Psychologie, Religion & Glauben

Essays zum Thema Religion allgemein

1. Liste der verfügbaren Essays

Hier finden Sie eine Liste von Essays zu bestimmten interessanten Themen, welche sich nicht in den laufenden Text einfügen, aber ebenfalls von Interesse sind. Einige der Themen ergeben sich aus Diskussionen oder aktuellen Anlässen, einige habe ich in ähnlicher Form in diversen Internet-Foren geposted, manches ist eine Zusammenfassung eines bislang erörterten Themas oder eine andere Perspektive.

Bislang sind folgende Essays verfügbar:

Liste der vorhandenen Essays
  1. Was ist eigentliche Glauben?
  2. Warum das Christentum eine falsche Religion ist
  3. Ockhams Rasiermesser
  4. Die persönliche Gotteserfahrung
  5. Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft
  6. Eine Sammlung unfertiger Ideen und Anmerkungen
  7. Unglaublich! Niemand glaubt an Gott!
  8. Wie man Unsinn entlarvt
  9. Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge
  10. Überzeugung und freier Wille
  11. Die Kunst der Täuschung
  12. Gastbeitrag: Die Illusion Willensfreiheit von Harry Krämer
  13. Der Glauben als Konflikt
  14. Erbsünde und stellvertretendes Opfer
  15. Die Uri-Geller-Show
  16. Was ist von der modernen Theologie zu halten?
  17. Einige persönliche Anmerkungen
  18. Ist das Fehlen eines Beweises ein Beweis für Fehlen?
  19. NEU! Nichts geschieht ohne Ursache
  20. NEU! Was ist Wissenschaftsaberglaube?
  • NEU! Fragen an Atheisten


  • Was ist eigentlich Glauben? Was ist der Unterschied zwischen Glauben und Wissen, und was für Konsequenzen ergeben sich daraus?

    Warum das Christentum eine falsche Religion ist Eine kurze Zusammenfassung meiner Position zum Christentum anhand verschiedener Artikel von Prof. Gerhard Streminger.

    Ockhams Rasiermesser Eine Begründung, warum das berühmte Rasiermesser für einen Religionskritiker unverzichtbar ist.

    Persönliche Gotteserfahrung Eine kurze Begründung dafür, warum man mit einer persönlichen Gotteserfahrung nicht die Existenz von Gott beweisen kann, auch wenn man die Erfahrung selbst nicht anzweifelt.

    Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft - was bedeutet das eigentlich? Einige Bemerkungen zu dem Thema "Grenzen der Vernunft", welches von Theologen so gerne benutzt wird, um dann ihre Theologie an die Frau oder den Mann zu bringen. Aber die Grenzen der Vernunft gelten auch für Theologen, dort sogar noch viel unbarmherziger ...

    Gedankensplitter Unsortierte Ideen zu verschiedenen Themen, die ich mal gesammelt habe. Die eine oder andere Idee wird dann später mal zu einem Artikel verarbeitet oder dort verwendet.

    Unglaublich! Kaum jemand glaubt an Gott! Artikel, der auf einer hochinteressanten Idee beruht (das darf ich sagen, weil die Idee nicht von mir stammt). Man kann nämlich nicht am Verhalten von Gläubigen erkennen, dass diese an Gott glauben - also kann man schließen, dass fast niemand wirklich an Gott glaubt.

    Wie man Unsinn enlarvt: Ein neuer Artikel zu der Frage, wie man Fehler in Argumenten und Begründungen entdeckt. Basiert auf dem Buch Der Drache in meiner Garage (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3426774747/psycholreligi-21) von Carl Sagan. Sie können die Argumente dort gerne gegen meine eigenen anwenden, sollten dann aber auch so ehrlich sein, dies gegen Ihre Argumente zuzulassen.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Papst in einem kugelsicheren Papamobil sich von der Menschenmenge bejubeln lässt. Offensichtlich vertraut der Papst Gott nicht, dass der ihn schützt, und außerdem scheint der Papst Angst davor zu haben, zu sterben und in den Himmel zu kommen ... auch Blitzableiter auf dem Vatikan sind ein Misstrauensvotum gegen Gott.

    Überzeugungen: In meinem Essay Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge (ein Aphorismus von Nietzsche) schließe ich von Beobachtungen aus meinen Diskussionen auf die Glaubwürdigkeit religiöser Überzeugungen.

    Überzeugung und freier Willen: Dies ist die Fortsetzung zu dem Argument des Unglaubens: Unglauben und freier Willen. Diesmal gehe ich auf das Argument des freien Willens nochmal genauer ein. Und in Überzeugung und freier Willen wird das Thema nochmals vertieft.

    Die Kunst der Täuschung: In einer Diskussion versuchen Theisten oft, einen mit Hilfe eines Gottesbeweises von der Existenz Gottes zu überzeugen. Sobald man jedoch Einwände erhebt und atheologische Argumente vorbringt, erfolgt plötzlich ein Schwenk auf die Behauptung, dass man Gott mit Logik nicht beweisen könne. Aber damit widerspricht sich der Theist selbst ...

    Die Illusion Willensfreiheit von Harry Krämer: Ein Gastbeitrag zum Thema "Freier Willen".

    Der Glauben als Konflikt: Warum der Glauben zu Konflikten führen muss, wenn man sich auf ihn beruft.

    Erbsünde und stellvertretendes Opfer: Über die Absurdität der Idee, dass ein "stellvertretendes Opfer" nötig ist, damit Gott uns von der Erbsünde befreit, die er selbst verursacht hat.

    Die Uri-Geller-Show: Eine genaue Analyse der Uri-Geller-Show auf RTL und eine Entlarvung der von Geller verwandten Tricks.

    Was ist von der modernen Theologie zu halten?: Warum ich mich auf meiner Website nicht mit der modernen Theologie ausführlicher beschäftige.

    Wofür ich stehe: Ein Essay darüber, für welche Art des Atheismus ich persönlich stehe.

    2. Was ist eigentliche Glauben?

    An verschiedenen Stellen hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Glauben im Alltag und dem religiösen Glauben. Worin besteht dieser Unterschied? Wir können die verschiedenen Arten des Glaubens an der Form und an dem Inhalt unterscheiden. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele:

    Glauben Sie an Ihre eigene Existenz? Vermutlich empfinden Sie diese Frage bereits als absurd. Sie wissen (sind sich sicher), dass Sie existieren. Folglich glauben Sie nicht daran, Sie wissen es. Es ist kein Glauben nötig.

    Glauben Sie an die Existenz Ihres Computers oder Ihres Schreibtisches? Das erscheint ebenfalls absurd zu sein. Sie wissen, dass diese Dinge existieren. Sie können sich, wenn Sie sich auf einen ultra-skeptischen Standpunkt stellen, daran zweifeln, aber im täglichen Leben gehen Sie davon aus. Und wenn Ihr Schreibtisch plötzlich verschwunden wäre, wäre Ihr erster Ausruf nicht "Meine Zweifel an der Existenz des Schreibtisches war also gerechtfertigt!" sondern "Wer hat den Tisch entfernt? Wo ist er geblieben?". Zweifel an der Existenz der Dinge, die wir sinnlich erfahren können, mag sich am Philosophenstammtisch ganz gut machen, im praktischen Leben selbst von Ultra-Skeptikern spielt das keine Rolle, wird meist auch als absurd empfunden. Wenn ein Ultra-Skeptiker sich sein Schienbein an einem Tisch stößt, wird er sich meistens nicht wundern, wieso diese Erfahrung so intensiv ist - denn "eigentlich" existiert der Tisch ja nicht. Es ist kein Glauben nötig.

    Glauben Sie daran, dass 1 + 1 = 2 ist? Auch nicht. Das wird ebenfalls so hingenommen und akzeptiert. Es ist kein Glauben nötig, um das zu akzeptieren.

    Glauben Sie daran, dass ein Gebilde zugleich ein Kreis und ein Quadrat sein kann? Nein. Das geht nicht, das ist so widersprüchlich, dass man daran im Normalfall ebenfalls nicht glauben kann. Bei der Ablehnung dieser Idee ist ebenfalls kein Glauben nötig.

    Glauben Sie daran, dass sich Ihr Telefon plötzlich in ein Auto verwandeln könnte? Nein. Auch hier muss man den Glauben nicht bemühen, um anzunehmen, dass das nicht möglich ist. Ein Telefon ist ein Telefon, ein Auto ist ein Auto. Alles andere wie in diesem Beispiel bezeichnen wir als Unsinn. Man kann es sich vorstellen, aber nicht daran glauben.

    Glauben Sie an die Schwerkraft? Vermutlich ebenfalls nicht. Auch hier spielt Glauben keine Rolle.

    Zusammenfassend könnte man sagen, dass wir weder an sinnlich erfahrbare Tatsachen noch an Logik glauben. Aber vorsicht, gerade Theologen bestreiten dies ganz gerne, weil sie nach einem Hebel suchen, um uns einzureden, wir würden an derlei Dinge eben doch glauben. Im alltäglichen Leben glauben wir nur an Dinge, die unsicher sind, von denen wir nichts Genaues wissen. Wir sprechen von einem rational gerechtfertigten Glauben, wenn wir zwar Grund zu der Annahme haben, etwas sei so, wie wir annehmen, aber mit einem gewissen (teils hohen) Unsicherheitsfaktor. Wir sind uns nicht sicher, wir wissen nicht, also glauben wir. Glauben im Alltag setzt immer eine bestimmte Unsicherheit voraus. Glauben bedeutet also vermuten, für wahr halten, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit annehmen, aber auch Vertrauen in eine Person oder einen Ablauf (kein Fußballer würde gegen einen Ball treten, wenn er Grund zu der Annahme hätte, dass sich dieser plötzlich in eine massive Eisenkugel verwandeln könnte). Wir reden von Wissen bei einem bestimmten Grad der Sicherheit, wir reden von Glauben sobald die Sicherheit unter einen bestimmten Grad sinkt und es auch anders sein könnte, als wir vermuten (= glauben).

    Wissen und GlaubenWissen bezeichnet normalerweise eine hinreichend gut gesicherte Erkenntnis, Glauben bezeichnet im Alltag dabei ein Wissen mit einem höheren Grad an Unsicherheit. Je sicherer wir etwas wissen, umso eher bezeichnen wir es als "Wissen", je unsicherer wir uns sind, umso eher bezeichnen wir es als "Glauben", wobei die Übergänge fließend sind und vom Kontext abhängen. Obwohl die Theologen etwas anderes meinen, wenn sie vom Glauben reden, wird beides gerne miteinander verwechselt, teilweise sogar in unredlicher Absicht, teilweise deswegen, weil der Glauben der Theologen tatsächlich vom Alltagsglauben abstammt und nicht wesentlich von diesem verschieden ist. Theologen betonen tatsächlich häufig die Ähnlichkeit von Alltagsglauben und metaphysischem Glauben wie auch seine Verschiedenheit, vor allem, was den Grad der Sicherheit angeht. Das ist das übliche Argumentationsmuster: metaphysischer Glauben ist wie Alltagsglauben, nur vollständig anders.

    Von dieser Art alltäglichen Glauben müssen wir also den metaphysischen Glauben der Theologen unterscheiden. Zum einen, weil diese Art zu Glauben nicht mit der alltäglichen Unsicherheit in Verbindung gebracht wird, sondern mit Gewissheit, also einem sehr hohen Grad an Sicherheit. Im Folgenden bezeichne ich diese Art zu glauben als m-Glauben (= metaphysischen Glauben), um ihn vom Alltags-Glauben abzugrenzen. Allerdings gilt auch hier, dass man an Tatsachen oder Logik nicht m-glauben kann, ebenso wenig kann man "eigentlich" an widersprüchliche Dinge (wie an einen quadratischen Kreis) m-glauben. Wissen und Tatsachen fallen als Ziel für den m-Glauben ebenfalls aus. Wenn jemand sagt: "Ich glaube an die Existenz von Jesus" und es würden ganz klare Beweise für die Existenz von Jesus auf den Tisch gelegt - Beweise, an denen man kaum zweifeln kann - dann würde der Glauben verschwinden und dieser jemand würde sagen "Ich weiß, dass Jesus gelebt hat".

    Wobei man sagen muss, dass es individuelle Unterschiede gibt, ab welchem Grad der Wahrscheinlichkeit wir von Wissen statt von (m-)Glauben reden. Hier spielt eine Rolle, wie gut wir eine neue Tatsache in den Rahmen unseres bisherigen Wissens integrieren können. Je schlechter wir dies können, umso mehr Sicherheit (= höhere Wahrscheinlichkeit) verlangen wir von der neuen Tatsache, je besser es geht, umso weniger wahrscheinlich braucht es zu sein. Stehen Tatsachen im Widerspruch zu bisherigem Wissen oder (m-)Glauben, so werden wir unsere Anforderungen an die Belege für diese Tatsachen hinaufschrauben, denn die Integration dieser Tatsache wird einen Umbau unseres bisherigen Wissensrahmens erfordern, was mit großem Aufwand verbunden ist. Der Aufwand lohnt sich nur dann, wenn die neue Tatsache mit großer Sicherheit verbunden wird und selbst dann werden sich viele Menschen noch scheuen, diesen aufwändigen Umbau vorzunehmen und die neue Tatsache lieber ignorieren. Denn auch vieles andere müsste sich mitändern, deswegen weisen Weltbilder eine gewisse Resistenz (Widerstand) gegen Veränderungen auf.

    Wenn wir weder an Tatsachen noch an Logik oder Widersprüche oder Unsinn glauben oder m-glauben können, was bleibt dann noch übrig? Für den Alltag die Dinge, deren wir uns nicht ganz sicher sind und Irrtümer. Man kann auch an Irrtümer glauben und auf falsche Informationen vertrauen. Angenommen, jemand erzählt uns, dass Spinat sehr viel Eisen enthalte  [1] und wir erklären ihm seinen Irrtum mit Veröffentlichungen aus renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften. Dann wird er vermutlich sagen: "Und ich habe die ganze Zeit an den Eisengehalt des Spinats geglaubt" - und nicht: "Ich habe doch die ganze Zeit gewusst, dass Spinat viel Eisen enthält!". Das würden wir zu Recht für Unsinn halten. Allenfalls kann man noch sagen, er habe geglaubt, zu wissen.

    Für den m-Glauben bleiben nur die Dinge übrig, die wir nicht wissen können. Das kann natürlich auch falsch sein (jede der Religionen bezichtigt auch jede der anderen Religionen des Irrtums, da nicht alle gleichzeitig recht haben können, ist damit bewiesen, dass da jemand in Irrtum glauben muss). Sollte man unbekannte Erkenntnisse in Wissen überführen können, dann hört damit der m-Glauben auf. Wir überführen unbekannte Informationen durch Erklärungen in Wissen über. Wir reden vom Wissen dann, wenn wir diese Erklärungen verstanden haben. Aus unbekannten Informationen wird also durch den Akt des Erklärens Wissen. Die unbekannten Informationen werden in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert. Dies geschieht dadurch, dass wir den vorhandenen Wissenskontext  [2] dazu benutzen, die bislang unbekannte Information auf Bekanntes zurückzuführen.

    Und da sind wir schon beim ersten großen Dilemma des m-Glaubens. Denn wenn wir etwas nicht wissen, so können wir aus diesem Nicht-Wissen auch keine Erklärungen beziehen, es kann auch nicht selbst erklärend sein. Es müsste also erklärt werden, in dem man es in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert, aber damit würde es selbst zu Wissen. Gelänge die Integration, so würde der m-Glauben verschwinden. Beim m-Glauben kann es sich also nur um Dinge handeln, die wir nicht wissen. Also handelt es sich auch hier um eine Form des Nicht-Wissens. Andererseits aber soll mit dem m-Glauben etwas (z. B. der Sinn der Welt, des Lebens oder die Entstehung des Universums) erklärt werden. Man kann aber Unbekanntes nur mit bereits bekannten Dingen erklären, also Dingen, von denen man bereits weiß. Dies nennen die Theologen ein Geheimnis, aber das Geheimnis besteht nur darin, dass es sich um einen logischen Zirkel handelt.

    Worin besteht der Zirkel? Man erklärt die Welt aus etwas heraus, was nicht zu unserem Wissen gehört (z. B. Gott), also eigentlich unerklärbar und undefinierbar ist. Damit hat man eine neue Perspektive auf diese Welt. Diese ist keine Erklärung, weil man mit Unerklärtem nichts erklären kann, sondern im Gegenteil, es handelt sich um eine Verklärung der Welt (Mystifizierung, Umwandlung in ein Geheimnis, eine Haltung, die man auch als Obskurantismus  [3] bezeichnet). Aus dieser neuen Perspektive erscheint es als völlig logisch, dass es z. B. Gott (oder worum es gerade auch immer geht) gibt. Jetzt können Sie auch verstehen, warum man als Nicht-Gläubiger den Glauben nicht verstehen kann, sondern erst dann, wenn man bereits glaubt, d. h. wesentliche Grundprämissen des Zirkels teilt, was geschehen muss, bevor man sie verstanden hat, denn aus einer naturalistischen Sicht sind die "Erklärungen" wertlos. Warum die "Erklärungen" wertlos sind, habe ich (etwas philosophisch-abstrakter) hier erklärt: Können Theologen die Welt erklären).

    Durch die Annahme der grundlegenden Erklärungen bekommt man einen Anteil am Geheimnis, man wird ein "Eingeweihter". In Wahrheit bedeutet das, dass man sich in einem Zirkel aus tautologischen Erklärungen bewegt. Die Zirkel sind aber meist zu kompliziert, um als Zirkel durchschaut zu werden. Die "Erklärungen" (eigentlich: Verklärungen) sind aufgrund des zirkulären Charakters inhaltlich aber leer, was immer dann deutlich wird, wenn man einen Zirkelgläubigen dazu nötigt, seine Begriffe zu erklären. Was dann noch zu einem Verständnis fehlt, wird wiederum als "Geheimnis" deklariert, welches nur Eingeweihten (= Gläubigen) zugänglich ist. Ein solches System kann auch nie ernsthaft mit irgendwelchen Tatsachen kollidieren, dagegen ist es immun. Es kollidiert erst dann mit den Tatsachen, wenn versucht wird, auf dieser Basis in die reale Welt einzugreifen, denn das kann nicht funktionieren (außer über die Köpfe anderer Menschen).

    Auf diese Art und Weise lässt sich jedes Denksystem gegen Widerlegung abschotten, aber je besser die Abschottung ist, umso inhaltsleerer wird das System. Ein vollkommen abgeschottetes Denksystem ist auch vollkommen leer, deswegen sind die bisherigen Systeme in dieser Hinsicht auch nicht "vollkommen", was uns einen Hebel gibt, wo wir unsere Kritik ansetzen können. Die Kritik treibt dann die Kritisierten dazu, ihr System immer weiter leer zu definieren. Aus der Lehre wird eine große Leere. Allerdings ist das eine Sisyphosarbeit - um Albert Camus zu zitieren: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (zitiert von der sehr empfehlenswerten Homepage von Dr. Schmidt-Salomon (→ http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/homepage.htm). Man kann so aus jedem Unsinn, jeder Lehre eine große Leere machen: nicht mehr kritisierbar, aber ohne Inhalt. Wer Inhalte hat, hat auch keine Angst vor Kritik. Wer keine hat, muss die Kritik meiden, weil er verbergen muss, keine Inhalte zu haben.

    Was die Wissenschaften auszeichnet, ist der schlichte Umstand, dass man dort leere Definitionen und leere Erklärungen und derartige Zirkel vermeidet.

    Konfusius, er zitiert: "Ein Glauben ist nicht wahr, weil er nützlich ist." (Henri Frederic Amiel)

    3. Warum das Christentum eine falsche Religion ist

    Der folgende Text ist eine kurze Zusammenfassung von:

    Christlicher Glaube und kritische Vernunft (→ http://www.gkpn.de/singer6.htm) von Prof. Gerhard Streminger Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt. Ein Überblick über das Theodizeeproblem (→ http://members.aon.at/gstremin/theodizee.html) von Prof. Gerhard Streminger Die Leiden an der Güte Gottes - Gedanken zu: A. Kreiner, Die Leiden der Welt und das Theodizee-Problem (→ http://www.gkpn.de/strem5.htm) von Prof. Gerhard Streminger

    An den christlichen Gott, so wird gesagt, kann man nur glauben, denn alle Versuche, seine Existenz zu beweisen, sind gescheitert. Der Verstand, so wird behauptet, kann einem da nicht weiterhelfen. Das hat dazu geführt, die Vernunft im Christentum abzuwerten zugunsten des Glaubens - denn nur über den Glauben kann man zu Wahrheiten finden, die sich nicht beweisen lassen und für die es keine Evidenzen gibt.

    Vernunft sei hier definiert als das sachliche Abwägen von Evidenzen, die für und wider eine Behauptung sprechen. Wenn mehr Evidenzen für als gegen eine Aussage sprechen, kann man diese annehmen, sonst muss man sie verwerfen. Als Methode des Abwägens kann man die formale Logik nehmen, die dialektische Logik, transzendentale Logik oder sog. parakonsistente Logiken. Auch bei der Wahl der Methode selbst muss man abwägen.

    Wenn man die Gesamtheit aller Glaubensaussagen nimmt, so ist diese Menge (nahezu) unendlich groß. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Glaubensaussage wahr ist, eins zu unendlich ist, also praktisch null. Aus diesem Grund kann man nur die Vernunft nehmen und muss auch die Glaubensaussagen vernünftig gegeneinander abwägen - daraus folgt als eine zwingende Konsequenz ein Primat der Vernunft gegenüber dem Glauben. Aus diesem Dilemma - das Vernunft die Voraussetzung des Glaubens sein muss - kommt man durch den Glauben alleine nicht heraus. Glauben kann sich nicht selbst begründen.

    Wägen wir also das Für und Wider eines Glaubens an den (monotheistischen) christlichen Gott ab. Für den Glauben an Gott sprechen keine Evidenzen, aber sehr wohl gegen den Glauben an einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott. Denn die Übel dieser Welt sind eindeutige Argumente gegen einen allgütigen Gott, wenn dieser zugleich als allmächtig und allwissend gedacht wird. Ohne Lösung des Theodizeeproblems gibt es also berechtigte Gründe, die Annahme der Existenz des christlichen Gottes zu verwerfen. Dies hat Streminger in seinem Artikel Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt (→ http://members.aon.at/gstremin/theodizee.html) ausreichend dargelegt, mehr noch in seinem Buch: Streminger, Gerhard: 1992, Gottes Güte und die Übel der Welt, Das Theodizeeproblem (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3161458893/psycholreligi-21), Mohr Siebeck, Tübingen.

    Da also das Theodizeeproblem ungelöst ist, bleibt gegenüber diesem Gott nur die Position des Atheismus übrig. Ein Gott, der allmächtig und allgütig ist, ist angesichts des Leids in der Welt undenkbar. Da es zudem unmöglich ist, an etwas zu glauben, was in sich widersprüchlich ist, ist dieser Gott folglich nicht glaubbar.

    Wenn es den christlichen Gott nicht gibt, ist auch das Christentum selbst schlicht falsch. Hinzu kommt, dass die in der Bibel aufgeführten Evidenzen sehr, sehr schwach sind. Wir wissen inzwischen, dass die Erschaffung der Welt in der Bibel ein Mythos ist, eine Legende. Auch die Schöpfung des Menschen hat sich nicht wie in der Bibel geschrieben zugetragen. Der Mensch ist im Verlaufe eines ca. vier Millionen Jahren andauernden Prozesses aus tierischen Vorfahren hervorgegangen. Damit entfällt auch der Sündenfall in der Bibel als Begründung gegen das Theodizeeproblems, weil es das Leid in der Welt schon gab, bevor der Mensch auf der kosmischen Bühne erschien. Und aus einer offensichtlich erfundenen Geschichte kann man keine Begründungen beziehen. Auch viele der weiteren Geschichten im AT sind Legenden (siehe dazu die archäologischen Fakten in Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: 2002, Keine Posaunen vor Jericho (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3406493211/psycholreligi-21), C. H. Beck, München), gegen die die Evidenzen sprechen, obwohl einzelne Fakten in der Bibel durchaus geschichtlich korrekt sind.

    Die Güte Gottes wurde aber insbesonders im NT eingeführt von Jesus. Da dieser Gott, auf den sich Jesus bezieht, nicht existieren kann, ist das Zeugnis Jesus insgesamt unglaubwürdig, soweit es Gott betrifft. Auch das NT selbst beruht nicht auf nachprüfbaren Fakten, teilweise sprechen die Fakten sogar gegen die dort niedergeschriebenen Geschichten, die, wie wir wissen, sich nicht aus dem Glauben selbst belegen können.

    Bleibt noch die allgemein angeführte persönliche Gotteserfahrung, die von einigen wenigen Gläubigen angeführt wird. Nehmen wir mal einen Moment an, wir selbst hätten eine solche Erfahrung: Ein gütiges, mächtiges und wissendes Wesen würde uns erscheinen und beweisen, dass es über zukünftige Ereignisse zuverlässig Bescheid weiß. Können wir aus diesem Erlebnis auf die Richtigkeit des monotheistischen Gottesglaubens schließen? Offenkundig nicht, denn dazu müssten wir wissen, dass dieses Wesen das Einzige seiner Art wäre. Um diese Behauptung aufstellen zu können, müssten wir das gesamte Universum zu allen Zeiten und alle jenseitigen (transzendenten) Sphären außerhalb unseres Universums überblicken können, was sowohl praktisch als auch logisch unmöglich ist und auch noch von keinem Menschen behauptet wurde. Und auch nur bei einem Gesamtüberblick wüssten wir, ob dieses Wesen wirklich allgütig und allmächtig wäre.

    Da außerdem sich die Gotteserfahrungen der verschiedenen Menschen zum Teil dramatisch unterscheiden, können wir auch nicht darauf schließen, dass allen dasselbe Wesen erschienen ist - im Gegenteil, diese unterschiedlichen Erfahrungen sprechen recht eindeutig (wenn wir sie als Fakt hinnehmen) für einen Polytheismus. Ironisch ausgedrückt kann nämlich jeder dahergelaufene Gott uns gegenüber behaupten, er sei der einzige existierende Gott - ohne einen absoluten Gesamtüberblick ist diese Behauptung aber ohne jede Evidenz, muss also nach Abwägung aller Erlebnisse zurückgewiesen werden. Hinzu kommt, dass die erstaunliche Übereinstimmung einer jeden geschilderten Gottesbegegnung mit dem kulturell verankerten Gottesbild in allzu großem Maße übereinstimmt, also auch allein auf kulturelle Einflüsse zurückgeführt werden kann - wäre dies anders, dann müssten auch den Hinduisten Jesus erscheinen. Auch dies spricht also eindeutig gegen den Monotheismus.

    Und wenn man behauptet, dämonische Kräfte könnten als falsche Götter erscheinen, um die Menschen zu verwirren, dann entzieht eine persönliche Gotteserfahrung dem Glauben an einen bestimmten Gott endgültig den Boden, denn dann kann man selbst auch nicht sagen, dass der einem selbst erschienene Gott der einzig wahre Gott ist, denn dies behaupten alle Anderen auch. Wobei den Hinduisten ja mehrere Götter erscheinen, dies ist auch viel plausibler, wenn man die Vielfalt der Göttererscheinungen betrachtet - in einem Polytheismus gibt es nämlich das Theodizeeproblem nicht. Es gibt auch keinen Grund, anzunehmen, ein einziger Gott würde in vielen verschiedenen Gestalten auftreten, aber trotzdem gleichzeitig fordern, nur an einen einzigen Gott zu glauben. Hier würde sich Gott selbst widersprechen, und man kann unmöglich an widersprüchliche Dinge glauben.

    Aus diesen Gründen (und vielen anderen) ist also das Christentum eine falsche Religion.

    Um zu zeigen, dass meine Begründung falsch ist, müsste man eine allgemein akzeptable und vernünftige Lösung des Theodizeeproblems finden. Ohne diese Lösung ist es vernünftiger, das glaubensunmögliche Christentum zu verwerfen, mit allen Konsequenzen. Übrigens gälte für den Islam dasselbe, dieser zählt aus denselben Gründen auch zu den falschen Religionen. Und Streminger muss man darin zustimmen, dass dann nur psychologische Gründe für die Erklärung des Glaubens übrig bleiben. Die Theologie wäre demnach auf Biologie, Psychologie, Anthropologie und Soziologie zu reduzieren, ihre Ansprüche zurückzuweisen.

    Konfusius, er zitiert: "Wir sollen glauben, weil unsere Urväter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit unwissender als wir, sie haben an Dinge geglaubt, die wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglichkeit regt sich, dass auch die religiösen Lehren von solcher Art sein könnten." (Sigmund Freud)

    4. Ockhams Rasiermesser

    Ockhams RasiermesserOckham, Wilhelm von (um 1285 bis ca. 1349), in Ockham (Surrey) geborener englischer Philosoph, theologischer Schriftsteller und Franziskaner. Das Wilhelm von Ockham zugeschriebene Ökonomieprinzip der formalen Logik, demzufolge einfache Denkmodelle den komplizierten vorzuziehen seien, wird Ockhams Rasiermesser genannt. Allerdings geht seine bekannte Formel entia non sunt multiplicanda sine necessitate (die Seienden sollen nicht ohne Notwendigkeit vervielfacht werden) nicht auf Ockham zurück.

    Indirekt und direkt sind Sie Ockhams Rasiermesser auf diesen Seiten bereits mehrfach begegnet. Unter Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume habe ich Ihnen eine statistische Interpretation nahe gebracht: Je mehr unbewiesene Annahmen man in einer Theorie oder Philosophie oder Religion man hat, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gedankengebäude wahr ist. Das ist aber nicht der einzige Grund für die Anwendung des Rasiermessers.

    Ein weiterer Grund liegt darin, wie wir Erklärungen aufbauen. Dies ist in Können Theologen die Welt erklären? genauer beschrieben, aus Gründen der Vollständigkeit wiederhole ich es hier aber.

    Erklären bedeutet, neue Informationen in ein vorhandenes Rahmenwerk aus Wissen so zu integrieren, so dass die neue Information selbst zu Wissen wird. Wobei man noch hinzufügen muss, dass jedem Erklären notwendig ein Erkennen voraus geht. Erkennen setzt Informationen voraus, Wissen und Informationen sind nicht dasselbe!

    Das bedeutet: Neues Wissen kann nur durch bereits vorhandenes Wissen erklärt und verstanden werden. Es muss "immer schon" Wissen vorhanden sein, um überhaupt etwas Wissen zu können. Dieses Vorwissen bezeichnete Kant als die A Priori des Wissens (= Wissen vor aller Erfahrung), dieses Wissen ist für das Individuum transzendent, daher Transzendentalphilosophie (das hat überhaupt nichts mit dem religiösen Begriff der Transzendenz zu tun, im Gegenteil, Kant war der Meinung, jede Metaphysik und jede Transzendenz vernichtet zu haben). Damit konnte Kant die Auffassung der Empiristen widerlegen, für die jedes Individuum als eine "leere Tafel" geboren wird, die dann allmählich mit Erfahrung beschrieben wird. Um einen bekannten Satz zu paraphrasieren (der erste Teil stammt von den Empiristen, der zweite ist die Entgegnung der Rationalisten):

    "Es ist nichts in Deinem Verstand, was nicht durch Deine irrenden Sinne hineingekommen ist - außer Deinem Verstand selbst"

    Erst Darwin, Campbell und Lorenz konnten zeigen, dass die A Priori des Individuums von Kant die A Posteriori (= nach der Erfahrung) der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Art sind, was Lorenz als den "angeborenen Lehrmeister" bezeichnet - die Quelle des ursprünglichen Wissens, welches notwendig ist, um die Welt überhaupt verstehen zu können. Führt hier zu weit, wer mehr darüber wissen möchte, dem sei folgendes exzellente Werk empfohlen:

    Riedl, Rupert: 2000, Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/354066873X/psycholreligi-21), Springer Verlag, Berlin.

    Wie unterscheidet sich nun das theologische Erklären von dem wissenschaftlichen Erklären (welches ich kurz oben angerissen habe)?

    Nun müsste einer Theorie des theologischen Erklärens zunächst eine Theorie des Erkennens vorausgehen. Ohne Erkennen kein Erklären. Und damit handelt sich der Theologe folgende Fragen ein:

    Soweit ich weiß, gibt es von Seiten der Theologen auf keine einzige dieser Fragen eine auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Das hat einen spezifischen Grund: Theologen beschäftigen sich mit Erkenntnis jenseits der natürlichen Grenzen des Universums. Und sie beschäftigen sich mit dem, was wir prinzipiell nicht wissen können (jedenfalls nicht im "herkömmlichen" Sinn).

    Zunächst aber zur interessanten Randfrage: Warum gibt es keine theologische Erkenntnistheorie? Doch, die gibt es. Die bisherigen Theorien haben aber einen entscheidenden Nachteil: Versucht man die obigen Fragen zu beantworten, dann landet man entweder im Subjektivismus (Kierkegaard), und Subjektivismus in Konsequenz landet stets im Solipsismus, oder aber man landet im Agnostizismus , d. h. in der Erkenntnis, dass man nichts wissen kann und dass man über dass, worüber man nichts wissen kann, auch nicht reden kann. Um diese unangenehmen Folgeerscheinungen zu vermeiden lassen Theologen die obigen Fragen gerne so weit es irgend geht offen. Nur die Frage nach der Sicherheit (Geltung) wird gerne beantwortet: Es handelt sich natürlich um die höchste Stufe - Gewissheit. An der Begründung wird dann aber schon wieder gespart ...

    Anders gesagt: Was uns die Theologen "eigentlich" erklären, ist eine offene Frage. Solange die Theologen also nicht erklären können, was Erklären in ihrem Sinne eigentlich ist, sind ihre Erklärungen entweder naturalistisch (dann können wir sie verstehen) oder supernaturalistisch (dann kann kein Mensch, inklusive der Theologen selbst) sie verstehen - siehe auch Können die Theologen die Welt erklären? wo ich diese Ideen noch einmal etwas anders beschrieben habe. Die bloße Behauptung, man habe eine Sonderform des "höheren Erklärens", taugt zu nichts.

    Ockhams Rasiermesser besteht also in der Warnung, nicht zu versuchen, Unbekanntes oder Bekanntes mit Unbekanntem zu "erklären". Es ist die Warnung vor einer Denkfalle. Denn wenn man es versucht, landet man irgendwann unweigerlich in zirkulärem Pseudo-Erklären und Pseudo-Verstehen. Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie darin, dass versucht wird, diese Falle unbedingt zu vermeiden. Denn zirkuläre Logik erzeugt stets beliebige und tautologische "Erklärungen". Solange die Theologen nicht zeigen können, dass ihre "Erklärungen" nicht zirkulär sind, ist ihr Anspruch auf eine Sonderform des Erklärens pauschal zu verwerfen.

    Wir haben also folgende Gründe, Ockhams Rasiermesser zu akzeptieren:

    Besonders der letzte Punkt sollte noch mit einem Beispiel erläutert werden. Angenommen, ich behaupte, Sie schulden mir 1.000 Euro. Sie bestreiten das. Jetzt steht also Behauptung gegen Behauptung, bedeutet dies, dass unsere Gegensätze ausgeglichen sind? Nein. Denn der Normalfall ist, dass kein Mensch einem beliebigen anderen Menschen Geld schuldet. Dieser Grundsatz ist unbestritten. Nun mache ich eine Behauptung mehr als unbestritten ist. Ich kann jetzt nicht hingehen und sagen: "Und jetzt beweisen Sie mir mal, dass Sie mir keine 1.000 Euro schulden!", denn ich habe eine Behauptung mehr aufgestellt, als unbestritten ist - und da ich der Urheber der "überschüssigen" Behauptung bin, bin ich auch derjenige, der die Behauptung beweisen muss. D. h. Sie schulden mir nur genau dann 1.000 Euro, wenn ich einen Beweis für meine Behauptung aufbringen kann.

    In einer Diskussion gilt dasselbe Prinzip: Derjenige, der eine Behauptung aufstellt, die bestritten wird, ist auch dafür beweispflichtig. Deswegen gilt auch für jede sinnvolle Diskussion, dass man sich erstmal auf einen Satz unbestrittener Behauptungen einigt, und dass dann derjenige Beweise liefert, der mehr behauptet, als unstrittig ist.

    Das hat für Theologen die unangenehme Konsequenz, dass sie immer im Nachteil sind, denn da sie die Existenz von Gott annehmen und in ihre "Erklärungen" einbauen, haben sie immer schon von Anfang an mindestens eine Behauptung mehr als unstrittig ist - zudem noch eine Behauptung, für die sie keinen Beweis haben, nämlich die Behauptung, Gott existiert. Nach Ockhams Rasiermesser ist das die unnötige Vermehrung von Entitäten, nach der Statistik eine unbewiesene Behauptung, die die Gesamtwahrscheinlichkeit des Aussagensystems senkt, und eben eine "überschüssige" Behauptung, deren Nutzen nicht einzusehen ist, denn speziell die Wissenschaft kann die Welt erklären, ohne Gott als Hilfskonstruktion verwenden zu müssen. Deswegen, wenn man zwei Theorien hat, die in ihrem Erklärungswert gleich gut sind, sollte man sich stets für diejenige entscheiden, die am wenigsten Unerklärbares und Unbewiesenes enthält. Die Wissenschaft hat mit diesem Prinzip sehr gute Erfahrungen gemacht, denn es führt zu den Modellen, die einfach sind (nicht unnötig kompliziert).

    Selbstverständlich kann man die Planetenbewegung auch durch unsichtbare Geister "erklären", die die Planeten vor sich herschieben. Es lassen sich sogar Millionen von äquivalenten Theorien ausdenken. Besser ist es, dass man derartige unbewiesene Sperenzchen weglässt, es vereinfacht die Erklärungen und vermehrt die Möglichkeit des Verstehens.

    Es bedeutet aber auch, dass Atheismus die Vor- oder Grundeinstellung ist. Es gibt keine Evidenzen für Gott, also gibt es auch keinen Grund, an Gott zu glauben. An die Existenz von Zeus glaubt auch kaum ein Mensch mehr aus demselben Grund: keine Beweise. Das sollte als Grund bereits vollkommen ausreichend sein. Schon Ockham zuliebe.

    Es gibt noch einen weiteren Grund für Ockhams Rasiermesser: Bayes Theorem. Ich möchte aber an dieser Stelle meine Ausführungen dazu nicht wiederholen, nur soviel, je unwahrscheinlicher etwas ist, und je weiter es von unserer Erfahrung ist, umso besser müssten die Beweise sein, um die Behauptung zu akzeptieren. Vermehrt man die Hypothesen unnötig, dann führt man zu leicht unakzeptable Elemente in seine Theorie (oder Weltbild) ein.

    Konfusius, er zitiert: "W. V. O. Quine war einer der unbarmherzigsten Anwender dieses Prinzips [Ockhams Rasiermesser]. Ich erinnere mich an eine Festschrift (um 1980), in der jemand gegenüber Quine den Satz von Shakespeare zitierte 'Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Philosophie erträumt'. Quine sagte etwas wie 'Möglich, aber mein Anliegen ist es, in meiner Philosophie nicht mehr Dinge zu haben, als es zwischen Himmel und Erde gibt'." (David Lyndes, Übersetzung von mir)

    5. Die persönliche Gotteserfahrung

    Vorbemerkung: Beweisen benutze ich nicht in einem strengen naturwissenschaftlichen Sinn, wie mir oft vorgehalten wird. Würde ich den Begriff des naturwissenschaftlichen Beweises benutzen, sind fast alle religiösen Aussagen sofort und trivial als "sinnfrei" zu klassifizieren. Dann können wir über weltanschauliche Fragen nicht mehr debattieren. Deswegen benutze ich die Begriffe Beweis und Evidenz so, wie sie vom Common Sense (= gesunder Menschenverstand) vorgegeben werden, auf dem die Wissenschaft aufbaut, aber den sie überschreitet. "Etwas beweisen" bedeutet für mich, Evidenzen für und wider etwas anzugeben und zu zeigen, dass die Evidenzen dafür überwiegen und die aufgestellte Behauptung daher vernunftgemäß gerechtfertigt ist. Dem liegt die Zurückweisung von Ultra-Skeptizismus und Erkenntnis-Nihilismus zugrunde (nach der Art 'wir können nichts erkennen'). Eine "Evidenz" ist u. a. auch ein logischer Beweis, um das noch einmal zu bemerken.

    Kann man die Existenz Gottes beweisen? Hans Küng kommt [2001] in seinem Buch "Existiert Gott?" zu dem Schluss, dass das wohl nicht möglich sei. Dabei geht es übrigens nicht nur um wissenschaftliche, sondern auch um philosophisch-logische Beweise. Man kann also sagen, dass man im Nachdenken keinen Gott finden wird, weder in der Rationalität noch in der Empirie.

    In dem Buch Christ sein ([1974] schreibt Küng:

    "Dass Gott ist, kann aber weder stringent aufgrund eines Beweises oder Aufweises der reinen Vernunft, noch unbedingt aufgrund eines moralischen Postulats der praktischen Vernunft, noch immer allein aufgrund des biblischen Zeugnisses angenommen werden."

    Küng kommt (wie viele andere Christen) zu dem Schluss, dass nur darauf vertraut werden kann, dass Gott existiert. Aber für dieses vertrauen braucht man einen Grund. Es macht keinen Sinn, auf etwas grundlos zu vertrauen.

    Viele Christen glauben nun, in einer persönlichen Gotteserfahrung diesen Grund gefunden zu haben. Sind diese persönlichen Erfahrungen ein ausreichender Ersatz für die fehlenden Evidenzen? Evidenzen sind laut Common Sense Dinge, über deren Existenz man sich mit einigen kann oder Argumente, die allgemein als gültig anerkannt werden, persönliche Erfahrungen zählen also dann und nur dann zu den Evidenzen, wenn sie mehrheitlich geteilt werden und es gute Gründe dafür gibt, dass sie nicht auf Halluzinationen oder Sinnestäuschungen etc. beruhen, d. h. sie müssen skeptischer Prüfung standhalten.

    Zunächst einmal bezweifle ich nicht, dass es persönliche Gotteserfahrung gibt (steht mir auch nicht zu), vor allem deswegen nicht, weil ich diese Erfahrung selber sehr gut kenne. Trotzdem ist das für mich kein Ersatz für eine Evidenz bzw. handelt es sich nicht um eine Evidenz. Warum?

    Handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um eine Erfahrung, die sinnlicher Wahrnehmung entspricht? Angenommen, das wäre so. In einer Analogie könnte ein Freund von uns behaupten, er hätte im Wald Wölfe gesehen. Würden wir ihm glauben? Ja, wenn wir wüssten, dass sein Augenlicht gut genug ist (was wir anhand täglichen Umgangs mit ihm bemerken würden, wenn er beispielsweise ständig gegen Möbel läuft und über Stühle stolpert, würden wir seine Sehkraft anzweifeln und auch sein Erlebnis). Außerdem müssten wir wissen, ob er Hunde von Wölfen zuverlässig unterscheiden kann. Wenn wir aber wüssten, er ist fast völlig blind, dann würden wir seine Behauptung zurückweisen.

    Woher also sollte ich wissen oder erkennen können, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hatte oder einer Sinnestäuschung unterlag? Ich habe nichts, womit ich das vergleichen kann. Ich kann nicht feststellen, inwieweit ein Erkennungsvermögen eines Gottes verlässlich ist oder nicht. Ich kann nicht unterscheiden, ob da wirklich etwas ist oder nur eine Einbildung. Ohne die Möglichkeit der Unterscheidung ist es für mich gleich (das für mich ist sehr wichtig!).

    Angenommen aber, die persönliche Gotteserfahrung wäre nicht wie normale Wahrnehmung sondern wäre ein spezieller religiöser Sinn. Dann wären die Probleme noch schwerer zu überwinden. Denn Wahrnehmungen kennen wir und normalerweise halten wir sie (außer unter speziellen Umständen) für verlässlich. Womit soll ich feststellen können, ob jemand einen religiösen Sinn hat oder nicht? Wenn jemand sagt, daran, dass man Gott erkennt, so landen wir in einem logischen Zirkel. Man erkennt an der persönlichen Gotteserfahrung das Gott existiert, und das die persönliche Gotteserfahrung sich auf Gott bezieht, erkennt man daran, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hat. Dieser logische Zirkel ist tautologisch (d. h. Gott ist Gott und eine persönliche Gotteserfahrung ist eine persönliche Gotteserfahrung - mehr besagt das nicht, beide Sätze sind wahr, aber inhaltsleer).

    Ich kann also, was eine Gotteserfahrung angeht, nur Agnostiker sein, d. h. sie zählt für mich weder zu den Evidenzen noch zu einem Ersatz dafür.

    Ich will mal ein Beispiel geben:
    A: Gespenster existieren!
    B: Glaube ich nicht - ich kann keine sehen.
    A: Das liegt daran, dass Du nicht sensibel genug bist, um Gespenster sehen zu können. Wärst Du sensibel genug, dann könntest Du sie auch sehen.


    Für "Gespenster" könnte man auch unsichtbare Drachen oder unsichtbare rosa Einhörner o. ö. einsetzen. Der Inhalt ist beliebig, er kann auch leer sein, ist von leerem Inhalt nicht zu unterscheiden und daher für uns leer, sowohl vom Sinn her als auch kognitiv (= vom Wahrnehmen und Erkennen her).

    Noch abenteuerlicher wird es, wenn man behauptet, eine persönliche Gotteserfahrung spräche für einen monotheistischen Gott. Um behaupten zu können, es gäbe nur einen Gott, müsste man alle Universen zu allen Zeiten und alle übernatürlichen Sphären zu allen Zeiten überblicken können und auch genau wissen, dass man wirklich alles gesehen hat - man müsste selbst allwissend sein. Tatsächlich sprechen die vielen unterschiedlichen persönlichen Gotteserfahrungen der Christen, Muslims, Juden, Hindus, Shintoisten usw. usf. ganz eindeutig für einen Polytheismus (= Vielgottglauben). Jeder Gott könnte natürlich behaupten, er sei der Einzige. Vermutlich wäre der Teufel selbst in der Lage, uns als Gott zu erscheinen und uns zu täuschen - wie wollen wir das unterscheiden? Wenn man sagt, am Inhalt, dann verstrickt man sich sofort in Euthyphrons Dilemma.

    Tatsächlich handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um ein vollkommen natürliches Phänomen. Aber dies ist ein Thema für den zweiten Teil meiner Website.

    Konfusius, er zitiert: "Die Tatsache, dass Menschen religiöse Erfahrungen haben, ist von einem psychologischen Standpunkt aus interessant, aber es impliziert in keiner Weise, dass es so etwas wie religiöses Wissen gibt ... außer jemand kann sein 'Wissen' so formulieren, dass es empirisch verifizierbar ist, sonst können wir sicher sein, dass er sich selbst täuscht." (A. J. Ayer in "Language, Truth and Logic")

    6. Unglaublich! Niemand glaubt an Gott!

    Gläubige erzählen einem permanent davon, wie sehr der Glauben ihr Leben verändert hat. Und dass dies für die Wahrheit des Glaubens spricht, was natürlich kein sinnvolles Argument ist. Der Nationalsozialismus hat auch das Leben vieler (einiger weniger sogar positiv) verändert, dies hat aber mit seinem Wahrheitsgehalt nicht das Geringste zu tun. Das Leben eines Buddhisten wird von seinem Glauben auch beeinflusst, auch das eines Hinduisten oder eines Jainisten - aber die meisten Buddhisten sind, was Gott angeht, Agnostiker, die Hinduisten Polytheisten und die Jainisten Atheisten.

    Aber nehmen wir mal an, dass Leben eines Gläubigen würde durch den Glauben wirklich erheblich verändert. Was könnten wir dann aus dem Glauben der meisten Gläubigen lernen? Nur dieses Eine  [4]:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Nicht wirklich. Der durchschnittliche Christ verhält sich in seinem Leben wie der durchschnittliche Atheist. Das Gefängnis z. B. beherbergt überwiegend Christen (Atheisten sind dort deutlich unterrepräsentiert (→ http://www.positiveatheism.org/writ/apocalypzo.htm#PRISON)  [5]). Der durchschnittliche Mörder, Totschläger, Räuber, Päderast  [6] und Vergewaltiger glaubt an die Existenz Gottes und an die Hölle. Hat ihn das von seinen Taten abgehalten? Offensichtlich nicht.

    Es gibt eine ganze Menge Menschen, die vorgeben, sie glaubten an Gott, aber einen wirklichen Glauben an Gott wird man kaum finden. Intuitiv sind wir alle Ungläubige. Die bloße Tatsache, dass jemand sagt "Ich glaube an Gott" sollte uns schon mißtrauisch machen. Niemand fragt "Glaubst Du an die Schwerkraft?" oder "Glaubst Du, dass es eine schlechte Idee ist, auf den Schienen stehen zu bleiben, wenn sich ein Zug nähert?". Bei Gott wird aber stets gefragt, ob man daran glaube.

    Niemand nimmt wirklich an, dass Gott einem bei schwierigen Problemen beisteht. Dann könnte man nämlich die Hände in den Schoß legen oder vom Hochaus hüpfen und abwarten, was passiert. Aber wir halten Leute für verrückt, die das tun. Es gibt eine endlose Menge an Rationalisierungen dazu - man solle Gott nicht versuchen oder ihn testen und es gäbe freien Willen. Aber das ist Unsinn - wenn man Gott versuchen könnte, dann würde man es tun. In Wahrheit glaubt niemand wirklich an Gott.

    Menschen glauben an die Schwerkraft. Niemand erzählt einem einen offenkundigen Unsinn wie "Man soll Einstein oder Newton nicht versuchen". Wenn man seinen Kugelschreiber fallen lässt, fällt er zu Boden, und niemand würde dagegen wetten. Niemand würde allerdings auch behaupten, dass man sein Leben ändern kann, wenn man seinen Glauben an die Schwerkraft ändert. Dabei beeinflusst die Schwerkraft unser aller Leben gewaltig. Und jeder verhält sich so, als ob es die Schwerkraft tatsächlich gäbe  [7]. Aber verhält sich der durchschnittliche Gläubige so, als ob er an Gott glaubt? Nein. Das hat einen ganz simplen Grund:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Kaum jemand verhält sich so, also ob ihm bei jeder Gelegenheit ein übermächtiges Wesen über die Schultern schauen würde. Der Geschäftsmann nicht, der seinen Kunden übers Ohr haut, der Mann nicht, der seine Frau betrügt, der gläubige Christ nicht, wenn er sich Pornovideos ausleiht. Trotzdem wird behauptet, dass der Glauben die Menschen zu guten Taten bringt.

    Nehmen wir an, wir finden einen Menschen, der gerade Gutes tut und Sandsäcke schleppt, weil eine Flut kommt oder einen Arzt, der in Afrika ohne Lohn kleine Kinder betreut und von Krankheiten heilt. Nehmen wir an, ich könnte ihn davon überzeugen, dass es keinen Gott und keine Hölle gäbe. Würde er dann sein bisheriges Leben aufgeben und sich dem Leben in Hedonismus und Egoismus hingeben? Würde er sagen: "Oh, endlich kann ich diesen Mist aufgeben, den ich nur getan habe, weil ich eine Scheißangst vor der Hölle habe". Nein. Das würde er nicht sagen. Die Welt ist voller Menschen, die Gutes tun, weil es gut ist und die mehr Gründe auch nicht benötigen. Und die, die besonders laut und viel von Gott reden sind meist auch nur mit dem Mund besonders gottesfürchtig.

    Man halte einem Mann eine Schrotflinte an den Kopf. Es wäre sehr, sehr schwer, in von seinem Glauben abzubringen, dass die Schrotladung ihn töten würde und ihn dazu zu bringen, zu glauben, dass Gott das Blei aufhalten würde. Die Wahrheit, dass eine Kugel einen Menschen tötet, muss man auch nicht gegen Häretiker verteidigen. Man muss keine Nichtgläubigen verdammen oder unterdrücken, der behauptet, eine Gewehrkugel könne keinen Menschen töten. Man muss keine Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrennen, die die Wahrheit erzählen, um die Wahrheit zu verteidigen. Die Wahrheit kann sich selbst verteidigen. Man kann Menschen nur auf den Scheiterhaufen schicken, weil sie gegen eine Lüge angehen, nicht, weil sie gegen die Wahrheit angehen. Dass man es überhaupt nötig hat, Andersgläubige zu verunglimpfen und ihnen zu drohen, deutet darauf hin, dass man selbst nicht wirklich glaubt. Man übertönt seine eigenen Zweifel.

    Die Wahrheit überlebt jeden Zweifel. Vor dem Zweifel muss man nur Angst haben, wenn man nicht die Wahrheit verkündet oder daran nicht interessiert ist. Wer die Wahrheit verkündet, der hat es nicht nötig, Zweifler mit der Hölle zu drohen. Nur wer selbst daran zweifelt muss zu diesen fragwürdigen Methoden greifen. Wer Zweifel nicht zulässt, der hat etwas zu verbergen.

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Wenn jemand tatsächlich an Gott glaubt, dann wäre er aufgrund seines Glaubens in der Lage, Dinge zu tun, die kein Ungläubiger tun könnte. Beispielsweise Gift trinken (wie dies für die Nachfolger Christi in der Bibel geweissagt wird, siehe →Markus 16:17-18  [8]). Aber kaum jemand vertraut so in seinen Glauben (die wenigen, die es taten, sind an den Folgen meist gestorben). Wenn jemand wirklich glauben würde, so würde man es bemerken. Menschen, die über neue und ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, sind anders und verhalten sich anders. Auch Menschen, die sich permanent beobachtet fühlen, verhalten sich anders. Wenn die Gläubigen sich nicht anders verhalten, dann nur deswegen, weil sie nicht wirklich an Gott glauben.

    Gibt der Glauben an Gott den Menschen mehr Kraft? Wir finden viele, die dies behaupten. Gott, so erzählen sie, habe ihnen geholfen, mit dem Rauchen oder dem Trinken aufzuhören. Aber das können Atheisten auch. Und ich wette, es werden prozentual gesehen auch gleichviele Atheisten und Gläubige wieder rückfällig. Aber auch die, die an andere Götter glauben, behaupten dasselbe. Es können aber nicht alle recht haben - woher kommt die Kraft derjenigen, die an falsche Götter glauben? Das alle, die glauben, gleichgültig, an welchen Gott sie glauben, daraus dieselben Fähigkeiten beziehen, deutet auf eines hin: Die Kraft kommt aus ihnen selbst. Wenn es wirklich einen Gott gäbe, so würde er nur denen helfen, die an ihn glauben. Da dies nicht geschieht, kommt diese Kraft auch nicht aus Gott, sondern aus dem Glauben selbst, unabhängig vom Inhalt. Es spielt also keine Rolle, ob man an Jesus, Jahwe, Zoroaster oder Satan glaubt - das Ergebnis ist dasselbe. Das ist übrigens auch das Ergebnis aller Studien, die sich mit den heilsamen Auswirkungen des Glaubens beschäftigen. Glauben hilft, egal, woran man glaubt. Wie sollte man das anders deuten als dass es der Glauben ist, der hilft, aber kein Gott?

    Sie glauben das nicht? Dann möchte ich wenigstens dafür einmal in meinem Leben einen Beweis sehen. Zeigen Sie mir, dass Ihr Glauben Sie dazu befähigt, etwas zu tun, was erstens kein Ungläubiger tun kann und zweitens keiner, der einem anderen Glauben anhängt. Und ich rede von Beweisen, nicht von den tausenden kursierenden und unbestätigten Geschichten, die man nur glauben kann, wenn man sowieso schon alles glaubt, was für den Glauben spricht. Und auch wenn unwahrscheinliche Dinge geschehen ist das kein Beweis - fast jede Woche gewinnt jemand im Lotto, obwohl das sehr unwahrscheinlich ist. Und wenn etwas eine Wahrscheinlichkeit von 1:10.000.000 (eins zu zehn Millionen) hat, dann bedeutet dies nur, dass das im Schnitt 8 Leuten pro Tag in Deutschland passiert. Nein, ich denke an ganz persönliche Fähigkeiten wie Gift trinken o. ä.

    Und solange mir niemand zeigen kann, dass der Glauben einen nicht zu wirklichen Leistungen befähigt, die ich ohne Glauben nicht haben kann, solange halte ich es für überflüssig, mir diesen speziellen Glauben anzueignen. Glauben ist nur eine andere Art zu denken. Man ändert vielleicht seine Perspektive, wenn man sein Denken ändert, aber mit reinem Denken kann man nichts in der Welt ändern. Wenn Gläubige durch den Glauben mehr könnten als Ungläubige, so würde man dies an den Handlungen der Gläubigen bemerken. Da ich nichts davon sehe, bleibt mir nur eine Schlussfolgerung:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott.

    Warum benutzt der Papst ein gepanzertes Papamobil? Erstens weil er nicht auf den Schutz Gottes vertraut, zweitens, weil er Angst davor hat, zu sterben und in den Himmel zu kommen. Der Papst wird wissen, warum  [9]. Und auch die Blitzableiter auf dem Vatikan sind ein praktisches Misstrauensvotum gegen Gott. Selbst der Papst und seine Kardinäle sind nicht von der Existenz Gottes überzeugt, jedenfalls nicht so, dass es praktische Konsequenzen hätte.

    Konfusius, er zitiert: "Nur wer weiß, weiß, daß er wenig weiß und daß das, was er weiß, vorläufig ist. Nur wer glaubt, glaubt, daß er weiß. Wahrheit ist ein Wort des Glaubens. Niemand vermag grausamer zu sein als jene, die im Namen der Wahrheit handeln. ... Nicht nur Gott, auch der Glaube an sich ist unbeweisbar. Nicht einmal der Papst kann beweisen, daß er glaubt, woran zu glauben er vorgibt. Darum gibt es für mich nichts Unanständigeres als christliche Parteien: Mit dem, was man nicht beweisen kann, daß man es ist, darf nicht politisch operiert werden. ... Die Zeit der Khomeinis ist angebrochen, nicht nur in Rom, Iran und Israel. Es ist höchste Zeit, sich wieder zum Atheismus zu bekennen." (Friedrich Dürrenmatt)

    7. Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

    Ich habe den Teil meiner Website, der sich mit Religion beschäftigt, den Titel gegeben

    Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

    Ich möchte mit einer kleinen Geschichte illustrieren, warum ich diese Überschrift gewählt habe.
    Heute Morgen kam mein alter Freund Paul zu mir. Wir unterhielten uns über seine Pläne.

    Paul: Ich habe mir heute Morgen ein französisches Auto geliehen. Ich werde heute Nachmittag die Grenzen von Deutschland überschreiten und nach Frankreich fahren.

    Ich: Prima! Wohin willst Du in Frankreich?

    Paul: Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Moment, Du sagtest doch eben, Du wolltest Deutschland verlassen ...?

    Paul: Nein, ich sagte, ich wollte die Grenzen überschreiten, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Du fährst gleich wieder zurück? Wozu denn das?

    Paul: Nein, Du verstehst nicht. Ich werde die Grenzen von Deutschland überschreiten und mir die französische Landschaft ansehen, vergnügt in meinem Auto sitzend, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Ach so, Du fährst zur deutschen Botschaft nach Paris. Botschaften sind ausländische Enklaven, und ...

    Paul: Nein, zur Botschaft will ich nicht.

    Ich: Du willst Deutschland verlassen, ohne es zu verlassen? Wie soll ich denn das verstehen ...? Ist das ein Trick? Enthält Dein Auto deutschen Boden?

    Paul: Wenn Du mir nur zuhören würdest! Es handelt sich um ein französisches Auto. Ich werde es durch Frankreich lenken, darin sitzend, aber ich werde die Grenzen von Deutschland nie verlassen.

    Ich: Das verstehe ich nicht. Wie kannst Du die Grenzen von Deutschland überschreiten, ohne Deutschland zu verlassen?

    Paul: Du verstehst mich nicht! Ich habe das Gefühl, Du willst mich nicht verstehen! Du willst mich nur ärgern! Du weißt doch genau, dass letztlich Deutschland nur eine Illusion ist und nicht wirklich existiert!

    Ich: Wenn Deutschland nicht existiert, woher willst Du dann wissen, ob und wann Du Dich in Frankreich befindest?


    Ich verstehe Paul wirklich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was er will. Sie etwa?

    So wie in dem Gespräch mit Paul komme ich mir vor, wenn ich mit Gläubigen diskutiere. Wenn Sie Deutschland durch Vernunft ersetzen und Frankreich durch Nicht-Wissen oder Unvernunft ersetzen (mit einer ausdrücklichen Entschuldigung an alle Franzosen!), dann werden Sie sehen, was ich meine. Mir wird viel über die Grenzen der Vernunft erzählt und darüber, diese zu überschreiten und so zu neuem Wissen zu kommen - und dies alles soll geschehen, ohne den Rahmen der Vernunft zu verlassen, sozusagen auf vernünftige Art und Weise. Und ich bin der Meinung, dass das nicht geht.

    Vorweg: Die Erkenntnis, wir hätten nicht alle Erkenntnisse und alles Wissen, was man haben könne, ist trivial. Auch die Erkenntnis, dass Vernunft und Logik nicht perfekt sind, ist trivial (siehe dazu auch Das Münchhausentrilemma). Das möchte ich in keiner Weise bestreiten. Ich werde nur begründen, warum wir nicht mehr haben, und warum der Versuch der Theisten, die Vernunft einzuschränken und sie zu untergraben, sie selbst doppelt so hart trifft wie etwa die Wissenschaft.

    Wir können bis zur Grenze der Vernunft reisen. Wir können langsam und allmählich und mit viel Arbeit die Grenzen der Vernunft ausdehnen. Aber wir können nicht die Grenzen der Vernunft überschreiten und dabei uns im Rahmen der Vernunft bewegen. Wir können uns auf dem Gebiet unseres Wissens bewegen, aber wir können kein Wissen von jenseits unseres Wissens haben - wenn es "jenseits unseres Wissens" ist, ist es kein Wissen, wenn wir davon wissen, ist es nicht mehr jenseits unseres Wissens. Wir können unser Wissen erweitern, aber wir können es nicht überschreiten und meinen, immer noch zu wissen. Wir können die Grenzen von Deutschland überschreiten, aber wir sollten nicht glauben, uns dann immer noch in Deutschland zu befinden.

    Die Grenzen sind manchmal verschwommen, und wir können häufig nicht präzise sagen, wo sie liegen. Das ändert aber nichts daran, dass wir bei deutlicher Überschreitung der Grenzen der Logik in dem Gebiet der Unlogik landen, wo die Gesetze der Logik nicht mehr gelten. Und wir können nicht auf logische Art und Weise beweisen, dass die Logik und wo die Logik ungültig ist. Wie vernünftig ist es, anzunehmen, die Vernunft sei nicht vernünftig?

    Das ist etwas, wo bei vielen Menschen die Intuition einsetzt und sie zu schweren Denkfehlern verführt. Angenommen, ich hätte einen perfekten logischen Beweis, dass die Logik ungültig ist? Was folgt daraus? Viele Leute sagen, daraus folgt, dass die Logik nicht überall gültig sein kann. Das aber ist ein Trugschluss, denn was daraus folgt ist, dass mein Beweis vollkommen ungültig ist. Denn wenn die Logik nicht funktioniert, dann kann der Beweis auch nicht funktionieren, er muss also falsch sein, denn genau das habe ich ja "bewiesen". Das ist ein Paradoxon, der Beweis ist genau dann ungültig, wenn er gültig ist, woraus folgt, dass er nicht gültig sein kann.

    Dasselbe gilt für unsere Wahrnehmung. Es gibt Dinge, die wir nicht sehen können - unbestritten. Wenn wir sie nicht sehen können (oder sichtbar machen können, und sei es auch durch mathematische Gleichungen oder spezielle Apparate), woher wollen wir denn dann wissen, dass sie existieren und wie sie aussehen? Wenn man mit diesem Einwand kommt, dann wird einem gleich die Unzuverlässigkeit unserer Sinne entgegengehalten. Wenn unsere Sinne aber unzuverlässig sind, schon bei den sichtbaren Dingen, wie unzuverlässig müssen sie dann erst bei den unsichtbaren Dingen sein - denn jetzt haben wir plötzlich zwei Probleme. Bei sichtbaren Dingen haben wir nur ein Problem, nämlich, herauszufinden, ob die Dinge so sind, wie sie uns scheinen. Bei unsichtbaren Dingen haben wir das Problem, dass wir diese erst sichtbar machen müssten, und selbst wenn es uns gelänge, wüssten wir immer noch nicht, wie die Dinge aussehen, denn unsere Wahrnehmung - wird behauptet - sei ja unzuverlässig. Abgesehen davon hätten wir Probleme, unsere Wahrnehmung generell als unzuverlässig zu kennzeichnen, weil wir das nicht herausfinden können - wir brauchen eine zuverlässige Wahrnehmung, um optische Täuschungen erkennen zu können und sie von korrekter Wahrnehmung zu unterscheiden. Können wir dies nicht mehr unterscheiden, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Täuschung und Wahrnehmung, deswegen können wir auch nicht mehr sagen, was denn nun was ist - was ist Täuschung und was ist Wahrnehmung, weil sie für uns gleich sind, identisch.

    Man kann eine Reise bis zu den Grenzen der Vernunft machen, aber wenn man sie überschreitet (transzendiert, wie der Theologe sagt), dann verlassen wir den Boden der Vernunft. Und wenn wir den Boden der Vernunft verlassen, dann gilt unsere Logik nicht mehr und unsere Begriffe, und damit ist keine Kommunikation mehr möglich. Wir können nicht mehr darüber reden, wir müssten davon schweigen. Wir können neue Logiken entwickeln auf der Basis der bereits bewährten Logiken, aber wir müssen zunächst zeigen, dass die neue Logik vernünftig und verlässlich funktioniert, damit gehört sie zur Vernunft, und wir haben die Grenzen der Vernunft erneut verschoben. Aber wir können keine Logik "jenseits der Vernunft" entwickeln und hoffen, sie werde dort schon irgendwie funktionieren.

    Existenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie räumlich und zeitlich begrenzt ist, und das gilt auch für die Vernunft. Eine "grenzenlose Vernunft" existiert nicht. Allenfalls die Negation der Vernunft erscheint einem manchmal als grenzenlos.

    Ich bezeichne den Bereich jenseits der Vernunft als "unvernünftig" und werde meist dafür angefeindet. Aber wie würden Sie das Gebiet jenseits der Grenzen von Deutschland bezeichnen? Als Deutschland???

    Sehen wir uns dazu einmal die folgende Abbildung an, die einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Wissenschaft und Religion verdeutlicht:

    VernunftDie Basis unseres Verstands bilden Vernunft und Wissen. Die Wissenschaft (roter Pfeil) weitet diese Basis aus, in dem sie aus dem bereits vorhanden Wissen mithilfe der Vernunft die Basis allmählich und mühsam immer mehr ausweitet. Sie bewegt sich daher immer im Rahmen der Vernunft und verlässt ihn auch nicht. Die Religion hingegen versucht, unsere Vernunft zu überschreiten (zu "transzendieren"). Und das soll dann noch vernünftig sein. Um das zu tun, wird ein Ultra-Skeptizismus gepflegt - es wird behauptet, dass unsere Vernunft nicht ausreicht, und wir deswegen über sie hinaus gehen müssen (statt sie zu erweitern).

    Was tatsächlich lustig ist: Wenn die Religion die Basis unseres Denkens, die Vernunft und die Logik selbst anzweifelt, verliert sie ihre eigene Basis. Denn auch die Exegese (Textinterpretation) beruht beispielsweise auf Vernunft und Wissen. Wenn diese Basis falsch sein sollte, ist auch jede theologische Interpretation falsch. Wir brauchen die Vernunft, um die Bibel zu verstehen. Ist die Vernunft ungültig, ist unser Verständnis von der Bibel falsch.

    Die Wissenschaft kann, weil sie sich dynamisch entwickelt, mit Fehlern der eigenen Basis tatsächlich umgehen, weil sie sich veränderten Gegebenheiten anpassen kann. Die Religion kann das nicht, weil sie mit den Grundlagen nichts zu schaffen hat. Also verdoppeln sich die Probleme der Religion gegenüber der Wissenschaft. Nicht nur ihre bisherigen Ergebnisse verlieren ihre Gültigkeit, sondern auch das, was sie an neuen Ergebnissen aus einem Gebiet "jenseits der Vernunft" zu interpretieren sucht.

    Um das zu stützen, werden aus dem Arsenal der Wissenschaftskritik die Waffen besorgt, mit denen sich die Religion dann in die eigenen Füße schießt.



    Manchmal wird dies mit einer kleinen Geschichte eingeleitet - hier die des Physikers und Heisenbergschüler Hans-Peter Dürr - um den Punkt der Theologen zu verdeutlichen:

    In einer frühen Gesellschaft versucht ein Mann, eine Meeresbiologie der Fische zu begründen. Er ist der "Physiker" des Titels "Das Netz des Physikers". Er sucht zu diesem Zweck das Meer mit einem Netz ab, dessen Maschen 5 Zentimeter weit sind. Er untersucht die gefangenen Fische sehr sorgfältig und so findet er grundlegende Gemeinsamkeiten dieser Tiere, die er schließlich in drei Grundgesetzen der Fischbiologie:
    1. Alle Fische haben Flossen.
    2. Alle Fische haben Kiemen.
    3. Alle Fische sind nicht kleiner als 5 Zentimeter.
    Doch dann kommt ein anderer Mensch - der "Philosoph" - daher und wirft ein: "Grundgesetz 3. ist falsch, denn natürlich schlüpfen alle Fische, die kleiner sind als 5 cm sind durch die Maschen deines Netzes" Einen Moment lang überlegt der Wissenschaftler, dann aber entgleitet im ein Lächeln und er erwidert: "Auf den ersten Blick mag es so scheinen, aber für mich gilt: Was ich nicht mit meinem Netz fangen kann, ist kein Fisch"


    Im übertragenen Sinne sind die Fische, die durch das Netz schlüpfen, natürlich die religiösen Erfahrungen. Anders gesagt, die Methoden der Wissenschaft (und der Philosophie) reichen nicht aus, um religiöse Dinge zu erfassen, zu erforschen und zu kritisieren. Das alles scheint im ersten Moment sehr plausibel zu sein.

    Angenommen (im Beispiel) man könne keine kleineren Netze bauen. Dann kann man vermuten und spekulieren, dass es kleinere Fische gibt, aber beweisen kann man es nicht. Die Geschichte basiert natürlich darauf, dass wir bereits wissen, dass es kleinere Fische gibt. Sie setzt also voraus, was erst zu prüfen wäre. Man kann nun plausibel vermuten, dass es kleinere Fische gibt und ein engmaschigeres Netz bauen. Und ganz gleichgültig, wie eng die Maschen sind, immer wird jemand kommen können und behaupten, es gäbe noch kleinere Fische. Einige Theologen tun dies, in dem sie Gott immer in die Lücken unseres gerade aktuellen Weltbilds stopfen, aber da sich diese oft schnell schließen, ist dieser Lückenbüßergott nicht mehr sonderlich populär.

    Um kleinere Fische zu fangen, braucht man engmaschigere Netze, keine Theologen, die einem erzählen, zum Fang ihrer Fische bräuchte man etwas anderes als Netze. Wenn die Theologen so gute Fischfänger sind und ihre Methoden soviel besser funktionieren - wo sind dann die Fische? Zeit genug, die Überlegenheit ihrer Methoden zu beweisen hatten die Theologen ja.

    Man kann über das, was wir nicht wissen, spekulieren. Aber man kann sich nicht hinstellen und aus dem Unwissen per Dekret Wissen schaffen.

    Ich will nicht behaupten, dass es keinen Bereich "jenseits der Vernunft" oder "jenseits des Wissens" gibt. Das wird mir fälschlicherweise meist unterstellt. Aber so eine Behauptung wäre definitiv falsch. Es gibt das Unerklärliche und auch das Unerklärbare. Aber wir haben nur die Vernunft, um uns das Unerklärliche zu erklären und zu verstehen. Das manche Dinge (momentan) nicht erklärlich sind, damit müssen wir uns abfinden und nicht unsere Zeit damit vergeuden, Pseudo-Erklärungen zu erfinden, die nicht wirklich etwas erklären sondern die Welt mystifizieren - wir sollten uns darauf konzentrieren, Unwissen in Wissen zu verwandeln, und nicht Wissen so zu mystifizieren, dass es selbst wieder zu Unwissen wird.

    Über die Welt jenseits unseres Wissens können wir spekulieren - und das ist vollkommen legitim - solange wir die Spekulation auch Spekulation nennen und ihr nicht in unredlicher Weise ein Schwindelettikett wie "Gewissheit" aufkleben. Kunst und Literatur ist eine Spekulation über die Welt, aber sie ist von Menschen fabriziert, und dies ist uns auch bewusst. Spekulation ist eine Quelle der Inspiration, aber sie ist allenfalls der Beginn, um neues Wissen zu erlangen, nicht die Erlangung des Wissens selbst. Ungeprüfte und unprüfbare Informationen und Spekulationen bezeichnen wir als "Glauben" und wegen des ungewissen Status ist bis zur Prüfung nicht davon auszugehen, dass es sich um etwas "Höherwertigeres" als Wissen handelt (welches geprüft wurde). Glauben ist deswegen von teils erheblich geringerem Wert als Wissen (mag sein, dass es nicht vollkommen wertlos ist, aber es hat nicht mehr Wert als Spekulationen).

    Glauben ist nicht mehr (und nicht weniger) als ungeprüfte (oder unprüfbare) Spekulation. Wer es als mehr ausgibt, als es tatsächlich ist, der täuscht sich selbst oder schlimmer noch, Andere, bis hin zum Betrug, unredlich ist es aber in jedem Fall.

    Konfusius, er sagt: "Wenn die Vernunft einen Platz in der Religion hätte, was würde dann aus dem Glauben?"

    8. Wie man Unsinn entlarvt

    Das basiert zum Teil auf dem Buch Der Drache in meiner Garage von Carl Sagan und der Website Operation Clambake (→ http://www.xenu.net/) (die sich dem Kampf gegen Scientology verschrieben hat): Carl Sagan's Baloney Detection Kit (→ http://www.xenu.net/archive/baloney_detection.html).

    Die folgenden Werkzeuge werden empfohlen, um Argumente zu testen und irreführende oder betrügerische Argumente zu entlarven:

    Weitere Möglichkeiten:

    Gängige Täuschungen in Logik und Rhetorik:

    Eine sehr gute Liste von fehlerhafter Logik und falschen Argumenten finden Sie auf dieser Website: Logic & Fallacies (→ http://www.infidels.org/news/atheism/logic.html) sowie unter Fallacy Files (→ http://www.fallacyfiles.org/). Die Website, die sich mit Leuten beschäftigt, die den Holocaust leugnen und deren Denkfehlern entlarvt, ist leider nicht mehr zu finden. Die grundlegenden Prinzipien dieser Denkfehler finden wir in religiösen Debatten ebenfalls wieder, wenn auch mit anderen Inhalten.

    Es ist sehr leicht, Behauptungen aufzustellen. Allerdings sollte jede Behauptung begründet sein, je unwahrscheinlicher eine Behauptung ist oder je mehr sie sich von unserer Erfahrung entfernt, umso besser und stärker muss die Begründung sein. Oft wird in Diskussionen von Theologen so verfahren: Sie stellen eine Reihe von Behauptungen auf und erklären diese für wahr. Wenn es nun dem Skeptiker gelingt, eine Behauptung zu entkräften, so wird diese Behauptung durch weitere Behauptungen "gestützt". Wie bei einer Hydra - für jede widerlegte Behauptung tauchen zwei neue auf. Und wann immer es dem Skeptiker nicht gelingt, eine Behauptung zu widerlegen, erklärt sich der Theologe zum Sieger (dabei sind viele der Behauptungen prinzipiell nicht widerlegbar, z. B. weil Fakten, die die Behauptung schwächen, durch weitere Behauptungen "wegerklärt" werden). Nachdem genügend unwiderlegte Behauptungen übrig sind, hat der Theologe beim unbefangenen Beobachter den Eindruck erweckt, er hätte die Debatte gewonnen und müsse daher "irgendwie" recht haben.

    Gleichzeitig wird durch dieses Verfahren die Last immer mehr und mehr auf den Skeptiker verlagert. Für jede Behauptung des Skeptikers werden nämlich sofort Beweise eingefordert - und wenn man diese auch für die trivialsten Dinge verlangt, so wird der Skeptiker sich in unendlichen Regressen verfangen, es entsteht der Eindruck, dass der Skeptiker seinerseits seine Behauptungen nicht begründen kann. Es wird also versucht, den Skeptizismus zu "überbieten" durch Ultra-Skeptizismus und so wird die Position des Skeptikers untergraben - denn Skeptiker reagieren darauf, wenn man ihnen unterstellt, dass sie ihre Behauptungen nicht begründen können. Das setzt sie emotional und rational unter Druck. Angriff, so wissen die Theologen, ist die beste Verteidigung. Wenn man solche Taktiken entdeckt, ist es besser, die Debatte abzubrechen.

    Konfusius, er sagt: "Es ist Unsinn, sich in Fragen der Wahrheit darauf zu berufen, dass man etwas glauben müsse - denn etwas wird nicht dadurch wahr, dass man daran glaubt."

    9. Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge

    Wenn man eine zeitlang religiöse Diskussionen verfolgt, dann fällt auf, mit welcher Energie diese Überzeugungen verteidigt werden. Es gibt kein Argument, welches absurd genug wäre, um nicht doch noch die eigene Überzeugung zu bestätigen, und es gibt keine Tatsache und kein Argument, welches gut genug wäre, diese zu widerlegen. Es werden Schichten über Schichten an komplizierten Konstruktionen zur Stützung der eigenen Auffassung übereinander gebaut und jeder Angriff darauf führt nur zum Aufbau weiterer Stützen, bis dass, was darunter liegt, schon fast nicht mehr erkennbar ist. Da werden lieber Wörter und Begriff umdefiniert, damit man noch den Anschein erweckt, im Recht zu sein. Dem Anderen wird eher pauschal unterstellt, das eigene Gedankengebäude nicht verstanden zu haben und nicht verstehen zu wollen (wieso könnte sie oder er es sonst wagen, einen Angriff darauf zu führen?  [10]) als dass man die Gegenargumente kritisch analysiert, um ihre Schwachstellen herauszufinden. Meist ist die einzige Schwachstelle eines Gegenarguments bloß die, zu einer anderen Überzeugung zu führen.

    Selbst verdrehte Logik und falsche Prämissen veranlassen nicht dazu, die eigenen Schlussfolgerungen infrage zu stellen. Dergleichen beim Diskussionsgegner gefunden führt gleicht zu wildem Triumph. Man selbst benötigt keine Beweise für die eigenen Überzeugungen, aber wehe, der andere kann seine Meinung nicht perfekt begründen und belegen - und kann er es doch, dann werden die Belege gleich mit einem Hagel an ultraskeptischen Argumenten bedacht. Noch die dubiosesten Zeugen bestätigen die eigene Meinung, während die perfekteste Begründung beim Gegenüber nur ein Ausweis seiner Verstocktheit ist - müsste er mit seinem Herzen doch sehen, wie recht man selber hat!

    Nicht, dass man rationalen Argumenten nicht zugänglich wäre - solange sie bloß die eigene Überzeugung bestätigen!

    Wenn man diese Beobachtung auch mal kritisch gegen sich selbst wendet und gegen die Leute, die dieselbe Meinung verfechten wie man selbst, so wird man feststellen, dass man zwar das, was ich gesagt habe, sehr wohl als Schwäche beim Anderen gefunden hat - aber nicht bei sich selbst. Wenn man aber nur einen Funken Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bewahrt hat, dann wird man feststellen, dass man nicht frei davon ist.

    In der Tat, ist gibt keinen Anlass dazu, zu vermuten, dass Menschen generell davon freizusprechen wären. Im Gegenteil gilt diese Beobachtung auch für die Menschen der letzten 2.000 Jahre.

    Was besagt dies für die religiösen Diskussionen? Wenn man unterstellt, dass die Mehrheit der Menschen so war und ist wie wir selbst, dann ist dies eine starke Evidenz gegen jede religiöse Überzeugung. Denn wir können davon ausgehen, dass die Menschen vergangener Jahrtausende ihre Überzeugungen mit allem verteidigten, was ihnen zur Verfügung stand (auch mit Schwertern und Kanonen, wie die leidvolle Geschichte beweist), so falsch sie auch gewesen sein mögen. Denn auch falsche Überzeugungen wurden stets bis zum Schluss und darüber hinaus verteidigt. Noch heute gibt es Menschen, die ernsthaft behaupten, die Erde sei 6.000-10.000 Jahre alt und diese Ansicht mit aller Vehemenz vertreten.

    Wenn dieses auch heute zu beobachtende Faktum der Meine-Überzeugung-ist-unbedingt-richtig-Fraktion entsprechend gewichten, dann wird man sehen, dass wenn sich eine Überzeugung erst einmal gebildet hatte, alles, was dagegen sprach, geflissentlich ignoriert wurde, während alles, was dafür sprach, hoch gewertet und bei Bedarf eher noch gefälscht wurde (siehe z. B. die vielen Reliquien). Die Wahrheit setzt sich in so einem Prozess der Verfälschung und Verdrehung und der Verteidigung der Überzeugungen ganz bestimmt nicht durch. Die Überzeugungen werden nämlich nicht wie bei der stillen Post mit dem Bemühen weitergegeben, die Ursprungsnachricht zu bewahren, sondern mit dem Anspruch, die eigenen Überzeugungen sei völlig wahr - in so eine Kette kann man am Anfang an Informationen Beliebiges hineinstecken, am Ende kommen in jedem Fall die Überzeugungen der daran Beteiligten zum Vorschein.

    Folglich müssen wir alle alten religiösen Überlieferungen mit einer großen Skepsis betrachten. Unsere Skepsis kann fast nicht groß genug sein. Die Anfangswahrscheinlichkeit spricht zunächst strikt dagegen, dass etwas davon wahr ist. Wahr kann es nur dann sein, wenn es eingehender kritischer Prüfung standhält. In diesem Fall muss man also sagen: im Zweifel gegen die angeklagte Überzeugung. Wenn wir dann noch sehen, dass die meisten christlichen Überzeugungen fast ausschließlich auf von Zeugen aus zweiter und dritter Hand überlieferten Überzeugungen bestehen, dann müssen die Beweise, die diese Überzeugungen als wahr bestätigen, schon sehr, sehr stark sein. Welche Beweise? Genau, es gibt keine. Daher hat man das Recht, jede christliche Überzeugung zunächst mal bis zum Beweis des Gegenteils für falsch zu halten. Und da in den letzten 2.000 Jahren kaum Beweise auftauchten ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies mal in Zukunft geschehen könnte, als vernachlässigbar gering einzustufen.

    Damit eine Überzeugung als wahr angenommen wird, muss sie sowohl wahrscheinlich sein als auch mit der eigenen Erfahrung vereinbar sein. Nun, die Wundererzählungen der Religionen sind wahrscheinlich Erzählungen von Legenden, die im Zuge des Weitererzählens zu Überzeugungen wurden und so immer stärker verteidigt wurden, ein Vorgang, der völlig meinen Erfahrungen mit Menschen entspricht. Das die Wunder dagegen tatsächlich geschehen sind, widerspricht nicht nur meiner Erfahrung, es ist auch noch sehr unwahrscheinlich. Welche Überzeugung soll ich also akzeptieren? Die, die mit meiner alltäglichen Erfahrung von Menschen und ihrem Verhalten übereinstimmt, oder die, die damit nicht übereinstimmt?

    Warum sollten wir also an 2.000 Jahre lang tradierte Überzeugungen glauben?

    Konfusius, er zitiert: "Ein Zeitalter wird nicht dunkel genannt, weil kein Licht mehr scheint, sondern weil sich die Menschen weigern, es zu sehen." (James Michener)

    10. Überzeugung und freier Wille

    Gegeben seien die folgenden beiden Prämissen:
    1. Gott existiert.
    2. Der Mensch hat einen freien Willen, Gott anzuerkennen oder Gott abzulehnen
    Diesen Prämissen werden die meisten christlichen Theologen zustimmen. Und nun sehen wir, wohin uns das führt, wenn wir ein bisschen nachdenken.

    Nehmen wir einmal an, ich behaupte "2 + 2 = 4". Sie haben, um das als wahr anzunehmen, keine große Wahl. Man kann davon reden, dass die Überzeugungskraft meiner Behauptung hoch ist, aber Ihre Freiheit bei der Annahme gering.

    Nehmen wir eine weitere Behauptung: "Das unsichtbare rosa Einhorn existiert". Diese Behauptung werden Sie vermutlich (mitsamt aller Argumente, um sie davon zu überzeugen) als falsch ansehen. Sie haben aber die freie Wahl, die Behauptung trotzdem als wahr anzunehmen (ihr zu glauben). Wie Sie sehen nimmt Ihre freie Wahlmöglichkeit zu, je weniger überzeugend ein Argument oder eine Behauptung ist. Nehmen wir an, wir können die Überzeugungskraft eines Arguments oder einer Behauptung oder eines Lehrsatzes oder eines Glaubensbekenntnis prüfen. Wenn wir von 100 Leuten 80 von der Wahrheit der Aussage überzeugen können, so ist die (fiktive) Überzeugungskraft der Behauptung 80%. Wenn nur 50% von der Wahrheit überzeugt werden können, so betrüge die Überzeugungskraft 50%. Bei meiner ersten Behauptung betrug sie 100%, bei meinem Beispiel mit dem unsichtbaren rosa Einhorn waren es 0%. Je geringer die Überzeugungskraft, umso freier mein Wille bei der Annahme.

    Wenn Gott uns also einen möglichst freien Willen lassen möchte, um ihn anzunehmen oder ihn abzulehnen, so müsste die Überzeugungskraft der Argumente für Gott möglichst gering sein. Allerdings: Je geringer die Überzeugungskraft ist, umso weniger kann man jemandem einen Vorwurf machen, wenn sie oder er die Behauptung ablehnt. Vor allem natürlich nicht Gott, denn er schuf den freien Willen selbst. Wenn es also wichtig wäre, dass jeder Mensch an Gott oder an ein Glaubensbekenntnis glaubt, so müsste Gott selbst dafür sorgen, dass die Überzeugungskraft der für ihn sprechenden Argumente hoch ist. Dies könnte durch eine "objektive Offenbarung" geschehen: Für ein allmächtiges Wesen gäbe es genügend Möglichkeiten. Aber Gott hat dies bislang nicht getan, ersatzweise behaupten einige Menschen, er habe sich nur ihnen offenbart. Das ist vergleichsweise wenig überzeugend. Tatsächlich ist es nur dann überzeugend, wenn man mit der Idee, dies sei wahr, aufgewachsen ist. Ob man daran glaubt ist also von reinem Zufall abhängig - wer in Indien aufgewachsen ist, der wird das alles sehr wenig überzeugend finden. Viele sind außerdem nur deswegen von Gott überzeugt, weil man ihre Vorfahren dazu gezwungen hat, Christen zu werden.

    Und weil es so wenig überzeugend ist, deswegen belohnt Gott alle Menschen, die an ihn glauben und bestraft alle Leute, die nicht an ihn glauben ... Und alle Menschen, die logisch denken und zu dem Schluss kommen, dass die Überzeugungskraft sehr mager ist, die werden dafür ebenfalls bestraft (oder erhalten keine Belohnung). Und dieser Gott wird dann auch noch barmherzig und gerecht genannt! Dabei hätte es ausgereicht, seine Anhänger mit überzeugenden Argumenten auszustatten und alles dies wäre nicht passiert. Dabei gibt es für die Existenz des Weihnachtsmanns überzeugendere Argumente.

    Wie kann man die Überzeugungskraft eines Glaubensbekenntnisses steigern? Man kann Alle diese und ähnliche Methoden wurden verwandt - von freiem Willen ist da so gut wie nie die Rede, außer, man verteidigt seinen Glauben gegen anders Denkende. Das alles hat man nicht nur in einem Überschwang der Gefühle gemacht, sondern weil die Überzeugungskraft der Argumente so gering war.

    Sollten diese dubiosen Methoden alles sein, was einem allmächtigen Gott dazu einfällt, einen Glauben an ihn zu verbreiten? Genau dieselben Methoden, wie sie von allen anderen Religionen oder Psycho-Sekten wie Scientology auch verwandt werden? Und das, obwohl es doch angeblich so wichtig sei, Gott zu verehren?

    Wenn Gott verehrt werden möchte, dann sollte er zunächst die Voraussetzungen dafür schaffen - seine Existenz bekannt machen. Tut er dies nicht, dann deswegen, weil er nicht existiert oder nicht verehrt werden will. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein Gott keinen Gefallen darin findet, wie er von den Gläubigen verehrt wird (z. B. durch Religionskriege, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangstaufen, Schwertmission usw. usf.). Denn diese dubiosen Methoden fallen unmittelbar auf ihn zurück.

    Wenn allerdings Menschen versuchen, einen Glauben zu verbreiten, der nur von Menschen ausgedacht wurde, dann dürfen wir erwarten, dass sie genau die beschriebenen Methoden benutzen. Was haben die Christen in der Form ihrer Religionsverbreitung zu bieten, was andere Religionen nicht auch bieten? Es gäbe natürlich auch lautere Methoden, um einen Glauben zu verbreiten. Wo diese verwendet werden? In der Wissenschaft.

    Konfusius, er zitiert: "Glauben ist das, was Menschen trennt. Zweifel eint sie." (Peter Ustinov)

    11. Die Kunst der Täuschung

    Beruflich musste ich in letzter Zeit häufig mit dem Zug fahren. Dabei entspann sich folgendes Gespräch mit einem Zugnachbarn, ca. 50 Jahre alt, männlich, aus München stammend, von Beruf Optiker, intelligent und redegewandt. Ich las in dem Buch Nein und Amen, und so kamen wir ins Gespräch:

    Er: Interessieren Sie sich für Religion?
    Ich: Ja, ich lese in letzter Zeit einiges darüber.
    Er: Glauben Sie an Gott?
    Ich: Nein - ich bin bekennender Atheist.
    Er: Sie machen einen intelligenten Eindruck - wieso können Sie da behaupten, Gott existiere nicht?


    (An dieser Stelle erklärte ich ihm, dass ich negativer Atheist bin und nicht behaupte, dass Gott nicht existiert, sondern nur behaupte, dass ich nicht an ihn glauben kann, aus Mangel an Beweisen - um diese Begriffe entspann sich ein Gespräch, welches ich hier weglasse)

    Er: Aber es gibt doch Beweise für die Existenz Gottes!
    Ich: Welche?


    (An dieser Stelle erklärt er mir den Design-Beweis - ich widerlege den Beweis in allen Punkten, was ich hier nicht wiederholen möchte, siehe Gottesbeweise / Das Design-Argument).

    Er: Hm ... sie scheinen sich wirklich Gedanken gemacht zu haben! Aber bedenken Sie die Feinstruktur des Universums, die Anfänge, die können doch nicht einfach auf Zufall beruhen, das muss doch jemand dran gedreht haben!


    (Auch diesen "Beweis" widerlegte ich - siehe auch Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I)

    Er: Na ja, gut, ich sehe schon, mit Beweisen kommt man bei Ihnen nicht weiter! Wenn Sie allerdings die Energie, die Sie in die Widerlegung des Glaubens gesteckt haben, für den Glauben selbst verwendet hätten, statt ihn nur einfach abzuwehren, dann ginge es Ihnen sicherlich besser.
    Ich: Erstens geht es mir auch so sehr gut, zweitens war ich früher selbst ein gläubiger Mensch - da hatte ich aber die Argumente, die gegen meinen katholischen Glauben sprechen, noch nicht gehört. Ich hatte nicht vor, Atheist zu werden, es ergab sich daraus, dass ich mich auf die Suche nach vernünftigen Gründen für den Glauben machte - und scheiterte. Ich möchte auf jeden Fall nicht gegen meinen Verstand glauben.
    Er: Das sehe ich ein. Aber ich denke, Sie machen den Fehler, die Beweise zu sehr in naturwissenschaftlich-exaktem Sinn zu sehen, statt sie als Indizien oder Zeichen zu verstehen, was in diesem Fall angemessener wäre.
    Ich: Ich sehe keinen Grund, sie als Indizien oder Zeichen zu deuten. Denn aus einem falschen Beweis wird auch durch Deutungskunst kein richtiges Indiz. Ein falscher Beweis deutet in die falsche Richtung, führt in die Irre, kann also auch nicht als Zeichen in die richtige Richtung gedeutet werden - damit verkehrt man das Prinzip des Beweises.
    Er: Na, man sollte diese Beweise eben nicht so streng nehmen!
    Ich: Man stelle sich vor, vor Gericht behauptet der Staatsanwalt, die Fingerabdrücke des Angeklagten seien auf der Mordwaffe. Nachdem nun der Verteidiger diesen Beweis als falsch entlarvt hat - die Fingerabdrücke passen nicht zu denen des Angeklagten - deutet der Staatsanwalt dies in ein schwaches Indiz um, welches ganz klar auf den Angeklagten als Mörder deute! Mehr als Heiterkeit würde der Staatsanwalt damit wohl nicht hervorrufen.
    Er: Wir sind hier nicht vor Gericht.
    Ich: Ja, das ist auch nur eine Analogie. Aber wann immer man eine Entscheidung treffen soll - wie z. B. ob man den Glauben für richtig hält oder für lebenswert - muss man die Argumente für und wider bedenken und abwägen. Man muss zum Richter seiner eigenen Angelegenheiten werden.
    Er: Man kann diese Angelegenheit auch einfach in Gottes Hände legen.
    Ich: In die Hände welchen Gottes? Das wird mir ein Muslim auch sagen, ich solle diese Angelegenheit in die Hände Allahs legen oder ein Hinduist legt mir nahe, dies in die Hände Krishnas zu legen usw. usf. Wenn die Entscheidung für den Glauben so wichtig ist, wie oft behauptet wird, dann muss ich mehr Sorgfalt aufwenden - nicht weniger.
    Er: Ja, aber diese Sorgfalt besteht darin, sich auf den Glauben einzulassen, das sollte man schon sorgfältig machen. Denn immerhin, Sie haben jetzt logische Spielereien aufgeboten, um die Beweise zu widerlegen, aber das ist auch nicht so entscheidend, denn mit Logik lässt sich Gott sowieso nicht beweisen - Gott steht über aller Logik!
    Ich: Wie?
    Er: Gott lässt sich nicht mit menschlicher Logik begreifen. Er ist der Schöpfer dieser Logik und steht über diesen Dingen.
    Ich: War das von Anfang an Ihre Meinung? Dass man Gott nicht beweisen kann?
    Er: Ja, denn ich brauche für meinen Glauben keine Beweise. Da Gott über jeder menschlichen Logik steht, führen diese Beweise nicht zu ihm, sie können nur die Richtung andeuten.
    Ich: Sie haben aber mit den Gottesbeweisen angefangen, als ob man Gott damit beweisen könne. Wir hätten uns die ganze Diskussion von eben also ersparen können - Sie wussten nämlich bereits, dass die logischen Beweise ungültig waren, von Anfang an. Und falsche Beweise sind deswegen falsche Beweise, weil sie in die falsche Richtung deuten, als Wegweiser zu Gott also unbrauchbar sind. Finden Sie das in Ordnung: Zuerst mit Beweisen zu kommen, von denen Sie wissen, dass sie falsch sind, um jemanden zu überzeugen? Ist das redlich?
    Er: Die Beweise sind aber nicht falsch, sie entsprechen nur nicht göttlicher Logik! Kein Grund, mir Unredlichkeit vorzuwerfen! Das finde ich nicht in Ordnung. Sie sind ein gottloser Mensch, Sie schwören auf ihren begrenzten menschlichen Verstand und Ihre ach-so-tolle Vernunft, also muss ich eine angemessene Vorgehensweise finden, um Sie zu überzeugen. Die Beweise sind gut und überzeugend, deswegen sind sie richtig, weil sie zum richtigen Ziel führen. Sie sind nicht falsch!
    Ich: Doch, die Beweise beruhen auf falscher Logik, Denkfehlern, eigentlich beweisen sie das Gegenteil von dem, was Sie behaupten - und sobald Sie dies sehen, erklären Sie die Beweise kurzerhand pauschal für ungültig.


    Stellen Sie sich vor, jemand verkauft mir ein Produkt. Um mir weiszumachen, dass sein Produkt allen anderen überlegen ist, führt er Beweise an, die aber gefälscht sind. Wenn ich es ihm abkaufe, dann Ok, finde ich es heraus und werfe es ihm vor, dann behauptet er, mein Verstand reiche eben nicht aus, die Genialität des Produktes zu beurteilen, deswegen nehme er falsche Beweise, die meinem Verstand angemessen wären. Die Beweise dafür führten eben zum richtigen Ziel, deswegen seien sie gerechtfertigt.

    Er: Ich habe aber nicht versucht, Ihnen etwas zu verkaufen!
    Ich: Auch das war nur eine Analogie. Sie haben versucht, mir eine Meinung zu "verkaufen". Mit Mitteln, von deren Ungültigkeit Sie von Anfang an überzeugt waren. Wie soll man das nennen?
    Er: Ok, es ist aber doch wichtig, dass Sie an Gott glauben und zum rechten Glauben geführt werden.
    Ich: Und dazu sind auch Mittel der Täuschung erlaubt?
    Er: Das ist unverschämt - ich habe nicht versucht, Sie zu täuschen, Sie missverstehen meine Absichten.
    Ich: Nein, denn Sie verstehen Ihre eigenen Absichten nicht - ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie micht nicht täuschen wollten. Ich denke, Sie sind sich der Täuschung nicht bewusst - Sie selbst sind Opfer einer Täuschung geworden, die Sie nie durchschaut haben, und jetzt geben Sie diese Täuschung weiter, ohne zu wissen, was Sie eigentlich tun.
    Er: Das ist ja wohl eine starke Behauptung!
    Ich: Falsche Beweise zu benutzen als Mittel der Überzeugung erfüllt den Tatbestand der Täuschung - aber vielleicht wollen Sie mir erzählen, dass das bewusst machen. In dem Fall wäre es allerdings Betrug - das möchte ich Ihnen nicht unterstellen!
    Er: Naja, aber die Beweise sind doch gültig - irgendwo muss in Ihrer Widerlegung ein Denkfehler stecken. Vielleicht gibt es auch andere Beweise, die überzeugend sind.
    Ich: Wir könnten die Diskussion über die Beweise gerne wieder aufnehmen, aber das halte ich für müßig, denn Sie haben mir doch eben erklärt, warum das nicht geht.
    Er: Was habe ich?
    Ich: Sie haben mir erklärt, dass Gott mit menschlicher Logik nicht erfassbar ist und daher nicht beweisbar.
    Er: Ja.
    Ich: Deswegen funktionieren die Gottesbeweise auch nicht. Und wenn doch, dann nur, wenn sie falsch sind. Etwas, was sich jeder Logik entzieht, kann man nicht mit Logik beweisen.
    Er: Ja, genau, jetzt verstehen Sie es!
    Ich: Und so funktioniert der Trick: Man nimmt logische Beweise, die plausibel klingen, um die Existenz Gottes zu "beweisen". Nachdem man die gefälschten Beweise quasi als "Brücke" benutzt hat, um jemanden zu überzeugen, dass Gott existiert, brennt man diese Brücke nieder. Zunächst wird sie zu einem Wegweiser umgedeutet, später erzählt man den Leuten, dass Logik Gott sowieso nicht beweisen kann. Damit kann man seine nun geglaubte Existenz auch nicht mehr widerlegen. Die Brücke war eine Einbahnstraße, die jetzt vernichtet wurde. Oder anders gesagt, die Beweise waren der Grund, an Gott zu glauben. Wenn dann geglaubt wird, vernichtet man die - ohnehin falschen! - Beweise. Nur wissen die Leute jetzt nicht mehr, dass sie damit ohne jeden Grund an Gott glauben. Oder man verlagert ihre Gründe auf andere, ebenso ungültige Argumente wie Wunder, Märtyrer oder die tolle christliche Lebensweise. Die Leute glauben jetzt, weil sie glauben, dies ist der einzige Grund (neben den falschen Gründen, die sie nur noch nicht durchschaut haben).

    Die Grundlage des Glaubens ist für viele Menschen einfach nur eine Täuschung. Die Täuschung steht am Anfang des Glaubens, aber seine Spuren werden verwischt. Ein Glauben aber, der mit falschen Gründen gestützt wird, ist ethisch in keinem Fall zu rechtfertigen. In dem man die Menschen daran hindert, diese Gründe in Zweifel zu ziehen, perpetuiert sich die Täuschung selbst. Fängt man einmal aus den falschen Gründen an, zu glauben, dann wird durch den Perspektivwechsel der Glauben sich stets selbst bestätigen. Dies nennt man eine Denkfalle.

    Wäre es nicht an der Zeit, über die Grundlagen des Glaubens selbst nochmal ganz neu nachzudenken?

    12. Der Glauben als Konflikt

    Zunächst und trivial: Wissen und religiöser Glauben (nicht mit dem Alltagsglauben verwechseln, bitte, denn der ist u. a. ein Synonym zu vermuten) sind nicht dasselbe, sollen es auch nicht sein. Der religiöse Glauben befasst sich zum großen Teil mit Dingen, die man nicht wissen kann. Könnte man sie wissen, wäre der Glauben selbst höchst überflüssig.

    Nicht umsonst wird von einigen Gläubigen viele Mühe darauf verwandt, nachzuweisen, dass wir nicht alles wissen können (womit sie bei mir meist sperrangelweit offenstehende Türen einrennen - siehe das Münchhausentrilemma - Streitpunkt ist dann meist nur, was wir wissen können, mit welchem Grad an Genauigkeit, und was nicht und warum nicht).

    Die entscheidende Frage (für mich) ist: Wie und Warum sollte man an etwas glauben, wenn man es nicht wissen kann? Interessanterweise ist diese Frage für Gläubige recht sperrig. So wird dem positiven Atheisten  [13] das "Recht" bestritten, zu glauben, Gott existiere nicht, mit dem Hinweis, dass er dies nicht wissen könne. Tut man dies, dann kann man mit demselben Recht bestreiten, dass der Gläubige legitimerweise an Gott glauben kann, und zwar mit exakt derselben Begründung, mit der der Gläubige dem positiven Atheisten dasselbe Recht abspricht. Entlarvend (in gewisser Weise) ist, wenn einige Christen meinen, auch der (positive) Atheist "glaube ja nur" an die Nichtexistenz Gottes. Das nur muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

    Der Punkt ist der: Wenn sich irgendjemand in einer Diskussion auf den Glauben beruft, und meint, damit im Recht zu sein, dann verliert er automatisch das Recht, einem Andersgläubigen seinen Glauben zu bestreiten. Denn jedes Argument, dass er für seinen Glauben vorbringen kann, kann man dann automatisch auch gegen seinen Glauben vorbringen.

    Dies ist - so scheint es - in der Tat ein Patt. Aus diesen Gründen ist es in den Wissenschaften auch absolut verpönt, sich auf den Glauben zu berufen, dies gilt als Fehler (wenn ein Wissenschaftler das Wort "glauben" benutzt, dann ist damit gemeint, dass er eine schwache Vermutung in der Richtung hegt, sich aber höchst unsicher ist, ob das auch stimmt - das Wort wird also anders als in religiösem Glauben verwendet). Der Fehler besteht darin, dass man damit automatisch eine Pattsituation schafft - die aber immer zuungunsten desjenigen ausgelegt wird, der die Behauptung aufgestellt hat. Wenn also jemand behauptet, "Also, ich würde sagen, daß die Partie sozusagen pari steht", so gilt dies vielleicht unter Gläubigen, nicht aber in Philosophie, Wissenschaft oder dem Recht, also praktisch dem ganzen Rest der Welt.

    Viele der Gläubigen beanspruchen also einen Sonderstatus für ihren Glauben - während der Atheist kein Recht hat, wegen Mangels an Beweisen nicht an Gott zu glauben, "darf" der Gläubige dies andersherum sehr wohl trotzdem - zumindest glaubt er das. Einige Gläubige sind da allerdings generöser, sie gestehen auch dem Ungläubigen das Recht zu, nicht zu glauben, einigen muss man dieses "Recht" aber auch abringen. Und eine kleine Minderheit ist da völlig uneinsichtig, sie meinen, ein Atheist dürfe nicht an etwas glauben, sie selbst aber sehr wohl.

    Soweit, so schlecht. Man kann niemandem das Recht absprechen, an etwas zu glauben, solange er sich damit auf seinen privaten Bereich beschränkt und es keine Konflikte gibt. Das ändert sich sobald man mit Ansprüchen aus dem Glauben den öffentlichen Raum betritt, denn der Glauben an sich birgt Konfliktpotenzial und ist vollkommen ungeeignet, irgendeinen Streitfall beizulegen. Die Religionsgeschichte ist voll an Beispielen, denn unter Berufung auf den Glauben kann man alles Mögliche glauben, auch das Gegenteil von dem, was der Andere glaubt, folglich kann der Glauben hier niemals dazu beitragen, einen Streit beizulegen, solange man den Anderen nicht dazu bringen kann, dasselbe zu glauben.

    Paradoxerweise entsteht genau hier das große Problem, denn der Gläubige glaubt nicht gerne für sich allein, er möchte, dass möglichst viele Menschen dasselbe Glauben, dann fällt es nämlich nicht so auf, dass es legitim ist, genau das Gegenteil zu glauben. Also versucht er, den Anderen zu überzeugen, zu indoktrinieren, zu überreden, zu überlisten oder aber - in der Vergangenheit - die Andersgläubigen zu zwingen oder auszulöschen. Letzteres geht heute nicht mehr, war aber so üblich, fast keiner unserer früheren Vorfahren in Europa konnte sich seinen Glauben frei aussuchen, viele büßten den Versuch mit ihrem Leben. Das alles geschah, um vergessen zu machen, dass man zu jedem Glauben mit denselben Gründen (die man nur logisch umzudrehen braucht) das Gegenteil genauso gut glauben kann.

    Glauben ist also geeignet, Konfliktfälle zu schaffen und völlig ungeeignet, Konfliktfälle zu lösen, es sei denn, jeder glaubt ohnehin dasselbe. (Und dann kann man nicht mehr von einem Konfliktfall reden)

    Im säkulären Staat wurde das Konfliktpotenzial dadurch entschärft, dass man den Glauben zur Privatsache erklärte. Damit wäre das Problem eigentlich gelöst ... wenn nicht eine kleine Minderheit unter den Gläubigen immer noch Unfrieden stiften würde, in dem sie versuchen, alle auf ihren Glauben festzulegen. Und dies tun sie natürlich unter ihren Glaubensgenossen, die ihnen allzu leicht zur Beute werden, weil der organisierte Glauben eine weitere Achillesferse besitzt.

    Diese Achillesferse besteht darin, dass die meisten Menschen nicht "einfach so aus sich heraus" an etwas glauben, sondern ihren Glauben übernommen haben. Nun besteht der religiöse Glauben ja daraus, wunderliche und unwahrscheinliche Dinge zu glauben, die gegen jede menschliche Erfahrung und gegen bekannte Naturgesetze verstoßen. Wenn ich aber dazu bereit bin, aufgrund von Zeugenaussagen etwas zu glauben, was gegen meine eigene Erfahrung verstößt (etwa, dass da jemand Wasser in Wein verwandelt hat, was nach allgemeiner menschlicher Erfahrung unmöglich ist), dann geht dies nur, wenn jemand Zeugenaussagen als höher einstuft als seine eigene Erfahrung. Nur wenn ich bereit bin, meine Erfahrung zu verwerfen, dann kann ich auch daran glauben.

    Damit hat man seine Erfahrung mit einer großen Geringschätzung versehen. Dies lässt sich leicht ausnutzen, um den Menschen Dinge aufzuschwatzen, die jeder Vernunft Hohn sprechen. Wie gesagt, solange jemand dies in seiner Privatsphäre tut, ist das auch in Ordnung. Wenn aber nun demjenigen eingeredet wird, er müsse auch andere mit diesen Ansichten infiltrieren - seine eigenen Kinder zumeist - dann kann man ihm auch einreden, sich mit seinem Glauben in die Angelegenheiten der Öffentlichkeit einzumischen. Gelingt dies, sind die Folgen aus unserer unseligen Geschichte bekannt. Es wird ein Konfliktpotenzial aufgebaut, ohne die Möglichkeit, dies zu entschärfen, weil schlicht nur Glauben gegen Glauben steht. Der Glauben ist aber ungeeignet, zu entscheiden, welcher Glauben denn nun der "Richtige" ist, denn jeder Glauben ist sich selbst als Basis genug.

    Man muss also die liberalen Gläubigen vor ihren weniger mit Skrupeln behafteten antiliberalen Glaubensgenossen schützen.

    Tut man das nicht, dann lässt man zu, dass der Glauben von einigen wenigen als Waffe benutzt wird, ihre Ansprüche gegenüber der Öffentlichkeit durchzusetzen. Glauben ist und bleibt aber eine Privatsache. In der Öffentlichkeit muss man darauf drängen, dass Ansprüche vernünftig begründet werden, damit man eine Möglichkeit hat, Streitfälle vernünftig zu lösen. Das wiederum muss man vernünftig begründen. Darum geht es mir, und darum schreibe ich mir die Finger wund - es geht nicht darum, jemandem den Glauben auszureden, sondern darum, unbegründete Ansprüche an die Öffentlichkeit zurückzuweisen.

    Soweit also die Begründung, warum Glauben Unfrieden stiftet und selbst ungeeignet ist, diese Geister, die er rief, auch wieder loszuwerden.

    Konfusius, er zitiert: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben." (Albert Einstein)

    13.

    Von Harry Krämer - vom Autor mit Genehmigung auf meiner Website veröffentlicht. Den Originalbeitrag finden Sie unter Die Illusion Willensfreiheit (→ http://www.marabu.homepage.t-online.de).

    Francis Crick zitierte John Archibald Wheeler:
    "Finde auf jedem Gebiet die seltsamste Sache
    und die untersuche dann."


    Die Illusion Willensfreiheit
    Der heilsame Verzicht auf Gläubigkeiten

    von Harry Krämer

    Die Faszination des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ist zu einer Normalität unseres Lebens geworden. Obwohl kaum jemand in der Lage ist, sämtliche Ergebnisse der modernen hoch spezialisierten Forschung nachzuvollziehen, gibt es eine kollektive Identifikation mit allen Errungenschaften.
    Sobald aber das biblische Menschenbild in Frage gestellt wird, erhebt sich Widerspruch - nicht nur von Seiten der religiös Gläubigen.

    Die Rationalität unserer Zeit steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Bindungen kultureller Traditionen an Heilslehren, die im geistigen Freiraum ihre bunte Palette von Wahrheiten anbieten. In einer Welt voller Hightech erklingen Lobpreisungen der Einfalt. Auf dem Mond wurde die Schöpfungsgeschichte deklamiert - spektakulärer lässt sich der zwiespältige biologische Entwicklungsstand des blauen Planeten nicht demonstrieren.

    Religiöser Glaube ist für viele Menschen von gewiss positiver Bedeutung. Man verdrängt, dass aller Glaube planmäßig anerzogen wird. Für die beruflich Zuständigen gehört Verdrängung zum Metier - sie wollen nicht wahrhaben:
    Gläubigkeit ist keine Tugend.
    Sittlichkeit bedarf keiner Verheißungen oder Drohungen.
    Religionen bereiten das geistige Klima für weitere ideologische Manipulationen.

    Jenseits und Seelenheil - Kirchen und Sekten verkündigen mit Inbrunst; wie Priesterschaften der Antike genießen sie hausgemachte Kompetenz. Sie wecken und verstärken latente Ängste und Sehnsüchte, um Berauschendes zu vermarkten - ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen.
    Auch beste Absichten mindern nicht die Gefahren.

    Der Glaube - im Grunde unglaublich; austauschbar nach Belieben.
    Bedenkenswert: Im geologischen Zeitmaß begann Kultur vor Sekunden.

    Der Mensch fragt nach einem Woher und Wohin, nach einem Sinn - Fragestellungen, die als solche reichlich glorifiziert werden, deren Sinnlosigkeit aber schon lange bekannt ist - Lösungsversuche an Rätseln, die es nur in den Köpfen gibt.

    "Ich weiß, dass ich nichts weiß."
    Heute wissen wir: Wie jedes Organ so ist auch das Gehirn im Rahmen zweckgebundener Evolution entstanden; unser Verständnis hat vorgegebene Grenzen.
    Dennoch bleibt uns die Welt nicht verschlossen. Die Naturwissenschaft hat sich ein Instrumentarium des Geistes geschaffen; sie findet Gesetzmäßigkeiten, die unergründlich schienen: Energie und Materie, Korpuskel und Welle, Theorien von Zeit und Raum - rein mathematische Beschreibungen werden experimentell geprüft. Das bedeutet Verstehen; Vorstellbarkeit ist kein Kriterium. So hat Wissenschaft keine vorgegebenen Grenzen.

    Die konsequente Anwendung dieses Instrumentariums auf den Menschen leitet den wichtigsten jemals erzielten Fortschritt ein.

    Entstehung und Institutionalisierung von Religiosität sind erklärlich. Die wechselseitigen Unvereinbarkeiten von kirchlicher Lehre und Naturwissenschaft lassen sich nicht überbrücken. Ohne Kommentar: Die Demut der Ebenbilder.

    Die Frage nach dem Anfang der Zeit.
    Der Schöpfungsgedanke enthält letztlich keine Antwort. Die Personifizierung eines Schöpfers ist die naivste Form der Übertragung des Kausalprinzips unserer Lebenswelt auf den Kosmos.
    Wissenschaft erlaubt sich kein Credo - sie entwickelt kosmologische Modelle, die keinen Zeitbeginn erfordern.

    Gerade Menschen mit religiöser Grundeinstellung sollten sich von ihrem eigenen Denken leiten lassen - als einer verpflichtenden göttlichen Gabe. Kontemplation braucht keine Bevormundung. Das Gebet gewinnt an Reinheit durch Verzicht auf die Hybris einer Gottesvorstellung.
    Der Ungläubige glaubt nicht, dass die Kirche etwas weiß.
    Der Gläubige mag sich selbst befragen.

    Erziehung zum Glauben wirkt nachhaltig; der aufoktroyierte Jenseitsglaube zieht ein Konglomerat von Gläubigkeiten nach sich. Die fortschreitende Aufklärung erzeugt zusätzlich eine reaktionäre Neigung zum Okkultismus und zur Esoterik; wissenschaftlich verbrämte Gläubigkeiten dominieren die Vernunft.
    Da die Forschung noch weit vom Verstehen des Gehirns entfernt ist, sehen sich nicht nur die Frommen in ihrer Meinung bestärkt, der Mensch sei unergründlich. Nur zu bereitwillig wird gefolgert: naturwissenschaftlich nicht Erklärbares ist nicht natürlich. Umkehrungen der Wissenschaft, akademische Todsünde - nützlich bei der Anerkennung von Wundern.

    Einst betrachtete man die Natur als unbegreifliche Werke der Götter und Dämonen. Das Weltbild hat sich gründlich verändert - unser Selbstverständnis ist quasi-religiös geblieben.
    Seit den ersten Kulturen besteht die vage Vorstellung einer Seele. Fast jeder ist davon überzeugt, neben dem wundersamen Gehirn auch eine dem Menschen vorbehaltene, den Naturgesetzen übergeordnete Spiritualität zu besitzen. Der kultische Dualismus - Nährboden für Glauben und klerikale Macht.

    Manch imposantes philosophisches Gedankengebäude, entstanden unter dem Einfluss kirchlicher Lehrmeinungen - Variationen falscher Ansätze. Gläubigkeiten sanktionieren Pseudowissen - reversibel.

    Endlich meldet sich die Naturwissenschaft zu Wort. Geist und Seele werden zu Objekten interdisziplinärer Forschung. Nicht ungestört; ein Chor sich gegenseitig Bestätigender beklagt solches Sakrileg - nostalgische Schwanengesänge.

    Die Hirnforschung löst eine Renaissance aus: Philosophie besinnt sich auf ihre klassische Bestimmung.
    Neuorientierung hat begonnen - eine Zäsur, viel tiefer als die sogenannten Kränkungen, die mit den Namen Kopernikus und Darwin verbunden sind:
    Nicht nur das Erkennen unserer Identität, unsere Gedanken, der sich selbst bestaunende Geist - auch psychische Erscheinungen sind den Naturgesetzen unterworfene Gegebenheiten und Abläufe in einer Galaxis aus Neuronen. Unser Wesen ist mechanistisch bedingt - Physik und Chemie des Körpers.
    Erstaunlich an dieser Einsicht ist der späte Zeitpunkt.
    Evidenz dringt mühsam in die Allgemeinbildung;
    und wieder empört sich gekränktes Selbstwertgefühl.

    Eine weitere, noch größere Herausforderung ist unausweichlich: die Hinterfragung von 'Willensfreiheit' - die Entlarvung eines fatalen Irrtums.
    Das umgangssprachliche Wort Freiheit hat viele Bedeutungen. In Bezug auf das Verhalten macht Freiheit keinen Sinn, ist nicht definierbar - es sei denn, das zu Definierende wird als Prämisse verwendet - nach der Logik unzulässig.
    'Willensfreiheit' kann niemals Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung, etwa Aufgabenstellung der Hirnforschung sein. Und doch unterziehen sich auch gestandene Wissenschaftler so beweisbar widersinnigen Bemühungen.
    Ein Vergleich hilft überfordertem Abstraktionsvermögen: Das ebenfalls umgangssprachliche Wort Kälte wird vereinfachend auch in der Technik verwendet - als Bezeichnung für entzogene Wärmemengen. Die Naturwissenschaft kennt keinen Begriff Kälte, sondern nur die Energieform Wärme - wie sie Länge kennt, aber keine Kürze - und eben auch keine Freiheit. Willensfreiheit und Kälte sind irreführende Substantivierungen der Adjektive frei und kalt, welche sich auf Empfindungen beziehen.

    Eine mit dem Bewusstsein auftretende Empfindung - nichts anderes ist der 'freie Wille'. Nichts spricht dagegen, Entscheidungen als Output komplexer Vorgänge zu betrachten.
    Auch unser Unvermögen, diese Tatsache einfach hinzunehmen, ist Endglied einer Kette von Bedingtheiten; hier ist die Hirnforschung gefragt.

    Glaube gegen Logik. Der Fall Galilei erfährt eine Neuinszenierung.
    Gläubige und Traditionalisten verteidigen vehement ihre Besitzstände. Das übliche Procedere der Freiheits-Debatten: Wissenschaftlichkeit wird mit einem 'ismus' versehen. Die somit eingestuften Wissenschaftler werden in die Runde geisteswissenschaftlicher Glaubenskrieger geladen. Es entsteht der Eindruck, Glaubensinhalte und Befindlichkeiten seien mit Wissenschaft kompatibel. Die wirre Wortschöpfung 'Wissenschaftsgläubigkeit' ist typisch für derartige Events.

    Schon im 18. Jahrhundert bezeichnete G. C. Lichtenberg eine Freiheit des Willens als Illusion. Er war seiner Zeit zu weit voraus; Logik bekommt Resonanz nur aus einem entsprechenden Umfeld.

    Später schrieb Arthur Schopenhauer:
    "Eine Tatsache des Bewusstseins ist das völlig deutliche und sichere Gefühl der Verantwortlichkeit für das, was wir tun, der Zurechnungsfähigkeit für unsere Handlungen, beruhend auf der unerschütterlichen Gewissheit, dass wir selbst die Täter unserer Taten sind."
    Er analysiert und kommt zu dem Schluss:
    "Alles was geschieht, vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht notwendig. ... Sind einem gegebenen Menschen, unter gegebenen Umständen, zwei Handlungen möglich, oder nur eine? - Antwort aller Tiefdenkenden: Nur Eine."
    Er ahnte bereits: Das 'völlig deutliche und sichere Gefühl' ist so funktional wie die Taten.

    Nach Schopenhauer sind die neuen Bereiche der Naturwissenschaft entstanden - mit exponentiellem Zuwachs. Jeder Versuch, den Menschen auszuklammern, gerät im einundzwanzigsten Jahrhundert zu einer kulturellen Groteske.

    Glauben sperrt sich gegen Argumente.
    Der Glaube an Freiheit hat ein Patentrezept:
    Man vertauscht die Beweispflicht - basta.

    Geistige Eliten verlassen nur zögerlich den Elfenbeinturm.
    Das Thema Willensfreiheit steht unter dem Vorzeichen einer emotionalen Verweigerung.
    An Willensfreiheit scheiden sich die Geister.
    Auch Wissenschaftler, die für sich in Anspruch nehmen, keiner Gläubigkeit zu unterliegen, erörtern 'Willensfreiheit', als handelte es sich um ein wissenschaftlich, also objektiv beobachtetes Phänomen.
    Wie ist das möglich?
    "... weil nicht sein kann, was nicht sein darf."

    Man erklärt Willensfreiheit für axiomatisch, jeden Zweifel für geradezu ungehörig - oder hat eigene Argumente - eigenartige: Ein freier Wille wäre gekennzeichnet durch seine Unberechenbarkeit; vieles in der Natur ist nicht berechenbar - ergo kann Willensfreiheit existent sein. Unschärferelation, Chaostheorie, Quantenmechanik - das Zauberwort lautet: Indetermination; allen Ernstes versucht man, aus Zufälligkeiten Freiheit herzuleiten.

    Oder man greift doch lieber auf die Religion zurück; schlaue Kirchenmänner haben ja die Seele mit einem Willen ausgestattet. Also Fremdbestimmung? Nein, die Seele gehört zum Menschen. Ist der Mensch für seine Seele verantwortlich? Ein unauflösbares Dilemma.

    Bewusstsein wird mystifiziert, obwohl es sich definieren und nachweisen lässt; das Phantom 'freier Wille' gilt als eine Selbstverständlichkeit, auf die wir uns dauernd berufen.
    Auch das Denken ist nicht 'frei'.
    Willensfreiheit ist nicht frei von Komik:
    Ein Organ plädiert für seine Übernatürlichkeit.

    'Willensfreiheit' taugt für den Spielplatz Theologie. Die Kirche braucht Fiktionen.
    Wir brauchen Objektivität und Logik.

    Wer der Sache auf den Grund gehen will, muss sich zunächst klar machen: Wir sagen 'unser' Gehirn - das 'Ich' ist aber Funktion des Gehirns. Diese Binsenwahrheit scheint unzumutbar; ein Hauch von Narzissmus beflügelt die Suche nach Antworten auf falsch gestellte Fragen.

    Vielschichtig wie das Ich ist auch der Wille.
    Wir tun was wir wollen - bestimmen aber nicht, was wir wollen;
    genauer: wir wollen das, was wir tun.
    Es gibt messbare Zeitspannen zwischen Entscheidungen und deren Bewusstwerdung. Wenn wir glauben, etwas zu entscheiden, dann hat die bereits erfolgte Entscheidung unser Bewusstsein erreicht.
    So interessant diese Messungen sind - für eine Falsifikation von 'Freiheit' werden sie nicht benötigt; auch wenn nachgewiesen würde, dass alle Entscheidungen bewusst entstehen, wäre dies kein Nachweis von 'Freiheit'. Die verinnerlichte 'Willensfreiheit' hat nun mal keinen Platz in der Wissenschaft.

    Der ständige Eindruck, zwischen Verhaltensweisen zu wählen, macht Willensfreiheit einzigartig: eine vorprogrammierte Gläubigkeit - ein übermächtiger Glaube. Nicht wenige halten ihn für unentbehrlich.

    Tatsächlich ist es schier unmöglich, sich jederzeit der Zusammenhänge bewusst zu sein. Das ist auch nicht nötig. Berechtigte Frage: wozu dann diese provokanten Überlegungen - wir sehen die Sonne aufgehen, über den Himmel wandern und untergehen; die Erdrotation ist von überwiegend wissenschaftlichem Interesse - warum können wir nicht auch mit der Illusion eines freien Willens leben?

    Antwort geben Historie und Gegenwart.
    Aus vermeintlicher Willensfreiheit wird folgerichtig 'Schuld'.
    Hier liegt die Wurzel des Übels.

    Die Schuld - probates Werkzeug religiöser Indoktrination.
    Auch der strafrechtliche Begriff Schuld im Sinne von Schuldfähigkeit beruht auf Gläubigkeit - dem Glauben an Freiheit des Willens.
    'Schuld' hält einer kritischen Überprüfung nicht länger stand.

    Veranlagungen zum Sozialverhalten sind differenziert; aber niemand wurde als Verbrecher, als Terrorist, Massenmörder, Selbstmörder geboren. (und wenn es so wäre?)
    Man betreibt Ursachenforschung; doch auch die Experten haben das Wort Schuld in ihrem Vokabular - ohne zu wissen, wovon sie sprechen.
    Mit 'Schuld' kaschieren wir eine Schande: den Tätern wird etwas angetan. Der Staat verhält sich wie alle Täter; er stellt Nutzen vor Moral. Anachronismus mit Relikten finaler Scheußlichkeit.

    Die verstaubte Monstranz Schuld, ein Tabu; professorales Pathos im Beharren statt Professionalität. Eine Schizophrenie - nicht die einzige.

    Noch immer gibt es die Verklärung von Idolen und Ideen -
    Keimzelle für Fanatismus und Gewalt.
    Religionen haben modellhaften Charakter für alle Ideologien.
    Die Strategie der Macht: Man ernennt sich zum Hüter des Guten und errichtet eine Glaubensgemeinschaft; in deren Dienst werden angeborene Hemmungen schlichtweg abgeschaltet.

    Die ganze Tragik der sorgsam kultivierten Gläubigkeit 'Schuld' manifestiert sich in den Kriegen. Gegenseitige Schuldzuweisungen markieren die Leidenswege der Menschheit. Trotz schlimmster Erfahrungen - noch immer werden tödliche Rituale von Schuld und Vergeltung zelebriert.

    Auch demokratische Staaten pflegen ihre spezifischen Gläubigkeiten;
    so kann auch hier der Zweck die Mittel heiligen - buchstäblich.
    Nationalstolz - ein Glaube mit bluttriefender Symbolik;
    feierliche Berufung auf den Friedfertigen,
    Gräuel im Namen der Ehre.
    Unsäglich.

    "Soldaten sind Bürger in Uniform"? Bürger müssen ihre Taten verantworten - Uniformen legalisieren das Töten. Schuld wird delegiert. Die gegnerischen Bürger in Uniform sind natürlich alle schuldig, dürfen getötet werden - man unterscheidet sie treffsicher von den unschuldigen Zivilisten. Es gibt Unvermeidbares - man bedauert.

    Was nur befähigt brave Familienväter, Familien zu verbrennen? Gläubigkeit, der Glaube an eine Mission. Gerechte bombardieren gegen das Böse - Kreuzzug-Syndrom.

    Die Gemetzel des 20. Jahrhunderts - in ihrer Ungeheuerlichkeit liegt der Zugang zum Verständnis: Würde man Willensfreiheit unterstellen - die Menschheit müsste ihre Selbstachtung aufgeben und jede Hoffnung begraben.
    Dieses Verständnis ist Trost und Chance.

    Das zigmillionenfache Sterben mahnt zur Besinnung. Hatten Vorgänge in einigen Gehirnen 'Schuld'? Können wir uns steinzeitliche Einfalt noch leisten?

    Machtausübende haben schon immer erkannt: durch ständige Betonung von Freiheit werden die Massen besonders leicht manipulierbar. Wir blieben diesen archaischen Verhaltensmustern schicksalhaft ausgeliefert, wenn das menschliche Hirn nicht die Fähigkeit der Selbstreflexion entwickelt hätte.

    Mit dem Einblick des Gehirns in die eigenen Funktionen beginnt ein Umdenken von größter Tragweite, ein endogener heilsamer Kulturschock ohne Alternative.

    Wir haben uns in einer Zivilisation der Schlachtfelder und Gefängnisse etabliert und erteilen ihr Weihen. Gläubigkeiten verschleiern unsere Möglichkeiten. Missachtung von Wissen, Unterdrückung des Denkens ist ein Unterrichtsfach; Kontradiktion zur Wissenschaft wird als Fakultät anerkannt. Fundamentalismus hat viele Gesichter.
    Es geht darum, mentale Ressourcen zu erschließen, die Hintergründe des Welttheaters zu durchschauen. Programmänderung ist überfällig.

    Ideologische Konstrukte haben gezeigt was sie vermögen. Garant kultureller Höherentwicklung ist die exakte Wissenschaft; Voraussetzung: kompromisslose Integration des Geistigen. Oder weiterhin Geisterglaube neben Neurologie und Genetik?

    Wir können die essentielle Trennung vom Primitiven vollziehen, die verhängnisvolle Fehlinterpretation 'Willensfreiheit' korrigieren. Es gibt aber keinen leichten Weg - und keinen schnellen. Kontrolle der Subjektivität ist eine gewaltige Einübung disziplinierten Denkens.

    Eine Gesellschaft ohne den Freiheitsbegriff - eine Utopie?
    Diese Frage stellt sich nicht wirklich. Die menschliche Intelligenz als Gemeinschaftsleistung kann gar nicht vor einer Illusion kapitulieren - nicht für immer;
    utopisch ist eine Zukunft im kulturellen Status quo.

    Die Aktivierung des intellektuellen Potenzials - das Ende bequemer Simplifizierungen.
    Wir dürfen uns einiges zutrauen. Immanuel Kant: "... das moralische Gesetz in mir."
    Jeder würde es als verwerflich empfinden, an einer Werteordnung festzuhalten, deren Grundlage sich als falsch erweist.

    Das falsche religiöse Menschenbild steht sich selbst im Wege, behindert die Entfaltung einer feineren Sensibilität. "Liebet eure Feinde!" - die überragende Weisheit - blockiert durch den dogmatisierten Irrtum Schuld - von jeher und überall die Legitimation infantiler Grobheit.

    Jede Art von Glauben ist eine Denk-Blockade.
    Kein Glaube hat argumentative Bedeutung.
    Weder die Beliebtheit von Phantastereien noch die Gewöhnung an ein Trugbild begründen deren Notwendigkeit. Der persönliche Respekt vor Gläubigen rechtfertigt keinen Artenschutz für Gläubigkeiten.

    Wer tradierte Voreingenommenheiten und die Eitelkeit des Ego ablegt, der sieht sich und seine Mitmenschen als biologische Systeme, eingebunden in einem gigantischen Netz innerer und äußerer Wirkungen; Primaten mit extremen Gehirnen - höchst leistungsfähig, aber in beinahe somnambuler Befangenheit.

    Die wissenschaftliche Sichtweise ist pure Ethik.
    Albert Einstein: "... eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz."
    Nicht ein entrücktes Streben nach Transzendentem, sondern nüchternes Denken führt zur Güte des Verstehens, zu jener extrovertierten warmherzigen Humanität, die keinen Hass kennt - unverzichtbarer Bestandteil eines Pragmatismus, welcher die Probleme des Zusammenlebens an ihren Ursprüngen löst.

    Abkehr vom Hochmut der Lehren, Hinwendung zur bewährten Methodik; es gibt Vorboten für einen globalen Konsens. Erkenntnisse lassen sich nicht unterdrücken: 'Körper, Geist und Seele' bezeichnet eine Einheit, eine von vielen Hervorbringungen der allumfassenden Natur; uralte Thesen, die den Menschen aus der Natur herausloben, verstummen allmählich - Grund zum Optimismus. Die gern bejammerte Entzauberung unseres Daseins ist ein evolutionärer erster Schritt in eine vielversprechende Epoche.

    Überwindung der Illusion Willensfreiheit -
    die Entwicklung eines neuen autonomen Bewusstseins.
    Ein emanzipatorischer Prozess - der Aufstieg zum wahren Homo sapiens.

    Das allgemeine Wissen um die Zwangsläufigkeiten entmachtet die Manipulierer.
    Endlich findet auch das große Postulat der unantastbaren Würde eines jeden Menschen gebührende Akzeptanz.

    Der betörende Glanz des Unwirklichen verblasst.
    Früher oder später wird die Spezies ihre von Gläubigkeiten bestimmte gefährliche Entwicklungsphase hinter sich lassen.
    Künftige Generationen werden zurückblicken auf vorkulturelles Geschehen und mit Schaudern vernehmen, was Unwissende sich einst zugefügt haben.


    13. Erbsünde und stellvertretendes Opfer

    Zentral für die christliche Religion sind zwei Konzepte, das der Erbsünde (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Erbs%FCnde) (aus verschiedenen Gründen auch Ursünde genannt, vergleiche auch den Eintrag Erbsünde (→ http://www.stjosef.at/morallexikon/erbsuend.htm) aus einem katholischen Morallexikon) und das des stellvertretenden Opfers. Zu beiden Konzepten möchte ich Ihnen hier meine Überlegungen darlegen.

    Nach christlichem Glauben sind wir alle mit der Erbsünde "befleckt". Sünde ist ein Verstoß gegen moralische Gebote und stellt zugleich ein Ungehorsam gegen Gott dar (zu dem Konzept der Sünde siehe auch Was ist eigentlich "Sünde"?). Wenn ich also gegen eines der Gebote Gottes verstoße, bin ich ungehorsam und sündige. Ich habe Schuld auf mich geladen. Was aber ist Erbsünde? Dies ist der erste Ungehorsam von Menschen gegen Gott - Adam und Eva haben das einzige Gebot, welches Gott ihnen gegeben hat, übertreten und von der verbotenen Frucht gegessen. Daraufhin wurden beide aus dem Paradies verstoßen. Seitdem sind die Menschen sterblich. "Der Tod ist der Sünde Sold" wie die Christen sagen. Oder, anders gesagt, der Tod ist die Strafe Gottes für die Übertretung seines Gebotes (siehe auch Wie Eva und Adam ausgetrickst wurden und Adam - die wahre Geschichte?).

    Aber warum sind alle Menschen davon betroffen? Keiner von uns hat die Frucht gegessen, sicher gibt es auch genug Menschen, die unter vergleichbaren Umständen dies niemals getan hätten. Aus gutem Grund kennen wir in unserer Moral das Konzept der stellvertretenden Schuld nicht. Schuld ist nicht übertragbar. Schuld entsteht, wenn jemand gegen ein Gebot verstößt und er dafür verantwortlich ist. Gibt es keine Verantwortung, dann gibt es auch keine Schuld. Wir kennen sogar die verminderte Schuldfähigkeit, wenn jemand für seine Handlung nicht voll verantwortlich ist. Und wir benutzen den Begriff "unschuldig" für jemanden, der für die Konsequenzen einer Handlung nicht verantwortlich ist. Also trifft niemanden von uns die Schuld für das Versagen von Adam und Eva außer Adam und Eva selbst. Wir kennen auch die Idee einer Sippenhaftung nicht mehr, ebenfalls aus gutem Grund. Aber jemanden für etwas verantwortlich zu machen, für dass dieser nichts kann, woran er nicht bereiligt war, das empfinden wir als ungerecht. Nicht umsonst verwenden wir vor Gericht viel Mühe darauf, den Verantwortlichen für ein Verbrechen herauszufinden, und lieber lassen wir einen Schuldigen laufen, weil wir ihm seine Verantwortung nicht nachweisen können, als dass wir es zulassen, einen Unschuldigen für etwas zu bestrafen, was er nicht getan hat.

    Warum fällt Christen nicht auf, dass das Konzept der Erbsünde falsch ist? Nun, die Erbsünde wird für etwas anderes benötigt, für die Erlösung. Niemand, der unschuldig ist, wäre erlösungsbedürftig. Man kann nur jemanden von einer Schuld erlösen, für die dieser auch verantwortlich ist. Keine Verantwortung, keine Schuld, keine Erlösung.

    Aus diesem Grund wurde das Konzept der Erbsünde auch ersetzt durch die Idee der Ursünde. Demnach wurde durch die ersten Menschen, durch ihren Ungehorsam gegen Gott, ein Niedergang der Schöpfung eingeleitet, der uns Verhältnisse beschert, die zwangsläufig dazu führen, dass wir sündigen. Anders gesagt, die menschliche Natur wurde verdorben, was dazu führt, dass wir sündigen. Aber wiederum können wir für diesen Niedergang nichts, wir leiden zwar darunter, aber wir sind nicht ursächlich dafür verantwortlich. Denn der Niedergang beschert uns Verhältnisse, die notwendig dazu führen, dass wir sündigen werden, dies macht uns natürlich zwar verantwortlich für das, was wir selbst tun, aber nicht für das, was Andere getan haben. Ja, der Umstand, dass wir für diese Verhältnisse nichts können, vermindert sogar unsere eigene Schuldfähigkeit! Denn auch in der Rechtssprechung ist es so, dass wenn wir jemanden in eine Situation bringen, in der dieser nicht anders kann als ein Gesetz zu brechen, wir hier eine Schuld teilweise oder sogar ganz verneinen. Und wir können auch nicht rückwirkend für die Taten anderer Menschen verantwortlich gemacht werden. Jeder würde es ablehnen, eine Strafe für die Untaten seiner Vorfahren zu akzeptieren, vor allem, wenn diese vor Jahrtausenden gelebt haben. Es liegt in der menschlichen Natur zu sündigen, die wir aufgrund der Taten unserer Vorfahren haben (laut christlichem Glauben).

    Jede schlechte Tat begründet deswegen eine Schuld, weil wir eine Entscheidung getroffen haben. Wann haben Sie oder ich mich dazu entschieden, ein Mensch mit dieser Natur zu werden? Wenn wir uns aber nicht dazu entschieden haben und wir keine andere Wahl hatten, dann trifft uns auch keine Schuld. Niemand hält es für gerecht, jemanden für eine Handlung zu bestrafen, die dieser unter keinen Umständen hätte vermeiden können.

    In Diskussionen mit Christen wird von Atheisten oftmals von der Inquisition oder den Kreuzzügen gesprochen und dies quasi als Vorwurf den heutigen Christen vorgehalten. Das ist natürlich Unsinn, denn kein heute lebender Christ kann etwas dafür, dass Christen vor Jahrhunderten Hexen verbrannt haben. Aber halt, wenn das Konzept der Ursünde gerechtfertigt ist, hat dann nicht der Christ mit dem Christentum die Verantwortung für diese Taten mit übernommen, ist folglich schuldig an der Ermordung Unschuldiger? Der Christ, der dieses Ansinnen zu Recht zurückweist, weist eigentlich auch das Konzept der Ursünde zurück! Alle Argumente, die er aufwendet, um diese Schuld zurückzuweisen, kann man auch auf die Erb- oder Ursünde anwenden.

    Wenn Gott gerecht ist, dann gibt es keine Erbsünde. Wenn Gottes Gerechtigkeit sich aber fundamental von unserer Gerechtigkeit unterscheiden sollte (ein Ausweg, den Christen wählen, wenn man sie auf den konzeptionellen Fehler in der Erbsündentheorie aufmerksam macht), dann sollte man sie nicht als "Gerechtigkeit" bezeichnen, sondern einen anderen Ausdruck dafür verwenden, um keine Verwechslung heraufzubeschwören. Dann wäre das Etikett "gerecht" bei Gott ein Etikettenschwindel oder eine irreführende Wortverwendung.

    Nun sind wir also für die Taten der ersten Menschen so wenig verantwortlich wie ein heute lebender Christ für die Inquisition oder die Kreuzzüge. Verantwortlich sind wir nur für unsere eigenen Taten. Und die meisten dieser Taten der meisten Menschen verdienen auf keinen Fall die Todestrafe - schon überhaupt nicht für kleine Kinder, die viel zu oft sterben, bevor sie überhaupt die Gelegenheit hatten, etwas Böses zu tun. Wir können auch nichts dafür, dass die menschliche Natur verdorben ist. Das macht uns allenfalls weniger schuldig, nicht mehr. Wenn die Eltern eines Täters Alkoholiker waren, die ihn oft schlugen und vernachlässigten, dann werden wir bei einem Urteil eher milde gestimmt sein als bei jemandem, der in "geordneten" Verhältnissen aufgewachsen ist und aus Spaß Diebstähle begeht.

    Wenn es aber keine Erbsünde gegeben hat, wozu dann der Opfertod Christi? Wozu Erlösung? Und damit stoßen wir gleich schon auf die nächsten Probleme - erlöst werden kann man erstens nur von seiner eigenen, individuellen Schuld, und zweitens kann niemand stellvertretend für uns diese Schuld übernehmen. Und drittens - welche der Sünden, die Sie jemals in ihrem Leben getan haben, würden den grausamen Tod der Kreuzigung als eine angemessene Strafe rechtfertigen?

    Fangen wir mit ersten Problem an: Angenommen A hat jemanden umgebracht, und an seiner Schuld besteht kein Zweifel. Würden Sie es für gerechtfertigt halten, wenn B, ein Unbeteiligter und Unschuldiger, nun für diese Tat büßen soll? Sicher würde dies Ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn B damit einverstanden ist. Wir empfinden es als Barbarei, jemand Anderen für etwas büßen zu lassen, was dieser nicht getan hat. Was ruft in Kriegen die größte Empörung hervor? Nicht einmal, dass Soldaten andere Soldaten töten, sondern wenn - selbst durch Versehen - Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, dabei ums Leben kommen. Was empört uns daran? Dass Frauen und Kinder für etwas büßen müssen, für das sie nichts können.

    Aber Jesus, so wird behauptet, war nicht nur moralisch vollkommen (was seine Schuld an irgendwelchen Geschehnissen positiv ausschließt), er ist auch noch angeblich für unsere Sünden gestorben. Nun könnte man das durchaus als heroische Tat werten. Angenommen, Sie wären zum Tode verurteilt, und ich würde mich anbieten, an ihrer Stelle diese Strafe auf mich zu nehmen. Dann wären Sie durch eine solche Tat sicherlich beeindruckt. Aber angenommen, ich wäre unsterblich und würde nach drei Tagen wieder von den Toten auferstehen, wäre dann meine Tat immer noch so heroisch? Wäre es nicht vielmehr so, dass ich unter diesen Umständen geradezu dazu verpflichtet wäre, an ihrer Stelle zu sterben? Was also ist so besonders daran, dass ein unsterblicher Gott sich für uns opfert? Heroisch und vorbildlich wäre diese Tat nur dann, wenn damit tatsächlich alle Menschen gerettet würden, aber dies ist nach christlicher Vorstellung nicht der Fall. Nur wenn man diese Tat besonders lobpreist, bekommt man das ewige Leben (nach Ansicht der Katholiken werden Menschen, die Jesus in vollem Bewusstsein ablehnen, dereinst nicht ewig weiterleben, nach Ansicht der meisten anderen Christen werden diese auch noch ewige Qualen erdulden müssen, was noch viel schlimmer ist als der Tod - wenn Sie und ich die Wahl zwischen "ewigen Qualen" und "endgültigem Tod" hätten, wir würden beide vermutlich den Tod wählen).

    Wir sind aber, nach christlichem Glauben, nicht nur zum Tode verurteilt worden wegen einer Tat, für die uns keine Schuld treffen kann, wir müssen auch noch denjenigen, der für unseren Tod letztlich verantwortlich ist, für moralisch perfekt halten, damit wir Hoffnung haben, nicht endgültig zu sterben oder ewig gequält zu werden. Für mich ist es untragbar, Gott, der mich zum Tode verurteilt hat für meine Sünden, auch noch für moralisch vollkommen halten zu müssen, damit das Todesurteil revidiert wird. Es mag sein, dass wir begrenzte Dankbarkeit für einen Tyrannen empfinden, der uns zum Tode verurteilt (wegen Taten, die kein Todesurteil verdienen) und der uns dann davon erlöst. Aber wir würden ihn immer noch für einen Tyrannen halten und jede Lobpreisung, die wir leisten sollen, für erzwungen und abgepresst halten. Wie sollten wir auf die Idee kommen, diesen Tyrannen für "moralisch vollkommen" zu halten? Und so sehe ich es auch bei Gott, mit will einfach nicht einleuchten, warum Gott als besonders verehrungswürdig zu gelten hat, wo er uns doch für unsere Sünden zum Tode verurteilt hat. Ich habe nichts getan, was dieses Todesurteil rechtfertigen würde, wie die meisten Menschen auch.

    Nein, die Idee der Erb- oder Ursünde ist falsch, der Tod dafür als Strafe überzogen, das Sühneopfer von Jesus dafür ist ebenfalls falsch, es steht auch in keinem Verhältnis zu den Taten - viele Menschen sind für nichts und wieder nichts schlimmeren Qualen ausgesetzt worden als Jesus, und sie sind nicht wieder auferstanden, sondern haben nur eine vage Hoffnung darauf gehabt, sofern sie bereit waren, diese Unlogik hinzunehmen (und viele, die grausam umgekommen sind, wussten nicht einmal etwas von dieser Hoffnung). Und eine Erlösung von der Ursünde - angeblich durch das Sühneopfer von Jesus bewirkt - können wir weit und breit nichts bemerken, die Verhältnisse sind nach wie vor schlecht. Es scheint, die Opferung war vergeblich - zumindest, was diese Welt betrifft. Und die nächste, bessere Welt werden - laut christlichem Glauben - nicht alle von uns erreichen.

    Jesus, so scheint es, hat sich nicht für unsere Sünden geopfert, sondern für die allgemeine Schlechtigkeit der Welt, für die wir nichts können, für die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden. Dafür ist - letztlich - Gott verantwortlich, also hat Gott sich selbst für seine eigene Schuld geopfert - d. h. wirklich geopfert hat er sich nicht, ein Opfer beruht auf einem Verzicht, ich sehe aber nicht, worauf Gott verzichtet hat - angesichts der Ewigkeit kann man kaum von Verzicht reden. Vielleicht "verzichtet" er darauf, uns alle endgültig sterben zu lassen? Das Gott einmal erfahren hat, wie es ist, als Mensch zu leben und zu sterben erscheint mir auch eher eine Art Katastrophenvoyeurismus zu sein.

    Wenn Gottes Gerechtigkeit sich so weit von dem entfernt, was wir für gerecht halten, dann weigere ich mich, dafür den Begriff "Gerechtigkeit" zu benutzen, ich halte das sogar für zynisch. Und doch ist das alles der Kern der christlichen Welt- und Wertvorstellung, die für mich damit völlig unakzeptabel wird. Abgesehen davon kann man nicht einmal beim besten Willen behaupten, dass der in der Bibel dargelegte Heilsplan in irgendeiner Weise logisch nachvollziehbar oder transparent ist (siehe auch die Texte zum Heilsplan I und Heilsplan II). Das Christentum erscheint mir hier eher als eine traurige Abirrung von Vernunft, Logik und menschlicher Moral. Ich jedenfalls kann nicht glauben, dass das richtig ist. Wie beim Heilsplan auch - Widersprüche und Ungereimtheiten, wohin man auch sieht.

    Konfusius, er zitiert: "Der Glaube an die Erbsünde hat die wahre Erbsünde geschaffen. Das Christentum predigte so lange die Bösheit der menschlichen Natur, bis diese wirklich böse wurde." ((Richard Graf von Coudenhove-Kalergi, österr. Politiker u. Publizist, 1894-1972))


    13. Einwände gegen die Wissenschaft

    Wann immer man mit Gläubigen über Religion diskutiert und Argumente aus der Wissenschaft bringt, kommen eine Reihe von Einwänden. Mit diesen möchte ich mich hier auseinandersetzen:

    Die Wissenschaft kann auch nicht alles erklären

    Stimmt - das ist auch nicht ihr Anspruch. Aber einige Dinge kann sie sehr gut erklären, besser jedenfalls, als es die Religion könnte. Vor allem kann sie Dinge erklären, ohne sich dabei in logische Widersprüche zu verwickeln und ohne sich auf ein blindes Vertrauen auf Dinge zu berufen, die man nicht weiß oder nicht wissen kann (= Glauben). Siehe dazu auch den ausführlichen Text: Können Theologen die Welt erklären?

    Man muss auch nicht alles erklären können, es reicht aus, wenn die Dinge, bei denen man es kann, Hand und Fuß haben. Außerdem, wenn die Wissenschaft etwas nicht erklären kann, dann bedeutet es nicht, dass die Religion es besser oder überhaupt kann. Es kann auch sein, dass es keine zutreffende Erklärung gibt, oder dass die Wissenschaft die richtige Erklärung noch nicht gefunden hat. Jedenfalls ist die Methode wissenschaftlichen Erklärens generell vorzuziehen.

    Nehmen wir dazu ein populäres Beispiel:

    Die Wissenschaft kann z. B. den Ursprung der Welt nicht erklären

    Ja - aber der Gläubige kann das auch nicht. Etwas erklären können heißt, die Geschichte eines Dings rekapitulieren zu können und es auf bereits bekannte Dinge zurückzuführen. Da wir über Gott nichts wissen und er für uns "unerforschlich" ist, bedeutet es, wenn man sagt, Gott habe die Welt erschaffen, dass man Unerklärliches im Übermaß in seiner "Erklärung" hat, was bedeutet, es handelt sich um eine Scheinerklärung. Außerdem, wer behauptet, man müsse die Existenz der Welt erklären und dann Gott einführt, der provoziert die Frage, wie man denn die Existenz Gottes erklären kann?

    Der Gläubige, der meint, er könne die Existenz des Universums mit Gott erklären, kann nicht wirklich die Existenz des Universums erklären, zusätzlich hat er noch Gott, dessen Existenz er auch nicht erklären kann, folglich kann der Gläubige weniger erklären als der Atheist, er hat mehr unbekannte Elemente in seiner Pseuderklärung, womit die Erklärung, dass Existenz ein "rohes Faktum" ist, seiner Erklärung überlegen ist (eine Erklärung ist umso besser, je weniger unbekannte und selbst erklärungsbedürftige Elemente sie enthält).

    Außerdem ist die Erklärung der Gläubigen auch noch selbstwidersprüchlich (siehe auch Draygombs Paradoxon - Gott und die Zeit).

    Ferner ist es ein Denkfehler, zu meinen, dass die Existenz des Universum selbst überhaupt erklärbar sein muss. Wenn wir auch meinen, alles im Universum sei erklärbar, so muss dies für die Gesamtheit aller Existenz nicht gelten. Wenn es kein Kaninchen gibt, welches 1.000 Jahre alt wird, bedeutet dies dann auch, dass die Gesamtheit der Kaninchen (die Menge aller Kaninchen) nicht 1.000 Jahre alt werden kann? Das ist offensichtlich falsch! Eine Menge als Abstraktum hat nicht die Eigenschaft, die alle Elemente dieser Menge besitzen. Wenn also alle Elemente des Universums erklärungsbedürftig sind, bedeutet dies nicht, dass es das Universum auch ist.

    Weiter: Man kann die Existenz der Welt widerspruchsfrei auf mehrere Weisen erklären:

    Da alle diese Ansichten widerspruchsfrei sind, sind sie auch alle der theistischen Pseudoerklärung überlegen. Sie mögen unbefriedigend sein, vor allem, weil alle diese Erklärungen einen Schöpfergott explizit ausschließen, aber es ist nicht die "Aufgabe" der Realität, für uns befriedigend zu sein - meist ist sie das ohnehin nicht.

    Wissenschaftler können keine Warum-Fragen beantworten

    Die Wissenschaft bemüht sich, überall das Wie einer Sache zu erklären und weniger das Warum. Das liegt nicht etwa daran (wie viele Theologen, manchmal auch Wissenschaftler meinen), dass die Wissenschaft dafür nicht zuständig ist und man dafür Metaphysik, Religion oder sonstwas braucht, sondern weil, wenn wir nach dem Warum fragen, immer die Frage nach der Ursache von etwas meinen. Das setzt voraus, dass alles eine Ursache hat. Aber da, wo es keine Ursache gibt (weil es sich beispielsweise um "blinden Zufall" handelt), ist die Frage danach auch sinnlos. Es ist ein Vorurteil, zu meinen, dass es auf jede Warum-Frage auch eine Antwort geben müsse.

    Ein Beispiel: Wenn ich frage, warum lag beim Würfeln die sechs oben?, dann kann diese Frage nur sinnvoll beantwortet werden, wenn es eine Ursache dafür gab. Die Antwort "Weil eine der sechs Seiten oben liegen musste" ist zwar korrekt, aber völlig unbefriedigend. Nun kann der Würfel manipuliert worden sein (z. B. kann die Seite mit der Eins schwerer sein, oder eisenhaltig, und jemand hat unter dem Tisch einen Magneten eingeschaltet). In diesem Fall ist die Frage berechtigt und beantwortbar - prinzipiell. Es kann aber immer noch sein, dass wir diese Frage nicht stellen oder die Antwort nicht bekommen, oder unsere Antwort falsch ist. Das kann man erst durch eine genaue (wissenschaftliche) Untersuchung klären.

    Aufgrund des Münchhausentrilemmas kann man immer noch weitere Warum-Fragen stellen. Warum gibt es die Welt? Gott hat sie geschaffen. Warum gibt es Gott? Ja, das kann ein Theologe auch nicht erklären. Auch Theologen haben dieselben Schwierigkeiten mit Warum-Fragen wie die Wissenschaftler. Letztere behaupten nur nicht, auf solche Fragen eine Antwort zu haben, wenn sie keine haben. Außerdem, zu behaupten, man habe eine Antwort auf eine Warum-Frage, bedeutet noch lange nicht, dass diese Antwort auch richtig ist.

    Warum meint nun der Theologe, die Warum-Frage nach dem Ursprung der Welt beantwortet zu haben? So ganz unberechtigt ist das nicht. Wenn Gott einen freien Willen hat, dann kann er auch frei entscheiden, und wenn seine Entscheidung nicht determiniert war, dann sind wir mit den Warum-Fragen tatsächlich am Ende angekommen. Ein freier Willen impliziert, dass die Entscheidung nicht determiniert war, was aber wiederum bedeutet, dass dies vom Zufall für uns nicht unterscheidbar ist. Letztlich antwortet damit der Theologe auf die Frage ebenfalls, dass die Welt entstanden ist, weil es nun zufällig so war! Damit ist seine Antwort aber in keinem Fall besser, als wenn man sie mit "die Welt ist eben zufällig entstanden" beantwortet, es scheint nur so. Andernfalls müsste der Theologe erklären, warum sich Gott nicht anders entscheiden konnte, und das wird kein Theologe tun, weil er dann wiederum Gott einen freien Willen in dieser Frage abspricht (und sich in anderen Fällen dann schlecht auf "Gottes Unerforschlichkeit" zurückziehen kann, wenn er mal keine Antwort auf eine Frage hat).

    Die Behauptung, es müsse auf alle Warum-Fragen eine Antwort geben, impliziert ferner, dass alles eine Ursache hat, und damit, dass alles determiniert ist. Und wenn man Gott mit einbezieht, dann müsste man das auch von Gott behaupten. Alternativ kann man eben nur den Zufall mit berücksichtigen, das ist unbefriedigend, aber eben unvermeidbar. Zufälle stoppen die Kette der Warum-Fragen, sie tun es nur dann nicht, wenn man den Zufall explizit ausschließen kann oder wenigstens gute Gründe für die Annahme hat, es handle sich nicht um Zufall. Und weil wir Menschen die Neigung haben, hinter allem eine Ursache zu vermuten, meinen wir auch, immer weiter Warum-Fragen stellen zu können. Dass wir diese Neigung haben, hat evolutionäre Gründe: Es ist besser, eine falsche Ursachenvermutung zu haben, als keine Erklärung, denn aus dem Zufall kann man kaum etwas lernen. Und wir müssen lernen, um die Welt besser "in den Griff" zu bekommen und zu überleben.

    An die Beantwortung von Warum-Fragen werden oft nur zwei Ansprüche gestellt: Sie müssen etwas kausal erklären, und diese Erklärung muss befriedigend sein. Einen dritten Anspruch würde ich unbedingt hinzufügen: Die Erklärung sollte wahr sein (das ist nicht unbedingt dasselbe wie befriedigend - etwas kann wahr sein, aber unsere Ansprüche nicht erfüllen). Der erste Anspruch kann oft nicht erfüllt werden, der zweite Anspruch ist mehr eine Geschmacksfrage - man kann immer sagen: "Für meinen Geschmack ist die Antwort unbefriedigend" (etwa, wenn man sich auf Zufall beruft). Damit bleibt immer eine Hintertür offen, mit der ein Theologe behaupten kann, die Wissenschaft könne diese oder jene Warum-Frage nicht klären. Aber wenn er selbst seine Maßstäbe, die an die Wissenschaft angelegt werden, an seine Antworten anlegen würde, wären seine Antworten völlig unbefriedigend, schlechter als die der Wissenschaft. Und wenn er die Ansprüche, die er an seine Antworten anlegt, an die der Wissenschaft anlegen würde, würde er sehen, dass die Antworten der Wissenschaft der seinen weit überlegen sind.

    Die Wissenschaft beantwortet also auch Warum-Fragen, aber erst, nachdem sie das Wie geklärt hat, weil man nur dann erkennen kann, ob die Frage nach dem Warum überhaupt sinnvoll ist (zudem sind viele Warum-Fragen bereits geklärt, wenn man alle Wie-Fragen hinreichend beantwortet hat). Man kann dann immer noch Warum-Fragen stellen, die meist sogar sinnvoll erscheinen, um dann wie die Theologen in reinem Denken eine Antwort zu finden, aber ob sich diese Fragen klären lassen ist bereits fraglich, ob sie sich mit reiner Vernunft klären lassen, ist noch fraglicher. Und fragwürdige Antworten auf Fragen sind keine richtigen Antworten, sondern häufig eben nur Pseudo-Antworten - und damit geben sich Wissenschaftler meist nicht ab. Das ist kein Verfahrensmangel, sondern eine Folge intellektueller Redlichkeit, die ich den Theologen nicht generell abspreche, wo ich aber begründete Zweifel habe.

    Die Wissenschaft irrt häufig

    Ja, aber im Gegensatz zur Theologie ist jeder entdeckte Irrtum ein Triumph der Wissenschaft. Irrtümer sind der Motor, der die Wissenschaft antreibt, daher ist die Theologie zum Stillstand verurteilt. Außerdem, wenn die Methode der Wissenschaft falsch wäre, woher wollte man dann wissen, dass sich die Wissenschaft irrt? Dann könnte es ein Irrtum sein, anzunehmen, dass sich die Wissenschaft irrt. Aber es waren in erster Linie Wissenschaftler und keine Gläubigen, die die Irrtümer der Wissenschaft herausgefunden haben. Wenn man also sagt, dass die Wissenschaft irrt, erkennt man ihre Methode an, man muss ihr zugestehen, dass sie etwas richtiges herausfinden kann (nämlich, was ein Irrtum ist). Das bedeutet, man kann der Wissenschaft nicht ihre Irrtümer vorhalten und meinen, sie sei deswegen falsch. Die Richtigkeit der Wissenschaft erweist sich gerade darin, dass sie ihre eigenen Irrtümer aufdecken kann.

    Würde man immer nur herausfinden, was man sowieso schon vermutet hat, dann müsste man misstrauisch werden: Das wäre ein starkes Indiz dafür, dass man die Erkenntnis im Kopf konstruiert. Das ist das, was der Konstruktivismus (oder generell ein sog. Antirealist) behauptet. Was die Konstruktivisten nicht erklären können, ist der Umstand, dass wie mit unseren Theorien häufiger scheitern als Erfolg haben. Der Realist kann das gut erklären: Theorien scheitern an der Realität. Insofern sind die Irrtümer ein deutliches Zeichen dafür, das sich die Wissenschaft mit der Realität beschäftigt.

    Außerdem sind die Irrtümer der Theologie nur deswegen nicht zu finden, weil sie sich gegen Widerlegung immunisiert. Das ist aber keine Kunst, weil man jeden x-beliebigen Unsinn gegen Widerlegung immunisieren kann, und nur, wer die Erkenntnis fürchtet, hat dies auch nötig. Es ist also genau andersrum: Dass man meint, keine Irrtümer in der Theologie zu finden, spricht gegen die Theologie, dass man Irrtümer in der Wissenschaft findet, spricht für die Wissenschaft - und vor allem dafür, dass letztere sich mit der Realität beschäftigt, während erstere ihre Erkenntnisse im Kopf konstruiert. Wenn also die Konstruktivisten Beispiele suchen, dass wir uns die Erkenntnisse über die Welt im Kopf konstruieren, so sollten sie in der Religion danach suchen, nicht in der Wissenschaft.

    Wissenschaft ist auch "nur" ein Glauben

    Wieso "nur"? Bedeutet dies, dass Glauben eben doch keine Tugend ist, sondern etwas Schlechtes? Wieso berufen sich die Gläubigen dann darauf, wenn sie doch meinen "nur" zu glauben? Und wenn die Gläubigen meinen, es sei gut, sich auf den Glauben zu berufen, wieso dürfen es denn dann die Wissenschaftler nicht auch?

    Benutzt man den Begriff "Glauben" wie in der Umgangssprache, nämlich, etwas zu vermuten und es nicht genau zu wissen, einen Irrtumsvorbehalt zu haben, so glauben auch Wissenschaftler. Benutzt man Glauben im religiösen Sinne als "blindes Vertrauen in Dinge, für die es keine Evidenzen gibt und die nicht rational zu rechtfertigen sind", so glauben die Wissenschaftler nicht, sondern sie haben einen rational gerechtfertigten Glauben, der nicht aus blindem Vertrauen besteht, sondern jederzeit auf den Prüfstand gestellt wird, angezweifelt wird und der widerlegt wird, ein Glauben, der verworfen wird, wenn er sich nicht rational rechtfertigen lässt, wenn es keine Evidenzen dafür gibt oder wenn er logische Widersprüche enthält. Die religiös-Gläubigen sind hingegen meist nicht bereit, ihren Glauben aufzugeben, wenn er logische Widersprüche enthält.

    Man sollte die beiden Verwendungsweisen des Wortes "Glauben" nicht als eine billige und unzutreffende Analogie verwenden. Beide Begriffe des Wortes "Glauben" meinen unterschiedliche Sachverhalte, die man nicht vermischen sollte.

    Die wissenschaftlichen Theorien widersprechen sich

    Ja. Allerdings haben Wissenschaftler ein Verfahren entwickelt, sich zu einigen, welche Theorie zutreffender ist, wie man an den sich widersprechenden Religionen ersehen kann, mangelt es daran den Gläubigen. Wissenschaft konvergiert, Glauben divergiert, es gibt weltweit nur eine Physik, unabhängig von der Kultur, nur bei Dingen, für die man nicht genug Evidenzen hat, kommt es zu widersprüchlichen Theorien. Aber im Laufe der Zeit lösen sich diese Widersprüche auf, beim Glauben nehmen sie zu. Auch nach mehr als 3.000 Jahren streiten sich die Religionen immer noch über die grundlegenden Dinge, in der Wissenschaft streitet man sich nach nur 400 Jahren kaum noch darum, sondern man streitet sich nur über Dinge, die sich am Rande des expandierenden Wissens befindlich sind. Und man streitet sich friedlich, nur mit Worten - noch nie wurde ein Krieg aus dem Widerstreit der Wissenschaftler ausgelöst, aber Kriege aufgrund religiöser Meinungsverschiedenheiten sich auch heute noch gang und gäbe.

    Sollten die Religionen nicht allmählich mal von der Wissenschaft lernen, wie man sich bei Widersprüchen friedlich einigen kann? Das wäre ein größerer Fortschritt für die Welt als das Liebesgebot Jesu, woran sich ohnehin viele Menschen nicht halten. Der Widerspruch der Theorien führt wenigstens nicht zum Krieg, ich wollte, dies könnte man von den Widersprüchen der Religionen auch behaupten.

    Fazit

    Die meisten Einwände gegen die Wissenschaft entpuppen sich schnell als falsche Argumente. Es gibt auch ernsthafte Kritik an der Wissenschaft, die man nicht so leicht abtun sollte. Ein Großteil dieser Kritik richtet sich aber mehr gegen die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse. Wissenschaftler sind meist Problemlöser, setzt man ihnen ein interessantes Problem vor, so werden sie versuchen, es zu lösen, oft ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Allerdings sind die Konsequenzen oft auch nicht absehbar, so gibt es die Geschichte eines Wissenschaftlers, der sich vor allem mit der Erforschung großer Primzahlen beschäftigte - und zwar einzig aus dem Grund, weil er über etwas forschen wollte, was sich garantiert nicht militärisch verwenden ließ. Später entwickelte man auf der Basis seiner Forschung Methoden starker Verschlüsselung - und das ist nun für das Militär höchst relevant. Wer hätte das auch ahnen können ...

    Wie alle Instrumente, die einem Macht über die Realität geben, kann man Wissenschaft für gute und für schlechte Dinge einsetzen. Und sicher wäre es wünschenswert, wenn die Wissenschaftler häufiger über die moralischen Konsequenzen ihrer Forschung nachdächten (obwohl das, wie das Beispiel mit den Primzahlen zeigt, keine Garantie dafür ist, Wissenschaft nicht zum Schaden einzusetzen) und dies nicht nur den Politikern und den Geldgebern überließen. Und es waren Politiker, die Wissenschaftler mit dem Bau der Atombombe beauftrahten und deren Einsatz befahlen. Und auch hier hat der der Initiator dieser Forschung, Albert Einstein, nur versucht, Schlimmeres zu verhindern, weil er befürchtet hat, dass die Nazis an der Atombombe forschten. Tatsächlich war dies Hitler vorgeschlagen worden (leider von deutschen Wissenschaftlern), aber er glaubte nicht daran, dass es so eine Waffe geben könnte.

    Aber die moralischen Konsequenzen wissenschaftlicher Forschung sind kein Argument gegen die Richtigkeit der wissenschaftlichen Methode, im Gegenteil, Wissenschaft hat genau deswegen moralische Folgen, weil die Methoden sich so gut zur Erkenntnisgewinnung eignen. Eine schlechte oder falsche Wissenschaft hätte - außer dem Aspekt der Ressourcenvergeudung - weniger negative Folgen.

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    13. Was ist von der modernen Theologie zu halten?

    Ich bin dafür gerügt worden, dass ich mich nur mit bestimmten christlichen Auffassungen beschäftige, aber nicht mit der modernen Theologie. Dies würde den - angeblich falschen - Eindruck erwecken, dass ich "das Christentum an sich" widerlegen würde, während ich doch nur fundamentalistische und/oder veraltete Auffassungen kritisiere. Aber die moderne Theologie sei über derlei Einwände längst erhaben, meine Kritik würde sie verfehlen und sie hätte mehr zu bieten als veraltete und falsche Ansichten. Darin ist zwar eingestanden, dass ich meine Kritik des Fundamentalismus in etwa richtig liege, aber insgesamt eben doch falsch, weil ich nur einen eigentlich ohnehin obsoleten Teil des Glaubens "unter die Lupe" nehme.

    Darin verbirgt sich die Behauptung, dass es eben doch gute Gründe für den Glauben gibt, aber nicht die, die ich auf dieser Website betrachte und die ich damit sogar mit einer gewissen Berechtigung ablehne. Ich müsse mich eben mit der modernen Theologie beschäftigen, zum einen, weil diese durchaus die Kritik am (Bibel-)Fundamentalismus mit mir teile, zum anderen, um meinen falschen Eindruck zu korrigieren und nicht mehr den (falschen) Eindruck zu erwecken, ich kritisiere "das Christentum".

    "Das Christentum" - eine Fiktion

    Richtig daran ist: "das Christentum" kann man nicht kritisieren, weil es das überhaupt nicht gibt! Man müsste von einer Vielzahl "individueller Christentümer" sprechen, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Es ist mir noch nicht gelungen - selbst unter Katholiken, die immerhin ein einheitliches Lehramt haben  [14]- zwei Menschen zu finden, die in etwa dasselbe glauben.

    Man muss sich natürlich fragen, warum die modernen Theologen den einfachen, manchmal als "primitiv" geschmähten Glauben nicht selbst öffentlich kritisieren, sondern dies fast gänzlich den Außenseitern überlassen. Es erhebt sich der Verdacht, dass dahinter gute Gründe stecken, etwa die, dass man die Mehrheit der Gläubigen nicht verprellen möchte, lebt man doch selbst von den Pfründen, die einem diese Gläubigen Kirchensteuerzahler bieten. Aber diesen Verdacht beiseite (Verdacht kommt von verdenken), man wundert sich schon, warum das Feld "Internet" nicht von den modernen Theologen genutzt wird, um ihre "richtigen" Ansichten gegen "falsche" Überzeugungen zu verteidigen - am Geld und an der Ausstattung kann es nicht liegen. Allerdings, so kann man einwenden, liegt der Fall in der Wissenschaft durchaus ähnlich, die Anzahl von Wissenschaftlern, die ein Laienpublikum bedienen, ist auch hier durchaus gering.

    Das ich die "moderne Theologie" nicht kritisiere, hat aber eben auch Gründe, die mit zwei Eigenschaften dieser Theologie zu tun haben. Mein Unwillen, die moderne Theologie zu kritisieren, liegen nicht in meinem Mangel an Verständnis derselben begründet, sondern eben an diesen beiden Eigenschaften. Es liegt an der Abgehobenheit vom Glauben und als Folge dessen der Irrelevanz der modernen Theologie für das Glaubensleben der Mehrheit der Christen.

    Abgehobenheit

    Viele Leser meiner Website finden diese zu kompliziert und teilweise zu abgehoben, um für ihren Glauben relevant zu sein. Die Abgehobenheit ließe sich noch mühelos steigern, wenn ich anfinge, die moderne Theologie zu kritisieren. Die Sprache moderner Theologen ist überaus kompliziert, teilweise sogar bizarr, und die behandelten Themen entziehen sich schon einer einfachen Darstellung. Eine Kritik müsste dieser Darstellung folgen und wäre ebenso abgehoben!

    Ich schreibe meine Website für ein großes Lesepublikum und nicht zur Auseinandersetzung mit einem Fachpublikum. Ich möchte eher Fragen bearbeiten, die nachvollziehbar sind, und das soll auch für meine Kritik gelten. Schon in meiner Kritik am Theistischen anthropischen Prinzip (besonders im zweiten Teil) habe ich den Horizont vieler Leser deutlich überschritten. Ein Argument aber, dass nicht verstanden wird, verfehlt sein Ziel, mag es noch so gut sein. Ich könnte mich nun mühelos in einer Auseinandersetzung mit den Fachleuten verzetteln, die Folge wäre, dass viele Leser meine Website verlassen mit dem Gefühl, da betreibe einer geistige Onanie. Vielleicht, so könnte ich boshafterweise spekulieren, ist dies auch Sinn der Aktion: Mich so zu beschäftugen, die moderne Theologie bis in ihre feinsten Verästelungen hinein zu verstehen, so dass ich nicht mehr dazu komme, Menschen von ihrem einfachen Glauben abzubringen, weil ich den Weg vor lauter Wegweisern nicht mehr sehe ... aber so boshaft muss man nicht sein.

    Mir fehlt es teilweise auch an der Lust, mich so tief in die Materie der modernen Theologie einzuarbeiten, und dafür gibt es - neben der Abgehobenheit - noch einen weiteren Grund: Mir hat noch niemand plausibel machen können, dass die moderne theologische Sprache überhuapt noch einen Sinn enthält. Es mag ja sein, dass ich zu blöde und zu lustlos bin, einige der angebotenen Dinge zu verstehen, aber bislang war es jedes Mal so, dass wenn ich mich eingearbeitet habe und endlich verstanden habe, worum es ging (oder meinte, es verstanden zu haben) sich ein Gefühl tiefer Enttäuschung meiner bemächtigte, weil ich fand, dass es die Arbeit nicht wert war. Davon gab es ein paar interessante Ausnahmen, aber die Bilanz war insgesamt doch sehr negativ, was mich nicht gerade motiviert. Das sieht ganz anders aus, wenn ich moderne Philosophen lese, die auch ähnlich schwer zu verstehen sind, hinterher hatte ich meist (wenn auch nicht immer) das Gefühl, wirklich etwas gelernt zu haben. Ich scheue also schwere Lektüre nicht - ich habe Hegel und Marx gelesen, beides Schwergewichte (vor allem Hegel, der selbst bei Eingeweihten als "schwerer Stoff" gilt) und nicht gerade verständlich (was nicht für alles gilt bei Marx, aber beispielsweise für die drei Bände des Kapitals).

    Ebenso schwer sind wissenschaftliche Werke, aber auch bei diesen hatte ich bislang jedesmal das Gefühl, dass es sich gelohnt hat, weil sich mein Verständnis für diese Welt verbesserte, aber bei den modernen Theologen habe ich dieses Gefühl bislang sehr selten gehabt. Sicher, ich verstehe danach, wie (einige) Theologen denken, aber praxisrelevant ist etwas anderes. Und da ich außerdem mit meiner Zeit haushalten muss - ich habe schließlich noch einen Beruf, mit dem ich meine Brötchen verdiene - tendiere ich dazu, theologische Fachwerke schnell aus der Hand zu legen. Ich bin zwar nicht der Meinung von David Hume, dass man Werke, die keinen praktischen Nutzen haben, besser verbrennen sollte, ich sehe aber auch keinen Sinn darin, meine karge Zeit damit zu "verbrennen". Mehr als eine Reihe kühner Behauptungen und tiefgreifender, aber letztlich sinnloser metaphysischer Spekulationen habe ich nicht finden können. Man mag das anders sehen, wenn man einen Glauben hat, den man vertiefen möchte, aber mir fehlt dazu schon die Grundvoraussetzung.

    Irrelevanz

    Aus der Abgehobenheit folgt zum Teil auch schon die Irrelevanz. Aber das alleine ist es nicht, es kommen noch zwei weitere Gründe hinzu, denn kaum ein Gläubiger glaubt aus den Gründen, die in modernen theologischen Werken verbreitet werden. Dann ist da noch der Grund, dass ich viele der Argumente einfach für falsch befunden habe. Das folgt daraus, dass sich die moderne Theologie meist nicht - wie man meinen könnte - sich auch mit der modernen Philosophie beschäftigt, sondern mit einer Philosophie, die meist schon seit mehr als 100 Jahren veraltet ist.

    Aber wichtiger ist, dass die Mehrheit der Gläubigen weder mit moderner Theologie beschäftigt noch dass diese einen Einfluss auf ihren Glauben hat. Viele Menschen glauben einfach an die Wunder in der Bibel, auch wenn die modernen Theologen längst festgestellt haben, dass es diese Wunder so nie gegeben hat. So ist der von der modernen Theologie längst entlarvte Irrglauben, dass das Alte Testament Jesus prophezeit habe, auch immer noch im Internet vertreten. Es wird immer noch von hinreichend vielen Menschen an die wörtliche Wahrheit der Bibel geglaubt, obwohl kaum ein moderner Theologe diese Ansicht noch vertritt. In diesen und anderen Aspekten weiß ich mich mit einer großen Anzahl theologischer Fachleute einig. Den Auszug aus Ägypten (Exodus) hat es in dieser Form nie gegeben, es gab keine weltumspannende Sintflut, die Israeliten haben Israel nicht nach einer Reihe von Kriegen besiedelt, die Mauern von Jericho standen schon lange nicht mehr, als die Israeliten ihre Posaunen erschallen ließen, Jesus war ein Jude, der das Judentum reformieren (und nicht ablösen) wollte, Jesus wollte auch keine Kirche schaffen usw. usf. Aber genau das wird vielerorts immer noch geglaubt.

    Intellektuelle Redlichkeit?

    Die modernen Theologen betreiben eine Art "Geheimwissenschaft". Was sie "unter sich" lehren, das predigen sie meist nicht, und was von ihnen gepredigt wird (wenn sie später einmal als Pfarrer tätig sind) ist selten dass, was sie gelernt haben. Es gibt eben eine moderne Theologie für die Theologen und eine für das Volk. Bricht jemand das Schweigen, so droht ihm der Entzug der Lehrerlaubnis (so geschehen bei den Professoren Uta Ranke-Heinemann oder Gerd Lüdemann), ebenso bei öffentlicher Kritik (so bei Prof. Hans Küng, der die päpstliche Unfehlbarkeit angezweifelt hatte).

    In diesem Zusammenhang ist die Reaktion auf das Buch von Karlheinz Deschner (1996a) Abermals krähte der Hahn. Eine kritische Kirchengeschichte. (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442720257/ref=ase_psycholreligi-21/) interessant. Deschner hatte Ergebnisse der modernen Theologie so aufbereitet, dass sie für Laien verständlich wurde (derselbe ebenso in Der gefälschte Glaube. Die wahren Hintergründe der kirchlichen Lehren. (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3453044428/ref=ase_psycholreligi-21/)). Zu dem Buch "Abermals krähte der Hahn" äußerte damals ein Professor für evangelische Theologie im Rundfunk, dass dieses Buch ja schön und gut sei für Theologen, dass es sachlich nicht anzuzweifeln sei, aber das dieses Buch eben nicht in die Hände von Laien gehöre.

    Deschner wurde und wird in Kirchenkreisen von einigen daraufhin als jemand gebrandmarkt und beschimpft, der Lügen verbreite, was auf die Urheber derartiger Märchen zurückfällt, hatte Deschner doch lediglich berichtet, was in Theologenkreisen veröffentlicht wurde. Wenn Deschner falsche Informationen verbreitet, dann verbreitet er das, was die Theologen an den Hochschulen lehren! Wenn das Lügen sind, dann sind die Theologen mehrheitlich prfessionelle Lügner, die Lügen lehren und veröffentlichen. Wenn es keine Fehlinformationen sind, dann lügen die Theologen, die Deschner als Lügner hinstellen. Siehe auch das Zitat von Brecht am Ende dieser Seite!

    Inzwischen wird "nur noch" verbreitet, Deschner sei einseitig, weil man ihm bislang von Seiten kirchlicher Theologen noch nicht dabei erwischt hat, falsche Informationen zu verbreiten (dazu müsste man sich ja auch selbst entlarven)  [15]. Wenn X lügt oder irrt, dann ist es selbstverständlich einseitig, wenn man ihn der Lüge oder des Irrtums bezichtigt. Die Wahrheit ist oft einseitig, sie ist selten ausgewogen, sie ist meist parteiisch. In der Kirche wird gepredigt, dass Jesus gesagt habe "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie" (im Gleichnis von Jesus und der Ehebrecherin, →Johannes 8:7). Dass dieses Gleichnis später in den Text eingefügt wurde, daher nicht von Johannes stammt und wohl kaum auf Jesus zurückgeht, ist unter Theologen bekannt  [16]. Wird es den Laien erzählt? Selten, aber eben durchaus mit Ausnahmen, siehe die Anmerkung zum vorvorigen Satz. Sind diejenigen wie der Theologe Langbein also auch einseitig? Nein, sie sind nur ehrlich! Leider sind viele Theologen zwar zu ihren Fachkollegen ehrlich, aber den Laien wird die Wahrheit vorenthalten, was man auch als die geschicktere Form des Verbreitens von Irrtümern bezeichnen kann.

    Man könnte sich auch als Laie ein Bild davon machen, in dem man die Werke der Theologen liest, aber wer macht das schon, wenn diese Werke oft aufgrund ihrer Sprache schwer zugänglich sind? Wer aber unter den Pfarrer und Pastoren diese Dinge, die ihm an der Hochschule beigebracht worden sind, den Laien verschweigt, "weil sie damit nicht richtig umgehen können" (so eine verbreitete Ausrede), den kann und muss man nicht nur wegen seiner "Einseitigkeit" tadeln, sondern mindestens des Verschweigens der Wahrheit beschuldigen, wenn nicht sogar der Lüge. Die überwiegende Mehrheit der Pfarrer und Pastoren, wenn man sie privat zur Rede stellt, sind dann aber durchaus bereit, einem die Wahrheit zu erzählen, aber warum nicht gleich so? Warum erst, wenn man nachfragt? Sollten nicht auch Theologen gleich mit der Wahrheit herausrücken, in der Öffentlichkeit, ohne dass man sie genauer ausfragt? Welches Verhältnis muss man zur Wahrheit haben, wenn man diese für so bedrohlich hält, dass man sie lieber verschweigt? Kann einen die Wahrheit in die Irre führen? Und sollte es nicht jedem selbst überlassen werden, was er als Wahrheit akzeptiert? Aber dazu müsste man ihm wenigstens die Chance geben, diese erst zu hören!

    Es ist eine Form des "für unmündig halten". Theologen scheinen die Mehrheit der Menschen für unmündig oder unfähig zu halten, mit der Wahrheit umzugehen, also wird sie nur teilweise, häppchenweise, erzählt, so dass der Hörer fast schon zwangsläufg zu gewissen Irrtümern gelangen muss . Dies wird versteckt hinter einer Sprache, die meist zwei Bedeutungen hat, eine, die offensichtlich ist, und eine, die man nur verstehen kann, wenn man die Fachsprache der Theologen genau kennt  [17]. Bei einem Wissenschaftler kann es sein, dass man ihn schlicht nicht versteht, wenn er etwas sagt - nicht weiter schlimm. Bei einem Theologen kann es sein, dass man ihn völlig missversteht, aber meint, ihn verstanden zu haben. Letzteres finden wir auch bei Juristen, aber denen kann man nicht Absicht vorwerfen, sie verwenden nunmal Deutsch wie eine Fremdsprache ("Juristendeutsch"). Theologen, so scheint mir, werden auch darauf getrimmt, vielleicht auch nicht mit Absicht, aber mit dem Effekt, dass man immer einen Theologen braucht, um die Bibel überhaupt verstehen zu können. Juristische Abhandlungen werden für Juristen geschrieben - leider, aber das ist eine menschliche Schwäche - und die Bibel wurde für die modernen Theologen geschrieben (alle davor müssen sich irgendwie geirrt haben), das scheint mir eine göttliche Schwäche zu sein - oder wieder mal eine menschliche Schwäche, die Gott untergeschoben wird? Jedenfalls habe ich immer den Eindruck, man könne die Bibel nur dann verstehen, wenn man die Theologie des 20. Jahrhunderts studiert hat. Die armen Theologen davor, die das nicht konnten!

    Fazit

    Mich berührt es nicht sonderlich, wenn mir vorgeworfen wird, dass ich mich nicht ausreichend mit moderner Theologie beschäftige. Mir ist die Zeit und der Platz auf meiner Website dafür zu schade. Gelegentlich greife ich auf die Kritik der modernen Theologie zurück, aber ich enthalte mich einer Diskussion über abgehobene und teilweise abseitige Themen. Ich finde auch nicht viel Einleuchtendes in der Kritik der klassischen atheologischen Argumente, und wenn, dann sind es altbekannte Denkmuster, ausgedrückt in einer schwer verständlichen Sprache, die zwar wie Deutsch erscheint, in der aber deutsche Begriffe abseits ihrer Definition in Wörterbüchern verwendet wird.

    Es gibt noch einen weiteren Grund, den Prof. Gerd Lüdemann (ein wegen seiner unorthodoxen theologischen Sichtweise seines theologischen Lehrstuhls enthobenen Neutestamentlers) genannt hat, und den ich hier sinngemäß wiedergeben muss, weil ich das Originalzitat nicht wieder finde: Es hat keinen Sinn, in der Theologie mit Leuten zu diskutieren, die von der Theologie leben, solche Diskussionen sind stets unfruchtbar. Ich denke, seiner Erfahrung kann ich mich nur anschließen. Es ist ohnehin auffällig, wie gering das Ansehen von (gerade modernen) Theologen bei Ex-Theologen wie auch etwa Uta Ranke-Heinemann ist, deren Bücher eine ganze Reihe von Seitenhieben auf ihre früheren Kollegen enthalten. Da spielen natürlich auch Abgründe von menschlichen Enttäuschungen eine Rolle. Immerhin kommt eine Unterstützung von "abgefallenen" Ex-Theologen so gut wie nie aus dem theologischen Lager. Das ist in der Wissenschaft und in der Philosophie anders, wo es niemandem übel genommen wird, wenn er nach reiflicher Überlegung die Seiten wechselt. Dort hat man gelernt, mit abweichenden Meinungen der Kollegen umzugehen, während Theologen das weder gelernt haben noch beherrschen. Es gibt wenig Nachsicht mit Kollegen, die vom Glauben abgefallen sind, das ist das typische Schwarz-Weiß-Denken der Ideologen.

    Theologen, so scheint es mir, scheuen ohnehin die öffentliche Diskussion. Ich lasse mich in dieser Hinsicht aber gerne eines Besseren belehren. Falls also ein Theologe gerne eine öffentliche Diskussion mit mir führen möchte, beispielsweise, in dem er seine Kritik an meiner Website artikuliert oder über die Existenz Gottes eine Debatte mit mir führen möchte, so bin ich gerne bereit das zu tun - aus praktischen Gründen sollte das Thema aber eng eingegrenzt werden. Auch wenn ein Theologe gerne sachliche Korrekturen an meiner Website vornehmen möchte, bin ich dazu bereit, die Kritik zu akzeptieren, sofern sie fundiert ist. Ich akzeptiere auch Gastbeiträge, auch von Theologen, meine Website könnte so ein Forum werden für eine öffentliche Auseinandersetzung. Ich bin gerne zu einem Disput bereit, mit Theologen wie auch mit Nichttheologen. Themenvorschläge wären: Warum sollte man an Gott glauben? Wie kann Glauben zu unserer Erkenntnis der Wahrheit beitragen? Was ist Wahrheit?

    Aber der vage Hinweis darauf, dass die modernen Theologen es besser wissen als ich, der reicht mir nicht. Aber zur Korrektur von Irrtümern und Vorurteilen bin ich gerne bereit.

    Konfusius, er zitiert: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher." (Bertolt Brecht (1898-1956))

    14. Ist das Fehlen eines Beweises ein Beweis für Fehlen?

    Man kann nichts Negatives beweisen!

    Das hört man immer wieder - "Du kannst nicht beweisen, dass Gott nicht existiert!". Wenn das stimmt, und man die Nichtexistenz von Gott prinzipiell nicht beweisen kann, dann gilt dies natürlich auch für die Existenz Gottes. Dann ist der Theismus nicht widerlegbar - aber, Kehrseite der Medaille, der Atheismus ist ebenfalls nicht widerlegbar.

    Das Fehlen eines Beweises für eine Sache ist kein Beweis für das Fehlen einer Sache!

    Aber so plausibel es sich auch anhört, dass man die Nichtexistenz von etwas nicht beweisen kann - es stimmt so nicht, jedenfalls nicht für alle Fälle. Nehmen wir folgenden Fall als Beispiel:

    Stellen Sie sich vor, Sie reisen mit einem Passagierschiff, auf dem sich außer Ihnen noch ein paar Dutzend Leute aufhalten. In der Nacht eines schweren Sturms sinkt das Schiff, und mit Mühe und Not können Sie sich an Land retten, auf eine Insel in der Nähe der Unglücksstelle. Am nächsten Morgen stellen Sie fest, dass außer Ihnen niemand an Land gespült worden ist. Aber was Ihnen gelungen ist, kann auch einem anderen Gelungen sein - es könnte also außer Ihnen noch weitere Überlebende geben.

    Und so machen Sie sich auf die Suche. Wie findet man jemanden auf einer relativ großen Insel? Dazu gibt es drei Wege: Man sucht die Insel ab, man gibt selber Zeichen und man sucht nach den Zeichen, die andere Überlebende hinterlassen haben, die so wie Sie ebenfalls nach Überlebenden suchen werden. Also streifen Sie über die Insel und hinterlassen Zeichen. Sie ritzen Worte in einen Baum, sie legen Steine in ein Quadrat mit einem Pfeil drin, der auf Ihre provisorische Unterkunft zeigt, Sie geben Rauchsignale und was Ihnen sonst noch einfällt. Und Sie suchen nach ähnlichen Zeichen, die nicht von Ihnen stammen sowie nach Fußspuren im Sand, die nicht die Ihren sind.

    Aber vergeblich, weder reagiert jemand auf Ihre Rufe, Rauchsignale und Zeichen, noch finden Sie andere Zeichen oder Spuren, obwohl Sie auf jede Kleinigkeit achten. Da liegen drei Steine exakt in einer Reihe - ein Zeichen oder ein Zufall? Wären es 20 Steine in einer Reihe, das Zeichen wäre unmissverständlich, aber bei drei Steinen könnte es auch Zufall sein.

    Aber jemand außer Ihnen muss einfach überlebt haben! Die Einsamkeit ist schwer zu ertragen!

    Und so vergehen die Tage, Wochen und Monate, schließlich Jahre. Nichts zu finden. Und Sie malen sich aus, wieso Sie die anderen Überlebenden nicht finden. Verstecken Sie sich vor Ihnen? Aus welchem Grund? Warum wollen die anderen nicht entdeckt werden? Und Sie ersinnen 1.000 Gründe, warum Sie die anderen nicht bemerken und diese nicht auf Ihre Signale reagieren. Mit der Zeit entwickeln Sie eine richtige Paranoia ...

    Die Frage ist: Ab wann können Sie mit genügender Sicherheit davon ausgehen, dass Sie der einzige Überlebende auf dieser Insel sind?

    Nach zwei Wochen? Zwei Monaten? Zwei Jahren? Zwanzig Jahren? Natürlich kann man endlos über die Gründe spekulieren, warum sich die anderen nicht deutlich zeigen und stets neue "Ausreden" erfinden. Vielleicht wollen die anderen nur, dass man fest genug an sie glaubt ... Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass das Fehlen von Evidenzen (die auf andere Schiffbrüchige auf der Insel hindeuten) selbst eine Evidenz ist für das Fehlen weiterer Überlebender. Und irgendwann einmal wird man aufhören, zu suchen, weil jede weitere Suche zwecklos ist.

    Aber das muss man nicht. Es gibt keine feste Grenze, ab der man sagen kann, dass jede weitere Suche aussichtslos ist. Der eine gibt nach zwei Wochen auf, der andere nach zwei Monaten, andere nach 2 Jahren - und einige, die nach Gott suchen, geben auch nach 2.000 Jahren (oder eher mehr) nicht auf. Die Hartnäckigkeit mag bewunderungswürdig sein, vor allem, wenn die Suche mit viel Aufwand betrieben wird. Aber irgendwann wandelt sich die Hartnäckigkeit zu Starrsinn und schließlich wird aus dem Starrsinn Unbelehrbarkeit.

    Die Suche nach Gott hat längst das Stadium der Unbelehrbarkeit erreicht. Natürlich behaupten viele, sie hätten Gott gefunden, aber viele der von Ihnen angegebenen Indizien ähneln denen des bedauernswerten Schiffbrüchigen, der jede Kleinigkeit als Anwesenheit von anderen Überlebenden deutet. Denn interpretieren kann man viel, und wenn einem die Interpretation nur halbwegs plausibel erscheint, dann kann man sich daran festklammern. Aus der Suche wird irgendwann eine "fixe Idee". Und so scheint mir, ist es auch mit Gott: Das Fehlen von Evidenzen, die für Gott sprechen, ist selbst zu einer Evidenz gegen Gott geworden. Aber man kann sich immer noch an die so plausibel erscheinende Idee klammern.

    Und so kann auch das Fehlen eines Beweises für eine Sache ein Beweis für das Fehlen der Sache selbst sein. Irgendwann schlägt die Stunde, an der man den Tatsachen ins Auge blickt und sich sagt: Es gibt keine anderen Schiffbrüchigen. Alle die Ideen sind nur Hirngespinste, an die man glaubt und an die man sich klammert, gerade weil sie so bedeutsam für das Leben sind oder zu sein scheinen.

    Und bei jenen, die meinen, Gott gefunden zu haben, läuft es letztlich doch nur darauf hinaus, dass sie glauben, Gott gefunden zu haben, denn ihre Interpretationen kann man auch ganz anders interpretieren. Über 2.000 Jahre vergeblicher Suche nach Gott - wann kommt die Stunde, in der man sich sagt: Wenn es einen Gott gäbe, man hätte seine Spur längst finden müssen?

    14. Nichts geschieht ohne Ursache

    Nichts kann ohne Ursache geschehen oder entstehen

    Auch dies wiederum ist eine Behauptung, die man relativ häufig hört, manchmal verbunden mit dem Vorwurf, Atheisten würden wohl "alles Wesentliche" mit dem Zufall erklären. Oder aber, es wird behauptet, Atheismus sei "an sich" unlogisch, weil er postulieren würde, dass Dinge wie etwa das Universum ohne jede Ursache entstehen würden, aber es könne "natürlich" nichts ohne Ursache entstehen.

    Aber hier irrt der Theist, der solches behauptet - denn es ist logisch unmöglich, zu behaupten, dass alles eine Ursache haben muss. Dabei spiele ich nicht darauf an, dass die Physiker Fälle entdeckt haben, wo Dinge ohne jede Ursache geschehen - man könnte sich hier auf den Standpunkt stellen, dass sie eben die Ursache noch nicht gefunden haben.

    Nehmen wir dazu wieder eine Fallunterscheidung vor und spielen alle möglichen (denkbaren) Fälle durch. Wie kann man sich die Entstehung des Universums denken?

    1. Ein Gott oder mehrere Götter haben das Universum geschaffen.
    2. Das Universum existiert ewig.
    3. Das Universum entstand aus dem Nichts.
    4. Das Universum existiert in einer Zeitschleife.
    5. Das Universum ist die Ursache seiner selbst.
    6. Es gibt keine logische Möglichkeit, die Existenz des Universums zu erklären.
    7. Das Universum ist eine Illusion.
    Allen diesen Fällen ist eines gemeinsam: Sie behaupten, dass etwas letztlich ohne Ursache entstanden ist.

    Betrachten wir die Fälle im Einzelnen:

    Ein Gott oder mehrere Götter haben das Universum geschaffen

    Da muss man sofort fragen: Was war dann die Ursache für Gott? Wenn der Theist behauptet, für Gott gäbe es keine Ursache, so widerspricht er der Behauptung, dass nichts ohne Ursache entstehen kann, denn offenkundig gibt es für Gott keine Ursache. Wenn man aber nun sieht, dass Gott noch viel wunderbarer ist als das Universum, so kann man sagen, dass wohl noch viel wunderbarere Dinge als Universen ohne eine Ursache existieren können. Oder aber, Gott hat eine Ursache, dann ist er nach christlichem Verständnis nicht Gott. Wie können dann die Frage statt über die Entstehung des Universums über die Entstehung des Gottes oder der Götter stellen.

    Wie auch immer, die Frage nach den Ursachen endet in einem unendlichen Regress - der dann ohne Anfangsursache existieren muss - oder bei einem Ereignis, für das es keine Ursache gibt. So oder so, der Theist verwickelt sich in einen Selbstwiderspruch - er behauptet, dass nichts ohne Ursache existieren kann und dass etwas (nämlich Gott) ohne Ursache existieren kann.

    Nun kann man dem noch einen Denkfehler oben draufsetzen, nämlich den, dass Gott eben ein "Spezialfall" sei. Aber es bleibt unerfindlich, warum das Universum nicht ebenso ein Spezialfall sein könnte wie Gott, woher der Theist denn wissen will, dass Gott (und nicht das Universum) ein Spezialfall sei, und dass ihn dies nicht vor dem Widerspruch bewahrt, dass es eben Spezialfälle gibt, nach denen etwas ohne Ursache entstehen kann.

    Das Universum existiert ewig

    Das wird natürlich auch von Gott behauptet, aber es bedeutet dasselbe: Gott oder das Universum existiert ewig, ohne Beginn, und damit ohne jede Ursache. Von einer Ursache können wir nämlich nur reden, wenn ein Ding oder ein Ereignis ein Beginn hat. Es muss etwas vor diesem Ereignis geschehen sein, was sich vom betrachteten Ereignis unterscheidet. Aber wenn auch jedes Einzelereignis in einer unendlich langen Kette von Ereignissen eine Ursache hat, die Gesamtkette als solche hat keine Ursache, weil sie ohne Beginn existiert.

    Man muss entweder die unendliche Kette bestehen lassen, die dann ohne Ursache existiert, oder aber die Kette irgendwo beginnen lassen, bei einem Ereignis, welches selbst keine Ursache haben kann. Sollte das Universum allerdings ewig existieren, dann gibt es keinen Schöpfergott.

    Die Auffassung, dass das Universum ewig existiert, ist übrigens mit dem Urknall vereinbar. Unser Universum hat dann zwar einen Anfang, aber es wäre denkbar, dass unser Universum aus einem anderen Universum hervorging. Es wird von Physikern darüber spekuliert, ob es möglich ist, im Universum eine Singularität zu erzeugen, aus der ein anderes Universum hervorgeht. Dies könnte den Ursprung unseres Weltalls erklären, wenn dies möglich wäre.

    Das Universum entstand aus dem Nichts

    Wenn dies der Fall ist, dann haben wir damit einen Beginn der Kette ohne jede Ursache. Allerdings werden wir keinen Theisten finden, der dies behauptet - allenfalls wird behauptet, dass Gott das Universum aus dem Nichts erschaffen hat, was aber bedeutet, dass es eine Ursache hat, womit wir wieder bei dem ersten Fall wären.

    Aber wie wir es dann auch auflösen, letztlich bleibt auch hier nur übrig, einzugestehen, dass Etwas ohne jede Ursache entstehen kann. Sollte das Universum aus dem Nichts entstanden sein, dann gibt es übrigens ebenfalls keinen Schöpfergott.

    Siehe auch: Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?

    Das Universum existiert in einer Zeitschleife

    Dies ist eine Auffassung, die im Hinduismus verbreitet ist. Theoretisch ist es denkbar, dass wir in einer Zeitschleife existieren, in der das Universum in einem ständigen Werden und Vergehen begriffen ist, und irgendwann die Ursache seiner selbst ist.

    Aber auch wenn - wie beim ewig existierenden Universum - jedes Ereignis eine Ursache hat, die gesamte Kette hat keine Ursache. Falls doch, haben wir es eher mit dem ersten Fall zu tun, wenn Gott diese Zeitschleife geschaffen hat und alles, was sich darin befindet. Dann hätten wir es mit einer Variante der ersten Möglichkeit zu tun.

    Das Universum ist die Ursache seiner selbst

    Auch bei dieser Variante haben wir zwar eine Ursache, aber letztlich keine, denn es kann keine Ursache haben, wenn etwas die Ursache seiner selbst ist (die Gesamtheit hat wiederum keine Ursache). Dies ist ohnehin nur eine Variante der Behauptung, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist. Auch hier ist diese Behauptung identisch damit, die Existenz eines Schöpfergottes zu verneinen.

    Es gibt keine logische Möglichkeit, die Existenz des Universums zu erklären

    Kausalität (Ursache und Wirkung) basiert auf Logik. Wenn man nun sagt, dass die Logik bei der Entstehung des Universums nicht gültig war oder keine Rolle spielte, behauptet man ebenfalls, dass das Universum entstanden ist, ohne eine erklärbare oder verstehbare Ursache, ja, dass sich der Begriff der Ursache nicht anwenden lässt, denn der setzt die Logik voraus. Der Schluss von einer Wirkung auf eine Ursache oder umgekehrt ist ohne Logik nicht möglich, es fehlt dann die Verbindung zwischen den beiden Ereignissen, sodass dies gleichwertig ist zu der Behauptung, dass das eine Ereignis das andere nicht verursacht, so dass das zweite Ereignis unverursacht sein muss.

    Das Universum ist eine Illusion

    Dann muss man natürlich fragen, was die Ursache dieser Illusion ist, und man landet wiederum bei einer dieser vorher erwähnten Möglichkeiten. Und wiederum wäre ein Gott, der uns die Existenz des Universums vortäuscht, nicht der christlich-theistische Gott, sondern ein "Gott der Täuschungen".

    Fazit

    Letztlich kann man alle aufgezählten Fälle auf exakt drei reduzieren - nicht mehr, nicht weniger. Diese drei Fälle sind:

    1. Es gibt eine unendliche Kette von Ursachen.
    2. Es gibt einen unverursachten Anfang.
    3. Es gibt einen Kreis von Ursachen und Wirkungen.
    4. Jede weitere Möglichkeit kann man ausschließen bzw. sie führt einem, wenn man es variiert, zu einer dieser drei Möglichkeiten. Und keine der Möglichkeiten kommt ohne die Annahme aus, dass entweder die Kette als Ganzes unverursacht ist (Fall 1 und 3) oder aber ein unverursachtes Ereignis am Anfang hat, also insgesamt auch unverursacht ist.

      Es ist schlicht falsch, zu behaupten, dass "nichts ohne Ursache existieren kann". Dazu muss man natürliche alle Möglichkeiten durchdenken (es sind in diesem Fall nur drei), aber das Resultat ist immer dasselbe, was immer man auch nimmt. Kompliziertere Gedankenkonstruktionen lassen sich übrigens auch fast immer auf die erwähnten Möglichkeiten reduzieren.

      Ich denke daher, dass es analytisch falsch ist, anzunehmen, nichts könne ohne Ursache existieren. Es ist also der Theist, der solches behauptet, der sich in Widersprüche verwickelt, nicht der Atheist, der davon ausgeht, dass etwas auch ohne eine letztliche Ursache existieren kann. Der Theist behauptet letztlich dasselbe, behauptet aber gleichzeitig, etwas anderes zu behaupten, und hier irrt er.

      Die "Popularität" verdankt dieses Argument dem Umstand, dass es intuitiv einleuchtet und nicht bis in seine letzten Konsequenzen durchdacht wird. Aber auch hier (wie so oft) führt uns die Intuition in die Irre, so dass man generell nur zur Vorsicht gemahnen kann bei Argumenten, die "intuitiv einleuchten". Es gibt keinen Ersatz dafür, diese genau zu durchdenken.

      Kann denn etwas ohne Ursache geschehen?

      Dass nichts ohne Ursache entstehen kann, kann man als Irrtum zurückweisen. Aber können Dinge geschehen ohne jede Ursache? Abgesehen von denen, die anfangen zu existieren, versteht sich, denn dies haben wir bereits zurückgewiesen.

      Man muss dazu zwei verschiedene Arten von Ursachen unterscheiden:

      1. Auf Ereignis A erfolgt immer genau Ereignis B und nie ein anderes (strikte Kausalität).
      2. Auf Ereignis A folgt immer ein Ereignis B, C, ... N aus einer endlichen Menge von Ereignissen (statistische Kausalität)


      Kann man exakte Gesetze angeben, aufgrund deren man im Falle statistischer Kausalität genau sagen kann, welches Ereignis aus der Menge stattfindet, so hat man die statistische Kausalität auf die strikte reduziert. Statistische Kausalität wäre also eine Ursache-Wirkungs-Beziehung, in der es ein Zufallselement gibt (was manchen widersinnig zu sein scheint).

      Demgegenüber ist ein akausales Ereignis eines, welches weder strikt noch statistisch kausal bestimmt (determiniert) wird, wie etwa die Entstehung eines Universums ohne jede Ursache - oder der freie Willen. Der freie Willen ist etwas, worauf viele christliche Theologen großen Wert legen, weil dieser einen Ausweg aus dem Theodizeeproblem verspricht - zumindest scheinbar (und nicht so leicht zu widerlegen, so dass man damit Leute überzeugen kann). Aber wenn alles strikt kausal determiniert wird, so gibt es keinen freien Willen, denn der setzt voraus, dass (zumindest in unserem Gehirn) "irgendwie" Dinge geschehen, die nicht determiniert sind.

      Folglich kann ein christlicher Theologe, der sich auf den freien Willen beruft, sich nicht auch noch darauf berufen, dass "nichts ohne Ursache geschehen kann", denn er würde sich selbst widersprechen (nicht, dass Theologen dies nicht trotzdem versuchen würden, meist allerdings irrtümlich meinend, sich nicht zu widersprechen).

      So plausibel es auch sein mag, dass nichts ohne Ursache geschehen kann, von den Quantenphysikern wird angenommen, dass es demgegenüber trotzdem dauernd geschieht (der Aufbau des Universums entspricht nicht unserer Intuition, die an das Leben auf der Erde angepasst ist).

      Und was ist, wenn die Logik nicht gilt? Dann kann man über diese Dinge auch keine Aussage machen, dann kann man auch nicht behaupten, dass nichts ohne Ursache existieren kann und dass daraus logisch folgt, dass etwas das Universum geschaffen haben muss. Dann kann man auch nicht behaupten, dass nichts ohne Ursache existieren kann und bestätigt damit wiederum, was ich behauptet habe.

      Es ist also gleichgültig, was man nun annimmt, es läuft letztlich darauf hinaus, zu behaupten, dass es Ereignisse ohne Ursache oder Existenz ohne Ursache gibt. Daher ist die Behauptung, dass Nichts ohne Ursache entstehen oder geschehen kann, sachlich falsch, wer immer sie aufstellt, gerät in einen Selbstwiderspruch - vorausgesetzt, es findet jemand nicht noch einen Weg, den ich nicht berücksichtigt habe, der diese Annahme nicht macht. Das wird den meisten nicht bewusst, weil man dazu alle Möglichkeiten durchdacht haben muss, bis zum "bitteren Ende", und das ist mehr eine Tätigkeit für professionelle Philosophen. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die hier skizzierte Ansicht findet, relativ hoch - übrigens sowohl unter Christen wie auch unter Atheisten.

      Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Existenz kann keine Ursache haben!

      14. Was ist Wissenschaftsaberglaube?

      Wissenschaftsgläubigkeit - der Aberglaube der Moderne?

      Dieser Essay ist eine Replik auf den Artikel Der große Aberglaube der Moderne (→ http://www.die-tagespost.com/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=7906). Bevor Sie meine Antwort lesen, sollten Sie also den Artikel von Robert Spaemann gelesen haben.

      Zunächst muss ich Spaemann Recht geben: Szientismus, der Glauben, dass die Wissenschaft den einzigen Zugang zur Wahrheit bildet und dass die Wissenschaft letztlich alles, was zur Wirklichkeit gehört, auch erkennen kann (und was sich wissenschaftlich nicht erkennen lässt, sei auch nicht wirklich), dies ist Aberglauben. Das gilt aber nur nur, wenn wir beides zusammen als Kombination so stehen lassen.

      Ob die Wissenschaft den einzigen Zugang zur Wahrheit bietet, kann man nämlich so nicht behaupten. Was man aber behaupten kann ist etwas anderes: Nämlich, dass die Wissenschaft bislang den qualitativ und quantitiv besten Zugang zur Wirklichkeit bietet. Alle bislang unternommenen Versuche, einen anderen Zugang zur Wirklichkeit - oder was man dafür hält - zu finden haben schwer wiegende Mängel. Sie bieten meist keine weit gehende interne Konsistenz (sind also logisch in sich widersprüchlich), und ihre externe Konsistenz (Übereinstimmung mit empirischen Tatsachen) ist oft schlecht. Außerdem fehlen ihnen meist noch nachvollziehbare Kriterien (Gründe), warum sie wahr sind, ihre Argumente sind schlecht oder ungültig, ihre Prämissen teils widersprüchlich und teils willkürlich (beliebig), ihre Beweislage ist mangelhaft, und es sprechen Evidenzen gegen sie oder zumindest keine für sie.

      Des weiteren wird hier implizit eine unzulässige Zweiteilung vorgenommen: Wenn der wissenschaftiche Zugang zur Welt mangelhaft ist, dann ist der metaphysisch-christliche Zugang der Richtige. Aber aus denselben Gründen, die er anführt, ist das ein non seqitur. Wenn der wissenschaftliche Zugang ungenügend wäre, folgt daraus nicht, dass ein bestimmter Ansatz besser ist. Es könnte sein, dass jeder mögliche Zugang zur Wirklichkeit mindestens dieselben oder schwerere Mängel aufweist, es könnte also sein, dass jeder Zugang zur Wirklichkeit falsch ist, es könnte auch sein, dass ein ganz anderer Zugang zur als der von ihm favorisierte die "einzig wahre" Methode bildet, oder dass mehrere alternative Zugänge besser sind. Wir haben hier den Denkfehler der falschen Dichotomie vor uns, man muss aber alle Möglichkeiten berücksichtigen und kann sich nicht eine Möglichkeit heraussuchen und annehmen, diese sei die einzig wahre.

      Ferner müsste er zeigen, dass sein Zugang zur Wirklichkeit besser ist, und er müsste dafür Kriterien und Gründe angeben, und daran ist die Theologie bislang ebenso gescheitert wie an den Gottesbeweisen. In dem er dieses Scheitern "unterschlägt", bietet er eine Alternative an, die weder qualitativ gut ist noch die einzige mögliche Alternative. Es könnte auch sein, dass der radikale Konstruktivismus wahr ist, der Solipsismus, oder die buddhistische Auffassung, nach der die Welt eine Illusion ist und weitere Denkmöglichkeiten. Interessanterweise führen nämlich der radikale Konstruktivismus, der Solipsismus und die buddhistische Auffassung letztlich zu einem Atheismus (nicht, dass ich eine dieser Ansichten für die richtige halten würde, aber man müsste sie auch berücksichtigen).

      Dies ist ein alter, theologischer Trick, den Hans Albert als "die Erpressung mit den zwei Alternativen" bezeichnet hat. Entweder Gott existiert, dann hat das Leben einen rationalen Grund und einen Sinn und eine Moral, oder es existiert kein Gott, dann hat das Leben keinen rationalen Grund, keinen Sinn und es gibt keine Moral. Aber dieses Entweder-Oder ist schon falsch, weil noch viele andere Möglichkeiten existieren (auch Kombinationen daraus). Im Grunde genommen hat die moderne Theologie nicht viel mehr zu bieten als diese falsche Zweiteilung. So auch hier: Entweder, die Wissenschaft bietet einen vollständigen Weg zur Erkenntnis der "letzten Wirklichkeit" oder aber die (christliche) Theologie tut es. Wenn ersteres - wie wir gesehen haben - nicht gilt, bleibt die Theologie als "zweite Wahl" übrig. Aber das folgt eben nicht. Außerdem - die christliche Theologie hatte fast 2.000 Jahre Zeit, ihren Anspruch zu begründen, sie kann es immer noch sehr, sehr schlecht (und muss daher zu solchen Scheinargumenten greifen), während die Wissenschaft in nur 400 Jahren gezeigt hat, was in ihr steckt (und das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft!). Während also die Wissenschaft fast täglich beweisbar neue Dinge entdeckt, benutzt die Theologie immer noch ziemlich häufig die alten (und längst widerlegten) Argumente vergangener Epochen. 2.000 Jahre, und immer noch ist ihr Hauptgegenstand umstritten. Selbst die Argumente, warum das so ist, haben sich nicht deutlich weiter entwickelt. Und ihrer Gottesbeweise ist sie inzwischen verlustig gegangen, auch wenn da alle 10-20 Jahre mal was Neues auftaucht, wobei man dann nur ein paar Tage oder Wochen braucht, es zu widerlegen.

      Was am Szientismus (den ich als "Wissenschaftsaberglauben" bezeichne) gänzlich falsch ist, ist der zweite Teil der Behauptung, nämlich, dass die Wissenschaft alles, was zur Wirklichkeit gehört, auch erkennen kann und dass alles, was sie nicht erkennen kann, auch nicht wirklich sei. Vor 20 Jahren konnte die Wissenschaft nicht erkennen, dass es Neutrinos gibt, offensichtlich existieren diese aber. Folglich war es vor 20 Jahren falsch, anzunehmen, die Wissenschaft könne alle Aspekte der Wirklichkeit erkennen, und mit sehr großer Sicherheit ist diese Ansicht immer noch falsch.

      Aber aus der Tatsache, dass wir nicht alles, was existiert, auch mit Hilfe der Wissenschaft erkennen können, folgt nicht, dass andere Methoden dazu in der Lage sind. Es ergibt keinen Widerspruch, wenn ich behaupte, dass die Wissenschaft nicht alles erkennen kann, dass aber alles, was sie erkennen kann, das ist, was für uns wirklich ist, jedenfalls meistens, und weil wir über den existierenden Rest keine Aussagen machen können, für die wir sagen können, sie seien wahr oder falsch. Es ist möglich, dass dies eine Einschränkung ist, mit der wir leben müssen, ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich. Allerdings erweitert die Wissenschaft beständig ihre Erkenntnismethoden, daher kann man davon ausgehen, dass sie immer mehr und mehr von dem erkennen wird, was wir heute noch nicht erkennen können, vielleicht, ohne je zu einem Ende zu finden. Zu behaupten, dass wir bestimmte Dinge niemals wissen können, ist selbstwidersprüchlich. Man kann, wie Wittgenstein einmal schrieb, dem Denken keine Grenze setzen, weil man sich dieser Grenze, um sie bestimmen zu können, von zwei Seiten nähern müsste: Von dem, was man weiß (das ist relativ unproblematisch) und dem, was man nicht weiß. Man müsste dazu aber wissen, was man nicht weiß, und das ist logisch unmöglich.

      Indirekt aber behauptet Spaemann, dass die Wissenschaft in ihrer Erkenntnis eine deutliche Grenze hätte, und diese Behauptung kann er nicht verteidigen, weil sie Unsinn ist (= selbstwidersprüchlich).

      Aus der Vernunftkritik von Kant zieht Spaemann dann einen weiteren falschen Schluss, dass die Wissenschaft immer nur Kausalketten feststelle, ohne jedoch "Sinn und Urgrund" dieser ganzen Kette anzugeben. Es ist nämlich sehr gut möglich, dass es überhaupt nicht möglich ist, einen "Sinn und Urgrund" dieser Kette anzugeben, weil die Erkenntnis, dass etwas ohne jeden Grund existieren kann, unumgänglich ist. Diese habe ich an anderer Stelle ausgeführt: Nichts geschieht ohne Ursache. "Sehr gut möglich" ist dabei noch milde ausgedrückt, ich halte das sogar für logisch zwingend. Denn letztlich muss auch Spaemann daran scheitern, für alles einen "Sinn und Urgrund" anzugeben. Wenn dies die Wissenschaft auch nicht tut, dann tut sie gut daran.

      Und dann folgt ein geradezu klassisches non seqitur (= es folgt logisch nicht):

      "Das Sinnproblem verweist in die Transzendenz".

      Ich halte - zusammen mit der Mehrheit der zeitgenössischen Philosophen - die Meinung, dass der Begriff der Transzendenz sinnfrei ist. Siehe dazu auch: Naturalismus versus Supernaturalismus. Wie dann aus etwas Sinnfreiem die Lösung eines Sinnproblems folgen soll, ist mir schlicht unerfindlich. Das Sinnproblem verweist m. A. nach darauf, dass wir nicht in allem einen Sinn finden werden, weil es Dinge gibt, die keine Ursache haben. Und zwangsläufig sogar geben muss, siehe meinen Artikel Nichts geschieht ohne Ursache.

      Dass die Behauptung, "dem menschlichen Erkennen lediglich eine neurophysiologische und evolutionsgeschichtliche Dimension zuzugestehen, entziehe sich die eigene rationale Grundlage" zutreffend sein soll, finde ich eine gewagte Behauptung. Denn als Anhänger der evolutionären Erkenntnistheorie sehe ich genau darin eine der besten Grundlagen für unsere Rationalität, der bislang gefunden wurde, und so muss Spaemann sich auch jede Begründung sparen, warum seine Behauptung schlüssig sein soll. Es ist nur eine weitere, unbegründete Behauptung.

      M. A. nach ist es eher so, dass rein psychologische Gründe dafür verantwortlich sind, dass der Gläubige an der "Einheit von Sinn und Sein festhält". Denn logisch lässt sich diese behauptete Einheit nicht begründen, nur psychologisch lässt sich begründen, warum der Gläubige dies behauptet. Dies ist einen gesonderten Artikel wert, und da muss ich Sie leider auf später vertrösten.

      Dass die Gottesbeweise gescheitert sind, gesteht Spaemann zunächst zu, aber er möchte dies nicht so stehen lassen. Sein Einwand dagegen ist, dass die Voraussetzungen nicht zugestanden werden. Dieser Einwand ist sachlich richtig, aber dies geschieht aus zwingenden Gründen, nämlich, dass die Voraussetzungen entweder logisch widersprüchlich sind (siehe dazu meine Artikel über die Gottesbeweise, angefangen mit Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen) oder aber (im Fall der ontologischen Beweise, zu denen ich noch nichts geschrieben habe) weil die Prämissen nicht haltbar sind.

      "Wenn es den Blick Gottes nicht gibt, gibt es keine Wahrheit jenseits unserer subjektiven Perspektiven." Auch das ist falsch - es gibt keinen angebbaren Grund, warum ohne Gott keine objektive Realität existieren sollte. Zu diesem Postulat fällt mir ein Ausspruch von Bertrand Russel ein:

      Die Methode, etwas zu postulieren, was wir wollen, hat viele Vorteile. Es sind dieselben, die Diebstahl vor ehrlicher Mühsal hat.


      Deswegen ist auch der Gottesbeweis von Spaemann nicht besser als viele andere, denn zum einen folgt aus der Existenz einer objektiven Realität nicht die Existenz Gottes, zum anderen ist diese Behauptung auch nicht leicht gegen skeptische Einwände zu verteidigen. Wobei ich als hypothetischer Realist es nicht für meine Aufgabe halte, diese Einwände zu formulieren, weil ich mit Spaemann der Ansicht bin, dass es eine objektive Realität gibt, nur folgt daraus nicht, dass auch Gott existiert - ich sehe da keine mögliche logische Verbindung, Nietzsche hin oder her.

      Ich finde den Gottesbeweis nicht überzeugend, weil daran das Wesentliche fehlt, nämlich die Begründung, warum man ein "... Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein" postulieren muss. Vielleicht ist das eine Anspielung auf eine bestimmte (veraltete) Interpretation der Quantenphysik, nach der nur etwas existiert, wenn es auch einen Beobachter gibt (warum erwähnt Spaemann dies nicht?). Aber die modernen Interpretationen der Quantenphysik verzichten darauf, und zwar aus guten Gründen  [18]. Auch dieser Gottesbeweis hat denselben Mangel wie alle anderen, nämlich, dass behauptet wird, was gezeigt werden soll.

      Auch setzt die Rede von der Wahrheit nicht Gott voraus. Sie setzt voraus, dass es eine Realität gibt, die unabhängig vom Beobachter existiert, oder aber eine subjektive Realität, die entsteht, in dem wir sie beobachten - wobei ich ersteres vorziehe. Aber eine Realität, die unabhängig von uns als Beobachter ist, kann ebenso unabhängig sein von jedwedem Beobachter. In gewisser Hinsicht ist es sogar ein leichter Widerspruch, wenn man behauptet, dass es eine Realität gibt, die unabhängig von jedem Beobachter existiert (das macht sie erst objektiv), um dann einen Beobachter (= Gott) einzuführen, der existieren muss, damit die Realität überhaupt existiert. Ist es nicht die Unabhängigkeit der Realität von jedem Beobachter, der sie überhaupt erst objektiv macht?

      14. Fragen an Atheisten

      Herausforderungen für Atheisten

      Dies ist eine Sammlung von Fragen an Atheisten von Questions and challenges for atheists (→ http://www.challenging-atheism.com/challenges.html). Ich werde diese der Reihe nach durchgehen und die Antworten geben, die m. A. nach angemessen sind. Dass die Fragen berechtigt sind, erkenne ich dadurch an, dass ich sie beantworte.

      In der Argumentation auf der Website ist allerdings gleich zu Beginn ein logischer Fehler. Es wird behauptet, dass ein Atheist, der die theistischen Erklärungen ablehnt, in der Lage sein muss, Antworten auf die gestellten Fragen zu geben. Aber, ich kann eine Erklärung X ablehnen, ohne dass ich eine Erklärung für das Gegenteil haben muss. Wenn man also die Behauptung, "Vernunft kann nur durch einen Rückgriff auf Gott erklärt werden", ablehne, so muss ich im Gegenzug nicht beantworten können, wie die Vernunft ohne Rückgriff auf Gott erklären kann. Es reicht aus, wenn ich die theistische Erklärung aus logischen und/oder empirischen Gründen zurückweise. Es bedeutet zwar, dass ich der Meinung bin, Vernunft müsse ohne Gott erklärbar sein, aber für diese Meinung reicht es aus, wenn ich das Gegenteil für falsch halte (vorausgesetzt, es gibt nur zwei Alternativen).

      Analogie: A wird vor Gericht beschuldigt, ein Mörder zu sein. Ich kann A auch dann für unschuldig halten, wenn ich nicht weiß, wer den Mord an seiner Stelle begangen hat. Wenn nur genau zwei Personen, nämlich A und B, für den Mord in Frage kommen, dann beschuldige ich damit natürlich indirekt B. Allerdings wird meine Unschuldsvermutung stärker, wenn ich zusätzlich gute Gründe präsentieren kann, warum für den Mord nur B verantwortlich sein kann.

      Deswegen dienen meine Antworten nicht der Rechtfertigung, warum ich die theistischen Antworten auf die gestellten Fragen für falsch halte. Sie dienen nur der Verstärkung meiner andernorts gegeben Antworten. Aber auch, wenn man meine Antworten für falsch hält, bedingt dies nicht, dass die theistischen Antworten richtig sind. Es kann sein, dass meine Erklärungen schlecht oder unvollständig sind, aber dies stärkt nicht die Position des Theisten, es schwächt auch nicht meine Ablehnung der theistischen Position. Wir wollen hier nicht denselben Fehler der Kreationisten machen, die meinen, wenn sie die Evolutionstheorie (ET) schwächen können, dass sich daraus dann der Kreationismus ergeben würde. Selbst wenn die ET grundfalsch ist, so wird dadurch der Kreationismus nicht richtig, noch entkräftet dies die Argumente gegen den Kreationismus (außerdem: Es sind noch genügend Alternativen zur ET möglich).

      Warum sollte man glauben, dass zufällige Kräfte alleine genug Grund für die Existenz des Universums sind, wie wir es beobachten?

      Man könnte mit der Gegenfrage antworten, welchen Grund wir zu der Annahme haben, dass dem nicht so ist, aber das wäre zu einfach. Wir können aber sagen, dass das Universum entweder durch natürliche Gegebenheiten entstand, oder dass dies nicht der Fall ist. Natürlich gibt es noch eine dritte Möglichkeit, nämlich die, dass es durch eine Kombination aus natürlichen Ereignissen und einem "willentlichen Agenten" (nämlich Gott) entstanden ist, aber denkwürdigerweise argumentiert niemand so. Ohne auf die Gründe für die entweder-oder-Vereinfachung einzugehen, können wir an dieser Stelle das Entweder-Oder übernehmen, welches wir sowohl von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Theisten als auch der Atheisten als Grundannahme zu hören bekommen.

      Also:

      Entweder, das Universum wurde von Gott geschaffen (1), oder aber es entstand durch natürliche Umstände (2)..

      Wenn wir nun - wie ich an verschiedenen Stellen gezeigt habe - gute Gründe haben, (1) zurückzuweisen, dann bleibt (2) als Erklärungsmöglichkeit übrig. Wir haben gute Gründe, (1) zurückzuweisen, weil alle Versuche eines Gottesbeweises (oder Arguments für die Existenz eines Gottes) bislang gescheitert sind. Ferner haben wir bislang im Universum nur natürliche Prozesse nachweisen können, es gibt keinen Grund, nun plötzlich nach einem ganz anderen Grund zu suchen, der nichts mit unserer Erfahrung zu tun hat. Dieser Sprung ist durch nichts gerechtfertigt.

      Gegen diese Begründung wird oft das "Theistische anthropische Prinzip" eingewandt, welches ich hier zurückgewiesen habe: Das Theistische anthropische Prinzip I und Das Theistische anthropische Prinzip II. Ich will aber noch einen weiteren Punkt anfügen, der in den beiden Artikeln nicht angesprochen wurde und der aus dem Buch von Stenger 2003 stammt. Stenger (ein Professor für Physik und Astronomie) hat die Gründe, die für eine Annahme eines natürlich entstandenen Universums sprechen, hier zusammengefasst: The Anthropic Coincidences: A Natural Explanation (→ http://www.stephenjaygould.org/ctrl/stenger_intel.html).

      Es wird behauptet, dass die Naturgesetze nur so, wie sie in diesem Universum sind zur Entstehung von Leben führen können, und diese Behauptung ist nachweislich falsch. Tatsächlich könnte man die grundlegenden Naturkonstanten zufällig in einem Bereich vom Tausendfachen ihres jetzigen Wertes variieren, und in der Hälfte aller Fälle würde ein Universum entstehen, in dem Leben möglich ist - allerdings basierend auf den dann ganz anderen Naturgesetzen. D. h., die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass ein durch Zufall mit zufälligen Naturkonstanten und Naturgesetzen entstehendes Universum die Entstehung von Leben ermöglicht. Da dies so wahrscheinlich ist, ist die Annahme, dass das Universum keine Feineinstellung eines Schöpfers benötigt, hoch genug, um es für plausibel zu halten. Zusammen mit den Argumenten, die gegen die Existenz Gottes sprechen, ist damit die Frage beantwortet.

      Es gibt übrigens auch keinen Grund, anzunehmen, dass unser Universum das einzige ist, was existiert. Wenn man annimmt, dass das Universum aus Quantenfluktuationen entsteht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fülle von Universen entsteht, sehr, sehr hoch. In einigen gibt es dann Leben (und Lebewesen, die sich darüber wundern, dass ausgerechnet ihr Universum so lebensfreundlich ist), in einigen nicht. In Letzteren existiert dann kein Beobachter, der sich über seine Inexistenz wundern könnte. Wie Stenger ausführte, kann man dagegen auch nicht Ockhams Rasiermesser anführen, weil sich die Möglichkeit mehrerer Universen als logische Folge aus den bisherigen Theorien über die Entstehung des Universums ergibt.

      Aus welchen Gründen sollten wir glauben, dass das Universum ohne Ursache entstanden ist?

      Den Hauptgrund dafür habe ich hier angeführt: Existenz existiert - unverursacht. Es ist analytisch falsch, zu behaupten, dass nichts ohne Ursache existieren kann - wenn es Gott gäbe, müsste er übrigens auch unverursacht sein - und so ist diese Annahme für Existenz letztlich zutreffend. Wir müssen dies glauben, weil wir nicht anders können!

      Warum gibt es etwas und nicht nichts?

      Diese Frage wirft ein Scheinproblem auf. Wenn Existenz letztlich unverursacht sein muss, kann man nicht nach dem "Warum?" fragen, weil eine Antwort nur gegeben werden könnte, wenn es eine Ursache gäbe - und dies kann man definitiv ausschließen. Vielleicht sollte man eher sagen, dass es unmöglich ist, dass nichts existiert, und der Grund dafür ist ganz einfach: Weil wir existieren. Wir sind da, und können uns solche unsinnigen Fragen stellen. Wäre es möglich, dass nichts existiert, dann gäbe es auch nichts, und es wäre niemand da, der sich die Frage stellen könnte: Warum existiert nichts?

      Die Frage ist also in etwa so sinnvoll wie die Frage: Warum existiere ich nicht? Niemand könnte diese Frage bei klarem Verstand stellen, denn wenn ich nicht existiere, wer ist dann das "Ich", dass diese Frage stellt?

      Warum erlaubt das Universum Leben, wo doch ein lebloses Universum sehr viel wahrscheinlicher wäre?

      Die Annahme, dass ein lebensfeindliches Universum wahrscheinlicher ist als ein lebensfreundliches, ist falsch. Siehe auch die Begründung von Stenger! Selbst eine starke Änderung der grundlegenden Naturkonstanten würde in der Hälfte aller Fälle immer noch zu Universen führen, in denen Leben möglich ist. Außerdem, wenn man annimmt, dass es eine Fülle von Universen gibt - es gibt nichts in unserem bisherigen Wissen, was dagegen spricht - dann ist damit die Wahrscheinlichkeit, dass es Universen mit Lebewesen entsteht, sehr, sehr hoch. Da wir offensichtlich in einem solchen Universum leben, hat diese Möglichkeit sogar die höchste Wahrscheinlichkeit, die ein Ereignis haben kann: 1 oder 100%.

      Für die Existenz von Leben generell gibt es also gute naturalistische Theorien.

      In gewisser Hinsicht kann man das Argument auch umkehren. Angenommen, nur in einem übernatürlich entstandenen Universum (wie unserem) könnte es Leben geben, und das Universum wurde geschaffen, damit Leben entsteht, wieso ist dann das Universum so gigantisch (alle menschlichen Maßstäbe sprengend!) groß? Wieso besteht der größte Teil des Universums entweder aus Leere mit einem bisschen Staub darin oder aus bizarrer dunkler Materie und Energie? Wieso ist das Universum so unglaublich alt? Wieso herrscht im Universum Unordnung und Chaos mit kleinen Inseln des Lebens vor? Dass das Universum geordnet ist, gilt nur für einen winzigen Bruchteil des Universums, der größte Teil des Universums - bis auf ein milliardstel Promille - ist absolut lebensfeindlich. Wozu die Schaffung dieser gigantisch großen, toten, leeren Wüste?

      Angenommen, man würde einen Planeten entdecken, der die Größe der Erde hat. Aber nur auf einem Quadratmillimeter der Oberfläche ist überhaupt Leben möglich. Würde man dann zu dem Schluss gelangen, jemand habe diesen Planeten nur geschaffen, damit dort Leben entstehen kann? Warum hat er dann nicht eine größere Fläche für Leben geschaffen?

      Das Bild der Bibel - eine Welt von beschränkter Größe, 6 - 10.000 Jahre alt, umhüllt von einem Firmament mit Sternen dran, bei dem alles um die Erde kreist, lässt sich mit einer Schöpfung zum Zweck der Existenz von Menschen vereinbaren. Aber, wie wir wissen, ist dieses biblische Bild grundfalsch. Würde es stimmen, so wäre die Annahme eines willentlichen Schöpfers plausibel.

      Welche Beweise gibt es, dass natürliche Kräfte und Naturgesetze fühlende und denkende Wesen zulassen oder schaffen?

      Die Beweise dazu bezeichnet man als "Evolution". Die Evolution ist eine schwerlich zu bestreitende Tatsache, wenn auch die Evolutionstheorie vielleicht die Mechanismen, die zur Lebensentstehung beitrugen, noch nicht komplett entschlüsselt hat.

      Die Annahme, dass Intelligenz im Laufe eines natürlichen Prozesses entstehen kann, ist die einzige Möglichkeit, Intelligenz überhaupt zu erklären. Wenn man bereits die Existenz eines intelligenten Wesens (etwa Gott) voraussetzt, kann man damit natürlich die Schaffung weiterer intelligenter Wesen "erklären", aber nicht den Grund, warum überhaupt Intelligenz (die von Gott) existiert. Wieso es also Intelligenz gibt, ist damit in jedem Fall unbeantwortet!

      Außerdem muss man noch erwähnen, dass aus sehr simplen Regeln sehr komplexe Muster entstehen können. Dies zeigt sich beispielsweise bei Fraktalen (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Fraktal), aber die Anzahl der Beispiele dafür ist immens.

      Welche Gründe gibt es, dass zufällige Kräfte durch Zeit und Chance etwas so Komplexes und Ausgetüfteltes schaffen wie die Naturgesetze, die wir beobachten?

      Das habe ich unter Komplexität und Gott bereits beantwortet. Man müsste nämlich sonst fragen, wie so etwas Gigantisches wie ein hochintelligentes Lebewesen, dass allwissend, allmächtig und vollkommen ist, durch Zufall (also unverursacht) entstanden sein kann? Was ist plausibler, dass ein vollkommenes Wesen wie Gott existiert oder etwas Unvollkommenes wie unser Universum? Ist es zudem plausibel, dass ein vollkommenes Wesen ein unvollkommenes Universum erschafft?

      Außerdem sind die Naturgesetze relativ simpel - aber da aus simplen Dingen mir sehr wenigen Regeln sehr komplexe Dinge entstehen können, ist die Annahme, dass aus den simplen Naturgesetzen komplexe Dinge entstehen können, völlig gerechtfertigt. Man kann die Frage auch umdrehen und fragen:

      Welche Gründe gibt es, dass zufällige Kräfte durch Zeit und Chance etwas so Komplexes und Ausgetüfteltes schaffen wie Gott?

      Denn Gott müsste auch unverursacht sein, also durch so etwas wie "Zufall" entstanden sein oder immer schon existieren. Was ist wahrscheinlicher: Das "immer schon" ein komplexes, bewusstes, vollkommenes, allwissendes, allmächtiges Wesen existierte oder aber ein aus simplen Elementen bestehendes Universum, in dem sich allmählich Komplexität entfaltet, aufgrund relativ einfacher Regeln?

      Wenn man ein kompliziert aufgebautes, ausgefeiltes Haus sieht, was ist wahrscheinlicher: Das es schlagartig in seiner gesamten Fülle da war, oder dass es aus einfacheren Elementen aufgebaut wurde? Siehe dazu auch Komplexität und Gott.


      Nach diesen Fragen von oben erwähnter Website möchte ich noch eine weitere Frage beantworten, die häufig an Atheisten gestellt wird:

      Warum gibt es Ordnung im Universum?

      Zunächst muss man feststellen, wenn man sich das Universum betrachtet, dass Ordnung im Universum sehr selten ist. Nur etwa 5% der Materie im Universum bestehen aus dem Stoff, aus dem wir Menschen gemacht sind (Quelle: Das Universum als Computersimulation (→ http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20229/1.html)). Der größte Teil dieser Materie ist als Staub über das Universum verteilt. Man muss also sagen, dass der weitaus überwiegende Teil des Universums noch viel chaotischer ist als mein Schreibtisch.

      Nun gibt es einen Einwand dagegen, dass überhaupt Ordnung im Universum entstehen konnte, der viele Gemüter beschäftigt. Denn wie wir wissen, gibt es den 2. Hauptsatz der Thermodynamik (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Thermodynamik#Zweiter_Hauptsatz), der (grob vereinfacht) besagt, dass die Unordnung in einem geschlossenen System nur zunehmen kann (und zwar linear). Wenn wir annehmen, dass das Universum ein geschlossenes System bildet, dann müsste die Unordnung also zunehmen - woher kommt dann die Ordnung im Universum, die wir beobachten? Ist das nicht ein Widerspruch? Es gibt auf diese Frage aber eine verblüffende Antwort, die zeigt, dass trotz des 2. Hauptsatzes Ordnung geradezu zwangsläufig entstehen muss.

      Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass die Entropie (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Entropie), also grob vereinfacht das Maß für die Unordnung, wächst.

      Seitdem das Universum entstanden ist, expandiert es beständig. Der Raum, den das Universum einnimmt, wächst exponentiell. Die Unordnung aber wächst nur linear. Wenn man - wie die moderne Astrophysik - davon ausgeht, dass die Entropie zu Beginn maximal war, d. h., bezogen auf die vorhandene Materie und den vorhandenen Raum die größtmögliche Zahl einnahm (oder vereinfacht gesagt: Zu Beginn herrschte im Universum das größtmögliche Chaos), dann erstaunt es einen schon, wie daraus Ordnung entstehen konnte. Aber der Raum wuchs (und wächst) exponentiell. Das bedeutet, dass die Entropie, bezogen auf das Raumvolumen, beständig kleiner wird. Man kann sich das durch die folgende Grafik veranschaulichen:

      Wachstum, Ordnung und Entropie Wie wir sehen, wächst das Raumvolumen erheblich schneller als die Entropie. Das bedeutet, dass pro Raumeinheit die Entropie relativ gesehen sinkt, obwohl sie, absolut gesehen, zunimmt. Man kann dies mit einer Analogie vergleichen: Angenommen, ich habe ein Haus und kippe allen Müll in den Vorgarten. Dann nimmt im Haus die Ordnung zu, im Vorgarten aber wächst das Chaos. Irgendwann ist der Vorgarten voll, und ich kann keine Ordnung mehr halten. Aber weiterhin angenommen, ich vergrößere beständig die Fläche meines Vorgartens durch Zukauf und verteile den Müll über diese wachsende Fläche, dann ist der zunehmende Müll kein Problem, sofern die Fläche schneller wächst als mein Müllvolumen. Im Vorgarten wird dann immer mehr Müll über eine immer größere - überproportional wachsende - Fläche verteilt. Sogar im Vorgarten sinkt dann tatsächlich die Müllmenge pro Flächeneinheit, obwohl die Gesamtmenge an Müll zunimmt!

      Und genau dies ist im Universum der Fall: Am Anfang herrschte totales Chaos, die Entropie war maximal. Mit der Zeit dehnte sich das Universum aus, und die relative Entropie sank. Dadurch entstand die zu beobachtende Ordnung. Abgesehen davon ist es allerdings eine grobe Vereinfachung, dass die Zunahme an Entropie immer auch eine Zunahme an Unordnung mit sich bringt. Bei manchen Prozessen kann die Entropie steigen, und die Ordnung nimmt zu - beispielsweise ist dies bei der Bildung von Schneeflocken zu beobachten.

      In unserem Sonnensystem ist es wie in der Analogie mit dem Haus: Die Erde bekommt von der Sonne Energie, die hoch geordnet ist. Von 20 Einheiten geordneter Energie werden durch die Vorgänge auf der Erdoberfläche 19 Einheiten in Form ungeordneter Wärmestrahlung in den ständig wachsenden Raum des Universums abgestrahlt, eine Einheit der Energie bildet die Ordnung auf der Erde. Lebewesen verhalten sich ähnlich: Sie nehmen Ordnung aus der Umgebung auf, verbrauchen diese, um ihre innere Ordnung aufrecht zu erhalten, und exportieren die Entropie als Wärme und in Form von Ausscheidungen. Weder die Lebewesen auf der Erde noch die Erde selbst sind nämlich ein geschlossenes System, sie können Ordnung bilden auf Kosten einer wachsenden Entropie im umgebenden Raum. Und solange der Raum um die Erde wächst, ist dies kein Problem.

      Tatsächlich spricht also der 2. Hauptsatz der Thermodynamik nicht gegen eine wachsende Ordnung im Universum. Im Gegenteil, durch die relativ sinkende Entropie (relativ bezogen auf den Raum) entstehen sogar zwangsläufig Inseln der Ordnung in einem Meer aus Chaos. Wenn Gott der Schöpfer des Universums wäre, dann wäre er übrigens auch der Schöpfer maximaler Unordnung, wobei die Unordnung dann durch das Wachstum des Universums in Teilbereichen abnimmt.

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      Weiterführende Links zum Thema

      Questions and challenges for atheists (→ http://www.challenging-atheism.com/challenges.html) Die Website, von der ich die oben aufgeführten Fragen habe.

      Where Do the Laws of Physics Come From? (→ http://www.colorado.edu/philosophy/vstenger/Nothing/Law.ppt) Woher kommen die physikalischen Gesetze? Eine Power-Point-Präsentation, die zeigt, dass die Naturgesetze aus den Eigenschaften der Leere stammen.

      Has Science found god? (→ http://www.colorado.edu/philosophy/vstenger/Found/Found.ppt) Ebenfalls eine Power-Point-Präsentation von Stenger zu dem Buch "Has Science Found God?" (siehe Literaturhinweis unten).

      How to Answer Theist Arguments (→ http://www.colorado.edu/philosophy/vstenger/how.html) Ebenfalls von Victor J. Stenger: Eine Sammlung von Antworten auf Fragen, die Theisten den Atheisten stellen, darunter viele, die auch hier gestellt und beantwortet werden.

      Siehe auch meine Liste mit interessanten Links.

      Interessante Literatur zum Thema

      Stenger, Victor J.: 2003, Has Science Found God?: The Latest Results in the Search for Purpose in the Universe, Prometheus Books, New York. In letzter Zeit wird das Gerücht verbreitet, dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse eine Bestätigung alter religiöser Ideen beinhalten. Prof. Stenger untersucht diese Behauptung und kommt zu genau entgegengesetzten Schlüssen – auf gründliche und informative Art.

      Das ist nur ein Ausschnitt aus meinem Literaturverzeichnis. Dort finden Sie noch weitere Literatur zum Thema.



      Anmerkungen:
      1.  Dieser Irrtum wurde durch eine wissenschaftliche Untersuchung in die Welt gesetzt, bei der versehentlich bei der Angabe des Eisengehalts von Spinat ein Komma um eine Stelle zu weit nach rechts gesetzt wurde. Heute ist dieser Irrtum allgemein bekannt, ich wurde in meiner Kindheit noch mit Spinat traktiert, weil es ja sooooo gesund sei, wegen des Eisengehalts.
      2.  Man kann also behaupten, dass es ohne bereits vorhandenes Wissen kein weiteres Wissen geben kann. Woher kommt das ursprüngliche Wissen? Das ist uns angeboren, es entstammt unserer evolutionären Entwicklungsgeschichte.
      3.  Obskurantismus: Aufklärungs- und Fortschrittsfeindlichkeit, Bestreben, die Menschen in Aberglauben und in Unwissenheit zu halten.
      4.  Dieser Text wurde heftig beeinflusst durch Mr. Lizard - das Original finden Sie hier (→ http://www.mrlizard.com/disbelief.html), mein Text ist eher eine recht freie Übersetzung.
      5.  Allerdings sind Atheisten im Durchschnitt (im statistischen Durchsschnitt) gebildeter als Gläubige (siehe auch Shermer 1999) und wir finden in den Gefängnissen auch eher wenig gebildete Menschen, so dass sich hier zwei Effekte überlappen, die man nicht mehr sauber trennen kann.
      6.  In der Bibel habe ich keine Stelle gefunden, die Päderastie eindeutig verbietet, dafür ist Päderastie allerdings auch unter Priestern relativ weit verbreitet (verglichen mit der Normalbevölkerung).
      7.  Interessanterweise liest sich der Satz bereits schräg.
      8.  Die Ausflüchte, die man zu hören bekommt, wenn man diese Textstelle anführt, sind psychologisch gesehen auch sehr interessant. Viele vergleichen sich dann selbst mit Jesus, der auch Versuchungen von sich gewiesen hat - aber das ist keine Versuchung, nur die Frage, inwieweit man tatsächlich an die Bibel glaubt. Und, siehe da: keiner tut es. Die Menschen behaupten nur, sie glaubten an die Bibel. Testet man ihren Glauben, kommen Ausflüchte und Rationalisierungen, mehr nicht.
      9.  Diese drei Sätze bildeten eine zeitlang meine Signatur auf mykath.de (→ http://www.mykath.de/) - bis sie von einer katholischen Moderatorin gelöscht wurde. Es scheint, als ob die hier geäußerten Ideen einen Nerv treffen würden. Das erlaubt interessante Einblicke in die Gläubigenseele ...
      10.  Die Idee, dass einen der andere nur nicht verstanden hat oder verstehen will, kommt aus der Annahme, dass er die Überzeugung teilen würde, wenn er sie nur verstünde. Das man eine Überzeugung verstehen kann und sie gleichzeitig für falsch halten kann, hält man bei der eigenen Überzeugung nicht für möglich.
      11.  Früher war es in Europa übrigens üblich, dass die Untertanen die Religion ihres Fürsten (Oberhauptes) annahmen. Das war meist mit Zwang verbunden - d. h. man hatte keine freie Wahl. Dass heutzutage noch "Du musst dran glauben" synonym zu "Du musst sterben" verwendet wird ist ein Überbleibsel aus der damaligen Zeit. Das Christentum hat sich erst dann rasch verbreitet, als es zur Staatsreligion wurde, vorher handelte es sich um eine recht kleine und unbedeutende Sekte.
      12.  Davon wird später noch ausführlich im zweiten Teil die Rede sein, wenn es darum geht, wie man Glaubensüberzeugungen unter die Leute bringt.
      13.  Der Ausdruck positiver Atheist wird von Michael Martin (Martin 1990) verwendet, um Atheisten zu bezeichnen, die an die Nichtexistenz von Gott glauben, in Abgrenzung zu den negativen Atheisten, denen nur der Glauben an Gott fehlt.
      14.  Siehe das Buch Neuner, Roos, Rahner, Weger :1992, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3791701193/ref=ase_psycholreligi-21/), Friedrich Pustet, Regensburg. In diesem Buch wird verbindlich festgelegt, woran Katholiken zu glauben haben. Aber es ist schwer geworden, Katholiken zu finden, die dieses Werk kennen und selbst unter denen, bei denen das der Fall ist, jemanden zu finden, der nicht eine sehr eigenwillige Interpretation der dort niedergelegten Lehrsätze hat.
      15.  Wenn es um Daten und Fakten zur Geschichte des Glaubens und der Kirche geht, ist Deschner eine der zuverlässigsten Quellen, die wir momentan haben, und zwar mit großem Abstand. Wenn es bei Deschner steht, dann stimmt es auch und hält fast immer sorgfältigster Nachprüfung stand. Und wenn es dazu abweichende Auffassungen gibt, so findet man diese auch meist bei Deschner, der auch lobende Worte findet, beispielsweise über den Papst Johannes XXIII. Wer also ist einseitig: Deschner oder seine Kritiker? Besonders auffällig ist auch, dass in Kreisen von Gläubigen auf Deschner vor allem von denen herumgehackt wird, die nie auch nur eines seiner Bücher gelesen haben. Auch das ist einseitig, wer ihn verdammt, sollte ihn wenigstens auch gelesen haben und nicht nach dem Hörensagen Irrtümer über ihn weitererzählen.
      16.  Siehe dazu auch das grundehrliche Buch des Theologen (!) Langbein: Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3784429750/ref=ase_psycholreligi-21/), in dem im Kapitel "E wie Ehe, Ehescheidung und Ehebruch" auf den Seiten 201-203 dieser Irrtum aufgeklärt wird. Es wäre völlig falsch und weitaus überzogen, alle Theologen in Bausch und Bogen zu verdammen, es gibt viel zu viele Theologen wie Langbein, auf die dieser Vorwurf nicht zutrifft, denn sein Buch ist eindeutig für theologische Laien geschrieben.
      17.  Für Theologen ist das ziemlich naheliegend, weil auch die Bibel so gelesen wird - nicht, was steht im Text und was wollte der Autor uns sagen, sondern wie kann man das so interpretieren, wenn man alle modernen exegetischen Kunststücke so verwendet, dass man daraus noch Honig für seine Theologie saugen kann. Wobei - so richtig modern ist das auch nicht, weil schon immer gemutmaßt wurde, dass die Bibel mehrere Bedeutungen in ihrem Text hat, eine offensichtliche, eine verborgene, eine für Hans, eine für Franz. Wie Prof. Buggle mir einmal sagte, würde man einen Philologen, der bei der Textinterpretation so vorgeht wie ein Theologe, an der Universität aus dem Seminar werfen, weil das eine Verstoß gegen die intellektuelle Redlichkeit sei. Aber damit nehmen es viele Theologen nicht so genau - vor allem, wenn sie vor Laien reden.
      18.  Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob - wie die Quantenphysik zeigt - ein Beobachter ein beobachtetes Phänomen durch den Akt der Beobachtung beeinflusst oder es erst hervorbringt. Ersteres ist unbestritten, letzteres geht nicht aus ersterem hervor.