Realität ist, was übrig bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben. Religion ist, was übrig bleibt, wenn man aufhört, seinen Verstand zu gebrauchen.
Inhaltsverzeichnis:

      Auf welcher Basis kann man den Glauben kritisieren?
      Polemik? Intoleranz? Respektlosigkeit?
      Der Anspruch, Einspruch und Widerspruch üben zu können

 

Auf welcher Basis kann man den Glauben kritisieren?

Gläubige erzählen einem oft, dass man ihren religiösen Glauben nur dann kritisieren kann oder darf, wenn man ihn verstanden hat. Und verstanden hat man ihn nur, wenn man selbst daran glaubt. Dann aber hat man keinen Grund mehr, ihn zu bemängeln.

Das lässt sich leicht widerlegen. Was die Behauptung, »2 + 2 = 5« bedeutet, kann man verstehen, ohne  dass man der Ansicht sein muss, dass dies richtig ist. Zum anderen kommt die religiöse Kritik oft von Leuten, die einst selbst gläubig waren (dazu gehöre ich auch – ich war wirklich einmal gläubiger, katholischer Christ!). Niemand  von den Christen hat meinen Glauben kritisiert, als ich noch fromm war. Jetzt meinen alle, ich hätte die Religion nie verstanden.

Dazu kommt noch etwas hinzu: Die meisten Gläubigen können nicht genau sagen, woran sie eigentlich inhaltlich  glauben, noch können sie erklären, warum  sie glauben _1_. Das erweckt nicht den Eindruck, dass die Religionsanhänger ihren eigenen Glauben überhaupt begriffen haben! Zumindest können sie meist nicht vermitteln, worum es ihnen eigentlich  geht. Das alleine muss schon misstrauisch machen.

Ich weiß auch nicht, was der einzelne Anhänger des Christentums glaubt, wenn er es mir nicht erzählen kann  – oder will. So kritisch ein Christ auch sein mag, wenn es um andere  Vorstellungen geht, so unkritisch ist er gegenüber seiner eigenen Meinung. Es gibt eine Kategorie von Ansichten, auf die diese Beschreibung passt, auch bei nichtreligiösen Inhalten: Diese nennt man »Bullshit«. Siehe auch [Frankfurt 2005].

Wenn jemand eine Anschauung glaubt, die Bullshit ist (oder auf deutsch: Quatsch), dann wird er anderen weder erklären können, an was er inhaltlich  glaubt, noch ohne fehlerhafte Argumente, warum er daran glaubt. Man kann also viele religiöse Auffassungen nicht von Bullshit abgrenzen. Wir nennen gleich, was wir nicht unterscheiden können. Immunisierung gegen Kritik  ist genau das Verfahren, was dazu führt, dass sich eine Ansicht nicht von Unsinn trennen lässt. Denn solche Aussagen enthalten keinen Sinn mehr. Es gibt keine mögliche Realität, mit der diese Meinung kollidieren könnte. D. h., es ist kein Umstand denkbar, der erweisen könnte, dass die Ansicht falsch ist. Aber, das folgt notwendig  daraus: Es gibt auch keine Tatsachen oder Argumente oder Gründe, die zeigen könnten, dass es richtig ist. Man ist meist zufrieden, dass es nicht widerlegt werden kann und wiegt sich so in Sicherheit vor der Kritik. Aber man übersieht, dass auch das Gegenteil nicht widerlegt werden kann. Es gibt keinen  Grund, etwas für wahr zu halten, weil es nicht widerlegt werden kann. Weil die umgekehrte Ansicht ebenso wenig  widerlegt oder kritisiert werden kann. Wäre es ein Grund, müsste man gleichzeitig  auch das Gegenteil für korrekt halten, und das geht nicht.

 

Polemik? Intoleranz? Respektlosigkeit?

Nun werden mir die meisten Christen wieder Polemik vorwerfen, oder Intoleranz, und vor allem Respektlosigkeit. Ich kann aber nichts dafür, dass Christen sich so allgemein schwertun, ihren Glauben zu erläutern. Ich kann auch nichts dafür, dass viele Christen dazu neigen, einer Kritik auszuweichen, in dem sie ihre Meinung kritikimmun formulieren. Ich sage nur: Ich kann das, was sie sagen, oft nicht von Unsinn unterscheiden und sage das auch – das nennt man Meinungsfreiheit. Ich habe mehr über Theologie gelesen und mir mehr Gedanken darüber gemacht als der Durchschnittschrist, und ganz blöde bin ich auch nicht. Das Standard-Argument, dass ich den Glauben nur nicht verstehen will, akzeptiere ich nicht. Weil ich mich mehr ernsthaft bemüht habe, den Glauben zu verstehen, als die meisten Anhänger einer Religion. Ich wollte glauben, ich konnte es aber nicht.

Ich bin nicht der Ansicht, dass es respektlos ist, als Unsinn zu bezeichnen, was man dafür hält, speziell  man dafür gute Gründe angeben kann. Respekt muss man sich verdienen. In der Religion geht es zu oft darum, dass man erst mal ohne jeden Grund Ehrerbietung zeigen soll. Aber mehr Achtung als gegenüber jeder anderen beliebigen Überzeugung auch, das muss man sich erarbeiten.

Der Vorwurf der Intoleranz ist, von Monotheisten gemacht, ziemlich lustig. Denn wenn ihre Weltsicht wahr sein sollte, ist die aller anderen Weltanschauungen falsch.

Warum ist es für alle Religionen Ok, ihren Glauben in völligem Widerspruch zu allen anderen von sich zu geben, aber zu meinen, wenn man alle für falsch hält, man sei respektlos?

(Ricky Gervais)

Ein frommer Jude muss Christentum und Islam für falsch halten, ein gläubiger Christ muss Judentum und Islam für falsch halten, ein überzeugter Muslim muss das Christentum für Unsinn halten. Ich kritisiere nur eine Religion mehr als ein Jude, Christ oder Muslim. Jedes Glaubensbekenntnis legt auch Zeugnis dafür ab, was man für falsch hält.

 

Der Anspruch, Einspruch und Widerspruch üben zu können

Wenn der Papst seine Ansichten zur Welt äußert, dann heißt dies, das alle widersprechenden Ansichten, etwa des Islam, falsch sein müssen. Das sagt man nicht so direkt, aber es ist eine unmittelbare Konsequenz. Es ist der Monotheismus, der einen exklusiven Anspruch hat. Im Heidentum gab es so etwas früher nicht, und heute auch nicht. Die Idee einer »wahren Religion« ist eindeutig jüdisch-christlichen Ursprungs. Auch, wenn man seit einiger Zeit sagt, dass auch in den anderen Religionen etwas Wahres sei  _2_. Aber man macht sich selbst zum Richter dessen, was das sein soll – denn würde man es für wahr halten, würde man es selbst glauben.

Das folgt aus der Idee, dass es nur einen einzigen Gott gibt, der alles erschaffen hat. Da ist kein Platz für andere Götter – folgt auch aus dem ersten Gebot: »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«. Daraus folgt noch nicht, dass es keine anderen Götter gibt. Aber es bedeutet, dass wenn es andere Götter geben sollte, diese von dem einen monotheistischen Gott geschaffen worden sein müssen. Und man macht den eigenen Gott zum Maß aller Götter.

Ein Heide, beispielsweise, muss nicht an etwas Übernatürliches glauben: Die Götter sind ein Teil dieser Welt. Für einige Heiden sind Götter nichts weiter als Mythen, die in menschlichen Schriften beschrieben werden, so etwas wie Archetypen oder moralische Leitideen, oder personalisierte Naturkräfte. Für mich trifft das auf den christlichen Gott ebenso zu – er ist ein Mythos, geschaffen und beschrieben von Menschen in rein menschlichen Werken. Dann aber ist auch Jahwe nur ein Gott unter vielen. Dann kann er selbstverständlich nicht der Schöpfer der Welt sein, vielmehr ist er ein Geschöpf der Menschen, die ihn beschreiben und an ihn glauben. Warum macht man das nicht zum Maß aller Götter?

Polemisch mag es sein. Polemik ist aber nicht verboten. Und ich sehe in vielem, was von Religionsanhängern geäußert wird, speziell über Atheisten, ein großes Maß an Polemik. Mehr noch, vieles davon beleidigt meine Intelligenz. Während bei den Monotheisten meist nur deren Gefühl beleidigt wird. Wenn dann die Intelligenz nicht ausreicht, seine Gefühle zu zügeln, entsteht die Form der Gewalt, die wir bei extremen Islamisten ab und zu finden.

Bullshit ist ein größerer Feind der Wahrheit, als es Lügen sind.

Harry Frankfurt

1. Und wenn sie es doch können, dann beruht dies mestens auf elementaren Denkfehlern, wie noch zu zeigen sein wird. Zurück zu 1

2. Der Katholizismus beispielsweise seit dem 2. Vatikanischen Konzil. Zurück zu 2


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