Entweder, das erste Gebot ist die Grundlage unserer Gesellschaft, oder Religionsfreiheit ist ein christlicher Wert. Beides zusammen geht nicht!
Inhaltsverzeichnis:

      Zusammenfassung: Monotheistische Moral
      Funktion der Moral
      Beispiel Homosexualität
      Moralischer Relativismus?
      Moral als Betrug?

 

Zusammenfassung: Monotheistische Moral

Im Monotheismus wird die Moral als eine Sache hingestellt, die von einem außerirdischen nichtmenschlichen Wesen den Sterblichen als Gebote aufgegeben wird. Man könnte es eine Führermoral  nennen, ihre Vermittlung erfolgt autoritär. Berufung auf eine Ethik des Handelns ist eine Bestimmung durch eine (fremde) Autorität.

Heutzutage wird das zum großen Teil abgelehnt. Die Nazis haben sich in den Nürnberger Prozessen ebenfalls auf eine autoritäre Moral  berufen. Der Führen hat es befohlen, wir haben es nur ausgeführt – aus dem Grund sind wir nicht schuldig an den Folgen. Richtig daran ist, dass man für die Konsequenzen einer Handlung nur verantwortlich gemacht werden kann, wenn die auf einer autonomen Entscheidung  beruht.

Aber – und das wurde den Nazis zum Verhängnis – die Entschließung, seine Verantwortung zu delegieren, ist ein eigenständiger  Entschluss. Für die Resultate daraus ist man wiederum selbst zuständig. Aus dem Grund kann man Moral nicht an eine fremde Instanz abgeben und hoffen, nicht voll für seine Aktionen haftbar gemacht zu werden: Moral setzt Autonomie voraus. Das bedeutet, man muss aus eigener Urteilskraft heraus bewerten, ob eine Tat gut oder schlecht ist, und niemand  kann einem das abnehmen. Niemand  heißt: Kein Gott, keine Autorität, kein Theologe, kein anderer Mensch, keine Instanz.

Ethik ist nichts, was vom Himmel geworfen wird und dem man sich unterordnet. Wenn man sich entscheidet, die Eigenverantwortung abzugeben, ist man für die Folgen schuldtragend. Weder ein himmlischer noch ein irdischer Diktator entscheidet über die Moral, das müssen wir eigenverantwortlich tun. Wir tragen die Konsequenzen.

 

Funktion der Moral

Wichtig ist die Funktion der Moral. Moral dient dazu, die Probleme menschlichen Zusammenlebens zu lösen, Interessenkonflikte zu vermeiden oder gerecht gegeneinander abzuwägen und vermeidbaren Schaden von anderen abzuwenden. Dies setzt eine autonome Interessenvertretung voraus, deswegen machen wir beispielsweise Kinder nicht voll für ihre Taten verantwortlich. Daher erkennen wir es auch an, dass es Umstände gibt, unter denen die moralische Verantwortung gemindert ist, etwa bei Alkohol- oder Drogeneinfluss, ebenso bei Zwang.

Moral setzt eine Verhandlung von autonomen, mündigen Individuen voraus, um Schaden gegenüber unwilligen oder unmündigen Dritten abzuwenden. So haben wir zum Beispiel festgelegt, dass man fremde Personen nicht verletzen darf – außer, der Andere hat darin eingewilligt. So darf man niemanden mehr auspeitschen – außer, er oder sie möchte das so und ist erwachsen und mündig, steht nicht unter Zwang (kein Abhängigkeitsverhältnis!), und unbeteiligten oder unwilligen Dritten entsteht dadurch keine Beeinträchtigung. Deswegen verstoßen an freiwilligen Sado-Maso-Spielen Beteiligte gegen keine Moral, auch, wenn (leichter) körperlicher Schaden entsteht.

 

Beispiel Homosexualität

Deswegen unterliegt das, was erwachsene Homosexuelle freiwillig in ihrem Schlafzimmer treiben, keinerlei moralischen Vorschriften. Das wird inzwischen ziemlich allgemein anerkannt – außer von der katholischen Kirche, die darin einen Verstoß gegen »ihre« Moral sieht. Das zeigt aber, dass die römisch-katholischen Kleriker ein falsches Verständnis davon haben, was wir unter Moral verstehen sollten. Die meisten Gläubigen in westlichen Staaten haben es sich daher auch angewöhnt, moralische Vorgaben ihrer Kirche in weitem Umfang zu ignorieren.

Diese notwendige Autonomie ist gegen die Kirchen erstritten worden.

 

Moralischer Relativismus?

Es wird von Kirchenvertretern gerne eingewandt, dass dies zu einem moralischen Relativismus  führt. Das ist aber längst eine Tatsache: Andere Kulturen legen ihre Ethik nach eigenen Gegebenheiten, eigener Tradition und eigenem Verständnis aus. Das bedeutet aber keineswegs, dass man etwa Menschenrechtsverletzungen in China oder arabischen Ländern nicht kritisieren darf. Denn durch den globalen Austausch sind auch wir davon betroffen. Jede Moral unterliegt der Kritik, und selbst die Kirchen können sich nicht davon ausnehmen, ob sie sich nun auf Gott berufen oder auf ein Naturrecht. Wobei, was noch zu zeigen sein wird, ein Naturrecht ohnehin auf einem logischen Fehler beruht, dem sog. naturalistischen Fehlschluss. Das ist derselbe Fehler, den Sozialdarwinisten begehen. Wenn man den Sozialdarwinismus ablehnt, hat man auch keinen Grund, eine Berufung auf Naturrecht von anderen zu akzeptieren.

Der Versuch, sich gegen moralische Kritik zu immunisieren, in dem man seine Moral auf Gott zurückführt, ist aber scharf abzulehnen.

 

Moral als Betrug?

Einige der vorigen Abschnitte mögen sich so lesen, als ob die Menschen, die ihre eigene Moral als die Gottes ausgeben, damit einen bewussten Betrug begehen. Das dürfte ausgesprochen selten der Fall sein. Die meisten wissen es nur nicht besser und haben es sich selbst eingeredet.

Es gibt einen kognitiven Fehler, der in den üblichen Listen der Denkfehler fehlt. Ich würde ihn als »Glaubwürdigkeitsfehlschluss« bezeichnen. Normalerweise glauben wir, lügen hieße »die Unwahrheit sagen«. Das ist falsch. Lügen heißt vielmehr: Etwas anderes sagen, als man selbst glaubt. Wir schätzen die Glaubwürdigkeit anderer Menschen danach ein, ob wir Anzeichen erkennen, dass sie selbst nicht glauben, was sie sagen. Natürlich sind wir notorisch schlecht darin, diese Anhaltspunkte zu erkennen. Aber, wenn wir abschätzen, dass der andere an das glaubt, was er uns mitteilt, dann neigen wir zu dem Fehlschluss, dass er die Wahrheit sagt ! In Wirklichkeit sagt er uns nur, wovon er überzeugt ist, ob dies die Wahrheit ist, ist eine ganz andere Frage und hängt nicht von seinen persönlichen Eigenschaften ab.

D. h., oft ist es so, dass wenn jemand mit einer großen inneren Überzeugung uns etwas erzählt, dann neigen wir dazu, anzunehmen, dass er uns die Wahrheit  sagt. Menschen, die das können, die andere überzeugen können, haben enorme Vorteile im Leben. Deswegen haben wir die Fähigkeit entwickelt, uns selbst von etwas überzeugen zu können, auch, wenn es falsch ist – falls es für unsere Absichten von Vorteil ist. Das wiederum können wir anderen leichter einreden, weil andere leichter darauf hereinfallen. Deswegen beruht »Wahrheit« für viele Menschen auf Autoritäten. Deswegen lassen wir uns so leicht Irrtümer aufschwatzen.

Hierzu ein wichtiges Zitat:

»Das erste Prinzip ist: Du darfst Dich nicht selbst täuschen, und Du selbst bist die am leichtesten zu täuschende Person «. (Richard P. Feynman)

Gerade in der Kombination mit unserer Unfähigkeit, Lügen zu erkenne, ist das fatal. Es führt auch dazu, dass die Person, die wir am leichtesten täuschen können – wir selbst sind. Dazu kommt noch das »Privileg des inneren Erlebens«. Wir haben einen gegenüber anderen Menschen privilegierten Zugang zu unserem inneren denken und fühlen. Wir haben nur nicht ausreichend Möglichkeiten, uns dort gegen Irrtümer und Fehleinschätzungen abzusichern, weil uns erstens  eine zweite Quelle zum Abgleich fehlt, zweitens  die meisten unserer Denkprozesse nicht dem Bewusstsein zugänglich sind und wir drittens  keine Alarmmeldung bekommen, wenn wir einen Denkfehler begehen.

Interessante Links: →Sternstunde Religion – Macht Religion die Menschen moralisch besser? Streitfragen 1/2.

Appelle, etwa in der Form der Bergpredigt, machen noch keinen moralischen Anspruch aus und bessern die Menschen keineswegs.

Es gibt weder eine Problemlösung, noch eine für die Lösung bestimmter Probleme zuständige Instanz, die notwendigerweise von vornherein der Kritik entzogen sein müßte. Man darf sogar annehmen, dass Autoritäten, für die eine solche Kritikimmunität beansprucht wird, nicht selten deshalb auf diese Weise ausgezeichnet werden, weil ihre Problemlösungen wenig Aussicht haben würden, einer sonst möglichen Kritik standzuhalten. Je stärker ein solcher Anspruch betont wird, um so eher scheint der Verdacht gerechtfertigt zu sein, dass hinter diesem Anspruch die Angst vor der Aufdeckung von Irrtümern, das heißt, also: die Angst vor der Wahrheit, steht

Hans Albert


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