Psychologie, Religion & Glauben

Über Gott

Inhaltsverzeichnis
  1. Wer ist eigentlich Gott?
  2. Göttliche Offenbarung
  3. Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen
  4. Das Design-Argument
  5. Komplexität und Gott
  6. Das Theistische anthropische Prinzip I
  7. Das Theistische anthropische Prinzip II
  8. Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?
  9. Die Eigenschaften Gottes I
  10. Draygombs Paradoxon - Gott und die Zeit
  11. Die Eigenschaften Gottes II
  12. Gott als die Ursache des Universums
  13. Existenz existiert - unverursacht
  14. Ein moralischer Beweis gegen die Existenz Gottes
  15. Kalamitäten mit Kalam

1. Wer ist eigentlich Gott?

Einleitung: Wenn wir uns mit Gott beschäftigen, so ist zunächst zu fragen: Mit welchem Gott? Es gibt sehr viele (Tausende) von Göttern, und wenn man bedenkt, dass viele Gläubige sehr unterschiedliche Gottesbilder haben, so muss man doch eines finden, welches so allgemein anerkannt ist, dass man nicht am Gottesbild einfach vorbeiredet. Ich habe mir daher das katholische Gottesbild vorgenommen, weil die Katholiken den größten Teil des Christentums bilden. Aber auch auf die in der Bibel genannten Eigenschaften bin ich (am Rande) eingegangen. Wenn man nicht weiß, worüber man redet, dann ist jede Aussage im Wortsinn gegenstandslos.

Im Folgenden einige Aussagen über Gott, alle dem Katholischen Erwachsenen-Katechismus (→ http://dbk.de/katechismus/index.html) (KEK) entnommen. Alle Textstellen zwischen den beiden folgenden Trennlinien stammt, sofern nicht anders angegeben, aus dem KEK. Anmerkungen von mir sind in eckigen Klammern. Die Eigenschaften stammen aus KEK, Band I, Seite 71  [1].
Das I. Vatikanische Konzil (1869/70) hat das biblische Zeugnis von der Erkennbarkeit Gottes folgendermaßen zusammengefasst:

"Gott, aller Dinge Grund und Ziel, kann mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Gewissheit erkannt werden." (DS 3004; NR 27) [KEK Band I, Seite 28]

Liebend: Gott hat sich als die Liebe erwiesen (vgl. →1 Johannes 4:8-16). So dürfen wir gewiß sein: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (→Römer 8:38-39) [KEK Band I, Seite 66]

Unbegreifbar: Er ist kein Gegenstand, den man wie andere Gegenstände feststellen könnte. Gott gibt es nicht in der Weise, wie es die Dinge oder auch die Menschen in der Welt gibt. Er ist nicht irgendwo "da oben". Sein Geheimnis umfängt uns überall. Darum ist er auch nicht ein Lückenbüßer-Gott, der nur an den Grenzen menschlicher Erkenntnis in den Blick kommt. Die Bibel nennt ihn den verborgenen Gott (vgl. →Jes 45,15), der im unzugänglichen Lichte wohnt (vgl. →1 Tim 6,16). Als endliche Wesen können wir den Unendlichen, alles Umfassenden nie begreifen. [KEK Band I, Seite 33]

Alles, was wir von Gott sagen und denken, gilt darum in einem ganz einmaligen, unendlich vollkommenen Sinn. Alle unsere Begriffe und Bilder, die wir für Gott bemühen, sind nur wie ein Richtungspfeil. In keinem von ihnen "haben" wir Gott. Alle schicken uns vielmehr auf den Weg zu Gott. Sie sind Einweisungen in ein Geheimnis, dem man nur in der Haltung der Anbetung gerecht wird. [KEK Band I, Seite 36]

Schöpfer der Welt: Im Credo bekennen wir von Gott, dass er "alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt". [KEK, Band I, Seite 92]

Personales Wesen: Das personale Wesen Gottes ist die tiefste Begründung für die personale Würde jedes Menschen. Deshalb ist es ein Missverständnis zu meinen, Gott sei im Grunde nichts anderes als ein Ausdruck für ein gutes mitmenschliches Verhalten, eine bestimmte Art der Mitmenschlichkeit. Daran ist richtig, dass Gottes Liebe zu uns unsere Liebe untereinander begründet. Die Liebe zu Gott ist unlösbar mit der Liebe zum Nächsten verbunden (vgl. →Mk 12:30-31). Gott ist nie nur eine Privatsache und eine reine Herzensangelegenheit; unser Gottesglaube hat Bedeutung für die anderen. [KEK Band I, Seite 75]

Allmächtig: In Heil und Gericht erweist sich gleichermaßen Gottes Allmacht. Nur wenn Gott allmächtig ist, kann seine Liebe in jeder Situation wirkmächtig helfen und gegen alle Mächte und Gewalten des Bösen die Herrschaft der Liebe heraufführen. Nur wenn Gott die Allmacht der Liebe ist, bedeutet seine Liebe keine naive Verklärung der Welt, sondern deren Infragestellung und schöpferische Verwandlung. Nur eine allmächtige Liebe kann der Grund unserer Hoffnung sein. [KEK Band I, Seite 65]

Allwissend: Die verschiedenen Eigenschaften Gottes betrachten das eine Wesen Gottes in seinem Verhältnis zur Welt unter verschiedenen Gesichtspunkten. Da Gott Geist ist, weiß er um jeden und um alles, nichts kann ihm verborgen bleiben: Gott ist allwissend. Er wirkt auch alles in allem, nichts und niemand kann sich seiner Herrschaft entziehen: Gott ist allmächtig. [KEK Band I, Seite 71]

Allgegenwärtig: Auf der anderen Seite ist Gott nicht neben oder über der Welt, er ist auch innerweltlich. Er ist uns in allen Dingen nahe. Wir können ihm in den gewöhnlichen wie außergewöhnlichen Ereignissen des Lebens begegnen. Vor allem begegnet er uns durch andere Menschen. Er durchdringt, umfängt, durchwaltet alles. Er ist grenzenlos, unendlich und deshalb allgegenwärtig. "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (→Apg 17,28). Man nennt dies die Immanenz Gottes. [KEK Band I, Seite 70]

Barmherzig/gnädig: Gott ist gütig und barmherzig. Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe sind kein Gegensatz. Denn die Liebe Gottes bedeutet, dass Gott jeden Menschen unbedingt annimmt; das schließt Gerechtigkeit ein, die jedem gibt, was ihm gebührt. [KEK Band I, Seite 71]

Gütig: Das Bekenntnis zu Gott dem allmächtigen Vater nennt Gott deshalb einerseits den Allmächtigen, der alles schafft, trägt und lenkt, der die Welt und die Geschichte in seiner Hand hält. Auf der anderen Seite ist dieser allmächtige Gott kein Despot und kein Tyrann, sondern ein gütiger Vater. Er kümmert sich, mehr noch als um das Gras des Feldes und um die Vögel in der Luft, um den Menschen (vgl. →Mt 6,26-30). [KEK, Band I, Seite 72]

Gerecht: Denn die Liebe Gottes bedeutet, dass Gott jeden Menschen unbedingt annimmt; das schließt Gerechtigkeit ein, die jedem gibt, was ihm gebührt. Im biblischen Sinn meint die Gerechtigkeit Gottes sogar die gnädige Zuwendung Gottes zum Menschen, durch die der sündige Mensch erst gerecht wird. Gottes Gerechtigkeit ist also eine schöpferische und schenkende Gerechtigkeit, die sich aus reiner Liebe des Sünders erbarmt. [KEK Band I, Seite 71]



Ein paar der Eigenschaften Gottes aus der Bibel:

Es gibt drei Möglichkeiten, Gottes Eigenschaften zu definieren, und manche davon wurden und werden auch miteinander kombiniert.

  1. Positiv durch Zuschreibung positiver Attribute, wie etwa gütig (positive Theologie).
  2. Negativ, in dem man sagt, was Gott nicht ist, wie etwa unbegreifbar (negative Theologie).
  3. Durch Zuschreibung von unbegrenzten Attributen, wie etwa 'all' (z. B. in allmächtig).
Nun hat Existenz selbst eine interessante Eigenschaft - Existenz ist begrenzt. Wir kennen keine Objekte, die unbegrenzt sind. Wir erkennen Objekte dadurch, dass sie sich von anderen unterscheiden und dass man sie eingrenzen kann. Deswegen kann man Existenz auch grundsätzlich mit positiven Eigenschaften beschreiben, negative Eigenschaften sind die Eigenschaften der Nichtexistenz.

Wenn man also sagt, Gott sei unendlich, unsichtbar und unbegreifbar, dann kann man damit Nichts meinen - denn auch folgender Satz ist wahr: Das Nichts ist unendlich, das Nichts ist unsichtbar und das Nichts ist unbegreifbar. Eine solche Definition ist leer, sie enthält nichts mehr. Der Vorgang des Definierens selbst bedeutet stets ein Eingrenzen - ohne diese Grenzziehung enthalten wir leere und/oder sinnlose Begriffe. Da aber Gott nicht eingegrenzt werden soll, kann er auch nicht definiert werden. Demnach wäre nämlich eine Definition stets falsch. Was aber nützt es, über einen Gott zu reden, über den man nichts weiß oder über den das, was man weiß, schlicht falsch ist?

Damit landen wir bei der Eigenschaft "undefinierbar". Wir können nur definieren, was existiert, die Nichtexistenz ist nicht definierbar und unbegrenzt. Man könnte auch sagen, Gott hat alle Eigenschaften der Nichtexistenz. Die Theisten befinden sich in einem Dilemma. Entweder definieren sie die Eigenschaften so, dass man etwas mit ihnen anfangen kann, dann begrenzen sie Gott. Damit wird der Gottesbegriff gleichzeitig anfällig für Kritik (so kann man anhand der Theodizee zeigen, dass Gott nicht gütig sein kann). Da es den Theisten aber darum geht, ihren Gott vor Kritik zu schützen, müssen sie ihn negativ oder mit unbegrenzten Eigenschaften (wie Allmacht, Ewigkeit, Unbegreifbarkeit etc.) ausstatten, aber damit sind die Definitionen zum einen kognitiv leer (man kann sich nichts Sinnvolles mehr darunter vorstellen), zum anderen haben sie Gott damit aus dem Bereich der Existenz entfernt. Denn wenn Existenz weiterhin ein sinnvoller Begriff sein soll, dann funktionieren die theistischen Definitionen nicht.

Wenn der Begriff Gott leer oder sinnlos ist, dann ist es folglich alles Reden über Gott auch. Stellen Sie sich vor, Sie werden in ein Zimmer geschickt, um dort einen Gegenstand zu suchen, aber man kann Ihnen nicht sagen, um was es sich eigentlich handelt. Alles, was Sie finden, könnte der gesuchte Gegenstand sein oder auch nichts. Die Sachlage wird dann noch einmal dadurch komplizierter, dass ein Zimmer ein begrenzter Raum ist, wir aber suchen in einem Universum nach Spuren Gottes, welches zeitlich und räumlich fast unendlich groß ist. Der Vorteil für die Gläubigen: Sie können, wann immer wir nichts finden, einfach behaupten, wir hätten nicht gründlich genug gesucht. Der Nachteil ist, dass die Gläubigen nicht behaupten können, Gott gefunden zu haben, wenn sie nicht wissen, was Gott überhaupt ist. Kann man sich nichts Sinnvolles unter Gott vorstellen, dann kann man weder behaupten, Gott gefunden zu haben noch kann man behaupten, sinnvolle Aussagen über Gott zu machen. Und die Aussage, es gäbe nur genau einen einzigen Gott, ist dann erst recht eine sinnfreie Behauptung  [2].

Außerdem kommen alle positiven Eigenschaften aus menschlichen Zusammenhängen. Sie sind in einem bestimmten Kontext gültig und haben eine endliche Bedeutung, die, angewandt auf ein übernatürliches Wesen, jede sinnvolle Bedeutung verlieren, da sie aus dem natürlichen Rahmen entfernt werden.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass Gott selbst für Erklärungen benutzt wird. Erklären heisst aber, etwas Unbekannes auf Bekanntes zurückführen. Zwingend notwendig dazu ist eine Kette aus Erkennen -> Erklären -> Verstehen. Ohne Erkennen gibt es kein Erklären, ohne Erklären gibt es kein Verstehen - und da Gott nicht erkennbar ist, kann man ihn auch nicht erklären oder verstehen. Und das bedeutet wiederum, dass jede Erklärung, in der Gott vorkommt, nicht funktionieren kann, im Gegenteil, man kann bekannte Dinge damit unbekannt machen, dass man sie mit Gott "erklärt" (siehe auch Können Theologen die Welt erklären?). Zum Verstehen unbekannter Dinge trägt so etwas erst recht nichts bei. Gott wird zum Instrument der Verschleierung der Welt - was die Theologen auch unverhohlen zugeben, wenn sie vom Geheimnis oder vom Mystischen reden.

Hier hilft auch kein Glauben, denn wenn man etwas weder erkennen noch verstehen kann, dann weiß man auch nicht, woran man eigentlich glaubt. Theisten helfen sich auf zweierlei Art aus dem Dilemma. Die eine Methode besteht darin, Glauben als eine Form der "höheren Erkenntnis" und das angebliche Verständnis der Theisten zu einer Art "höherem Verstehen" zu (v)erklären. Das ist zutiefst unredlich, weil hier nur totales Unverständnis mit hohlen Phrasen übertüncht wird. Wenn man moderne Theologen (wie etwa Küng, Beinert, Sölle, Werbick) über Gott sprechen hört, dann wird man feststellen, dass die wesentlichen Sätze auch auf Kisuaheli oder Koreanisch gesprochen werden könnten oder in einem Dialekt sirianischer Aliens. Denn die Theologen haben die wesentlichen Fragen immer noch nicht beantwortet - sie wissen weder, wie man an Erkenntnisse kommt, noch wie man deren Zuverlässigkeit prüfen kann, noch was erkennen, erklären oder verstehen in ihrem Rahmen eigentlich bedeuten soll. Sie dichten jedem dieser Worte in ihrem Zusammenhang ein "Geheimnis" an, was sie vor Kritik schützt (vermeintlich).

Wir können vielleicht nicht beweisen, dass Gott nicht existiert, aber wir können ganz klar zeigen, dass Gott für uns unbegreiflich, unverstehbar und unerklärlich ist, falls er überhaupt existieren sollte - und dass wir daher rational keine Möglichkeit haben, an ihn zu glauben. Und Aussagen über ihn können wir schon überhaupt nicht treffen. Man kann nur an ihn glauben - auf derselben Basis, auf der man auch an Tausende von ganz anderen Göttern glauben kann. Christen trifft der Vorwurf, sie wollten nicht an einen Gott glauben, genauso wie jeden Atheisten - es gibt Tausende von Göttern, an die weder ein Christ noch ein Atheist glaubt. Der Atheist ist nur nicht bereit, willkürlich bei einem beliebigen Gott eine Ausnahme zu machen.

Die andere Methode besteht darin, dass Gott sich eben offenbart habe, und wir daher positiv über einige seiner Eigenschaften Bescheid wüssten (siehe den KEK oder die Bibelstellen), aber eben nicht über alles, es sei eben ausreichend. Dazu wird ein besonders raffinierter Trick benutzt: das Vexierspiel Gott. Es funktioniert so:

Vexiergott

Auf der einen Seite haben wir den unbekannten und unbegreifbaren Gott, auf der anderen Seite der Skala einen verstehbaren und rational erfassbaren Gott. Wann immer wir nun Eigenschaften Gottes kritisieren, z. B. die angebliche Güte Gottes, und der Theist keinen Ausweg mehr weiß, wird Gott nach links verschoben - er wird "unerforschlich" gemacht. Wann immer wir aber sagen, dass Gott prinzipiell nicht erkennbar ist, also alle Aussagen über ihn falsch sein müssen, wird das Gottesbild (durch die rote Perle symbolisiert) flugs wieder nach rechts verschoben und auf Offenbarungen etc. verwiesen, die Gott eben doch verständlich machen. So kann je nach Argumentationslage das Gottesbild mehr nach links oder mehr nach rechts verschoben werden, stets weit genug, um sich vor jeglicher Kritik zu immunisieren. Wenn also der Katechismus sagt: "Alle unsere Begriffe und Bilder, die wir für Gott bemühen, sind nur wie ein Richtungspfeil. In keinem von ihnen "haben" wir Gott." ([KEK Band I, Seite 36], siehe oben) dann wird diese Verschiebetaktik damit zur Methode erhoben. Wann immer man den Gottglauben kritisiert, kann der Theist behaupten, dass der Atheist Gott nur einfach nicht richtig verstanden habe und daher die Kritik ins Leere zielt. Was der Theist übersieht: Wenn dem so ist, zielt auch sein eigenes Verständnis und sein eigener Glaube ins Leere - wenn er sein Verständnis von Gott nicht vermitteln kann, dann hat er kein Verständnis von Gott. Etwas zu verstehen bedeutet nämlich, es erklären zu können. Das kann der Theist aber nicht (dazu fehlt ihm sogar die Erkenntnis, selbst die Begrifflichkeit). Das Vexierspiel tarnt nur, dass er selbst ebenfalls nicht weiß, woran er eigentlich glaubt.

Die meisten Gläubigen behelfen sich damit, dass sie nicht weiter über Gott nachdenken, sogar eine gewisse Scheu davor haben und teilweise ärgerlich reagieren, wenn man versucht, sich ihr Gottesbild erklären zu lassen - denn dabei werden sie versagen, und dies löst Ungewissheit und Angst aus, wird daher vermieden, wo es geht.

Meist wird auf Offenbarung verwiesen, aber das ist eine zirkuläre Argumentation. Angenommen, Gott existiert - dann könnte er sich doch trotz des "supernaturalistischen Grabens" auf unserer natürlichen Seite der Welt bemerkbar machen, z. B. in der Form von Offenbarungen. Dies könnte die Bibel sein. Die Offenbarung wiederum ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Gott existiert. Damit wird logisch-zirkulär "bewiesen", was ursprünglich vorausgesetzt worden ist. Zur Stützung der Offenbarung werden dann des Weiteren noch die angeblichen Wunder angeführt - wobei die Bibel durch die Wunderschilderungen nur noch unglaubwürdiger wird, abgesehen davon ist es nicht möglich, durch Wunder die Existenz Gottes zu beweisen. Dann werden noch Prophezeiungen angeführt, aber nur die Eingetroffenen, die zumeist auf frommen Betrug beruhen.

Es ist in sich widersprüchlich, Gott als unbegreifbar zu beschreiben und ihm dennoch positive Eigenschaften zu unterstellen. Man kann nicht beides haben, einen unerforschlichen Gott und einen Gott mit ganz bestimmten Attributen. Und eine teilweise Unerforschbarkeit ist logisch äquivalent zu einer vollständigen Unbegreifbarkeit. Angenommen, Sie lesen folgenden Satz: "Der Ball ist xxxxxx rot", wobei "xxxxxx" für den nicht verstandenen (unerforschlichen) Teil steht. Ist der Ball, von dem die Rede ist, nun rot oder nicht? Das kann man nicht sagen, denn "xxxxxx" könnte für "nicht", "teilweise" oder "vollständig" stehen. Dasselbe gilt für jede einzelne Eigenschaft von Gott - und es gilt umso mehr, als Gott als unendlich gedacht wird. Da unser Wissen über Gott endlich ist, ist unser Unwissen von Gott unendlich groß. Das bedeutet, wir wissen so gut wie nichts über Gott, im Verhältnis ist unser Wissen unendlich klein, also praktisch fast Null (jede beliebig große Zahl ist gegenüber dem Unendlichen nahe Null).

So ein Gott kann sich übrigens vielleicht offenbaren, nur wird dadurch das Rätsel nicht kleiner, denn auch die Offenbarung ist unendlich gering im Vergleich zur Unendlichkeit Gottes. Ob etwas davon stimmt und ob wir etwas davon richtig verstanden haben, können wir nicht sagen - denn wir können es wiederum nicht vom Unerklärlichen her erklären. Dass auch angebliche Offenbarungen nichts daran ändern, darüber im nächsten Kapitel.

Weiterführende Links zum Thema

Katholischen Erwachsenen-Katechismus (→ http://dbk.de/katechismus/index.html) Katechechismus der katholischen Kirche, Online-Version. Nicht ganz so aktuell wie die unten aufgeführte Buchversion - aber an "ewigen Wahrheiten" ändert sich so schnell auch nichts.

Eintrag der Wikipedia zu Gott (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Gott)

Interessante Literatur zum Thema

Pro Gott

Katholische Kirche (Hrsg.): 2003, Katechismus der Katholischen Kirche, m. CD-ROM, St. Benno, München. Was man als Katholik glauben sollte.

Bibel: 2001, Die Bibel, R. Brockhaus, Haan. Das Buch der Bücher – laut Isaac Asimov eine der besten Begründungen für den Atheismus, die je ersonnen wurden.

Fries, Heinrich und Glockmann, Peter: 1971, Ich sehe keinen Gott, Herderbücherei, Freiburg. Auseinandersetzung mit dem Atheismus aus gläubiger Sicht.

Frossard, André: 1970, Gott existiert. Ich bin ihm begegnet., Herder, Freiburg. Ein überzeugter Atheist begegnet Gott und wird so von seiner Existenz überzeugt - kein Roman, sondern ein autobiographischer Bericht eines Ex-Atheisten.

Küng, Hans: 2001, Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit, Piper, München. Auseinandersetzung mit der Frage nach der Existenz Gottes aus theologischer Sicht, fundiert, aber langatmig und wenig befriedigend

Kutschera, Franz von: 1991, Vernunft und Glaube, de Gruyter, Berlin. Gründliche Einführung in den Glauben und eine Begründung dafür, warum es vernünftig ist, zu glauben.

Lewis, Clive Staples: 2001, Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben., Brunnen-Verlag, Gießen. Vernünftige Gründe eines ehemaligen Atheisten, warum er an Gott glaubt und Christ wurde, literarisch sehr gut gemacht und sehr gut zu lesen.

Neuner, Roos; Rahner; Weger: 1992, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Friedrich Pustet, Regensburg. Die offizielle Lehre der katholischen Kirche, eine fast schon erschreckende Sammlung ihrer Dogmen.

Sölle, Dorothee: 2002, Gott denken. Einführung in die Theologie., Dtv, München. Gute Einführung in die Theologie über Gott.

Weissmahr, Bela: 2002, Philosophische Gotteslehre, Kohlhammer, Stuttgart. Eine gründliche und tiefgehende philosophische Einführung in die Gründe, an die Existenz Gottes zu glauben, argumentativ sicher das fundierteste Werk Pro-Werk, das ich bislang gelesen habe.

Contra Gott

Boyer, Pascal: 2004, Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta , Stuttgart. Eine anthropologische, neurobiologische und linguistische Theorie, warum der Mensch Gott erfinden musste, eine Theorie sämtlicher existierender Religionen - gründlich fundiert und experimentell abgesichert. Ein Muss, wenn man wissen will, wieso die Religionen entstanden sind.

Mackie, John L.: 1985, Das Wunder des Theismus, Reclam, Ditzingen. Eine der besten deutschsprachigen Einführungen in den Atheismus.

Brams, Steven J.: 1983, Superior Beings - if They Exist, how Would We Know?: Game-Theoretic Implications of Omniscience, Immortality, and Incomprehensibility, Springer-Verlag, New York. Einführung in die Spieltheorie anhand der Interaktion von mensch und Gott und sicher eine der originellsten Begründungen des Atheismus.

Barker, Dan: 1992b, Losing Faith In Faith. From Preacher To Atheist., Freedom From Religion Foundation, Inc., Madison. Das Buch eines Mannes, der 19 Jahre lang fundamentalistischer Priester war und der Atheist wurde. Humorvoll zu lesen, aber eben auch sachlich-fundiert.

Drange, Theodore M.: 1998, Nonbelief and Evil: Two Arguments for the Nonexistence of God, Prometheus Books, New York. Zwei Argumente für die Nichtexistenz des (christlichen) Gottes, eines davon ist das Theodizeeproblem, hier systematisch dargestellt und mit einer Widerlegung der meisten bekannten Lösungen des Problems.

Gale, Richard M.: 1993, On the Nature and Existence of God, Cambridge University Press, Cambridge. Sehr in die Tiefe gehendes Werk über die Natur Gottes.

Martin, Michael: 1990, Atheism: A Philosophical Justification, Temple University Press, Philadelphia. Das grundlegende Werk zur Einführung in den Atheismus, sehr anspruchsvoll.

Martin, Michael (Hrsg.) und Monnier, Ricki (Hrsg.): 2002, The Impossibility of God, Prometheus Books, New York. Ein Buch mit sog. atheologischen Argumenten, die beweisen, dass es keinen Gott geben kann.

Minois, Georges: 2000, Geschichte des Atheismus. Von den Anfängen bis zur Gegenwart., Böhlaus Nachf., Weimar. Das Geschichtswerk über den Atheismus.

Smith, George H.: 1979, Atheism : The Case Against God, Prometheus Books, New York. Gründliche und systematische Einführung in den Atheismus.

Das ist nur ein Ausschnitt aus meinem Literaturverzeichnis. Dort finden Sie noch weitere Literatur zum Thema.


-+Konfusius, er zitiert: "Das Unbekannte mit dem Bekannten zu erklären ist ein logisches Verfahren; das Bekannte mit dem Unbekannten zu erklären ist eine Form des theologischen Irrsinns." (David Brooks)

2. Göttliche Offenbarung

Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, dass sich der Gottgläubige in einem eigenartigen Dilemma befindet: Wenn er Gott verständlich macht, dann wird sein Gottesbild kritisierbar, wenn er Gott unverständlich macht, werden alle seine Erklärungen leer und inhaltslos und hören auf, überhaupt etwas zu erklären, und das Ziel seines Glaubens verschwindet in einem diffusen Nebel vollkommenen Unwissens. Dies wird noch dadurch verschärft, dass Gott ein supernaturales Wesen sein soll. In den Offenbarungsreligionen wird nun behauptet, dass durch die Offenbarung Gottes unsere Unwissenheit überwunden wird.

Daraus entsteht sofort ein weiteres Dilemma. Entweder wir können von der natürlichen Welt auf die supernaturale Welt (= Jenseits, die Welt jenseits der natürlichen Welt) logisch schließen, oder wir können es nicht (wäre für jeden Einzelfall gesondert zu untersuchen). Können wir es nicht, dann bleibt das Jenseits für uns unverstanden, unerklärbar und unerkennbar. Damit wäre jede Offenbarung absolut wertlos für uns, man könnte aus ihr beliebige Schlüsse ziehen, aber keine sinnvollen. Können wir aber Rückschlüsse ziehen, dann wäre das Jenseits für uns verstehbar, aber damit automatisch ein verstehbarer Bestandteil der natürlichen Welt, in der wir mit unseren Begriffen operieren können wie in der natürlichen Welt.

Beide Zustände (in den Abschnitten über den Supernaturalismus wurde dieses Thema bereits angesprochen) sind für den Gläubigen höchst unerwünscht. Er möchte nämlich gerne beides haben - er möchte seine eigenen (beliebigen!) Schlüsse aus den Offenbarungen ziehen können, aber wenn er Schlüsse ziehen kann, z. B. mithilfe der Logik, dann macht er sich zugleich angreifbar für Kritik. Da er aber nicht kritisiert werden möchte, muss er die Offenbarung und seine Schlussfolgerungen daraus immunisieren, und je mehr er das macht, umso zirkulärer und inhaltsleerer wird seine Argumentation, vor allem wird das Ziel seiner Argumentation von jedem Sinn entleert. Zwischen diesen beiden Polen (Schlussfolgerung und Bedeutungsgewinnung versus logische Zirkel und Inhaltsleere) bewegt er sich und versucht, von beidem die Vorteile einzukassieren, ohne sich die Nachteile einzuhandeln. Er will den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten.

Aber man kann nicht beides haben.

Offenbarung, so hatte ich im letzten Abschnitt bereits verdeutlicht, ist in hohem Maße anfällig für zirkuläres Denken. Und wenn die Offenbarung zirkulär ist, ist sie als Offenbarung überflüssig. Zunächst ein paar Überlegungen dazu, woran man eine göttliche Offenbarung überhaupt erkennen könnte.

Angenommen, ein Gott wollte uns z. B. moralisch auf die Sprünge helfen und offenbart seine Vorstellungen von Moral in einer Schrift, sagen wir mal, der Bibel. Wie können wir herausfinden, ob es sich um eine Offenbarung Gottes handelt oder um eine menschliche Fabrikation, um ein Produkt menschlicher Einbildung oder gar einer Fälschung? Die Offenbarung selbst kann ihre Echtheit zwar von sich selbst behaupten, aber das nützt uns nichts, das könnte auch eine Fälschung sein. Wir sind also gezwungen, die darin verwandten moralischen Maßstäbe mit unseren eigenen Maßstäben zu bewerten. Anders gesagt, wir befinden uns mitten in Euthyphrons Dilemma. Wenn wir die geoffenbarte Moral für gut befinden, so haben wir dies durch eigenes Nachdenken geschafft - damit wäre eine Offenbarung eigentlich überflüssig, wir hätten es auch aus eigenem Antrieb geschafft. Deswegen wäre ein Erkennungszeichen einer göttlichen Offenbarung, dass sie sich moralischer Ratschläge enthält. Denn so intelligent sollte Gott schon sein, dass er Euthyphrons Dilemma kennt. Menschen allerdings würden eine göttliche Offenbarung fabrizieren, um sich "höhere" Unterstützung für ihre eigenen Moralvorstellungen zu holen. Sie könnten sich damit eine Begründung ihrer Moral ersparen.

Eine göttliche Offenbarung sollte überdies Kennzeichen enthalten, die nicht von Menschen hergestellt werden können - denn sonst kann es von einer Fälschung nicht unterschieden werden. Da bieten sich ein paar Beispiele an: die Lösung von mathematisch-technischen Problemen, die knapp über dem momentanen menschlichen Horizont liegen (nicht zu weit, sonst wären die Lösungen nicht verstehbar, nicht innerhalb des menschlichen Wissens liegend, sonst wären die Problemlösungen von Menschenhand fabrizierbar). Soweit ich weiß, gibt es dafür in der Bibel kein einziges Beispiel. Ferner würden Beschreibungen der Welt nicht durch spätere Erkenntnisse obsolet, beispielsweise würden wir folgende Beschreibungen nicht finden:

Lukas 4:5-7: "5 Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. 6 Und der Teufel sprach zu ihm: Ich will dir alle diese Macht und ihre Herrlichkeit geben; denn mir ist sie übergeben, und wem immer ich will, gebe ich sie. 7 Wenn du nun vor mir anbeten willst, soll das alles dein sein." (Hervorhebung von mir - übrigens scheint auch der Teufel nicht gewusst zu haben, dass Jesus Gott selbst ist oder der Sohn Gottes.)

Es kann keinen Berg geben, der so hoch ist, dass man von dort "alle Reiche des Erdkreises" sehen könnte. Der Schreiber dieser Textstelle hat nicht bedacht oder nicht gewusst, dass die Erde eine Kugel ist. Solche (und viele, viele ähnliche Stellen) müssen einfach misstrauisch machen, weil sie ganz eindeutig für menschliche Fabrikation sprechen.

Es bleiben als weiteres Echtheitskennzeichen noch die Prophezeiungen. Dabei würde sich ein übermächtiges Wesen aller Prophezeiungen enthalten, die auch Menschen machen könnten. Denn dadurch wäre eine Fälschung ebenfalls nicht von einer echten Offenbarung unterscheidbar. Vor allem müsste jenes Verfahren vermieden werden, welches ich bereits kritisiert habe: die Prophezeiung im Nachhinein, wie wir sie in der Bibel zu hunderten finden (vor allem im NT). Jeder dieser Weissagungstricks ist ein starkes Indiz für menschliche Fabrikation. Insbesonders würde Gott auch alle Vorhersagen vermeiden, die auf menschlichem Verhalten basieren, denn hier besteht der Verdacht der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Israel wurde im letzten Jahrhundert gegründet, weil dies den Juden in der Bibel geweissagt worden ist - die Erfüllung dieser Prophezeiung kann also vollständig durch natürliche Geschehnisse erklärt werden. Eine echte Prophezeiung würde sich auf Ereignisse beziehen, die nicht von Menschen beeinflusst werden können. 1908 schlug in Sibirien ein riesiger Asteroid ein - das wäre ein Ereignis dieser Art oder die Explosion eines bestimmten Sterns, die präzise (zeitliche) Vorhersage des Entstehens einer Supernova. Prophezeiungen ohne Zeitangabe hingegen sind vollkommen wertlos - dass es "vermehrt Kriege zwischen den Nationen geben wird", zu bestimmten Zeiten, ist allgemeines menschliches Wissen, kein Ausweis göttlicher Kenntnisse. Auch von dieser Art präziser Prophezeiung finden wir keine einzige in der Bibel, wenn doch, dann handelt es sich um den beschriebenen Trick.

Christen behelfen sich bei dieser Kritik meist damit, dass Gott die Bibel nicht selbst geschrieben habe - warum eigentlich nicht? Wir können an der Bibel mit ihren tausenden von Lesarten, unterschiedlichen Abschriften, ihren ganzen Übersetzungsproblemen, den Schwierigkeiten bei der Auslegung etc. deutlich sehen, dass menschliche Bibelschreiber eine ganze Reihe schwer wiegender Probleme verursachen, die voll und ganz auf die göttliche Intention "durchschlagen". Ein echter Gott wüsste sicher Wege, diese höchst überflüssigen und ärgerlichen Probleme zu vermeiden, deswegen ist jedes Problem mit der Bibel eine Evidenz gegen den göttlichen Ursprung der Bibel. Auch jeder Fehler ist eine Evidenz dagegen, denn wenn es Fehler in Dingen gibt, die wir nachprüfen können, so muss uns dies besonders misstrauisch machen gegen Dinge, die wir nicht nachprüfen können - wer sagt uns denn, dass nicht gerade dort die größten Verständnis- und Übersetzungsprobleme liegen? Denn je weiter wir uns von den alltäglichen Dingen unserer Anschauung entfernen, umso leichter schleichen sich Fehler ein. Jeder sachliche Fehler in der Bibel zöge ein Mehrfaches an Fehlermöglichkeiten in den sachlich nicht nachprüfbaren Dingen nach sich. Deswegen ist ein minimaler Anspruch an eine göttliche Offenbarung auch die Fehlerfreiheit. Bereits ein einziger Fehler ist eine starke Evidenz gegen eine göttliche Offenbarung - und es scheint, als sei dies nur den Bibelfundamentalisten bewusst. Es wird angenommen, dass die Inhalte der Bibel durch "Inspiration" vermittelt worden sind (offensichtlich ist diese Inspiration sehr fehleranfällig - kein Merkmal eines perfekten Gottes, denn hier vermisst man jegliche Perfektion. Aber entweder, ich kann an der Güte der Beschreibungen oder Lösungen von technisch-mathematischen Problemen oder durch präzise Prophezeiungen die Güte der Offenbarung erkennen, dann ist Inspiration (vor allem beim Lesen) vollkommen überflüssig, oder ich kann die Qualität nicht erkennen, dann ist Inspiration ein schlechter Ersatz. Um Robert Green Ingersoll zu zitieren (Übersetzung von mir):

Nun wird behauptet, dieses Buch [die Bibel, Anm. VD] sei inspiriert. Es kümmert mich kein bisschen, ob dies stimmt oder nicht, die Frage ist, ist dies wahr? Wenn es wahr ist, dann braucht es nicht inspiriert zu sein. Nichts braucht Inspiration, außer etwas Falsches oder ein Fehler.


Nichts unterscheidet die Bibel von einer durchaus beeindruckenden menschlichen Fabrikation. Hinzu kommt, sobald man anfängt, die Ereignisse in der Bibel genauer nachzuprüfen, stellt man Unmengen an (Übersetzungs-)Fehlern und historischen Ungenauigkeiten und Falschheiten fest  [3]. Warum sollte Gott es zulassen, dass seine Offenbarung durch derartige Dinge "verunreinigt" wird? Warum sollte Gott nicht Vorkehrungen dagegen treffen, dass "sein Buch" durch falsche Übersetzungen verstümmelt wird? Und wieso findet sich keine Anleitung in der Bibel, wie man diese zu lesen hat? Warum sollte ein Theologiestudium nötig sein, um einfache Gleichnisse, geschrieben für ungebildete Menschen von vor 2.000 Jahren, überhaupt verstehen zu können? Alle diese Ungereimtheiten, Mängel, Fehler und fehlenden Echtheitskennzeichen einer göttlichen Offenbarung lassen nur einen Schluss zu: Die Bibel wurde von Menschen fabriziert, die ihrem Werk dadurch einen höheren Status geben wollten, dass sie es als durch Gott geoffenbart deklarierten. Das ist ihnen so gut gelungen, dass heute noch Millionen von Menschen diesen Schwindel nicht durchschauen. Und das ist das eigentlich Beeindruckende an der Bibel und macht es zu einem Werk von Weltrang. Über die Offenbarung der Bibel gibt es ein eigenes Kapitel.

Was man aus der Bibel herauslesen kann, ist die sich wandelnde Vorstellung der Menschen von Gott. Als ein Selbstzeugnis für Gott eignet es sich nicht, es sei denn, man glaubt zirkulär bereits an den dort "geoffenbarten" Gott und nimmt die Bibel als Bestätigung für das, was man vorher ohnehin schon geglaubt hat.

Konfusius, er zitiert: "Richtig gelesen ist die Bibel eines der mächtigsten Argumente für den Atheismus, welches je ersonnen wurde." (Isaac Asimov)

3. Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen

Bevor ich mit den Gottesbeweisen beginne eine kleine Vorbemerkung.

Auch unter Theisten sind die Gottesbeweise umstritten. Viele Theologen vertreten die Auffassung, dass diese Beweise überflüssig sind. Sie sind sogar in einer gewissen Weise kontraproduktiv. Denn alle diese "Beweise" implizieren, dass mit der Logik dieser Welt Gott zumindest in Teilen, was seine Existenz angeht, auch der Logik dieser Welt unterliegt und Gott damit logisch zugänglich ist.

Mehr noch: Wenn man den Glauben in den Rang einer Tugend erhebt, dann würde ein Beweis den Glauben selbst nutzlos machen. Wenn man etwas beweisen kann, dann braucht man nicht daran zu glauben, folglich wäre der Glauben überflüssig. Allerdings - wie sollte ein Ungläubiger zum Glauben kommen? Dieses Problem wäre nicht lösbar, denn man braucht dazu Argumente, die überzeugend wirken. Denn dass man sich "auf den Glauben einlassen muss" spricht nicht für einen spezifischen Glauben, sondern nur für den Glauben schlechthin - sei es für einen Glauben an Gott, an UFOs, an paranormale Phänomene, an Zeus, an unsichtbare rosa Einhörner, an hinduistische Gottheiten usw. usf. Denn alle Glaubensrichtungen argumentieren damit, dass man sich auf den Glauben "erstmal" einlassen sollte, damit man seine Wahrheit erkennen kann. Soll man nun an alles erstmal vorbeugend glauben und erkennt man dann die Wahrheit von allem, auch wenn es sich zum Teil in extremen Maße widerspricht? Wohl kaum.

Man kann also nur auf drei Wegen (in Kombination) zum Glauben kommen:

  1. Durch eine (meist frühkindliche) Indoktrination oder eine Gehirnwäsche oder andere Zwangsmaßnahmen
  2. oder durch überzeugende Argumente, mit den man die verschiedenen Glaubensrichtungen gegeneinander abwägen kann,
  3. oder durch ein "blindes" Einlassen auf den Glauben.
Jede Konversion bewegt sich irgendwo zwischen diesen drei Polen: Indoktrination, (rationale) Überzeugung oder Einlassen auf den Glauben. Eine Konversion, die auf nur einem Element beruht, ist schwer vorstellbar (man muss schließlich auch irgendwie überzeugt oder dazu indoktriniert werden, um sich auf den Glauben einzulassen). Allerdings werden die meisten Menschen nicht konvertiert sondern nehmen den Glauben ihrer Umgebung an. Das entspricht einem Einlassen ohne Alternativen bzw. einer Indoktrination.

An dieser Stelle beschäftige ich mich schwerpunktmäßig mit dem Weg der rationalen Überzeugung. D. h. ich setze zunächst voraus, dass es prinzipiell möglich sein kann, Gott zu beweisen, und dass der Glauben an Gott rational zu rechtfertigen ist. Aus dem Scheitern dieses Bemühens kann man schließen, dass der rationale Weg zu Gott nicht funktioniert und nur die beiden anderen Wege offen stehen - Einlassen oder Indoktrination. Da man allerdings eine rationale Rechtfertigung benötigt, um sich auf einen spezifischen Glauben einzulassen, bedeutet dies, dass es nur einen Weg gibt, auf dem man anfangen kann, zu glauben: den der Indoktrination. Rationale Überzeugung hätte dann nur eine Hilfsfunktion - man gaukelt dem Individuum vor, die Indoktrination sei rational gerechtfertigt.

Ein "blindes" Einlassen auf den Glauben ist m. A. nach nicht rational gerechtfertigt, weil man auf diese Weise anfangen kann, alles zu glauben. Denn nahezu alle Glaubensrichtungen argumentieren damit, dass man erstmal anfangen muss, zu glauben. Das bedeutet aber, dass man anfängt, zu glauben, um zu glauben. Das ist zirkuläre Logik. Es werden noch viele andere quasi-rationale Argumente verwendet, damit die Menschen anfangen, zu glauben - dass die Mehrheit an Gott glaubt (was kein Argument für den Glauen ist), dass es keine Moral gibt ohne Glauben usw. usf.

Wenn Gott selbst überhaupt nicht der Logik dieser Welt zugänglich ist, dann scheitern alle Gottesbeweise und man müsste sich eigentlich nicht damit befassen. Aber da die Gottesbeweise sehr populär sind und in Diskussionen eine große Rolle spielen werde ich sie hier darstellen und diskutieren. Ich werde zeigen, dass einige dieser Argumente nur aufgrund von Denkfehlern für Gott zu sprechen scheinen, während sie in Wahrheit Argumente gegen die Existenz Gottes sind.

Und es gibt einen Einwand, der sich gegen fast jeden dieser Gottesbeweise vorbringen lässt: Viele Menschen nehmen an, dass wenn die Existenz eines Schöpfers bewiesen ist, dies bereits der christliche Gott mit allen seinen Eigenschaften sei. Das ist ein schwerer Trugschluss. Ich nehme mal einen populären Gottesbeweis und demonstriere seine Widerlegung und welche Folgen es hätte, wenn die Widerlegung scheitert:

(P1) Alles hat eine Ursache.
(P2) Es ist nicht sinnvoll, einen unendlichen Regress von Ursachen  [4] anzunehmen.

(S1) Folglich muss es eine erste Ursache gegeben haben, die keine weiteren Ursachen hat.
(S2) Diese erste Ursache ist Gott.

Angenommen, dieser Beweis wäre gültig, d. h. (S1) wäre gerechtfertigt. Dann wäre (S2) aber mangelnde logische Folgerichtigkeit - es folgt keineswegs aus (S1), dass damit Gott bewiesen ist. Denn diese erste Ursache könnte das Universum selbst sein - der Beweis zeigt nur, dass es eine erste Ursache gegeben haben muss. Es könnte auch eine unpersönliche Kraft sein oder ein Naturgesetz. Es könnten ein Gott oder mehrere Götter sein, bekannte Götter wie unbekannte. Es könnte der Teufel persönlich sein. Es könnten Wesen sein, die über begrenzte Macht verfügen und über begrenztes Wissen, Wesen, die fehlbar sind. Es könnte sich um körperliche Wesen handeln. Usw. usf. Aus dem Erfolg dieses (und der meisten weiteren Argumente) kann man nicht auf die Existenz Gottes schließen, das wäre eine Über-Interpretation. Genau dies wird von geschickt argumentierenden Laienpredigern oder Theologen aber gerne versucht. Die Existenz einer ersten Ursache ist bewiesen, folglich muss es sich um den gesuchten Christengott handeln, der sich offenbart hat in Jesus, der auferstanden ist ... langsam! Genau das folgt überhaupt nicht, eher im Gegenteil.

Meistens wird der Übergang von (S1) zu (S2) in den Gottesbeweisen "unterschlagen". Aus gutem Grund, denn hier ist eine generelle Schwäche dieser Argumentation verborgen, die man übergehen muss, um den falschen Anschein zu erwecken, man habe einen Gottesbeweis. Vorsicht vor denen, die diesen kritischen Punkt verschweigen, denn sie haben keine redliche Argumentation im Sinne.

Die Widerlegung ist einfach und zeigt ein gewisses Schema, welches man auf fast jeden Beweis anwenden kann:

(1) Die Prämisse (P1) ist unbegründet. Warum sollte alles eine Ursache haben? Es wäre genauso gut vorstellbar, dass es unverursachte Ereignisse gibt (tatsächlich argumentieren vor allem Theologen gerne mit dem freien Willen, der unverursacht sein soll. Wenn also ein Theologe mit dem freien Willen argumentiert und mit dem Beweis der ersten Ursache, so ist das selbst-widersprüchlich. Aus Widersprüchen kann man aber alles Mögliche folgern.

(2) Die Prämisse (P2) ist unbegründet. Es ist sehr wohl vorstellbar, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben hat (beispielsweise: Das Universum existiert ewig, ohne Anfang). Tatsächlich, wenn (P1) wahr sein sollte, dann folgt daraus geradezu zwingend, dass es einen unendlichen Regress gegeben haben muss.

(3) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P1). Wenn es eine erste Ursache gegeben hat, die nicht selbst verursacht war, dann hat eben nicht alles eine Ursache. Folglich ist (P1) falsch und damit auch die Schlussfolgerung.

(4) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P2). Denn Gott selbst müsste ewig existieren, entspräche also einem unendlichen Regress von Ursachen. Wenn man dagegen einwendet, dass man das Kausalitätsprinzip (Ursache-Wirkung) nicht auf Gott anwenden kann, dann bricht der Beweis in sich zusammen, dann wäre nämlich ein Kausalitätsschluss auf die erste Ursache (Gott) nicht möglich, das geht nur, wenn Gott selbst dem Prinzip der Kausalität unterliegt.

(5) Die Prämisse (P1) widerspricht der Prämisse (P2) - wenn alles eine Ursache hat, dann muss es einen unendlichen Regress von Ursachen gegeben haben. Aus widersprüchlichen Prämissen kann man beliebige Schlüsse ziehen und genau dieser Umstand wird für diesen (und ähnliche) "Beweise" genutzt. Laien kann man damit verwirren und beeindrucken.

Vor allem (4) zeigt, dass der Beweis nur genau dann gültig sein kann, wenn man die im Beweis enthaltenen Prinzipien auch auf Gott anwenden kann. Wenn dies geht, dann funktioniert damit auch automatisch jeder Beweis gegen Gott, der dieselben Prinzipien verwendet. Wenn es also einen Gottesbeweis gäbe, dann könnte man eventuell einen Beweis gegen Gott konstruieren. Das ist tatsächlich problemlos möglich - mehr noch: Die Beweise gegen Gott sind überzeugender als die für Gott, weil sie nicht auf Denkfehlern wie (1) bis (5) basieren. Ein Theist, der argumentiert, es gäbe einen Gottesbeweis, liefert damit zugleich überzeugende Gründe für einen positiven Atheismus  [5].

Man kann nämlich folgern, wenn (P1) wahr ist, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben haben muss und dass folglich das Universum keine erste Ursache gehabt haben kann, also ewig existiert. Wenn das Universum ewig existiert, dann hatte es keinen Schöpfer, folglich existiert der christliche Schöpfergott nicht. Für die Annahme, dass das Universum ewig existiert, spricht zudem, dass weder Materie noch Energie vernichtet werden können (man kann sie nur umwandeln). Das bedeutet, dass das Universum mindestens kein Ende hat. In diesem Beweis gegen Gott steckt zumindest kein Denkfehler (wie in dem Beweis für Gott) und er stimmt mit unseren empirischen Evidenzen und Beobachtungen überein. Folglich ist seine Plausibilität größer.

Interessant ist noch das Argument: (P1') Alles hat eine Ursache außer Gott.


In diesem Fall hat man Gott bereits in der Prämisse drin stecken, das bedeutet, man setzt voraus, was man zu beweisen sucht (was einen zu der Logik führt "Wenn Gott existiert, dann existiert Gott" - eine Tautologie).

Die meisten der sog. kosmologischen Gottesbeweise (aus bestimmten Eigenschaften des Kosmos wird auf Gott geschlossen) folgen demselben oder einem sehr ähnlichen Schema und lassen sich auch fast schematisch widerlegen. Um den Beweis zu "retten" müsste man zeigen, dass alle meine fünf Widerlegungen (1) bis (5) falsch sind, es reicht nicht zu zeigen, dass eines der Argumente falsch ist. Und es müsste gezeigt werden, dass der Übergang von (S1) auf (S2) gerechtfertigt ist und es sich um den christlichen Gott handelt (beides ist sehr schwer und wurde nur selten versucht).

Wenn also das nächste Mal jemand auf die Natur deutet und behauptet "... und deswegen existiert Gott" dann bedenken Sie noch eines: Wenn man von der Schönheit der Natur auf die Güte Gottes schließen kann, dann kann man von der Hässlichkeit und der Bösartigkeit in der Natur auch auf die Bösartigkeit Gottes schließen. Kann man das nicht, kann man auch nicht auf die Güte Gottes schließen, jeder Beweis wäre ungültig. Theisten sind wählerisch, sie möchten aus der Schönheit des Regenbogens auf Gottes Güte und Liebe schließen, aber aus einem von einem Blitz verbrannten Kind nicht auf das Böse in Gott. Aber wenn man ersteres kann, kann man auch letzteres. Wenn man es nicht kann fehlt dem Theisten die rationale Rechtfertigung für seinen Glauben. Man sollte nicht mal so und mal so argumentieren. Doch, man kann es, und ich erlebe es in Diskussionen fast jeden Tag, aber redlich ist das nicht. Es ist ein Indiz dafür, wie sehr Glauben das Denken verzerrt und vergiftet und die Rationalität unmerklich unbewusst unterminiert.

Im weiteren Verlauf analysiere ich die gängigen Gottesbeweise und die Folgerungen daraus, immer unter der Annahme, dass es möglich ist, Gott zu beweisen oder zu widerlegen. Das ist der Haken an den Gottesbeweisen: Wenn man etwas beweisen kann, dann kann man es auch widerlegen, zumindest prinzipiell. Deswegen reden viele Theisten auch nicht von Beweisen, sondern eher von Hinweisen oder Indizien, also einer Abschwächung, weil dies auch eine Widerlegung abschwächt. Doch woher kommt dann die Glaubensgewissheit? Die kann dann doch nur Trug und Schein sein.

Ein besonders nettes Argument möchte ich im Vorwege gleich aus dem Weg räumen. Es wird behauptet, dass diese Beweise alleine eben noch nichts im strengen Wortsinn beweisen, dass sie aber in Kombination doch den Schluss zulassen, dass Gott existiert. Aber diese Beweise sind keine Wahrscheinlichkeitsbeweise oder eine Kette von Indizien, unter denen das eine oder andere Indiz schwach ist, aber die Kette insgesamt doch tragfähig ist. Diese Beweise sind allesamt falsch und beruhen auf Denkfehlern. Seit wann sagen ein Dutzend falscher Beweise etwas für eine Sache aus? Man stelle sich das schallende Gelächter vor Gericht vor, wenn man sagt, dass zwar jeder einzelne Beweis dafür, dass X der Mörder sei, gescheitert ist, aber das dies insgesamt doch die Annahme rechtfertigt, X sei der Mörder ... In unserem Fall hier ist es unredlich, einen gescheiterten Beweis in ein schwaches Indiz für Gott umzudeuten, wo doch die Beweise, von den Denkfehlern befreit, teilweise gegen die Existenz Gottes sprechen oder bestenfalls neutral sind.

Auch die Umdefinition von gescheiterten (also falschen Beweisen) in Hinweise oder ähnliches ist nicht sinnvoll. Man gibt zwar zu, dass es kein strikter Beweis ist, aber dies könne man bei Gott auch nicht verlangen, es sei eben nur ein Hinweis, der nur auf Gott deuten, ihn aber nicht beweisen soll. Aber ein falscher Beweis ist auch kein schwacher Hinweis und deutet immer noch in die falsche Richtung.

Was kann man aus den Gottesbeweisen lernen? Zum einen, dass gerne in Diskussionen ungültige Argumente benutzt werden, die plausibel zu sein scheinen. Zum anderen aber kann man noch dieses lernen:

Wenn ich behaupte, dass Gott existiert, aber wiederholt mit den Beweisen scheitere, dann wird mit jedem Scheitern die Existenz Gottes unwahrscheinlicher. Denn gäbe es Gott und er wäre beweisbar, dann müsste mit jedem neuen Anlauf die Wahrscheinlichkeit steigen, dass man es diesmal richtig macht. Aber andersherum, nach sehr vielen gescheiterten Anläufen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Gott existiert und man dies nochmal beweisen kann. Und mit dieser seit über 2.000 Jahren sinkenden Wahrscheinlichkeit kann man nunmehr mit allem Recht behaupten, dass die Behauptung, dass Gott existiert, unwahrscheinlich ist und ferner und ferner jeder Erfahrung liegt. Und unwahrscheinliche Behauptungen benötigen starke Beweise. Außerdem bedeutet dies, dass die Beweislast völlig beim Theisten liegt, wenn er entgegen allem Scheitern der vergangenen Jahre die Existenz Gottes trotzdem behauptet.

Konfusius, er zitiert: "Merkwürdig aber wahr: Diejenigen, die Gott am meisten liebten, haben Menschen am wenigsten geliebt." (Robert Green Ingersoll)

4. Das Design-Argument

Wir haben gesehen, dass man aus der göttlichen Offenbarung nicht auf die Existenz eines Gottes schließen kann. Wie kann man nun rechtfertigen, an einen Gott zu glauben? Dazu dienen (meistens) die sog. "Gottesbeweise". Zwar hält auch eine Mehrheit der Theologen diese Beweise für ungültig, aber in der Diskussion mit Ungläubigen spielen sie immer noch eine große Rolle. Deswegen werde ich im Weiteren zunächst diese Gottesbeweise widerlegen. Kurzformen der Widerlegungen finde sie unter: Ex-Atheisten.

Die populäre Variante dieses "Beweises" sieht so aus: Sie gehen an einem Strand spazieren und finden dort eine Uhr. Was ist nun plausibler: Dass diese Uhr durch bloßen Zufall entstanden ist, oder das sie ein Uhrmacher hergestellt hat? Wenn man sich vergleichsweise das Universum ansieht, welches sicher noch wunderbarer als eine Uhr ist, muss man dann nicht auch annehmen, dass es von einem "Uhrmacher" hergestellt wurde? Dieser Uhrmacher ist Gott!

Kurz gesagt: Von Dingen, die (vergleichsweise) komplex sind und die eine nichtzufällige Anordnung haben (wie z. B. eine Uhr) schließen wir auf einen Hersteller.

Formal sieht der Beweis so aus - (P1), (P2) sind die Prämissen, (S) ist die Schlussfolgerung:

  1. (P1) Alle komplexen Dinge in ungewöhnlicher Anordnung wurden hergestellt.
  2. (P2) Das Universum ist komplex und ungewöhnlich angeordnet.
  3. (S) Daraus folgt: Das Universum wurde hergestellt - von einem Schöpfer (Gott).


Widerlegung:

(1) Wenn (P1) wahr ist, dann muss auch Gott geschaffen worden sein, der Schöpfer von Gott muss wiederum geschaffen worden sein usw. usf. Wenn man nun einwendet, dass Gott nicht geschaffen worden ist, dann ist (P1) als Annahme falsch, denn dort steht, dass alle komplexen Dinge (wie z. B. Gott) hergestellt wurden. Wenn aber (P1) falsch ist, ist auch die Schlussfolgerung falsch. Wenn man bei Gott eine Ausnahme macht, so ist damit die universelle Gültigkeit von (P1) widerlegt, folglich können komplexe und ungewöhnliche Dinge auch ohne einen Schöpfer entstehen. Das gilt auch für das Universum! Und das Universum hat den Vorteil, dass wir wissen, dass es existiert.

Man kann sogar sagen, dass dieses Argument widerlegt, dass das Universum einen Schöpfer braucht, denn nicht alles benötigt einen Schöpfer.

(2) Der Hauptfehler des Arguments liegt darin, dass es voraussetzt, was es zu beweisen sucht, d. h., es ist zirkulär. Es erklärt keine Komplexität, sondern setzt diese voraus. Komplexes (z. B. Gott) kann Komplexes (z. B. das Universum) schaffen - doch woher kommt die ursprüngliche Komplexität? Wenn man argumentiert, dass nichts Komplexes durch Zufall oder aus dem Nichts entstehen kann, dann hat man ein Argument gegen Gott. Wenn man aber annimmt, dass sich aus einfachen Dingen komplexe Dinge entwickeln können, dann ist es nicht notwendig, einen Gott anzunehmen. Man kann dann argumentieren, dass das Universum genau die Struktur hat, die man erwarten müsste, wenn man davon ausgeht, dass es keinen Gott gibt, denn erstaunlicherweise hat sich das Universum aus einfachsten Objekten gebildet. Oder man müsste einen Gott annehmen, der selbst sehr einfach gestrickt ist, also beispielsweise über kein Bewusstsein verfügt (denn Bewusstsein ist ein komplexes Phänomen). Oder man müsste annehmen, dass Gott selbst einer Evolution unterliegt. Auch diesen Schlussfolgerungen mögen Theisten nicht zustimmen.

(3) (P2) ist ebenfalls falsch (folgt aus (2)). Tatsächlich besteht das Universum aus sehr einfachen Bausteinen. Die aus diesen einfachen Bausteinen entstandene Komplexität hat sich entwickelt. Es lässt sich empirisch nachweisen, dass alle komplexen Objekte sich aus sehr einfachen Objekten zusammensetzen. Man kann also nicht sagen, dass das Universum komplex ist, man kann nur sagen, es hat sich so entwickelt.

(4) Woran erkennen wir Design? Daran, dass sich etwas von natürlichen Gegenständen unterscheidet. Sie finden am Strand eine Uhr und schließen darauf, dass es einen Uhrmacher gegeben haben muss. Bedeutet dies, wenn Sie einen Stein finden, dass es auch einen Steinemacher gegeben haben muss? Das wäre sogar denkbar - ich könnte das Hobby haben, perfekt natürlich aussehende Steine herzustellen, die so gut gemacht sind, dass sie von natürlichen Steinen nicht zu unterscheiden wären. Je perfekter ich arbeite, umso weniger Grund hätten Sie zur Annahme, der Stein sei künstlich hergestellt.

Anders gesagt, Sie können eine hergestellte Uhr von einem nicht hergestellten Stein an bestimmten Unterscheidungsmerkmalen auseinander halten. Beim Stein schließen Sie, dass er natürlich ist, bei der Uhr, dass sie hergestellt wurde. Was Sie benötigen, ist ein Referenzobjekt, um diesen Vergleich durchführen zu können.

Nun die Frage: Mit wie vielen Universen haben wir unser Universum verglichen, um den Schluss auf ein Design ziehen zu können? Wir könnten so einen Schluss nur genau dann ziehen, wenn wir unser Universum mit einem natürlich entstandenen Universum vergleichen. Da wir das nicht können, ist der Schluss nicht gerechtfertigt.

(5) Beim Uhrmachergleichnis wird von der Analogie nur genau der Teil entnommen, der für das spricht, was man zu beweisen sucht. Wenn aber der Teil der Analogie gültig ist, warum dann nicht auch die anderen Teile? Da wären z. B.:

  1. Je komplexer etwas ist, umso mehr "Uhrmacher" waren daran beteiligt. Eine Uhr wird von vielleicht einem Dutzend Menschen hergestellt, ein Flugzeugträger von Tausenden, eine Stadt von Hunderttausenden. Folglich müssen eine sehr große Anzahl von Göttern an der Schöpfung unseres Universums beteiligt gewesen sein, je nach "Schöpfungsvermögen". Es gibt aber keinen Grund, anzunehmen, dass es nur einen einzigen Schöpfer gibt.
  2. Noch nie ist ein Gegenstand wie eine Uhr durch körperlose Wesen geschaffen worden (fehlende empirische Evidenz). Folglich müssen auch die Schöpfer des Universums körperlich gewesen sein.
  3. Noch nie wurde eine Uhr aus dem Nichts geschaffen. Uhren werden durch Reorganisation vorhandener Materie geschaffen, also muss auch unser Universum durch Reorganisation bereits vorhandener Materie geschaffen worden sein.
  4. An den Fehlern der produzierten Dinge kann man erkennen, dass diese Dinge von nicht perfekten, unvollkommenen, fehlerbehafteten Wesen geschaffen wurden. An den Fehlern der Welt kann man also die Fehlerhaftigkeit der Götter ablesen.


Wenn man die Logik aus dem Uhrmachergleichnis anerkennt und auf Gott überträgt, dann ist das nur möglich, wenn dieser Gott derselben Logik gehorcht. Dann sind (a) bis (d) aber ebenfalls plausibel. Erkennt man das nicht an, bedeutet dies, dass man die Logik in unzulässiger Weise überdehnt hat auf einen Bereich, in dem sie nicht gültig ist, folglich ist der Beweis durch Analogie ungültig. Auf der einen Seite behaupten Theisten gerne, sobald man ihren Glauben mit der Logik kritisiert, dass die Logik auf ihren Glauben und besonders auf Gott nicht anwendbar wäre (diese Behauptung wird meist nicht begründet). Wenn dies der Fall wäre, wären gleichzeitig auch alle logischen Gottesbeweise widerlegt - andernfalls wären die theistischen Behauptungen selbst-widersprüchlich. Auch hier versuchen viele Theisten, wieder zwei widersprüchliche Dinge gleichzeitig zu haben: Anwendung zur Logik zum Beweis von Gott, Nichtanwendbarkeit der Logik auf Gott. Sie sollten sich für eine Variante entscheiden. Besonders das Theodizeeproblem deutet darauf hin, dass wir sehr viele Evidenzen für die Richtigkeit von (d) haben.

Um die Widerlegung scheitern zu lassen, müsste man für jeden der fünf Punkte nachweisen, dass die Widerlegung falsch ist. Findet man nur für eine einzige der fünf Widerlegungen kein Gegenargument, so ist der Beweis gescheitert.

Ich schließe daraus, dass der Gottesbeweis widerlegt wurde und gescheitert ist.

Übrigens: Wenn der Gottesbeweis gültig wäre, beweist er nicht die Existenz des christlichen Gottes, sondern nur die Existenz eines Schöpfers. Dies könnte auch der taoistische Gott sein, der deistische Gott, Zeus, die shintoistischen Götter, die hinduistischen Götter, Allah, Manitu, Zarathustra ... oder gar uns völlig unbekannte Götter, oder eine natürliche Kraft. Das wird bei diesen Gottesbeweisen meist gerne übersehen (siehe Gegenargument (5) und siehe Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen).

Ich würde mal behaupten, dass die Mehrheit der Theologen heutzutage die Gottesbeweise für gescheitert hält. In Küng 2001 widerlegt der Theologe Küng übrigens alle gängigen Gottesbeweise.

Der generelle Fehler ist, anzunehmen, dass Planung immer auch einen Planer voraussetzt. Wir sind das so sehr von unserer menschlichen Welt gewohnt, dass es uns schwer fällt, davon abzusehen. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass es Menschen so schwer fällt, die Evolutionstheorie anzuerkennen: Sie widerspricht der Intuition. So wie der Aufbau des Sonnensystems, der Atome, der Quantentheorie usw. usf. unserer Intuition widerspricht. Es wäre daher unklug, unsere Intuition zum Maßstab für Wahrheit zu machen. Aber genau dies geschieht momentan wieder, dieser längst widerlegte Gottesbeweis taucht als eine Pseudo-Theorie über "intelligentes Design" wieder auf - siehe Intelligentes Design (→ http://science.orf.at/science/news/10601).

Man muss bereits an Gott glauben, um diesen "Beweis" für gültig zu halten. Man kann das als Indiz sehen, wie der Glauben das Denken verzerrt und uns Dinge für plausibel halten lässt, die logisch falsch sind.

Es kommt aber noch schlimmer: Wenn man die Grundprämissen dieses Gottesbeweises genauer durchdenkt, dann wird daraus ein Argument gegen Gott. Das behandle ich im nächsten Abschnitt.

Konfusius, er zitiert: "Die Theorie der Evolution durch kumulative natürliche Selektion ist die einzige Theorie, die wir haben, um prinzipiell die Existenz organisierter Komplexität zu erklären." (Richard Dawkins in Dawkins 1996)

5. Komplexität und Gott

Die Tatsache, dass wir unser Universum als "designed" interpretieren können (aber nicht müssen), hat viele Leute dazu veranlasst, einen "Intelligenten Designer" zu postulieren. Vor allem "Kreationisten", die die alten Schöpfungsmythen gerne wieder aufleben lassen möchten, nutzen diese Argumentation. Diese Seite benutzt die Argumentation von Science, Complexity, and God (→ http://freethought.freeservers.com/reason/complexity.html).

Wir sehen die Natur und vor allem Menschen als ein sehr, sehr komplexes Phänomen. Wir haben die Komplexität selbst oft genug (noch) nicht verstanden. Wenn wir uns aber den Fortschritt der Wissenschaften betrachten, so stellen wir fest, dass viele der komplexen Phänomene sich durch einfache Prinzipien erklären lassen. Man könnte sogar sagen, dass die Erklärung komplexer Dinge durch einfache Prinzipien eines der Hauptanliegen der Wissenschaft ist.

Nun behaupten die Anhänger der "Intelligenten Design Theorie" (ID-Theorie, es handelt sich um heiße Luft in neuen Schläuchen, um einen neuen Anlauf des Kreationismus), dass die Wissenschaft bei diesem Versuch beim Leben gescheitert ist und dass sie auch immer daran scheitern wird. Es handelt sich folglich um eine Aussage über die Zukunft der Wissenschaft. So eine Aussage ist allerdings völlig unsinnig - die Fortschritte der Wissenschaft der letzten Jahrhunderte lassen im Gegenteil vermuten, dass die Wissenschaft noch nicht an ihre Grenzen gestoßen ist und dass dies auch nicht so schnell der Fall sein wird. Wobei wir nicht verkennen dürfen, dass unsere Erkenntnis über diese Welt nicht perfekt ist, so dass immer begründete Zweifel möglich sind. Das bedeutet, dass man die Einwände der Kreationisten ebenso ernst nehmen muss wie die, die aus der Wissenschaft selbst gegen die Evolutionstheorie kommen.

Aber wir müssen uns auf die Gegenwart konzentrieren - mit zukünftigen möglichen oder unmöglichen wissenschaftlichen Erklärungen kann man nicht wirklich argumentieren, weil es sich um Spekulationen handelt. Tatsächlich hat die Wissenschaft noch nicht alle komplexen Phänomene durch Reduktion auf einfachere Dinge erklärt. Die "Reduktion auf Einfachheit" (oft als Reduktionismus bezeichnet) stößt sogar oft auf Probleme. Immer, wenn wir auf solche Probleme stoßen, so behaupten einige Kreationisten, ist ein "Intelligenter Designer" die bessere Erklärung. Allerdings scheitern die Argumente des ID bislang alle daran, dass es keinen Beweis, nicht einmal ein Indiz, dafür gibt, dass sich bestimmte komplexe Phänomene nicht auf einfachere zurückführen lassen, und dass wir daher eine übernatürliche Erklärung brauchen (abgesehen von den Problemen, die der Supernaturalismus selbst hat).

Die Anhänger des ID berufen sich dabei auf "fundamentale Komplexität", d. h. Komplexität, die sich nicht weiter in Einfachheiten zerlegen lässt. Die Existenz fundamentaler Komplexität ist bislang unbewiesen. Sie müsste bewiesen werden, um eine Basis für ID zu haben, aber aus prinzipiellen Gründen lässt sich dieser Beweis kaum führen, was eine fundamentale Schwäche des ID bedeutet. Inzwischen wird deswegen auch von "nicht reduzierbarer Komplexität" gesprochen siehe auch Allgemeine 'wissenschaftstheoretische' Argumentationsstrukturen der ID-Bewegung (→ http://www.waschke.de/twaschke/gedank/diskuss/id/struktur.htm), womit das Problem aber nicht gelöst ist.

Da man diese fundamentale Komplexität nicht nachweisen kann, muss man sie postulieren und damit argumentieren. Tatsächlich gibt es etwas, was, wenn es existiert, fundamental komplex sein muss - Gott. Gott hat sich per Definition nicht aus einfacheren Dingen entwickelt, Gott unterliegt keiner Evolution, Gott (hier wird natürlich wieder der christliche Gott unterstellt, darüber sollte man sich im Klaren sein) hat eine Persönlichkeit, er ist allwissend und allmächtig etc.

Sie erkennen vermutlich schon den Denkfehler - wenn man für eine "fundamentale Komplexität" einen "intelligenten Designer" braucht, um das erklären zu können, dann braucht man einen intelligenten Designer für Gott. Wenn fundamentale Komplexität (wie Gott) aber entstehen kann, ohne dass man einen Designer benötigt, dann ist die Existenz von fundamentaler Komplexität (falls man sie mal finden sollte) kein Indiz für das Vorhandensein eines Designers.

Das Argument:

Als "komplex" bezeichnen wir Phänomene, die aus vielen einzelnen Teilen bestehen, die untereinander verbunden sind, womit das Phänomen vielschichtig und vielfältig wird.

(P1) Sehr komplexe Phänomene, welche prinzipiell nicht auf einfachere Phänomene rückführbar sind, sind extrem unwahrscheinlich.
(P2) Gott ist (siehe Definition) (a) ein bewusstes Wesen und (b) fundamental in dem Sinne, dass Gott nicht entstanden ist und sich nicht entwickelt hat.
(P3) Bewusste Wesen sind sehr komplex.
(S1) Aus (P2a) und (P3) folgt: Gott ist sehr komplex.
(S2) Aus (S1) und (P1): Gott kann nicht auf einfachere Phänomene reduziert werden, weil nach (P2b) Gott fundamental komplex ist.
(S3) Aus (P1) und (S1) und (S2): Die Existenz Gottes ist sehr unwahrscheinlich.


Die Logik dieses Beweises scheint mir korrekt zu sein. Nun sehen wir, ob wir die Prämissen rechtfertigen können:

(P1) ist die Behauptung der Kreationisten, sie ist auch die Grundlage aller Wissenschaft, die sich mit der Reduktion komplexer Phänomene auf einfache Phänomene beschäftigt. Deswegen ist (P1) unbestritten. Wenn man argumentiert, dass (P1) falsch ist, dann wäre damit der Kreationismus widerlegt (und auch das Design-Argument).

(P2) entspricht einer Definition von Gott, der die meisten Theisten wohl zustimmen könnten. Wenn man annimmt, dass (P2b) falsch ist, dann könnte auch ein hinreichend weit entwickelter Außerirdischer Gott sein.

(P3) Diese Prämisse gilt für Menschen, und man könnte argumentieren, dass sie für übernatürliche Wesen wie Gott nicht gilt. Aber ob natürlich oder übernatürlich ist irrelevant, denn zur Bewusstheit gehören (mindestens) ein Gedächtnis, eine Methode, Gedächtnisinhalte wiederzufinden, eine Methode, diese zu verarbeiten, eine Methode, um Schlussfolgerungen zu ziehen und Tatsachen abzuwägen, Dinge wahrzunehmen, und dies alles ist miteinander verbunden. Gerade die Anzahl der (möglichen) Verbindungen ist ein Maß für Komplexität und diese muss sehr hoch sein, gemessen an der Allwissenheit Gottes und dem Umstand, dass er alles gleichzeitig beobachten können soll. Die Anzahl der Verbindungen müsste sogar unendlich hoch sein. Daher ist auch Gott ein unendliches oder zumindest sehr komplexes Wesen  [6].

(P2) ist wahr per Definition, und obwohl (P1) und P(3) nicht mit absoluter Sicherheit bewiesen werden können, so sind sie doch sehr wahrscheinlich. Das bedeutet, dass auch die Schlussfolgerung korrekt ist - die Existenz Gottes ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wenn man die Argumentation nicht für stichhaltig hält, kann man auch kein Kreationist sein, denn von dieser Basis aus argumentieren Kreationisten.

Es gibt übrigens noch einen interessanten psychologischen Aspekt bei diesem Gottesbeweis durch Design. Um zu zeigen, dass Gott hinter allem steckt und alles in der Natur nicht nur durch Zufall entstanden ist (wobei die Rolle des Zufalls meistens maßlos übertrieben wird) wird z. B. der Regenwald oder das menschliche Auge als Beispiel genommen. D. h. es werden Dinge genommen, die positive Beispiele sind. Aber eigentlich müsste man sofort fragen, ob dann nicht auch die Pest, Retroviren, Krebs, Kindersterblichkeit, Geisteskrankheiten, Erdbeben usw. usf. - auch alles sehr komplexe und teilweise nicht verstandene Phänomene - nicht ebenso designed sein müssen? Und das menschliche Auge ist nicht perfekt - es weist Designfehler auf (Biologen sprechen in dem Zusammenhang vom "allgegenwärtigen evolutionären Pfusch", siehe auch Riedl 2000). Ist Gott als Designer nicht auch der Pfuscher? Bei vielen dieser Dinge können sogar wir Menschen - Wesen ohne Allwissenheit und Allmacht - uns bessere Lösungen vorstellen.

Beim menschlichen Auge laufen z. B. die Nervenbahnen der Sehzellen an einer Stelle zusammen. Dort befinden sich keine Sehzellen - wir haben einen "blinden Fleck", der wiederum durch aufwändige Tricks kompensiert werden muss, aber unser Sehvermögen beeinträchtigt. Das Auge des Tintenfischs weist diesen Konstruktionsfehler nicht auf. Auch die Fassettenaugen der Insekten haben ihre Vorteile. War das ein und derselbe Designer, der mal eine geglückte und mal eine weniger geglückte Variante designed hat? Oder waren es gar verschiedene Designer, die alle ein wenig gepfuscht haben - und wie verträgt sich das mit der angeblichen Vollkommenheit Gottes? Und wer war der perfide und grausame Designer der Retroviren? Es erfordert eine sehr selektive Auswahl von Beispielen aus den Grausamkeiten und Schwachpunkten der Natur, wenn man einen "guten Designer" postulieren möchte. Vor allem, wenn dieser Designer permanent in den Ablauf eingegriffen hat: Je mehr Gott in die Naturabläufe eingegriffen hat, umso verantwortlicher ist er für Pest und Cholera und Erdbeben und Dürrekatastrophen und Virenepidemien und jedes Massaker in der Natur. Retroviren gab es schon, bevor es Menschen gab - menschliche Verfehlungen für deren Existenz verantwortlich zu machen wäre ein Hohn.

Konfusius, er zitiert: "Zu glauben, dass das, was wir einst glaubten, nicht das ist, was wir glauben sollten, ist der erste Schritt hin zum intellektuellen Wachstum." (Thomas L Thompson)

6. Das Theistische anthropische Prinzip I

Ein weiteres gerne verwendetes Argument für die Existenz Gottes wird als "Theistisches anthropisches Prinzip" (TAP im Folgenden genannt) bezeichnet. Das Prinzip lautet wie folgt  [7]:

(P1) Viele physikalische Konstanten haben die Hervorbringung von Leben überhaupt erst ermöglicht.
(P2) Wenn sie nur um eine Winzigkeit von den tatsächlichen Werten verschieden wären, so wäre niemals Leben entstanden.
(P3) Die spezifische Kombination von Werten ist extrem unwahrscheinlich.
(P4) Deswegen können die Konstanten nicht zufällig ihre Werte haben (folgt aus (P3).
(P5) Es muss also jemand diese Konstanten so fein eingestellt haben, dass Leben möglich wurde (Schlussfolgerung aus (P4)).

(S) Dieser jemand ist Gott.


Kurz gesagt, die Anfangsparameter unseres Universums wurden sehr fein eingestellt (fein getuned), sodass Leben entstehen konnte. Würde die Gravitationskonstante nur in der fünften Nachkommastelle von ihrem jetzigen Wert abweichen, so hätten sich keine Galaxien und keine Sterne bilden können, folglich auch kein Leben. Jemand muss dafür gesorgt haben, dass diese ganzen Parameter präzise den Wert hatten, der zu unserer Entstehung geführt hat - Gott.

Widerlegung:

(1) Die Annahmen (P1) und (P2) sind unbegründet. Wir kennen nur dieses eine Universum, aber das schließt nicht aus, dass auch bei einer völlig anderen Einstellung von Parametern Leben entstehen kann - tatsächlich hat man gerade eine kleine Krebsart entdeckt, die bei Temperaturen von über 100° Celsius existiert. Vorher hat man Leben in diesem Bereich für unmöglich gehalten. Und vielleicht sagt gerade in einem anderen Universum ein grüner Nebel zu einem violetten Nebel: "Wie unwahrscheinlich, dass dieses Universum genau so fein eingestellt ist, dass hier intelligente Nebel entstehen konnten".

(2) Die Annahme von (P3) ist aus folgenden Gründen falsch: Erstens können wir keine Annahmen über die Wahrscheinlichkeiten der Parametereinstellungen machen, weil wir zu wenig Informationen haben. Es wäre z. B. möglich, dass es keine andere Möglichkeit für Materie gibt, als genau diese Einstellungen zu haben. Oder die Parameter können nicht unendlich viele Werte annehmen, sondern nur einige wenige Werte, womit unser Universum eine recht hohe Wahrscheinlichkeit hätte. Wahrscheinlichkeiten verteilen sich meist nicht gleichmäßig, wenn man zwei Würfel wirft, ist eine Zwölf viel weniger wahrscheinlich als eine Sieben.

Ferner wäre es auch möglich, dass es unendlich viele verschiedene Universen gibt, jedes mit einem anderen Satz von Parametern. In den meisten Universen entstand kein intelligentes Leben, dort sitzt also niemand und wundert sich darüber, dass die Bedingungen zu schlecht sind, um intelligentes Leben hervorzubringen ... zwinkerndes  Smiley Und in den wenigen Universen mit günstigen Parametern entstand intelligentes Leben und wundert sich darüber.

Hinzu kommt: Auch wenn etwas astronomisch unwahrscheinlich ist, so bedeutet dies nicht, dass es nicht passieren kann. Also ist auch (P4) eine unbewiesene Behauptung.

Das kann man wie folgt begründen: Angenommen, wir haben eine riesig große Lotterie mit einer Milliarde Teilnehmern. Die Wahrscheinlichkeit, den Preis zu gewinnen, ist sehr gering, aber die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt jemand den Preis gewinnt, ist 100%. Die Verteidiger von TAP müssten sich hier auf den Standpunkt stellen, dass es eine Verschwörung ist, dass der Preis gewonnen wurde oder dass Gott dort eingegriffen haben muss ...

(3) Es ist eine Frage, ob es überhaupt möglich ist, an den Parametern herumzumanipulieren. (P5) ist also sogar recht unwahrscheinlich. Wenn man nicht zeigen kann, dass es möglich ist, die Parameter zu ändern, so macht die Annahme, dass es einen "Jemand" gibt, der es tun kann, keinen Sinn. Hier wird vorausgesetzt, was zu beweisen wäre.

(4) Die Annahme, dass unser Universum gemacht wurde, um Leben hervorzubringen, steckt in (P1). Das ist aber eine unbewiesene Annahme. Das Universum könnte einen anderen Zweck haben und als "Abfallprodukt" uns hervorgebracht haben. Flöhe beispielsweise würden auch glauben, dass der Hund nur für sie gemacht worden ist ...

(5) Gott als eine Hypothese zur Erklärung der Parametereinstellungen ist eine sehr schlechte Hypothese. Sie erklärt weder, wie die Parameter eingestellt wurden noch warum und erlaubt auch keine Vorhersagen. Es wird nicht erklärt, wie eine Schöpfung aus dem Nichts entstehen konnte. Gott wirft mehr Fragen als Antworten auf:

Theologen behaupten, dies sei eben ein "Geheimnis". Wir fingen mit einem Geheimnis an, das wir erklären wollten, und jetzt haben wir noch mehr Rätsel als vorher, und die angebliche Lösung widerspricht unserer Erfahrung, unserer Intuition, ist logisch inkonsistent, unverstehbar, unbegreifbar. Das bedeutet, wir haben mit Gott eine sehr schlechte Erklärung, die alle Geheimnisse vergrößert, statt eine Lösung anzubieten. Man kann das nicht eine Erklärung nennen, allenfalls eine Mystifikation.

Bessere Erklärungen für diesen Umstand sind: Alles ist ein großer Zufall, die Parameter lassen sich nicht anders einstellen oder bestimmte Einstellungen sind sehr viel wahrscheinlicher als andere, es gibt noch sehr viel mehr Universen oder das Universum existiert nur in unserer Einbildung. Jede dieser Hypothesen ist sehr viel besser als die Gott-Hypothese.

Wenn man etwas erklären möchte, sollte man die Anzahl der erklärungsbedürftigen Dinge vermindern und nicht sie vermehren, sonst ist die Erklärung selbst unsinnig.

Damit sind wir mit der Widerlegung aber noch nicht am Ende! Jetzt wird es allerdings richtig kompliziert. Denn wenn man diesen "Gottesbeweis" weiter durchdenkt und seine Folgerungen genau analysiert, dann kommt man auch hier wieder zum Schluss, dass es sich um ein Argument gegen die Existenz Gottes handelt, welches durch einen Denkfehler zu einem Argument für Gott gemacht wurde.

Konfusius, er zitiert: "Meinen Sie, wenn Ihnen Allmacht und Allwissenheit und dazu Jahrmillionen gegeben wären, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku-Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?" (Bertrand Russel)

7. Das Theistische anthropische Prinzip II

Damit sind wir mit unseren Argumenten aber noch nicht am Ende.

(6) Das TAP enthält einen Denkfehler in seinem Umgang mit Logik. Nehmen wir folgende Abkürzungen:

F = Das Universum ist fein eingestellt.
N = Das Universum entstand auf natürlichem Weg.


Dann ist die Behauptung: P (F|N) << 1 (das Zeichen '|' liest man als "gegeben")

P (F|N) ist die Wahrscheinlichkeit, dass F wahr ist, gegeben, dass N wahr ist. 1 bedeutet, dass es sicher ist, << 1 bedeutet, dass es sehr unwahrscheinlich ist, 0 bedeutet, es ist unmöglich. Also lautet die Aussage P (F|N) dass, wenn ein Universum entsteht, es sehr unwahrscheinlich ist, dass seine Parameter fein eingestellt sind. Aber die Anhänger des TAP behaupten, dass weil unser Universum fein eingestellt ist, ist es sehr unwahrscheinlich ist, dass es natürlich entstanden ist - und diese Behauptung folgt nicht logisch aus P (F|N), es lautet P (N|F) << 1 und meint etwas ganz anderes. Man kann N und F nicht einfach vertauschen, das ist ein sehr gängiger Fehler in Wahrscheinlichkeitsannahmen.

Zur Erläuterung:

F = Ich habe einen Royal Flush (die höchste Kartenkombination beim Pokern, sehr, sehr selten)
N = Ich werde diese Poker-Partie gewinnen.


P (N|F) = 1 - wenn ich einen Royal Flush habe, so werde ich mit Sicherheit die Poker-Partie gewinnen. Nun vertauschen wir N und F, so wie dies die Anhänger von TAP in ihren Annahmen auch machen:

P (F|N) << 1 - wenn ich die Partie auch gewinne, so ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich zwingend einen Royal Flush habe. Wie man sieht, kann man bei Wahrscheinlichkeiten nicht die Argumente austauschen, weil sich dann die Aussage komplett ändert.

Es mag also unwahrscheinlich sein, dass ein natürlich entstandenes Universum fein eingestellt ist, aber daraus folgt nicht, dass ein fein eingestelltes Universum nicht natürlich entstanden sein kann bzw. dass dies sehr unwahrscheinlich ist. Das ist ein Denkfehler.

(7) Es gibt noch eine Tautologie in den Wahrscheinlichkeitsannahmen, die nicht leicht zu entdecken ist. Das wird jetzt leider eine harte Nuss (es wird niemand von Ihnen verlangen, das Folgende zu verstehen - gehen Sie einfach zur Interpretation, wenn Sie die Details uninteressant finden). Das TAP benutzt nicht alle Informationen, die wir haben - es dreht sich nur um die Frage, ob man aus der Feineinstellung auf eine übernatürliche Ursache schließen kann. Wir müssen aber noch berücksichtigen, dass es außerdem Leben in unserem Universum gibt, welches sich aus der Feineinstellung entwickelt hat. Wir kennen dieses bekannte Muster von anderen theologischen Argumenten - um das Argument einfacher und überzeugender zu machen, werden wichtige Informationen unter den Tisch fallen gelassen, womit das Argument zwar verstehbar wird, aber zugleich falsch (Beispiel: Die Pascalsche Wette. Demgegenüber hat man, wenn man wie ich gründlich vorgeht, immer den "natürlichen" Nachteil, dass die Argumente schwerer zu verstehen sind und damit auch weniger überzeugend - man muss ein Argument erst verstanden haben, um es überzeugend finden zu können.

Wir haben gesehen, dass aus der sehr geringen Wahrscheinlichkeit, dass ein existierendes Universum fein eingestellt ist, nicht folgt, dass es nicht natürlich entstanden ist - Argument (6). Es gelten:

N = Das Universum ist natürlich entstanden.

Dann ist die Frage, wie groß ist P (N) (= die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum natürlich entstanden ist) im Vergleich zu P (~N) (= die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum nicht natürlich entstanden ist, "~" bedeutet "nicht"). Das Universum muss entweder auf natürlichem Weg entstanden sein, oder es muss geschaffen worden sein. Daher gilt:

P (N) + P (~N) = 1 (a)

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein natürliches Universum fein eingestellt wurde, sei

P (F|N) * P (N)  [8].

Die Wahrscheinlichkeit, dass es fein eingestellt ist und auf übernatürlichem Wege entstanden ist:

P (F|~N) * P (~N)

Die folgenden beiden Formeln (b) und (c) gehören ebenfalls zu Bayes Theorem , sie sind beispielsweise hier zu finden: Bayes' Theorem: Conditional Probabilities (→ http://faculty.vassar.edu/lowry/bayes.html).

P (N|F) = P (F|N) * P (N) / P (F) (b)

Jetzt fehlt uns noch P (F):

P (F) = P (F|N) * P (N) + P (F|~N) * P (~N) (c)

Wenn wir (c) in (b) einsetzen, ergibt das:

P (N|F) = P (F|N) * P (N) / ( P (F|N) * P (N) + P (F|~N) * P (~N) )

Diese Formel müssen wir nun interpretieren.

Die Anhänger von TAP behaupten, dass P (N|F) sehr klein ist, weil P (F|N) klein ist. Diesen Denkfehler hatte ich in (6) bereits entlarvt. Dass ein natürlich entstandenes Universum fein eingestellt ist, mag unwahrscheinlich sein, aber dass ein fein eingestelltes Universum nicht natürlich sein kann, folgt daraus überhaupt nicht. Wir sehen in dieser Formel den Grund dafür: Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum natürlichen Ursprungs ist (P (N)), hoch ist, und P (~N) dementsprechend klein (oder P (F|~N) ist klein), dann ist die Wahrscheinlichkeit eines natürlichen fein eingestellten Universums ebenfalls hoch. Wenn also natürliche Universen wahrscheinlicher sind als übernatürliche geschaffene Universen, oder wenn übernatürlich geschaffene Universen nicht fein eingestellt sind, dann versagt TAP komplett.

Wenn man nun argumentiert, P (~N) sei wahrscheinlicher als P (N), dann sagt man nichts weiter, als dass unser Universum übernatürlichen Ursprungs ist, wenn es übernatürlichen Ursprungs ist! Das ist die verborgene Tautologie.

Eine weitere versteckte Annahme wird jetzt ebenfalls offenbar: Die Annahme, dass wenn ein Gott ein Universum schafft, dieses notwendig fein eingestellt sein wird. P (F|~N) ist dann sehr groß. Es gibt aber kein Argument, um diese Annahme zu stützen, im Gegenteil, warum sollte Gott das tun? Es ist nicht notwendig, weil Gott jederzeit eingreifen kann! Ansonsten sagt man, dass es unwahrscheinlich ist, dass Gott in das Universum eingreift, gleichgültig, ob P (F|~N) hoch ist oder P (N|F). Das macht Beten überflüssig und die Entsendung von Jesus unwahrscheinlich ... und spräche eher für den deistischen Gott. Ein Gott, der nicht eingreift, ist allerdings für uns genauso gut wie kein Gott.

Interpretation (ohne Formeln!):

Man kann das Ergebnis in Worten so interpretieren: Angenommen, unser Universum sei nicht fein eingestellt. Dann könnte kein Leben entstehen. Es existiert aber Leben in unserem Universum - obwohl das eigentlich nicht möglich wäre. In diesem Fall müsste man annehmen, dass es einen übernatürlichen Einfluss auf diese Welt gibt.

Nun ist aber unser Universum fein eingestellt - daraus folgt nicht, dass es nicht auch natürlich sein kann, im Gegenteil. Gerade die Feineinstellung deutet auf einen natürlichen Ursprung hin, denn sie wäre, wenn es Gott gäbe, nicht nötig - Gott kann ja jederzeit eingreifen. Aber in einem fein eingestellten Universum braucht Gott nicht einzugreifen. Mit anderen Worten, unser Universum hat genau die Einstellung und die Struktur, die es braucht, um ohne jeden Gott auszukommen. Entweder, weil Gott nicht eingreift (und nicht eingreifen will) oder weil er nicht existiert - beide Fälle kann man durch das Argument selbst nicht unterscheiden. Die Struktur unseres Universums ergibt kein Unterscheidungskriterium für die Frage, ob Gott existiert oder nicht, macht dies aber die Existenz unwahrscheinlich.

Noch anders ausgedrückt: Man sieht es dem Universum nicht unbedingt an, ob es einen, keinen oder beliebige viele Götter gibt (die Wahrscheinlichkeit deutet eher in die Richtung, dass es keinen gibt, jedenfalls keinen, der eingreift). Das kosmologische Argument baut aber genau auf dieser Vorstellung auf - es interpretiert zwar diese Spuren eines Gottes in den Kosmos hinein, aber diese Interpretation hält einer genauen Untersuchung nicht stand. Man kann sogar sagen, dass man bestimmte Spuren nur dann als Gottes Spuren ansieht, wenn man sowieso schon an Gott glaubt. Alle kosmischen Gottesbeweise sind Tautologien: Wenn man von Gottes Existenz ausgeht, sieht man Spuren von Gott. Oder, wenn einem von klein an erzählt wird, es seien Elfen für den Regen verantwortlich, so wird man in jedem Regen den Beweis für die Existenz von Elfen sehen.

Damit ist das Theistische Anthropische Prinzip gescheitert. Es beweist nicht, dass unser Universum übernatürlich geschaffen wurde, es macht dies sogar noch eher unwahrscheinlich! Auch hier müssten wieder sämtliche sieben Argumente entkräftet werden - und selbst dann wüsste man nur, dass es eine außerhalb unseres Universums liegende Kraft war, die dieses Universum schuf (die üblichen Einwände aus der Vorbemerkung wären gültig).

Theisten sollten dieses Argument (TAP) nicht mehr verwenden. Es spricht gegen ihre Ansichten, nicht dafür.

Konfusius, er zitiert: "Sie wissen, dass wir Vernunft und Wissenschaft repräsentieren, und gleichgültig wie zuversichtlich sie in ihrem Glauben auch sein mögen, sie fürchten, dass wir ihre Götter niederwerfen. Nicht durch einen vorsätzlichen Akt, aber auf eine subtile Art. Wissenschaft kann Religion durch Ignorieren oder auch durch die Widerlegung ihrer Lehren zerstören. Soweit ich weiß, hat niemand bislang die Nichtexistenz von Zeus oder Thor bewiesen, aber es gibt nur noch wenige Anhänger davon." (Arthur C. Clarke)

8. Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?

Von Nichts kommt nichts ...

Es wird von einigen Gläubigen immer gerne behauptet, dass von Nichts auch nichts kommen kann. Das sieht dann so aus:

Von Nichts kommt nichts, das Universum kann also nicht aus dem Nichts entstanden sein. Jemand muss es geschaffen haben - Gott.

Was ist von dieser Behauptung zu halten?

Das ist, wenn man das logische und naturgesetzliche Rahmenwerk dieses Universums nimmt, wohl tatsächlich der Fall. Setzt man die Logik und die bekannten Naturgesetze voraus, dann gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass im Universum aus Nichts etwas entstehen kann. Das ist eine korrekte logische Schlussfolgerung.

Sagen wir also Folgendes:

(P1) Wenn die Naturgesetze und damit die Logik gelten, kann unmöglich etwas aus dem Nichts entstehen (empirische Beobachtung).
(P2) Die Naturgesetze und die Logik gelten in unserem Universum (empirisch gestützte Annahme).

(S1) Folglich kann nicht Etwas aus dem Nichts entstehen  [9].

Selbstverständlich ist (S1) nur unter bestimmten Umständen eine gültige Schlussfolgerung: Erstens, die Logik muss gültig sein - gilt die Logik nicht, so kann man (S1) selbst dann nicht behaupten, wenn (P1) und (P2) korrekte Annahmen sind. Zweitens müssen beide Prämissen wahr sein, ist nur eine von ihnen falsch, dann ist (S1) nicht gerechtfertigt und es kann etwas ganz anderes der Fall sein.

Wenn aber weder Logik noch Naturgesetze gelten - diese sind vermutlich überhaupt erst mit dem Universum entstanden - dann sind nicht nur die Prämissen (P1) und (P2) falsch, sondern auch (S1) ist ungültig. Man muss sich immer über die Voraussetzungen im Klaren sein, wenn man gültige Schlussfolgerungen ziehen will.

Nun nehmen wir eine weitere logische Schlussfolgerung:

(S1) Es kann nicht etwas aus dem Nichts entstehen (aus (P1) und (P2), s. o.).
(P3) Die Welt existiert (Ontologisches Axiom).
(S2) Folglich muss etwas die Welt geschaffen haben - Gott.

Nun nochmal: (S2) ist gültig unter der Voraussetzung, dass Naturgesetze und Logik gelten, weil nur dann (S1) gültig ist. Gelten weder Naturgesetze noch Logik, dann ist (S1) nicht gerechtfertigt, damit ist (S2) ein ungültiger Schluss.

Wenn man nun behauptet, dass die Naturgesetze und die Logik nur innerhalb des Universums gelten - also Gott weder den Naturgesetzen noch der Logik unterliegt (letzteres wird aus verschiedenen Gründen nicht von allen Theologen unterstützt), dann ist die Schlussfolgerung (S1) falsch. Die Grundlagen sind nicht gegeben, um (S1) für gültig zu erachten! Ohne die Voraussetzungen kann man nicht behaupten, (S1) sei wahr!

Wenn aber ohne ein existierendes Universum die Voraussetzungen nicht gegeben sind, dann ist (S2) eine falsche Schlussfolgerung. Vor allem gelten die Naturgesetze nicht für Gott, wie die Theologen (mehrheitlich) behaupten.

Nimmt man nun an, dass kein Gott existiert, dann widersprechen sich (S1) und (P3), und aus sich widersprechenden Prämissen kann man keine logische Schlussfolgerung ziehen. Folglich muss eine der beiden Prämissen - (S1) oder (P3) - falsch sein. Nun kann man (P3) schlecht anzweifeln, wenn man an den christlichen Gott glaubt und auch kaum, wenn man nicht an ihn glaubt. Folglich ist (S1) falsch.

(S1) ist auch deswegen falsch, weil wenn noch kein Universum existiert, es weder Naturgesetze gibt noch die Logik gilt. Daher kann man den Schluss ziehen, dass es ohne ein existierendes Universum möglich ist, dass etwas aus dem Nichts entsteht! Außerdem, wenn man (S1) korrekt aufschreibt, dann lautet (S1):

(S1) Folglich kann nichts aus dem Nichts entstehen - in diesem Universum.

Damit würde der Beweis so aussehen:

(S1) Es kann nicht etwas aus dem Nichts entstehen - in diesem Universum.(aus (P1) und (P2), s. o.).
(P3) Die Welt existiert (Ontologisches Axiom).
(S2) Folglich muss etwas die Welt geschaffen haben - Gott.

Damit klingt dieser Beweis - nach korrekter Formulierung - schon sehr viel weniger überzeugend ...

Nimmt man nun an, dass Gott existiert, dann ist (S2) nur genau dann gültig, wenn man voraussetzt, dass auch für Gott die Naturgesetze und die Logik gelten. Da aber genau das von den Theisten bestritten wird (mindestens, was die Naturgesetze angeht), ist (S2) eine ungültige Schlussfolgerung.

Es ist also völlig gleichgültig, ob man an Gott glaubt oder nicht - (S2) ist in jedem Fall ungültig. Der Schluss ist unausweichlich.

Man kann das analog für den Beweis der ersten Ursache, für Kontingenz und und und machen und kommt immer zu demselben Schluss - ohne die Gültigkeit der Logik und der Naturgesetze für Gott ist ein Schluss auf Gott immer ungültig. Das ist der Denkfehler des gestohlenen Konzepts. Man setzt zunächst die Gültigkeit der Logik voraus, um auf Gott zu schließen. Sobald man dazu gekommen ist, bestreitet man die Gültigkeit der Logik für Gott, was bedeutet, man hätte zunächst nicht auf Gott schließen dürfen. Man benutzt das Konzept der Logik, um auf Gott zu schließen, sobald man dort angelangt ist, zieht man sich selbst den Boden unter den Füßen wieder weg. Damit ist aber jede gemachte Schlussfolgerung ungültig, also auch die, die einen angeblich auf die Spur des "allein wahren Gottes" geführt hat.

Aus diesem Grund ist die Behauptung, man könne mit seinem Verstand und der Vernunft auf Gott schließen, schlicht falsch. Außerdem ist die Behauptung, das Universum könne nicht aus dem Nichts entstanden sein, ebenso falsch. Es gibt keine Möglichkeit, diese Behauptung zu beweisen.

Auch die Empirie gilt dann und nur dann, wenn die Naturgesetze gültig sind  [10]. Also:

(P1) Wenn die Naturgesetze und damit die Logik gelten, kann unmöglich etwas aus dem Nichts entstehen (empirische Beobachtung).

(P1) ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Naturgesetze gelten. (P1) ist aber sehr zweifelhaft, wenn diese nicht gelten.

Weitere Schlussfolgerungen



(P4) Nur wenn Logik und Naturgesetze auch für Gott gelten, können wir mit unserem Verstand auf Gott schließen (Logisches Axiom).
(P5) Die Naturgesetze und die Logik gelten nicht für Gott (theistische Behauptung).
(S3) Folglich können wir mit unserem Verstand nicht auf Gott schließen.

Das ist das theistische logische Dilemma. Nimmt man an, dass Gott der Logik unterliegt, kann man nicht auf Gott schließen, mehr noch, Gültigkeit der Logik vorausgesetzt, kann man eventuell darauf schließen, dass der christliche Gott unmöglich existieren kann. Nimmt man an, dass Gott nicht der Logik unterliegt, kann man nicht auf Gott schließen, weil die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind.

Ich denke, wenn man behauptet, dass man von der Welt aus auf Gott schließen kann, dann ist den meisten nicht bewusst, dass sie damit die Gültigkeit der Logik für Gott voraussetzen. Das liegt daran, dass sich Gläubige so wenig für Logik interessieren und daher die Fehler nicht kennen, die sie machen.

Und selbst wenn man das alles ignoriert und (S2) für gültig erklärt - trotz aller Probleme - dann ist der Schluss, dass es sich um Gott handeln muss, immer noch nicht gerechtfertigt, weil man nur bewiesen hat, dass "etwas" das Universum geschaffen hat. Das können mehrere Götter sein, hochstehende Lebewesen, die keine Götter sind, eine unpersönliche, übernatürliche Kraft, ein einzelner Gott, der aber weder allmächtig, allwissend noch sonst etwas sein muss, ein Gott, dessen einzige Fähigkeit darin besteht, das Universum zu schaffen können, das Universum könnte ein Überbleibsel eines Gottes sein, der sich selbst vernichtet hat usw. usf.

Außerdem, wenn man behauptet, es könne nicht Etwas aus Nichts entstehen, dann ist dies gleichbedeutend mit der Behauptung:

(P6) Es existiert kein Grund, aus dem Etwas existiert.

Allerdings behaupten die Theisten, dass Gott ohne Grund existiert. Sie widersprechen sich also damit selbst, wenn sie behaupten, Gott könne ohne Grund existieren, das Universum aber nicht (beides, Gott und Universum, könnten auch ewig existieren - man kann also die Existenz des Universums auch ohne Gott erklären, wenn man die Hypothese, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, für zu gewagt hält).

Diese Überlegungen zeigen, dass die Existenz eines Universums, welches nicht geschaffen wurde, nicht logisch widersprüchlich ist, wie oft behauptet wird.

Ich hatte bereits geschrieben, dass bestimmte Dinge das Vergehen von Zeit voraussetzen. Eine Handlung setzt mindestens voraus, dass es ein "nachher" gibt und zwei Zustände, die sich voneinander unterscheiden. Kausalität setzt aber mehr voraus: Sie setzt voraus, dass es ein "vorher" gibt und ein "hinterher". Wenn es ohne ein Universum keine Zeit gibt, dann gibt es kein "vorher" (auch wenn wir uns das nicht vorstellen können - wir sind eben an eine Raum-Zeit gebunden). Da es ohne Universum kein "vorher" gab, kann Gott das Universum nicht verursacht haben. Es ist daher unsinnig zu behaupten, dass Gott das Universum in irgendeiner Form "verursacht" oder geschaffen haben sollte. Gott hatte keine Zeit, um das Universum zu schaffen. Da Zeit eine Zustandsänderung bedeutet gab es ohne Raum und Zeit auch keine Zustände, die hätten verändert werden können. Erst mit der Entstehung des Universums entstand ein "nachher" und dann Kausalität.

Man kann daraus schließen, dass das Universum unverursacht entstanden ist.

Von Gott wird (von christlichen Theologen) angenommen, dass er "außerhalb" von Raum und Zeit existiert - aber das ist eine unsinnige Annahme. Wie soll Gott agieren können, wenn er keine Zeit hat, um eine Aktion durchzuführen? Wie soll er im Universum agieren können, wenn er nicht zeitlich wird? Aber agieren kann er erst, wenn es ein Universum bereits gibt.

Übrigens bedeutet dies auch, dass beliebig viele Universen existieren können, die alle unverursacht entstanden sind. Vielleicht gibt es in der Mehrheit dieser Universen kein Leben, dass sich darüber wundern kann, dass die Umstände so ungünstig sind, dass es kein Leben gibt. In einigen Universen aber gibt es Leben, welches sich dann darüber wundert, wieso die Umstände so günstig sind, dass Leben entstehen konnte.

9. Die Eigenschaften Gottes I

Bevor ich die Eigenschaften Gottes analysiere, noch folgende Vorbemerkung zum Glauben: Vor allem zum letzten Punkt sei gesagt, dass wohl jeder Lernende den falschen Aha-Effekt kennt, d. h. den Eindruck, man habe etwas verstanden. Sobald man dann versucht, es umzusetzen (oder anders zu erklären), stellt man fest, dass dies nicht der Fall war. Wenn man also denkt, man wüsste etwas über Gott, dann ist es wahrscheinlich, dass man nur glaubt, man wüsste etwas über Gott. Im Folgenden werde ich das noch genauer begründen.

Eine Methode, um die Nichtexistenz von etwas beweisen zu können, besteht darin, logische Widersprüche in den Eigenschaften zu finden. So kann ein quadratischer Kreis nicht existieren - ein Kreis kann nicht rund und quadratisch zugleich sein. Man kann diese Widersprüche mit der Logik aufspüren, ihre Existenz ist allerdings von der Logik selbst unabhängig. D. h. gleichgültig, ob ich formale Logik, dialektische Logik, Fuzzy Logic (unscharfe Logik) oder eine parakonsistente Logik verwende, ein quadratischer Kreis bleibt eine Unmöglichkeit.

Wenn man die Anwendung von Logik auf Gott bestreitet, bestreitet man damit zugleich auch die Beweisbarkeit, Erkennbarkeit, Verstehbarkeit und Erforschbarkeit von Gott. Hier versuchen Theologen wiederum, miteinander nicht zu vereinbarende Dinge gleichzeitig zu haben - z. B. einen Gottesbeweis sowie die Nichtanwendbarkeit von Logik auf Gott. Andererseits, obwohl angeblich keine Logik Gott treffen kann, will man genau über Gottes Willen Bescheid wissen. Auch das kann man nicht beides zusammen haben, es ist bloß ein Trick, um beliebige Schlussfolgerungen zu ziehen. Siehe dazu auch den Abschnitt Ist Gott der Logik zugänglich?.

Wenn also Theologen Gott Eigenschaften zuschreiben, dann sind diese auch logisch erforschbar und verwertbar. Sind sie es nicht, dann landen wir bei einem taoistischen Gottesbild, bei einem Gott, über den man keine Aussagen treffen kann. Wenn man keine Aussagen über Gott machen kann, dann ist das Christentum als Religion widerlegt, weil es sehr viele Annahmen über göttliche Eigenschaften macht. Aus genau diesen Annahmen folgt: Man kann auch logische Schlussfolgerungen ziehen. Die Abwehr von Schlussfolgerungen, die einem nicht in den Kram passen, ist bloß ein ideologischer Trick - eine Immunisierung gegen Kritik. Logik ist ein unbestechliches Werkzeug, es kommt nicht immer das dabei heraus, was man gerne haben möchte. Dies verführt die Menschen dazu, die Logik zu akzeptieren, wenn herauskommt, was sie gerne möchten und sie zu verwerfen, wenn das nicht der Fall ist. So missbrauchte Logik nennt man "Wunschdenken" oder "Bedarfslogik".

Göttliche Offenbarung hilft einem aus diesem Dilemma nicht hinweg. Auch wenn Jesus gelebt hat, Gottes Sohn war und wesentliche Eigenschaften Gottes offenbart hat - wenn es sich um widersprüchliche Eigenschaften handelt, dann kann man daraus beliebige (auch entgegengesetzte) Schlussfolgerungen ziehen.

Die wesentlichen angenommenen Eigenschaften hatte ich bereits erwähnt in: Wer ist eigentlich Gott?. Im weiteren beschreibe ich die Widersprüche in diesen Eigenschaften. Entweder, ein so widersprüchlicher Gott existiert nicht oder er ist für uns vollständig unverstehbar und unerkennbar. Vollständig heißt: Es lassen sich über diesen Gott keine zutreffenden Aussagen machen.

Wir begeben uns hier auf den Boden der sog. atheologischen Argumente. Die Gottesbeweise sind gescheitert, nun sehen wir, ob wir das Gegenteil beweisen können: die Nichtexistenz Gottes. Wenn eine Behauptung falsch ist, dann sollten wir folgendes erwarten:
  1. Es wird keine Beweise oder Argumente dafür geben, die nicht auf einem Fehler beruhen, die nicht logisch inkonsistent sind.
  2. Es wird keine unabhängigen Beobachtungen geben, die dafür sprechen.
  3. Es wird Beweise oder Argumente geben, die dagegen sprechen.
Diese Situation haben wir nun - alle Argumente für Gott  [11] sind widerlegt, es gibt keine unabhängigen Beobachtungen, die dafür sprechen  [12], und es gibt Argumente, die dagegen sprechen. Man muss sich fragen, was man noch mehr braucht, um etwas für falsch zu befinden?

Beschäftigen wir uns nun also mit den Argumenten, die gegen die Existenz des christlichen Gottes sprechen. Zwei wichtige Argumente habe ich bereits aufgeführt, das Theodizeeproblem und das Argument des Unglaubens.

Schöpfer der Welt: Nehmen wir folgenden logischen Beweis:
  1. (P1) Alles, was existiert, hat eine Ursache oder einen Ursprung.
  2. (P2) Das Universum existiert.
  3. (S1) Das Universum hat eine Ursache oder einen Ursprung
  4. (S2) Diese Kette aus Ursachen und Ursprüngen kann keinen Anfang gehabt haben, weil nichts ohne Ursache oder Ursprung existiert.
Daraus folgt, dass das Universum ewig existieren muss, ohne erste Ursache und ohne einen ersten Ursprung. Auch der Urknall wäre demnach nur ein Glied in dieser Kette. Wenn das Universum aber ewig existiert, ohne Anfang (und nach dem, was wir wissen, auch ohne ein Ende), dann kann es folglich keinen Schöpfer gehabt haben.

Die Annahme, es gäbe keinen unendlichen Regress von Ursachen und Ursprüngen, ist unbegründet. Es ist sehr wohl möglich, dass alles unendlich lange existiert, oder dass es sich um einen geschlossenen Kreis handelt. Gott anzunehmen hilft hier nichts, denn dieser Gott müsste ebenfalls ewig existieren, d. h. (S2) müsste auf ihn genauso zutreffen. Wenn (P1) falsch ist, dann kann auch das Universum einen Ursprung gehabt haben.

Folglich gibt es keinen Schöpfer dieser Welt.

Wenn (P2) falsch ist, dann kann man aus dieser Position allenfalls einen Agnostizismus begründen (wie im Buddhismus) - wenn das Universum eine Konstruktion unseres Geistes ist, dann ist es auch Gott.

Man kann allerdings auch (P1) bestreiten - das Universum muss keine Ursache gehabt haben, siehe auch Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?. Nun ist das intuitiv nicht unbedingt einleuchtend, weil wir zu einem Denkfehler neigen. Dieser besteht darin, dass wir von den Eigenschaften der Mitglieder einer Menge auf die Eigenschaft der Menge selbst schließen. Dazu ein Beispiel:

Kein Kaninchen kann 100 Jahre leben. Kann man daraus schließen, dass die Gesamtmenge der Kaninchen keine 100 Jahre existieren kann? Der Schluss ist nun ganz sicher falsch, Kaninchen gab es auch schon vor mehr als 100 Jahren. Ein analoger Fehlschluss besteht darin, dass wir folgenden Schluss ziehen: Alles im Universum hat eine Ursache, also muss auch das Universum als Ganzes eine Ursache haben. Dieser Schluss ist ebenso wenig gerechtfertigt wie der, dass, weil alle Kaninchen keine 100 Jahre leben können, die Gesamtmenge aller Kaninchen keine 100 Jahre existieren kann!

Übrigens, wenn man annimmt, dass alles eine Ursache hat, dann steht das im Widerspruch dazu, dass wir einen freien Willen haben, der unverursacht sein muss, sondern dies spricht für einen strikten Determinismus. Außerdem widerspricht die Annahme, dass alles eine Ursache haben muss den Ergebnissen der Quantenphysik, aber dagegen könnte man anführen, dass uns die Ursachen nur nicht bekannt sind. Ferner, wenn man annimmt, dass alle Ursachenketten, die wir kennen, zu einer einzigen Ursache zurückführen (Gott), dann ist Gott auch für alles Übel, alles Leid und alles Böse letztlich voll verantwortlich, er war dann die letztliche Ursache für den Holocaust und andere Gräuel.

Personales Wesen:

Es macht überhaupt keinen Sinn, von der Personalität eines reinen Geistes auszugehen. Dies ist mit unserer Erfahrung überhaupt nicht vereinbar (und warum sollte man an etwas glauben, was unsere Erfahrung so weit überschreitet, wenn wir dafür keine wirklich guten Beweise haben?). Wie sollte man etwas schaffen oder auch nur bewegen können, wenn man keinen Körper hat?

Zum Denken gehört auch ein Gehirn, Denken ohne Gehirn ist wie ein Handwerk ohne Hände.

Und wenn Gott eine Ewigkeit ohne ein Gegenüber existierte, wie sollte er da eine Persönlichkeit ausbilden? Unsere Persönlichkeit bildet sich erst durch den Kontakt mit anderen Menschen. Hatte Gott, bevor Menschen existierten, keine Persönlichkeit? Und wenn doch, wodurch sollte sich diese gebildet haben? Es nützt nichts, wenn man annimmt, dass Gott jenseits unserer Vorstellungskraft ist, denn dann hat man den Begriff "Persönlichkeit" aus unserer Vorstellung auf ein Gebiet übertragen, wo dieser Begriff nichts zu suchen hat.

Denn wenn Gott schon vor dem Universum und vor allen anderen Wesen existierte, war er alles, was es gab. Zur Herausbildung einer Persönlichkeit braucht man eine Umgebung, mit der man interagieren kann. Man muss sich als frei und als beschränkt selbst erleben. Da Gott keine Grenzen kennt, konnte er in Folge dessen auch keine Persönlichkeit herausbilden. Wenn man behauptet, Gott habe "schon immer" eine Persönlichkeit gehabt, so muss man sich fragen, woher diese denn kommen sollte, so quasi aus dem Nichts, ohne Wissen Gottes? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Intelligenz, Persönlichkeit etc. "einfach so" entstehen. Es in die Ewigkeit zurückzuverlagern löst das Rätsel der Entstehung nicht, sondern verschiebt es nur. Das gilt auch für die Entstehung des Universums. Allerdings ist die Entstehung eines Universums ohne Intelligenz und ohne Persönlichkeit viel wahrscheinlicher als die ewige Existenz eines persönlichen und intelligenten Gottes. Denn im Universum bildet sich die Intelligenz etc. erst im Laufe der Zeit heraus, aus einfachen Elementen. Man mag die Entstehung von Intelligenz aus einfachen Prozessen heraus für unwahrscheinlich halten, aber die Existenz von Intelligenz "einfach so" ist noch sehr, sehr viel unwahrscheinlicher. Siehe auch Komplexität und Gott.

Außerdem ist die Annahme einer "Persönlichkeit" bei Gott eine Anthropomorphisierung (= Vermenschlichung). Wenn man aber annimmt, dass Gott eine "unpersönliche Kraft" ist, macht das ganze Christentum wiederum keinen Sinn, vor allem, weil das Problem der Persönlichkeit durch die Trinität noch