine Welt, in der wir ohnehin so gut wie nie alle Informationen haben, um eine so starke Aussage zu treffen.

Religiöser Glauben heißt eigentlich nur: Eine viel zu starke Überzeugung  für etwas zu haben, das man nicht wissen kann. Hier schlägt dieser Irrtum noch viel schwerer zu Buche. Die Tatsache, dass eine Autorität etwas gesagt hat, trägt nur wenig dazu bei, eine Behauptung wahrscheinlicher zu machen. Das gilt nur dann, wenn die Person etwas über das Gebiet weiß. Aber über Gott, das wird wieder und wieder betont, wissen wir nichts – deswegen  gibt es keine Autoritäten, was Gott betrifft. Bezüglich Gott gibt es nur falsche Autoritäten _1_. Was ein Theologe wirklich  weiß ist, was in der Geschichte andere Menschen über Gott geschrieben, vielleicht sogar gedacht haben. Und er hat sich vielleicht eigene Gedanken dazu gemacht.

Indirekt versuchen Theologen natürlich, eine Form des »Er’kennt’nis’pri’vi’legs« für sich zu beanspruchen. Für ein Gebiet, über das sie nichts wissen (können), sondern »starke Über’zeu’gung« (= Glauben) aus unerfindlichen Gründen eine Art Ersatz für Wissen gilt. Und wo dieser Glauben sich hauptsächlich von anderen Autoritäten speist, die auch nichts gewusst, sondern nur stark geglaubt haben!

Die Wahrheit ist ganz simpel so beschaffen, dass wir keine 100%ige Gewissheit haben können. Wir hätten sie gerne und greifen daher nach solchen Ersatzdrogen wie »Glaubensgewissheit«, das bedingungslose Vertrauen in Autoritäten, die auch nichts wissen, sondern anderen Autoritäten vertraut haben. Es erinnert in der Tat fatal an →Was ist der Unterschied zwischen einer Religion und einem Kult?. Die starke Überzeugung rührt eigentlich nur daher, dass jemand anders schon stark davon überzeugt war. Mehr Basis für die Wahrheit gibt es aber nicht. Das wird aber trickreich verschleiert, und es wird schwer, Täuschung und Selbsttäuschung zu unterscheiden.

 

Wie wäre es denn nun richtig?

Man sollte nicht sagen »Ich glaube es« oder »Ich glaube es nicht«. Sondern man sollte sagen »Ich halte es für mehr oder weniger wahrscheinlich«. Das reicht von 0% bis 100% – ohne jemals 0 oder 100 erreichen zu können. Aber wie schätzt man so etwas ab? Hier hilft uns ein bewährtes Verfahren aus der Statistik, nämlich Bayes Theorem. Dazu finden wir hier einen guten (englischen) Artikel: →How Bayes' Rule Can Make You A Better Thinker. Eine kurze Einführung gab ich in →Bayes Theorem: Formel für die Realität.

Auf Wikipedia und anderen Quellen werden die Leute bei der Suche danach erst mal mit einer Flut an Formeln überfallen. Das ist Schade, weil es abschreckend wirkt und eigentlich nicht nötig wäre. Denn die Kenntnis dieser Denkweise macht uns selbst zu besseren Denkern, es wird weniger wahrscheinlich, dass wir Fehler begehen. Nehmen wir ein alltägliches Beispiel:

 

Waren die Amerikaner auf dem Mond?

Angenommen, ich glaube die Ausgangshypothese, dass die Amerikaner nicht auf dem Mond gelandet sind. Der große Fehler vieler Verschwörungstheoretiker ist, dass sie irgendwie zu ihrer Ansicht gelangt sind, weil sie Indizien gefunden haben, die für die Hypothese sprechen. Dann, ab einem bestimmten Punkt, werden die Indizien nicht mehr gegeneinander abgewogen. Sondern gegensprechende Beweise und Argumente werden oft sehr pauschal »abgeschossen«, weil sie mit der eigenen Schlussfolgerung nicht übereinstimmen. Da sagt man dann beispielsweise, dass die ↑Logik hier nicht gilt. Dabei wäre man ohne ↑Logik überhaupt nicht erst dazu gekommen, dass die Amerikaner nicht auf dem Mond gelandet sein könnten. Oder man behauptet, dass man »keinen Beweis für Nichtexistenz führen könne«. Das ist nicht nur falsch, sondern wenn man es wirklich glauben würde, dann hätte man keine Möglichkeit gehabt, auf die Idee zu kommen, dass die Amerikaner nicht auf den Mond gelandet sind!

Man akzeptiert – oft blind – bestimmte Behauptungen aufgrund von Regeln. Man weigert sich aber, dieselben Grundsätze für gegensprechende Gründe, Argumente, Beweise und Evidenzen gelten zu lassen. Damit hat man sich dazu »verurteilt«, einer fixen Idee  anzuhängen, denn man ist unfähig, notwendige Korrekturen vornehmen zu können, die sich aufgrund weiterer Informationen, Erfahrungen und Erkenntnisse ergeben könnten.

Weitere Informationen könnten  ja dazu beitragen, die Ausgangshypothese zu bestätigen. Aber leicht kann auch das Gegenteil der Fall sein. Schlechte Denker erkennt man daran, dass sie relativ pauschal neue Informationen abwehren. Gute Denker bemühen sich, neue Informationen abzuwägen und sich zu fragen, was dies für ihr Denken ändert? Und sie ändern ab und zu auch ihre Meinung. Das hat bei uns einen schlechten Ruf, aber der wurde vor allem von miserablen Denkern begründet.

Die Frage ist: Wie wahrscheinlich ist meine Hypothese angesichts neuer Informationen? Das führt nicht unbedingt dazu, dass man seine Meinung mit jeder neuen Information ändert, sondern nur, dass man die angenommene Wahrscheinlichkeit anpasst. Eine solche Anpassung wäre nur dann nicht nötig, wenn man schon zu 100% sicher wüsste, was richtig ist. Das ist aber erstens  nie der Fall und zweitens, wenn es der Fall wäre, dann würde ein Abwägen neuer Informationen keinen Schaden anrichten können. Es ist die Angst davor, Unrecht zu haben, die uns zögern lässt, neue Erkenntnisse zu berücksichtigen. Wäre man sich seiner Sache sicher (was man nicht sein kann), dann würde man neue Informationen berücksichtigen. Ist man zu feige, sich der Wahrheit zu stellen, dann ignoriert man konsequent neue Möglichkeiten.

 

Gute Denker versus schlechte Denker

Ein Skeptiker oder guter Denker fragt sich angesichts einer neuen  Information zwei Dinge:

  1. Wie gut ist diese neue Information?
  2. welche meiner Hypothesen betrifft sie, und muss ich neu abwägen?

D. h., erhöht  oder senkt  die neue Information die Wahrscheinlichkeit, dass meine Hypothese richtig ist? Sinkt die Wahrscheinlichkeit unter einen bestimmten Wert, dann muss man die Hypothese verwerfen. Wer an der Wahrheit interessiert ist, wird dies tun. Wen die Wahrheit nicht interessiert, erfindet Ausreden, warum er das nicht zu tun braucht.

Man braucht keine genauen Zahlen für die Wahrscheinlichkeiten, die man dann in die Formeln einsetzen und berechnen kann. Das wird aber in vielen Artikeln über Bayes Theorem suggeriert, etwa auf Wikipedia. Man muss sich aber nur fragen, ob eine neue Erkenntnis, neues Wissen, die Wahrscheinlichkeit, dass die Hypothese wahr ist, erhöht oder senkt, und ob dies viel oder wenig ausmacht.

Beispiel: Wir erfahren, dass die Russen den Funkverkehr zwischen der Apollo-Rakete und der Bodenstation abgehört haben. Macht dies die Annahme, die Amerikaner waren nie auf dem Mond, wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher? Jeder kann sich das selbst überlegen, wenn man zusätzlich weiß, dass man durch Triangulation die Position einer Funkstation (Apollo) berechnen kann, und dass Amerika und Russland damals verfeindet waren (kalter Krieg). Natürlich muss man zu dem Schluss kommen, dass gegeben alle Hintergrundinformationen (kalter Krieg, Positionsberechnung) die Wahrscheinlichkeit gewaltig sinkt, dass die Amerikaner ihren Mondflug nur vorgetäuscht haben.

Man könnte nun alle Indizien durchgehen, was ich hier nicht tun werde, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass man die Ausgangshypothese verwerfen müsste. Dies lässt sich auf jede Art von Glauben anwenden, der auf einer Auswahl an Informationen beruht. Bayes Theorem ermöglicht es uns, vernünftig Hypothesen zu bewerten, auch gerade angesichts unvollständiger Informationen – was der Regelfall ist. Darauf zu verzichten heißt, mutwillig in Kauf zu nehmen, einem falschen Glauben anzuhängen. Genau darum geht es aber in den Glaubensreligionen. Es geht meist nicht um Wahrheit, sondern um Bequemlichkeit und darum, die Welt so erscheinen zu lassen, wie wir sie uns wünschen.

Literatur zu dem Thema:

[Beck-Bornholdt 2003]

[Carrier 2012]

[Loftus 2011]

[Koch 2000]

Du redest mit Gott, Du bist religiös. Gott redet mit Dir, dann bist Du psychotisch.

Doris Egan

1. Fast jeder Theologe, fast jeder Gläubige hält sich aber für einen Experten, was Gott betrifft. Völlig gleichgültig, was man als Ungläubiger über Gott auch sagt, weicht es auch nur einen Jota von dem ab, was der »selbst ernannte Glaubensexperte« denkt, dann ist man natürlichvollkommen im Unrecht. Wenn es um Gott geht sind die Gläubigen fast alle stark rechthaberisch veranlagt – obwohl, wie gesagt, sie ja nichts wissen, sondern eigentlich nur spekulieren oder aber übernommen haben, was irgendjemand sonst gesagt hat. Wobei es für jede »Expertenaussage« über Gott tausende »Experten« gibt, die das Gegenteil behaupten. Es wäre lustig, wenn es nicht viele so ernst nehmen würden. Zurück zu 1


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