Wenn es einen Gott gäbe, wäre die Welt seine erste Offenbarung. Alles, was dazu im Widerspruch steht, kann folglich nicht von ihm stammen.
Inhaltsverzeichnis:

      Dilemma des Glaubens
      Übernatürliche Ursache?
      Wie könnte sich Gott offenbaren?
      Fehler in der Bibel
      Gottes Wort in Menschenwort

 

Dilemma des Glaubens

Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, dass sich der Gottgläubige in einem eigenartigen Dilemma befindet: Wenn er Gott verständlich macht, dann wird sein Gottesbild kritisierbar. Wenn er Gott unverständlich macht, werden alle seine Erklärungen leer und inhaltslos und hören auf, überhaupt etwas zu erklären. Das Ziel seines Glaubens verschwindet in einem diffusen Nebel vollkommenen Unwissens. Dies wird noch dadurch verschärft, dass Gott ein supernaturales  Wesen sein soll. In den Offenbarungsreligionen wird nun behauptet, dass durch die Offenbarung Gottes unsere Unwissenheit überwunden wird.

Daraus entsteht sofort ein weiteres Dilemma. Entweder wir können von der natürlichen Welt auf die supernaturale Welt (= Jenseits, die Welt jenseits der natürlichen Welt) logisch schließen, oder wir können es nicht. Das wäre für jeden Einzelfall gesondert zu untersuchen. Können wir es nicht, dann bleibt das Jenseits für uns unverstanden, unerklärbar und unerkennbar. Damit wäre jede Offenbarung absolut wertlos  für uns, man könnte aus ihr beliebige Schlüsse ziehen, aber keine sinnvollen. Können wir aber Rückschlüsse ziehen, dann wäre das Jenseits für uns verstehbar, aber damit automatisch ein verstehbarer Bestandteil der natürlichen Welt, in der wir mit unseren Begriffen operieren können wie in der natürlichen Welt.

Wir hatten zuvor gesehen, dass supernatural  definiert wurde als etwas, was unseren natürlichen (wissenschaftlichen, philosophischen, also vernünftigen) Beweismethoden nicht zugänglich ist. Das ist zunächst mal eine Behauptung  wie viele andere auch. Diese Annahme kann nicht bewiesen werden, weil dies bereits die Anwendung einer natürlichen Beweismethode wäre!

 

Übernatürliche Ursache?

Was man ohne weiteren Beweis sagen kann: Wir wissen nicht alles. Vielleicht können  wir sogar nicht alles wissen. Man kann nun eine beliebiges Phänomen X nehmen und postulieren:

  1. Es gibt dafür eine Ursache, die wir aber nicht kennen.
  2. Diese Ursache ist übernatürlich, d. h., auf vernünftige Weise nicht zu beweisen.
  3. Diese Ursache ist Gott.

Nun haben wir eine Hypothese, die nicht beweisbar ist. Damit ist automatisch auch das Gegenteil nicht beweisbar, also in diesem Fall: »Es ist nicht übernatürlich, sondern nur unbekannt natürlich «, oder »Gott war nicht die Ursache«. Damit steht Aussage gegen Aussage, und wenn man der Ansicht ist, dass es kein rationales Kriterium dafür gibt, den einen Fall vom anderen zu unterscheiden, dann muss man sich auf einen agnostischen Standpunkt stellen: Wir wissen es nicht.

Aus diesem Dilemma kommt man nicht heraus. Mehr noch: Man kann vollkommen beliebige Dinge zur Ursache erklären. Es könnte das »unsichtbare rosa Einhorn« gewesen sein, das »fliegende Spaghettimonster«, Vishnu oder Krishna oder ein völlig unbekanntes Wesen, etwa ein Alien. Die Anzahl der Möglichkeiten sind jetzt unendlich. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine davon zutrifft? Eins zu unendlich. Man kann also sagen, dass jede Erklärung dann gleich unendlich unwahrscheinlich ist. Wie nennt man eine Behauptung, die unendlich unwahrscheinlich ist? Unsinn.

Die Annahme, dass Gott etwa hinter einer Offenbarung steckt, ist ebenso »infinit unplausibel«. Wir haben hier immer einen Selbstwiderspruch: Ich behaupte, etwas zu wissen, von dem ich zugleich beteuere, dass ich es nicht kennen kann! Glauben kann man alles, aber der Glauben, das ich nächste Woche im Lotto gewinne, ist immens viel wahrscheinlicher. Glauben ist kein Ausweg, weil man alles glauben kann und sein Gegenteil. Es sind vernünftige Argumente, die eine Sache plausibler oder wahrscheinlicher machen können, und unvernünftige Postulate wirken genau in die entgegengesetzte Richtung.

 

Wie könnte sich Gott offenbaren?

Offenbarung, so hatte ich im letzten Abschnitt bereits verdeutlicht, ist in hohem Maße anfällig für zirkuläres Denken. Und wenn die Offenbarung zirkulär ist, ist sie als Offenbarung überflüssig. Zunächst ein paar Überlegungen dazu, woran man eine göttliche Offenbarung überhaupt erkennen könnte.

Angenommen, ein Gott wollte uns z. B. moralisch auf die Sprünge helfen und offenbart seine Vorstellungen von Moral in einer Schrift, sagen wir mal, der Bibel. Wie können wir herausfinden, ob es sich um eine Offenbarung Gottes handelt oder um eine menschliche Fabrikation, um ein Produkt menschlicher Einbildung oder gar einer Fälschung? Die Offenbarung selbst kann ihre Echtheit zwar von sich selbst behaupten, aber das nützt uns nichts, das könnte trotzdem eine Fälschung sein. Wir sind also gezwungen, die darin verwandten moralischen Maßstäbe mit unseren eigenen Maßstäben zu bewerten. Anders gesagt, wir befinden uns mitten in Euthyphrons Dilemma. Wenn wir die geoffenbarte Moral für gut befinden, so haben wir dies durch eigenes Nachdenken geschafft – damit wäre eine Offenbarung eigentlich überflüssig, wir hätten es auch aus eigenem Antrieb geschafft. Deswegen wäre ein Erkennungszeichen einer göttlichen Offenbarung, dass sie sich moralischer Ratschläge enthält. Denn so intelligent sollte Gott schon sein, dass er Euthyphrons Dilemma kennt. Menschen allerdings würden eine göttliche Offenbarung fabrizieren, um sich »höhere« Unterstützung für ihre eigenen Moralvorstellungen zu holen. Sie könnten sich damit eine Begründung ihrer Moral ersparen.

 

Fehler in der Bibel

Eine göttliche Offenbarung sollte überdies Kennzeichen enthalten, die nicht  von Menschen hergestellt werden können – denn sonst kann es von einer Fälschung nicht  unterschieden werden. Da bieten sich ein paar Beispiele an: die Lösung von mathematisch-technischen Problemen, die knapp über dem momentanen menschlichen Horizont liegen (nicht zu weit, sonst wären die Lösungen nicht verstehbar, nicht innerhalb des menschlichen Wissens liegend, sonst wären die Problemlösungen von Menschenhand fabrizierbar). Soweit ich weiß, gibt es dafür in der Bibel kein einziges Beispiel. Ferner würden Beschreibungen der Welt nicht durch spätere Erkenntnisse obsolet, beispielsweise würden wir folgende Beschreibungen nicht finden:

Lukas 4:5-7:  5 Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. 6 Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. 7 Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.

Es kann keinen Berg geben, der so hoch ist, dass man von dort »alle Reiche des Erdkreises« sehen könnte. Der Schreiber dieser Textstelle hat nicht bedacht oder nicht gewusst, dass die Erde eine Kugel ist. Solche (und viele, viele ähnliche Stellen) müssen einfach misstrauisch machen, weil sie ganz eindeutig für menschliche Fabrikation sprechen.

Es bleiben als weiteres Echtheitskennzeichen noch die Prophezeiungen. Dabei würde sich ein übermächtiges Wesen aller Prophezeiungen enthalten, die auch Menschen machen könnten. Denn dadurch wäre eine Fälschung ebenfalls nicht von einer echten Offenbarung unterscheidbar. Vor allem müsste jenes Verfahren vermieden werden, welches ich bereits kritisiert habe: die Prophezeiung im Nachhinein, wie wir sie in der Bibel zu hunderten finden (vor allem im NT). Jeder dieser Weissagungstricks ist ein starkes Indiz für menschliche Fabrikation. Insbesonders würde Gott auch alle Vorhersagen vermeiden, die auf menschlichem Verhalten basieren, denn hier besteht der Verdacht der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Israel wurde im letzten Jahrhundert gegründet, weil  dies den Juden in der Bibel geweissagt worden ist – die Erfüllung dieser Prophezeiung kann also vollständig durch natürliche Geschehnisse erklärt werden. Eine echte  Prophezeiung würde sich auf Ereignisse beziehen, die nicht von Menschen beeinflusst werden können. 1908 schlug in Sibirien ein riesiger Asteroid ein – das wäre ein Ereignis dieser Art oder die Explosion eines bestimmten Sterns, die präzise (zeitliche) Vorhersage des Entstehens einer Supernova. Prophezeiungen ohne Zeitangabe hingegen sind vollkommen wertlos – dass es »vermehrt Kriege zwischen den Nationen geben wird«, zu bestimmten Zeiten, ist allgemeines menschliches Wissen, kein Ausweis göttlicher Kenntnisse. Auch von dieser Art präziser Prophezeiung finden wir keine einzige in der Bibel, wenn doch, dann handelt es sich um den beschriebenen Trick.

 

Gottes Wort in Menschenwort

Christen behelfen sich bei dieser Kritik meist damit, dass Gott die Bibel nicht selbst geschrieben habe – warum eigentlich nicht? Wir können an der Bibel mit ihren tausenden von Lesarten, unterschiedlichen Abschriften, ihren ganzen Übersetzungsproblemen, den Schwierigkeiten bei der Auslegung etc. deutlich sehen, dass menschliche Bibelschreiber eine ganze Reihe schwer wiegender Probleme verursachen, die voll und ganz auf die göttliche Intention »durchschlagen«. Ein echter Gott wüsste sicher Wege, diese höchst überflüssigen und ärgerlichen Probleme zu vermeiden, deswegen ist jedes Problem mit der Bibel eine Evidenz gegen den göttlichen Ursprung der Bibel. Auch jeder Fehler ist eine Evidenz dagegen, denn wenn es Fehler in Dingen gibt, die wir nachprüfen können, so muss uns dies besonders misstrauisch  machen gegen Dinge, die wir nicht nachprüfen können – wer sagt uns denn, dass nicht gerade dort die größten Verständnis- und Übersetzungsprobleme liegen? Denn je weiter wir uns von den alltäglichen Dingen unserer Anschauung entfernen, umso leichter schleichen sich Fehler ein. Jeder sachliche  Fehler in der Bibel zöge ein Mehrfaches an Fehlermöglichkeiten in den sachlich nicht nachprüfbaren Dingen nach sich. Deswegen ist ein minimaler  Anspruch an eine göttliche Offenbarung auch die Fehlerfreiheit. Bereits ein einziger Fehler ist eine starke Evidenz gegen eine göttliche Offenbarung – und es scheint, als sei dies nur den Bibelfundamentalisten bewusst. Es wird angenommen, dass die Inhalte der Bibel durch »Inspiration« vermittelt worden sind (offensichtlich ist diese Inspiration sehr fehleranfällig – kein Merkmal eines perfekten Gottes, denn hier vermisst man jegliche Perfektion. Aber entweder, ich kann an der Güte der Beschreibungen oder Lösungen von technisch-mathematischen Problemen oder durch präzise Prophezeiungen die Güte der Offenbarung erkennen, dann ist Inspiration (vor allem beim Lesen) vollkommen überflüssig, oder ich kann die Qualität nicht erkennen, dann ist Inspiration ein schlechter Ersatz. Um Robert Green Ingersoll zu zitieren (Übersetzung von mir):

nun wird behauptet, dieses Buch [die Bibel, Anm. VD] sei inspiriert. Es kümmert mich kein bisschen, ob dies stimmt oder nicht, die Frage ist, ist dies wahr? Wenn es wahr ist, dann braucht es nicht inspiriert zu sein. Nichts braucht Inspiration, außer etwas Falsches oder ein Fehler.

Robert Green Ingersoll

Nichts  unterscheidet die Bibel von einer durchaus beeindruckenden menschlichen Fabrikation. Hinzu kommt, sobald man anfängt, die Ereignisse in der Bibel genauer nachzuprüfen, stellt man Unmengen an (Übersetzungs-)Fehlern und historischen Ungenauigkeiten und Falschheiten fest  _1_. Warum  sollte Gott es zulassen, dass seine Offenbarung durch derartige Dinge »verunreinigt« wird? Warum sollte Gott nicht Vorkehrungen dagegen treffen, dass »sein Buch« durch falsche Übersetzungen verstümmelt wird? Und wieso findet sich keine Anleitung in der Bibel, wie man diese zu lesen hat? Warum sollte ein Theologiestudium nötig sein, um einfache Gleichnisse, geschrieben für ungebildete Menschen von vor 2.000 Jahren, überhaupt verstehen zu können? Alle diese Ungereimtheiten, Mängel, Fehler und fehlenden Echtheitskennzeichen einer göttlichen Offenbarung lassen nur einen Schluss zu: Die Bibel wurde von Menschen fabriziert, die ihrem Werk dadurch einen höheren Status geben wollten, dass sie es als durch Gott geoffenbart deklarierten. Das ist ihnen so gut gelungen, dass heute noch Millionen von Menschen diesen Schwindel nicht durchschauen. Und das ist das eigentlich Beeindruckende an der Bibel und macht es zu einem Werk von Weltrang. Über die Offenbarung der Bibel gibt es später ein eigenes Kapitel.

Was man aus der Bibel herauslesen kann, ist die sich wandelnde Vorstellung der Menschen von Gott. Als ein Selbstzeugnis für Gott eignet es sich nicht, es sei denn, man glaubt zirkulär bereits an den dort »geoffenbarten« Gott und nimmt die Bibel als Bestätigung für das, was man vorher ohnehin schon geglaubt hat.

Richtig gelesen ist die Bibel eines der mächtigsten Argumente für den Atheismus, welches je ersonnen wurde.

Isaac Asimov

1. Beispiel: Beim Exodus aus Ägypten (ca. 1.200 vor Christus) werden Ortschaften genannt, die frühestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus existieren. Mose konnte von diesen Ortschaften nichts gewusst haben, ebenso hätte jeder seiner Zeitgenossen sich gefragt, wovon Mose da überhaupt spricht. Siehe auch [McKinsey 1995] oder →The Skeptic's Annotated Bible Zurück zu 1


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