Psychologie, Religion & Glauben

Essays zum Thema Religion allgemein

1. Liste der verfügbaren Essays

Hier finden Sie eine Liste von Essays zu bestimmten interessanten Themen, welche sich nicht in den laufenden Text einfügen, aber ebenfalls von Interesse sind. Einige der Themen ergeben sich aus Diskussionen oder aktuellen Anlässen, einige habe ich in ähnlicher Form in diversen Internet-Foren geposted, manches ist eine Zusammenfassung eines bislang erörterten Themas oder eine andere Perspektive.

Bislang sind folgende Essays verfügbar:

Liste der vorhandenen Essays
  1. Was ist eigentliche Glauben?
  2. Warum das Christentum eine falsche Religion ist
  3. Ockhams Rasiermesser
  4. Die persönliche Gotteserfahrung
  5. Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft
  6. Eine Sammlung unfertiger Ideen und Anmerkungen
  7. Unglaublich! Niemand glaubt an Gott!
  8. Wie man Unsinn entlarvt
  9. Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge
  10. Überzeugung und freier Wille
  11. Die Kunst der Täuschung
  12. Gastbeitrag: Die Illusion Willensfreiheit von Harry Krämer
  13. Der Glauben als Konflikt
  14. Erbsünde und stellvertretendes Opfer
  15. Die Uri-Geller-Show
  16. Was ist von der modernen Theologie zu halten?
  17. Einige persönliche Anmerkungen
  18. Ist das Fehlen eines Beweises ein Beweis für Fehlen?
  19. NEU! Nichts geschieht ohne Ursache
  20. NEU! Was ist Wissenschaftsaberglaube?
  • NEU! Fragen an Atheisten


  • Was ist eigentlich Glauben? Was ist der Unterschied zwischen Glauben und Wissen, und was für Konsequenzen ergeben sich daraus?

    Warum das Christentum eine falsche Religion ist Eine kurze Zusammenfassung meiner Position zum Christentum anhand verschiedener Artikel von Prof. Gerhard Streminger.

    Ockhams Rasiermesser Eine Begründung, warum das berühmte Rasiermesser für einen Religionskritiker unverzichtbar ist.

    Persönliche Gotteserfahrung Eine kurze Begründung dafür, warum man mit einer persönlichen Gotteserfahrung nicht die Existenz von Gott beweisen kann, auch wenn man die Erfahrung selbst nicht anzweifelt.

    Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft - was bedeutet das eigentlich? Einige Bemerkungen zu dem Thema "Grenzen der Vernunft", welches von Theologen so gerne benutzt wird, um dann ihre Theologie an die Frau oder den Mann zu bringen. Aber die Grenzen der Vernunft gelten auch für Theologen, dort sogar noch viel unbarmherziger ...

    Gedankensplitter Unsortierte Ideen zu verschiedenen Themen, die ich mal gesammelt habe. Die eine oder andere Idee wird dann später mal zu einem Artikel verarbeitet oder dort verwendet.

    Unglaublich! Kaum jemand glaubt an Gott! Artikel, der auf einer hochinteressanten Idee beruht (das darf ich sagen, weil die Idee nicht von mir stammt). Man kann nämlich nicht am Verhalten von Gläubigen erkennen, dass diese an Gott glauben - also kann man schließen, dass fast niemand wirklich an Gott glaubt.

    Wie man Unsinn enlarvt: Ein neuer Artikel zu der Frage, wie man Fehler in Argumenten und Begründungen entdeckt. Basiert auf dem Buch Der Drache in meiner Garage (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3426774747/psycholreligi-21) von Carl Sagan. Sie können die Argumente dort gerne gegen meine eigenen anwenden, sollten dann aber auch so ehrlich sein, dies gegen Ihre Argumente zuzulassen.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Papst in einem kugelsicheren Papamobil sich von der Menschenmenge bejubeln lässt. Offensichtlich vertraut der Papst Gott nicht, dass der ihn schützt, und außerdem scheint der Papst Angst davor zu haben, zu sterben und in den Himmel zu kommen ... auch Blitzableiter auf dem Vatikan sind ein Misstrauensvotum gegen Gott.

    Überzeugungen: In meinem Essay Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge (ein Aphorismus von Nietzsche) schließe ich von Beobachtungen aus meinen Diskussionen auf die Glaubwürdigkeit religiöser Überzeugungen.

    Überzeugung und freier Willen: Dies ist die Fortsetzung zu dem Argument des Unglaubens: Unglauben und freier Willen. Diesmal gehe ich auf das Argument des freien Willens nochmal genauer ein. Und in Überzeugung und freier Willen wird das Thema nochmals vertieft.

    Die Kunst der Täuschung: In einer Diskussion versuchen Theisten oft, einen mit Hilfe eines Gottesbeweises von der Existenz Gottes zu überzeugen. Sobald man jedoch Einwände erhebt und atheologische Argumente vorbringt, erfolgt plötzlich ein Schwenk auf die Behauptung, dass man Gott mit Logik nicht beweisen könne. Aber damit widerspricht sich der Theist selbst ...

    Die Illusion Willensfreiheit von Harry Krämer: Ein Gastbeitrag zum Thema "Freier Willen".

    Der Glauben als Konflikt: Warum der Glauben zu Konflikten führen muss, wenn man sich auf ihn beruft.

    Erbsünde und stellvertretendes Opfer: Über die Absurdität der Idee, dass ein "stellvertretendes Opfer" nötig ist, damit Gott uns von der Erbsünde befreit, die er selbst verursacht hat.

    Die Uri-Geller-Show: Eine genaue Analyse der Uri-Geller-Show auf RTL und eine Entlarvung der von Geller verwandten Tricks.

    Was ist von der modernen Theologie zu halten?: Warum ich mich auf meiner Website nicht mit der modernen Theologie ausführlicher beschäftige.

    Wofür ich stehe: Ein Essay darüber, für welche Art des Atheismus ich persönlich stehe.

    2. Was ist eigentliche Glauben?

    An verschiedenen Stellen hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Glauben im Alltag und dem religiösen Glauben. Worin besteht dieser Unterschied? Wir können die verschiedenen Arten des Glaubens an der Form und an dem Inhalt unterscheiden. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele:

    Glauben Sie an Ihre eigene Existenz? Vermutlich empfinden Sie diese Frage bereits als absurd. Sie wissen (sind sich sicher), dass Sie existieren. Folglich glauben Sie nicht daran, Sie wissen es. Es ist kein Glauben nötig.

    Glauben Sie an die Existenz Ihres Computers oder Ihres Schreibtisches? Das erscheint ebenfalls absurd zu sein. Sie wissen, dass diese Dinge existieren. Sie können sich, wenn Sie sich auf einen ultra-skeptischen Standpunkt stellen, daran zweifeln, aber im täglichen Leben gehen Sie davon aus. Und wenn Ihr Schreibtisch plötzlich verschwunden wäre, wäre Ihr erster Ausruf nicht "Meine Zweifel an der Existenz des Schreibtisches war also gerechtfertigt!" sondern "Wer hat den Tisch entfernt? Wo ist er geblieben?". Zweifel an der Existenz der Dinge, die wir sinnlich erfahren können, mag sich am Philosophenstammtisch ganz gut machen, im praktischen Leben selbst von Ultra-Skeptikern spielt das keine Rolle, wird meist auch als absurd empfunden. Wenn ein Ultra-Skeptiker sich sein Schienbein an einem Tisch stößt, wird er sich meistens nicht wundern, wieso diese Erfahrung so intensiv ist - denn "eigentlich" existiert der Tisch ja nicht. Es ist kein Glauben nötig.

    Glauben Sie daran, dass 1 + 1 = 2 ist? Auch nicht. Das wird ebenfalls so hingenommen und akzeptiert. Es ist kein Glauben nötig, um das zu akzeptieren.

    Glauben Sie daran, dass ein Gebilde zugleich ein Kreis und ein Quadrat sein kann? Nein. Das geht nicht, das ist so widersprüchlich, dass man daran im Normalfall ebenfalls nicht glauben kann. Bei der Ablehnung dieser Idee ist ebenfalls kein Glauben nötig.

    Glauben Sie daran, dass sich Ihr Telefon plötzlich in ein Auto verwandeln könnte? Nein. Auch hier muss man den Glauben nicht bemühen, um anzunehmen, dass das nicht möglich ist. Ein Telefon ist ein Telefon, ein Auto ist ein Auto. Alles andere wie in diesem Beispiel bezeichnen wir als Unsinn. Man kann es sich vorstellen, aber nicht daran glauben.

    Glauben Sie an die Schwerkraft? Vermutlich ebenfalls nicht. Auch hier spielt Glauben keine Rolle.

    Zusammenfassend könnte man sagen, dass wir weder an sinnlich erfahrbare Tatsachen noch an Logik glauben. Aber vorsicht, gerade Theologen bestreiten dies ganz gerne, weil sie nach einem Hebel suchen, um uns einzureden, wir würden an derlei Dinge eben doch glauben. Im alltäglichen Leben glauben wir nur an Dinge, die unsicher sind, von denen wir nichts Genaues wissen. Wir sprechen von einem rational gerechtfertigten Glauben, wenn wir zwar Grund zu der Annahme haben, etwas sei so, wie wir annehmen, aber mit einem gewissen (teils hohen) Unsicherheitsfaktor. Wir sind uns nicht sicher, wir wissen nicht, also glauben wir. Glauben im Alltag setzt immer eine bestimmte Unsicherheit voraus. Glauben bedeutet also vermuten, für wahr halten, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit annehmen, aber auch Vertrauen in eine Person oder einen Ablauf (kein Fußballer würde gegen einen Ball treten, wenn er Grund zu der Annahme hätte, dass sich dieser plötzlich in eine massive Eisenkugel verwandeln könnte). Wir reden von Wissen bei einem bestimmten Grad der Sicherheit, wir reden von Glauben sobald die Sicherheit unter einen bestimmten Grad sinkt und es auch anders sein könnte, als wir vermuten (= glauben).

    Wissen und GlaubenWissen bezeichnet normalerweise eine hinreichend gut gesicherte Erkenntnis, Glauben bezeichnet im Alltag dabei ein Wissen mit einem höheren Grad an Unsicherheit. Je sicherer wir etwas wissen, umso eher bezeichnen wir es als "Wissen", je unsicherer wir uns sind, umso eher bezeichnen wir es als "Glauben", wobei die Übergänge fließend sind und vom Kontext abhängen. Obwohl die Theologen etwas anderes meinen, wenn sie vom Glauben reden, wird beides gerne miteinander verwechselt, teilweise sogar in unredlicher Absicht, teilweise deswegen, weil der Glauben der Theologen tatsächlich vom Alltagsglauben abstammt und nicht wesentlich von diesem verschieden ist. Theologen betonen tatsächlich häufig die Ähnlichkeit von Alltagsglauben und metaphysischem Glauben wie auch seine Verschiedenheit, vor allem, was den Grad der Sicherheit angeht. Das ist das übliche Argumentationsmuster: metaphysischer Glauben ist wie Alltagsglauben, nur vollständig anders.

    Von dieser Art alltäglichen Glauben müssen wir also den metaphysischen Glauben der Theologen unterscheiden. Zum einen, weil diese Art zu Glauben nicht mit der alltäglichen Unsicherheit in Verbindung gebracht wird, sondern mit Gewissheit, also einem sehr hohen Grad an Sicherheit. Im Folgenden bezeichne ich diese Art zu glauben als m-Glauben (= metaphysischen Glauben), um ihn vom Alltags-Glauben abzugrenzen. Allerdings gilt auch hier, dass man an Tatsachen oder Logik nicht m-glauben kann, ebenso wenig kann man "eigentlich" an widersprüchliche Dinge (wie an einen quadratischen Kreis) m-glauben. Wissen und Tatsachen fallen als Ziel für den m-Glauben ebenfalls aus. Wenn jemand sagt: "Ich glaube an die Existenz von Jesus" und es würden ganz klare Beweise für die Existenz von Jesus auf den Tisch gelegt - Beweise, an denen man kaum zweifeln kann - dann würde der Glauben verschwinden und dieser jemand würde sagen "Ich weiß, dass Jesus gelebt hat".

    Wobei man sagen muss, dass es individuelle Unterschiede gibt, ab welchem Grad der Wahrscheinlichkeit wir von Wissen statt von (m-)Glauben reden. Hier spielt eine Rolle, wie gut wir eine neue Tatsache in den Rahmen unseres bisherigen Wissens integrieren können. Je schlechter wir dies können, umso mehr Sicherheit (= höhere Wahrscheinlichkeit) verlangen wir von der neuen Tatsache, je besser es geht, umso weniger wahrscheinlich braucht es zu sein. Stehen Tatsachen im Widerspruch zu bisherigem Wissen oder (m-)Glauben, so werden wir unsere Anforderungen an die Belege für diese Tatsachen hinaufschrauben, denn die Integration dieser Tatsache wird einen Umbau unseres bisherigen Wissensrahmens erfordern, was mit großem Aufwand verbunden ist. Der Aufwand lohnt sich nur dann, wenn die neue Tatsache mit großer Sicherheit verbunden wird und selbst dann werden sich viele Menschen noch scheuen, diesen aufwändigen Umbau vorzunehmen und die neue Tatsache lieber ignorieren. Denn auch vieles andere müsste sich mitändern, deswegen weisen Weltbilder eine gewisse Resistenz (Widerstand) gegen Veränderungen auf.

    Wenn wir weder an Tatsachen noch an Logik oder Widersprüche oder Unsinn glauben oder m-glauben können, was bleibt dann noch übrig? Für den Alltag die Dinge, deren wir uns nicht ganz sicher sind und Irrtümer. Man kann auch an Irrtümer glauben und auf falsche Informationen vertrauen. Angenommen, jemand erzählt uns, dass Spinat sehr viel Eisen enthalte  [1] und wir erklären ihm seinen Irrtum mit Veröffentlichungen aus renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften. Dann wird er vermutlich sagen: "Und ich habe die ganze Zeit an den Eisengehalt des Spinats geglaubt" - und nicht: "Ich habe doch die ganze Zeit gewusst, dass Spinat viel Eisen enthält!". Das würden wir zu Recht für Unsinn halten. Allenfalls kann man noch sagen, er habe geglaubt, zu wissen.

    Für den m-Glauben bleiben nur die Dinge übrig, die wir nicht wissen können. Das kann natürlich auch falsch sein (jede der Religionen bezichtigt auch jede der anderen Religionen des Irrtums, da nicht alle gleichzeitig recht haben können, ist damit bewiesen, dass da jemand in Irrtum glauben muss). Sollte man unbekannte Erkenntnisse in Wissen überführen können, dann hört damit der m-Glauben auf. Wir überführen unbekannte Informationen durch Erklärungen in Wissen über. Wir reden vom Wissen dann, wenn wir diese Erklärungen verstanden haben. Aus unbekannten Informationen wird also durch den Akt des Erklärens Wissen. Die unbekannten Informationen werden in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert. Dies geschieht dadurch, dass wir den vorhandenen Wissenskontext  [2] dazu benutzen, die bislang unbekannte Information auf Bekanntes zurückzuführen.

    Und da sind wir schon beim ersten großen Dilemma des m-Glaubens. Denn wenn wir etwas nicht wissen, so können wir aus diesem Nicht-Wissen auch keine Erklärungen beziehen, es kann auch nicht selbst erklärend sein. Es müsste also erklärt werden, in dem man es in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert, aber damit würde es selbst zu Wissen. Gelänge die Integration, so würde der m-Glauben verschwinden. Beim m-Glauben kann es sich also nur um Dinge handeln, die wir nicht wissen. Also handelt es sich auch hier um eine Form des Nicht-Wissens. Andererseits aber soll mit dem m-Glauben etwas (z. B. der Sinn der Welt, des Lebens oder die Entstehung des Universums) erklärt werden. Man kann aber Unbekanntes nur mit bereits bekannten Dingen erklären, also Dingen, von denen man bereits weiß. Dies nennen die Theologen ein Geheimnis, aber das Geheimnis besteht nur darin, dass es sich um einen logischen Zirkel handelt.

    Worin besteht der Zirkel? Man erklärt die Welt aus etwas heraus, was nicht zu unserem Wissen gehört (z. B. Gott), also eigentlich unerklärbar und undefinierbar ist. Damit hat man eine neue Perspektive auf diese Welt. Diese ist keine Erklärung, weil man mit Unerklärtem nichts erklären kann, sondern im Gegenteil, es handelt sich um eine Verklärung der Welt (Mystifizierung, Umwandlung in ein Geheimnis, eine Haltung, die man auch als Obskurantismus  [3] bezeichnet). Aus dieser neuen Perspektive erscheint es als völlig logisch, dass es z. B. Gott (oder worum es gerade auch immer geht) gibt. Jetzt können Sie auch verstehen, warum man als Nicht-Gläubiger den Glauben nicht verstehen kann, sondern erst dann, wenn man bereits glaubt, d. h. wesentliche Grundprämissen des Zirkels teilt, was geschehen muss, bevor man sie verstanden hat, denn aus einer naturalistischen Sicht sind die "Erklärungen" wertlos. Warum die "Erklärungen" wertlos sind, habe ich (etwas philosophisch-abstrakter) hier erklärt: Können Theologen die Welt erklären).

    Durch die Annahme der grundlegenden Erklärungen bekommt man einen Anteil am Geheimnis, man wird ein "Eingeweihter". In Wahrheit bedeutet das, dass man sich in einem Zirkel aus tautologischen Erklärungen bewegt. Die Zirkel sind aber meist zu kompliziert, um als Zirkel durchschaut zu werden. Die "Erklärungen" (eigentlich: Verklärungen) sind aufgrund des zirkulären Charakters inhaltlich aber leer, was immer dann deutlich wird, wenn man einen Zirkelgläubigen dazu nötigt, seine Begriffe zu erklären. Was dann noch zu einem Verständnis fehlt, wird wiederum als "Geheimnis" deklariert, welches nur Eingeweihten (= Gläubigen) zugänglich ist. Ein solches System kann auch nie ernsthaft mit irgendwelchen Tatsachen kollidieren, dagegen ist es immun. Es kollidiert erst dann mit den Tatsachen, wenn versucht wird, auf dieser Basis in die reale Welt einzugreifen, denn das kann nicht funktionieren (außer über die Köpfe anderer Menschen).

    Auf diese Art und Weise lässt sich jedes Denksystem gegen Widerlegung abschotten, aber je besser die Abschottung ist, umso inhaltsleerer wird das System. Ein vollkommen abgeschottetes Denksystem ist auch vollkommen leer, deswegen sind die bisherigen Systeme in dieser Hinsicht auch nicht "vollkommen", was uns einen Hebel gibt, wo wir unsere Kritik ansetzen können. Die Kritik treibt dann die Kritisierten dazu, ihr System immer weiter leer zu definieren. Aus der Lehre wird eine große Leere. Allerdings ist das eine Sisyphosarbeit - um Albert Camus zu zitieren: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (zitiert von der sehr empfehlenswerten Homepage von Dr. Schmidt-Salomon (→ http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/homepage.htm). Man kann so aus jedem Unsinn, jeder Lehre eine große Leere machen: nicht mehr kritisierbar, aber ohne Inhalt. Wer Inhalte hat, hat auch keine Angst vor Kritik. Wer keine hat, muss die Kritik meiden, weil er verbergen muss, keine Inhalte zu haben.

    Was die Wissenschaften auszeichnet, ist der schlichte Umstand, dass man dort leere Definitionen und leere Erklärungen und derartige Zirkel vermeidet.

    Konfusius, er zitiert: "Ein Glauben ist nicht wahr, weil er nützlich ist." (Henri Frederic Amiel)

    3. Warum das Christentum eine falsche Religion ist

    Der folgende Text ist eine kurze Zusammenfassung von:

    Christlicher Glaube und kritische Vernunft (→ http://www.gkpn.de/singer6.htm) von Prof. Gerhard Streminger Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt. Ein Überblick über das Theodizeeproblem (→ http://members.aon.at/gstremin/theodizee.html) von Prof. Gerhard Streminger Die Leiden an der Güte Gottes - Gedanken zu: A. Kreiner, Die Leiden der Welt und das Theodizee-Problem (→ http://www.gkpn.de/strem5.htm) von Prof. Gerhard Streminger

    An den christlichen Gott, so wird gesagt, kann man nur glauben, denn alle Versuche, seine Existenz zu beweisen, sind gescheitert. Der Verstand, so wird behauptet, kann einem da nicht weiterhelfen. Das hat dazu geführt, die Vernunft im Christentum abzuwerten zugunsten des Glaubens - denn nur über den Glauben kann man zu Wahrheiten finden, die sich nicht beweisen lassen und für die es keine Evidenzen gibt.

    Vernunft sei hier definiert als das sachliche Abwägen von Evidenzen, die für und wider eine Behauptung sprechen. Wenn mehr Evidenzen für als gegen eine Aussage sprechen, kann man diese annehmen, sonst muss man sie verwerfen. Als Methode des Abwägens kann man die formale Logik nehmen, die dialektische Logik, transzendentale Logik oder sog. parakonsistente Logiken. Auch bei der Wahl der Methode selbst muss man abwägen.

    Wenn man die Gesamtheit aller Glaubensaussagen nimmt, so ist diese Menge (nahezu) unendlich groß. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Glaubensaussage wahr ist, eins zu unendlich ist, also praktisch null. Aus diesem Grund kann man nur die Vernunft nehmen und muss auch die Glaubensaussagen vernünftig gegeneinander abwägen - daraus folgt als eine zwingende Konsequenz ein Primat der Vernunft gegenüber dem Glauben. Aus diesem Dilemma - das Vernunft die Voraussetzung des Glaubens sein muss - kommt man durch den Glauben alleine nicht heraus. Glauben kann sich nicht selbst begründen.

    Wägen wir also das Für und Wider eines Glaubens an den (monotheistischen) christlichen Gott ab. Für den Glauben an Gott sprechen keine Evidenzen, aber sehr wohl gegen den Glauben an einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott. Denn die Übel dieser Welt sind eindeutige Argumente gegen einen allgütigen Gott, wenn dieser zugleich als allmächtig und allwissend gedacht wird. Ohne Lösung des Theodizeeproblems gibt es also berechtigte Gründe, die Annahme der Existenz des christlichen Gottes zu verwerfen. Dies hat Streminger in seinem Artikel Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt (→ http://members.aon.at/gstremin/theodizee.html) ausreichend dargelegt, mehr noch in seinem Buch: Streminger, Gerhard: 1992, Gottes Güte und die Übel der Welt, Das Theodizeeproblem (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3161458893/psycholreligi-21), Mohr Siebeck, Tübingen.

    Da also das Theodizeeproblem ungelöst ist, bleibt gegenüber diesem Gott nur die Position des Atheismus übrig. Ein Gott, der allmächtig und allgütig ist, ist angesichts des Leids in der Welt undenkbar. Da es zudem unmöglich ist, an etwas zu glauben, was in sich widersprüchlich ist, ist dieser Gott folglich nicht glaubbar.

    Wenn es den christlichen Gott nicht gibt, ist auch das Christentum selbst schlicht falsch. Hinzu kommt, dass die in der Bibel aufgeführten Evidenzen sehr, sehr schwach sind. Wir wissen inzwischen, dass die Erschaffung der Welt in der Bibel ein Mythos ist, eine Legende. Auch die Schöpfung des Menschen hat sich nicht wie in der Bibel geschrieben zugetragen. Der Mensch ist im Verlaufe eines ca. vier Millionen Jahren andauernden Prozesses aus tierischen Vorfahren hervorgegangen. Damit entfällt auch der Sündenfall in der Bibel als Begründung gegen das Theodizeeproblems, weil es das Leid in der Welt schon gab, bevor der Mensch auf der kosmischen Bühne erschien. Und aus einer offensichtlich erfundenen Geschichte kann man keine Begründungen beziehen. Auch viele der weiteren Geschichten im AT sind Legenden (siehe dazu die archäologischen Fakten in Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: 2002, Keine Posaunen vor Jericho (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3406493211/psycholreligi-21), C. H. Beck, München), gegen die die Evidenzen sprechen, obwohl einzelne Fakten in der Bibel durchaus geschichtlich korrekt sind.

    Die Güte Gottes wurde aber insbesonders im NT eingeführt von Jesus. Da dieser Gott, auf den sich Jesus bezieht, nicht existieren kann, ist das Zeugnis Jesus insgesamt unglaubwürdig, soweit es Gott betrifft. Auch das NT selbst beruht nicht auf nachprüfbaren Fakten, teilweise sprechen die Fakten sogar gegen die dort niedergeschriebenen Geschichten, die, wie wir wissen, sich nicht aus dem Glauben selbst belegen können.

    Bleibt noch die allgemein angeführte persönliche Gotteserfahrung, die von einigen wenigen Gläubigen angeführt wird. Nehmen wir mal einen Moment an, wir selbst hätten eine solche Erfahrung: Ein gütiges, mächtiges und wissendes Wesen würde uns erscheinen und beweisen, dass es über zukünftige Ereignisse zuverlässig Bescheid weiß. Können wir aus diesem Erlebnis auf die Richtigkeit des monotheistischen Gottesglaubens schließen? Offenkundig nicht, denn dazu müssten wir wissen, dass dieses Wesen das Einzige seiner Art wäre. Um diese Behauptung aufstellen zu können, müssten wir das gesamte Universum zu allen Zeiten und alle jenseitigen (transzendenten) Sphären außerhalb unseres Universums überblicken können, was sowohl praktisch als auch logisch unmöglich ist und auch noch von keinem Menschen behauptet wurde. Und auch nur bei einem Gesamtüberblick wüssten wir, ob dieses Wesen wirklich allgütig und allmächtig wäre.

    Da außerdem sich die Gotteserfahrungen der verschiedenen Menschen zum Teil dramatisch unterscheiden, können wir auch nicht darauf schließen, dass allen dasselbe Wesen erschienen ist - im Gegenteil, diese unterschiedlichen Erfahrungen sprechen recht eindeutig (wenn wir sie als Fakt hinnehmen) für einen Polytheismus. Ironisch ausgedrückt kann nämlich jeder dahergelaufene Gott uns gegenüber behaupten, er sei der einzige existierende Gott - ohne einen absoluten Gesamtüberblick ist diese Behauptung aber ohne jede Evidenz, muss also nach Abwägung aller Erlebnisse zurückgewiesen werden. Hinzu kommt, dass die erstaunliche Übereinstimmung einer jeden geschilderten Gottesbegegnung mit dem kulturell verankerten Gottesbild in allzu großem Maße übereinstimmt, also auch allein auf kulturelle Einflüsse zurückgeführt werden kann - wäre dies anders, dann müssten auch den Hinduisten Jesus erscheinen. Auch dies spricht also eindeutig gegen den Monotheismus.

    Und wenn man behauptet, dämonische Kräfte könnten als falsche Götter erscheinen, um die Menschen zu verwirren, dann entzieht eine persönliche Gotteserfahrung dem Glauben an einen bestimmten Gott endgültig den Boden, denn dann kann man selbst auch nicht sagen, dass der einem selbst erschienene Gott der einzig wahre Gott ist, denn dies behaupten alle Anderen auch. Wobei den Hinduisten ja mehrere Götter erscheinen, dies ist auch viel plausibler, wenn man die Vielfalt der Göttererscheinungen betrachtet - in einem Polytheismus gibt es nämlich das Theodizeeproblem nicht. Es gibt auch keinen Grund, anzunehmen, ein einziger Gott würde in vielen verschiedenen Gestalten auftreten, aber trotzdem gleichzeitig fordern, nur an einen einzigen Gott zu glauben. Hier würde sich Gott selbst widersprechen, und man kann unmöglich an widersprüchliche Dinge glauben.

    Aus diesen Gründen (und vielen anderen) ist also das Christentum eine falsche Religion.

    Um zu zeigen, dass meine Begründung falsch ist, müsste man eine allgemein akzeptable und vernünftige Lösung des Theodizeeproblems finden. Ohne diese Lösung ist es vernünftiger, das glaubensunmögliche Christentum zu verwerfen, mit allen Konsequenzen. Übrigens gälte für den Islam dasselbe, dieser zählt aus denselben Gründen auch zu den falschen Religionen. Und Streminger muss man darin zustimmen, dass dann nur psychologische Gründe für die Erklärung des Glaubens übrig bleiben. Die Theologie wäre demnach auf Biologie, Psychologie, Anthropologie und Soziologie zu reduzieren, ihre Ansprüche zurückzuweisen.

    Konfusius, er zitiert: "Wir sollen glauben, weil unsere Urväter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit unwissender als wir, sie haben an Dinge geglaubt, die wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglichkeit regt sich, dass auch die religiösen Lehren von solcher Art sein könnten." (Sigmund Freud)

    4. Ockhams Rasiermesser

    Ockhams RasiermesserOckham, Wilhelm von (um 1285 bis ca. 1349), in Ockham (Surrey) geborener englischer Philosoph, theologischer Schriftsteller und Franziskaner. Das Wilhelm von Ockham zugeschriebene Ökonomieprinzip der formalen Logik, demzufolge einfache Denkmodelle den komplizierten vorzuziehen seien, wird Ockhams Rasiermesser genannt. Allerdings geht seine bekannte Formel entia non sunt multiplicanda sine necessitate (die Seienden sollen nicht ohne Notwendigkeit vervielfacht werden) nicht auf Ockham zurück.

    Indirekt und direkt sind Sie Ockhams Rasiermesser auf diesen Seiten bereits mehrfach begegnet. Unter Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume habe ich Ihnen eine statistische Interpretation nahe gebracht: Je mehr unbewiesene Annahmen man in einer Theorie oder Philosophie oder Religion man hat, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gedankengebäude wahr ist. Das ist aber nicht der einzige Grund für die Anwendung des Rasiermessers.

    Ein weiterer Grund liegt darin, wie wir Erklärungen aufbauen. Dies ist in Können Theologen die Welt erklären? genauer beschrieben, aus Gründen der Vollständigkeit wiederhole ich es hier aber.

    Erklären bedeutet, neue Informationen in ein vorhandenes Rahmenwerk aus Wissen so zu integrieren, so dass die neue Information selbst zu Wissen wird. Wobei man noch hinzufügen muss, dass jedem Erklären notwendig ein Erkennen voraus geht. Erkennen setzt Informationen voraus, Wissen und Informationen sind nicht dasselbe!

    Das bedeutet: Neues Wissen kann nur durch bereits vorhandenes Wissen erklärt und verstanden werden. Es muss "immer schon" Wissen vorhanden sein, um überhaupt etwas Wissen zu können. Dieses Vorwissen bezeichnete Kant als die A Priori des Wissens (= Wissen vor aller Erfahrung), dieses Wissen ist für das Individuum transzendent, daher Transzendentalphilosophie (das hat überhaupt nichts mit dem religiösen Begriff der Transzendenz zu tun, im Gegenteil, Kant war der Meinung, jede Metaphysik und jede Transzendenz vernichtet zu haben). Damit konnte Kant die Auffassung der Empiristen widerlegen, für die jedes Individuum als eine "leere Tafel" geboren wird, die dann allmählich mit Erfahrung beschrieben wird. Um einen bekannten Satz zu paraphrasieren (der erste Teil stammt von den Empiristen, der zweite ist die Entgegnung der Rationalisten):

    "Es ist nichts in Deinem Verstand, was nicht durch Deine irrenden Sinne hineingekommen ist - außer Deinem Verstand selbst"

    Erst Darwin, Campbell und Lorenz konnten zeigen, dass die A Priori des Individuums von Kant die A Posteriori (= nach der Erfahrung) der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Art sind, was Lorenz als den "angeborenen Lehrmeister" bezeichnet - die Quelle des ursprünglichen Wissens, welches notwendig ist, um die Welt überhaupt verstehen zu können. Führt hier zu weit, wer mehr darüber wissen möchte, dem sei folgendes exzellente Werk empfohlen:

    Riedl, Rupert: 2000, Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/354066873X/psycholreligi-21), Springer Verlag, Berlin.

    Wie unterscheidet sich nun das theologische Erklären von dem wissenschaftlichen Erklären (welches ich kurz oben angerissen habe)?

    Nun müsste einer Theorie des theologischen Erklärens zunächst eine Theorie des Erkennens vorausgehen. Ohne Erkennen kein Erklären. Und damit handelt sich der Theologe folgende Fragen ein:

    Soweit ich weiß, gibt es von Seiten der Theologen auf keine einzige dieser Fragen eine auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Das hat einen spezifischen Grund: Theologen beschäftigen sich mit Erkenntnis jenseits der natürlichen Grenzen des Universums. Und sie beschäftigen sich mit dem, was wir prinzipiell nicht wissen können (jedenfalls nicht im "herkömmlichen" Sinn).

    Zunächst aber zur interessanten Randfrage: Warum gibt es keine theologische Erkenntnistheorie? Doch, die gibt es. Die bisherigen Theorien haben aber einen entscheidenden Nachteil: Versucht man die obigen Fragen zu beantworten, dann landet man entweder im Subjektivismus (Kierkegaard), und Subjektivismus in Konsequenz landet stets im Solipsismus, oder aber man landet im Agnostizismus , d. h. in der Erkenntnis, dass man nichts wissen kann und dass man über dass, worüber man nichts wissen kann, auch nicht reden kann. Um diese unangenehmen Folgeerscheinungen zu vermeiden lassen Theologen die obigen Fragen gerne so weit es irgend geht offen. Nur die Frage nach der Sicherheit (Geltung) wird gerne beantwortet: Es handelt sich natürlich um die höchste Stufe - Gewissheit. An der Begründung wird dann aber schon wieder gespart ...

    Anders gesagt: Was uns die Theologen "eigentlich" erklären, ist eine offene Frage. Solange die Theologen also nicht erklären können, was Erklären in ihrem Sinne eigentlich ist, sind ihre Erklärungen entweder naturalistisch (dann können wir sie verstehen) oder supernaturalistisch (dann kann kein Mensch, inklusive der Theologen selbst) sie verstehen - siehe auch Können die Theologen die Welt erklären? wo ich diese Ideen noch einmal etwas anders beschrieben habe. Die bloße Behauptung, man habe eine Sonderform des "höheren Erklärens", taugt zu nichts.

    Ockhams Rasiermesser besteht also in der Warnung, nicht zu versuchen, Unbekanntes oder Bekanntes mit Unbekanntem zu "erklären". Es ist die Warnung vor einer Denkfalle. Denn wenn man es versucht, landet man irgendwann unweigerlich in zirkulärem Pseudo-Erklären und Pseudo-Verstehen. Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie darin, dass versucht wird, diese Falle unbedingt zu vermeiden. Denn zirkuläre Logik erzeugt stets beliebige und tautologische "Erklärungen". Solange die Theologen nicht zeigen können, dass ihre "Erklärungen" nicht zirkulär sind, ist ihr Anspruch auf eine Sonderform des Erklärens pauschal zu verwerfen.

    Wir haben also folgende Gründe, Ockhams Rasiermesser zu akzeptieren:

    Besonders der letzte Punkt sollte noch mit einem Beispiel erläutert werden. Angenommen, ich behaupte, Sie schulden mir 1.000 Euro. Sie bestreiten das. Jetzt steht also Behauptung gegen Behauptung, bedeutet dies, dass unsere Gegensätze ausgeglichen sind? Nein. Denn der Normalfall ist, dass kein Mensch einem beliebigen anderen Menschen Geld schuldet. Dieser Grundsatz ist unbestritten. Nun mache ich eine Behauptung mehr als unbestritten ist. Ich kann jetzt nicht hingehen und sagen: "Und jetzt beweisen Sie mir mal, dass Sie mir keine 1.000 Euro schulden!", denn ich habe eine Behauptung mehr aufgestellt, als unbestritten ist - und da ich der Urheber der "überschüssigen" Behauptung bin, bin ich auch derjenige, der die Behauptung beweisen muss. D. h. Sie schulden mir nur genau dann 1.000 Euro, wenn ich einen Beweis für meine Behauptung aufbringen kann.

    In einer Diskussion gilt dasselbe Prinzip: Derjenige, der eine Behauptung aufstellt, die bestritten wird, ist auch dafür beweispflichtig. Deswegen gilt auch für jede sinnvolle Diskussion, dass man sich erstmal auf einen Satz unbestrittener Behauptungen einigt, und dass dann derjenige Beweise liefert, der mehr behauptet, als unstrittig ist.

    Das hat für Theologen die unangenehme Konsequenz, dass sie immer im Nachteil sind, denn da sie die Existenz von Gott annehmen und in ihre "Erklärungen" einbauen, haben sie immer schon von Anfang an mindestens eine Behauptung mehr als unstrittig ist - zudem noch eine Behauptung, für die sie keinen Beweis haben, nämlich die Behauptung, Gott existiert. Nach Ockhams Rasiermesser ist das die unnötige Vermehrung von Entitäten, nach der Statistik eine unbewiesene Behauptung, die die Gesamtwahrscheinlichkeit des Aussagensystems senkt, und eben eine "überschüssige" Behauptung, deren Nutzen nicht einzusehen ist, denn speziell die Wissenschaft kann die Welt erklären, ohne Gott als Hilfskonstruktion verwenden zu müssen. Deswegen, wenn man zwei Theorien hat, die in ihrem Erklärungswert gleich gut sind, sollte man sich stets für diejenige entscheiden, die am wenigsten Unerklärbares und Unbewiesenes enthält. Die Wissenschaft hat mit diesem Prinzip sehr gute Erfahrungen gemacht, denn es führt zu den Modellen, die einfach sind (nicht unnötig kompliziert).

    Selbstverständlich kann man die Planetenbewegung auch durch unsichtbare Geister "erklären", die die Planeten vor sich herschieben. Es lassen sich sogar Millionen von äquivalenten Theorien ausdenken. Besser ist es, dass man derartige unbewiesene Sperenzchen weglässt, es vereinfacht die Erklärungen und vermehrt die Möglichkeit des Verstehens.

    Es bedeutet aber auch, dass Atheismus die Vor- oder Grundeinstellung ist. Es gibt keine Evidenzen für Gott, also gibt es auch keinen Grund, an Gott zu glauben. An die Existenz von Zeus glaubt auch kaum ein Mensch mehr aus demselben Grund: keine Beweise. Das sollte als Grund bereits vollkommen ausreichend sein. Schon Ockham zuliebe.

    Es gibt noch einen weiteren Grund für Ockhams Rasiermesser: Bayes Theorem. Ich möchte aber an dieser Stelle meine Ausführungen dazu nicht wiederholen, nur soviel, je unwahrscheinlicher etwas ist, und je weiter es von unserer Erfahrung ist, umso besser müssten die Beweise sein, um die Behauptung zu akzeptieren. Vermehrt man die Hypothesen unnötig, dann führt man zu leicht unakzeptable Elemente in seine Theorie (oder Weltbild) ein.

    Konfusius, er zitiert: "W. V. O. Quine war einer der unbarmherzigsten Anwender dieses Prinzips [Ockhams Rasiermesser]. Ich erinnere mich an eine Festschrift (um 1980), in der jemand gegenüber Quine den Satz von Shakespeare zitierte 'Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Philosophie erträumt'. Quine sagte etwas wie 'Möglich, aber mein Anliegen ist es, in meiner Philosophie nicht mehr Dinge zu haben, als es zwischen Himmel und Erde gibt'." (David Lyndes, Übersetzung von mir)

    5. Die persönliche Gotteserfahrung

    Vorbemerkung: Beweisen benutze ich nicht in einem strengen naturwissenschaftlichen Sinn, wie mir oft vorgehalten wird. Würde ich den Begriff des naturwissenschaftlichen Beweises benutzen, sind fast alle religiösen Aussagen sofort und trivial als "sinnfrei" zu klassifizieren. Dann können wir über weltanschauliche Fragen nicht mehr debattieren. Deswegen benutze ich die Begriffe Beweis und Evidenz so, wie sie vom Common Sense (= gesunder Menschenverstand) vorgegeben werden, auf dem die Wissenschaft aufbaut, aber den sie überschreitet. "Etwas beweisen" bedeutet für mich, Evidenzen für und wider etwas anzugeben und zu zeigen, dass die Evidenzen dafür überwiegen und die aufgestellte Behauptung daher vernunftgemäß gerechtfertigt ist. Dem liegt die Zurückweisung von Ultra-Skeptizismus und Erkenntnis-Nihilismus zugrunde (nach der Art 'wir können nichts erkennen'). Eine "Evidenz" ist u. a. auch ein logischer Beweis, um das noch einmal zu bemerken.

    Kann man die Existenz Gottes beweisen? Hans Küng kommt [2001] in seinem Buch "Existiert Gott?" zu dem Schluss, dass das wohl nicht möglich sei. Dabei geht es übrigens nicht nur um wissenschaftliche, sondern auch um philosophisch-logische Beweise. Man kann also sagen, dass man im Nachdenken keinen Gott finden wird, weder in der Rationalität noch in der Empirie.

    In dem Buch Christ sein ([1974] schreibt Küng:

    "Dass Gott ist, kann aber weder stringent aufgrund eines Beweises oder Aufweises der reinen Vernunft, noch unbedingt aufgrund eines moralischen Postulats der praktischen Vernunft, noch immer allein aufgrund des biblischen Zeugnisses angenommen werden."

    Küng kommt (wie viele andere Christen) zu dem Schluss, dass nur darauf vertraut werden kann, dass Gott existiert. Aber für dieses vertrauen braucht man einen Grund. Es macht keinen Sinn, auf etwas grundlos zu vertrauen.

    Viele Christen glauben nun, in einer persönlichen Gotteserfahrung diesen Grund gefunden zu haben. Sind diese persönlichen Erfahrungen ein ausreichender Ersatz für die fehlenden Evidenzen? Evidenzen sind laut Common Sense Dinge, über deren Existenz man sich mit einigen kann oder Argumente, die allgemein als gültig anerkannt werden, persönliche Erfahrungen zählen also dann und nur dann zu den Evidenzen, wenn sie mehrheitlich geteilt werden und es gute Gründe dafür gibt, dass sie nicht auf Halluzinationen oder Sinnestäuschungen etc. beruhen, d. h. sie müssen skeptischer Prüfung standhalten.

    Zunächst einmal bezweifle ich nicht, dass es persönliche Gotteserfahrung gibt (steht mir auch nicht zu), vor allem deswegen nicht, weil ich diese Erfahrung selber sehr gut kenne. Trotzdem ist das für mich kein Ersatz für eine Evidenz bzw. handelt es sich nicht um eine Evidenz. Warum?

    Handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um eine Erfahrung, die sinnlicher Wahrnehmung entspricht? Angenommen, das wäre so. In einer Analogie könnte ein Freund von uns behaupten, er hätte im Wald Wölfe gesehen. Würden wir ihm glauben? Ja, wenn wir wüssten, dass sein Augenlicht gut genug ist (was wir anhand täglichen Umgangs mit ihm bemerken würden, wenn er beispielsweise ständig gegen Möbel läuft und über Stühle stolpert, würden wir seine Sehkraft anzweifeln und auch sein Erlebnis). Außerdem müssten wir wissen, ob er Hunde von Wölfen zuverlässig unterscheiden kann. Wenn wir aber wüssten, er ist fast völlig blind, dann würden wir seine Behauptung zurückweisen.

    Woher also sollte ich wissen oder erkennen können, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hatte oder einer Sinnestäuschung unterlag? Ich habe nichts, womit ich das vergleichen kann. Ich kann nicht feststellen, inwieweit ein Erkennungsvermögen eines Gottes verlässlich ist oder nicht. Ich kann nicht unterscheiden, ob da wirklich etwas ist oder nur eine Einbildung. Ohne die Möglichkeit der Unterscheidung ist es für mich gleich (das für mich ist sehr wichtig!).

    Angenommen aber, die persönliche Gotteserfahrung wäre nicht wie normale Wahrnehmung sondern wäre ein spezieller religiöser Sinn. Dann wären die Probleme noch schwerer zu überwinden. Denn Wahrnehmungen kennen wir und normalerweise halten wir sie (außer unter speziellen Umständen) für verlässlich. Womit soll ich feststellen können, ob jemand einen religiösen Sinn hat oder nicht? Wenn jemand sagt, daran, dass man Gott erkennt, so landen wir in einem logischen Zirkel. Man erkennt an der persönlichen Gotteserfahrung das Gott existiert, und das die persönliche Gotteserfahrung sich auf Gott bezieht, erkennt man daran, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hat. Dieser logische Zirkel ist tautologisch (d. h. Gott ist Gott und eine persönliche Gotteserfahrung ist eine persönliche Gotteserfahrung - mehr besagt das nicht, beide Sätze sind wahr, aber inhaltsleer).

    Ich kann also, was eine Gotteserfahrung angeht, nur Agnostiker sein, d. h. sie zählt für mich weder zu den Evidenzen noch zu einem Ersatz dafür.

    Ich will mal ein Beispiel geben:
    A: Gespenster existieren!
    B: Glaube ich nicht - ich kann keine sehen.
    A: Das liegt daran, dass Du nicht sensibel genug bist, um Gespenster sehen zu können. Wärst Du sensibel genug, dann könntest Du sie auch sehen.


    Für "Gespenster" könnte man auch unsichtbare Drachen oder unsichtbare rosa Einhörner o. ö. einsetzen. Der Inhalt ist beliebig, er kann auch leer sein, ist von leerem Inhalt nicht zu unterscheiden und daher für uns leer, sowohl vom Sinn her als auch kognitiv (= vom Wahrnehmen und Erkennen her).

    Noch abenteuerlicher wird es, wenn man behauptet, eine persönliche Gotteserfahrung spräche für einen monotheistischen Gott. Um behaupten zu können, es gäbe nur einen Gott, müsste man alle Universen zu allen Zeiten und alle übernatürlichen Sphären zu allen Zeiten überblicken können und auch genau wissen, dass man wirklich alles gesehen hat - man müsste selbst allwissend sein. Tatsächlich sprechen die vielen unterschiedlichen persönlichen Gotteserfahrungen der Christen, Muslims, Juden, Hindus, Shintoisten usw. usf. ganz eindeutig für einen Polytheismus (= Vielgottglauben). Jeder Gott könnte natürlich behaupten, er sei der Einzige. Vermutlich wäre der Teufel selbst in der Lage, uns als Gott zu erscheinen und uns zu täuschen - wie wollen wir das unterscheiden? Wenn man sagt, am Inhalt, dann verstrickt man sich sofort in Euthyphrons Dilemma.

    Tatsächlich handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um ein vollkommen natürliches Phänomen. Aber dies ist ein Thema für den zweiten Teil meiner Website.

    Konfusius, er zitiert: "Die Tatsache, dass Menschen religiöse Erfahrungen haben, ist von einem psychologischen Standpunkt aus interessant, aber es impliziert in keiner Weise, dass es so etwas wie religiöses Wissen gibt ... außer jemand kann sein 'Wissen' so formulieren, dass es empirisch verifizierbar ist, sonst können wir sicher sein, dass er sich selbst täuscht." (A. J. Ayer in "Language, Truth and Logic")

    6. Unglaublich! Niemand glaubt an Gott!

    Gläubige erzählen einem permanent davon, wie sehr der Glauben ihr Leben verändert hat. Und dass dies für die Wahrheit des Glaubens spricht, was natürlich kein sinnvolles Argument ist. Der Nationalsozialismus hat auch das Leben vieler (einiger weniger sogar positiv) verändert, dies hat aber mit seinem Wahrheitsgehalt nicht das Geringste zu tun. Das Leben eines Buddhisten wird von seinem Glauben auch beeinflusst, auch das eines Hinduisten oder eines Jainisten - aber die meisten Buddhisten sind, was Gott angeht, Agnostiker, die Hinduisten Polytheisten und die Jainisten Atheisten.

    Aber nehmen wir mal an, dass Leben eines Gläubigen würde durch den Glauben wirklich erheblich verändert. Was könnten wir dann aus dem Glauben der meisten Gläubigen lernen? Nur dieses Eine  [4]:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Nicht wirklich. Der durchschnittliche Christ verhält sich in seinem Leben wie der durchschnittliche Atheist. Das Gefängnis z. B. beherbergt überwiegend Christen (Atheisten sind dort deutlich unterrepräsentiert (→ http://www.positiveatheism.org/writ/apocalypzo.htm#PRISON)  [5]). Der durchschnittliche Mörder, Totschläger, Räuber, Päderast  [6] und Vergewaltiger glaubt an die Existenz Gottes und an die Hölle. Hat ihn das von seinen Taten abgehalten? Offensichtlich nicht.

    Es gibt eine ganze Menge Menschen, die vorgeben, sie glaubten an Gott, aber einen wirklichen Glauben an Gott wird man kaum finden. Intuitiv sind wir alle Ungläubige. Die bloße Tatsache, dass jemand sagt "Ich glaube an Gott" sollte uns schon mißtrauisch machen. Niemand fragt "Glaubst Du an die Schwerkraft?" oder "Glaubst Du, dass es eine schlechte Idee ist, auf den Schienen stehen zu bleiben, wenn sich ein Zug nähert?". Bei Gott wird aber stets gefragt, ob man daran glaube.

    Niemand nimmt wirklich an, dass Gott einem bei schwierigen Problemen beisteht. Dann könnte man nämlich die Hände in den Schoß legen oder vom Hochaus hüpfen und abwarten, was passiert. Aber wir halten Leute für verrückt, die das tun. Es gibt eine endlose Menge an Rationalisierungen dazu - man solle Gott nicht versuchen oder ihn testen und es gäbe freien Willen. Aber das ist Unsinn - wenn man Gott versuchen könnte, dann würde man es tun. In Wahrheit glaubt niemand wirklich an Gott.

    Menschen glauben an die Schwerkraft. Niemand erzählt einem einen offenkundigen Unsinn wie "Man soll Einstein oder Newton nicht versuchen". Wenn man seinen Kugelschreiber fallen lässt, fällt er zu Boden, und niemand würde dagegen wetten. Niemand würde allerdings auch behaupten, dass man sein Leben ändern kann, wenn man seinen Glauben an die Schwerkraft ändert. Dabei beeinflusst die Schwerkraft unser aller Leben gewaltig. Und jeder verhält sich so, als ob es die Schwerkraft tatsächlich gäbe  [7]. Aber verhält sich der durchschnittliche Gläubige so, als ob er an Gott glaubt? Nein. Das hat einen ganz simplen Grund:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Kaum jemand verhält sich so, also ob ihm bei jeder Gelegenheit ein übermächtiges Wesen über die Schultern schauen würde. Der Geschäftsmann nicht, der seinen Kunden übers Ohr haut, der Mann nicht, der seine Frau betrügt, der gläubige Christ nicht, wenn er sich Pornovideos ausleiht. Trotzdem wird behauptet, dass der Glauben die Menschen zu guten Taten bringt.

    Nehmen wir an, wir finden einen Menschen, der gerade Gutes tut und Sandsäcke schleppt, weil eine Flut kommt oder einen Arzt, der in Afrika ohne Lohn kleine Kinder betreut und von Krankheiten heilt. Nehmen wir an, ich könnte ihn davon überzeugen, dass es keinen Gott und keine Hölle gäbe. Würde er dann sein bisheriges Leben aufgeben und sich dem Leben in Hedonismus und Egoismus hingeben? Würde er sagen: "Oh, endlich kann ich diesen Mist aufgeben, den ich nur getan habe, weil ich eine Scheißangst vor der Hölle habe". Nein. Das würde er nicht sagen. Die Welt ist voller Menschen, die Gutes tun, weil es gut ist und die mehr Gründe auch nicht benötigen. Und die, die besonders laut und viel von Gott reden sind meist auch nur mit dem Mund besonders gottesfürchtig.

    Man halte einem Mann eine Schrotflinte an den Kopf. Es wäre sehr, sehr schwer, in von seinem Glauben abzubringen, dass die Schrotladung ihn töten würde und ihn dazu zu bringen, zu glauben, dass Gott das Blei aufhalten würde. Die Wahrheit, dass eine Kugel einen Menschen tötet, muss man auch nicht gegen Häretiker verteidigen. Man muss keine Nichtgläubigen verdammen oder unterdrücken, der behauptet, eine Gewehrkugel könne keinen Menschen töten. Man muss keine Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrennen, die die Wahrheit erzählen, um die Wahrheit zu verteidigen. Die Wahrheit kann sich selbst verteidigen. Man kann Menschen nur auf den Scheiterhaufen schicken, weil sie gegen eine Lüge angehen, nicht, weil sie gegen die Wahrheit angehen. Dass man es überhaupt nötig hat, Andersgläubige zu verunglimpfen und ihnen zu drohen, deutet darauf hin, dass man selbst nicht wirklich glaubt. Man übertönt seine eigenen Zweifel.

    Die Wahrheit überlebt jeden Zweifel. Vor dem Zweifel muss man nur Angst haben, wenn man nicht die Wahrheit verkündet oder daran nicht interessiert ist. Wer die Wahrheit verkündet, der hat es nicht nötig, Zweifler mit der Hölle zu drohen. Nur wer selbst daran zweifelt muss zu diesen fragwürdigen Methoden greifen. Wer Zweifel nicht zulässt, der hat etwas zu verbergen.

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott. Wenn jemand tatsächlich an Gott glaubt, dann wäre er aufgrund seines Glaubens in der Lage, Dinge zu tun, die kein Ungläubiger tun könnte. Beispielsweise Gift trinken (wie dies für die Nachfolger Christi in der Bibel geweissagt wird, siehe →Markus 16:17-18  [8]). Aber kaum jemand vertraut so in seinen Glauben (die wenigen, die es taten, sind an den Folgen meist gestorben). Wenn jemand wirklich glauben würde, so würde man es bemerken. Menschen, die über neue und ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, sind anders und verhalten sich anders. Auch Menschen, die sich permanent beobachtet fühlen, verhalten sich anders. Wenn die Gläubigen sich nicht anders verhalten, dann nur deswegen, weil sie nicht wirklich an Gott glauben.

    Gibt der Glauben an Gott den Menschen mehr Kraft? Wir finden viele, die dies behaupten. Gott, so erzählen sie, habe ihnen geholfen, mit dem Rauchen oder dem Trinken aufzuhören. Aber das können Atheisten auch. Und ich wette, es werden prozentual gesehen auch gleichviele Atheisten und Gläubige wieder rückfällig. Aber auch die, die an andere Götter glauben, behaupten dasselbe. Es können aber nicht alle recht haben - woher kommt die Kraft derjenigen, die an falsche Götter glauben? Das alle, die glauben, gleichgültig, an welchen Gott sie glauben, daraus dieselben Fähigkeiten beziehen, deutet auf eines hin: Die Kraft kommt aus ihnen selbst. Wenn es wirklich einen Gott gäbe, so würde er nur denen helfen, die an ihn glauben. Da dies nicht geschieht, kommt diese Kraft auch nicht aus Gott, sondern aus dem Glauben selbst, unabhängig vom Inhalt. Es spielt also keine Rolle, ob man an Jesus, Jahwe, Zoroaster oder Satan glaubt - das Ergebnis ist dasselbe. Das ist übrigens auch das Ergebnis aller Studien, die sich mit den heilsamen Auswirkungen des Glaubens beschäftigen. Glauben hilft, egal, woran man glaubt. Wie sollte man das anders deuten als dass es der Glauben ist, der hilft, aber kein Gott?

    Sie glauben das nicht? Dann möchte ich wenigstens dafür einmal in meinem Leben einen Beweis sehen. Zeigen Sie mir, dass Ihr Glauben Sie dazu befähigt, etwas zu tun, was erstens kein Ungläubiger tun kann und zweitens keiner, der einem anderen Glauben anhängt. Und ich rede von Beweisen, nicht von den tausenden kursierenden und unbestätigten Geschichten, die man nur glauben kann, wenn man sowieso schon alles glaubt, was für den Glauben spricht. Und auch wenn unwahrscheinliche Dinge geschehen ist das kein Beweis - fast jede Woche gewinnt jemand im Lotto, obwohl das sehr unwahrscheinlich ist. Und wenn etwas eine Wahrscheinlichkeit von 1:10.000.000 (eins zu zehn Millionen) hat, dann bedeutet dies nur, dass das im Schnitt 8 Leuten pro Tag in Deutschland passiert. Nein, ich denke an ganz persönliche Fähigkeiten wie Gift trinken o. ä.

    Und solange mir niemand zeigen kann, dass der Glauben einen nicht zu wirklichen Leistungen befähigt, die ich ohne Glauben nicht haben kann, solange halte ich es für überflüssig, mir diesen speziellen Glauben anzueignen. Glauben ist nur eine andere Art zu denken. Man ändert vielleicht seine Perspektive, wenn man sein Denken ändert, aber mit reinem Denken kann man nichts in der Welt ändern. Wenn Gläubige durch den Glauben mehr könnten als Ungläubige, so würde man dies an den Handlungen der Gläubigen bemerken. Da ich nichts davon sehe, bleibt mir nur eine Schlussfolgerung:

    Kaum jemand glaubt tatsächlich an Gott.

    Warum benutzt der Papst ein gepanzertes Papamobil? Erstens weil er nicht auf den Schutz Gottes vertraut, zweitens, weil er Angst davor hat, zu sterben und in den Himmel zu kommen. Der Papst wird wissen, warum  [9]. Und auch die Blitzableiter auf dem Vatikan sind ein praktisches Misstrauensvotum gegen Gott. Selbst der Papst und seine Kardinäle sind nicht von der Existenz Gottes überzeugt, jedenfalls nicht so, dass es praktische Konsequenzen hätte.

    Konfusius, er zitiert: "Nur wer weiß, weiß, daß er wenig weiß und daß das, was er weiß, vorläufig ist. Nur wer glaubt, glaubt, daß er weiß. Wahrheit ist ein Wort des Glaubens. Niemand vermag grausamer zu sein als jene, die im Namen der Wahrheit handeln. ... Nicht nur Gott, auch der Glaube an sich ist unbeweisbar. Nicht einmal der Papst kann beweisen, daß er glaubt, woran zu glauben er vorgibt. Darum gibt es für mich nichts Unanständigeres als christliche Parteien: Mit dem, was man nicht beweisen kann, daß man es ist, darf nicht politisch operiert werden. ... Die Zeit der Khomeinis ist angebrochen, nicht nur in Rom, Iran und Israel. Es ist höchste Zeit, sich wieder zum Atheismus zu bekennen." (Friedrich Dürrenmatt)

    7. Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

    Ich habe den Teil meiner Website, der sich mit Religion beschäftigt, den Titel gegeben

    Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

    Ich möchte mit einer kleinen Geschichte illustrieren, warum ich diese Überschrift gewählt habe.
    Heute Morgen kam mein alter Freund Paul zu mir. Wir unterhielten uns über seine Pläne.

    Paul: Ich habe mir heute Morgen ein französisches Auto geliehen. Ich werde heute Nachmittag die Grenzen von Deutschland überschreiten und nach Frankreich fahren.

    Ich: Prima! Wohin willst Du in Frankreich?

    Paul: Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Moment, Du sagtest doch eben, Du wolltest Deutschland verlassen ...?

    Paul: Nein, ich sagte, ich wollte die Grenzen überschreiten, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Du fährst gleich wieder zurück? Wozu denn das?

    Paul: Nein, Du verstehst nicht. Ich werde die Grenzen von Deutschland überschreiten und mir die französische Landschaft ansehen, vergnügt in meinem Auto sitzend, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

    Ich: Ach so, Du fährst zur deutschen Botschaft nach Paris. Botschaften sind ausländische Enklaven, und ...

    Paul: Nein, zur Botschaft will ich nicht.

    Ich: Du willst Deutschland verlassen, ohne es zu verlassen? Wie soll ich denn das verstehen ...? Ist das ein Trick? Enthält Dein Auto deutschen Boden?

    Paul: Wenn Du mir nur zuhören würdest! Es handelt sich um ein französisches Auto. Ich werde es durch Frankreich lenken, darin sitzend, aber ich werde die Grenzen von Deutschland nie verlassen.

    Ich: Das verstehe ich nicht. Wie kannst Du die Grenzen von Deutschland überschreiten, ohne Deutschland zu verlassen?

    Paul: Du verstehst mich nicht! Ich habe das Gefühl, Du willst mich nicht verstehen! Du willst mich nur ärgern! Du weißt doch genau, dass letztlich Deutschland nur eine Illusion ist und nicht wirklich existiert!

    Ich: Wenn Deutschland nicht existiert, woher willst Du dann wissen, ob und wann Du Dich in Frankreich befindest?


    Ich verstehe Paul wirklich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was er will. Sie etwa?

    So wie in dem Gespräch mit Paul komme ich mir vor, wenn ich mit Gläubigen diskutiere. Wenn Sie Deutschland durch Vernunft ersetzen und Frankreich durch Nicht-Wissen oder Unvernunft ersetzen (mit einer ausdrücklichen Entschuldigung an alle Franzosen!), dann werden Sie sehen, was ich meine. Mir wird viel über die Grenzen der Vernunft erzählt und darüber, diese zu überschreiten und so zu neuem Wissen zu kommen - und dies alles soll geschehen, ohne den Rahmen der Vernunft zu verlassen, sozusagen auf vernünftige Art und Weise. Und ich bin der Meinung, dass das nicht geht.

    Vorweg: Die Erkenntnis, wir hätten nicht alle Erkenntnisse und alles Wissen, was man haben könne, ist trivial. Auch die Erkenntnis, dass Vernunft und Logik nicht perfekt sind, ist trivial (siehe dazu auch Das Münchhausentrilemma). Das möchte ich in keiner Weise bestreiten. Ich werde nur begründen, warum wir nicht mehr haben, und warum der Versuch der Theisten, die Vernunft einzuschränken und sie zu untergraben, sie selbst doppelt so hart trifft wie etwa die Wissenschaft.

    Wir können bis zur Grenze der Vernunft reisen. Wir können langsam und allmählich und mit viel Arbeit die Grenzen der Vernunft ausdehnen. Aber wir können nicht die Grenzen der Vernunft überschreiten und dabei uns im Rahmen der Vernunft bewegen. Wir können uns auf dem Gebiet unseres Wissens bewegen, aber wir können kein Wissen von jenseits unseres Wissens haben - wenn es "jenseits unseres Wissens" ist, ist es kein Wissen, wenn wir davon wissen, ist es nicht mehr jenseits unseres Wissens. Wir können unser Wissen erweitern, aber wir können es nicht überschreiten und meinen, immer noch zu wissen. Wir können die Grenzen von Deutschland überschreiten, aber wir sollten nicht glauben, uns dann immer noch in Deutschland zu befinden.

    Die Grenzen sind manchmal verschwommen, und wir können häufig nicht präzise sagen, wo sie liegen. Das ändert aber nichts daran, dass wir bei deutlicher Überschreitung der Grenzen der Logik in dem Gebiet der Unlogik landen, wo die Gesetze der Logik nicht mehr gelten. Und wir können nicht auf logische Art und Weise beweisen, dass die Logik und wo die Logik ungültig ist. Wie vernünftig ist es, anzunehmen, die Vernunft sei nicht vernünftig?

    Das ist etwas, wo bei vielen Menschen die Intuition einsetzt und sie zu schweren Denkfehlern verführt. Angenommen, ich hätte einen perfekten logischen Beweis, dass die Logik ungültig ist? Was folgt daraus? Viele Leute sagen, daraus folgt, dass die Logik nicht überall gültig sein kann. Das aber ist ein Trugschluss, denn was daraus folgt ist, dass mein Beweis vollkommen ungültig ist. Denn wenn die Logik nicht funktioniert, dann kann der Beweis auch nicht funktionieren, er muss also falsch sein, denn genau das habe ich ja "bewiesen". Das ist ein Paradoxon, der Beweis ist genau dann ungültig, wenn er gültig ist, woraus folgt, dass er nicht gültig sein kann.

    Dasselbe gilt für unsere Wahrnehmung. Es gibt Dinge, die wir nicht sehen können - unbestritten. Wenn wir sie nicht sehen können (oder sichtbar machen können, und sei es auch durch mathematische Gleichungen oder spezielle Apparate), woher wollen wir denn dann wissen, dass sie existieren und wie sie aussehen? Wenn man mit diesem Einwand kommt, dann wird einem gleich die Unzuverlässigkeit unserer Sinne entgegengehalten. Wenn unsere Sinne aber unzuverlässig sind, schon bei den sichtbaren Dingen, wie unzuverlässig müssen sie dann erst bei den unsichtbaren Dingen sein - denn jetzt haben wir plötzlich zwei Probleme. Bei sichtbaren Dingen haben wir nur ein Problem, nämlich, herauszufinden, ob die Dinge so sind, wie sie uns scheinen. Bei unsichtbaren Dingen haben wir das Problem, dass wir diese erst sichtbar machen müssten, und selbst wenn es uns gelänge, wüssten wir immer noch nicht, wie die Dinge aussehen, denn unsere Wahrnehmung - wird behauptet - sei ja unzuverlässig. Abgesehen davon hätten wir Probleme, unsere Wahrnehmung generell als unzuverlässig zu kennzeichnen, weil wir das nicht herausfinden können - wir brauchen eine zuverlässige Wahrnehmung, um optische Täuschungen erkennen zu können und sie von korrekter Wahrnehmung zu unterscheiden. Können wir dies nicht mehr unterscheiden, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Täuschung und Wahrnehmung, deswegen können wir auch nicht mehr sagen, was denn nun was ist - was ist Täuschung und was ist Wahrnehmung, weil sie für uns gleich sind, identisch.

    Man kann eine Reise bis zu den Grenzen der Vernunft machen, aber wenn man sie überschreitet (transzendiert, wie der Theologe sagt), dann verlassen wir den Boden der Vernunft. Und wenn wir den Boden der Vernunft verlassen, dann gilt unsere Logik nicht mehr und unsere Begriffe, und damit ist keine Kommunikation mehr möglich. Wir können nicht mehr darüber reden, wir müssten davon schweigen. Wir können neue Logiken entwickeln auf der Basis der bereits bewährten Logiken, aber wir müssen zunächst zeigen, dass die neue Logik vernünftig und verlässlich funktioniert, damit gehört sie zur Vernunft, und wir haben die Grenzen der Vernunft erneut verschoben. Aber wir können keine Logik "jenseits der Vernunft" entwickeln und hoffen, sie werde dort schon irgendwie funktionieren.

    Existenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie räumlich und zeitlich begrenzt ist, und das gilt auch für die Vernunft. Eine "grenzenlose Vernunft" existiert nicht. Allenfalls die Negation der Vernunft erscheint einem manchmal als grenzenlos.

    Ich bezeichne den Bereich jenseits der Vernunft als "unvernünftig" und werde meist dafür angefeindet. Aber wie würden Sie das Gebiet jenseits der Grenzen von Deutschland bezeichnen? Als Deutschland???

    Sehen wir uns dazu einmal die folgende Abbildung an, die einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Wissenschaft und Religion verdeutlicht:

    VernunftDie Basis unseres Verstands bilden Vernunft und Wissen. Die Wissenschaft (roter Pfeil) weitet diese Basis aus, in dem sie aus dem bereits vorhanden Wissen mithilfe der Vernunft die Basis allmählich und mühsam immer mehr ausweitet. Sie bewegt sich daher immer im Rahmen der Vernunft und verlässt ihn auch nicht. Die Religion hingegen versucht, unsere Vernunft zu überschreiten (zu "transzendieren"). Und das soll dann noch vernünftig sein. Um das zu tun, wird ein Ultra-Skeptizismus gepflegt - es wird behauptet, dass unsere Vernunft nicht ausreicht, und wir deswegen über sie hinaus gehen müssen (statt sie zu erweitern).

    Was tatsächlich lustig ist: Wenn die Religion die Basis unseres Denkens, die Vernunft und die Logik selbst anzweifelt, verliert sie ihre eigene Basis. Denn auch die Exegese (Textinterpretation) beruht beispielsweise auf Vernunft und Wissen. Wenn diese Basis falsch sein sollte, ist auch jede theologische Interpretation falsch. Wir brauchen die Vernunft, um die Bibel zu verstehen. Ist die Vernunft ungültig, ist unser Verständnis von der Bibel falsch.

    Die Wissenschaft kann, weil sie sich dynamisch entwickelt, mit Fehlern der eigenen Basis tatsächlich umgehen, weil sie sich veränderten Gegebenheiten anpassen kann. Die Religion kann das nicht, weil sie mit den Grundlagen nichts zu schaffen hat. Also verdoppeln sich die Probleme der Religion gegenüber der Wissenschaft. Nicht nur ihre bisherigen Ergebnisse verlieren ihre Gültigkeit, sondern auch das, was sie an neuen Ergebnissen aus einem Gebiet "jenseits der Vernunft" zu interpretieren sucht.

    Um das zu stützen, werden aus dem Arsenal der Wissenschaftskritik die Waffen besorgt, mit denen sich die Religion dann in die eigenen Füße schießt.



    Manchmal wird dies mit einer kleinen Geschichte eingeleitet - hier die des Physikers und Heisenbergschüler Hans-Peter Dürr - um den Punkt der Theologen zu verdeutlichen:

    In einer frühen Gesellschaft versucht ein Mann, eine Meeresbiologie der Fische zu begründen. Er ist der "Physiker" des Titels "Das Netz des Physikers". Er sucht zu diesem Zweck das Meer mit einem Netz ab, dessen Maschen 5 Zentimeter weit sind. Er untersucht die gefangenen Fische sehr sorgfältig und so findet er grundlegende Gemeinsamkeiten dieser Tiere, die er schließlich in drei Grundgesetzen der Fischbiologie:
    1. Alle Fische haben Flossen.
    2. Alle Fische haben Kiemen.
    3. Alle Fische sind nicht kleiner als 5 Zentimeter.
    Doch dann kommt ein anderer Mensch - der "Philosoph" - daher und wirft ein: "Grundgesetz 3. ist falsch, denn natürlich schlüpfen alle Fische, die kleiner sind als 5 cm sind durch die Maschen deines Netzes" Einen Moment lang überlegt der Wissenschaftler, dann aber entgleitet im ein Lächeln und er erwidert: "Auf den ersten Blick mag es so scheinen, aber für mich gilt: Was ich nicht mit meinem Netz fangen kann, ist kein Fisch"


    Im übertragenen Sinne sind die Fische, die durch das Netz schlüpfen, natürlich die religiösen Erfahrungen. Anders gesagt, die Methoden der Wissenschaft (und der Philosophie) reichen nicht aus, um religiöse Dinge zu erfassen, zu erforschen und zu kritisieren. Das alles scheint im ersten Moment sehr plausibel zu sein.

    Angenommen (im Beispiel) man könne keine kleineren Netze bauen. Dann kann man vermuten und spekulieren, dass es kleinere Fische gibt, aber beweisen kann man es nicht. Die Geschichte basiert natürlich darauf, dass wir bereits wissen, dass es kleinere Fische gibt. Sie setzt also voraus, was erst zu prüfen wäre. Man kann nun plausibel vermuten, dass es kleinere Fische gibt und ein engmaschigeres Netz bauen. Und ganz gleichgültig, wie eng die Maschen sind, immer wird jemand kommen können und behaupten, es gäbe noch kleinere Fische. Einige Theologen tun dies, in dem sie Gott immer in die Lücken unseres gerade aktuellen Weltbilds stopfen, aber da sich diese oft schnell schließen, ist dieser Lückenbüßergott nicht mehr sonderlich populär.

    Um kleinere Fische zu fangen, braucht man engmaschigere Netze, keine Theologen, die einem erzählen, zum Fang ihrer Fische bräuchte man etwas anderes als Netze. Wenn die Theologen so gute Fischfänger sind und ihre Methoden soviel besser funktionieren - wo sind dann die Fische? Zeit genug, die Überlegenheit ihrer Methoden zu beweisen hatten die Theologen ja.

    Man kann über das, was wir nicht wissen, spekulieren. Aber man kann sich nicht hinstellen und aus dem Unwissen per Dekret Wissen schaffen.

    Ich will nicht behaupten, dass es keinen Bereich "jenseits der Vernunft" oder "jenseits des Wissens" gibt. Das wird mir fälschlicherweise meist unterstellt. Aber so eine Behauptung wäre definitiv falsch. Es gibt das Unerklärliche und auch das Unerklärbare. Aber wir haben nur die Vernunft, um uns das Unerklärliche zu erklären und zu verstehen. Das manche Dinge (momentan) nicht erklärlich sind, damit müssen wir uns abfinden und nicht unsere Zeit damit vergeuden, Pseudo-Erklärungen zu erfinden, die nicht wirklich etwas erklären sondern die Welt mystifizieren - wir sollten uns darauf konzentrieren, Unwissen in Wissen zu verwandeln, und nicht Wissen so zu mystifizieren, dass es selbst wieder zu Unwissen wird.

    Über die Welt jenseits unseres Wissens können wir spekulieren - und das ist vollkommen legitim - solange wir die Spekulation auch Spekulation nennen und ihr nicht in unredlicher Weise ein Schwindelettikett wie "Gewissheit" aufkleben. Kunst und Literatur ist eine Spekulation über die Welt, aber sie ist von Menschen fabriziert, und dies ist uns auch bewusst. Spekulation ist eine Quelle der Inspiration, aber sie ist allenfalls der Beginn, um neues Wissen zu erlangen, nicht die Erlangung des Wissens selbst. Ungeprüfte und unprüfbare Informationen und Spekulationen bezeichnen wir als "Glauben" und wegen des ungewissen Status ist bis zur Prüfung nicht davon auszugehen, dass es sich um etwas "Höherwertigeres" als Wissen handelt (welches geprüft wurde). Glauben ist deswegen von teils erheblich geringerem Wert als Wissen (mag sein, dass es nicht vollkommen wertlos ist, aber es hat nicht mehr Wert als Spekulationen).

    Glauben ist nicht mehr (und nicht weniger) als ungeprüfte (oder unprüfbare) Spekulation. Wer es als mehr ausgibt, als es tatsächlich ist, der täuscht sich selbst oder schlimmer noch, Andere, bis hin zum Betrug, unredlich ist es aber in jedem Fall.

    Konfusius, er sagt: "Wenn die Vernunft einen Platz in der Religion hätte, was würde dann aus dem Glauben?"

    8. Wie man Unsinn entlarvt

    Das basiert zum Teil auf dem Buch Der Drache in meiner Garage von Carl Sagan und der Website Operation Clambake (→ http://www.xenu.net/) (die sich dem Kampf gegen Scientology verschrieben hat): Carl Sagan's Baloney Detection Kit (→ http://www.xenu.net/archive/baloney_detection.html).

    Die folgenden Werkzeuge werden empfohlen, um Argumente zu testen und irreführende oder betrügerische Argumente zu entlarven:

    Weitere Möglichkeiten:

    Gängige Täuschungen in Logik und Rhetorik:

    Eine sehr gute Liste von fehlerhafter Logik und falschen Argumenten finden Sie auf dieser Website: Logic & Fallacies (→ http://www.infidels.org/news/atheism/logic.html) sowie unter Fallacy Files (→ http://www.fallacyfiles.org/). Die Website, die sich mit Leuten beschäftigt, die den Holocaust leugnen und deren Denkfehlern entlarvt, ist leider nicht mehr zu finden. Die grundlegenden Prinzipien dieser Denkfehler finden wir in religiösen Debatten ebenfalls wieder, wenn auch mit anderen Inhalten.

    Es ist sehr leicht, Behauptungen aufzustellen. Allerdings sollte jede Behauptung begründet sein, je unwahrscheinlicher eine Behauptung ist oder je mehr sie sich von unserer Erfahrung entfernt, umso besser und stärker muss die Begründung sein. Oft wird in Diskussionen von Theologen so verfahren: Sie stellen eine Reihe von Behauptungen auf und erklären diese für wahr. Wenn es nun dem Skeptiker gelingt, eine Behauptung zu entkräften, so wird diese Behauptung durch weitere Behauptungen "gestützt". Wie bei einer Hydra - für jede widerlegte Behauptung tauchen zwei neue auf. Und wann immer es dem Skeptiker nicht gelingt, eine Behauptung zu widerlegen, erklärt sich der Theologe zum Sieger (dabei sind viele der Behauptungen prinzipiell nicht widerlegbar, z. B. weil Fakten, die die Behauptung schwächen, durch weitere Behauptungen "wegerklärt" werden). Nachdem genügend unwiderlegte Behauptungen übrig sind, hat der Theologe beim unbefangenen Beobachter den Eindruck erweckt, er hätte die Debatte gewonnen und müsse daher "irgendwie" recht haben.

    Gleichzeitig wird durch dieses Verfahren die Last immer mehr und mehr auf den Skeptiker verlagert. Für jede Behauptung des Skeptikers werden nämlich sofort Beweise eingefordert - und wenn man diese auch für die trivialsten Dinge verlangt, so wird der Skeptiker sich in unendlichen Regressen verfangen, es entsteht der Eindruck, dass der Skeptiker seinerseits seine Behauptungen nicht begründen kann. Es wird also versucht, den Skeptizismus zu "überbieten" durch Ultra-Skeptizismus und so wird die Position des Skeptikers untergraben - denn Skeptiker reagieren darauf, wenn man ihnen unterstellt, dass sie ihre Behauptungen nicht begründen können. Das setzt sie emotional und rational unter Druck. Angriff, so wissen die Theologen, ist die beste Verteidigung. Wenn man solche Taktiken entdeckt, ist es besser, die Debatte abzubrechen.

    Konfusius, er sagt: "Es ist Unsinn, sich in Fragen der Wahrheit darauf zu berufen, dass man etwas glauben müsse - denn etwas wird nicht dadurch wahr, dass man daran glaubt."

    9. Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge

    Wenn man eine zeitlang religiöse Diskussionen verfolgt, dann fällt auf, mit welcher Energie diese Überzeugungen verteidigt werden. Es gibt kein Argument, welches absurd genug wäre, um nicht doch noch die eigene Überzeugung zu bestätigen, und es gibt keine Tatsache und kein Argument, welches gut genug wäre, diese zu widerlegen. Es werden Schichten über Schichten an komplizierten Konstruktionen zur Stützung der eigenen Auffassung übereinander gebaut und jeder Angriff darauf führt nur zum Aufbau weiterer Stützen, bis dass, was darunter liegt, schon fast nicht mehr erkennbar ist. Da werden lieber Wörter und Begriff umdefiniert, damit man noch den Anschein erweckt, im Recht zu sein. Dem Anderen wird eher pauschal unterstellt, das eigene Gedankengebäude nicht verstanden zu haben und nicht verstehen zu wollen (wieso könnte sie oder er es sonst wagen, einen Angriff darauf zu führen?  [10]) als dass man die Gegenargumente kritisch analysiert, um ihre Schwachstellen herauszufinden. Meist ist die einzige Schwachstelle eines Gegenarguments bloß die, zu einer anderen Überzeugung zu führen.

    Selbst verdrehte Logik und falsche Prämissen veranlassen nicht dazu, die eigenen Schlussfolgerungen infrage zu stellen. Dergleichen beim Diskussionsgegner gefunden führt gleicht zu wildem Triumph. Man selbst benötigt keine Beweise für die eigenen Überzeugungen, aber wehe, der andere kann seine Meinung nicht perfekt begründen und belegen - und kann er es doch, dann werden die Belege gleich mit einem Hagel an ultraskeptischen Argumenten bedacht. Noch die dubiosesten Zeugen bestätigen die eigene Meinung, während die perfekteste Begründung beim Gegenüber nur ein Ausweis seiner Verstocktheit ist - müsste er mit seinem Herzen doch sehen, wie recht man selber hat!

    Nicht, dass man rationalen Argumenten nicht zugänglich wäre - solange sie bloß die eigene Überzeugung bestätigen!

    Wenn man diese Beobachtung auch mal kritisch gegen sich selbst wendet und gegen die Leute, die dieselbe Meinung verfechten wie man selbst, so wird man feststellen, dass man zwar das, was ich gesagt habe, sehr wohl als Schwäche beim Anderen gefunden hat - aber nicht bei sich selbst. Wenn man aber nur einen Funken Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bewahrt hat, dann wird man feststellen, dass man nicht frei davon ist.

    In der Tat, ist gibt keinen Anlass dazu, zu vermuten, dass Menschen generell davon freizusprechen wären. Im Gegenteil gilt diese Beobachtung auch für die Menschen der letzten 2.000 Jahre.

    Was besagt dies für die religiösen Diskussionen? Wenn man unterstellt, dass die Mehrheit der Menschen so war und ist wie wir selbst, dann ist dies eine starke Evidenz gegen jede religiöse Überzeugung. Denn wir können davon ausgehen, dass die Menschen vergangener Jahrtausende ihre Überzeugungen mit allem verteidigten, was ihnen zur Verfügung stand (auch mit Schwertern und Kanonen, wie die leidvolle Geschichte beweist), so falsch sie auch gewesen sein mögen. Denn auch falsche Überzeugungen wurden stets bis zum Schluss und darüber hinaus verteidigt. Noch heute gibt es Menschen, die ernsthaft behaupten, die Erde sei 6.000-10.000 Jahre alt und diese Ansicht mit aller Vehemenz vertreten.

    Wenn dieses auch heute zu beobachtende Faktum der Meine-Überzeugung-ist-unbedingt-richtig-Fraktion entsprechend gewichten, dann wird man sehen, dass wenn sich eine Überzeugung erst einmal gebildet hatte, alles, was dagegen sprach, geflissentlich ignoriert wurde, während alles, was dafür sprach, hoch gewertet und bei Bedarf eher noch gefälscht wurde (siehe z. B. die vielen Reliquien). Die Wahrheit setzt sich in so einem Prozess der Verfälschung und Verdrehung und der Verteidigung der Überzeugungen ganz bestimmt nicht durch. Die Überzeugungen werden nämlich nicht wie bei der stillen Post mit dem Bemühen weitergegeben, die Ursprungsnachricht zu bewahren, sondern mit dem Anspruch, die eigenen Überzeugungen sei völlig wahr - in so eine Kette kann man am Anfang an Informationen Beliebiges hineinstecken, am Ende kommen in jedem Fall die Überzeugungen der daran Beteiligten zum Vorschein.

    Folglich müssen wir alle alten religiösen Überlieferungen mit einer großen Skepsis betrachten. Unsere Skepsis kann fast nicht groß genug sein. Die Anfangswahrscheinlichkeit spricht zunächst strikt dagegen, dass etwas davon wahr ist. Wahr kann es nur dann sein, wenn es eingehender kritischer Prüfung standhält. In diesem Fall muss man also sagen: im Zweifel gegen die angeklagte Überzeugung. Wenn wir dann noch sehen, dass die meisten christlichen Überzeugungen fast ausschließlich auf von Zeugen aus zweiter und dritter Hand überlieferten Überzeugungen bestehen, dann müssen die Beweise, die diese Überzeugungen als wahr bestätigen, schon sehr, sehr stark sein. Welche Beweise? Genau, es gibt keine. Daher hat man das Recht, jede christliche Überzeugung zunächst mal bis zum Beweis des Gegenteils für falsch zu halten. Und da in den letzten 2.000 Jahren kaum Beweise auftauchten ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies mal in Zukunft geschehen könnte, als vernachlässigbar gering einzustufen.

    Damit eine Überzeugung als wahr angenommen wird, muss sie sowohl wahrscheinlich sein als auch mit der eigenen Erfahrung vereinbar sein. Nun, die Wundererzählungen der Religionen sind wahrscheinlich Erzählungen von Legenden, die im Zuge des Weitererzählens zu Überzeugungen wurden und so immer stärker verteidigt wurden, ein Vorgang, der völlig meinen Erfahrungen mit Menschen entspricht. Das die Wunder dagegen tatsächlich geschehen sind, widerspricht nicht nur meiner Erfahrung, es ist auch noch sehr unwahrscheinlich. Welche Überzeugung soll ich also akzeptieren? Die, die mit meiner alltäglichen Erfahrung von Menschen und ihrem Verhalten übereinstimmt, oder die, die damit nicht übereinstimmt?

    Warum sollten wir also an 2.000 Jahre lang tradierte Überzeugungen glauben?

    Konfusius, er zitiert: "Ein Zeitalter wird nicht dunkel genannt, weil kein Licht mehr scheint, sondern weil sich die Menschen weigern, es zu sehen." (James Michener)

    10. Überzeugung und freier Wille

    Gegeben seien die folgenden beiden Prämissen:
    1. Gott existiert.
    2. Der Mensch hat einen freien Willen, Gott anzuerkennen oder Gott abzulehnen
    Diesen Prämissen werden die meisten christlichen Theologen zustimmen. Und nun sehen wir, wohin uns das führt, wenn wir ein bisschen nachdenken.

    Nehmen wir einmal an, ich behaupte "2 + 2 = 4". Sie haben, um das als wahr anzunehmen, keine große Wahl. Man kann davon reden, dass die Überzeugungskraft meiner Behauptung hoch ist, aber Ihre Freiheit bei der Annahme gering.

    Nehmen wir eine weitere Behauptung: "Das unsichtbare rosa Einhorn existiert". Diese Behauptung werden Sie vermutlich (mitsamt aller Argumente, um sie davon zu überzeugen) als falsch ansehen. Sie haben aber die freie Wahl, die Behauptung trotzdem als wahr anzunehmen (ihr zu glauben). Wie Sie sehen nimmt Ihre freie Wahlmöglichkeit zu, je weniger überzeugend ein Argument oder eine Behauptung ist. Nehmen wir an, wir können die Überzeugungskraft eines Arguments oder einer Behauptung oder eines Lehrsatzes oder eines Glaubensbekenntnis prüfen. Wenn wir von 100 Leuten 80 von der Wahrheit der Aussage überzeugen können, so ist die (fiktive) Überzeugungskraft der Behauptung 80%. Wenn nur 50% von der Wahrheit überzeugt werden können, so betrüge die Überzeugungskraft 50%. Bei meiner ersten Behauptung betrug sie 100%, bei meinem Beispiel mit dem unsichtbaren rosa Einhorn waren es 0%. Je geringer die Überzeugungskraft, umso freier mein Wille bei der Annahme.

    Wenn Gott uns also einen möglichst freien Willen lassen möchte, um ihn anzunehmen oder ihn abzulehnen, so müsste die Überzeugungskraft der Argumente für Gott möglichst gering sein. Allerdings: Je geringer die Überzeugungskraft ist, umso weniger kann man jemandem einen Vorwurf machen, wenn sie oder er die Behauptung ablehnt. Vor allem natürlich nicht Gott, denn er schuf den freien Willen selbst. Wenn es also wichtig wäre, dass jeder Mensch an Gott oder an ein Glaubensbekenntnis glaubt, so müsste Gott selbst dafür sorgen, dass die Überzeugungskraft der für ihn sprechenden Argumente hoch ist. Dies könnte durch eine "objektive Offenbarung" geschehen: Für ein allmächtiges Wesen gäbe es genügend Möglichkeiten. Aber Gott hat dies bislang nicht getan, ersatzweise behaupten einige Menschen, er habe sich nur ihnen offenbart. Das ist vergleichsweise wenig überzeugend. Tatsächlich ist es nur dann überzeugend, wenn man mit der Idee, dies sei wahr, aufgewachsen ist. Ob man daran glaubt ist also von reinem Zufall abhängig - wer in Indien aufgewachsen ist, der wird das alles sehr wenig überzeugend finden. Viele sind außerdem nur deswegen von Gott überzeugt, weil man ihre Vorfahren dazu gezwungen hat, Christen zu werden.

    Und weil es so wenig überzeugend ist, deswegen belohnt Gott alle Menschen, die an ihn glauben und bestraft alle Leute, die nicht an ihn glauben ... Und alle Menschen, die logisch denken und zu dem Schluss kommen, dass die Überzeugungskraft sehr mager ist, die werden dafür ebenfalls bestraft (oder erhalten keine Belohnung). Und dieser Gott wird dann auch noch barmherzig und gerecht genannt! Dabei hätte es ausgereicht, seine Anhänger mit überzeugenden Argumenten auszustatten und alles dies wäre nicht passiert. Dabei gibt es für die Existenz des Weihnachtsmanns überzeugendere Argumente.

    Wie kann man die Überzeugungskraft eines Glaubensbekenntnisses steigern? Man kann Alle diese und ähnliche Methoden wurden verwandt - von freiem Willen ist da so gut wie nie die Rede, außer, man verteidigt seinen Glauben gegen anders Denkende. Das alles hat man nicht nur in einem Überschwang der Gefühle gemacht, sondern weil die Überzeugungskraft der Argumente so gering war.

    Sollten diese dubiosen Methoden alles sein, was einem allmächtigen Gott dazu einfällt, einen Glauben an ihn zu verbreiten? Genau dieselben Methoden, wie sie von allen anderen Religionen oder Psycho-Sekten wie Scientology auch verwandt werden? Und das, obwohl es doch angeblich so wichtig sei, Gott zu verehren?

    Wenn Gott verehrt werden möchte, dann sollte er zunächst die Voraussetzungen dafür schaffen - seine Existenz bekannt machen. Tut er dies nicht, dann deswegen, weil er nicht existiert oder nicht verehrt werden will. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein Gott keinen Gefallen darin findet, wie er von den Gläubigen verehrt wird (z. B. durch Religionskriege, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangstaufen, Schwertmission usw. usf.). Denn diese dubiosen Methoden fallen unmittelbar auf ihn zurück.

    Wenn allerdings Menschen versuchen, einen Glauben zu verbreiten, der nur von Menschen ausgedacht wurde, dann dürfen wir erwarten, dass sie genau die beschriebenen Methoden benutzen. Was haben die Christen in der Form ihrer Religionsverbreitung zu bieten, was andere Religionen nicht auch bieten? Es gäbe natürlich auch lautere Methoden, um einen Glauben zu verbreiten. Wo diese verwendet werden? In der Wissenschaft.

    Konfusius, er zitiert: "Glauben ist das, was Menschen trennt. Zweifel eint sie." (Peter Ustinov)

    11. Die Kunst der Täuschung

    Beruflich musste ich in letzter Zeit häufig mit dem Zug fahren. Dabei entspann sich folgendes Gespräch mit einem Zugnachbarn, ca. 50 Jahre alt, männlich, aus München stammend, von Beruf Optiker, intelligent und redegewandt. Ich las in dem Buch Nein und Amen, und so kamen wir ins Gespräch:

    Er: Interessieren Sie sich für Religion?
    Ich: Ja, ich lese in letzter Zeit einiges darüber.
    Er: Glauben Sie an Gott?
    Ich: Nein - ich bin bekennender Atheist.
    Er: Sie machen einen intelligenten Eindruck - wieso können Sie da behaupten, Gott existiere nicht?


    (An dieser Stelle erklärte ich ihm, dass ich negativer Atheist bin und nicht behaupte, dass Gott nicht existiert, sondern nur behaupte, dass ich nicht an ihn glauben kann, aus Mangel an Beweisen - um diese Begriffe entspann sich ein Gespräch, welches ich hier weglasse)

    Er: Aber es gibt doch Beweise für die Existenz Gottes!
    Ich: Welche?


    (An dieser Stelle erklärt er mir den Design-Beweis - ich widerlege den Beweis in allen Punkten, was ich hier nicht wiederholen möchte, siehe Gottesbeweise / Das Design-Argument).

    Er: Hm ... sie scheinen sich wirklich Gedanken gemacht zu haben! Aber bedenken Sie die Feinstruktur des Universums, die Anfänge, die können doch nicht einfach auf Zufall beruhen, das muss doch jemand dran gedreht haben!


    (Auch diesen "Beweis" widerlegte ich - siehe auch Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I)

    Er: Na ja, gut, ich sehe schon, mit Beweisen kommt man bei Ihnen nicht weiter! Wenn Sie allerdings die Energie, die Sie in die Widerlegung des Glaubens gesteckt haben, für den Glauben selbst verwendet hätten, statt ihn nur einfach abzuwehren, dann ginge es Ihnen sicherlich besser.
    Ich: Erstens geht es mir auch so sehr gut, zweitens war ich früher selbst ein gläubiger Mensch - da hatte ich aber die Argumente, die gegen meinen katholischen Glauben sprechen, noch nicht gehört. Ich hatte nicht vor, Atheist zu werden, es ergab sich daraus, dass ich mich auf die Suche nach vernünftigen Gründen für den Glauben machte - und scheiterte. Ich möchte auf jeden Fall nicht gegen meinen Verstand glauben.
    Er: Das sehe ich ein. Aber ich denke, Sie machen den Fehler, die Beweise zu sehr in naturwissenschaftlich-exaktem Sinn zu sehen, statt sie als Indizien oder Zeichen zu verstehen, was in diesem Fall angemessener wäre.
    Ich: Ich sehe keinen Grund, sie als Indizien oder Zeichen zu deuten. Denn aus einem falschen Beweis wird auch durch Deutungskunst kein richtiges Indiz. Ein falscher Beweis deutet in die falsche Richtung, führt in die Irre, kann also auch nicht als Zeichen in die richtige Richtung gedeutet werden - damit verkehrt man das Prinzip des Beweises.
    Er: Na, man sollte diese Beweise eben nicht so streng nehmen!
    Ich: Man stelle sich vor, vor Gericht behauptet der Staatsanwalt, die Fingerabdrücke des Angeklagten seien auf der Mordwaffe. Nachdem nun der Verteidiger diesen Beweis als falsch entlarvt hat - die Fingerabdrücke passen nicht zu denen des Angeklagten - deutet der Staatsanwalt dies in ein schwaches Indiz um, welches ganz klar auf den Angeklagten als Mörder deute! Mehr als Heiterkeit würde der Staatsanwalt damit wohl nicht hervorrufen.
    Er: Wir sind hier nicht vor Gericht.
    Ich: Ja, das ist auch nur eine Analogie. Aber wann immer man eine Entscheidung treffen soll - wie z. B. ob man den Glauben für richtig hält oder für lebenswert - muss man die Argumente für und wider bedenken und abwägen. Man muss zum Richter seiner eigenen Angelegenheiten werden.
    Er: Man kann diese Angelegenheit auch einfach in Gottes Hände legen.
    Ich: In die Hände welchen Gottes? Das wird mir ein Muslim auch sagen, ich solle diese Angelegenheit in die Hände Allahs legen oder ein Hinduist legt mir nahe, dies in die Hände Krishnas zu legen usw. usf. Wenn die Entscheidung für den Glauben so wichtig ist, wie oft behauptet wird, dann muss ich mehr Sorgfalt aufwenden - nicht weniger.
    Er: Ja, aber diese Sorgfalt besteht darin, sich auf den Glauben einzulassen, das sollte man schon sorgfältig machen. Denn immerhin, Sie haben jetzt logische Spielereien aufgeboten, um die Beweise zu widerlegen, aber das ist auch nicht so entscheidend, denn mit Logik lässt sich Gott sowieso nicht beweisen - Gott steht über aller Logik!
    Ich: Wie?
    Er: Gott lässt sich nicht mit menschlicher Logik begreifen. Er ist der Schöpfer dieser Logik und steht über diesen Dingen.
    Ich: War das von Anfang an Ihre Meinung? Dass man Gott nicht beweisen kann?
    Er: Ja, denn ich brauche für meinen Glauben keine Beweise. Da Gott über jeder menschlichen Logik steht, führen diese Beweise nicht zu ihm, sie können nur die Richtung andeuten.
    Ich: Sie haben aber mit den Gottesbeweisen angefangen, als ob man Gott damit beweisen könne. Wir hätten uns die ganze Diskussion von eben also ersparen können - Sie wussten nämlich bereits, dass die logischen Beweise ungültig waren, von Anfang an. Und falsche Beweise sind deswegen falsche Beweise, weil sie in die falsche Richtung deuten, als Wegweiser zu Gott also unbrauchbar sind. Finden Sie das in Ordnung: Zuerst mit Beweisen zu kommen, von denen Sie wissen, dass sie falsch sind, um jemanden zu überzeugen? Ist das redlich?
    Er: Die Beweise sind aber nicht falsch, sie entsprechen nur nicht göttlicher Logik! Kein Grund, mir Unredlichkeit vorzuwerfen! Das finde ich nicht in Ordnung. Sie sind ein gottloser Mensch, Sie schwören auf ihren begrenzten menschlichen Verstand und Ihre ach-so-tolle Vernunft, also muss ich eine angemessene Vorgehensweise finden, um Sie zu überzeugen. Die Beweise sind gut und überzeugend, deswegen sind sie richtig, weil sie zum richtigen Ziel führen. Sie sind nicht falsch!
    Ich: Doch, die Beweise beruhen auf falscher Logik, Denkfehlern, eigentlich beweisen sie das Gegenteil von dem, was Sie behaupten - und sobald Sie dies sehen, erklären Sie die Beweise kurzerhand pauschal für ungültig.


    Stellen Sie sich vor, jemand verkauft mir ein Produkt. Um mir weiszumachen, dass sein Produkt allen anderen überlegen ist, führt er Beweise an, die aber gefälscht sind. Wenn ich es ihm abkaufe, dann Ok, finde ich es heraus und werfe es ihm vor, dann behauptet er, mein Verstand reiche eben nicht aus, die Genialität des Produktes zu beurteilen, deswegen nehme er falsche Beweise, die meinem Verstand angemessen wären. Die Beweise dafür führten eben zum richtigen Ziel, deswegen seien sie gerechtfertigt.

    Er: Ich habe aber nicht versucht, Ihnen etwas zu verkaufen!
    Ich: Auch das war nur eine Analogie. Sie haben versucht, mir eine Meinung zu "verkaufen". Mit Mitteln, von deren Ungültigkeit Sie von Anfang an überzeugt waren. Wie soll man das nennen?
    Er: Ok, es ist aber doch wichtig, dass Sie an Gott glauben und zum rechten Glauben geführt werden.
    Ich: Und dazu sind auch Mittel der Täuschung erlaubt?
    Er: Das ist unverschämt - ich habe nicht versucht, Sie zu täuschen, Sie missverstehen meine Absichten.
    Ich: Nein, denn Sie verstehen Ihre eigenen Absichten nicht - ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie micht nicht täuschen wollten. Ich denke, Sie sind sich der Täuschung nicht bewusst - Sie selbst sind Opfer einer Täuschung geworden, die Sie nie durchschaut haben, und jetzt geben Sie diese Täuschung weiter, ohne zu wissen, was Sie eigentlich tun.
    Er: Das ist ja wohl eine starke Behauptung!
    Ich: Falsche Beweise zu benutzen als Mittel der Überzeugung erfüllt den Tatbestand der Täuschung - aber vielleicht wollen Sie mir erzählen, dass das bewusst machen. In dem Fall wäre es allerdings Betrug - das möchte ich Ihnen nicht unterstellen!
    Er: Naja, aber die Beweise sind doch gültig - irgendwo muss in Ihrer Widerlegung ein Denkfehler stecken. Vielleicht gibt es auch andere Beweise, die überzeugend sind.
    Ich: Wir könnten die Diskussion über die Beweise gerne wieder aufnehmen, aber das halte ich für müßig, denn Sie haben mir doch eben erklärt, warum das nicht geht.
    Er: Was habe ich?
    Ich: Sie haben mir erklärt, dass Gott mit menschlicher Logik nicht erfassbar ist und daher nicht beweisbar.
    Er: Ja.
    Ich: Deswegen funktionieren die Gottesbeweise auch nicht. Und wenn doch, dann nur, wenn sie falsch sind. Etwas, was sich jeder Logik entzieht, kann man nicht mit Logik beweisen.
    Er: Ja, genau, jetzt verstehen Sie es!
    Ich: Und so funktioniert der Trick: Man nimmt logische Beweise, die plausibel klingen, um die Existenz Gottes zu "beweisen". Nachdem man die gefälschten Beweise quasi als "Brücke" benutzt hat, um jemanden zu überzeugen, dass Gott existiert, brennt man diese Brücke nieder. Zunächst wird sie zu einem Wegweiser umgedeutet, später erzählt man den Leuten, dass Logik Gott sowieso nicht beweisen kann. Damit kann man seine nun geglaubte Existenz auch nicht mehr widerlegen. Die Brücke war eine Einbahnstraße, die jetzt vernichtet wurde. Oder anders gesagt, die Beweise waren der Grund, an Gott zu glauben. Wenn dann geglaubt wird, vernichtet man die - ohnehin falschen! - Beweise. Nur wissen die Leute jetzt nicht mehr, dass sie damit ohne jeden Grund an Gott glauben. Oder man verlagert ihre Gründe auf andere, ebenso ungültige Argumente wie Wunder, Märtyrer oder die tolle christliche Lebensweise. Die Leute glauben jetzt, weil sie glauben, dies ist der einzige Grund (neben den falschen Gründen, die sie nur noch nicht durchschaut haben).

    Die Grundlage des Glaubens ist für viele Menschen einfach nur eine Täuschung. Die Täuschung steht am Anfang des Glaubens, aber seine Spuren werden verwischt. Ein Glauben aber, der mit falschen Gründen gestützt wird, ist ethisch in keinem Fall zu rechtfertigen. In dem man die Menschen daran hindert, diese Gründe in Zweifel zu ziehen, perpetuiert sich die Täuschung selbst. Fängt man einmal aus den falschen Gründen an, zu glauben, dann wird durch den Perspektivwechsel der Glauben sich stets selbst bestätigen. Dies nennt man eine Denkfalle.

    Wäre es nicht an der Zeit, über die Grundlagen des Glaubens selbst nochmal ganz neu nachzudenken?

    12. Der Glauben als Konflikt

    Zunächst und trivial: Wissen und religiöser Glauben (nicht mit dem Alltagsglauben verwechseln, bitte, denn der ist u. a. ein Synonym zu vermuten) sind nicht dasselbe, sollen es auch nicht sein. Der religiöse Glauben befasst sich zum großen Teil mit Dingen, die man nicht wissen kann. Könnte man sie wissen, wäre der Glauben selbst höchst überflüssig.

    Nicht umsonst wird von einigen Gläubigen viele Mühe darauf verwandt, nachzuweisen, dass wir nicht alles wissen können (womit sie bei mir meist sperrangelweit offenstehende Türen einrennen - siehe das Münchhausentrilemma - Streitpunkt ist dann meist nur, was wir wissen können, mit welchem Grad an Genauigkeit, und was nicht und warum nicht).

    Die entscheidende Frage (für mich) ist: Wie und Warum sollte man an etwas glauben, wenn man es nicht wissen kann? Interessanterweise ist diese Frage für Gläubige recht sperrig. So wird dem positiven Atheisten  [13] das "Recht" bestritten, zu glauben, Gott existiere nicht, mit dem Hinweis, dass er dies nicht wissen könne. Tut man dies, dann kann man mit demselben Recht bestreiten, dass der Gläubige legitimerweise an Gott glauben kann, und zwar mit exakt derselben Begründung, mit der der Gläubige dem positiven Atheisten dasselbe Recht abspricht. Entlarvend (in gewisser Weise) ist, wenn einige Christen meinen, auch der (positive) Atheist "glaube ja nur" an die Nichtexistenz Gottes. Das nur muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

    Der Punkt ist der: Wenn sich irgendjemand in einer Diskussion auf den Glauben beruft, und meint, damit im Recht zu sein, dann verliert er automatisch das Recht, einem Andersgläubigen seinen Glauben zu bestreiten. Denn jedes Argument, dass er für seinen Glauben vorbringen kann, kann man dann automatisch auch gegen seinen Glauben vorbringen.

    Dies ist - so scheint es - in der Tat ein Patt. Aus diesen Gründen ist es in den Wissenschaften auch absolut verpönt, sich auf den Glauben zu berufen, dies gilt als Fehler (wenn ein Wissenschaftler das Wort "glauben" benutzt, dann ist damit gemeint, dass er eine schwache Vermutung in der Richtung hegt, sich aber höchst unsicher ist, ob das auch stimmt - das Wort wird also anders als in religiösem Glauben verwendet). Der Fehler besteht darin, dass man damit automatisch eine Pattsituation schafft - die aber immer zuungunsten desjenigen ausgelegt wird, der die Behauptung aufgestellt hat. Wenn also jemand behauptet, "Also, ich würde sagen, daß die Partie sozusagen pari steht", so gilt dies vielleicht unter Gläubigen, nicht aber in Philosophie, Wissenschaft oder dem Recht, also praktisch dem ganzen Rest der Welt.

    Viele der Gläubigen beanspruchen also einen Sonderstatus für ihren Glauben - während der Atheist kein Recht hat, wegen Mangels an Beweisen nicht an Gott zu glauben, "darf" der Gläubige dies andersherum sehr wohl trotzdem - zumindest glaubt er das. Einige Gläubige sind da allerdings generöser, sie gestehen auch dem Ungläubigen das Recht zu, nicht zu glauben, einigen muss man dieses "Recht" aber auch abringen. Und eine kleine Minderheit ist da völlig uneinsichtig, sie meinen, ein Atheist dürfe nicht an etwas glauben, sie selbst aber sehr wohl.

    Soweit, so schlecht. Man kann niemandem das Recht absprechen, an etwas zu glauben, solange er sich damit auf seinen privaten Bereich beschränkt und es keine Konflikte gibt. Das ändert sich sobald man mit Ansprüchen aus dem Glauben den öffentlichen Raum betritt, denn der Glauben an sich birgt Konfliktpotenzial und ist vollkommen ungeeignet, irgendeinen Streitfall beizulegen. Die Religionsgeschichte ist voll an Beispielen, denn unter Berufung auf den Glauben kann man alles Mögliche glauben, auch das Gegenteil von dem, was der Andere glaubt, folglich kann der Glauben hier niemals dazu beitragen, einen Streit beizulegen, solange man den Anderen nicht dazu bringen kann, dasselbe zu glauben.

    Paradoxerweise entsteht genau hier das große Problem, denn der Gläubige glaubt nicht gerne für sich allein, er möchte, dass möglichst viele Menschen dasselbe Glauben, dann fällt es nämlich nicht so auf, dass es legitim ist, genau das Gegenteil zu glauben. Also versucht er, den Anderen zu überzeugen, zu indoktrinieren, zu überreden, zu überlisten oder aber - in der Vergangenheit - die Andersgläubigen zu zwingen oder auszulöschen. Letzteres geht heute nicht mehr, war aber so üblich, fast keiner unserer früheren Vorfahren in Europa konnte sich seinen Glauben frei aussuchen, viele büßten den Versuch mit ihrem Leben. Das alles geschah, um vergessen zu machen, dass man zu jedem Glauben mit denselben Gründen (die man nur logisch umzudrehen braucht) das Gegenteil genauso gut glauben kann.

    Glauben ist also geeignet, Konfliktfälle zu schaffen und völlig ungeeignet, Konfliktfälle zu lösen, es sei denn, jeder glaubt ohnehin dasselbe. (Und dann kann man nicht mehr von einem Konfliktfall reden)

    Im säkulären Staat wurde das Konfliktpotenzial dadurch entschärft, dass man den Glauben zur Privatsache erklärte. Damit wäre das Problem eigentlich gelöst ... wenn nicht eine kleine Minderheit unter den Gläubigen immer noch Unfrieden stiften würde, in dem sie versuchen, alle auf ihren Glauben festzulegen. Und dies tun sie natürlich unter ihren Glaubensgenossen, die ihnen allzu leicht zur Beute werden, weil der organisierte Glauben eine weitere Achillesferse besitzt.

    Diese Achillesferse besteht darin, dass die meisten Menschen nicht "einfach so aus sich heraus" an etwas glauben, sondern ihren Glauben übernommen haben. Nun besteht der religiöse Glauben ja daraus, wunderliche und unwahrscheinliche Dinge zu glauben, die gegen jede menschliche Erfahrung und gegen bekannte Naturgesetze verstoßen. Wenn ich aber dazu bereit bin, aufgrund von Zeugenaussagen etwas zu glauben, was gegen meine eigene Erfahrung verstößt (etwa, dass da jemand Wasser in Wein verwandelt hat, was nach allgemeiner menschlicher Erfahrung unmöglich ist), dann geht dies nur, wenn jemand Zeugenaussagen als höher einstuft als seine eigene Erfahrung. Nur wenn ich bereit bin, meine Erfahrung zu verwerfen, dann kann ich auch daran glauben.

    Damit hat man seine Erfahrung mit einer großen Geringschätzung versehen. Dies lässt sich leicht ausnutzen, um den Menschen Dinge aufzuschwatzen, die jeder Vernunft Hohn sprechen. Wie gesagt, solange jemand dies in seiner Privatsphäre tut, ist das auch in Ordnung. Wenn aber nun demjenigen eingeredet wird, er müsse auch andere mit diesen Ansichten infiltrieren - seine eigenen Kinder zumeist - dann kann man ihm auch einreden, sich mit seinem Glauben in die Angelegenheiten der Öffentlichkeit einzumischen. Gelingt dies, sind die Folgen aus unserer unseligen Geschichte bekannt. Es wird ein Konfliktpotenzial aufgebaut, ohne die Möglichkeit, dies zu entschärfen, weil schlicht nur Glauben gegen Glauben steht. Der Glauben ist aber ungeeignet, zu entscheiden, welcher Glauben denn nun der "Richtige" ist, denn jeder Glauben ist sich selbst als Basis genug.

    Man muss also die liberalen Gläubigen vor ihren weniger mit Skrupeln behafteten antiliberalen Glaubensgenossen schützen.

    Tut man das nicht, dann lässt man zu, dass der Glauben von einigen wenigen als Waffe benutzt wird, ihre Ansprüche gegenüber der Öffentlichkeit durchzusetzen. Glauben ist und bleibt aber eine Privatsache. In der Öffentlichkeit muss man darauf drängen, dass Ansprüche vernünftig begründet werden, damit man eine Möglichkeit hat, Streitfälle vernünftig zu lösen. Das wiederum muss man vernünftig begründen. Darum geht es mir, und darum schreibe ich mir die Finger wund - es geht nicht darum, jemandem den Glauben auszureden, sondern darum, unbegründete Ansprüche an die Öffentlichkeit zurückzuweisen.

    Soweit also die Begründung, warum Glauben Unfrieden stiftet und selbst ungeeignet ist, diese Geister, die er rief, auch wieder loszuwerden.

    Konfusius, er zitiert: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben." (Albert Einstein)

    13.

    Von Harry Krämer - vom Autor mit Genehmigung auf meiner Website veröffentlicht. Den Originalbeitrag finden Sie unter Die Illusion Willensfreiheit (→ http://www.marabu.homepage.t-online.de).

    Francis Crick zitierte John Archibald Wheeler:
    "Finde auf jedem Gebiet die seltsamste Sache
    und die untersuche dann."


    Die Illusion Willensfreiheit
    Der heilsame Verzicht auf Gläubigkeiten

    von Harry Krämer

    Die Faszination des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ist zu einer Normalität unseres Lebens geworden. Obwohl kaum jemand in der Lage ist, sämtliche Ergebnisse der modernen hoch spezialisierten Forschung nachzuvollziehen, gibt es eine kollektive Identifikation mit allen Errungenschaften.
    Sobald aber das biblische Menschenbild in Frage gestellt wird, erhebt sich Widerspruch - nicht nur von Seiten der religiös Gläubigen.

    Die Rationalität unserer Zeit steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Bindungen kultureller Traditionen an Heilslehren, die im geistigen Freiraum ihre bunte Palette von Wahrheiten anbieten. In einer Welt voller Hightech erklingen Lobpreisungen der Einfalt. Auf dem Mond wurde die Schöpfungsgeschichte deklamiert - spektakulärer lässt sich der zwiespältige biologische Entwicklungsstand des blauen Planeten nicht demonstrieren.

    Religiöser Glaube ist für viele Menschen von gewiss positiver Bedeutung. Man verdrängt, dass aller Glaube planmäßig anerzogen wird. Für die beruflich Zuständigen gehört Verdrängung zum Metier - sie wollen nicht wahrhaben:
    Gläubigkeit ist keine Tugend.
    Sittlichkeit bedarf keiner Verheißungen oder Drohungen.
    Religionen bereiten das geistige Klima für weitere ideologische Manipulationen.

    Jenseits und Seelenheil - Kirchen und Sekten verkündigen mit Inbrunst; wie Priesterschaften der Antike genießen sie hausgemachte Kompetenz. Sie wecken und verstärken latente Ängste und Sehnsüchte, um Berauschendes zu vermarkten - ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen.
    Auch beste Absichten mindern nicht die Gefahren.

    Der Glaube - im Grunde unglaublich; austauschbar nach Belieben.
    Bedenkenswert: Im geologischen Zeitmaß begann Kultur vor Sekunden.

    Der Mensch fragt nach einem Woher und Wohin, nach einem Sinn - Fragestellungen, die als solche reichlich glorifiziert werden, deren Sinnlosigkeit aber schon lange bekannt ist - Lösungsversuche an Rätseln, die es nur in den Köpfen gibt.

    "Ich weiß, dass ich nichts weiß."
    Heute wissen wir: Wie jedes Organ so ist auch das Gehirn im Rahmen zweckgebundener Evolution entstanden; unser Verständnis hat vorgegebene Grenzen.
    Dennoch bleibt uns die Welt nicht verschlossen. Die Naturwissenschaft hat sich ein Instrumentarium des Geistes geschaffen; sie findet Gesetzmäßigkeiten, die unergründlich schienen: Energie und Materie, Korpuskel und Welle, Theorien von Zeit und Raum - rein mathematische Beschreibungen werden experimentell geprüft. Das bedeutet Verstehen; Vorstellbarkeit ist kein Kriterium. So hat Wissenschaft keine vorgegebenen Grenzen.

    Die konsequ