Psychologie, Religion & Glauben

Inhaltsverzeichnis
  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Die Ziele dieser Website
  3. Toleranz im Christentum
  4. Der Islam: ein nicht aufgeklärter Fundamentalismus
  5. Das Problem der Begründung des Glaubens
  6. Kann man mit Logik alles begründen?
  7. Was heißt hier kritisch?
  8. Warum uns Gott nicht hilft
  9. Wie man Ideen und Vorstellungen auf andere Menschen überträgt
  10. Wo bleibt das Gefühl?
  11. Glaube und Indoktrination: zwei Seiten einer Medaille
  12. Der "Abstieg" von der Sicherheit des Glaubens zur Unsicherheit des Wissens
  13. Kritik und Selbstkritik
  14. Intoleranz und Stagnation
  15. Denkfallen - was tun im Falle einer Falle?
  16. Denkfallen - die Pascalsche Wette
  17. Nur Atheisten kommen in den Himmel
  18. Subjektivismus als Ausweg?
  19. Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume
  20. Naturalismus versus Supernaturalismus
  21. Naturalismus versus Supernaturalismus II
  22. Können Theologen die Welt erklären?
  23. Wunder und Supernaturalismus I
  24. Wunder und Supernaturalismus II
  25. Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit
  26. Das Theodizeeproblem
  27. Die Rechtfertigung Gottes
  28. Ein grundlegendes Glaubensproblem
  29. Der unbekannte Gott
  30. Kommunikationsstörung mit Gott
  31. Jenseits der Grenzen
  32. Schlussbemerkung zum Teil I

Vorbemerkung

Über allem steht für mich ein Zitat des Philosophen Bertrand Russel:
'Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut; sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden.'

NEU! NEU! NEU! Neues Forum!: Mein eigenes Forum war bislang schlecht besucht, aus einem guten Grund - es ist Schrott. Aber dankenswerterweise habe ich nun ein neues Forum, in dem ich gerne alle Fragen mit Ihnen diskutiere: Atheisten.org (→ http://www.atheisten.org/phpBB2/portal.php). Sie können sich dort kostenlos anmelden. Interessante Fragen aus dem alten Forum (und aus einigen Mails) werde ich nach und nach dorthin transferieren.

NEU! Schluss mit Lustig: Auf der neuen Website www.hahne-buechen.de (→ http://www.hahne-buechen.de/) finden Sie eine Kritik an Peter Hahnes Buch "Schluss mit Lustig" - ein Beitrag zur Wertediskussion.

NEU! Glaubenszweifel - die Website für den Zweifel: Unter http://www.glaubenszweifel.de (→ http://www.glaubenszweifel.de) finden Sie eine neue Website, die sich mit Zweifel am Glauben und Unglauben beschäftigt.

NEU! Eine Herausforderung für atheistische Ansichten Von einer amerikanischen Website (Questions and challenges for atheists (→ http://www.challenging-atheism.com/challenges.html)) habe ich ein paar Fragen, die von Theisten an Atheisten gestellt werden. Hier sind meine Antworten: Fragen an Atheisten.

Weitere neuere Artikel: Neuigkeiten

Umfrage zu Gott: Ich habe eine kleine Umfrage zur Existenz des christlichen Gottes gemacht, es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie daran teilnehmen. Ich möchte gerne wissen, wie meine Besucher darüber denken. Selbstverständlich ist die Umfrage vollständig anonym.

Umfrage zur Existenz Gottes

Vielen Dank für Ihre Teilnahme! Natürlich können Sie sich die Umfrageergebnisse auch ansehen, ohne daran teilzunehmen.

Umfrage zur Website: Und weil ich gerade dabei bin, hier noch eine Umfrage zur inhaltlichen Qualität dieser Website:

Umfrage zur Website


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Diskussionsbedarf: Wer gerne ausgiebig mit mir öffentlich diskutieren möchte, der findet mich auf Atheisten.org (→ http://atheisten.org/phpBB2/viewforum.php?f=16) unter dem Namen Volker.

Mykath.de: Außerdem finden Sie mich auch auf mykath.de (→ http://www.mykath.de/) unter dem Namen Volker.

Ferner diskutiere ich auch im Freigeisterhaus (→ http://freigeisterhaus.de/) des IBKA (→ http://www.ibka.org/) (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) öfters mit, ebenfalls unter dem Namen Volker.

 Diskussions-Forum:   Neuen Beitrag schreiben - Vorhandene Beiträge ansehen
Dieses alte Forum bitte nicht mehr benutzen, es wird demnächst abgeschaltet!

Das alte Forum war technisch so schlecht, dass viele Leser es mit Recht kritisiert haben, daher bin ich in ein technisch besseres Forum umgezogen (Atheisten.org (→ http://atheisten.org/phpBB2/viewforum.php?f=16)). Sie müssen sich dort anmelden, aber das alles ist kostenlos! Vielen Dank, Andy! Falls Sie über einige der hier angesprochenen Themen eine Diskussion wünschen, so ist das Forum der geeignete Ort dazu.
Neue Version: Unter Illusion der Willensfreiheit finden Sie eine überarbeitete Fassung des Textes von Harry Krämer zu dem spannenden Thema Willensfreiheit.

Neuer Service: An dieser Stelle finden Sie aktuelle Nachrichten aus der Politik sowie aus Wissenschaft und Forschung.

Neues Design: Das neue Design von Atheismus-Online (→ http://www.atheismus-online.de) stammt wieder von TIFA29, http://www.tifa29.de (→ http://www.tifa29.de), ebenso das Design von http://www.atheismus-info.de (→ http://www.atheismus-info.de). Ich hoffe, es gefällt Ihnen auch gut wie mir ...

Murks! Ich sehe gerade, dass alle meine Links auf Bibeltexte kaputt sind - der Server bible.gospelcom.net hat ohne Vorwarnung seine Formate geändert, vor allem bietet er keine revidierte Elberfelder Ausgabe mehr an. Inzwischen habe ich die Links durch einen Verweis auf einen anderen Bibelserver ersetzt (http://www.mf.no/ (→ http://www.mf.no/)), ich kann aber noch nicht garantieren, dass alle Links wieder funktionieren, die meisten gehen aber.

NEU! Neue Website: Unter http://www.atheismus-info.de (→ http://www.atheismus-info.de) finden Sie eine neue Website, die sich mit dem Atheismus beschäftigt. Ich bin dafür kritisiert worden, dass meine Texte zu kompliziert zu lesen sind, mit allen den Syllogismen über Gott und die Religion. Daher habe ich mich entschlossen, eine Website zu gestalten, auf der einfacher argumentiert wird. Außerdem soll auf dieser Website gezeigt werden, wie man als Atheist argumentieren kann, ferner werde ich dort im nächsten Jahr einige neue Ideen realisieren, die mir schon lange im Kopf herumgeistern. Lesen Sie den ersten (leider etwas längeren Artikel): Einführung in den Atheismus - Diskussionen über den Atheismus (→ http://www.atheismus-info.de) und sehen Sie selbst ...

NEU! Kleiner Hinweis: Neuerdings finden Sie vor einigen Links das Zeichen →, dies bedeutet, der Link führt Sie auf eine externe Website. Links, vor denen dieses Zeichen nicht steht, führen hingegen zu Artikeln auf dieser Website.

Ferner habe ich die Druckseiten verbessert, da man auf ihnen (sofern man sie ausgedruckt hat) nicht auf Links klicken kann, steht die Linkadresse hinter dem Text, zusammen mit dem Verweispfeil.

NEU! NEU! NEU! Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, warum nicht - wie früher - ständig neue Artikel auf dieser Website veröffentlich werden. Der Grund dafür ist einfach: Ich schreibe an einem Buch über Religion. Es entsteht also momentan das Buch zur Website. Ich habe mich zu diesem Schritt entschlossen, weil viele Leser danach gefragt haben. Den Titel des Werks möchte ich noch nicht verraten.

Das Projekt wird mich noch eine Weile beschäftigt halten, so etwas schreibt man nicht so nebenbei. In dem Buch werden Sie vieles finden, was Sie hier noch vermissen - einen roten Faden, eine systematische Übersicht, eine klare Struktur und eine genaue Erläuterung aller notwendigen Grundlagen. Ferner sind Themen, die ich hier nur angerissen habe oder die ganz fehlen, ein wichtiger Bestandteil des Werkes. Gerne nehme ich auch noch Anregungen von Ihnen auf, lieber Leser, sofern sie in das Konzept des Buches passen. Außerdem ist das Ganze einfacher geschrieben und daher leichter verständlich, ohne oberflächlich zu sein.

Ob, wann und wie das Buch veröffentlich wird, kann ich noch nicht sagen, weil ich noch keinen Verleger habe. Falls Sie zufällig Verleger sind und an dem Thema Religion interessiert sind, kann ich Ihnen gerne eine Vorabversion meines Manuskriptes zuschicken.

Was das Buch so interessant macht: Es füllt eine Lücke. Ein Buch über Religion, Glauben und Atheismus dieser Art gibt es m. W. noch nicht in der deutschen Literatur. Viel ist über den Glauben geschrieben worden, doch der Glauben aus der Sicht eines früher gläubigen Menschen und jetzigen Atheisten ist so noch nicht geschildert worden. Dabei nimmt der Atheismus - spätestens seit der Aufnahme der fünf neuen Bundesländer - stetig an Bedeutung zu. Dies ist das Buch, das mir stets gefehlt hat, und fast bedaure ich es, es selbst schreiben zu müssen und nicht einfach lesen zu können.

Warum veröffentliche ich das Buch nicht einfach auf meiner Website? Das hat nur einen Grund: Viele Menschen - zu denen auch ich gehöre - mögen lieber ein Buch lesen als lange Texte auf dem Computer, ein Buch ist einfach praktischer, man kann es überall lesen, in der Badewanne, auf der Toilette oder im Bett. Sollte ich keinen Verleger finden, dann werde ich das Buch aber hier veröffentlichen zum kostenlosen Download. Nur, wenn ich das von vornherein mache, werde ich keinen Verleger finden ...

Site-Download Download der Texte: Es ist möglich, alle Texte dieser Website in einem ZIP-Archiv herunterzuladen. Klicken Sie dazu auf diesen Download-Link. Entpacken Sie das Archiv mit allen Ordnern in ein Verzeichnis und klicken Sie auf die Datei index.html - dann können Sie in aller Ruhe die Texte lesen! Das Archiv wird bei jedem Update (zuletzt am 2005-10-04) der Seite automatisch aktualisiert.
Anmerkung: Die Zahlen verweisen auf die Hauptkapitel, die Buchstaben auf Nebenthemen, die man nicht unbedingt gelesen haben muss. Ein Verzeichnis der verwendeten Literatur finden Sie im Literaturverzeichnis.

Teil I: Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

  1. Die Ziele dieser Website
  2. Toleranz im Christentum
  3. Der Islam: ein nicht aufgeklärter Fundamentalismus
  4. Das Problem der Begründung des Glaubens
    1. Kann man mit Logik alles begründen?
    2. Was heißt hier kritisch
    3. Warum uns Gott nicht hilft
    4. Wie man Ideen und Vorstellungen auf andere Menschen überträgt
    5. Wo bleibt das Gefühl?
  5. Glaube und Indoktrination: zwei Seiten einer Medaille
  6. Von der naiven Anschauung und der anschaulichen Naivität zur Erkenntnis: der Abstieg von der Sicherheit zur Unsicherheit
  7. Kritik und Selbstkritik
  8. Intoleranz und Stagnation
  9. Denkfallen
    1. Denkfallen - die Pascalsche Wette
  10. Subjektivismus als Ausweg?
  11. Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume
  12. Naturalismus versus Supernaturalismus
    1. Naturalismus versus Supernaturalismus II
    2. NEU! Können Theologen die Welt erklären?
    3. NEU! Wunder versus Naturalismus I
    4. NEU! Wunder versus Naturalismus II
  13. Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit
  14. Das Theodizee-Problem
    1. Ein grundlegendes Glaubensproblem
    2. Der unbekannte Gott
    3. Kommunikationsstörung mit Gott
  15. Jenseits der Grenzen
  16. Schlussbemerkung zu Teil I

Teil II: Eine Reise in das Innerste

  1. In einem dunklen Spiegel
  2. Angst und Angstabwehr

Teil III: Die Rückkehr zu uns selbst

  1. In einem hellen Spiegel



Im ersten Teil berichte ich über die Auswirkungen, die zwei verschiedene Denkweisen auf uns Menschen haben: die 'archaische' oder 'alte' Denkweise, die u. a. fundamentalistische Weltanschauungen hervorgebracht hat, und die 'moderne' oder 'wissenschaftliche' Denkweise, die einen enormen Fortschritt der Erkenntnis der natürlichen Welt zur Folge hatte.

Dies ist deswegen notwendig, weil sich die archaisch Denkenden gegen den Untergang ihrer Ansichten wehren und so etwas wie eine anti-modernistische Front bilden, die die Wissenschaft angreift. Die Verbreitung wissenschaftlicher Denkweisen muss von jeder Generation neu erkämpft werden, wie nicht zuletzt auch die PISA-Studie zeigt. Und mit dem Islam beginnt sich eine zweite Front zu bilden. Besonders auffällig ist der Streit 'alt' gegen 'neu' momentan bei der Evolutionstheorie, wozu Martin Neukamm einiges Interessantes beisteuert (→ http://www.martin-neukamm.de/junker.html) - hier findet sich auch eine gute Einführung zur Wissenschaftstheorie.

Ich beschreibe vor allem die Unterschiede, und warum Vertreter der 'alten' Denkweise sehr schlecht mit Vertretern der 'neuen' (und jeder anderen) Denkweise diskutieren können, und was dies für Folgen für uns hat.

Ich versuche zu zeigen, dass Intoleranz und Stagnation Folgen der alten Denkweise, Toleranz und Fortschritt Folgen der neuen Denkweise sind. Die 'neue Denkweise' ist die der Wissenschaft. Vieles, was sich sonst noch so als 'neues Denken' bezeichnet, ist in Wahrheit ein Rückgriff auf das Mittelalter. Eine kurze Zusammenfassung der Argumentation befindet sich in der Schlussbemerkung zum ersten Teil.

Im zweiten Teil beschäftige ich mich mit dem Kern des religiösen Glaubens - unsere eigene Psyche (falls Sie sich schon fragten, wo denn die Psychologie bleibt). In diesem Teil fange ich mit den psychologischen Betrachtungen eigentlich erst an, Teil I ist der Aufbruch, Teil II die eigentliche Reise.

Im dritten Teil werde ich versuchen, eine Synthese der beiden ersten Teile zu schaffen. Wenn ein Kapitel noch nicht fertig ist, dann mag zwar schon die Kapitelüberschrift existieren, ist aber noch kein Link da.

Falls Sie gerne spaßige Geschichten mögen, auch wenn diese nichts mit dem Thema "Religion" zu tun haben, dann lesen Sie die Geschichte von Hank. zwinkerndes  Smiley

Die grundsätzliche Frage: 'Kann man mit Logik alles begründen?' finden Sie hier andiskutiert.

Es mag überraschen, dass ein Psychologe hier überwiegend mit Logik und Rationalität argumentiert, sofern man eher das Bild eines empathisch-einfühlenden Psychologen vor sich hat. Aber doch, auch solche Psychologen gibt es. Ich möchte den Menschen nicht auf seine Ratio reduzieren, ich möchte nur, dass er besseren Gebrauch davon macht. Erst im zweiten Teil beschäftige ich mich dann ebenso mit der Gefühlsseite der Religionen.

Für wen die Gefühle die wichtigere Seite darstellen, der möge bitte hier beginnen.

Häufig Geäußerte Argumente (HGA) sind Argumente für die Religion, die Sie bestimmt schon oft gehört haben. Eine Widerlegung der gängigsten Argumente finden Sie auf einer Extraseite.

Ich selbst bin (pan)kritischer Rationalist. Was kritischer Rationalismus ist, können Sie hier erfahren (→ http://hans-joachim.niemann.bei.t-online.de/).

Außerdem bin ich Atheist. Warum ich das bin, können Sie hier erfahren: www.atheismus-online.de.

Weitere Themen im Rahmen meiner Religionsauseinandersetzung:

Inhaltsverzeichnis für Religion-Glauben allgemein

Die Verteidigung des Glaubens (christliche Apologetik)
  1. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Einleitung
  2. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil I
  3. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil II
  4. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil III
  5. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil IV
  6. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil V
  7. Für Zweifler - gibt es Beweise für Gott? Teil VI
  8. Was sind Alltagsbeweise?
  9. Ex-Atheisten
  10. Fragen an Apologeten
Der Heilsplan der Christen
  1. Der Heilsplan I / Wege zur Erlösung
  2. Der Heilsplan II / Ist Gott gerecht?
Fragen der Moral
  1. Warum Christen die besseren Menschen sind
  2. Euthyphrons Dilemma I
  3. Euthyphrons Dilemma II
  4. Was ist eigentlich "Sünde"?
  5. Wie Eva und Adam ausgetrickst wurden
  6. Adam - die wahre Geschichte?
  7. Vom richtigen Umgang mit der Bibel
Anmerkungen zu Gott
  1. Wer ist eigentlich Gott?
  2. Göttliche Offenbarung
  3. Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen
  4. Das Design-Argument
  5. Komplexität und Gott
  6. Das Theistische anthropische Prinzip I
  7. Das Theistische anthropische Prinzip II
  8. Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?
  9. Die Eigenschaften Gottes I
  10. Draygombs Paradoxon - Gott und die Zeit
  11. Die Eigenschaften Gottes II
  12. Gott als die Ursache des Universums
  13. NEU! Existenz existiert - unverursacht
  14. NEU! Ein moralischer Beweis gegen die Existenz Gottes
  15. NEU! Kalamitäten mit Kalam
NEU! Das Theodizeeproblem
  1. Das Theodizeeproblem
  2. Die Rechtfertigung Gottes
  3. NEU! Die Offenbarung und das Theodizeeproblem
Logische Zirkel
  1. Im Teufelskreis des Glaubens
  2. Warum es keine Letztbegründung gibt
  3. Im Teufelskreis des Glaubens II
  4. Wie man dafür sorgt, dass es nur richtige Vorhersagen gibt
  5. Strafandrohung im Christentum
  6. Strafandrohung im Neuen Testament
Die Bibel
  1. Kuriose Übersetzungsprobleme
  2. Der Fundamentalirrtum
  3. Warum uns Gott nicht hilft
  4. Vom richtigen Umgang mit der Bibel
  5. Das alte Testament
  6. Prophezeiungen in der Bibel - kritisch betrachtet
  7. NEU! Prophezeiungen über Jesus - kritisch betrachtet
Essays zum Thema Religion allgemein
  1. Was ist eigentliche Glauben?
  2. Warum das Christentum eine falsche Religion ist
  3. Ockhams Rasiermesser
  4. Die persönliche Gotteserfahrung
  5. Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft
  6. Eine Sammlung unfertiger Ideen und Anmerkungen
  7. Unglaublich! Niemand glaubt an Gott!
  8. Wie man Unsinn entlarvt
  9. Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge
  10. Überzeugung und freier Wille
  11. Die Kunst der Täuschung
  12. Gastbeitrag: Die Illusion Willensfreiheit von Harry Krämer
  13. Der Glauben als Konflikt
  14. Erbsünde und stellvertretendes Opfer
  15. Die Uri-Geller-Show
  16. Was ist von der modernen Theologie zu halten?
  17. Einige persönliche Anmerkungen
  18. Ist das Fehlen eines Beweises ein Beweis für Fehlen?
  19. NEU! Nichts geschieht ohne Ursache
  20. NEU! Was ist Wissenschaftsaberglaube?
  • NEU! Fragen an Atheisten
  • Atheismus
    1. Die Begründung des Atheismus
    2. Bayes Theorem
    3. Sind Gläubige leichtgläubig?
    4. Suche in der Dunkelheit
    5. Brief an einen Atheisten - die Antwort
    6. Das Argument des Unglaubens
    7. Unglauben und freier Wille
    Geschichten
    1. Die Geschichte von Hank


    Konfusius, er zitiert: Darum ist das Recht fern von uns, und Gerechtigkeit erreicht uns nicht. Wir hoffen auf Licht, und siehe, [da ist] Finsternis, auf Lichtglanz, [aber] in dichtem Dunkel gehen wir umher. (Die Bibel, →Jesaja 59:9)


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    Die Ziele dieser Website

    In der letzten Zeit - bedingt durch den 11. September 2001 - wird verstärkt nach einer Verständigung mit dem Islam (→ http://www.islam.de/) gesucht. Verständigung ist immer gut, Toleranz, Dialog und Aussöhnung etc. ebenfalls. Und die Diskussion mit den verschiedenen Religionen ist in der letzten Zeit ohnehin sehr vernachlässigt worden.

    Trotzdem halte ich eine Auseinandersetzung mit dem fundamentalistisch orientierten Islam für vollkommen überflüssig, wenn man denkt, man könne Fundamentalisten "einfach so" von etwas überzeugen. Dann handelt es sich schlicht um reine Zeitverschwendung. Dies gilt auch für den Fall, dass der Dialogpartner dem Christentum (→ http://www.jesus-online.de/article.php?article=1967&channel=17) angehört. Denn hier prallen einfach nur zwei sehr unterschiedliche Standpunkte aufeinander und diese Art des Disputs ist in 2.000 Jahren Philosophiegeschichte vollkommen unfruchtbar verlaufen - jedes Mal. Wir können also auch hier erwarten, dass das Ergebnis nicht anders aussehen wird.

    Wie kann ausgerechnet ein Psychologe so etwas behaupten!?

    Weil es der Erfahrung entspricht. Schon Konfuzius (chinesischer Philosoph, nicht zu verwechseln mit dem Spötter Konfusius) wusste: 'Abweichende Lehren anzugreifen, ist nur schädlich.'. Wir sollten nicht aus falsch verstandenem Gutmenschentum (→ http://www.assoziations-blaster.de/a-blast.plx?begr=Gutmensch;s_e=xstart) sinnlose Debatten führen. Dies gilt auch und besonders dann, wenn die Gegenposition atheistisch bzw. agnostisch ist.

    Ein Dialog setzt gleichberechtigte und tolerante Partner voraus. Diese Voraussetzungen sind bei Dialogen mit (fundamentalistischen) Religionen, die sich auf Gott berufen, nicht gegeben (→ http://www.kirchenkritik.de/archiv/lebenohnegott.html). Während sich die eine Seite auf 'höhere Mächte' (= Gott (→ http://www.netstore.de/~god/)) beruft, ihre eigene Position damit gleichsam 'erhöht', argumentiert die andere Seite mit 'rein menschlichen' Positionen, d. h. von einer 'niederen' Warte aus - und wird so letztlich nie als gleichberechtigt angesehen. Toleranz aber setzt voraus, kritisch mit den eigenen Ideen umzugehen, stets auch seine eigenen Gedanken dem Verdacht auszusetzen, falsch zu sein. Ist diese Bereitschaft nicht da, gibt es (einseitig) keine Toleranz, denn der andere kann ja nur unrecht haben. So findet kein Dialog statt, sondern eine unfaire und intolerante Belehrung/Bekehrung oder ein unfruchtbarer Disput. Hier kann man allenfalls noch bei den Zuhörern für Toleranz werben.

    Die gesamte Fundamentalismus-Debatte haben wir bereits mit dem Christentum ausgetragen. Seitdem wissen wir: Es gibt kaum eine (fundamentalistische) tolerante monotheistische Religion. Extra ecclesiam nulla salus (→ http://www.joerg-sieger.de/glaube/themen/religio.htm) - außerhalb der Kirche gibt es kein Heil [1]. Auch wenn dies die katholische Kirche heute so nicht mehr in scharfer Form vertritt: Dieses Credo hat genügend Menschen das Leben gekostet.

    Die Geschichte des Christentums kann man als Kriminalgeschichte (→ http://www.humanist.de/kultur/literatur/religion/deschner3.html) schreiben. Man mag dies für tendenziöse Geschichtsschreibung halten, aber die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Der Humanismus, den wir heute kennen, wurde zum Teil gegen die Religon durchgesetzt. Die Toleranz des Christentums ist größtenteil gegen das Christentum erstritten worden  [2], und nur, weil es heute so viele gemäßigte Christen gibt, heißt dies nicht, alle Fundamentalisten seien auch gemäßigt  [3].

    Einige grundsätzliche Anmerkungen zum Dialog finden Sie hier.

    Was also kann man tun? Man kann den Dialog aufnehmen mit den kritischen Kräften innerhalb des Christentums, mit kritisch denkenden Christen. Man kann darüber etwas bewirken, zum einen, bei denen, die noch keiner Religion angehören, zum anderen bei denen, die in einer Religion festverwurzelt sind, Nachdenklichkeit auslösen. Dies geht auch dann, wenn man mit Fundamentalisten diskutiert - in der Öffentlichkeit. Den Fundamentalisten wird man nicht erschüttern können, aber den Zuhörern vor Auge führen, was die Konsequenzen ihrer Denkweisen sind.

    Das Ziel einer Diskussion besteht auch darin, darzulegen, dass man gute Gründe für seine eigene Position hat - und nicht aus Gründen der Sturheit oder Unbelehrbarkeit oder Unwissenheit darauf beharrt, wie zu oft unterstellt wird.

    Konfusius, er zitiert: "Kaum haben sie Christus gepredigt, beschuldigen sie sich gegenseitig Antichristen zu sein ... und natürlich gab es unter diesen theologischen Gezänken kein Einziges, das nicht auf Absurditäten und Betrügereien aufgebaut gewesen wäre." (Voltaire)

    Toleranz im Christentum

    Vorweg: "Das Christentum" als solches scheint schon fast nicht mehr existent, weil es in eine so ungeheuer große Zahl von Kirchen, Sekten, Gruppierung und Grüppchen zersplittert ist. Ich rede hier aber von den Menschen, die sich traditionell selbst als "Christen" bezeichnen in seiner Gesamtheit als "dem Christentum".

    Dass uns das Christentum als so tolerant erscheint, ist die Folge eines mehrere Jahrhunderte währenden Zähmungsprozesses (→ http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/erledigt.htm). Die Bestie Intoleranz lauert immer noch im Christentum, sie kann jederzeit wieder ausbrechen (die schlimmsten Verbrechen hat die Kirche auch im gerade beendeten Jahrhundert begangen (→ http://www.blessedquietness.com/journal/housechu/pavelic.htm), nicht im Mittelalter - siehe auch The Pavelic Papers (→ http://www.pavelicpapers.com/) oder, auf Deutsch: Töten, vertreiben, zwangskonvertieren (→ http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2004/07/14.jhtml)). Der Preis unserer Freiheit ist eine permanente Wachsamkeit gegen die Christen - denn sie sind mehrheitlich (ihre Geschichte beweist dies) meistens nur dann tolerant, wenn sie schwach sind. Korrekterweise müsste man also sagen: es gibt sehr wohl tolerante monotheistische Religionen - dann, wenn sie schwach sind, zahlenmäßig zu einer Minderheit gehören oder soweit gesellschaftlich marginalisiert wurden, dass sie keine große Rolle mehr spielen.

    Es hat immer eine große Gruppe liberaler Christen gegeben, aber wir sollten es nicht dem Zufall überlassen, welche der Gruppen innerhalb des Christentums gerade wieder die überhand gewinnt.

    Toleranz ist eine Frage der Weltanschauung. Sowohl Christentum als auch Islam sind - in ihrer fundamentalistischen Ausprägung - "inkompatibel" zu dieser Weltsicht. Deswegen sind für uns beide gefährlich. Auch der Islam ist tolerant, wenn er schwach ist (hier bei uns z. B.) und intolerant (Iran, Afghanistan) wenn er stark ist. Toleranz selbst wird als Schwäche gedeutet (im Islam wird der Westen gerne als schwach gesehen, weil er so tolerant und liberal ist).

    "Extra ecclesia nulla salus" heißt im Islam: "Die Höllenqualen für die Ungläubigen und Gottlosen sind fürchterlich. Das Paradies dagegen ist wirklich paradiesisch schön mit allem, was ein Menschenherz erfreut" (zitiert nach: Payer, Alois 1944: Islam. -- Fassung vom 26. April 1999 -- (Materialien zur Religionswissenschaft). -- URL: http://www.payer.de/islam/islam.htm (→ http://www.payer.de/islam/islam.htm).

    Jesus hat ähnliche Drohungen gegen anders Denkende auch in der als ach so tolerant geltenden Bergpredigt ausgestoßen. Toleranz ist dem Christentum und dem Islam wesensfremd. Siehe dazu auch Franz Buggle (→ http://www.humanist.de/kultur/literatur/religion/buggle.html): "Denn sie wissen nicht, was sie glauben - Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann".

    Ein Beispiel aus der Bibel für Strafandrohungen befindet sich hier.

    Der Dämon der Intoleranz ist dem Christentum mit dem Zeitalter der Aufklärung quasi "ausgetrieben" worden. D. h. tolerantes Christentum ist kein Verdienst der Christen, sondern meist ein Verdienst der Gegner des Christentums gewesen. Viele Christen sehen dies genau andersherum  [4].

    Wer glaubt, die sei eine einseitige Darstellung, der hat zu viel christliche Apologetik (→ http://www.jf-archiv.de/archiv00/460yy42.htm) gelesen oder gehört. Als Gegenposition sei das Werk von Deschner (→ http://www.deschner.info/) "Kriminalgeschichte des Christentums" empfohlen. Die historischen Fakten, die gegen die These vom "an sich Guten, aber ab und zu von menschlichen Interessen missbrauchtem" Christentum sprechen, sind erdrückend. Wenn Gott selbst einem Recht gibt, ist eben kein Platz für gefühlsduselige Toleranz. Erhöhung der eigenen Position bei gleichzeitigem absoluten Wahrheitsanspruch kann keine Toleranz hervorbringen (dies gilt unabhängig davon, ob die Weltanschauung religiös begründet ist oder nicht!). Beide Ansprüche hat die 400 Jahre andauernde Aufklärung nicht widerlegt, sondern quasi "subversiv unterhöhlt".

    In dem lesenswerten Artikel von Ursula Neumann Sind Christen doch die besseren Menschen? (→ http://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html) befindet sich dazu ein Hinweis (→ http://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html#anm27) auf die übliche Verteidigungsstrategie der Kirchen:

    "Kaum ein Vorwurf ist gegen die christlichen Kirchen so oft und so leidenschaftlich erhoben worden, wie der Vorwurf der Intoleranz. Dieser Vorwurf ist deswegen besonders gravierend, weil Toleranz mit dem Wesen des christlichen Glaubens unlöslich verbunden ist. Die Geschichte der christlichen Kirchen ist freilich auch durch Exzesse von Intoleranz gezeichnet. Oft waren sie Folgen eines fanatisierenden Missverständnisses der Wahrheit des Evangeliums". (Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. cooles Smiley Dies ist der klassische Argumentationsstil. Obersatz: Das Christentum steht für Toleranz, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität ... Untersatz 1: In der Wirklichkeit hat es damit gehapert. Untersatz 2: Schuld daran waren Missverständnisse. Untersatz 3: Aber im Prinzip!


    Wir erkennen hier übrigens den Denkfehler des Wahren Schotten.

    Konfusius, er zitiert: "Keine Religion hat so viele Menschenopfer gefordert und auf eine so schmähliche Weise hingeschlachtet als diejenige, die sich rühmt, sie für immer abgeschafft zu haben." (Bruno Bauer, Theologe)

    Der Islam: ein nicht aufgeklärter Fundamentalismus

    Ursprünglich sollte dies eine Website zum Islam werden. Aber ich habe inzwischen meine Meinung darüber geändert, denn ich halte es für sinnvoller, "vor der eigenen Haustür" zu kehren. Und vor der eigenen Tür steht das Christentum, der Islam hat demgegenüber nur eine Minderheitenposition. Für eine Website in deutscher Sprache ist der Islam also eher zu vernachlässigen (das sähe anders aus, wenn ich auf Englisch schreiben würde). Warum sollte ich eine Minderheit kritisieren, wenn es wichtiger wäre, sich zuerst mit der Mehrheit auseinander zu setzen?

    Falls Sie also Informationen zum Islam suchen, dann muss ich sie auf eine andere Websites verweisen.

    Eine gute erste Einführung in den islamischen Glauben finden Sie bei Alois Payer: Materialien zur Religionswissenschaft - Islam (→ http://www.payer.de/islam/islam.htm). Eine längere und kritischere Einführung findet sich unter Das Leben Mohammeds, sein Reich und seine Lehre (→ http://www.jadu.de/religion/text/mohammed.html) (diese Seite ist christlich gefärbt und mit Vorsicht zu genießen, es ist aber oft interessant, zu hören, was die eine Religion über die andere zu sagen hat - die Kirchen, so sagt Robert Green Ingersoll, Misstrauen einander, weil sie sich selbst und die anderen kennen ...).

    In englischer Sprache gibt es hier Informationen: ISLAM - The second largest world religion ... and growing (→ http://www.religioustolerance.org/islam.htm). Diese Website, mit vielen Informationen zu allen größeren Religionen auf dieser Welt, hat sich der religiösen Toleranz und der Kritik an religiös motivierter Gewalt verschrieben. Ein wichtiger Punkt für Toleranz ist natürlich auch die Kenntnis der anderen Position. Die andere Position möge gehört werden ist ein wichtiger Grundsatz der Diskussion. Wer sich also über den Islam informieren möchte, der möge daher vor allem auch die islamische Seite berücksichtigen: Islam.de (→ http://www.islam.de/) oder Islam Today (→ http://www.islam-today.de/) (auch in deutscher Sprache, sowie in Englisch und Türkisch).  [5]

    Man darf aber nicht vergessen, dass der Islam, ähnlich wie das Christentum auch, selbst aus sehr unterschiedlichen Positionen besteht. Das liegt in der Natur der Sache. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Anhänger einer einzigen Position ist nämlich keine Weltanschauung in ihren Grundlagen völlig eindeutig. Christen berufen sich auf dieselbe Bibel, haben aber teilweise völlig unterschiedliche Interpretationen. Und obwohl der Koran nicht von der Uneinheitlichkeit der Übersetzungen und den verschiedenen Varianten geplagt wird wie die Bibel gibt es doch eine Uneinheitlichkeit der Interpretation. Teilweise beruht diese auf selektiver Auswahl der Suren, Missachtung des Kontexts und individuell geprägter Auslegung, teilweise aber auch an internen Widersprüchen (was im Islam genauso geleugnet wird wie im Christentum auch - in beiden Religionen werden Widersprüche "weginterpretiert").

    Übrigens wird auch im Islam Kritik als "Kufr" (= Unglauben) aufgefasst. Und wenn auch verschiedene Positionen im Islam (z. B. die Sura El-Kafiroun = die Ungläubigen) zur Toleranz gegen andere Philosophien oder Glaubensrichtungen aufrufen, so gibt es auch die Aufforderung, Ungläubige zu töten. Aber Kritik ist kein Angriff, sondern eine Aufforderung zum eigenen (selbstständigen) Denken.

    Die Drohung, im Falle einer Kritik Gewalt anzuwenden, kennen wir auch aus dem Christentum zur Genüge  [6] - dort aber vor allem aus der Zeit vor dem Zeitalter der Aufklärung. Nach der Aufklärung hat sich dies deutlich reduziert.

    Dem Islam mangelt es aber an einem Zeitalter der Aufklärung. Es gab und gibt im Islam keinen Voltaire (→ http://www.voltaire.ox.ac.uk/). Es gab keinen Kant (→ http://idealismus.de/kant.phtml), keinen Nietzsche (→ http://infonectar.com/aphorisms.html), keinen Feuerbach (→ http://www.ludwig-feuerbach.de/), keinen Sigmund Freud (→ http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/freud/freud1.htm). Viele andere wären noch zu nennen ...

    Immerhin, Voltaire hat sich auch zum Islam geäußert, nicht nur zum Christentum: Voltaire über Mohammed und den Islam (= Unterwerfung) (→ http://anti-islam.9cy.com/Voltaire.htm). Und es regt sich auch so allmählich im Islam selbst die Kritik am Islam. Ein Beispiel dafür finden Sie hier: Rationalist International (→ http://www.rationalistinternational.net/).

    Auch im Islam gibt es (wie im Christentum) Fundamentalismus. Wesentlich für den Fundamentalismus, gleich welcher Glaubensrichtung, ist: archaische, antiquierte und vorwissenschaftliche Denkweisen und Denkverbote. Die Moderne findet nicht statt.

    Solange Anders- oder Nichtgläubige als Menschen zweiter Klasse angesehen werden, solange wird es keine Möglichkeit zur Verständigung mit dem Islam oder dem Christentum geben mit dem Menschen, die solche Positionen vertreten. Man mag mit einzelnen, fortschrittlichen und aufgeklärten Anhängern des Islams oder des Christentums reden können, aber dies ist eine Einzelfallentscheidung. Zum Dialog gehören meistens zwei. Sonst ist es ein Monolog (wie dieser Text hier). Und zur Toleranz gehört es, die Position eines anders Denkenden grundsätzlich erstmal anzuerkennen, wie man den Anderen auch zunächst als Mensch akzeptieren muss. Und dies ist stets bei allen Beteiligten notwendig.

    Um zu begründen, welche Schwierigkeiten ein Dialog mit Fundamentalisten bereitet, muss zunächst gezeigt werden, wie fundamentalistische Auffassungen sich verbreiten, und wie die Alternativen entstanden sind. Aus Gründen der Vereinfachung nehme ich hier die europäische Geschichte und das Christentum. Was das Christentum angeht werde ich aber darüber hinaus auch zeigen müssen, dass auch in den liberalen Positionen noch viel von den antiquierten Ansichten mit drin stecken.

    Einiges an der grundlegenden Kritik am Christentum auf den folgenden Seiten kann man übrigens auch auf den Islam anwenden. So verwendet auch der Islam mit Vorliebe längst widerlegte Gottesbeweise, stützt sich auf Offenbarung und Wunder, hängt einem Supernaturalismus an und bekämpft den Atheismus. Und auch der Islam setzt sehr stark auf den (blinden) Glauben.

    Aber auch die modernen Ideen und die Kritik an den Religionen verbreitet sich nicht von alleine - um den Dialog zwischen der Moderne und den Glaubensformen wieder anzufachen, dafür sthet diese Website.

    Konfusius, er zitiert: "Wozu zwingt man die Menschen in bestimmte Religionssysteme, wenn sie nachher Jahrzehnte brauchen, um wieder davon loszukommen?" (Friedrich Schiller)

    Das Problem der Begründung des Glaubens

    Die entscheidende Grundfrage ist die: Was wissen wir eigentlich - sicher? Jede Philosophie und jede Religion setzt sich mit dieser Frage auseinander. Und jedes Zeitalter beschäftigt sich mit dieser Frage wieder neu. Es gibt zwar die "aufgeklärte" Position, nach der eine Religion nicht wahr, sondern nur in moralischem Sinne nützlich zu sein hat, aber dies ist keinesfalls die fundamentalistische Haltung: Danach ergibt sich der moralische Anspruch als Folge aus dem Wahrheitsanspruch. Was also ist wahr?

    Die verschiedenen Religionen hatten und haben darauf stets Antworten parat. Wenn wir uns die Antworten ansehen, dann sehen wir dieselben Muster: Es ist wahr, weil es geoffenbart wurde, es ist wahr, weil es in einer heiligen Schrift steht, es ist wahr, weil es eine Autorität verkündet hat (als Papst gar unfehlbar (→ http://www.alt-katholisch.de/info/historie/unfehl.htm)) etc. pp. Alle diese Dinge führen uns direkt in das Münchhausentrilemma (→ http://www.fh-niederrhein.de/fb06/SOB/meonchha.htm) (nach Hans Albert)  [7], d. h., wir landen entweder

    Die Religionen landen i. d. R. im Dogmatismus ("Es ist wahr, weil der Papst ex cathedra entschieden hat" oder "Es ist wahr, weil die Bibel es so sagt") oder in einem logischen Zirkel ("Die Bibel ist von Gott geoffenbart und daher wahr. Wir wissen dies, weil die Schreiber der Bibel es so sagen. Die Bibel selbst wiederum gibt uns Zeugnis, dass die Schreiber derselben göttlich inspiriert wurden" - diese Argumentationsweise wird auch von Hank bzw. seinen Freunden benutzt). Es ist meist nicht so plump wie in den Beispielen hier, die auch nur ein allgemeines Muster zeigen sollen. Ich bezeichne diese Denkweise als archaisch oder vorwissenschaftlich. Wenn man Gründe für den dogmatischen Anspruch sucht, stößt man meist wieder auf einen logischen Zirkel.

    Mindestens eine der drei Positionen lässt sich gegen jede Begründung vorbringen, auch gegen subjektive Erfahrungen, d. h., jede Begründung ist hinterfragbar (außer, Denkverbote verhindern dies). Es handelt sich hier nicht um ein Argument gegen die archaische Denkweise, denn die moderne Denkweise ist davon genauso betroffen. In der modernen Denkweise wird daraus aber nur der Schluss gezogen, jeden absoluten Wahrheitsanspruch anzufechten und dies auch nicht für die eigene Position zu reklamieren (Skeptizismus (→ http://www.skeptic.com/)), während religiöse Anschauungen sich gegen diese Kritik zu immunisieren suchen, also ihre Ansprüche wider die Vernunft durchzusetzen trachten.

    Diese (oft erfolgreiche) Immunisierung ist die wahre Bedrohung des Verstandes, denn sie suggeriert, dass man das Ende allen Wissens erreicht hätte, wo man doch erst am Anfang steht.

    Wir können folgende drei Stufen der Erkenntnis postulieren, die aufeinander aufbauen:
    1. Wahrnehmung, diese ist unbewusst und unkritisch.
    2. Erkenntnis, diese ist bewusst und unkritisch.
    3. Wissenschaft, diese ist bewusst und kritisch.
    Demnach wäre religiöser Glaube der zweiten Stufe zuzuordnen. Sicher ist der Glaube auch kritisch, aber nicht gegen seine eigenen Grundlagen, sondern überwiegend anderen Weltanschauungen gegenüber.

    Eine sehr schöne Beschreibung des hier kurz skizzierten Problems gibt Dr. Michael Schmidt-Salomon in: Das Münchhausentrilemma oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen? (→ http://www.schmidt-salomon.de/muench.htm).

    Siehe auch die Anmerkung: Was heißt hier kritisch?

    Anmerkungen zu der Zirkelhaftigkeit in der Bibel befinden sich hier.

    Zur Logik und zu logischen Fehlschlüssen befindet sich hier eine gute Übersicht (→ http://www.infidels.org/news/atheism/logic.html) (leider in englischer Sprache).

    Konfusius, er zitiert: "Der Glaube ist nicht der Aufgang, sondern das Ende allen Wissens". - (Johann Wolfgang von Goethe)


    Kann man mit Logik alles begründen

    Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht NEIN.

    Es gibt noch eine Reihe weiterer Aspekte, z. B. normative (die Regeln betreffende, also ethische) Fragen, für die wir die Antworten weder aus den Wissenschaften, aus der Natur und aus der Logik entnehmen können. Auch in der Kunst hat die Logik nur dann etwas zu suchen, wenn der Künstler dies gerade als Stilmittel braucht, ist also mehr eine Frage des Geschmacks. Die Wissenschaft beschreibt, was ist, die Ethik beschreibt, wie es sein sollte.

    Wenn also der normative Bereich weder von Logik noch von Wissenschaft abgedeckt wird, dann heißt dies doch, das es sich um ein Gebiet der Religion handelt?

    Ja und nein. Ja, weil die Religion dies als ihr urtümliches Gebiet bezeichnet, dort sogar einen Monopolanspruch erhebt (wie bei der Wahrheit auch). Nein, weil man auf jede Form des religiösen Glaubens verzichten kann, um eine Ethik zu begründen (siehe dazu auch Euthyphrons Dilemma). Hier muss die Religion anerkennen, dass sie in einem Konkurrenzverhältnis steht.

    Im Übrigen wurde (und wird) der Monopolanspruch auf "Moralität" von der Religion auch deswegen erhoben, weil die Religion wahr ist. Erst mit dem Schwächeln dieses Wahrheitsmonopols wird versucht, zu retten, was zu retten ist, und wenigstens die Moral vor dem weltlichen Zugriff zu bewahren. Eine ausführliche Kritik der christlichen Ethik finden Sie bei Prof. Dr. Gerhard Streminger (→ http://www.gkpn.de/strem2.htm) (dieser Link funktioniert wieder!).

    Nun hat sich gezeigt, dass aus dem absoluten Wahrheitsanspruch auch eine gewisse Intoleranz folgt. Dies ist keine Behauptung, sondern eine Frage der Empirie (der Erfahrung), in diesem Fall der Geschichtswissenschaft. D. h. wenn man der Geschichte des Christentums folgt, dann wird man feststellen, dass das Christentum sehr wenig zu einer moralischen Besserung der Welt beigetragen hat. Meist standen die Christen aber auf der falschen Seite, und dies so häufig, dass man den Begriff des allzu menschlichen stark überdehnen muss.

    Fast alles, was wir als modernen, humanitären Fortschritt bezeichnen, auch der Begriff der Menschenwürde (den man aus der Bibel nicht ableiten kann), wurde gegen den Widerstand der Christen erkämpft, meistens von Gegnern der Kirche und des Glaubens. Eine Anmerkung noch: die Unterscheidung zwischen Christentum und Kirche wird erst seit dem 18. Jahrhundert getroffen und war und ist ein Mittel der Apologetik, um sich gegen eine bestimmte Form der Aufklärung zu wenden. Im Folgenden werden die Begriffe Christentum und Kirche synonym verwandt. Ein paar Beispiele:

    Abschaffung der Sklaverei - wurde von den Kirchen bis zuletzt bekämpft. Kirchensklaven waren sogar generell schlechter gestellt als die Sklaven weltlicher Herren. Sklaverei wird in der Bibel gerechtfertigt (→ http://www.religioustolerance.org/sla_bibl.htm), eine historische Übersicht über das Verhältnis Sklaverei/Christentum befindet sich hier (→ http://www.religioustolerance.org/chr_slav.htm) (in englischer Sprache).

    Abschaffung der Folter - auch hier hat die Kirche (wegen der Inquisition) lange Zeit starken Widerstand geleistet. Siehe vor allem Herrmann 1998: Sex & Folter in der Kirche.

    Abschaffung der Todesstrafe - auch hier haben die Christen bis zuletzt gekämpft. Das Christentum bestand in der Inquisition sogar oft auf einer besonders harten und grausamen Form der Todesstrafe (Verbrennung bei lebendigem Leibe).

    Einführung des Rechtsstaates - auch eine Errungenschaft, die aus dem Kampf gegen die Inquisition herrührt.

    Gleichstellung der Frau - auch heute noch ein umstrittenes Thema. Kirchenintern herrscht bei den Katholiken in dieser Frage noch tiefstes Mittelalter, während es im Evangelismus immerhin schon weibliche Bischöfe gibt. Fundamentalisten finden in der Bibel immer noch genügend Munition (→Leviticus 27:1-7, →Prediger 7:26, →1 Korinther 14:34-35, →Epheser 5:22-24, →1 Korinther 11:3, →Kolosser 3:181 Timotheus 2:11-14) gegen die Gleichstellung der Frau und benutzen dies auch heute noch.

    Sexuelle Freizügigkeit - umstritten (durch moralische, religiös motivierte Indoktrination) und daher auch heute noch ein beliebtes Streitthema. Ich halte die Befreiung der Sexualität von der Leibfeindlichkeit christlicher Prägung aber für eine Errungenschaft der Moderne, aus drei Gründen:
    1. macht sexuelle Enthaltsamkeit oft neurotisch
    2. ist die Unterdrückung der Sexualität (insbesonders bei Kindern) ursächlich gewaltfördernd (→ http://www.violence.de/prescott/bulletin/article-d.html)
    3. ist der Mensch von Natur aus eher promisk
    Nun kann aus 2. nicht gefolgert werden, dass eine Naturethik gerechtfertigt wäre, sondern nur, dass das Christentum ein falsches Menschenbild geprägt hat. 1. folgt aus der Psychoanalyse, 2. aus medizinischen Untersuchungen von Spermien: es gibt zwei Arten nicht-befruchtungsfähiger Spermien, die nur zur Verteidigung gegen andere Spermien mit fremder DNS dienen - so etwas kann sich nur dann in der Genetik niederschlagen, wenn der Mensch über Jahrhunderttausende promisk war (denn genetische Prozesse sind langsam). Mit der Unterdrückung der Sexualität alleine hat das Christentum bereits Leid und Elend über die Menschen dieser Welt gebracht.

    Noch heute tut sich die katholische Kirche mit der Anerkennung der Homosexualität  [8] schwer, vor allem, wenn es um die Gleichberechtigung geht.

    Bürgerliche Freiheitsrechte - auch ein Gebiet, auf dem die katholische Kirche bis heute noch gegen einiges kämpft, was modern ist. Im Faschismus bekämpften zwar einzelne Christen den Faschismus, die Kirche aber hat sich selten offiziell gegen den Faschismus gewehrt, oft sogar mit Faschisten zusammengearbeitet (Franco, Mussolini, Hitler und vor allem Ante Pavelic, dem übelsten faschistischen Verbrecher überhaupt), obwohl ihre interne Haltung gegen beispielsweise Hitler gerichtet war  [9], freie Meinungsäußerung wurde lange noch bekämpft (sogar bei uns, siehe den Streit um den sog. Gotteslästerungsparagraf - selbst die alten Griechen hatten hier eine vernünftigere Vorstellung: Für sie war die Verfolgung von Gotteslästerung alleine eine Sache der Götter, die Menschen nichts angeht). Der Index der verbotenen Schriften wurde erst 1966 (→ http://www.kalenderblatt.de/index.php?what=thmanu&manu_id=551&tag=14amp;&monat=6&weekd=&weekdnum=&year=2004&lang=de&dayisset=1) vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft und verdeutlicht das frühere zwiespältige Verhältnis der Kirche zur Meinungsfreiheit.

    Religionsfreiheit: Heute bekennen sich die Kirchen insgesamt auch zu dem Menschenrecht auf freie Religionsausübung - das war nicht immer so.

    Man könnte noch hunderte von Seiten damit füllen. Wer mehr darüber wissen möchte, der sollte sich das zehnbändige (!) Werk Kriminalgeschichte des Christentums (→ http://www.humanist.de/kultur/literatur/religion/deschner3.html) von Karlheinz Deschner ansehen (von dem bisher acht Bände erschienen sind).

    Fazit


    Es ist mir schlicht unerfindlich, woher das Christentum seinen moralischen Anspruch hernimmt, denn aus der Geschichte folgt eher das Gegenteil. Wenn wir also eine vernünftige Moral entwickeln wollten, dann wäre das Christentum nicht die Religion, die man zum Ausgang nehmen sollte. Der Buddhismus erscheint mir hier sehr viel sinnvoller.

    Aber man kann auch eine Ethik auf Kant gründen. Man braucht weder das Christentum noch irgendeine andere Religion dafür, auch, wenn es immer wieder gerne behauptet wird.

    Für ein Beispiel christlicher Ethik siehe auch den Abschnitt über die Strafandrohung für anders Denkende im Christentum.

    Konfusius, er zitiert: "Glauben ist wesentlich intolerant ... wesentlich deswegen, weil damit notwendigerweise die Illusion verbunden ist, dass die eigenen Beweggründe auch Gottes Beweggründe sind." (Ludwig Feuerbach)

    Was heißt hier kritisch?

    Der logische (und kulturelle) Bruch, der sich durch unsere Geschichte zieht und m. A. nach die "alte Zeit" von der "Modernen" unterscheidet ist die Anwendung der Vernunft auf sich selbst. Die Griechen hatten damit zwar begonnen, aber dieses Projekt nur in Ansätzen durchdacht. Erst vor ca. 400 Jahren fing man damit wieder an, obwohl auch hier die ersten Ansätze schon sehr viel früher begannen. Und eigentlich war dieses Projekt erst mit David Hume (→ http://www.humesociety.org/) (1711-1776) an sein (scheinbares) Ende gekommen.

    Wenn man die Gedanken bis zum Ende durchdenkt, landet man bei der Begründung. Und wenn man die Frage nach der Begründung der Begründung stellt, dann landet man fast unausweichlich beim Münchhausentrilemma (→ http://www.fh-niederrhein.de/fb06/SOB/meonchha.htm). Es war früher schon Philosophen aufgefallen, dass man in einem von drei Problemen landet, wenn man Begründungen nachgeht, aber erst seit neuerer Zeit weiß man, dass dies immer so ist.

    Damit lässt sich also jede Begründung kritisieren.

    Dies ist eine zentral wichtige Feststellung: Es lässt sich JEDE BEGRÜNDUNG kritisieren.

    Dies ist die Demarkationslinie, der Point of no return, wenn man so will. Hier hat man tatsächlich nur die Freiheit, diese Erkenntnis zu ignorieren oder sie zu akzeptieren (was man ruhig skeptisch tun sollte: denn dies ist nur eine Behauptung von mir, und wenn ich recht habe, kann man diese Begründung anfechten - wozu man sie aber in diesem einen Fall akzeptieren müsste ...).

    Um den Fall der Ignoranz brauchen wir uns hier nicht zu kümmern. Wer das Trilemma ignoriert, der wird auch mit diesem Text hier nichts anfangen können und ihn nicht verstehen. Der wird aber auch die moderne Denkweise nicht verstehen können - und, nebenbei, was man nicht versteht, kann man auch eher schlecht kritisieren (außer, die Unverständlichkeit selbst zu kritisieren).

    Man kann das Trilemma selbst anfechten, wenn man eine Begründung aufzeigen kann, die nicht dem Trilemma unterliegt. Die Behauptung, das Trilemma sei unausweichlich, ist falsifizierbar. Sobald wir eine Aussage finden, die weder zu einem unendlichen Begründungsregress führt, noch in einen logischen Zirkel noch in den Dogmatismus ist die Allgemeingültigkeit des Trilemmas widerlegt. Ich werde mich zu einem späteren Zeitpunkt damit beschäftigen (denn ein häufiges Argument ist: Eine Offenbarung Gottes kann oder muss nicht dem Trilemma unterliegen - ein Trugschluss).

    Übrigens: Wenn man sich fragt, warum man denn alles begründen muss, und anzweifelt, ob dazu überhaupt eine Notwendigkeit besteht, dann landet man beim willkürlichen Abbruch der Begründung, also im Dogmatismus ...

    Wenn man also (und sei es nur vorläufig und unter Vorbehalt, oder als Gedankenexperiment) die akzeptiert, dann, so behaupte ich, hat man eine neue Stufe der Erkenntnis erreicht, einen Quantensprung des Wissens. Das erinnert zwar an Sokrates "ich weiß, dass ich nichts weiß", aber dies weiß man jetzt genau.

    Denn von jetzt ab gibt es keine Möglichkeit mehr, im naiven, unschuldigen Zustand des gesicherten Wissens (oder Glaubens) zu verharren - und wenn doch, dann nur unter Ausschaltung des kritischen Verstandes. Dies ist die wahre, vergiftete Frucht vom Baum der Erkenntnis.

    Wenn man so will, hat sich die Vernunft damit selbst zerstört bzw. den Boden unter den Füßen weggezogen (ganz so schlimm kommt es dann aber doch nicht, aber dies ist ein anderes Thema).

    Man kann aus diesem Zustand verschiedene Konsequenzen ziehen. Hier eine kleine Auswahl (kein Anspruch auf Vollständigkeit!):

    Nihilismus - nichts ist wahr, es gibt keine Wahrheit, es gibt keine Klarheit, denn es gibt keine Begründung.

    Obskurantismus - alles ist wahr, alles ist möglich, denn alles lässt sich begründen, wenn auch nicht letztendlich.

    Subjektivismus - es gibt keine objektive Wahrheit (bzw. diese ist uns unzugänglich), also ist alles Wissen nur subjektiv begründbar.

    Buddhismus - Die Welt ist eine Illusion, ein Produkt unseres Verstandes.

    Hypothetischer Realismus - Alles Wissen ist hypothetisch, nichts ist sicher, die Basis des Wissens ist dynamisch, Erkenntnis (auch objektive Erkenntnis) ist aber möglich und sogar wahrscheinlich. [Anmerkung: Dies ist die Richtung, zu der ich tendiere].

    Fundamentalismus - wir wissen, was wahr ist - ist nach Anerkennung des Trilemmas nicht mehr möglich und eigentlich logisch erledigt. Wenn es doch noch Fundamentalismus gibt, dann nur in Ignoranz, d. h. der strikten Weigerung, die eigene Basis bis zum Ende zu durchdenken, also der Suspendierung der Vernunft. Dann aber, bitte schön, dürfen sich Fundamentalisten auch nicht mehr auf die Vernunft berufen und scheiden aus dem Kreis der Vernunftanwender aus. Sie sind zwar vernunftbegabt, machen aber nicht ausreichend Gebrauch davon.

    Das Letztere mag hart, arrogant und intolerant klingen. Wir haben aber gesehen, dass Fundamentalismus selbst zur Intoleranz neigt (außer in Zeiten der Schwäche), und ich halte es für eine gemäßigte und gerechtfertigte Haltung, gegenüber Intoleranz keine Toleranz zu zeigen. Wir tun dies ja auch nur mit Worten - es geht nicht darum, Fundamentalismus zu verbieten, sondern nur darum, ihm einen angemessenen Platz in der Logik zuzuweisen. Der Platz des Fundamentalismus in der Welt wird davon nicht direkt berührt. Dies ist aber eine normative (ethische) Frage, und auf die wird hier an dieser Stelle nicht eingegangen (vielleicht später einmal). Ethik ist keine Frage der Logik!

    Hart ist es in der Frage der Haltung: aber entweder ist man konsequent und denkt seine Haltung bis zum Ende durch (mit allen Härten als Folge), oder man tut dies nicht, dann fehlt es aber an Tiefe und Substanz.

    Arrogant ist diese Haltung, weil sie über Sokrates insofern hinausgeht, da hier nicht nur behauptet wird, "ich weiß, dass ich nichts weiß", sondern "auch du weißt nichts, bist dir dessen aber nur nicht bewusst". Das ist das Kritische an der Haltung: wir halten uns nicht nur dazu berechtigt, Selbstkritik zu üben, sondern wir üben die Kritik auch bei anderen aus (auch, wenn es ihnen nicht passt, aber wie wir gesehen haben, gibt es keine Grenze der Kritik bzw. es hat noch niemand eine gefunden, und wir müssen die willkürlichen Grenzen des Denkens - die "Denkverbote" der Fundamentalisten - ja nicht akzeptieren).

    Wir haben mit dem Trilemma zwar eine Grenze des Denkens erreicht (nämlich: Jedes Wissen ist hypothetisch), aber eine Reihe von anderen Grenzen und gesprengt (nämlich: Jedes Wissen ist hypothetisch, nicht nur unser eigenes).

    Dies macht die Kritik an allen Auffassungen nicht nur notwendig, sondern auch konstituierend. Dies ist der Sprung vom "archaischen Denken" mit seinen Denkverboten (deswegen: bewusst, aber unkritisch) hin zu: bewusst und kritisch. Der Sprung in die Moderne muss auch im Kopf stattfinden.

    Warum uns Gott nicht hilft

    Wenn die Bibel von Gott geoffenbart wäre - so meinen viele Christen - dann wären damit alle Probleme gelöst. Das ist ein Trugschluss. Denn selbst dann bleiben noch eine ganze Reihe von Fragen ungelöst und die Probleme werden noch schlimmer.

    Der generelle Fehler der angeblich göttlichen Offenbarungen der Bibel: Es fehlt die Anleitung, wie der Text zu interpretieren ist. Selbst in drittklassigen Handbüchern finden wir heutzutage (wo der naive Glaube, alles sei "aus sich selbst heraus verständlich", sich in Nichts aufgelöst hat) eine Anleitung zum Textverständnis - am Anfang. Und wozu gibt es die Bibel? Wenn die Schöpfung vollkommen wäre, wäre eine Anleitung für uns überflüssig. Ein vollkommenes technisches Gerät kann man ohne Anleitung benutzen, eine Anleitung ist immer ein Hinweis darauf, dass das Gerät nicht selbst erklärend ist. Eine Schöpfung, die nicht selbst erklärend ist, ist unvollkommen. Folglich kann man die Bibel nur als Nachbesserung sehen, um die Unvollkommenheit auszugleichen. Erkennt man die Bibel an, dann behauptet man, dass Gott unvollkommen war, denn er hätte bei unserer Erschaffung bereits alles in uns selbst anlegen können. Ferner stellt sich noch die Frage, warum Gott so spät zur Einsicht kam, wir benötigten eine Anleitung für diese Welt. Braucht er so lange, um zu lernen?

    Vor Jahrtausenden hat an solche Dinge noch kaum ein Mensch gedacht. Von einem Gott würde man ein wenig mehr Vorauswissen um die Problematik der Interpretation erwarten. Ergo ist die Wandlungsfähigkeit der Interpretation der Texte eine Evidenz gegen den göttlichen Ursprung der Schriften. Es handelt sich um Menschenwerk. In der fehlenden Anleitung zur Interpretation erkennen wir ein menschliches Versäumnis, welches einem Gott niemals unterlaufen wäre.

    Hinzu kommt noch das Problem, welches Thomas Paine (in: "The Age Of Reason (→ http://www.infidels.org/library/historical/thomas_paine/age_of_reason/part1.html)) so formuliert hat (Übersetzung von mir):

    Es ist eine selbst-widersprüchliche Behauptung, irgendetwas als Offenbarung zu bezeichnen, was wir aus zweiter Hand wissen, sei es geschrieben oder gesprochen. Offenbarung ist begrenzt auf die erste Kommunikation - nach dieser ist es nur eine Ansammlung von Worten von denen eine Person behauptet, es handle sich um eine Offenbarung, die ihm gemacht worden sei, und es mag sein, dass er sich verpflichtet fühlt, daran zu glauben, aber danach kann es für mich nicht die Pflicht sein, in derselben Art zu glauben, denn diese Offenbarung wurde nicht MIR gemacht, und ich habe nur sein Wort, dass es ihm geoffenbart wurde.


    Und an anderer Stelle ("The Life and Works of Thomas Paine", Vol. 9 S. 134) sagt Thomas Paine (Übersetzung von mir):

    Dass Gott nicht lügen kann, bringt Deiner Argumentation keinen Vorteil, weil es keinen Beweis dafür gibt, dass die Priester nicht lügen können oder die Bibel es nicht tut  [10].


    Letztlich setzt sich ein Mensch, gleichgültig, ob ihm etwas offenbart wurde oder nicht, selbst an die Stelle Gottes, wenn er von mir verlangt oder erwartet, ich sollte nach dieser Offenbarung handeln. Ich kann nämlich nicht unterscheiden, ob mich der entsprechende Mensch anlügt oder nicht, oder ob er sich eventuell selbst täuscht. Sie können auch nicht nachprüfen, ob ich letzte Nacht von dem unsichtbaren rosa Einhorn geträumt habe oder nicht, ich könnte Sie anschwindeln, ohne dass Sie auch nur die geringste Chance haben, mich bei dem Schwindel zu erwischen. Und genau dieser Umstand macht es für Betrüger auch so attraktiv, ihre Überzeugungen als die eines Gottes auszugeben - der Lohn, d. h. die Treue der Anhänger ist ihnen gewiss, aber die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, liegt geradezu bei Null. Hoher Ertrag und geringes Risiko ist immer ein großer Anziehungspunkt.

    Es gibt noch etwas, was auffällt an den göttlichen Offenbarungen der Bibel: Der Kern der Offenbarung besteht aus moralischen Geboten und Vorschriften. Das ist allerdings wegen Euthyphrons Dilemma völlig unmöglich - eine göttliche Offenbarung gleich welcher Art kann keine moralische Richtschnur sein! Es kann allenfalls eine Anregung sein, über Moral nachzudenken. Gott müsste um das Dilemma wissen und würde dies nur auf einem Wege umgehen können: In dem er aus den Geboten Regeln macht. Regeln sind Gebote plus einer guten Begründung, warum es sinnvoll ist, die Gebote einzuhalten. Denn die Regeln - sofern sie gut sind - können für sich selbst stehen, unabhängig davon, ob ich an die Offenbarung nun glaube oder nicht. Regeln sind ein Appell an die Vernunft, sie sind unabhängig davon, ob ich eine Autorität anerkenne oder nicht.

    Und was finden wir in der Bibel? Fast ausschließlich Gebote und so gut wie keine Regeln! Und wenn es sich um Regeln handelt, dann werden diese durch die Androhung von Höllenstrafen begründet.

    Was bedeutet es also, wenn jemand behauptet (und es ist nicht mehr als eine Behauptung), etwas sei ihm von Gott geoffenbart worden? Zum einen, dass ich nicht das Gegenteil beweisen kann, genauso, wie niemand mir beweisen kann, dass ich lüge, wenn ich behaupte, ich hätte letzte Nacht von dem unsichtbaren rosa Einhorn geträumt. Zum anderen ist es ein Test: Vertraue ich dem Anderen soweit, dass ich bereit bin, es ihm blind und ohne eigene Bestätigung zu glauben?

    Wie funktioniert dieser Test? Angenommen, ich mache eine absolut geniale Aussage und behaupte dann, sie sei mir von Gott geoffenbart worden. Wenn die Leute sagen "Wow, das kann sich kein Mensch ausgedacht haben, das ist so gut und so genial" - dann werden sie dazu neigen, mir zu glauben. Denn die Aussage kann auf eigenen Füßen stehen. Ihr übermenschlicher Charakter ist sozusagen "offenbar". Aber wenn ich mir so etwas selbst ausgedacht habe, wäre es natürlich dumm, mir diese Genialität nicht selbst anrechnen zu lassen, also kann man hier davon ausgehen, dass ich ehrlich war, denn es ist nicht zu meinem Vorteil, von einer Offenbarung gesprochen zu haben.

    Aber angenommen, meine Aussage ist überhaupt nicht von zweifelsfreier Genialität - dann kann man mir glauben oder es bleiben lassen. Wenn man es mir glaubt, dann ist das zu meinem Vorteil (= Autoritätsgewinn), und es ist unglaublich naiv, anzunehmen, kein Mensch könne diesen Vorteil nicht erlangen wollen, wenn man ihm dazu Gelegenheit gibt. Aber da die Genialität, das Übermenschliche, sehr schwer herzustellen ist, nimmt man einen anderen Weg. Man behauptet etwas, was unplausibel, unlogisch und unverstehbar ist und macht ein "Geheimnis" daraus (Geheimnisse üben eine ungeheure Anziehungskraft auf menschliche Neugier aus). Die Genialität wird dadurch simuliert, dass man es nicht verstehen kann. Es ist unverstehbar, wie die Geheimnisse der Relativitätstheorie, also ist es auch so genial. Die Effekte der Relativitätstheorie sind beobachtbar und widerlegbar, ganz im Gegensatz zu vielen Behauptungen der biblischen Offenbarung (abgesehen von den geschichtlichen Dingen, und gerade da erweist es sich, dass die Bibel vor Erfindungen nur so strotzt - siehe Finkelstein 2002).

    Außerdem ist es ungeheuer befriedigend zu sehen, dass die Menschen einem blind derartigen Unsinn glauben, gegen ihren Verstand glauben, also bereit sind, sich der Autorität soweit zu beugen, dass sie sagen "Ich bin bereit, Dir ohne Beweise zu glauben, selbst wenn mein Verstand sagt, es sei unsinnig". Wenn jemand dazu bereit ist, eine Autorität soweit anzuerkennen, dann kann diese Autorität quasi mit dem Menschen machen, was sie will (z. B. ihn auf Kreuzzüge zu schicken). Mehr Macht über Menschen bekommt man sonst nur noch mit einer geladenen Waffe in der Hand, aber das ist viel mühseliger. Außerdem ist es dann auch einfacher, den Menschen einen anderen Unsinn einzureden, wie beispielsweise, dass er eine Kirche braucht, um ein Leben nach dem Tode zu bekommen, und dass er dafür bezahlen muss (Kirchensteuer). Das einzig Sichere an der Erlösung ist der Erlös daraus, wie Deschner sagte. Wobei durch die Aufklärung die Bereitschaft, jeden Unsinn zu glauben, etwas abgenommen hat, ein Umstand, den die Theologen oft bemängeln, zwingt es sie doch zum Umbau ihrer Gedankengebäude und zu einer Anpassung ihrer "ewigen Wahrheiten". Für das, was heutige katholische Theologen mehrheitlich vertreten, wären sie im Mittelalter vor ein Inquisitionstribunal gezerrt worden. Aber es ist immer noch alles genau so wahr, wie es schon immer gewesen sein soll. Während Wissenschaftler freimütig ihre Irrtümer eingestehen, tun sich Theologen ungeheuer schwer damit. Und wenden die Freimütigkeit der Wissenschaftler beim Zugeben von Irrtümern sogar gegen die Wissenschaft. Aber das ist ein anderes Thema.

    Normalerweise - im Geschäftsleben - ist die Bereitschaft, ohne Beweise und gegen die Vernunft etwas zu glauben, eine Aufforderung an Betrüger, ein Betteln: "Bitte, bitte betrüge mich doch!". Diesem Wunsch wird auch fast immer stattgegeben. Im Geschäftsleben merkt man aber irgendwann, dass man herein gelegt worden ist. Beim Glauben ist es meist zu spät.

    Bei der Offenbarung der Bibel wird zumeist auch noch falschherum gedacht: Es gilt als ausgemacht, die Schrift sei göttlichen Ursprungs (ganz - Bibelfundamentalismus - oder teilweise - nach dem Verständnis der katholischen Kirche), und nun versucht man, ihre Göttlichkeit mit aller Gewalt, die man den Texten antun kann, hineinzuinterpretieren. Und, was man hineininterpretiert, kommt als Echo zurück. Ein Leser projiziert sein Verständnis auf die Texte. Von falschen Voraussetzungen angefangen kann das Ergebnis nur falsch sein.

    Für den Bibelfundamentalismus spricht eine ganz simple Logik: Wenn die Schrift von einem allwissenden, göttlichen Wesen offenbart wurde, gültig für eine lange Zeit, dann ist jede aufwändige, studierten Theologen vorbehaltene Interpretation, Unsinn - wobei die Bibelfundamentalisten dies auch nicht durchhalten können, weil dann nämlich jeder kleinste logische Widerspruch eine Evidenz gegen den göttlichen Ursprung ist, jeder Fehler spricht dagegen - und zwar gegen die Bibel als Ganzes. Also muss man die Fehler hinweginterpretieren. Ein logischer Zirkel: Die Bibel ist Gottes Wort, daher fehlerfrei, wenn wir einen Fehler entdecken, kann es nur ein Missverständnis sein, denn Gott macht keine Fehler, also müssen wir es so interpretieren, dass es fehlerfrei wird, was dann wiederum den fehlerfreien göttlichen Ursprung "beweist". Aber die angebliche Fehlerfreiheit ist eine menschliche Konstruktion.

    Eine nicht-wörtliche, symbolische Interpretation hat das gewaltige Problem, dass die Kriterien dazu nicht Bestandteil der Offenbarung selbst sind, die Kriterien wiederum sind menschengemacht, d. h. außerbiblischen Ursprungs und damit vollkommen willkürlich. Dass dem so ist spricht stark gegen eine "göttliche Inspiration". Man kann für Shakespeare tausend Interpretationen finden, nur eine nicht: Man kann nicht wissen, was er sich dabei gedacht hat. Folglich kann man nicht wissen, was sich ein Gott bei der Niederlegung der Schrift sich dabei gedacht haben sollte - es fehlt der Leitfaden. Dass Gott so etwas übersehen haben sollte, unterstellt menschliche Dummheit göttlichem Handeln. Gott, so dumm und unwissend wie unsere Vorfahren vor 2.000 Jahren? Das scheint mir blasphemisch zu sein, aber diese Blasphemie durchsetzt diese Interpretationen der Bibel als "inspirierte heilige Schrift".

    Die Idee der Inspiration selbst ist ohnehin ein Denkfehler. Um Robert Green Ingersoll zu zitieren:

    Nun wird behauptet, dieses Buch [die Bibel, Anm. VD] sei inspiriert. Es kümmert mich kein bisschen, ob dies stimmt oder nicht, die Frage ist, ist dies wahr? Wenn es wahr ist, dann braucht es nicht inspiriert zu sein. Nichts braucht Inspiration, außer etwas Falsches oder ein Fehler.


    Anders (und ebenfalls von Ingersoll gesagt), die Inspiration der Bibel beruht auf der Leichtgläubigkeit des Lesers.

    Die einzige Methode, diese ganzen Denkfehler zu vermeiden, besteht darin, die Bibel vom Kopf auf die Füße zu stellen: Sie ist reines Menschenwerk. Wenn man eine Idee darin erkennt, die offensichtlich genial ist, dann darf man gerne annehmen, sie sei göttlich offenbart, aber das ist dann nicht notwendig, um andere davon zu überzeugen. Wenn eine Idee nicht offenkundig genial ist, kann sie nicht von Gott stammen (warum sollte der unsere begrenzte Lebenszeit mit dem Aufzählen von Banalitäten verschwenden?), dann wird es aber auch schwierig, andere davon zu überzeugen. Dann braucht man wiederum so unsinnige Hilfskonstruktionen wie "man muss eben dran glauben" - jeder Astrologe, jeder Esoteriker, jeder Okkultist, jeder Scientologe, jeder Spiritist, jeder Muslim, jeder Obskurantist beruft sich auf genau dieselbe Argumentation, aus sehr durchsichtigen Gründen.

    Was macht die Bibel zu einem göttlich offenbarten Werk, den Koran aber nicht? Wenn die Argumente der Bibelgläubigen nicht erheblich und offensichtlich besser sind als die der Muslime, dann ist die Bibel genauso Menschenwerk wie der Koran auch. Wenn die Argumente nur genauso gut wie die der Muslime sind, dann gehören Christen der falschen Religion an und werden dafür später genauso in der Hölle schmoren wie Atheisten auch. Wegen der vielen verschiedenen Lesarten und Varianten und Übersetzungsprobleme ist diesbezüglich die Argumentation der Christen aber erheblich schlechter gegenüber dem Koran.

    Wenn man die Bibel als Menschenwerk ansieht, dann lösen sich alle Interpretationsprobleme nahezu in Nichts auf. Dann weiß man zwar immer noch nicht genau, was sich die Schreiber dabei gedacht haben, aber das ist dann auch nicht mehr so wichtig. Schriften zu wichtig zu nehmen ist ein Denkfehler, denn je mehr Energie zur Interpretation man hineinsteckt, umso wichtiger werden sie, und dann muss man deren Wichtigkeit beweisen - in dem man noch mehr Energie hineinsteckt, womit sie noch wichtiger werden und man noch mehr Probleme damit bekommt, sie als unwichtig zu klassifizieren usw. usf. Das nennt man einen Teufelskreislauf. Und je mehr man eine Schrift interpretiert, umso interpretationsbedürftiger wird sie - auch ein Teufelskreislauf.

    Die nahe liegende Lösung?

    Dass sich Menschen alle Dinge über Gott in der Bibel ausgedacht haben, aber über die Berufung auf ein höheres Wesen sich gerne einen Sonderstatus einräumen wollten. Diese Annahme erklärt alle Merkwürdigkeiten und kontrastiert mit keiner Tatsache.

    Konfusius, er sagt "Außergewöhnliche Behauptungen erfordern auch einen außergewöhnlich guten Beweis."

    Wie man Ideen und Vorstellungen auf andere Menschen überträgt

    Dialog-Gewalt-Indoktrination

    Wir sehen oben das Dreieck der Überzeugung, welches aus drei Eckpunkten besteht: Dialog, Indoktrination und Gewalt. Dies soll andeuten, dass es zwischen diesen Punkten fließende Übergänge gibt und keine scharfe Abgrenzung. Folter beispielsweise ist die Anwendung von Gewalt zur Indoktrination. Bestrafung ist auch eine Form der Gewaltanwendung zur Indoktrination. Erziehung ist - je nach der angewandten Methode - eine Mischung aus Belohnung, Bestrafung, Indoktrination und Dialog und siedelt sich mehr im rechten unteren Teil an. Krieg (sozusagen ein pervertierter und gewaltsamer Dialog) finden wir ganz links unten. Erziehung ohne Strafe befindet sich an dem rechten Rand des Dreiecks. Die Entfernung vom unteren Rand spiegelt u. a. auch das Alter des zu Erziehenden wieder. Drohungen befinden sich mehr auf der linken Seite des Dreiecks wieder.

    Zur Indoktrination siehe auch diesen Text.

    Wir können die meisten Dispute, Dialoge, Streits, Auseinandersetzungen - kurz alle Formen der offenen Kommunikation irgendwo auf diesem Dreieck wiederfinden, wenn diese gewisse Grundvoraussetzungen erfüllen. Nicht zu lokalisieren sind dort alogische Kommunikation, innerer Dialog, Visionen, Wahnzustände, Rauschzustände, verschlüsselte Kommunikation etc.

    Nun finde ich es wünschenswert, wenn Auseinandersetzungen sich möglichst weit vom unteren Rand entfernen. Dazu gibt es aber ein paar Voraussetzungen: Nur unter diesen Voraussetzungen kann es überhaupt einen fruchtbaren Dialog geben. Während der erste Punkt meist noch leidlich erfüllt wird, und man den zweiten Punkt meistens in den Griff bekommt, hapert es bei Diskussionen mit Gläubigen meistens mit der Anerkennung der Logik und der Begründung.

    Wir hatten an anderer Stelle bereits gesehen, dass eine Begründung stets in einem logischen Zirkel oder im Dogmatismus landet (ein unendlicher Regress ist aus praktischen Gründen nicht durchführbar, Dogmatismus ist nichts anderes als das willkürliche Abbrechen eines unendlichen Regresses). Somit gibt es keine letztendliche Begründung.

    Um dieser Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, benutzen Gläubige in den Diskussionen meist eine zirkuläre Logik oder der Rückzug auf einen Supernaturalismus (d. h. alogische Argumente) als Ausweichreaktion.

    Supernaturalismus ("Es ist so, weil Gott es so wollte") ist eine Methode, mit der man alles begründen kann, damit zugleich aber eben nichts, d. h. eine tautologische, sinnfreie Form, eine Pseudo-Begründung. Eine Theorie, die alles begründen kann, ist vollkommen wertlos, und ihre einzige Begründung ist dogmatischer Natur.

    Wenn man länger mit Gläubigen (vor allem mit Fundamentalisten) diskutiert, wird man irgendwann auf zirkuläre Logik oder einen Rückzug auf den Supernaturalismus stoßen (oder auf beides). Wenn man beides nicht auflösen kann, ist ein weiterer Dialog sinnlos.

    Das gilt natürlich auch dann, wenn man selbst in zirkuläre Logik oder Dogmatismus ausweicht - so viel Selbstkritik muss sein.

    Konfusius, er sagt: "Wer behauptet, er suche die Wahrheit, aber nur findet, was er immer schon wusste, der hat sich selbst betrogen: Er hat nie gesucht."

    Wo bleibt das Gefühl

    Wenn Sie Ihre Gefühle über Ihre Ratio stellen, um zu glauben, dann bedenken Sie bitte eines:



    Es ist weder mit dem Verstand noch mit dem Gefühl möglich, an zwei einander widersprechende Dinge gleichzeitig zu glauben.

    Wenn ich Ihnen sage: "Diese Kugel hier ist gleichzeitig vollkommen weiß und vollkommen schwarz", und sie wollen das von ganzen Herzen glauben - dann geht es trotzdem nicht. Sie können an Wunder glauben, aber sie können nicht an Widersprüche glauben.



    Wenn man den Glauben als ein starkes Gefühl der Überzeugung sieht, so ist dies eine Einstellung, die ich respektieren kann. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut.

    Wer gerne mehr über das "religiöse Grundgefühl" wissen möchte, dem sei folgende Lektüre empfohlen: Religion aus naturwissenschaftlicher Sicht (→ http://www.marienberger-seminare.de/religion_natur.pdf).

    Viele Leute schließen dann daraus, dass "Glauben" etwas höherwertiges ist als "Wissen". Vom Wissen kennt man diesen Grad der Überzeugung nicht. Wenn es also zu Konflikten zwischen "Glauben" und "Wissen" kommt, dann ist das Pech für das Wissen, da dieses immer "den Kürzeren zieht".

    Nun ist die Frage: Was hat Vorrang? Ich behaupte: Vorrang sollte der Verstand haben.

    Warum? Gefühle selbst sind stumm. Sie haben keine eigene Sprache, sondern basieren auf körperlichen Empfindungen. Emotio und Ratio sprechen nicht dieselbe Sprache. Wir können darüber reden, in dem wir die Gefühle in Worte fassen: Bei dieser Übersetzung gehen meist Informationen verloren. Wir können diese fehlenden Informationen über Empathie teilweise rekonstruieren, bestenfalls vielleicht sogar vollständig. Aber immer mit einer großen Unsicherheit. Sicher kann ich mir nur meiner eigenen Gefühle sein (und selbst da ist es schon schwierig).

    Stammesgeschichtlich sind Gefühle ziemlich alt. Sie sind vor dem Bewusstsein entstanden. Hunde z. B. können viele Gefühle, die ich habe, ebenfalls empfinden: Freude, Begeisterung, Zuneigung, Liebe, Wut, Ärger, Angst, Trauer usw. usf., also sowohl die positiven als auch die negativen Gefühle (bis auf Pseudogefühle wie Ehrgefühl, Pflichtgefühl etc. die nicht wirklich existieren - ein anderes Thema).

    Wenn also Konflikte zwischen Gefühl und Verstand auftreten, wem gebe ich den Vorrang? Dem Stammesgeschichtlich älteren Teil oder dem neueren Teil, welcher mich erst zu einem Menschen macht?

    Wenn es keinen Konflikt gibt, prima, dann freue ich mich.

    Aber wie sieht es in anderen Bereichen aus? Man kann diese Liste beliebig verlängern. Um einige dieser Dinge wurde blutiger Streit geführt. Besonders um den letzten Satz, wenn man "Mensch" durch "Arier" oder "Mitglied einer Gruppe oder Gesellschaft" o. Ä. ersetzt.

    Aber viele dieser Konflikte sind entschieden - vom Verstand. Gefühl und Anschauung, obwohl gegen den Verstand verbündet, haben in mindestens drei (wenn nicht allen vier) dieser Fragen Unrecht behalten.

    Und nun zum Konflikt aller Konflikte, quasi der "Mutter allen Streits". Ich vertrete meine Meinung. Mein Gefühl sagt mir, dass ich absolut Recht habe. Du vertrittst eine andere Meinung. Warum?

    Dafür kann es doch nur folgende Gründe geben: Ich werde dann entsprechend handeln.

    Andererseits: Wenn ich meinen Verstand befrage, dann sagt mir der: "Ich könnte Unrecht haben - mit allem, was ich sage, Du könntest Unrecht haben - wir brauchen mehr Informationen, um den Streit zu entscheiden, wir müssen weiter nachdenken". Wer hat nun recht: mein Verstand oder mein Gefühl?

    Ich weiß es nicht, aber es wäre besser, mein Verstand hätte recht, denn dann müsste ich Dir keine Uneinsichtigkeit unterstellen. Und es wäre mir auch lieb, wenn Du zu derselben Entscheidung kämest, denn dann können wir darüber reden. Über das Gefühl des "Ich bin mir sicher, ich habe recht" können wir nur dann diskutieren, wenn wir den Verstand als oberste Schlichtungsinstanz anerkennen.

    Der "historische Beweis" sieht so aus: Während in den letzten 200 Jahren viele Kriege aus religiösen Gründen geführt wurden, wurde noch kein einziger Krieg aus "wissenschaftlichen Gründen" vom Zaun gebrochen. Wissenschaft führt eine Konvergenz (= allmähliche Übereinstimmung der Meinungen und Ziele, Zusammenstreben) durch, historisch etwas vollkommen Einmaliges. Während Europa den 2. Weltkrieg führte, haben sich die Wissenschaftler aller beteiligten Länder weiter getroffen und ihre Auffassungen vereinheitlicht (misstrauisch beäugt von den jeweiligen Ländern, oft am Rande des Spionageverdachts). Während des kalten Krieges zwischen Amerika, Europa, der Sowjetunion sowie China haben die Wissenschaftler der Länder sich auf grundlegend-bahnbrechende Dinge geeinigt. Dabei neigen Wissenschaftler genauso zum Streit und zur Rechthaberei wie fast alle anderen Menschen auch.

    Während die Politiker sich stritten, weil sie fühlten, dass sie im Recht sind, und ihnen ihre Völker darin folgten, sagten sich die Wissenschaftler "Gleichgültig, ob ich fühle, dass ich im Recht bin, das ist irrelevant, lasst es uns ausdiskutieren" - und sie einigten sich. Leider missbrauchten die Politiker der Welt die Macht, die die Wissenschaftler daraus gewannen, weil sie fühlten, dass sie im Recht waren, wenn sie Massenvernichtungswaffen einsetzten ...

    Ich denke, wir Menschen kämen besser zurecht, wenn wir dieses Gefühl "Ich habe recht" ganz schnell zu den Akten legen würden, so schwer uns das auch fällt. Privat darf ja jeder denken, was er will, und solange dieses Gefühl ihn zu keiner Handlung nötigt, ist das auch in Ordnung. Solange ich dieses Gefühl nur als inneren Antrieb benutze, um noch sorgfältiger nachzudenken und meine Argumente noch präziser zu fassen (und um meine Irrtümer klarer zu sehen) ist das OK.

    Mein Gefühl sagt mir auch jetzt, ich sei absolut im Recht, aber ich bestehe nicht darauf, sondern sage: Es mag sein, dass ich mich irre. Wie sehen denn Deine Einwände aus, wo muss ich mich korrigieren, was ist falsch an dem, was ich sage, wo können wir uns einigen? Es fällt mir schwer, das zu sagen, weil ich ein verbohrter, sturer, rechthaberischer Betonkopf bin, aber über diesen Schatten springe ich, und wenn es mir weh tut und ich mir den Kopf stoße.

    Konfusius, er zitiert: "Unvermeidlich schlägt die Stunde, wo der Gefühlsglaube durch den Verstandesglauben ersetzt wird" (John William Draper)

    Glaube und Indoktrination: zwei Seiten einer Medaill

    Archaische Denkweisen sind auch heute noch weit verbreitet, denn sie haben einen enormen Vorteil: sie bieten eine sichere Basis (solange man die Basis nicht infrage stellt, aber selbst wenn man das tut, so landet man in einem Zirkel, in dem sich alles wunderbar gegenseitig bestätigt). "Herr A ist ein zuverlässiger Zeuge, soviel ist sicher. Warum ist das sicher? Weil Frau B es bezeugt. Und wie tadellos Frau B ist, wissen wir, weil Herr A uns dies selbst bestätigt hat". Häufig wird dies durch mehrere Zwischenstationen so verwirrend gestaltet, dass der Zirkel selbst für intelligente Menschen kaum zu durchschauen ist.

    Vier weitere Methoden werden eingesetzt, um diese Begründungen (des Glaubens) wahr erscheinen zu lassen: Indoktrination in frühester Kindheit ist sehr wirkungsvoll, weil wir in der Jugend die Denkmuster lernen, die wir später benutzen (und dies erklärt auch, warum Menschen meist bei der Religion ihrer Jugend bleiben - Wechsel kommen relativ selten vor und geschehen kaum spontan sondern brauchen eine lange Vorbereitung). Religion wird meist von den Eltern "geerbt" (im Sinne der Weitergabe von kulturellen Traditionen, nicht im genetischen Sinne).

    Zum Autoritätseffekt muss man kaum etwas sagen. Wir nehmen eher etwas an von Personen, die uns etwas bedeuten. Autoritäten geben uns Sicherheit und Geborgenheit und in den ersten Lebensjahren sind wir auf die Existenz von Autoritäten angewiesen, um überhaupt überleben zu können. Diesen Respekt vor Autoritäten werden Menschen kaum wieder los.

    Lernen geschieht fast ausschließlich durch die Wiederholung von Assoziationen. Jeder Mensch hat diese Erfahrung machen müssen. Nur durch ständiges Repetieren sitzt das Wissen des Prüflings. Wenn das Lernen dann noch in der Gruppe stattfindet und ritualisiert wird, dann schleifen sich die notwendigen Denkstrukturen schnell ein. Wer eine Messe in der Kirche mitgemacht hat, der erfährt folgendes: durch das Singen steigt (besonders bei ungeübten Sängern) der Kohlendioxidgehalt des Blutes an, die Denkfähigkeit lässt nach, und die Rituale üben eine fast hypnotische Wirkung aus.

    Dazu kommt dann auch noch der Gruppeneffekt: je mehr Menschen eine Überzeugung haben, um so eher nehmen wir an, dass das Gesagte wahr ist. Dabei spielt nicht so sehr die absolute Zahl eine Rolle, sondern die relative Nähe der beteiligten Gruppenmitglieder.

    Eine wichtige Rolle spielt auch der vierte Punkt: die Sanktionen gegen vorbildliche und abtrünnige Mitglieder. Daher hat fast jede der großen Religionen (mit Ausnahme des Buddhismus, dort geschieht dies eher indirekt) einen umfassenden Strafkatalog für Abweichler (bis hin zur Todesstrafe). Ungläubige werden im Christentum und Islam mit ewigen Höllenqualen bedroht - ein Schicksal, schlimmer als der Tod. Gläubige dagegen erwartet das Paradies. Durch die Indoktrination wird sichergestellt, dass niemand einen Beweis für diese Bestrafung oder die Belohnung verlangt (außer vielleicht einige mutige Kritiker).

    Diese Effekte potenzieren sich gegenseitig und wenn sie noch in die allgemeinen kulturellen Normen integriert werden, dann ist die Wirkung verheerender als eine mehrmonatige Gehirnwäsche. Dazu kommt, dass diese Prozesse der Indoktrination über mehrere Jahrtausende hinweg perfektioniert worden sind, in der Art einer kulturellen Auslese: Kulte, die nicht perfekt waren, sind untergegangen oder wurden assimiliert, später teilweise durch die Sieger sogar vernichtet, meist durch die Ermordung der Autoritätsfiguren des Kultes, manchmal auch durch die Ermordung fast aller Mitglieder. Dazu kommt noch die Missionierung, die im Christentum besonders gewalttätige Formen angenommen hat (selbst in der jüngeren Geschichte).

    Eine weitere Wirkung wird durch den hohen Erklärungswert der Glaubensvorstellungen erzielt. Menschen sind in hohem Maße darauf "konditioniert", Muster zu erkennen. Es ist praktisch kaum möglich, ein sinnloses Punktmuster z. B. durch Verspritzen von Tinte zu erzeugen, ohne dass wir Gestalten und Figuren darin erkennen. Auch in Wolkenformationen erkennen wir sofort Vertrautes.

    Da die Beschreibung der Welt stets unvollständig ist, werden die fehlenden Teile durch Musterergänzung komplettiert. Offensichtlich ist eine falsche Theorie, die die Welt komplett erklären kann, einer unvollständigen, aber korrekten Theorie immer überlegen (was die Annahme durch die Menschen angeht).

    Hier leisten die großen Religionen Erstaunliches: Sie liefern eine fast komplette Erklärung für die Welt und vermitteln so Sinn, Sicherheit und Geborgenheit. Deswegen "dürfen" die Glaubensvorstellungen auch nicht angegriffen werden, denn sonst könnten zu viele Leute aus dem Kontrollraster fallen.

    Und noch ein wichtiger Punkt spricht für die Glaubensvorstellungen: Sie sind so einfach gehalten, dass keine besondere intellektuelle Anstrengung nötig ist, sie zu begreifen. Wer aber geistige Herausforderungen nicht scheut, der findet auch dort genug Material für Fortgeschrittene.

    Wichtig ist auch noch zu erwähnen, dass Religionen kaum Vorhersagen über die Welt machen, die so eindeutig sind, dass ein Nichteintreffen etwa als eine Widerlegung gedeutet werden kann. Vorhersagen werden entweder keine gemacht, oder diese sind nicht explizit sondern werden durch spätere Deutung in die Texte hineininterpretiert, oder sie werden so Vage gehalten, dass eine Fülle von wahrscheinlichen Ereignissen zur "Bestätigung" der Vorhersage dienen kann. Dies übertrifft aber selten die Güteklasse billiger Jahrmarktsgaukler.

    Wenn man z. B. die mehrfach geäußerte Prophezeiung nimmt, mit der Jesus das baldige Ende der Welt verkündet, so wird entweder die Übersetzung angezweifelt, oder der Text "darf nicht so wörtlich interpretiert werden" etc. Ausreden lassen sich genug erfinden.

    Konfusius, er zitiert: "Es steht niemandem frei, Christ zu werden: Man wird zum Christen nicht "bekehrt", man muss krank genug dazu sein ..." (Friedrich Nietzsche)

    Der "Abstieg" von der Sicherheit des Glaubens zur Unsicherheit des Wissen

    Bei dieser Massivität und Gewalt - in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht - beim Durchsetzen bzw. beim Aufrechterhalten der Glaubensvorstellungen verwundert es kaum, dass es so lange gedauert hat, bis - anknüpfend bei alten griechischen Vorstellungen - ein Versuch gemacht wurde, andere Methoden der Wahrheitsfindung zu etablieren. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Kirche im Mittelalter praktisch ein Bildungsmonopol und ein Schriftmonopol hatte.

    Damit hatte die katholische Kirche zunächst auch ein Wahrheitsmonopol.

    Wie bis zum heutigen Tage wurde auch dieses Monopol missbraucht. Insbesondere wurde es zur Vernichtung der Andersgläubigen benutzt. In dem man ihre Bücher auslöschte oder fälschte konnte auch die Geschichte in ihrem Sinne gefälscht werden. Wie der große Bruder in George Orwells Roman "1984" kontrolliert der die Zukunft, der die Vergangenheit kontrolliert.

    Dieses System funktionierte in Europa über mehr als 1.000 Jahre - eine lange Zeit. In dieser Zeit wurden die meisten geistigen Fähigkeiten daraufhin ausgerichtet, dieses Glaubenssystem zu stärken und gegen jede Form des Einwands zu festigen. Aber mit der Stärkung der geistigen Fähigkeiten wurden zugleich auch die Fähigkeiten begründet, mit denen man das ganze System ins Wanken bringen konnte.

    Zur Stützung des Systems war hauptsächlich die Logik (→ http://www.infidels.org/news/atheism/logic.html) des Aristoteles benutzt und etwas weiterentwickelt worden. Wichtiges Merkmal der Logik ist aber, dass sie nur wahrheitsbewahrend, nicht wahrheitserweiternd ist. Logische Schlüsse können bestenfalls aus der Wahrheit der Prämissen Erkenntnisse hervorholen, die in den Prämissen bereits drinstecken (aber vielleicht nur nicht offensichtlich waren). Dies war im Sinne des Systems - denn wenn man die Prämissen durch Immunisierung nicht anzweifeln konnte bzw. durfte, dann konnten auch nur Wahrheiten herauskommen, die den Glauben stärkten.

    Die ersten Wissenschaftler versuchten nun, die Wahrheit zu erweitern. Zu dieser Zeit war der Versuch naiv, denn man hatte noch nicht bemerkt, dass jede Begründung unweigerlich in das Münchhausentrilemma führt. Damit unterminierte man aber zugleich auch die Sicherheit des alten Systems, denn wenn man das "neue Denken" kritisieren konnte, wieso dann nicht auch das archaische Denksystem? Wenn man mit der Kritik das Denken schärfen konnte, galt dies denn nicht für jegliches Denken? Wo sollte man Halt machen, und warum sollte man überhaupt halt machen?

    So kam es, dass die neu gefundenen Erkenntnisse zunehmend in Konflikt mit dem Glauben gerieten. Man war zwar froh, neue Erkenntnisse zu gewinnen, vor allem nützliches Wissen, aber man geriet an drei Fronten in Bedrängnis: dem Glauben, dem Begründungs-Trilemma und der Anschauung selbst. Offenkundig war das Universum bizarrer und vielfältiger als man ursprünglich gedacht hatte. Und offensichtlich ließ sich die Sicherheit des alten Glaubens nicht mehr retten. Man war von Dingen, die man "anschaulich" und "sicher" für wahr hielt, zu bizarrem, unanschaulichem und unsicherem Wissen gekommen, also vom Regen in die Traufe. Und je unsicherer das Wissen wurde, um so nützlicher wurde es gleichzeitig bei der Beherrschung der Welt. Dies ist ein gewaltiges Paradoxon ... wieso kann Wissen um so nützlicher werden, je unsicherer es wird?

    Weil es sich natürlich nicht um einen "Abstieg" handelt, der vom "sicheren" Glauben zum "unsicheren" Wissen führt, sondern ein Aufstieg, der vom illusionär und fälschlicherweise für sicher gehaltenen Glauben zu einer relativ besseren Form der Erkenntnis führte. Denn alle Gründe, die gegen ein gesichertes Wissen sprechen, sprechen in noch stärkerem Maße gegen den Glauben. Dies einzusehen ist für Gläubige so schmerzhaft, dass sie sich lieber vor dieser Erkenntnis verschließen.

    Konfusius, er sagt: "Je blinder der Glauben, umso sehender denken sich die Gläubigen."

    Kritik und Selbstkriti

    In den drei Schritten der Erkenntnis klang es bereits an: Die Fähigkeit zur Kritik ist nichts ohne die Fähigkeit zur Selbstkritik. Denn wenn alle Erkenntnis stets nur vorläufig begründbar ist, dann kann nur die Kritik die Erkenntnis in Bewegung halten (auf das Ziel von mehr und besserer Erkenntnis hin). Wenn die Kritik fehlt, dann fehlt auch der Antrieb, neue Erkenntnisse zu schaffen (sofern die Mängel nicht offensichtlich sind).

    Während weniger hundert Jahre wurde in Griechenland vor dem Christentum mehr an Erkenntnis gewonnen als in 1.000 Jahren Christentum. Wenn die Bibel (oder eine beliebige andere "heilige Schrift") schon alle wesentliche Erkenntnis enthält, wozu sich dann noch anstrengen, um diese Kenntnisse zu erweitern?

    Nur, wenn man die Vorläufigkeit aller Erkenntnis anerkennt, dann hat man einen gewichtigen Grund zu forschen.

    Die Religionen erkennen die hypothetische Natur aller Erkenntnis vor allem an, wenn es sich um den Glauben anderer handelt. Nur bitte die eigenen Grundlagen verschone man von der Kritik, bei Marginalien (oder was man dafür hält) ist man schon großzügiger. Dafür geißelt man sich dann als "Ausgleich" auch gerne, was die Erreichung unerreichbarer Glaubensanforderungen angeht - aber genau diese Form der Kritik bzw. des moralischen Masochismus ist mit selbst-kritisch nicht gemeint.

    Die Selbstkritik der Wissenschaft wird von Fundamentalisten mit Vorliebe gegen die Wissenschaft gewendet. Sie ist ein so wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft, dass es keinerlei Anstrengung bedarf, sie zu finden. Vor allem zwei wichtige Kritikpunkte haben es den Fundamentalisten angetan:
    1. Die Tatsache, dass alles Wissen hypothetisch ist.
    2. Die Lückenhaftigkeit des Wissens.
    Um es mit Sokrates zu sagen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (aber inzwischen weiß man das ein ganzes Stück genauer!).

    Vom 1. Punkt werden die eigenen Erkenntnisse natürlich ausgenommen. Dies scheint etwas zu sein, dass sich ausschließlich gegen die Wissenschaft wendet, eine ihrer großen "Schwächen". Wie ich oben gezeigt habe, wird dies aber von Wissenschaftlern bzw. wissenschaftlich gebildeten Menschen als Stärke angesehen. Festhalten an vorhandenem Wissen führt zur Stagnation. Wenn man nicht sicher ist, recht zu haben, wird man auch eher zur Toleranz neigen. Hinzu kommt, dass jede Untersuchung der Erkenntnis unweigerlich zu dem Schluss kommt, dass alles Wissen hypothetischer Natur sein muss: Denn wir landen jedesmal im beschriebenen Trilemma.

    Aber dies gilt auch für das angeblich so "sichere Wissen" der Fundamentalisten. Da diese ihre Basis aber gegen derartige Einwände immunisiert haben, wird dies nicht anerkannt. In der Folge redet man aneinander vorbei. Wie diese Immunisierung funktioniert, habe ich unter Denkfallen genauer beschrieben.

    Aber Ignoranz der Tatsachen ändert an den Tatsachen nichts. Glauben kann man durch Ignoranz ändern, Tatsachen nicht.

    Korrekt wäre es, die Immunisierung der Basis anzugreifen und die Fundamentalisten auf ihr "nicht-erkennen-wollen-können" aufmerksam zu machen. I. d. R. wird dies aber am psychologischen Widerstand scheitern.

    Auch der zweite Punkt (der aus dem ersten Punkt folgt) ist ein hervorragender, generischer Hebel, an dem man Kritik ansetzen kann. Die Menge an möglichen Forschungsthemen geht gegen unendlich, aber wir haben nur endliche Zeit und endliche Ressourcen, deswegen wird jede Forschung immer nur "Stückwerk" bleiben. In diese Lücken kann man vorstoßen und dort Erklärungen anbieten, die den Grundlagen der Wissenschaft widersprechen. D. h. die Evolutionstheorie (um nur ein beliebtes Beispiel zu nennen) lässt sich dadurch angreifen, dass die Wissenschaftler noch längst nicht alles wissen, sondern sich überall Erklärungslücken auftun, in denen sich ein "intelligenter Designer" unterbringen lässt. Die Wissenschaftler hingegen sind optimistisch, bei genügend großem Einsatz diese Lücken schließen zu können - dies ist auch recht häufig gelungen, wenn auch nicht immer.

    Aber auch wenn in der Vergangenheit diese Lücken häufig geschlossen wurden, so mag dies Optimismus für die Zukunft rechtfertigen, aber eine Sicherheit lässt sich daraus keineswegs ableiten. Diese Unsicherheit kann man ausnutzen, um den Leuten hier die eigene Sicherheit zu "verkaufen". Gewissheit (und sei sie auch nur scheinbarer Art) ist von großer Attraktivität.

    Man kann hier nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren: wenn (im Beispiel: Evolutionstheorie) bislang Lücken nach und nach geschlossen werden konnten, wieso ging dies, obwohl sich doch irgendwo in diesen Lücken ein "intelligenter Designer" verbergen muss, auf den man unweigerlich hätte stoßen müssen? Wieso konnte man davon keine Spuren entdecken?

    Aber gerade die noch vorhandenen Lücken sind doch die Spur!

    Hier spekulieren beide Seiten über die Natur dieser Lücken, dies ist natürlich sehr unergiebig, da hier (von beiden Seiten aus!) nur Vermutungen, aber keine Argumente gegeneinander gesetzt werden. Für die Gläubigen ist dies legitim, besteht doch der Glauben selbst fast nur aus Vermutungen.

    Anders gesagt: Wir können schlecht über etwas reden, von dem wir nichts wissen, und Debatten darüber sind ziemlich sinnlos. Damit ist diese Debatte unentscheidbar.

    Der wichtige Unterschied ist: Während die eine Seite sich mit den Wissenslücken zufrieden gibt und ihre eigenen, generischen Hypothesen dort einpassen (was automatisch zu einer Stagnation des Wissens führen würde, wenn die Gegenseite sich davon beeindrucken ließe), sucht die andere Seite aktiv nach Möglichkeiten, diese Lücken zu schließen und vermehrt das Wissen. Hier lässt sich sehr gut zeigen, dass man Fortschritt gegen Stagnation verteidigt.

    Das Argument also lautet, dass die Fundamentalisten die Stagnation des Wissens verteidigen und auf dem Status quo beharren. Aber jedes Stück Wissen, dass man unerkannten Bereichen entreißt, ist zugleich ein Beweis dafür, dass es eben nicht ausreicht, nur darauf zu beharren, man habe doch recht.

    Übrigens kann auch die Wissenschaft jederzeit in den Fundamentalismus abrutschen, wenn man sich der Wichtigkeit der Kritik nicht ständig neu bewusst wird ...

    Konfusius, er sagt: "Glauben versetzt Berge? Nein, Glauben ignoriert Berge und spekuliert, wie es wohl dahinter aussehen mag, Wissen erklettert Berge."

    Intoleranz und Stagnatio

    Nur einmal einen Moment angenommen, meine Erkenntnisse seien absolut richtig (denn sie sind mir z. B. im Traum als absolute Wahrheit von Gott geoffenbart worden): Dann wäre es doch völlig sinnlos darüber zu debattieren?

    Denn Deine Kritik kann nur von einem menschlichen Standpunkt aus kommen - mein gesichertes Wissen hingegen stammt von einer höheren Warte. Mein Wissen wurde von einem weit über uns stehenden Wesen geadelt. Wieso sollte ich Kritik daran akzeptieren? Kann und muss fehlende Einsicht auf deiner Seite nicht vielmehr nur mit Bösartigkeit, Blindheit, Uneinsichtigkeit etc. erklärt werden?

    Man muss sich vor Augen führen, wie ungeheuer verlockend es für Menschen ist, dieser Versuchung nachzugeben und die eigene Meinung als die Meinung eines Gottes auszugeben (und damit absolute Folgsamkeit zu verlangen). Es ist sehr einleuchtend und wird sicher auch von Fundamentalisten zugegeben, dass dieser Missbrauch in der Weltgeschichte sehr häufig vorgekommen ist (wie könnte man sonst die anderen, falschen Fundamentalismen alle erklären?).

    Bei der Wissenschaft gibt es Korrekturmechanismen gegen falsche Behauptungen (Peer Review, Wiederholbarkeit, kritische Diskussionen, Experimente etc.). Sicher gab und gibt es auch in der Wissenschaft Fälschungen - auch Wissenschaftler sind gegen die Verlockungen nicht immun! Ich erinnere in diesen Zusammenhang an die Zwillingsstudien, die Cyril Burt vorgelegt hat, um in der Intelligenzdiskussion zu "beweisen", dass Intelligenz zum größten Teil angeboren ist. Aber immerhin ist der Schwindel aufgeflogen.

    Wenn nun in der Wissenschaft mit denselben Methoden wie im Fundamentalismus die Ergebnisse und Theorien gegen Kritik abgesichert werden würden, dann wäre es unmöglich gewesen, den Schwindel aufzudecken. Dann würden wir den Fälschungen Burts "glauben", weil sie von einem renommierten Wissenschaftler stammen, und die Folgen wären verheerend (die Fälschungen von Burt waren einer der Gründe dafür, dass in den USA die Fördermittel für Minderbegabte gestrichen wurden).

    Welche Mechanismen garantieren mir nun bei einem Fundamentalismus, dass ich nicht dort ebenfalls auf einen Schwindel hereinfalle? Und ich verlange diese Garantie, denn es gibt so viele "garantiert wahre", sich aber widersprechende Glaubensrichtungen, dass man sich da leicht (ver)irren könnte. Ich lege sehr hohe Maßstäbe an, d. h. mindestens dieselben wie bei der Wissenschaft - aber eigentlich (da absolut wahr) müssten diese sogar noch höher sein, also sind meine Maßstäbe sogar eher noch bescheiden.

    Aus dem Münchhausentrilemma sehen wir, dass mir niemand diese Garantie geben kann (auch die Wissenschaft nicht). D. h. der Glauben verletzt jedes denkbare Qualitätskriterium, entgegen allen hohen Behauptungen. Wenn man eine Qualitätssicherung bei der Erkenntnis durchführt, dann wird man sehen, dass der Glauben hier äußerst ungenügend ist ... diese Unsicherheit auf der einen und Gehorsam dem Glauben gegenüber anderseits bilden einen seltsamen Kontrast.

    Psychologisch gesehen wird durch das Verlangen nach "blindem" Gehorsam die Unsicherheit kompensiert: Sicherheit bekommt man nur als Gegenleistung dafür, keine Kritik zu äußern bzw. seinen kritischen Verstand gleichsam "abzuschalten". Da Glaubensvorstellungen häufig deckungsgleich zu Wunschvorstellungen sind, heißt dieses "Tauschgeschäft": Ich erfülle deine Wünsche, wenn du mir dafür deinen Verstand gibst. Das wäre ein fairer Handel, wenn die Erfüllung der Wünsche nachvollziehbar wäre. Aber für eine konkrete Leistung im Diesseits wird nur ein Versprechen gegeben (wie in der Geschichte von Hank). Wer immer daher auch die Fairness dieses Handels kritisiert, verdirbt damit ein Geschäft - und zieht den Zorn der Profiteure auf sich (auch den der Anhänger, denn die möchten ja gerne glauben und fühlen sich nun betrogen - allerdings wird hier der Überbringer der schlechten Nachrichten angegriffen, nicht der Verursacher). Oder, wie Deschner sagt: "Sicher an der Erlösung ist nur der Erlös daraus".

    Ohne Korrekturmechanismen und ohne Qualitätssicherung wird der Glaubenskunde in doppelter Hinsicht betrogen: zum einen um ein Leben im Diesseits, das ganz anders aussehen könnte und u. A. ja auch mit einer Stagnation des Wissens bezahlt wird, zum anderen auch um die Erfüllung seiner Wünsche im Jenseits.

    Wer glaubt, dies sei offensichtlich und leicht zu durchschauen, der sehe sich einmal die Protokolle einiger Betrugsszenarien an, wo die Betrogenen bis ganz zum Schluss felsenfest an die Erfüllung ihrer Wünsche geglaubt haben. Hier ist es allerdings so, dass der Betrug (oder die Selbsttäuschung) nie aufgedeckt werden kann, weil die Erfüllung der Wünsche nicht überprüft werden wird.

    Es gibt eine Ökonomie des Glaubens: je mehr Energie in eine Ansicht gesteckt wurde, um so schwerer fällt es, diese loszuwerden, weil damit die investierte Energie ja aufgegeben wird. Dies ist auch in der Wissenschaft ein Problem, aber es fällt durch die vielfältigen Absicherungsmaßnahmen moderater aus.

    Konfusius, er zitiert: "Hat eigentlich die Skepsis auf die Schlachtfelder geführt oder der Glaube?" (Karlheinz Deschner dt. Autor und Kirchenkritiker)

    Denkfallen - was tun im Falle einer Falle

    Das grundsätzliche Problem des Fundamentalismus ist eine Denkfalle (eine genauere Erläuterung einer Denkfalle befindet sich hier), in der sich die Gläubigen gefangen haben (oder gefangen wurden). Der Mechanismus der Denkfalle ist im Prinzip einfach, in der Praxis jedoch schwer zu durchschauen, da der Mechanismus durch (meist frühkindliche) Indoktrination verstärkt wurde. Hinzu kommt oft noch die Verwendung falscher Logik, dazu gibt es hier eine wunderschöne Sammlung (→ http://www.infidels.org/news/atheism/logic.html) (leider in englischer Sprache). Eine allgemeine Einführung in die Problematik der Denkfallen finden Sie hier: Denkfallen und Paradoxa (→ http://www.fh-fulda.de/~grams/dnkfln.htm).

    Wenn man die eigenen grundlegenden Anschauungen gegen Kritik immunisiert, so schafft man sich eine (scheinbar) sichere, durch keinerlei Argumente oder Fakten zu erschütternde Basis. In einem kulturellen Ausleseprozess setzen sich genau die Auffassungen durch, die sich am leichtesten durch Indoktrination quasi "einpflanzen" lassen, und die nicht argumentativ zu widerlegen sind. Vom logischen Standpunkt aus lässt sich zeigen, dass man damit fast zwangsläufig zum Monotheismus kommt: Denn hier hat man eine Basis, die man nicht mehr zu verteidigen braucht, weil eine Widerlegung unmöglich ist.

    Der Monotheismus ist also einer der möglichen logischen Endpunkte einer Immunisierungsstrategie gegen Kritik (ein anderer Endpunkt wäre der Solipsismus, der aber äußerst selten vertreten wird: vermutlich, weil das Werben von Anhängern sich mit der Grundannahme nicht verträgt, folglich kann sich diese Idee in einer Kultur nur schwerlich "fortpflanzen"). Sobald es keinen möglichen Einwand gegen die Grundlagen mehr geben kann, ist ein Stadium der Sicherheit erreicht, in der jeder Kritiker als Zerstörer von Sicherheit, damit als "Feind" erscheinen muss. Die Grundannahmen sind aber eine "uneinnehmbare" Festung, die nur einen (nicht offensichtlichen) Konstruktionsfehler hat: Es fehlt der Ausgang. Damit macht sich der Fundamentalist zum Gefangenen seiner eigenen Gedankenkonstruktion. Daraus resultiert eine Stagnation des Denkens.

    Vom Prinzip her ähnelt dies dem Grübelzirkel, dem Depressive oft zum Opfer fallen. Auch hier ist ein Ausweg schwer, weil Logik (d. h. die meisten sprachlichen Möglichkeiten) zur Hilfe ausfallen.

    Letztlich landet auch der Fundamentalist wieder im Münchhausentrilemma, aber er schirmt sich gegen diese Erkenntnis so gut ab, wie es nur geht, weil die Konsequenzen unangenehm sind. Vor allem deswegen, weil sich mit diesen Methoden jeder beliebige Unfug immunisieren lässt (was auch getan wird, je nach Modewelle: Astrologie, Ufologie etc. pp.). Es ist erstaunlich, wie viel Unsinn mit dem Argument verteidigt wird, es müsse wahr sein, weil es nicht widerlegt werden könne. Hier fehlt die Einsicht, dass man dies auf zirkulärem Denken beruht (denn gerade der Zirkel flößt Vertrauen ein: Wenn aus A logisch B folgt, und man hält beides für richtig, und aus B folgt wiederum A, dann stützt sich dies doch gegenseitig, muss folglich "noch wahrer" sein - Grundlage der Falle).

    Aus diesem Teufelskreis kann man nur entkommen, wenn man die Denkweise umdreht: Wenn es nicht widerlegt werden kann, dann kann es auch nicht wahr sein, bzw. man hat eine Tautologie konstruiert oder sich in einer Denkfalle gefangen. Das Umdrehen dieser Argumentation war eine große Leistung von Popper.

    Und weil es so häufig vorkommt, demonstriere ich in einem kleinen Exkurs eine weitere "populäre" Denkfalle auf der folgenden Seite: Die Pascalsche Wette.

    Konfusius, er sagt: "Stiftung Glaubenstest sagt: Ihr Glaube genügt den minimalsten Sicherheitsanforderungen und Qualitätsansprüchen nicht und kann die Hölle für Sie bedeuten!"

    Denkfallen - die Pascalsche Wette

    In Diskussionen mit Christen taucht sie immer wieder mal auf, fast unweigerlich - die Pascalsche Wette. Sie stammt von Blaise Pascal (1623-1662), einem französichen Philosophen und Mathematiker, der einen rationalen Grund suchte, seinen Glauben zu verteidigen. Diese Wette geht so:

    "Wenn Du an Gott glaubst, aber Gott existiert nicht, so verlierst Du nichts - aber wenn Du nicht an Gott glaubst, und Gott existiert, so wirst Du in die Hölle geworfen. Deswegen ist es dumm, nicht an Gott zu glauben"

    Eine Diskussion dieser Wette in englischer Sprache finden Sie hier (→ http://www.infidels.org/news/atheism/arguments.html#pascal). Eine weitere sehr gute Auseinandersetzung mit der Wette (→ http://jhuger.com/pascal.mv) stammt von Jim Huber (dem Autor der Geschichte von Hank). Sehr gut ist auch The Rejection of Pascal's Wager (→ http://www.geocities.com/paulntobin/pascal.html).

    In dieser Wette verbergen sich eine ganze Reihe von Trugschlüssen und Täuschungen. Nicht alle sind offensichtlich, und obwohl Pascals Wette schon lange als "erledigt" gilt, taucht diese Wette mit großer Hartnäckigkeit immer wieder auf.

    Fangen wir an: "Wenn Du an Gott glaubst, aber Gott existiert nicht, so verlierst Du nichts". Da haben wir schon den ersten Irrtum. Denn je nachdem, wieviel Anbetung, kultische Verrichtungen und die strikte Befolgung einer obskuren Moral von mir verlangt, wird verliere ich eine ganze Menge: Zeit. Da ich nur dieses eine Leben auf der Erde habe, ist der Verlust an Zeit besonders schmerzlich.

    Im Original sieht die Wette daher auch so aus, dass die "geringen, aber endlichen" Mühen den "gewaltigen, weil ewigen" Gewinnen entgegengestellt werden. Diese Diskrepanz scheint diese Wette so attraktiv zu machen.

    Im Grundmuster benützt diese Wette einen alten Trick, nämlich die Verkürzung auf zwei Alternativen, zwischen denen gewählt werden soll, wobei die Bedingungen so formuliert werden, dass eine Alternative als besonders attraktiv erscheint.

    Ich demonstriere diesen Trick einmal. "Entweder, ich bin wahnsinnig oder aber ich habe in allem hier auf dieser Website recht. Wäre ich wahnsinnig, wäre ich weder in der Lage, diese Website zu gestalten noch würde ich frei herumlaufen. Also habe ich in allem recht".

    Gesehen? Ich unterschlage Ihnen eine ganze Reihe von Alternativen. Ich könnte z. B. wahnsinnig sein und doch recht haben, oder ich könnte völlig normal sein, aber trotzdem im Unrecht sein. Ich könnte in allem recht haben oder eben nur in einem Teil, in 10% oder 20% oder jeder beliebigen anderen Zahl. Dies ist der Alles-Oder-Nichts-Trick.

    Was die Wette angeht, so zähle ich einfach mal ein paar Bedingungen auf, unter denen die Wette zu meinen Ungunsten ausgeht, obwohl ich an Gott glaube und Gott existiert (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil, es gibt so viele Alternativen, dass eine komplette Aufzählung jeden Rahmen sprengen würde):



    Wir haben hier einen weiteren Fall von zirkulärer Logik. Um die Wette akzeptabel zu finden, muss ich bereits an einen ganz bestimmten, genau festgelegten Gott mit spezifischen Eigenschaften glauben. Weicht auch nur eine der für Gott angenommen Eigenschaften vom tatsächlichen Gott ab (wenn er denn überhaupt existiert), dann verliere ich die Wette, obwohl ich glaube, sie zu gewinnen. Nur, wenn der Glaube richtig ist, dann macht diese Wette überhaupt einen Sinn. Sonst wette ich beim Pferderennen, dass Michael Schumacher auf Ferrari gewinnt.

    Nun soll die Wette aber beweisen (bzw. plausibel machen), dass es sinnvoll ist, an Gott zu glauben. Dieser Beweis funktioniert nur, wenn die Voraussetzung stimmt, dass ein ganz bestimmter Gott existiert, dessen Existenz durch die Wette bewiesen werden soll etc. pp. - wir drehen uns ewig im Kreis. Es handelt sich also um eine typische Denkfalle - wer aber einmal darin steckt, der hat Schwierigkeiten, diesen Umstand zu begreifen. Das ist das Tückische an diesen Fallen.

    Die Wette enthält übrigens auch keinen Hinweis, an welchem Gott man glauben soll - da wären ein paar Tausend zur Auswahl. Wenn darunter einer sein sollte, der Menschen aufgrund solcher Marginalien wie den Glauben Menschen in die Hölle wirft, dann finde ich diesen Gott eher verabscheuungs- als bewunderungswürdig.

    Eine andere umgedrehte Wette sieht so aus - diese Wette hat die Probleme der Ursprungswette nicht und ist daher nicht so leicht zu widerlegen:

    "Es ist besser, sein Leben so zu leben, als ob es keinen Gott gäbe und zu versuchen, aus dieser Welt einen besseren Platz zum Leben zu machen. Wenn es keinen Gott gibt, so hat man nichts verloren und wird von den Menschen stets in guter Erinnerung behalten. Wenn es doch einen gütigen Gott geben sollte, so wird er Dich nach Deinen Taten beurteilen und nicht danach, ob Du an ihn geglaubt hast oder nicht."  [11]

    Man kann die Bedingungen der Wette stets so formulieren, dass sie die gerade gehegte Auffassung verstärkt. Zu mehr taugt diese Wette nicht. Man kann an ihr auch sehr gut messen, wie tief man bereits in den Denkfallen drin steckt, denn je mehr man dieser zirkulären Logik verfallen ist, umso schwerer ist es, die Fehler dieser Wette zu sehen ...

    (Entschuldigung, eigentlich wollte ich meine Argumente nicht durch zirkuläre Logik verstärken, aber in diesem Fall konnte ich der Versuchung nicht widerstehen)

    Letztlich kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass alle Gott unterstellten Eigenschaften substanzlose Spekulationen sind. Pascal hatte bei dieser Wette nur genau zwei Möglichkeit im Auge, nämlich die, dass der Katholizismus wahr ist oder nicht. Und er muss ein merkwürdiges Gottesbild gehabt haben. Sein Gott belohnt die, die sich der Bequemlichkeit des Glaubens hingeben und bestraft diejenigen, die durch hartes und angestrengtes Nachdenken zu einer eigenen, von der Masse abweichenden Meinung gekommen sind. Denn glauben ist leichter als denken. Mit der Masse glauben ist leichter als eigene Gedanken hegen.

    Dies begründe ich ausführlich in einem weiteren Beitrag zur Pascalschen Wette: Nur Atheisten kommen in den Himmel.

    Konfusius, er zitiert: "Dies ist ähnlich dem Vorschlag, den der Quirmianische Philosoph Ventre gemacht hat, der sagte: 'Vielleicht existieren die Götter und vielleicht auch nicht. Warum also sollte man nicht an sie glauben? Denn wenn es wahr ist, dann gelangst Du an einen lieblichen Ort, wenn Du stirbst, und wenn es nicht wahr ist, dann hast Du nichts verloren, richtig?'. Nach seinem Tod wachte er auf, umringt von Göttern mit übel aussehenden Prügeln in der Hand, und einer von ihnen sagte: 'Wir werden Dir jetzt zeigen, was wir von Mister Ach-Ich-Bin-So-Clever in dieser Frage halten ...'" (Terry Pratchett, "Hogfather" - Übersetzung von mir)

    Nur Atheisten kommen in den Himmel

    Der folgende Text wurde inspiriert von Richard Carrier, dessen Ausführungen hier zu finden sind: The End of Pascal's Wager: Only Nontheists Go to Heaven (2002) (→ http://www.infidels.org/library/modern/richard_carrier/heaven.html).

    Die Pascalsche Wette wettet darauf, dass nur gläubige Christen ins Paradies kommen, weil nur diese an den einzig wahren Gott glauben. Der Glauben sowie die Befolgung der mit dem Glauben verbundenen Gebote (gute Werke etc. - man kann hinzufügen, was man will) sind also die Voraussetzungen, um einen unendlichen Lohn zu bekommen. Wie fragwürdig dies unter Betrachtung der Bibel ist, habe ich in den Artikeln Der Heilsplan I und Der Heilsplan II bereits beschrieben. In der Pascalschen Wette werden nun einige Annahmen gemacht - hier werde ich, in Anlehnung an Richard Carrier versuchen, zu zeigen, dass auf Basis dieser Annahmen das Setzen auf den Unglauben immer noch die sicherste Wahl ist.

    Argument 1: Wer gelangt ins Paradies?

    Angenommen, dass nur Menschen mit moralisch korrektem Verhalten ins Paradies kommen. Dieser Glauben wird von sehr vielen Gottgläubigen gehegt. Aus gutem Grund - denn andernfalls würde sich der Himmel mit Menschen füllen, die moralisch schlecht sind, die Gott ablehnen, die seine Gebote nicht erfüllen und somit seiner nicht würdig sind. Selbstverständlich spielt auch die Gnade noch eine große Rolle, denn kein Mensch ist moralisch perfekt. Menschen sind mehr oder weniger gut, die einen mehr, die anderen weniger. Gott, so wird argumentiert, will den Himmel nur mit guten Menschen füllen, weil Gott selbst gut ist (moralisch perfekt).

    Um den Glauben muss man sich bemühen, d. h. man muss von dem Willen beseelt sein, herauszufinden, was im Sinne Gottes gut ist und was nicht, und man sollte zumindest ehrlichen Herzens versuchen, danach zu leben. Dieses Leben aus dem Glauben heraus kann nur funktionieren, wenn man zumindest einige grundlegende Fakten über das Universum weiß und beherzigt. Einer dieser Fakten ist beispielsweise, dass Gott existiert. Daraus folgt, dass nur diejenigen in Frage kommen, die nach der Wahrheit und dem Guten aktiv suchen, ihr Verhalten testen und so zu guten Gründen kommen, ihren Glauben für wahr zu halten und sich danach zu richten. Nur diejenigen können moralisch vertrauenswürdig sein, die sich ihrer moralischen Grundsätze vergewissern - außer natürlich, Gott möchte den Himmel mit bequemen, unverantwortlichen und nicht moralisch vertrauenswürdigen Personen bevölkern.

    Aber es gibt nur zwei Gruppen von Leuten, auf die diese Beschreibung zutrifft: die intellektuell redlichen aber kritischen Theisten und die intellektuell redlichen aber kritischen Nichtgläubigen (Agnostiker, Atheisten, aber mehr noch die säkularen Humanisten). Beide Gruppen suchen beständig nach Wahrheit und moralischem Wohlverhalten, nur diese sichern ihren Glauben an das Gute durch Überlegung und praktisches Handeln ab. Andere, die dem Glauben indifferent gegenüberstehen, die sich blind nach dem richten, was andere ihnen sagen, die zu faul zum Denken sind, die bequem den Weg des geringsten Widerstands gehen (sei es gläubig oder ungläubig oder halbgläubig) kommen wohl kaum in Frage. Wer immer daran interessiert ist, herauszufinden, was gut und was schlecht ist, der muss sich auch mit der Frage beschäftigen, ob Gott existiert, so dass man ein solides Fundament für seine Moral hat, oder ob er nicht existiert und man anderswo suchen muss, um die Basis für sein Handeln zu finden. Nur wer sich bemüht ist auch vertrauenswürdig. Und nur die beiden genannten Gruppen halten die moralischen Fragen für wichtig genug, um sich intensiv damit zu beschäftigen.

    Argument 2: Warum gibt es diese Welt?

    Eine weitere wichtige Frage ist die, warum Gott mit seiner Allmacht sich nicht einfach zeigt und die Menschen von seiner Existenz überzeugt. Die "göttliche Verstecktheit" ist eines der Mysterien dieser Welt. Erklären kann man dies eigentlich nur, wenn man diese Welt als einen Test ansieht, wer dafür würdig ist, in den Himmel zu kommen und wer nicht. Auch diese Überzeugung wird von vielen Gläubigen vertreten, wiederum aus gutem Grund. Denn wenn Gott von vornherein wüsste, wer dafür geeignet ist und wer nicht, dann hätte er sich diese Welt sparen können und die Leute gleich schon vor ihrer Geburt auswählen können. Gott müsste dazu nur vorher wissen, wie sich jemand verhalten wird.

    Der freie Willen kann diese Schlussfolgerung nicht aufheben, weil wenn der Willen wirklich frei ist (und nicht nur eine Illusion), dann zeigt sich das darin, dass wir unseren Willen jederzeit umkehren können und unser Verhalten ändern können. Dies gilt vor allem für den Fall, dass wir unseren freien Willen auch im Paradies behalten. Jeder könnte im Paradies durch einen unerwarteten Akt des freien Willens sich dazu entschließen, Böses zu tun. Folglich braucht Gott einen Test, um herauszufinden, wer aus freiem Willen bereit ist, stets das Gute zu tun.

    Argument 3: Kein Gott oder ein böser Gott?

    Wenn man nur die Wahl hätte zwischen den beiden Alternativen, dass entweder kein Gott existiert oder aber ein böser Gott, dann würde auch der gläubigste Christ sich dafür entscheiden, dass kein Gott existiert. Denn einen bösen Gott zu verehren ist sicher eine böse Tat. Nun gibt es aber gute Gründe, anzunehmen, dass Gott nicht gut ist oder dass es keinen Gott gibt.

    Wenn man sich das AT genauer ansieht, dann findet man für diese Behauptung viele Belege. Gott hat alle Menschen (bis auf acht) in einer großen Sintflut ersäuft, er hat Vernichtungskriege befohlen, er hat mit Satan eine Wette abgeschlossen und Hiob gequält, er hat den Glauben Abrahams getestet, ob dieser bereit ist, seinen Sohn Isaac zu opfern. Und er hat Abraham dafür belohnt, dass er Loyalität über alle moralischen Prinzipien gestellt hat. Das alles sind Werke eine bösen Gottes. Dann gibt es in dieser Welt noch die Naturkatastrophen, Erdbeben, Seuchen, Überflutungen, Vulkanausbrüche und ähnliches mehr. Außerdem verhindert Gott auch die vielen moralischen Übel der Menschen nicht, wie beispielsweise den Holocaust.

    Alternativ kann man zwar annehmen, dass die biblischen Geschichten nicht wahr sind, aber damit entzieht man dem Chrsitentum den Boden.

    Argument 4: Der Test

    Von den beiden genannten Gruppen sind aber nur die Ungläubigen bereit, die Konsequenz zu ziehen, und lieber an keinen als an einen bösen Gott zu glauben. Folglich ist nur die Antwort der Nchtgläubigen im Sinne des moralischen Tests, um herauszufinden, wer gut ist und wer nicht. Wer intellektuell redlich ist, auf der Suche nach der Wahrheit, nach einem wahren und gerechtfertigten Glauben, der setzt nicht einfach voraus, dass Gott gut ist, sondern sucht nach Fakten, die seinen Glauben bestätigen. Hinzu kommt, dass der Glauben selbst seine Probleme hat (siehe Der Glauben als Konflikt. Der Glauben selbst hat über Kreuzzüge, Hexenverfolgungen und Religionskriege das moralische Verhalten der Menschen nicht gebessert, im Gegenteil, er hat neue Konflikte geschaffen, die er aus sich heraus nicht bewältigen kann.

    Ohne eine plausible Lösung des Theodizeeproblems ist es nicht gerechtfertigt, an die Existenz eines guten Gottes zu glauben und diesen als Maßstab für moralisches Verhalten zu nehmen. Aber einen Unglauben angesichts von Höllendrohungen (oder dem Verlust des ewigen Lebens) aufrecht zu erhalten, angesichts eines immensen gesellschaftlichen Drucks, einfach zu glauben, erfordert Mut und couragiertes Denken. Wer nicht so naiv ist, gegen alle Evidenzen einen Glauben an einen guten Gott blind zu halten, der gehört zu der Gruppe, die den Test bestehen. Denn vor allem vor dem Hintergrund des Schweigens von Gott ist es nicht gut, ohne Nachdenken tradiertes Glaubensgut zu übernehmen.

    Folglich sind nur die intellektuell redlichen, ernsthaft um die Wahrheit bemühten Ungläubigen dazu geeignet, ins Paradies aufgenommen zu werden. Nur diese erfüllen die Testbedingungen. Und das erklärt auch plötzlich viele der großen Geheimnisse:

    Der einzige Weg, den Willen der Menschen zu testen ist der, zu sehen, ob sie zu Ungläubigen werden oder nicht. Und nur die selbstbewussten Ungläubigen bestehen diesen Test. Nur wer gut ist um des Guten willen und nicht wegen Paradiesversprechungen oder Höllendrohungen ist geeignet, dass Paradies zu bevölkern, ohne in seinem freien Willen dazu zu neigen, gleich wieder Böses zu tun (früher oder später, bei unendlicher Zeit ist dazu die Versuchung und die Wahrscheinlichkeit dazu sehr groß).

    Schlussfolgerung

    Aus den angeführten Gründen ergibt sich, dass dies eine bessere Erklärung für den Zustand der Welt und der Bibel ist als die gängigen Thesen der Gläubigen. Und weil dies gegen alle Schlussfolgerungen von Pascals Wette steht, folgt daraus, dass die Wette einen Glauben an Gott nicht rechtfertigt und daher zu verwerfen ist, weil der Glauben an Gott eben nicht die beste Wahl ist.

    Subjektivismus als Ausweg

    Die bisherige Diskussion orientierte sich sehr stark an der Logik - zu stark für viele Geschmäcker. Wo bleibt da der Mensch? Menschen sind nicht unbedingt logisch und rational, insofern werden viele der bislang geäußerten Argumente auch viele Menschen nicht erreichen.

    Das Problem damit ist: Wenn wir miteinander reden wollen, so brauchen wir eine gemeinsame Basis dafür. An anderer Stelle hatte ich das bereits erwähnt. Und wenn wir nicht aneinander vorbeireden wollen, so brauchen wir auch gemeinsam akzeptierte Regeln für den Dialog. Ohne diese Regeln ist es, als ob wir in verschiedenen Sprachen miteinander reden würden.

    Sprachregeln und Sprachen sind historisch gewachsen. Nur aus dieser Tradition erwächst eine Gemeinsamkeit. Wenn jede Gruppe ihre eigenen Regeln pflegt, so gibt es keinen Gedankenaustausch, sondern nur ein asoziales (im ursprünglichen Sinne von anti-sozial, d. h. gegen die Gesellschaft gerichtet) Gegeneinander oder bestenfalls ein belangloses Nebeneinander.

    Dies führt uns zu den subjektiven Wahrheitstheorien, die ich kurz als Subjektivismus bezeichne. Beim Subjektivismus wird das Problem der Wahrheitsfindung umgangen, in dem man die vorhandenen Wahrheitstheorien umdefiniert. Nehmen wir die Standard-Definition von Wahrheit: Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie den Tatsachen entspricht. Subjektiv würde man sie so umformulieren: Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie für mich den Tatsachen entspricht. Dies führt dann dazu, dass zwei anerkannte Wahrheitgesetze nicht mehr aufrecht erhalten werden können: das Gesetz des Widerspruchs (A und Nicht-A sind nicht beide wahr) und das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten (entweder A ist wahr oder Nicht-A). Denn ich könnte feststellen, dass A den Tatsachen entspricht, Sie könnten feststellen, dass Nicht-A den Tatsachen entspricht. Das wäre kein Widerspruch, denn für mich ist A wahr, für Sie ist Nicht-A wahr, und es ist uns keine Einigung möglich.

    Wenn man das Gesetz des Widerspruchs und das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten als Grundbedingung für eine Wahrheitstheorie akzeptiert, ist damit der Subjektivismus zu verwerfen, er genügt beiden Gesetzen nicht. Halten wir den Subjektivisimus trotzdem aufrecht, dann werden wir uns über einige Dinge nicht einigen können. Wenn wir aber in einer Gemeinschaft leben, dann werden wir uns über einige Dinge niemals einigen können. Die einzige Möglichkeit, solche Konflikte zu entscheiden, ist dann die Gewalt (oder permanente Nachgiebigkeit - sehr unwahrscheinlich!).

    Durch Nicht-Anerkennung der allgemeinen Regeln des vernünftigen Redens, wozu unbedingt die Logik gehört, wird ein Gegeneinander gefördert: Denn, wer nicht für mich ist (d. h. meine willkürlichen Regeln akzeptiert), der ist gegen mich. Damit sind gerade die fundamentalistischen Gruppen tendenziell anti-sozial, intolerant und nur auf die Gruppenegoismen ausgerichtet. Meist richtet sich ihre soziale Verantwortung auch nur auf Mitglieder ihrer Gruppe. Damit wird die Gesellschaft atomisiert, moralisch unterminiert und in irrationale Bahnen gedrängt.

    Dies alles wäre vollkommen harmlos, wenn aus den eigenen Anschauungen nicht eine Moral für die gesamte Gesellschaft abgeleitet würde, die dieser aufoktroyiert wird, und wenn diese Gruppen nicht in anderen Gesellschaften missionieren würden und wenn sie ihre Kinder nicht indoktrinierten. Und wenn sie sich aus den öffentlichen Dialogen (deren Regeln sie ohnehin nicht anerkennen) heraushielten.

    Verschärft werden diese Tendenzen noch durch einen teilweisen Hang zu einem extremen Subjektivismus und zur Selbstüberhöhung. Das aus der Selbstüberhöhung häufig eine Intoleranz folgt können wir fast jeden Abend in den Nachrichten verfolgen. Rechtsradikale Modernitätsverlierer ("Loser" auf Neudeutsch) halten sich für "bessere Menschen" (z. B. Arier) als ihre ausländischen Mitbürger und nehmen sich daher das "Recht des Stärkeren" (das größte Unrecht) heraus um ihnen zu schaden. Nun halten sich auch die Christen leider für die moralisch besseren Menschen, was geschichtlich schon verheerende Konsequenzen hatte. Die angebliche Überlegenheit der Christen zeigt sich im Dialog durch die Überheblichkeit, jederzeit den Willen eines übergeordneten Wesens (Gott) für sich zu reklamieren, ohne dafür Beweise vorlegen zu müssen, während von der Gegenseite Beweise für alles gefordert werden. Diese soziale Schieflage, dieser Überlegenheitsdünkel, birgt ähnlichen sozialen Sprengstoff wie das "Übermenschentum" des rechtsradikalen Mobs. Die Vergangenheit beweist dies.

    Der Subjektivismus birgt nicht ganz so viele Gefahren, außer der erwähnten Tendenz zur sozialen Spaltung. Es ist nun so, dass jeder Gedanke, jede Vorstellung, jede Erkenntnis zunächst im Subjekt stattfindet. Wir können diese Erkenntnisse - die geeigneten Regeln vorausgesetzt - kommunizieren und zum Allgemeingut machen. Wir können mit den richtigen Methoden (Wissenschaft) sogar herausfinden, welche dieser Ideen rein subjektiv sind, und welche eine objektive Grundlage haben. Kurz: Wir können Erkenntnisfortschritt produzieren, von dem alle etwas haben, sowohl im Guten als auch leider im Schlechten. Dieser Fortschritt ist sozial, kommunikativ, verbindend, intersubjektiv und weiterführend.

    Einer der großen Fortschritte der Wissenschaft ist nie so recht gewürdigt worden: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es ein Wissen über die Welt, welches von der ganzen Welt geteilt werden kann, wo jeder Streit einen großen, unparteiischen Schlichter hat (die Natur), wo es einen Völker übergreifenden Konsens gibt. Zur Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus haben Physiker aus aller Welt nie aufgehört, ihre Ideen auszutauschen und zu diskutieren (misstrauisch beäugt von den verfeindeten Regierungen, die stets eilfertig mit Spionageverdächtigungen zur Hand waren) und sich zu einigen.

    Während unglaublich viele Kriege wegen unterschiedlicher religiöser Auffassungen vom Zaun gebrochen wurden (zuletzt in Europa auf dem Balkan, ansonsten beispielsweise auch im Irak) hat es nie einen Krieg aus "wissenschaftlichen Gründen" gegeben, und jeder Wissenschaftler hält (bei allem Streit untereinander in Detailfragen) dies auch nicht für möglich - weil man Regeln hat, jeden Streit zu klären. Die Idee einer gemeinsamen Welt, für die wir auch gemeinsam verantwortlich sind, die Idee, dass wir Menschen in dieser Welt verwurzelt sind (und nicht in einem imaginären Jenseits), die Idee, dass die Befragung der Natur dieser Welt jeden Streit über die Wahrheit zu einem guten, gemeinsam getragenen Abschluss bringen kann, und die Tatsache, dass daraus ein Fortschritt erwächst, den wir für uns nutzen können: Diese Ideen sind den Gläubigen dieser Welt fremd, so wie sie selbst der Welt entfremdet sind.

    Einige Gläubige leben teilweise in einer subjektiven, ichabgeschlossenen, unzugänglichen, unkommunizierbaren, individualistischen Welt und dünken sich daher als etwas Besseres. Was anderes soll daraus erwachsen als Unfrieden, die Unfähigkeit zum Dialog, die Unfähigkeit zum Konsens?

    Wenn mir also jemand erzählt, er sei Gott in seiner persönlichen, subjektiven Welt begegnet, so mag dies noch harmlos sein. Wenn mir dann aber jemand erzählt, er habe damit den Auftrag, die Welt selbst zu ändern, dann läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Diese Art von Auftrag hatten die Attentäter vom 11. September ebenfalls ... und man kann nie vorhersagen (weil es so irrational ist), wie dieser Auftrag verstanden wird oder wohin sich das Ganze entwickelt. Vor allem, wenn diese Denkweise verbreitet wird, mit Denkfallen gespickt, immunisiert gegen jede Kritik und Widerlegung, damit unfähig zum Dialog und zum Konsens: Dann schrillen bei mir die Alarmglocken.

    Hinzu kommt, dass aus logischen Gründen jeder Subjektivismus im Solipsismus endet. Denn wenn Wahrheit nur oder überwiegend vom erkennenden Subjekt abhängig ist, dann wird die Wahrheit vom Subjekt selbst konstruiert. Eine anti-sozialere Haltung als einen Solipsismus kann man sich kaum denken.

    Konfusius, er sagt: "Der Preis des Glaubens ist die Opferung der Vernunft."


    Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume

    Wie steht es nun um die Wahrscheinlichkeit, dass die christliche Religion wahr ist? Denn es wird häufig damit argumentiert, dass es eben vielleich doch wahr sein könne (meist dann, wenn am Ende seiner Argumente angekommen ist). Nun, vielleicht ist auch der Islam wahr (dann landen Christen in der Hölle!) oder der Hinduismus oder Buddhismus oder ...

    Aber zurück zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit. Dazu ein kurzer Ausflug in die Wahrscheinlichkeitsrechnung (keine Angst, über die Rechenlehre des vierten Schuljahres gehe ich nicht hinaus). Angenommen, ein großer, schwarzer Raum existiert, angefüllt mit Gegenständen von großer Bedeutung. Leider habe ich keinen Zugang zu diesem Raum und kann auch nicht in ihn hineinsehen.

    Wie sicher kann ich mir sein, über den Inhalt Bescheid zu wissen?

    Angenommen, ich wüsste mit 50%iger Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Objekt "X" in dem Raum befindet. Weiterhin weiß ich, dass sich ein Objekt "Y" darin befinden könnte, auch mit 50%iger Wahrscheinlichkeit. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich beide Objekte in dem Raum befinden?

    Es gibt vier Möglichkeiten (wenn wir annehmen, dass beide Objekte voneinander unabhängig sind):
    1. Objekt X und Y sind vorhanden.
    2. Objekt X und Y sind nicht vorhanden.
    3. Objekt X ist vorhanden, Y ist nicht vorhanden.
    4. Objekt X ist nicht vorhanden, Objekt Y ist vorhanden.
    Somit beträgt die Wahrscheinlichkeit 25%, dass beide Objekte vorhanden sind (einer von vier Fällen ist zutreffend).

    Wenn die Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und 1 betrachtet wird, was 0% bzw. 100% bedeutet, dann ist dies mathematisch gesehen:

    0,5 * 0,5 = 0,25

    Wahrscheinlichkeiten werden also multiplikativ (durch malnehmen) miteinander verknüpft, nicht additiv (durch Addition).

    Bei drei Objekten mit einer Wahrscheinlichkeit von je 50% (= 0,5) ist die Gesamtwahrscheinlichkeit 0,5 * 0,5 *0,5 = 0,125, also 12,5%. Wir können uns dies leicht ausrechnen, wenn wir feststellen, dass wir jetzt 8 Kombinationsmöglichkeiten haben und 100 / 8 = 12,5.

    Wir können dies auch als Wahrheitswahrscheinlichkeit betrachten. Wie wahrscheinlich ist es, dass die folgende Aussage wahr ist?

    Objekt X und Objekt Y sind beide vorhanden.

    Die Antwort lautet natürlich ebenfalls 25%.

    Sie kennen das Sprichwort: "Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied". Bei Wahrscheinlichkeiten gilt dies nicht, tatsächlich ist die Kette schwächer als ihr schwächstes Glied, nur in Extremfällen (Wahrscheinlichkeit 0 oder 1) ist eine Kette aus zwei Gliedern so stark wie ihr schwächstes Glied.

    Wenn wir also ein Aussagensystem haben, in dem Aussagen stecken, deren Wahrscheinlichkeit wir bestenfalls abschätzen können, dann sinkt mit jeder zusätzlichen Aussage die Wahrscheinlichkeit, dass das Gesamtsystem wahr ist (sofern die Aussagen eine Kette bilden).

    Mit jeder Annahme über den schwarzen Raum, die wir treffen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir insgesamt Recht haben! Und sie sinkt stets tiefer als unsere schwächste Annahme.

    Jetzt sehen Sie einen wichtigen Grund für Ockhams Rasiermesser. Man sollte stets so wenig unbegründete oder unbeweisbare Annahmen wie nur irgend möglich machen, weil jede zusätzliche Annahme die (Wahrscheinlichkeit für die) Wahrheit des Gesamtsystems vermindert.

    Dies widerspricht unserer Intuition und unserer Anschauung. Wir Menschen sind wahrscheinlichkeitsblind. Deswegen widersprechen Denksportaufgaben, bei denen es um Wahrscheinlichkeit geht meist auch dem, was wir intuitiv als richtig ansehen. Menschen trauen aber eher der eigenen Intuition als der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Jede Versicherung, die so handelte, wäre innerhalb kürzester Frist pleite. Auch Spielbanken profitieren von dieser Blindheit.

    Wenn wir also die folgenden Annahmen betrachten: Dann sinkt mit jeder der unbestätigten Annahmen die Wahrscheinlichkeit, dass dies alles richtig ist. Je mehr Bibelzitate also jemand anführt, um die Richtigkeit seiner Annahmen zu begründen, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Recht hat. Psychologisch gesehen scheint zwar jede Zusatzannahme das Gesamtgebäude besser abzustützen, aber faktisch ist exakt das Gegenteil der Fall. Ist in dieser Kette von Argumenten auch nur ein einziges falsches Glied, dann liegt die Wahrscheinlichkeit insgesamt bei 0% (und sinkt dann auch nicht tiefer, gleichgültig, was wir noch für Annahmen machen)  [12].

    Es handelt sich hier um eine Kette von Aussagen. Im Gegensatz zu dem Beispiel der Objekte X und Y, die unabhängig voneinander existieren, ist dies bei den Aussagen der Religion nicht der Fall. Nur: Wenn Gott nicht existiert, dann ist die ganze Kette falsch bzw. unsinnig (ein Gott, der nicht existiert, kann sich auch nicht für uns interessieren). Wenn Gott sich nicht für uns interessiert, dann wissen wir nicht, was er mit seiner Offenbarung bezweckt. Wenn Gott lügt, sich aber offenbart, ist seine Offenbarung wertlos. Wenn die Schreiber der Bibel dabei Fehler gemacht haben, und wir wissen nicht mit Sicherheit wo, dann ist die Religion wohl eher falsch etc. Was hier übersehen wird, ist die Annahme, dass wenn Gott existiert auch alles andere richtig ist, sich auf nichts stützt. Im Gegenteil, wenn nur eine einzige Annahme falsch ist, dann ist das Christentum als Gesamtheit falsch und kann nur teilweise aufrecht erhalten werden! Und daher darf man das Verfahren so anwenden, wie ich es tat, um die Gesamtwahrscheinlichkeit aller Aussagen zu beurteilen. Eine kausale Abhängigkeit ändert nichts daran.

    Wenn die Aussagen teilweise voneinander abhängig sind und teilweise nicht, dann muss man etwas anders vorgehen und die Aussagen so umformulieren, dass sie völlig voneinander unabhängig sind.

    Aber wenn die Aussagen voneinander logisch abhängig sind und eines aus dem anderen folgt, dann geht dies nur, wenn es auch eine logische Abhängigkeit zwischen diesen Aussagen gibt. Das würde bedeuten, dass alle Aussagen über Gott der Logik folgen. Nur, wenn wir die Logik auf die Aussagen anwenden können, dann ist ihre Wahrscheinlichkeit noch sehr, sehr viel geringer als hier angenommen. Damit wäre das Argument, dass diese Kette sehr schwach ist, noch sehr viel stärker. Nun wird aber häufig behauptet, dass bestimmte oder alle Aussagen über Gott sich nicht nach der Logik richten oder damit betrachtet werden können. Andererseits wird, wenn man eine logische Kette annimmt, dem widersprochen. Was gilt denn nun? Ich nehme zugunsten der oben skizzierten Aussagenkette an, dass es keine logische Folgerichtigkeit zwischen den Aussagen gibt, dass wir sie also als unabhängig charakterisieren können. Außerdem müsste man für jedes Folgeglied genau angeben, woraus die logische Abhängigkeit besteht, für die meisten der Kettenglieder ist dies aber noch nie gemacht worden.

    Der große, schwarze Raum ist eine Metapher für Metaphysik. Deswegen nützt es uns auch so wenig, wenn jemand kommt und behauptet, er kenne den Inhalt des Raumes ganz genau, denn wir haben hier einige zusätzliche Annahmen über den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen. In der Geschichte von Hank sehen wir, dass alles noch viel unwahrscheinlicher wird, wenn man den indirekten Weg über Karl nimmt, um die Behauptungen von Hank zu prüfen.

    Daher ist am Glauben kein Zweifel erlaubt. Setzt man irgendwo den Hebel kritischen Prüfens an, d. h. den Zweifel, dann zerreißt das gesamte Netz schon bei der geringsten Belastung, weil mit jedem neuen Knoten die Gesamtstabilität sinkt, wobei den Gläubigen, die mindestens genauso wahrscheinlichkeitsblind sind wie jeder von uns, das Gegenteil vorgegaukelt wird. Glauben selbst ist nicht tragfähig und für eine rationale Gesellschaft als Grundlage auch nicht tragbar.

    Es gibt noch einen weiteren formalen Beweis dafür, dass die Existenz von Gott extrem unwahrscheinlich ist - und ironischerweise baut der Beweis auf den Annahmen auf, die von Kreationisten gegen die Evolution angeführt werden. Sie finden den Beweis hier: Komplexität und Gott.

    Konfusius, er zitiert: "Glauben ist ein alogisches Vertrauen in das Unwahrscheinliche." (H. L. Mencken)

    Naturalismus versus Supernaturalismus

    Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, dass die Wahrscheinlichkeit nicht gerade für die Annahmen der Gläubigen sprechen. Eines der beliebten Argumente, welches dann gebracht wird, ist Folgendes:

    "Es gibt eine spirituelle Welt und eine natürliche Welt. Du kannst die Methoden, die in der natürlichen Welt gelten, nicht auf diese spirituelle Welt übertragen." (Siehe dazu auch die Hinweise im Abschnitt über die Betfalle)

    Hier liegt ein interessanter Trugschluss vor. Nehmen wir einmal an, es gäb diese spirituelle Sphäre (oder Welt)  [13] tatsächlich. Wenn sie also existiert, dann interagiert sie (in irgendeiner Form) mit der natürlichen (realen) Welt, die unserer Erfahrung zugänglich ist, oder sie tut es nicht. Wieder machen wir eine Fallunterscheidung (damit uns keine Möglichkeit entgeht) und analysieren die Konsequenzen. Als "spirituelle Sphäre" bezeichne ich ein unbestimmtes Etwas, welches "jenseits" oder "außerhalb" der natürlichen Welt existiert:
    1. Die spirituelle Sphäre existiert, aber sie interagiert nicht mit der natürlichen Welt  [14].
    2. Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit der natürlichen Welt:
      1. Unsere Welt beeinflusst die Sphäre einseitig.
      2. Die spirituelle Sphäre existiert beeinflusst unsere Welt einseitig.
      3. Die spirituelle Sphäre existiert und diese und die Welt beeinflussen sich wechselseitig.
      4. Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit unserer Welt, aber diese Interaktion folgt keinen bzw. keinen erkennbaren Regeln  [15]
    3. Die spirituelle Sphäre existiert nicht - es gibt daher auch keine Interaktion.
    Position 3. bezeichnet man als Naturalismus - alles ist natürlich und alles lässt sich auch natürlich erklären. Aber diese Position interessiert uns momentan nicht. Position 1. und 2. bezeichnen wir als Supernaturalismus.

    Position 1. ist für uns auch uninteressant - wenn es keine Interaktion gibt, dann betrifft diese Sphäre uns nicht, sie kann keine Auswirkungen auf unser Leben haben. Und dann ist auch jede Spekulation darüber müßig, denn wie im vorigen Abschnitt gesehen tappen wir dann tatsächlich vollständig im Dunkeln. Position 1. kann man also nicht sinnvollerweise einnehmen, sie ist logisch absurd. "Irgendetwas" müsste uns, unsere Welt, unsere Sinnesorgane etc. schon beeinflussen, dass wir überhaupt annehmen können (nicht dürfen), dass die Sphäre existiert.

    Bleibt also noch Position 2. übrig, für die wir vier Fälle annehmen können. Wenn Fall 2a. zutrifft, dann ist dieser Fall für uns nicht von der Position 1. unterscheidbar. Wir bekommen keine "Rückmeldung" und können daher auch keine Rückschlüsse ziehen.

    Es bleiben für eine mögliche Betrachtung einer regelmäßigen Interaktion noch 2b. und 2c. übrig. Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie von einer Beeinflussung der natürlichen Welt ausgehen. Sobald es so einen Einfluss tatsächlich gibt, könnten wir ihn auch nachweisen, denn damit "erreicht" die spirituelle Welt die Welt der Natur, also die Domäne der Naturwissenschaften. Immerhin konnten die Naturwissenschaften auch Dinge wie Neutrinos nachweisen, und bei Neutrinos ist das sehr, sehr schwer. Es ist unerheblich, ob 2b. oder 2c. richtig ist, Nachweis ist Nachweis, obwohl es schwer vorstellbar ist, eine einseitige Interaktion anzunehmen. "Schwer vorstellbar" ist nicht dasselbe wie "unmöglich". Aber gleichgültig ob wir 2b. oder 2c. annehmen, beide Positionen ließen sich nachweisen. Folglich sind beide Bestandteile der Natur.

    Mehr noch: Wir könnten diese Beeinflussung nicht nur nachweisen, wir könnten im Fall 2c. dieses auch nicht von der Position 3. unterscheiden. 2c. und 3. sind dasselbe! Denn wenn etwas weder theoretisch noch praktisch unterscheidbar ist, muss es gleich sein. Sobald etwas mit uns interagiert, nachweisbar ist, dann verhält es sich wie die natürliche Welt. Woran erkennen wir die natürliche Welt? Genau daran, dass sie mit uns interagiert und nachweisbar ist! Was interagiert und nachweisbar ist, ist für uns die natürliche Welt.

    Nun zur Position 2d. Ein Wunder wäre nach dieser Position ein Ereignis, für das wir keine Regeln finden können, weil das prinzipiell nicht geht. Damit wäre die Interaktion für uns nicht von zufälligen Ereignissen unterscheidbar. Wenn sich also spontan und ohne erkennbare Gesetzmäßigkeit mein Computer vor meinen Augen in eine Banane verwandelt, dann könnte ich weder wissen, was dies bedeutet, noch könnte ich praktische Konsequenzen daraus ziehen. Ich wüsste auch nicht, wer oder was dafür die Ursache ist (auf Ursachen können wir nur schließen, wenn es sich um ein regelmäßiges Ereignis handelt). Ich könnte vor allem auch nicht wissen, welchen Einfluss nun meine eigenen Handlungen auf die spirituelle Sphäre haben. Eine Religion, die behauptet, dass es bestimmte Regeln gibt, nach denen ich mich verhalten sollte, ist mit der Position 2d. nicht vereinbar, weil ja keine Regeln erkennbar oder ableitbar wären. Auch eine Kommunikation mit dieser Sphäre (durch Gebete oder Meditation etc.) wäre nicht möglich, weil Kommunikation auf beiden Seiten ein regelhaftes Verhalten voraussetzt. Es ist nicht möglich, aus reinem Zufall irgendwelche Regeln abzuleiten - und für mich wäre es nicht mehr als das. Folglich können sich Gläubige nicht auf die Position 2d. berufen.

    Außerdem kann ich nie ausschließen, dass der Zufall nicht doch natürliche Ursachen hat bzw. dass es natürlicherweise Ereignisse ohne jede Ursache gibt. Also ist auch diese Position nicht wirklich von Position 3. zu unterscheiden, sie ist für mich gleich. Auch eine Mixtur aus den Positionen von 2.a bis 2d. ändert nichts daran.

    Wir können auch die Position 1. nicht von der Position 3. unterscheiden. Beide sehen für uns gleich aus, theoretisch wie praktisch, sie sind also logisch und praktisch äquivalent (= gleichwertig).

    Was ist, wenn diese "Interaktion" nur zeitweilig auftritt? Wenn sie immer nur dann auftritt, wenn wir gerade nicht hinsehen, dann existiert für uns keine Interaktion, und auch hier gibt es für uns keine Unterscheidungsmöglichkeit und keine Regel (Position 2d.). Wenn sie auftritt und wir bemerken sie, dann können wir sie auch festhalten und dann wird sie uns als natürliches Phänomen erscheinen. Wenn solche Phänomene auftreten, dann sind sie entweder willkürlich (und für uns vom Chaos ununterscheidbar) oder regelmäßig und damit naturwissenschaftlich erforschbare natürliche Erscheinungen! Aber selbst chaotische Erscheinungen hinterlassen Spuren und könne damit nachgewiesen werden, wenn wir auch keine Regel finden. Das Entdecken einer Regel ist nur ein kleiner Teil der wissenschaftlichen Arbeit.

    Auch wenn es sich um singuläre Ereignisse handelt, so müssten diese Auswirkung auf die materielle Welt haben und damit wissenschaftlich erforschbar sein - auch singuläre Ereignisse sind empirische Tatsachen. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die Wissenschaft nur mit regelmäßigen oder im Labor unter kontrollierten Bedingungen auftretenden Phänomen beschäftigt. Weit gefehlt! Denn dann gäbe es keine Evolutionstheorie, keine Erforschung des Urknalls, keine Untersuchung von Supernovae u. v. a. mehr. Was innerhalb der materiellen Welt auftritt - also mit uns oder mit der Materie um uns herum interagiert, diese beeinflusst - hinterlässt Spuren oder Indizien. Und diese kann man erkennen - sonst wüssten wir nichts über unsere Vorfahren.

    Genauer gesagt, alle hier aufgezählten Positionen sind gleich! Sie sind logisch und praktisch und in jeder vorstellbaren Hinsicht ununterscheidbar. Deswegen ist Naturalismus und Supernaturalismus dasselbe - wir können künstliche Unterschiede erfinden, aber es sind eben nur Erfindungen, Einbildungen, waghalsige Konstruktionen. Nur, weil wir etwas denken können, muss es nicht existieren. Damit aber etwas für uns eine Relevanz hat, muss es von Nicht- oder Irrelevantem unterscheidbar sein. Ist dies nicht der Fall, ist es unerheblich.

    Das widerspricht erheblich der christlichen Position, und wie wir bei der Apologetik gesehen haben, wird auch damit argumentiert, von christlicher Seite aus. Nichtsdestotrotz handelt es sich um Scheinargumente. Eine supernaturalistische Position können wir weder theoretisch noch praktisch einnehmen. Damit wird "absurd und beliebig" zu einem Synonym für "supernaturalistisch".

    Alles, was die Supernaturalisten tun, ist, sich selbst und Andere darüber hinwegzutäuschen, dass sie ihre "Ableitungen" aus ihrer "supernaturalistischen" (= denkunmöglichen) Position sich nach Belieben "aus den Fingern" saugen, d. h. letztlich doch aus einer naturalistischen Position, oder dass sie versuchen, die Unterschiede zwischen "wahr" und "ist eine haltlose und unbegründete Spekulation" bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen. Denn "wahr" kann nur etwas sein, was sich im Einklang mit den empirischen Tatsachen befindet. Verlassen wir die Empirie, dann kehren wir auch der Wahrheit den Rücken.

    Das mag schwer einzusehen sein, und es ist deswegen so schwer, weil wir (christlich-)kulturell so sehr beeinflusst worden sind. Jetzt wissen Sie, warum sich Freidenker als Freidenker bezeichnen: Weil sie in der Lage sind, sich (mindestens teilweise) von überkommenen, widerlegten, kulturell indoktrinierten, orthodoxen Positionen frei zu denken.

    Man mag einwenden, dass dies eine ignorante Position ist. Mag sein, aber der Punkt ist, dass sich Naturalismus und Supernaturalismus hinsichtlich ihrer Ignoranz nicht unterscheiden!

    Einfache Gemüter werden mir jetzt unterstellen, ich würde behaupten, was nicht erkennbar sei, sei auch nicht vorhanden. Weit gefehlt. Es mag vorhanden sein oder auch nicht - es ist nur nicht erkennbar (und das ist etwas anderes). Wenn man allerdings zwischen "nicht erkennbar" und "nicht vorhanden" nicht unterscheiden kann, dann sind beide Positionen in praktischer Hinsicht identisch. Erst wenn wird das (bislang) Nicht-Erkennbare erkennbar gemacht haben, dann können wir eine Unterscheidung treffen - aber dann gehört es keiner spirituellen (oder transzendenten) Sphäre mehr an.

    Man kann es auch anders formulieren: Was nicht mit dem Universum interagiert, ist irrelevant, was interagiert, ist (empirisch) erkennbar. Reine Vernunft ohne jede Empirie ist reiner Unsinn (darauf war Kant zuerst gekommen).

    Es gibt mit Supernaturalismus noch ein weiteres Problem - wir müssten allwissend sein, um bei einem unerklärlichen Phänomen auf eine nicht-natürliche Ursache zu schließen, denn wir kennen nicht alle natürlichen Faktoren, es könnte also im Gegensatz zu unserer Annahme doch natürlich sein. Anders gesagt, wir gewinnen nichts an Erkenntnis dazu, wenn wir supernaturalistische Erklärungen "erlauben", sondern wir blockieren damit meist nur die Suche nach natürlichen Erklärungen.

    Eine sehr schöne weiterführende Diskussion zum Thema findet sich bei Neukamm unter dem Titel: Wissenschaft und Metaphysik - Supernaturalismus versus Naturalismus (→ http://www.martin-neukamm.de/junker.html).

    Es gibt noch zwei weitere Argumente für den Supernaturalismus: Das Argument der Anfangsparameter des Universums - wenn bestimmte Naturkonstanten nur ein ganz kleines bisschen vom jetzigen Wert abweichen würden, dann gäbe es kein intelligentes Leben im Universum bzw. überhaupt kein Leben. Dazu habe ich eine ausführliche Erwiderung geschrieben unter: Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I.

    Das zweite Argument ist sehr viel komplizierter, weil es sich der Quantenmechanik (QM) bedient, ein Gebiet, das kaum jemand versteht. Nur kurz für Kenner (alle anderen bitte weglesen!):
    1. In der Welt der Quanten gibt es eine sehr starke Verschränkung von nahezu allem mit nahezu allem Anderen, was bedeutet, die Wechselwirkungen sind noch sehr viel umfassender als in der uns direkt zugänglichen Welt.
    2. Es gibt ursachenlose Wirkungen (d. h. echten Zufall), der zu merkwürdigen Effekten führen kann, die wir als "Wunder" interpretieren können - Geschehnisse, die sehr unwahrscheinlich sind, aber nicht unmöglich (und wenn man lange genug wartet oder genügend Fälle hat, dann muss das Wunder auch tatsächlich irgendwann mal geschehen).
    3. In der QM kann Materie und Energie aus dem Nichts entstehen - das ist keine bloße Theorie, das ist ein messbarer Effekt.
    4. Alle Regeln sind lediglich stochastischer Natur.
    5. Der Beobachter beeinflusst das zu beobachtende Ereignis - es gibt keine Unabhängigkeit von Subjekt und Objekt, und dies führt wiederum zum Teil zu als zufällig zu interpretierenden Ereignissen.


    Das aber bedeutet, dass "Wunder" und "übernatürliche Ereignisse" geschehen können, und zwar als Teil von völlig normalen Prozessen. D. h. wir können auch größere Wunder nicht von natürlichem Geschehen unterscheiden, und damit existiert erst recht kein Anlass, einen Supernaturalismus zu bemühen, selbst dann nicht, wenn sich Ihr Computer spontan in eine Eistüte verwandelt ...

    Es gibt aber auch ohne die verkomplizierende Quantenmechanik gute Gründe, warum Wunder weder die Existenz Gottes beweisen noch irgendeine Religion stützen: Wunder und Naturalismus.

    Wem diese Argumentation nicht einleuchtet, für den haben ich noch einen weiterführenden Artikel: Naturalismus versus Supernaturalismus II.

    Konfusius, er sagt: "Wissenschaftler erklären das Unbekannte mit dem Bekannten, Theologen das Bekannte mit dem Unbekannten - Letzteres macht die Welt selbst unbekannt und uns fremd."

    Naturalismus versus Supernaturalismus I

    Vielen Anhängern eines Supernaturalismus leuchtet meine Argumentation nicht ein, und zwar aus folgendem Grund: Wenn eine spirituelle Sphäre jenseits unserer Welt existiert, dann sind die Methoden, die zur Erforschung der natürlichen Welt dienen, doch wohl für diese andere Welt nicht angemessen? Wieso kann ich dann Behauptungen über diese andere Welt anstellen?

    Nennen wir die natürliche Welt der Einfachheit halber Diesseits und die spirituelle Sphäre Jenseits (nicht das Reich der Toten, sondern eine Welt jenseits der uns bekannten Welt).

    Ich habe im vorigen Abschnitt mit Logik argumentiert, um zu zeigen, dass ein Jenseits für uns nicht existieren kann. Das ist unabhängig von der Logik, unabhängig von der Betrachtungsmethode - was von Anhängern des Supernaturalismus meist übersehen wird, sondern gründet sich auf dem Begriff der ein- oder zweiseitigen Interaktion. Wahrnehmung basiert auf Interaktion, ohne diese gibt es (prinzipiell) keine Wahrnehmung. Ich sehe, weil Photonen von den Objekten ausgestrahlt werden, die Reizimpulse auf meiner Netzhaut erzeugen. Aber lassen wir diese Einwände einen Moment beiseite und nehmen wir an, ein Jenseits existiere tatsächlich, auch unabhängig von unserer Wahrnehmung. Können wir dann Aussagen darüber treffen?

    Wenn man behauptet, über dass Jenseits könne man keine Aussagen machen, dann ist das Problem damit erledigt - wir können nur darüber schweigen, damit unterscheidet es sich, von den Aussagen her, auch nicht von Nicht-Existenz. Wenn man behauptet, man könne darüber Aussagen machen, dann müsste man demonstrieren können, dass diese tatsächlich über das Jenseits etwas aussagen. Kann man das nicht zeigen, dann ist dies auch nicht besser, als wenn man keine Aussagen darüber machen könnte.

    Wir können zur Illustration wieder eine Fallunterscheidung machen:
    1. Das Jenseits existiert und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.
    2. Das Jenseits existiert und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.
    3. Das Jenseits existiert nicht und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.
    4. Das Jenseits existiert nicht und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.


    Interessant ist für uns nur der erste Fall, alles andere ist erkennbar unsinnig (wie 3. und 4.) oder uninteressant (Fall 2.). Wenn es also existiert, dann müssen wir uns fragen, wie wir sinnvolle Aussagen machen können. Reichen unsere Sprache und unsere Logik dafür aus? Wie überprüfen wir, ob unsere darüber getroffenen Aussagen auch stimmen? Wenn wir eine neue Sprache und/oder eine neue Logik dafür entwickeln, wie können wir dann zeigen, dass wir etwas Sinnvolles aussagen?

    Nun nehmen wir einmal den für uns günstigsten Fall an: Das Jenseits existiert nicht nur, sondern wir können auch noch sinnvolle Aussagen darüber treffen. Diese müssen wir aber auch, damit sie sinnvoll für uns sind, verstehen. Wir müssten also die Aussagen in eine Sprache übersetzen, die für uns verstehbar ist, und in eine Logik, die ebenfalls für uns verstehbar ist. Gelingt dieses Dolmetschen nicht, ist das Jenseits für uns wertlos, die Aussagen sind nur sinnloses Rauschen. Information bewegt sich stets zwischen zwei Polen: Erstmaligkeit und Bestätigung. Reine Erstmaligkeit enthält für uns keine Information, ist nichts weiter als Rauschen. Reine Bestätigung enthält keine neue Information, ist also ebenfalls wertlos. Jede sinnvolle Information bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

    Es muss also etwas am Jenseits sein, was uns bekannt und vertraut ist, wo wir mit unserer Denkweise weiter kommen, womit wir etwas anfangen können. Ohne diese Anknüpfungspunkte ist es für uns wie ein Buch in einer vollkommen unverständlichen Sprache. Dasselbe gilt für die logische Nachvollziehbarkeit, auch hier müssten wir (etwa durch Übersetzung in unsere Logik) das Ganze erst verstehbar machen.

    In dem Moment, wo es für uns verstehbar und nachvollziehbar ist, oder gar noch überprüfbar, ist es für uns ein Bestandteil unserer natürlichen Welt, mit natürlichen Mitteln zu begreifen. Wenn es nicht Bestandteil der natürlichen Welt ist, entzieht es sich jedem Verständnis. Kant war es, der dies völlig richtig erkannt hat: Wenn es nicht bestimmte angeborene Erkenntnisstrukturen gibt, auf denen sich unsere ganze Erkenntnis aufbaut, dann gibt es auch keine Erkenntnis. Dies beschränkt zugleich unsere Erkenntnis und macht sie möglich. Was Kant nicht wusste, war die Herkunft dieser Erkenntnisstrukturen, die er als a priori (= vor aller Erfahrung) bezeichnete. Wir müssen erst Erfahrungen haben, um weitere Erfahrungen machen zu können. Aus dieser Falle entkommen wir nicht. Diese Grundstrukturen legen fest, was wir überhaupt wissen können (und in welchen Grenzen). Unsere gesamte Erkenntnis ist im Mesokosmos entstanden, unsere Lebens- und Erfahrungswelt. Überschreiten wir diese Welt, versagt bereits unsere Anschauung (wie im Mikro- und Makrokosmos). Wir können unsere eigene Erfahrung nicht transzendieren (= überschreiten). Wir können nur auf dieser Basis aufbauend uns neuere Erkenntnis aneignen, aber nicht, in dem wir unsere Herkunft vergessen.

    Daran ändern auch Offenbarungen nichts - entweder können wir sie nicht verstehen, weil sie unsere Erfahrungen überschreiten, oder aber, wir können sie verstehen, dann sind sie Bestandteil unserer Erfahrungswelt und damit auch unserer Logik und unserem Denken zugänglich - und damit auch unserer Kritik.

    Wieder einmal sehen wir, dass der Versuch, etwas unserer Kritik zu entziehen, nicht wirklich funktionieren kann. In dem Moment, wo man es doch schafft, wird der nicht-kritisierbare Sachverhalt auch zugleich vollständig inhaltsleer oder sinnfrei. Es steht einem frei, leere Definitionen zu schaffen und sein Leben danach auszurichten, aber damit entzieht man dem Leben Sinn, statt es ihm zu geben.

    Die meisten dieser Versuche machen nur scheinbar Sinn. Nehmen wir ein Beispiel: Die Komplexität des Lebens und die Intelligenz, so sagen einige Theisten, sei ohne eine planende und denkende (= intelligente) Wesenheit (Gott) nicht vorstellbar. Damit wird aber vorausgesetzt, was eigentlich erklärt werden sollte, Gott ist nämlich bereits intelligent und komplex, und seine Intelligenz und Komplexität spiegelt sich in der Welt wieder und wird benutzt, um seine Intelligenz und Komplexität zu "beweisen" usw. usf. Das ist eine höchst zirkuläre (und damit sinnfreie) Definition, und sie erklärt keineswegs, woher Intelligenz und Komplexität kommt (denn woher kommt die Intelligenz Gottes?). Zu sagen, diese Intelligenz existiere schon immer, ist keine Erklärung, die Herkunft der Intelligenz bleibt weiterhin schleierhaft, folglich erklärt dies nichts. Wenn wir aber sagen, dass aus einfachen Dingen durch Selbstorganisation und Selbstreproduktion allmählich immer komplexere Dinge entstehen und schließlich sogar Intelligenz, dann haben wir eine echte Erklärung. Dabei können wir aber nicht über bestimmte Grundlagen hinaus zurückblicken.

    Wenn man also Intelligenz und Komplexität als von Gott geschaffen ansieht, dann hat man ebenfalls eine leere Definition und keine Erklärung. Es ist sehr schwer, geradezu eine besondere Kunst, nicht-leere Definitionen zu schaffen. Sobald wir uns von den Evidenzen entfernen, geschieht das aber recht schnell.

    Bliebe noch zu klären, ob man das Jenseits nicht negativ definieren kann, so wie die Theologen dies bei Gott mit der negativen Theologie versucht haben. Man sagt nicht, was etwas ist, sondern was es nicht ist. Leider führt uns dies nicht weiter, denn normalerweise benutzen wir negative Eigenschaften, um etwas als nicht existierend zu beschreiben. Ein Beispiel:

    Gott ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar, unendlich. Dasselbe können wir auch vom Nichts sagen: Das Nichts ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar und unendlich. Eine rein negative Definition ohne positive Eigenschaften definiert Nichtexistenz. Dasselbe passiert, wenn wir es auf das Jenseits anwenden.

    Konfusius, er sagt: "Wenn man sinnlose Fragen stellt, dann bekommt man Antworten wie '42' oder 'Gott'."

    Können Theologen die Welt erklären

    Hinter der Frage nach dem Supernaturalismus versteckt sich eines der Kernprobleme des Theismus. Ich bin auf dieses Problem bereits mehrfach eingegangen, aber es wird Zeit, die Schwierigkeit des Supernaturalismus noch von einem anderen Punkt aus zu beleuchten. Es geht um die Frage, ob unser Universum für Menschen prinzipiell erklärbar ist oder ob es prinzipiell nicht erklärbar ist  [16].

    Wir können drei Arten des Wissens  [17] (mit aller Vorsicht, die beim Begriff des Wissens angebracht ist) unterscheiden:
    1. Wissen, welches wir haben.
    2. Wissen, welches wir (noch) nicht haben, aber welches uns prinzipiell nicht verwehrt ist.
    3. Wissen, welches wir prinzipiell niemals haben können.
    Die Theisten behaupten nun, sie hätten noch eine vierte Art der Erkenntnis, welche nicht zu den Formen 1.-3. gehört, nämlich Erkenntnis über ein "jenseits unseres Universums" (siehe vorigen Abschnitt). Diese Erkenntnis wird durch Offenbarung, Inspiration etc. gewonnen. Diese Erkenntnis betrifft nicht das natürliche Universum. Abgeleitet wird diese Sonderform der Erkenntnis meist aus der Behauptung, es gäbe Wissen, welches wir auf "normalem" Weg niemals erlangen könnten - Fall 3.

    Dass das Universum von uns nicht vollständig erklärt wird, ist unbestritten (sowohl unter Theisten wie auch unter Atheisten). Die Frage ist nur, können wir das Universum prinzipiell vollständig erklären (mal von praktischen Problemen - der Wissensmenge etc. - abgesehen) oder nicht? Und ohne Erklärung gibt es auch kein Verstehen. Wissen bedeutet auch, etwas erklären zu können.

    Wann können wir von einem bestimmten Phänomen wissen oder annehmen, dass wir es niemals auf natürlichem Wege erklären können? Das können wir überhaupt nicht. Denn um das behaupten zu können, müssten wir alles wissen. Vom Standpunkt der Allwissenheit, d. h., wenn wir alle Phänomene kennen, können wir auch sagen, welche der Phänomene wir nicht erklären können. Da niemand von uns diesen Standpunkt einnehmen kann, können wir auch niemals sagen, dass wir dieses oder jenes Problem prinzipiell niemals erklären können. Abgesehen davon: allwissend zu sein bedeutet, alle Phänomene und alle Erklärungen zu kennen, wenn dann noch Phänomene übrig bleiben, die wir nicht erklären können, so sind wir nicht allwissend. Somit wäre diese Position sogar selbst-widersprüchlich. Anders gesagt: Fall 3. kann es für uns nicht geben, wir haben nur Wissen vom Typ 1. oder 2., zwischen denen die Grenzen fließend sind.

    Das mögen viele verblüffend finden, dass wir von nichts sagen können, dass wir es niemals wissen werden, weil dies oft behauptet wird  [18]. Gerade Theologen argumentieren nämlich gerne mit dem, was wir nicht wissen können, um von dort aus ihre Schlussfolgerungen ziehen zu können. Die Einnahme einer selbst-widersprüchlichen und ungültigen Position macht allerdings ihre auf dieser Basis getroffenen Schlussfolgerungen falsch. Manche Theologen versuchen nämlich, in die Lücke dessen, was wir noch nicht wissen, Gott zu vermuten - aber dieser Lückenbüßergott wird mit jeder geschlossenen Wissenslücke kleiner und hängt überhaupt völlig vom aktuellen Wissensstand ab, wird daher von der Theologenmehrheit auch abgelehnt.

    Theisten sind darüber hinaus der Meinung, sehr viel mehr erklären zu können als beispielsweise die Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft kann beispielsweise die Herkunft des Universums nicht erklären - die Theisten behaupten, sie können es: Das Universum wurde von Gott geschaffen. Um die Herkunft des Universums überhaupt erklären zu können, wird auf eine Instanz (Gott) außerhalb des Universums zurückgegriffen.

    Jetzt muss ich erstmal erklären, was erklären überhaupt bedeutet. Angenommen, Sie wüssten nicht, was das Wort "Window" bedeutet. Dann könnte ich auf ein Fenster deuten oder Ihnen erzählen, dass das deutsche Wort dafür "Fenster" lautet. Ich habe also das unbekannte Wort "Window" mit dem Ihnen bekannten Wort "Fenster" erklärt. Erklären also bedeutet, etwas (bislang) Unbekanntes in den Rahmen des bisherigen Wissens zu integrieren. Das Unbekannte wird auf das Bekannte zurückgeführt, also in bekannten (vertrauten) Worten erklärt.

    Wenn ich nun Ihre Frage "Was bedeutet 'Window'" damit "erklärt" hätte, das sei ein Gnarzel, mit dem man frobizzeln kann, dann hätten Sie sich beschwert: Meine Erklärung wäre nicht verständlich und tauge damit nicht zum Erklären, sondern allenfalls zum Verwirren. Man kann eben das Unbekannte nur mit dem Bekannten erklären, aber nicht das Unbekannte mit dem Unbekannten. Und auch wenn man das schon Bekannte mit dem Unbekannten "erklärt", dann wird das Ganze nicht verständlicher - es wird verwirrender. Wenn man jemanden, der etwas kennt, dieses lange genug mit ihm unbekannten Dingen erklärt, wird er es nach einiger Zeit auch nicht mehr verstehen.

    Wenn also das Jenseits ein Bereich ist, den wir nicht verstehen - dann können wir damit auch nichts erklären.

    Gott ist für uns - so erklären es die Theisten - nicht vollständig verstehbar, also auch nicht erklärbar. Den Teil, den wir verstehen, der ist auch noch widersprüchlich. Damit scheidet Gott als Erklärungsbasis für irgendetwas aus. Ein Beispiel:

    Wir sehen im Universum Komplexität, z. B. Leben. Diese Komplexität, so erklären die Theisten, hat Gott geschaffen. Gott selbst aber muss wohl ebenfalls komplex sein - ein allmächtiges personales Wesen - und wir vermeinen zu verstehen, dass wir als komplexe Wesen Komplexität schaffen können, also kann auch Gott das. Aber damit ist die Komplexität nicht erklärt, sondern bereits vorausgesetzt: Sie existiert in Gott von Anfang an und schafft neue Komplexität. Woher kommt die Komplexität Gottes? Diese ist unerklärt und unbekannt, folglich kann sie die vorhandene Komplexität nicht erklären.

    Besser ist die folgende Erklärung: Komplexität bildet sich durch die Selbstorganisationsfähigkeit der Materie, aus kleinen und einfachen Dingen entstehen im Laufe der Zeit, z. B. durch Evolution, komplexere Dinge. Und jetzt kommt etwas Verblüffendes, denn das Argument des Theisten wird schlicht wiederholt. Der Theist fragt: Und woher kommt die Selbstorganisationsfähigkeit? Durch Gott! Aber auch hier wird die Selbstorganisationsfähigkeit, die Gott haben muss, bereits vorausgesetzt in der Erklärung - wieder ein Zirkel, die unbekannte Selbstorganisationsfähigkeit Gottes kann nicht die beobachtbare Selbstorganisationsfähigkeit des Universums erklären, weil man dann wieder fragen müsste, wie man sich die Selbstorganisation Gottes erklärt. Dies kann endlos so weiter gehen und erinnert mich an folgende Geschichte, von der ich nicht mehr genau weiß, woher ich sie habe (von Bertrand Russel, vermute ich):
    Ein indischer Philosoph hält einen Vortrag über den Aufbau des Universums. Nach dem Vortrag kommt eine ältere Dame zu ihm, um ihm ihre Theorie über die Erde zu erklären. Die Erde, so sagt sie, ruhe auf einem großen Elefanten. Der Philosoph fragt: "Und worauf ruht der Elefant?" - Auf einem zweiten Elefanten, erwidert die Dame. "Und worauf ruht dann dieser Elefant?" fragt der Philosoph. Daraufhin ruft die Dame triumphierend: "Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber geben Sie sich keine Mühe - es sind Elefanten bis ganz runter!".
    Und so bieten die Theologen als Erklärungen "Elefanten bis ganz runter" an. Aber wir sehen, dass es sich um lauter logische Zirkel handelt, mit denen versucht wird, zu verschleiern, dass man Unbekanntes nicht mit Unbekanntem  [19] erklären kann und Bekanntes nicht mit Unbekanntem erklären sollte.

    Wir können aus Unbekanntem Beliebiges schlussfolgern, aber nichts erklären. Die Theologen behaupten zwar, sie könnten mit Gott oder einem Supernaturalismus die Welt besser erklären als die Wissenschaftler. Aber das ist, wie ich hier versucht habe darzulegen, einfach falsch. Das ist ein Manko, welches sich wie ein roter Faden durch die ganze Theologie zieht. Supernaturalismus könnte allenfalls durch natürliche Phänomene erklärt werden, taugt aber seinerseits nichts zu Erklärung. Wenn wir etwas nicht mit den Methoden der Vernunft, der Naturwissenschaft, nicht erklären können, dann können die Theologen das auch nicht. Und das, was die Naturwissenschaftler erklären können, können die Theologen ebenfalls nicht erklären (oder bestenfalls schlechter). Es gibt zwischen "auf natürliche Weise erklären können" und "nicht erklären können" keinen dritten Weg, den die Theologen entdeckt haben.

    Um das nun zu verschleiern, attackiert der Theologe meist das Verständnis der Naturwissenschaften (Angriff ist die beste Verteidigung). In dem er behauptet, auch die Naturwissenschaftler könnten die Welt weder erkennen noch erklären noch verstehen versucht er, eine prinzipielle Lücke zu schaffen, in denen er seine Pseudo-Erklärungen unterbringen kann. Theologen sind meist auch Ultra-Skeptiker - die Wissenschaft sei in ihrem begrenzten Bereich zwar ganz nützlich, aber wenn es um die "wirklich wichtigen" Dinge des Lebens geht, so sei ihr Instrumentarium eben doch begrenzt. Wenn dem wirklich so wäre, dann müsste der Theologe aber erstmal zeigen, dass er zu "besserer" Erkenntnis fähig wäre. Das aber kann er nicht, ohne sich auf logische Zirkel zurückzuziehen. Wann immer man versucht, den Theologen hier zu attackieren, wird er gegen das Naturverständnis zurückschlagen, weil er sich nicht verteidigen kann.

    Man kann als entweder den Supernaturalismus mit dem Naturalismus erklären (und niemals umgekehrt), oder man kann den Supernaturalismus nicht erklären (und dies gilt für jede Behauptung einzeln), dann kann man auch keine oder beliebige Schlussfolgerungen daraus ziehen, aber da man nichts verstanden hat, werden die Schlussfolgerungen auch entsprechend aussehen. Vor allem kann man mit dem Supernaturalismus selbst nichts erklären, er ist dazu völlig ungeeignet. Bestenfalls eignet sich der Supernaturalismus zum Agnostizismus - wir können keine Aussage darüber machen, nichts damit erklären, wir müssten darüber schweigen. Das gilt natürlich auch auf alles, was wir im Supernaturalismus als "beheimatet" ansehen - z. B. Gott (diese Behauptung wird hier genauer untersucht).

    Um das zu verstehen, muss man nicht einmal Ockhams Rasiermesser hervorholen. Es erklärt aber, warum Ockhams Rasiermesser so wertvoll ist.

    Im nächsten Abschnitt zeige ich dann, warum Wunder ebenfalls den Supernaturalismus nicht retten können (ganz ohne Quantenmechanik!), und im übernächsten Abschnitt geht es dann um Offenbarungen - die uns auch nicht helfen.

    Konfusius, er zitiert: "Reicht es nicht, einen Garten schön zu finden, ohne noch zusätzlich an unsichtbare Elfen auf seinem Grund zu glauben?" (Douglas Adams)

    Wunder und Supernaturalismus I

    Sehr häufig werden Wunder als Argument ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Position der Theisten zu begründen. Auch wenn jemand meine Argumentation in Naturalismus versus Supernaturalismus verstanden hat, werde ich immer wieder auf Wunder angesprochen. "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" (Goethe in "Faust 1").

    Meistens verwenden Atheisten die Strategie, die Echtheit der Wunder anzuzweifeln. Jedes Mal, wenn Sie Wasser beobachten, welches sich nicht in Wein verwandelt, ist dies eine Evidenz gegen das Wunder von Kana →Johannes 2:1-11. Jedes Mal, wenn es jemandem nicht gelingt, über das Wasser zu gehen, ist dies eine Bestätigung dafür, dass das nicht möglich ist, weil es gegen die Naturgesetze verstößt.

    Aber was sind die Naturgesetze überhaupt? Es sind eben keine menschlichen Gesetze, gegen die ein Verstoß "verboten" ist, sondern es sind aus der Beobachtung der Natur abgeleitete Regeln, nach denen die Natur, soweit wir wissen, zu funktionieren scheint. Ab und zu wird irgendwo auf dieser Welt eine Beobachtung gemacht, die nicht mit den uns bekannten Naturgesetzen in Einklang zu bringen ist, wird die Beobachtung verifiziert, dann werden die Naturgesetze an diese neue Beobachtung angepasst. Naturgesetze reflektieren also stets einen momentanen Kenntnisstand über die Natur.

    Man müsste also sagen, dass ein Wunder gegen die bekannten Naturgesetze verstößt (und wir kennen längst nicht alle Naturgesetze und haben sicher auch Fehler in dem, was wir kennen). Das bedeutet, dass die Definition eines Wunders von unserem momentanen Wissensstand abhängt - was heute noch ein Wunder ist, kann morgen schon alltäglich sein. Im Mittelalter wären Fernsehen, Telefon und Autos sicher als Wunder betrachtet worden (und wir reden heute noch vom "Wunder der Technik"), heute ist es für uns alltäglich.

    Das bedeutet, dass sich die Grenze, was wir für ein Wunder halten, permanent verschiebt. Wenn wir also einem Wunder begegnen, dann können wir nicht wissen, ob es sich um etwas handelt, was wir noch nicht verstehen oder ob es sich um etwas handelt, was wir niemals verstehen werden. Ersteres wäre kein richtiges Wunder, sondern eine unverstandene Erscheinung, letzteres wäre ein "echtes" Wunder. Aber da wir das nicht entscheiden können, ist die Trennung zwischen "unverstandener Erscheinung" und "echtem Wunder" künstlich und nicht nachvollziehbar - wir können diese beiden Dinge nicht unterscheiden, sie sind für uns gleich. Erst wenn man ein Wunder "widerlegt" hat, d. h. es auf natürliche Dinge zurückgeführt hat, dann können wir die Frage "echt oder unverstanden?" lösen - die Antwort kann also nur lauten "früher unverstanden, aber jetzt verstehbar" oder aber es gibt eben keine Antwort. Im Glauben wird gerne auf unbeantwortbare Fragen eine ganz bestimmte (gewünschte) Antwort gegeben, obwohl dies redlicherweise nicht möglich ist, weil die Antwort unbestimmbar ist.

    Aber lassen wir dies alles einmal beiseite. Selbst dann können Wunder immer noch nicht als ein Beweis für den Glauben dienen. Warum?

    Angenommen, Jesus lief über das Wasser, und wir bestreiten dies nicht, sondern gehen davon aus, dass er das tatsächlich getan hat (kein Betrug, kein Trick, keine Steine im Wasser). Und wir behaupten auch nicht, dass dies in Einklang mit den Naturgesetzen steht, wie wir sie kennen. Was beweist das? Die Theisten sagen, das beweist, dass Gott in das Naturgeschehen eingegriffen hat. Ich hingegen behaupte, dass Jesus ein Freak mit ungewöhnlichen psychischen/physischen Fähigkeiten ist, der eben über Wasser laufen kann. In meiner Erklärung ist kein Gott nötig, wozu auch? Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten kennen wir aus allen möglichen Schilderungen, oft sogar aus der Zeitung oder dem Fernsehen.

    Wenn der Theist nun sagt, dass das nicht möglich ist, dass Menschen so etwas tun können, so bestreitet er das Wunder. Wenn das Wunder nicht möglich war, dann ist es auch nicht geschehen. Der Theist widerspricht sich selbst. Wenn es aber möglich war, und wir tatsächlich einen Mann namens Jesus über das Wasser laufen sehen, was sehen wir dann? Wir beobachten einen Mann namens Jesus, der über das Wasser läuft, mehr nicht. Wir sehen keinen Gott, der im Hintergrund eingreift und Jesus dieses Wunder ermöglicht. Neben dem, was wir beobachten, versucht der Theist, uns noch eine weitere Annahme aufzunötigen, die zur Erklärung unserer Beobachtung vollkommen überflüssig ist. Diese Erklärung tut nichts zur Sache dazu, im Gegenteil, sie fügt etwas noch Unerklärliches zu einer an sich schon schwer zu erklärenden Begebenheit hinzu. Der Theist streut zusätzlich Sand in unsere ins Schleudern geratene Erklärungsmaschinerie.

    Mit derselben Begründung können wir auch behaupten, die Bewegung der Planeten ist auf das Schieben durch unsichtbare Gespenster zu "erklären". Wir haben hier ebenfalls etwas, was wir beobachten können, um etwas ergänzt, was wir nicht beobachten können. Jeder würde so eine Behauptung als unsinnig zurückweisen, aber nicht anders verfährt der Theist. Jedesmal, wenn wir eine Behauptung hinzufügen, die eigentlich überflüssig ist, müssen wir dieses sehr gut begründen und demonstrieren, warum diese Erklärung nicht überflüssig ist. Da es schwierig ist, so etwas zu begründen, sollte man es besser bleiben lassen, außer, man hat wirklich sehr, sehr gute Gründe dafür - aber dies kann der Theist nicht vorbringen, weil er ja noch nicht einmal die Existenz Gottes bewiesen hat. Mit unbewiesenen Annahmen können wir beliebige Dinge erklären, wenn der Theist das darf, darf ich das ebenfalls - und kann damit jede seiner Annahmen ad absurdum führen. Im Abschnitt über Wahrscheinlichkeit und schwarze Räume hatte ich eine statistische Begründung für Ockhams Rasiermesser geliefert, hier kann man sehen, dass es dafür noch weitere Gründe gibt.

    Es spielt auch keine Rolle, ob das Wunder wiederholbar ist oder nicht. Wenn es nicht wiederholbar ist, dann haben wir gute Gründe zur Annahme, dass es durch uns unbekannte natürliche Ereignisse zu Stande kam. Wenn es wiederholbar ist, sehen wir immer noch keinen Gott, sondern Ereignisse, die unserem Verständnis der Natur widersprechen, was uns dazu nötigt, unser Verständnis der Natur anzupassen (und nicht umgekehrt, wie der Theist gerne möchte).

    Deswegen ist es nicht möglich, Wunder als Bestätigung für Gott anzusehen. Wunder bestätigen lediglich, dass wir die Natur noch nicht vollständig verstanden haben, das aber ist überhaupt keine überraschende Erkenntnis, sondern ein nicht zu bestreitendes Faktum.

    Theologen möchten sich gerne einen Sonderstatus zusprechen, der es ihnen ermöglicht, beliebige unbewiesene (oder gar unbeweisbare) Annahmen in ihre "Erklärungen" einzuschleusen. Aber da sie Menschen wie wir auch sind, warum sollten wir ihnen das zubilligen? Und wenn wir es ihnen zubilligen, warum dürfen wir das dann nicht genauso handhaben? Dann können wir nämlich jede Behauptung eines Theisten einfach mit der Behauptung des Gegenteils aufheben, und nichts wäre gewonnen. Und jeden Grund, den ein Theist dafür anführt, warum er so verfahren darf, können wir auch für uns nutzen. Dann können wir uns gegenseitig mit Absurditäten überbieten, das mag seinen Sinn haben, wenn wir einen Fantasy-Film drehen, aber nicht, wenn wir uns mit der Realität beschäftigen.

    Es gibt aber einige gute Gründe, Wunder überhaupt zurückzuweisen. Und damit beschäftigen wir uns als Nächstes.

    Konfusius, er zitiert: "Es ist erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem Unsinn und Albernheiten beharren zu dürfen und sich gegen die Obermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können." (Johann Wolfgang von Goethe)

    Wunder und Supernaturalismus II

    In der Frühzeit des Christentums geschahen Wunder über Wunder und viele der christlichen Autoren überbieten sich geradezu mit Wunderberichten. In dem Buch "Dialogi de vita et miraculis patrum italicorum et aeternitate animarum" (Dialoge über Leben und Wunder der italischen Väter) erzählt Papst Gregor "der Große" (Heiliger und Kirchenlehrer - Kirchenlehrer ist ein nicht oft vergebener Titel) über Blindenheilungen, Totenerweckungen (!), Geisteraustreibungen, Wein- und Ölvermehrungen, Marienerscheinungen und dem Auftreten von Teufeln usw. usf.

    Die große Frage ist: Warum gibt es heute nicht mehr so viele Wunder? Die Anzahl der Gläubigen hat sich doch rasant vermehrt. Aber überall, auch wenn wir die Wunderheilungen von Lourdes betrachten, nehmen die Wunder ab. Speziell bei Lourdes ist es ein Verdienst der römischen Kirche, dass Wunder heutzutage viel genauer (und kritischer) untersucht werden als früher. Das hat dazu geführt, dass in Lourdes Spontanremissionen bei Krebs seltener passieren als in irgendeinem x-beliebigen Krankenhaus auf dieser Welt  [20]!

    Und auch heute stoßen viele der Wunder auf besondere Skepsis. Viele der Wunder geschehen unter dubiosen Umständen, die Quellen sind schlecht, die Berichte widersprüchlich, die Tatsachen passen nicht zueinander und die Zeugen sind nicht auffindbar, medizinische Gutachten werden ohne Ansehen der Person verfasst etc. Wunder hatte ich etwas spöttisch definiert als: Ein Ereignis, welches dann und nur dann geschieht oder geschehen kann, wenn gerade kein Skeptiker anwesend ist oder eine andere Person, die mit kritischer Methode vertraut ist (z. B. ein Wissenschaftler).

    Der Zauberkünstler James Randi hat eine Millionen Dollar ausgesetzt für jemanden, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt: One Million Dollar Paranormal Challenge (→ http://www.randi.org/research/index.html). Das ist nur einer der vielen Preise, die ausgesetzt sind. Sollte jemand übernatürliche Fähigkeiten besitzen, so könnte er alleine durch die Preisgelder mehrfacher Millionär werden. Dieses Geld und viele andere Gelder hat sich aber noch niemand abgeholt. Denn diese Wunder werden durch Skeptiker überprüft.

    Wir erkennen hier ein vertrautes Muster: Menschen irren sich, täuschen sich oder werden getäuscht, Berichte vom Hörensagen werden als wahre Geschichten weitererzählt (und oft gesteigert), Menschen lügen und betrügen und tun so als ob, sie unterliegen Wahrnehmungstäuschungen und Denkfehlern und Erinnerungstäuschungen, sie verfälschen Ergebnisse so, dass sie zu ihren Vorannahmen passen (davon bleibt selbst die Wissenschaft nicht verschont, obwohl hier die Kontrollen strenger sind) usw. usf. Wenn Menschen sich nicht relativ leicht täuschen ließen, dann gäbe es keine Zauberkünstler auf dieser Welt und David Copperfield (→ http://www.davidcopperfield.com/) würde irgendwo Schuhe verkaufen.

    Wenn mir also jemand erzählt, er habe ein Wunder gesehen wie z. B. eine Totenerweckung, so brauche ich die Umstände nicht zu prüfen (allenfalls, um einen möglichen Betrug zu entlarven) - das widerspricht menschlicher Erfahrung, ist extrem unwahrscheinlich, also mit sehr großer Sicherheit falsch. Dass Menschen sich hingegen täuschen lassen (oder selber täuschen), ist eine sehr alltägliche Erfahrung - die Zeitungen sind voll davon. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich auch hier um eine Täuschung handelt. Und wer meint, er ließe sich nicht täuschen, dem empfehle ich eine Show von David Copperfield. Und der zeigt noch viel unglaublichere Sachen als das Laufen übers Wasser oder eine Weinvermehrung!

    Die Beschäftigung mit der Zauberkunst und mit urbanen Legenden (siehe vor allem Brednich 1994 - urbane Legenden sind Geschichten, die heute noch als "wahre Geschichten" weitererzählt werden, und die sich teilweise bis in das Mittelalter zurückverfolgen lassen) und ihrer Entstehung ist sehr hilfreich, wenn man sehen möchte, wie auch heute noch Wunderberichte entstehen.

    Die Abnahme der Wunderberichte in den letzten 2.000 Jahren muss einen Grund haben - und den habe ich bereits angedeutet. Während die Menschen früher weniger über die Welt wussten und leichter etwas glaubten hat die Zunahme des Skeptizismus dazu geführt, dass vielen Wundern nachgespürt wurde und man diese aufgelöst hat. Das bedeutet, dass die Wunderberichte von früher - ohne dass man das im Einzelnen nachprüfen muss - allesamt so entstanden sind wie die heutigen Wunderberichte, nur ohne allzu viel Entgegnung durch Skepsis und ohne Gegnerschaft der Wissenschaft.

    Es gibt noch einen weiteren Grund, dies anzunehmen. Im 2. Jahrhundert gab es, wie von Papst Gregor berichtet, sehr viele Totenerweckungen bei den Christen. Wenn ich eine Totenerweckung sehen würde, ich würde sofort anfangen, an das Christentum zu glauben (und ich bin ein Hardcore-Skeptiker). Wenn man bedenkt, wie viele von den Toten Auferstandene damals gelebt haben müssen - dann müsste sich das Christentum rasant ausgebreitet haben. Das hat es aber nicht. Erst als es zur Staatsreligion wurde, gewann es nennenswert an Anhängern dazu.

    Theophilus, der Bischof von Antiochien, versuchte einen skeptischen Freund davon zu überzeugen, Christ zu werden  [21]. Dieser hatte von sehr vielen Totenerweckungen gehört und versprach, sofort Christ zu werden, wenn er mit einem der erweckten Toten reden dürfte. Theophilus, obwohl er selbst von vielen Totenerweckungen berichtet hatte, konnte diesen verständlichen Wunsch seinem Freund nicht erfüllen und erfand ständig neue Ausreden. Wir können uns denken, warum.

    Heute gilt meist schon als ein Wunder, was völlig natürlich zugeht, aber auf großem Zufall beruht.

    Wenn es heute schon schwer ist, die Grenze zwischen einem "echten" Wunder und einem falschen Wunder richtig zu ziehen - mit allen technischen Möglichkeiten, die wir heute haben - um wieviel schwerer fiel es wohl den Menschen vergangener Jahrhunderte? Auch die Verschiebung der Grenzen, was die Anerkennung von Wundern angeht, innerhalb der katholischen Kirche, verdeutlicht, wie leicht man sich früher hat irren können.

    Auf welcher Basis könnte man Wunderberichte akzeptieren? Genau dann, wenn die Zurückweisung des Wunderberichts ein viel größeres Wunder wäre (also es noch viel unwahrscheinlicher wäre, dass es sich um kein Wunder handelt und es noch mehr unserer Erfahrung widerspricht, es nicht als Wunder anzusehen).

    Starke Behauptungen erfordern starke Beweise. Sobald man diese Regel durchbricht und sich etwas aufschwatzen lässt, was der Erfahrung widerspricht und sehr unwahrscheinlich ist, hat man seine Erfahrungsbasis korrumpiert, und es wird schwerer, andere Wundergeschichten zurückzuweisen (weil Wunder jetzt als wahrscheinlicher angesehen werden und nicht mehr der "Erfahrung" widersprechen - man hat sie ja als Bestandteil der "Erfahrung" akzeptiert). Dies ist das Einfallstor für Aberglauben und Religion gleichermaßen.

    Allerdings verfahren Gläubige hier häufig sehr selektiv. Mit der Begründung, dass die Beweislage nicht ausreiche, weisen sie Wunderberichte anderer Religionen zurück und glauben nur an die eigenen Wunder, für die die Beweislage oft noch viel schlechter ist (weil keiner mehr 2.000 Jahre alte Geschichten nachprüfen kann). Und jetzt verstehen wir auch, warum es nicht mehr so viele Wundergeschichten bei den Christen gibt: Man könnte ja dahinter kommen, dass es sich um Betrug oder Täuschung handelt und dann auch die anderen (alten) Geschichten anzweifeln ... und dieses Risiko möchte man vermeiden. Also berichtet man nur noch über Wunder, wenn man die kritische Nachprüfung verhindern (→ http://www.rationalistinternational.net/article/se_de_14102002.htm) kann. Vergangene Ereignisse lassen sich schlecht widerlegen. Und auf dieser Unwiderlegbarkeit baut vieles in den Religionen auf.

    Die Annahme, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, beruht auf einem leeren Grab und ein paar Zeugen, die ihn gesehen haben wollen. Aber über alle diese Ereignisse gibt es nur ein paar widersprüchliche Geschichten, aufgezeichnet ca. 40-90 Jahre später (da waren alle Zeugen tot - nur tote Zeugen sind gute Zeugen, wenn es um Wunder geht). Selbst wenn die Beweislage für ein heutiges Ereignis sehr viel besser wäre, würde es kein Mensch mehr daran glauben. Aber damals war das noch anders, daher kann man es heute nicht mehr widerlegen. Aber das braucht man auch nicht. Man muss nur seinen gesunden Menschenverstand bemühen, um zu verstehen, was damals passiert ist. Für mehr reicht die Beweislage nicht. Aber aus dem seltener werden von Wundern kann man nur eines schlussfolgern: Damals konnte man die Grenze zwischen Wunder und Täuschung nicht richtig ziehen, und man muss sich natürlich fragen, was nun Täuschung und was Wunder war. Das kann man nachträglich aber nicht mehr entscheiden Besonders interessant ist, dass ausgerechnet die Leute, die an den Wissenschaften und ihren Ergebnissen zweifeln, alle diese Zweifel beiseite schieben, wenn es um vergangene Wunderberichte geht. Das hat auch damit zu tun, dass einem die Wissenschaft die Mittel an die Hand gibt, diese Wunder anzuzweifeln oder auf natürliche Art und Weise zu erklären. Die Wissenschaft hat ihre eigenen Wunder geschaffen: Telefon, Autos, Flugzeuge, Mondraketen usw. usf. Aber diese funktionieren nachweislich. Diese Nachweise fehlen bei den alten Wundergeschichten völlig. Dieser selektive Zweifel - Wissenschaft nein, Wunder ja - muss höchst misstrauisch machen. Wem würden Sie im Zweifel mehr vertrauen - einem Wunderheiler ohne nachprüfbare Ergebnisse oder der medizinischen Wissenschaft mit beweisbaren Ergebnissen? Und warum sollten Sie bei Wundern anders verfahren? Wäre das nicht sehr fahrlässig? Hinzu kommt, dass man in früheren Jahrhunderten, wenn man allzu viele Zweifel äußerte, auch schon mal auf dem Scheiterhaufen landen konnte.

    Und solange es keine besseren Beweise gibt, ist man auf der sicheren Seite, wenn man annimmt, dass es sich um ein Märchen handelt, welches die Menschen gerne glauben möchten, weil sie sich ewiges Leben davon versprechen.

    Es gibt übrigens noch einen weiteren guten Grund, warum Wunder keinen Beweis für die Richtigkeit einer Religion sind:

    Es gibt viele Religionen, die sich gegenseitig ausschließen, d. h. sich für die einzig wahre Religion halten. Viele Spielarten des Christentums gehören dazu, der Islam, das Judentum, der Hinduismus und viele kleinere Bekenntnisse. Wenn also ein Wunder die Wahrheit der einen Religion bezeugt, widerspricht dieses Wunder damit automatisch der Wahrheit aller ausgeschlossenen Religionen. Aber in allen Religionen kommen jede Menge Wunder vor, die sich wechselseitig bestätigende Wahrheiten "ausschließen". Nun müsste der Anhänger einer Religion, der damit die Wahrheit seiner Religion belegen möchte, alle ähnlichen Wunder anderer Religionen Punkt für Punkt für ungültig erklären (und dieselben Kriterien, die er dazu benutzt hat, auch auf die eigene Religion anwenden - wenn er sich davor drückt, wäre das Anlass zu höchstem Misstrauen) und Kriterien finden, warum die eigenen Wunder "besser" sind als die der anderen Religionen. Jedes fremde Wunder, welches er nicht auf natürliche Art erklären kann, wäre dann ein Indiz gegen die Wahrheit seiner eigenen Religion.

    Deswegen kann man Wunder als Bestätigung einer Religion auch verwerfen, ohne sich damit überhaupt näher zu beschäftigen  [22].

    Konfusius, er zitiert: "Wunder sind die Kinder der Verlogenheit." (Robert Green Ingersoll)

    Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit

    Eine der zentralen Annahmen der Fundamentalisten gliedert sich in zwei Teile - und beide Teile sind sowohl gefährlich als auch falsch. Diese Grundirrtümer lauten so:

    1. Es gibt eine absolute Wahrheit, die vollkommen irrtumsfrei ist.
    2. Wir kennen (oder haben) diese Position absoluter Irrtumsfreiheit.
    Wir hatten in den vorigen Abschnitten bereits gesehen, dass es keine irrtumsfreie Position geben kann, und selbst wenn es sie gäbe, so könnte man dies nicht beweisen. Dies hängt mit einer Asymmetrie der Erkenntnis zusammen: Wir können von einer Aussage nicht feststellen, ob sie wahr ist, wir können nur feststellen, ob sie falsch ist. Diese Position bezeichnet man als Fallibilismus.

    Deswegen könnte man zwar rein theoretisch eine irrtumsfreie Position einnehmen, man könnte es aber weder beweisen noch begründen! Beweisen kann man es nicht, weil man dann die Irrtumsfreiheit des Beweises beweisen müsste, und auch diesen Beweis müsste man beweisen usw. usf. in alle Ewigkeit (der unendliche Regress aus dem Münchhausentrilemma). Oder man bricht diese endlose Kette ab und akzeptiert etwas als irrtumsfrei bewiesen, bevor man es bewiesen hat (Dogmatismus). Oder man "beweist" es mit zirkulärer Logik. Zudem müsste man beweisen, wenn keine Fehler bislang gefunden wurden, dass man auch niemals welche finden wird - das ist unmöglich. Alle diese Beweise sind unvollständig oder fehlerhaft, d. h. ungültig in Bezug auf Irrtumsfreiheit. Und mit reiner Vernunft, ohne Empirie, kann man schon überhaupt nichts beweisen!

    Wenn also jemand behauptet, die Bibel sei das absolut wahre Wort Gottes, so frage man ihn, wie er dies begründet. Entweder beruft er sich auf ein "das ist so" (Dogmatismus) oder er sagt, das sei so, weil es in der Bibel selbst steht (zirkuläre Logik). Es gibt noch den "unvollständigen Beweis": Weil dort wahre Prophezeiungen drinstehen oder weil dort wahre Ereignisse erzählt werden, aber auch damit kann man keine vollständige Begründung liefern. Auch die interne Konsistenz (innere Widerspruchsfreiheit)  [23] ist nur ein minimales Indiz für Wahrheit (wenn es fehlt, kann die Bibel nicht komplett wahr sein, wenn die Bibel intern konsistent ist, beweist es nicht die Wahrheit der Bibel). Der "Beweis" der internen Konsistenz der Bibel funktioniert ohnehin über Ignoranz, d. h. man akzeptiert keine Widersprüche, sondern interpretiert sie weg. Mangelhafte interne Konsistenz ist sogar eine der großen Schwächen der Bibel.

    Und deswegen kann sich niemand hinstellen und behaupten, er könne die Position 1. einnehmen. Es wird uns den Beweis immer schuldig bleiben, und warum sollte man in einer so wichtigen Frage auf alle Beweise verzichten? Sicher: Glauben heißt, auf Beweise für etwas verzichten und in etwas nicht Beweisbares vertrauen. Aber man kann das auch übertreiben. Denn absolutes Wissen bedeutet absolute Macht, also um Lord Acton zu zitieren: "Macht neigt dazu, den Mächtigen zu verderben, und absolute Macht verdirbt absolut". Warum sollte man es riskieren, andere Menschen zu verderben, in denen man ihnen die Macht gibt, kraft ihrer Autorität zu definieren, was absolut wahr ist? Die Berufung auf absolutes Wissen und Irrtumsfreiheit hat die Menschen bislang meisten korrumpiert, früher oder später.

    Wenn man also weder beweisen noch begründen kann, dass die eigene Position irrtumsfrei ist, dann ist das für einen Dritten nicht von einer irrtumsbehafteten Position unterscheidbar. Wenn es aber weder logisch noch empirisch unterschieden werden kann, ist es gleichwertig. D. h. eine angeblich irrtumsfreie Position unterscheidet sich nicht von einer irrenden Position, ist also identisch mit einer irrenden Position oder sinnfrei. Die Berufung auf eigene göttliche Inspiration oder auf Offenbarung hilft uns auch nicht weiter.

    Wir sehen, dass es weder eine absolute Wahrheit gibt noch geben kann, noch dass man dies für eine Position annehmen kann oder behaupten darf. Fundamentalisten, die behaupten, sie hätten eine absolute Wahrheit gefunden (und damit - das ist die Gefahr - auch eine absolute Rechtfertigung für ihr Handeln), täuschen sich aus folgenden Gründen über den Status ihrer Annahmen  [24] hinweg:

    1. Sie verharren auf Erkenntnisstufe 2 - d. h. sie ignorieren Kritik oder lassen sie nicht zu. Ihre Erkenntnis ist unkritisch gegen sich selbst, nur Kritik daran wird kritisch beleuchtet und stets zurückgewiesen.
    2. Die Immunisierung gegen Kritik , d. h. das Ausblenden von Kritik, führt zu einem Status scheinbarer Unangreifbarkeit - sie können jedes Gegenargument kontern, meist mit zirkulärer Logik. Diese Zirkel scheinen eine Selbstbestätigung zu sein (während sie in Wahrheit eine Selbstwiderlegung sind).
    3. Damit meinen Sie, auf das angeblich "unterlegene", weil - im Gegensatz zu ihrer Position - vorläufige und unsichere Wissen "herabsehen" zu können. Wenn man eine Gegenposition einnimmt, und eigene Irrtumsmöglichkeiten einräumt, ist man ihnen quasi-automatisch "im Nachteil", denn sie können sich nicht irren (glauben sie).
    4. Da sie ihre (falschen) Positionen mit mehr innerer Sicherheit und einem gewissen Absolutheitsanspruch vertreten, wirken sie auf schwache Menschen, die eine feste Position suchen, überzeugender. Diese Überzeugungskraft wird positiv als Bestätigung der Richtigkeit angesehen - ob eine Position überzeugend ist, hat aber nichts mit dem Wahrheitsgehalt zu tun  [25]!
    5. Das eigene emotionale Wunschdenken, die "Sucht" nach einem festen (absoluten) Halt, verstärkt die innere Sicherheit und gilt als Bestärkung - dabei ist es gleichgültig, wie sehr wir von der Wahrheit von etwas überzeugt sind, mit dem tatsächlichen Wahrheitsgehalt korreliert das sehr, sehr schwach.


    Hüten wir uns vor Menschen, die meinen, nicht irren zu können! Beispiel für Menschen, die für unfehlbar gehalten werden sind die Päpste, die - sofern sie einen Lehrsatz ex cathedra verkünden, angeblich unfehlbar sein sollen.

    Diese Kombination, die in einen inneren "Selbstverstärkungszirkel" mündet, macht den Fundamentalismus so gefährlich und ist der Nährboden für Fanatismus (längst nicht jeder Fundamentalist ist fanatisch, aber die meisten Fanatiker sind Fundamentalisten). Diese Form des Fanatismus erreicht man nur mit Annahmen, die gegen Tatsachen "immun" sind, d. h. bei denen niemals eine Tatsache auftauchen kann, die sich nicht entweder uminterpretieren ließe (und dann wieder passt) oder wo Tatsachen überhaupt keine Rolle spielen.

    Fundamentalismus beschränkt sich nicht auf die Religion - es gibt auch säkulare Fundamentalismen, wie z. B. orthodoxer Marxismus(-Leninismus) oder Faschismus. Aber Religion ist tiefer in unsere Kultur eingegraben und stärker akzeptiert, damit sind viele Menschen bereits "vorgeprägt" und empfänglicher. Fundamentalismus ist schwer zu bekämpfen, weil die Fundamentalisten argumentationsresistent sind, d. h. meist nicht überzeugt werden können, wohl aber andere damit "anstecken" können. Das Potenzial wäre noch bedrohlicher, wenn nicht gerade sehr viele schwache Menschen davon angezogen würden. Erst in der Hand eines "starken" Menschen entfaltet diese Denkweise ihr vollen Missbrauchsmöglichkeiten. Schwache Menschen werden erst in der Masse stark und dann entsprechend unangenehm.

    Ich will nicht behaupten bzw. wehre mich gegen die Behauptung, Fundamentalismus sei die einzige Vorbedingung für Fanatismus! Das ist falsch. Richtig ist vielmehr, dass Fundamentalismus eine notwendige aber keine hinreichende Vorbedingung für Fanatismus ist. Die Gefahr geht vielmehr von den Inhalten aus. Wenn jemand fanatisch meint, alle Menschen lieben zu müssen und ihnen vergeben zu müssen so kann das zwar u. U. lästig sein, aber wohl kaum gefährlich! Wenn aber jemand aus seiner absolut irrtumsfreien Position die eigene Überlegenheit, die seiner Rasse oder ethnischen Gruppe oder seiner Überzeugungen ableitet, dann wird es sehr wohl gefährlich - vorausgesetzt, er hat die Macht dazu, sich durchzusetzen.

    Vermeintliche Irrtumsfreiheit ist deswegen auch so gefährlich, weil man sie nicht besitzen muss, damit Gefahr davon ausgeht - die Einbildung, sie zu haben, reicht schon aus, um pathologisch zu werden.

    Der häufigste Einwand, der jetzt kommt, ist der, ob ich mir da so sicher sein könnte? Denn wenn ich mir absolut sicher sei, es gäbe keine irrtumsfreie Position, dann würde ich damit eine Position der absoluten Wahrheit (= Irrtumsfreiheit) einnehmen und mir also selbst widersprechen ...

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich recht habe. Ich kann aber auch keine Position des absoluten Irrtums einnehmen (das wäre das logische Gegenstück). Ich muss Stellung beziehen, weil es sich (m. A. nach) um eine wichtige Frage handelt. Ich kann nicht mit dem Argument "ich könne unrecht haben" mich aus allem heraushalten - wenn ich dies mache, dann räume ich damit den Fanatikern den Weg frei. Nehmen wir einmal ein, bei einer beliebigen Position steht "A ist irrtumsfrei" gegen "A ist falsch", und ich habe keine Möglichkeit, mich auf irgendeinem Weg für eine der Position zu entscheiden. Nehmen wir aber mal an, ich müsste das. Für welche Position entscheide ich mich? Schwache Menschen entscheiden sich für die Sicherheit und nehmen "A ist irrtumsfrei". Ich sage, wenn beide Position gleich wahrscheinlich falsch und gleich wahrscheinlich wahr sind, dann entscheide ich mich für die Position, bei der am wenigsten Schaden entsteht, wenn sie falsch ist. D. h. ich kalkuliere ein, mich irren zu können (Fundamentalisten rechnen meist nicht damit). Das Christentum hat in fast 2.000 Jahren bereits bewiesen, dass es sehr viel Schaden anrichtet. Und hier kommt mir noch zugute, dass es so sehr unwahrscheinlich ist, dass die Position "das Christentum [welches?] ist irrtumsfrei" so extrem unwahrscheinlich ist, dass ich nicht von einer Gleichwertigkeit der Positionen ausgehen muss. Da fällt die Entscheidung also leicht. Und deswegen kann ich das auch mit einer gewissen Entschiedenheit vertreten, weil ich mich entschieden habe. Mag sein, dass ich mich irre. Aber wenn ich irre, richtet mein Irrtum weniger Schaden an.

    Wissenschaft ist bescheiden - sie hat zwar viel erreicht, aber nicht die Irrtumsfreiheit.

    Religion ist unbescheiden - sie hat zwar viel Schaden angerichtet, behauptet von sich, irrtumsfrei zu sein  [26].

    Im nächsten Abschnitt demonstriere ich an einem Beispiel, wieso die Irrtumsfreiheit selbst ein Irrtum ist, und woher die Irrtümer eigentlich kommen - wir bewegen uns also zur "Quelle der Irrtümer" vor. Und sie werden staunen, wenn Sie diese Quelle erblicken ...

    Konfusius, er zitiert: "Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen" (Friedrich Nietzsche)

    Das Theodizeeproblem

    Wenn man längere Zeit mit Christen diskutiert, dann kommt man unweigerlich an einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Das ist immer dann der Fall, wenn die gläubige Position zu den Selbstwidersprüchen gelangt - und das ist zwangsläufig so. Der Grund dafür ist klar: Das "Konzept Gott" ist in sich sehr widersprüchlich und alogisch. Wenn man sich auf Gott beruft, dann "importiert" man diese Widersprüche in die eigenen Argumente und fängt an, sich selbst zu widersprechen.

    Die Gläubigen haben zwei Verteidigungslinien: Die ad hoc Argumentation und die Berufung darauf, dass der Glaube nicht mit dem Verstand zu erfassen sei ("Geheimnis des Glaubens").

    Ad hoc zu argumentieren bedeutet: Man führt weitere Zusatzannahmen ein, die das ursprüngliche Argument stützen. Damit wird das unvermeidliche Treffen auf Widersprüche aber nur hinausgezögert. Oft erscheinen diese Widersprüche dann als große Überraschung an unvermuteter Stelle. Und statt einem Widerspruch zu Anfang hat man jetzt einen ganzen Sack voll. Die "wundersame Widerspruchsvermehrung" (warum ist das so?) demonstriere ich Ihnen hier anhand eines Grundproblems.

    Theologen benutzen seltener ad hoc Argumente, weil sie wissen, dass der Kampf gegen die Widersprüche wie ein Kampf gegen eine Hydra ist: Für einige "abgeschlagene" Widersprüche entstehen zwei Neue. Viele Widersprüche werden vom Diskussionspartner nicht wahrgenommen, weil der auch kein perfektes Gedächtnis hat. Aber sie sind da.

    Ein Beispiel: das Theodizeeproblem (→ http://home.rhein-zeitung.de/~rdober/relkrit/theodizee.html). Das lautet folgendermaßen:

    Wenn (der christliche) Gott allmächtig, allwissend und liebend und allgütig ist, wie kann man dann das Leid in der Welt erklären?

    Wegen der grundsätzlichen Bedeutung dieses Problems starte ich eine neue Reihe zur Theodizee. Diese finden Sie hier. Im Weiteren finden Sie eine stark verkürzte Version des Theodizeeproblems:

    Da das Konzept "Allmacht  [27], Allwissen  [28], Allgüte  [29]" in sich widersprüchlich ist, kann es keine logische (= vernunftgemäße, vernünftige) Lösung für dieses Problem geben. Ein guter Mensch wird, wenn er dazu in der Lage ist, danach trachten, Leid zu verhindern. Tut er es nicht, dann weil er nicht konnte, oder weil er nicht wollte - in letzterem Fall aber war er nicht gut. Darüber wird man sofort Einigung erzielen  [30].

    Es gibt aber sehr viel Leid in dieser Welt. Kann oder will Gott das Leid nicht verhindern? Wenn er es nicht kann, ist er nicht allmächtig, wenn er es nicht will, dann ist er nicht allgütig. So oder so, die Grundattribute stehen in einem Widerspruch zueinander. Die Verteidigung der Theologen erfolgt nun durch eine ad hoc Annahme. Diese wird zwar nicht so eindeutig durch die Bibel gestützt (steht sogar teilweise im Widerspruch dazu), aber der Widerspruch muss ja "wegerklärt" werden. Also sagen die Theologen, dass Gott den Menschen so sehr liebte, dass er ihm einen freien Willen gab. Dadurch bekam zugleich der Mensch die Fähigkeit, Böses zu tun, und damit kam auch das Leid in der Welt.

    Damit hat man zwei neue Widersprüche erzeugt: Denn der freie Willen steht im Widerspruch zum Allwissen Gottes (wenn Gott vorher weiß, wie ich handle, habe ich keinen freien Willen, wenn er es nicht weiß, habe ich zwar einen freien Willen, aber Gott ist nicht allwissend). Außerdem gibt es Naturkatastrophen, die nicht durch menschliches Handeln verursacht werden, die aber wiederum zu Leid führen. Den ersten Widerspruch (freier Wille versus Allwissen) findet man auch in der Bibel - wenn Gott alles weiß, dann ist mein Schicksal vorherbestimmt, und dann wurde auch vorher festgelegt, wer glaubt und wer nicht (Prädestinationslehre). Dann gibt es keinen freien Willen. Dann ist aber auch jedes Bemühen um moralisches Handeln sinnlos (wenn der Ausgang meiner Handlung festliegt, handle ich, wie ich handle, weil ich nicht anders kann: Ob ich nun Gutes tue oder kleine Kinder aufschlitze), d. h. jede Moral ist zerstört. Damit mein Bemühen überhaupt sinnvoll und moralisch sein kann, brauche ich einen freien Willen - das widerspricht dem Allwissen Gottes.

    Der freie Willen betrifft nicht nur uns - er betrifft Gottes Handeln selbst. Dan Barker bemerkt dazu (→ http://www.ffrf.org/fttoday/1997/august97/barker.html) (Übersetzung von mir):
    Der christliche Gott ist ein personales Wesen, welches allwissend ist.

    Um einen freien Willen zu haben, muss man mehr als eine Option haben, von denen jede Einzelne vermeidbar ist. D. h. bevor man eine Wahl trifft, muss es einen Zustand der Ungewissheit während einer Zeitspanne voller Möglichkeiten geben: Du kannst die Zukunft nicht kennen. Selbst wenn man glaubt, man könne die Entscheidung vorhersagen, wenn Du behauptest, Du hättest einen freien Willen, Du musst zugeben, Du hast die Möglichkeit (wenn nicht sogar den Wunsch) Deine Meinung zu ändern, bevor die Entscheidung endgültig ist.

    Ein Wesen, welches alles weiß, kann keinen "Zustand der Unsicherheit" haben. Es kennt seine Wahl vorher. D. h. es hat keine Möglichkeit, seine Wahl zu vermeiden, und hat daher keinen freien Willen. Da es keinen freien Willen hat, ist es auch kein personales Wesen, ein personales Wesen, welches alles weiß, kann nicht existieren.

    Deswegen existiert der christliche Gott nicht.


    Gott hat also keine Willensfreiheit (dann ist er ein Roboter, eine Maschine, die nach einem Programm abläuft - dann ist auch alles Beten sinnlos), oder aber er kann seine eigenen Entscheidungen in Freiheit treffen - dann ist er nicht allwissend und nicht allmächtig (Allmacht setzt Allwissen voraus). In keinem Fall kann es sich um den christlichen Gott handeln.

    Naturkatastrophen, Kinder, die sterben, bevor sie ihren "freien Willen" entfalten konnten, stehen nun im Widerspruch zu der Erklärung des Leids generell. Um auch diesen Widerspruch "wegerklären" zu können, macht man eine neue ad hoc Annahme: Eine Welt, in der es einen freien Willen gibt, kann man nicht schaffen, ohne die vielfältigen Formen des Leids. Gott hatte die Wahl zwischen freiem Willen oder Freiheit von Leid, und er hat sich für den freien Willen entschieden. Gott kann keine leidensfreie Welt schaffen, in der die Menschen auch einen freien Willen haben. Das steht wiederum im Widerspruch zur Allmacht - hier scheinen also Gott enge Grenzen gesetzt zu sein.

    Und nun haben wir noch einen Widerspruch mehr: Den Glauben an das Paradies, in das Menschen nach ihrem Tod einziehen werden - wenn sie dazu vorherbestimmt wurden, oder wenn sie Gutes getan haben oder wenn sie richtig geglaubt haben. Denn im Paradies soll es kein Leid mehr geben. Nach der Argumentation der Theologen verbringen wir unser Leben im Paradies also als stumpfsinnige Marionetten ohne freien Willen. Wenn aber hier freier Willen und Freiheit von Leid im Paradies möglich sind, dann hätte Gott die Welt gleich so erschaffen können - er kann es also doch! Oder?

    Nun kommt der Sündenfall wieder ins Spiel, und der hat seine eigenen Probleme und Widersprüche. Denn demnach lebte der Mensch ursprünglich im Paradies, verlor dies aber durch die Erbsünde. Also warf der "allgütige" Gott Adam und Eva (die ursprünglichen Sünder) aus dem Paradies und schuf damit das Leid der Menschen - aller Menschen, denn damit strafte er ja alle Nachkommen. Ist das gerecht oder gut? Nein!

    Sieht es denn im zukünftigen Paradies besser aus? In dem ersten Garten Eden, den Gott schuf, sündigte der Mensch wegen seines freien Willens - wird behauptet, wobei die Frage offen ist, ob er die Konsequenzen kannte. Wer sagt uns, dass es nicht auch im nächsten Paradies genauso ist? Dort hat Gott den Sündenfall wegen des freien Willens nicht verhindern können - oder hat er ihn nur nicht verhindern wollen? Hat er ihn nicht verhindern können, dann wird dies im zukünftigen Paradies auch so sein, wenn er es beim ersten Mal nicht gewollt hat, dann kann er nicht allgütig sein ... wenn er Adam und Eva schon nicht perfekt schaffen konnte, dann kann er dies mit den wieder auferstandenen Menschen auch nicht!

    Und damit kommen wir zu einer neuen ad hoc Annahme: Gott sandte seinen Sohn in die Welt, um die Menschen wieder von dem von Gott geschaffenen Leid zu erlösen ... und mit Jesus tauchen dann eine Fülle neuer Widersprüche und vernunftwidriger Annahmen auf.

    Ursprünglich fingen wir an mit "(1) Allmacht und Allgüte sind unvereinbar". Dann kamen wir zu "(2) Allgüte und Leid sind nicht vereinbar". Dann kamen wir zu "(3) Willensfreiheit und Allmacht (Allwissen) sind nicht vereinbar". Dann "(4) Allwissen und moralisches Handeln sind nicht vereinbar". Dann "(5) Vorherbestimmung und moralische Gebote sind nicht vereinbar" (Gebote sind überflüssig, wenn alles vorherbestimmt ist). Dann "(6) Allmacht und die Unmöglichkeit, eine leidensfreie Welt zu schaffen" sind unvereinbar. Und die "(7) Paradiesvorstellung und die Unmöglichkeit, eine leidensfreie Welt zu schaffen" sind unvereinbar. Und die "(8) Vertreibung aus dem Paradies und die Allgüte" sind unvereinbar. Usw. usf.

    Statt dem einen ursprünglichen Widerspruch haben wir jetzt acht Stück beisammen und wenn wir bei Jesus weiterdiskutieren, dann vermehren sich die Widersprüche wie die Kaninchen - mit jeder neuen ad hoc Annahme kann man den Widerspruch nämlich nur verschieben oder vermehren, mehr nicht. Und obwohl wir neue Widersprüche haben, ist der ursprüngliche Widerspruch immer noch nicht gelöst! Denn das Problem, das ein allwissendes Wesen selbst keine Willensfreiheit haben kann, steht nach wie vor im Raum.

    Dan Barkers Kommentar dazu: "Gib einem Gläubigen genug Seil und er wird sich selbst aufhängen". Je mehr ein Gläubiger seinen Glauben verteidigt, umso schlimmer wird es. Wenn man dies lange genug vorantreibt, steht irgendwann (fast) jede Glaubensannahme mit (fast) jeder anderen im Widerspruch. Die meisten Widersprüche werden durch den psychischen "Mechanichtsnutz" selektive Wahrnehmung und Verdrängung zwar ausgeblendet, aber es bleiben immer noch genug übrig, um sich daran "aufzuhängen".

    In dem Moment, in dem man einen Gläubigen durch Nachfragen dazu bringt, seinen Glauben zu verteidigen, verwickelt er sich in Widersprüche. Das gilt z. B. auch für Kreationisten - man muss die Evolutionstheorie (ET) nicht verteidigen. Man braucht nur nach den Alternativen zu fragen. Kreationisten sind meist ohnehin schlecht darauf vorbereitet, ihre Auffassung zu verteidigen, sie können die ET angreifen, mehr aber nicht. Man gebe ihnen nur genug Seil ...

    Sobald man also Gott oder eine supernaturalistische Erklärung in eine Diskussion einführt - das gilt auch für Diskussionen über Moral - verwickelt man sich automatisch in Widersprüche. Das ist unvermeidlich. Nun gilt aber auch auf der Erkenntnisstufe 2 (bewusst, aber unkritisch) die Widerspruchsfreiheit als minimales Wahrheitskriterium - Freiheit von Widersprüchen beweist keine Wahrheit, aber Widersprüche beweisen die Falschheit. Erst auf Ebene 3 wird dies zum Prinzip erhoben und damit das Problem gelöst (dafür handelt man sich die Vorläufigkeit allen Wissens ein).

    Diese Methode des "Verwickelns in Widersprüche" kann gegen Atheisten nicht verwendet werden, da ihre Grundannahmen nicht in sich widersprüchlich sind. Verwickeln sich Atheisten doch in Widersprüche, dann ist das durch einen Denkfehler verursacht, den man ohne Änderung der atheistischen Grundhaltung auflösen kann. Anders gesagt: Gläubige sind bei Diskussionen automatisch im Nachteil. Charismatische Fundamentalisten verteidigen ihren Glauben auch nicht, sie greifen lieber an - Verteidigung ist ihre Achillesferse.

    Um diesen Nachteil kompensieren zu können (denn Gläubige gehen ja von einer Überlegenheit ihrer Ansichten aus) gibt es eine zweite Strategie: Das Suspendieren der Vernunft (um nichts anderes handelt es sich bei dem Bezug auf "Glaubensgeheimnisse"). D. h. immer dann, wenn die Vernunft beim Glauben zu Widersprüchen führt, "rettet" man sich durch Einführung neuer alogischer Elemente ("Gottes Wege sind unerforschlich"). Da ist natürlich auch eine ad hoc Annahme: Immer genau dann, wenn man in einer Diskussion oder beim Nachdenken auf Widersprüche stößt, wird dies als Zeichen gedeutet, die Vernunft überschritten zu haben. Dies steht natürlich im Widerspruch zur Behauptung der Theologen, es sei vernünftig zu glauben.

    Die Bereitschaft der Gläubigen, immer genau dann, wenn man auf Widersprüche stößt, für sich selbst und nur für sich selbst die Vernunft "auszusetzen" (zu transzendieren, wie die Theologen sagen) macht die Diskussionen so unfruchtbar - das ähnelt einem Kartenspiel mit Spielern, die, sobald sie verlieren, willkürlich die Regeln des Spiels ändern (aber nur sie selbst "dürfen" das). So ein "Spiel" macht keinen Spaß. Daher kommt oft das Gefühl, mit Gläubigen zu diskutieren sei dasselbe, als wenn man versucht, "einen Pudding an die Wand zu nageln". Deswegen benutzen u. a. (einige) Gläubige auch gerne Argumente ad hominem (= gegen die Person gerichtet), weil man den Glauben leichter verteidigen kann, wenn man von der eigenen Schwäche ablenkt und stattdessen die Person des Gegners angreift. Wenn man in Diskussionen nicht gefestigt ist, dann wird man dadurch in die Defensive gedrängt (aber das ist ein demagogischer und unfairer Trick).

    Wir können also Glauben definieren als "das Ignorieren innerer Widersprüche". Das ist sozusagen das wahre "Geheimnis des Glaubens". Deswegen konnte ich auch behaupten, dass der Glauben einer niedrigeren Stufe der Erkenntnis entstammt, also zwar bewusst ist, aber unkritisch (gegen sich selbst). Damit kommt auch das Element der Beliebigkeit ins Spiel.

    Die zweite Verteidigungslinie besteht darin, dass der Glauben eben auf Gefühlen basiere, nicht auf dem Verstand alleine (was heißt "alleine"?). Das Argument ist von derselben zweifelhaften Qualität: Immer, wenn ich mich in Widersprüche verwickle, dann darf ich mich darauf berufen, dass ich aber trotzdem fühle, im Recht zu sein? Wenn der Gläubige das "darf", darf ich das auch? Dann stehen aber nur Gefühle gegen Gefühle - damit kehren wir zurück ins Mittelalter, denn wen sich genügend Gefühle aufgestaut haben, dann fängt der Krieg an.

    Was ist denn, wenn mir mein Gefühl besagt, ich müsse alle anders Denkenden töten? Darf ich mich auch dann auf mein Gefühl berufen, wie die Gläubigen es tun? Wenn nein, warum nicht? Und, wenn nicht ich, wer darf das dann und aus welchen Gründen? Auch hier brauchen wir die Vernunft, wenn wir uns einigen möchten. Vernunft garantiert zwar keine Einigkeit, aber Unvernunft ist ein Garant für Streit.

    Der Grund, warum wir uns nicht auf Gefühle berufen können ist der: Gefühle sind Privatsache einer Person und nicht nachvollziehbar (Gefühle kann man auch vortäuschen!). Argumente sind zwischen den Menschen austauschbar und nachvollziehbar - man kann kein gutes Argument vortäuschen (jedenfalls nicht auf Dauer). Damit ist eine wesentliche Täuschungsmöglichkeit eliminiert, der Umgang wird ehrlicher, weil ich den anderen nicht dauernd verdächtigen kann, mich zu belügen. Argumente sind ehrlich, Gefühle können ehrlich sein oder auch nicht - hier gewinnt der bessere Schauspieler (im Zweifelsfall). In solchen Diskussionen ist der Ehrliche dann auch immer der Dumme.

    Hinzu kommt der Vorwurf der Beliebigkeit: Wann immer ich die Vernunft aussetze, weil sie gerade mal nicht zu dem von mir gewünschten Ergebnis führt, kann ich so jeden Unsinn rechtfertigen und verteidigen - es macht keine Mühe, sich Weltbilder auszudenken, die auf diese Art und Weise gut und leicht gegen jedes Argument zu verteidigen sind, die aber erkennbar unsinnig sind. Was ist mit den Weltbildern, deren Unsinn für uns nicht erkennbar ist? Werden die dadurch richtig? Wenn ich keine Möglichkeit habe, ein vernünftiges Weltbild von einem unvernünftigen zu unterscheiden (weil ich mit durch "Suspendierung der Vernunft" selbst den Boden unter den Füßen weggezogen habe, d. h. alle Kriterien vernichtet habe), dann sind beide identisch (verwechselbar, austauschbar, gleich), also sind alle diese Weltbilder auch gleich unsinnig und gleich unwahr. Das klingt hart, aber ich halte diesen Schluss für unvermeidlich.

    Die Quelle aller Irrtümer und aller Widersprüche ist Gott selbst (bzw. der Glauben an einen Supernaturalismus)! Und dabei wollte man doch eine Position der absoluten Irrtumsfreiheit haben, den Grundpfeiler, auf den man bauen kann, von dem aus man alles entwickeln kann ... Vernunft, Moral, Sinn etc.

    Bemerkenswert viele Gläubige sind übrigens der Ansicht, dass sich der Glauben zwar nicht auf die Vernunft stützt bzw. vollständig damit begründbar ist, aber auch nicht in einen Widerspruch zur Vernunft geraten darf oder kann (dies ist u. a. ein Dogma der katholischen Kirche  [31]). Meist sind sie solange dieser Meinung, bis sie sich in genügend Widersprüche verwickelt haben. Dann wird auch diese Position aufgegeben.

    Die Vernunft mag nicht viel sein, aber sie ist alles, was wir haben. Auf sie auch noch zu verzichten (und ein teilweiser Verzicht und ein kompletter Verzicht sind letztlich dasselbe) gleicht einem Menschen, der in Seenot sein Rettungsboot zertrümmert, weil es seinen Ansprüchen nicht genügt.

    Verwandte Themen

    Die Rechtfertigung Gottes Erweiteter Text zum Theodizeeproblem.

    Die Offenbarung und das Theodizeeproblem Das Verhältnis von Offenbarung und Theodizee.

    Weiterführende Links zum Thema

    Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Theodizee (→ http://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee)

    Interessante Literatur zum Thema

    Streminger, Gerhard: 1992, Gottes Güte und die Übel der Welt, Das Theodizeeproblem, Mohr Siebeck, Tübingen. Hervorragende Auseinandersetzung mit dem Thema und eine Widerlegung sämtlicher gängiger und weniger gängiger Theodizeen, wobei der philosophische Beweis geführt wird, dass das Problem unlösbar ist.

    Drange, Theodore M.: 1998, Nonbelief and Evil: Two Arguments for the Nonexistence of God, Prometheus Books, New York. Zwei Argumente für die Nichtexistenz des (christlichen) Gottes, eines davon ist das Theodizeeproblem, hier systematisch dargestellt und mit einer Widerlegung der meisten bekannten Lösungen des Problems.


    Konfusius, er sagt: "Viele Christen verstehen unter "Freiheit des Glaubens" vor allem eine Freiheit von der Vernunft, wir verstehen darunter eine Freiheit zum selbstständigen Denken."

    Die Rechtfertigung Gotte

    Einen guten Überblick über das Theodizeeproblem gibt Prof. Dr. Gerhard Streminger auf seiner Website unter Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt. Ein Überblick über das Theodizeeproblem (→ http://members.aon.at/gstremin/theodizee.html). Dies ist eine stark verkürzte Version seines Buches Streminger 1992. Eine weitere gute Einführung finden Sie von Norbert Hoerster hier: Unlösbarkeit des Theodizee-Problems (→ http://www.bfg-bayern.de/hbb/issn_0040.htm).

    Die ursprüngliche Form des Theodizeeproblems stammt von Epikur (341-270 v. Chr.), es ist bezeichnend, dass auch das Christentum über 2.000 Jahre später sich immer noch mit diesem Problem herumschlägt:

    Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
    dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
    oder er kann es und will es nicht:
    dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
    oder er will es nicht und kann es nicht:
    dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
    oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
    Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?


    Das Theodizeeproblem ergibt sich also aus folgenden Annahmen:

    1. Es gibt einen Gott, dieser ist personal und hat die Welt erschaffen.
    2. Dieser Gott ist allmächtig, allwissend und gütig.
    3. Jemand, der gut (gütig) ist, würde nach Möglichkeit etwas, was schlecht oder böse ist, nicht tun und es verhindern, wo er kann oder es ganz eliminieren.
    4. Es gibt Übel in der Welt.
    Daher lautet die Frage: Wie kann man behaupten, Gott sei (all)gütig angesichts der Übel der Welt?


    Eine Theodizee wäre demnach die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt. Die große Relevanz des Problems ergibt sich daraus, dass dies sowohl ein logisches als auch ein moralisches Problem mit weit reichenden Implikationen ist.

    Eine solche Rechtfertigung müsste sich auf fünf Stufen gegen skeptische Einwände behaupten:
    1. Die Annahmen der Theologen beruhen auf bestimmten Prämissen. Jede dieser Prämissen ist frag-würdig im doppelten Wortsinn, m. A. nach ist die skeptische Position hier stärker. Eine Widerlegung einer einzigen theistischen Prämisse lässt die Theodizee scheitern.
    2. Angenommen, alle Einwände gegen die skeptische Position aus 1. könnten entkräftet werden, dann gibt es Einwände gegen diese Rechtfertigung selbst. Auch hier müsste jeder einzelne skeptische Einwand widerlegt werden (wie auf Stufe 1., ein Scheitern auf einer Stufe macht alle folgenden Stufen überflüssig und lässt das Theodizeeproblem ungelöst).
    3. Angenommen, die Rechtfertigung gelingt trotz aller Einwände auch auf Stufe 2., dann müsste ein Theist auch die Umkehrung der Argumentation entkräften. Diese sieht so aus: Wie kann man angesichts des Guten in der Welt die Boshaftigkeit Gottes rechtfertigen? Das geht i. d. R. (in den meisten Fällen) mit exakt derselben theistischen Argumentation (man muss nur 'gut' und 'böse' austauschen). Der Theist hat jetzt drei Möglichkeiten:
      1. Er kann die Rechtfertigung des Bösen widerlegen. Damit ist zugleich seine Begründung der Theodizee gescheitert, denn zum einen ist ein Argument, welches A "beweist" und Non-A gleichzeitig ungültig (sog. Universalargumente), zum anderen lässt sich die Begründung nun gegen ihn verwenden.
      2. Er kann die Rechtfertigung des Bösen akzeptieren, weil es keine guten Argumente dagegen gibt - dann könnte er aber nie mehr sicher sein, nicht einen bösen Dämon anstelle eines guten Gottes anzubeten.
      3. Die häufigste Variante ist die Flucht in den Irrationalismus, alle nicht passenden Argumente werden verworfen, gleichgültig, wie sie begründet sind.
    4. Sollte die Argumentation die Stufe 3. wider aller Erwartung überstehen, dann kann eine Rechtfertigung nur darin zu bestehen, dass die Übel der Welt unvermeidbar sind und Gott keine bessere Welt hätte erschaffen können. Wenn man diese Argumentation anerkennt, dann ist damit zugleich die Existenz des Paradieses widerlegt (und die Hoffnung auf eine 'ausgleichende Gerechtigkeit'), also der Kernpunkt der christlichen Botschaft erweist sich als ungerechtfertigt. Wenn man an dem Glauben, es gäbe ein Paradies trotzdem festhält, dann stellt sich die Frage, warum Gott die Bedingungen nicht gleich so gestaltet hat wie im Paradies - da er es nicht getan hat, muss man ihm Boshaftigkeit unterstellen (Unfähigkeit kann es jedenfalls nicht mehr sein). Wenn man trotzdem immer noch daran festhält, muss man zugestehen, dass es auch im Paradies jederzeit wieder die Möglichkeit einer Vertreibung geben könnte. Da bleibt nur Raum für eine völlig irrationale Hoffnung ...
    5. In der letzten Instanz müsste man die Aufrechnung von Leid gegeneinander rechtfertigen (dies gilt nicht für Argumentationen, die die Existenz von Leid überhaupt bestreiten, was meist nicht gemacht wird). Ferner müsste das Leid noch gegen den Einwand verteidigt werden, dass es uns zugefügt wird, ohne uns zu dazu gefragt zu haben, d. h. wir konnten nichts dazu sagen, ob wir diese Rechtfertigung für uns zugefügtes Leid akzeptieren.
    Wenn die Theodizee gelöst ist, dann besagt dies übrigens nur, dass ein gütiger Gott möglich wäre, nicht aber, dass es ihn auch tatsächlich gibt. Angesichts dessen wäre zu fragen, warum die Theologen nicht erstmal beweisen, dass er existiert, anstatt ihre Energie darauf zu ver(sch)wenden, kunstvoll-hochspekulative Gedankengebäude auf etwas aufzubauen, dessen Existenz nicht gesichert ist (und damit u. U. auf einen Schlag alle ihre Konstruktionen zerstört).

    Die meisten bekannten Theodizeen scheitern schon an der ersten Stufe, spätestens aber auf der dritten. Es scheint ein bisschen widersinnig zu sein, angesichts der Übel der Welt tatsächlich nach einer Rechtfertigung für Gott zu suchen. Man kann mit Gewalt in allem Bösen auch das Gute sehen und damit das Böse selbst rechtfertigen, aber mit dieser Kunst könnte man auch die Taten Hitlers oder Stalins gegen Einwände verteidigen. Es scheint auch kaum möglich zu sein, einen allwissenden und allmächtigen (!) Schöpfer von allen Folgen freizusprechen, die seine Schöpfung für die Lebewesen hatte - normalerweise versuchen wir auch nicht krampfhaft, jemanden, der einen Mord begangen hat in vollem Bewusstsein seiner Tat und unter dem Wissen aller Konsequenzen seiner Handlung von der Tat freizusprechen. Und da alle Lebewesen sterben müssen, handelt es sich hierbei sogar um Massenmord.

    Viele Theisten argumentieren nun zirkulär: Wir sterben ja nicht wirklich sondern stehen wieder auf. Diese Annahme, dass Gott hier die Fehler seiner Schöpfung (z. B. den Tod) wieder gut macht, gilt natürlich nur, wenn Gott wirklich gütig ist. Aber dies soll durch die Theodizee erst gezeigt werden, wird hier aber schon wieder vorausgesetzt. Scheitert aber die Theodizee, dann gibt es auch keinen Grund mehr, anzunehmen, Gott würde als Garant einer ausgleichenden Gerechtigkeit stehen - das kann man eben ernsthaft nur von einem Wesen erwarten, dessen Güte sich bereits in dieser Welt zeigt, der Rest ist unsubstantiierte Hoffnung.

    Scheitert die Theodizee, so kann man nicht mehr an einen gütigen Gott glauben, bzw. man kann nur wider bessere Einsicht glauben, was auch unter Theologen den Tatbestand des Aberglauben s erfüllt.

    Konfusius, er zitiert: "Der Gott der Christen macht, wie wir gesehen haben, Versprechungen, um sie zu brechen, er sendet Pest und andere Krankheiten, um die Menschen zu heilen, er demoralisiert die Menschheit, um sie zu verbessern. Er schuf den Menschen 'nach seinem Bilde', und immer noch werden die Übel in den Menschen nicht ihm zugeschrieben." (Johann Most, "The God Pestilence")

    Ein grundlegendes Glaubensproblem

    Ich hatte behauptet: Wenn man das Glaubenssystem nimmt, dann kann man logische Widersprüche nur verschieben oder vermehren. Diese Aussage lässt sich beweisen (keine Angst, das wird hier kein mathematischer Beweis, obwohl das möglich wäre).

    Es gibt verschiedene logische Systeme. Das Bekannteste ist das System der formalen Logik (dies wurde von den Scholastikern aus der griechischen Philosophie von Aristoteles übernommen, um dem Glauben ein vernünftiges Fundament zu geben). Wenn wir dieses System hier benutzen, verlassen wir den Boden der Theologie nicht! Andere logische Systeme haben sich nicht durchsetzen können und sind "untergegangen" (z. B. die dialektische Logik, Grundlage des Marxismus) oder sind Abkömmlinge der formalen Logik (z. B. Fuzzy Logic, die als Abkömmling auch die hier angesprochenen Probleme teilt).

    Vernunft und Logik werden oft als Synonym benutzt, was nicht ganz korrekt ist. Aber die Logik gehört sicher zu der Vernunft.

    Formale Logik beschäftigt sich mit Aussagen (deswegen redet man auch oft von Aussagenlogik). Es war der Mathematiker Gödel, der bewies, dass formal logische Systeme, die mindestens so komplex sind, dass sie das natürliche Zahlensystem enthalten (ganze Zahlen), auch auf ein reines Zahlensystem "reduziert" werden können. Daher kann man mit ausreichend komplexen formal logischen Systemen rechnen und kann daher Aussagen mit mathematischer Präzision beweisen (deswegen funktionieren z. B. unsere Computer - sie können rechnen, also können sie auch logische Schlüsse ziehen). Deswegen kann ich auch behaupten, ich könne meine obige Aussage beweisen.

    Die formale Logik beschäftigt sich nur mit einem einzigen Thema: Wie kann man aus wahren Sätzen weitere wahre Sätze gewinnen? Dazu muss man noch wissen, dass sich die Logik nicht mit der Wahrheit der Sätze selbst beschäftig! Sondern nur damit, wie man von gegebenen Sätzen auf weitere Sätze kommt, die genauso wahr sind wie die Ausgangssätze (die man "Prämissen" nennt). Wenn die Prämissen wahr sind und man einen korrekten logischen Schluss zieht, genau dann ist auch der logische Schluss wahr. Und umgekehrt: Sind eine oder mehrere der Prämissen falsch, dann sind vermutlich auch meine darauf basierenden Schlussfolgerungen falsch  [32]. Es ist sehr wichtig, sich dies vor Augen zu halten. In der EDV bezeichnet man dies als MRMR-Phänomen (Müll rein - Müll raus). Eine falsche Prämisse und gleichgültig, wie brillant meine Schlussfolgerungen auch sind - sie sind leider falsch.

    Man sagt auch, Logik ist wahrheitsbewahrend. Man gewinnt mit der Logik kein neues Wissen - sondern generiert Aussagen, die eigentlich nicht neu sind, aber genauso viel Wahrheit enthalten wie die Ausgangssätze. Oder die genauso falsch (unwahr) sind. Logik ist konservativ, nicht wahrheitserweiternd.

    Die Logik ist deswegen so praktisch, weil eine logische Schlussfolgerung, die zu einem logischen Widerspruch führt, auf einen Fehler im System hindeutet. Man kann auch sagen, dass das minimale Wahrheitskriterium eines Aussagensystems die interne Konsistenz ist. Findet man im System einen logischen Widerspruch, sind entweder die Schlussfolgerungen falsch oder die Prämissen (oder beides). Dann kann das gesamte System nicht wahr sein. Es gibt noch das externe Wahrheitskriterium, d. h. die Übereinstimmung mit den Tatsachen, welches ich hier zunächst nicht behandle.

    Soweit die Voraussetzungen, nun zum Thema.

    Angenommen, ich habe einen Satz (System) von Prämissen. Die Menge dieser Prämissen nenne ich P. P besteht also aus einer Reihe von Aussagen. Aus diesen Aussagen kann ich neue Aussagen schlussfolgern, deren Güte von der Qualität der Aussagen von P unmittelbar abhängt. Die Menge der möglichen Schlussfolgerungen nenne ich P'. Wenn P Aussagen enthält, die sich widersprechen, dann wird auch P' Widersprüche enthalten - denn Wahrheit wie Falschheit wird konserviert, also auch die Widersprüche. Wenn ich mit falschen Zahlen anfange zu rechnen wird auch jede darauf basierende Rechnung falsch sein (wenn ich keinen Fehler mache - zwei Fehler können sich ausgleichen, das kann vorkommen, aber wir gehen davon aus, dass beim Schlussfolgern keine Fehler gemacht werden).

    Wir kommen jetzt zu der großen Täuschung, denen viele Menschen unterliegen. Denn angenommen, ich füge zu P oder P' weitere Sätze (Aussagen) aus dem System S hinzu, dann wird P + S immer noch die Widersprüche aus P enthalten (eventuell kommen mit S auch noch weitere neue Widersprüche hinzu). Bestenfalls - wenn S selbst widerspruchsfrei ist - enthält P + S genauso viele Widersprüche wie P. Und auch P + S + P' enthält mindestens genauso viele Widersprüche wie P. Meist werden es aber eher mehr, wenn S weitere Widersprüche enthält, und dann können auch Aussagen von P und Aussagen von S sich widersprechen - damit erhöht sich die Gesamtmenge der Widersprüche. Ich kann also aus S zu P hinzufügen, was ich will, die Widersprüche in P (und im Gesamtsystem P + S + P') werde nicht weniger, sondern eher mehr. Mehr noch: P' wird mit ziemlicher Sicherheit mehr Widersprüche enthalten als P (was sich auch beweisen lässt).

    Diese Eigenschaft von logischen Systemen ist zwangsläufig und beweisbar. Wenn wir nun den Glauben als ein logisches System betrachten (und das dürfen wir - denn auch die Gläubigen denken, dass der Glauben vernünftig ist), dann beginnt dieses System mit einigen Prämissen - z. B. der, dass Gott existiert, dass er allmächtig ist und allgütig. Logisch können wir folgern, dass Allmacht auch Allwissen zur Folge hat etc. Nun stellen wir fest, dass Allmacht bereits in sich logisch widersprüchlich ist und zu Paradoxien führt (Paradoxon: Gott soll einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht bewegen kann). Allmacht wiederum steht im Gegensatz (= logischen Widerspruch) zur Allgüte.

    Wir starten mit einem Glaubenssystem G, welches bereits auf unterster Ebene logische Widersprüche enthält. Auch alle darauf basierenden Schlussfolgerungen (wenn sie nicht falsch sind) G' enthalten die Widersprüche. Und nun versuchen die Theologen, durch weitere ad hoc Annahmen, also Aussagen aus dem System J beispielsweise, die Widersprüche "wegzuerklären". Aber G + J + G' + J' enthält immer noch mindestens so viele Widersprüche wie G. Aber mit großer Sicherheit enthält G + J mehr Widersprüche als G, und deswegen finden wir in G + J + G' + J' mehr Widersprüche als in G. Deswegen ist es inhaltlich vollkommen gleichgültig, welche ad hoc Annahmen zusätzlich in G "geschleust" werden, wenn man korrekte logische Schlüsse zieht, werden die Widersprüche nicht weniger.

    Anders gesagt: Gleichgültig, wie unsere Zusatzannahmen aussehen, ob wir die Theodizee mit weiteren Zusatzannahmen wie "freien Willen" etc. versehen, die Widersprüche verschwinden nicht, sie werden eher mehr. Es spielt keine Rolle, wie gut die Zusatzannahme klingt oder wie gut sie sich einpasst - die Situation verschlechtert sich eher, als dass sie sich verbessert. Und deswegen brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass bei der Theodizee immer mehr und mehr Widersprüche auftauchen. Man kann Widersprüche nicht "wegerklären". Das ist ein Denkfehler. Ein schwerer Denkfehler.

    Nun zu dem Argument, man könne durch Fehler in den Schlussfolgerungen die Widersprüche wegerklären. Wenn P Widersprüche enthält, und bei der Erzeugung von P' mache ich Fehler, dann kann (unter günstigen Umständen) P' weniger Widersprüche als P enthalten. Aber P + P' enthalten immer noch mindestens so viele Widersprüche wie P und die Anzahl der Fehler im System hat sich erhöht, d. h., P + P' enthalten mehr unwahre Sätze als P. Damit sinkt auch der Wahrheitsgehalt des Gesamtsystems.

    Wir können uns also die Arbeit ersparen, auf jedes Argument einzugehen, welches zur Theodizee geäußert wird. Wenn das Argument falsch ist, vermindert es den Wahrheitsgehalt, wenn es richtig ist, konserviert es die Fehler und Widersprüche, wenn es sich um eine Zusatzannahme handelt, dann werden die Widersprüche und Fehler eher zunehmen.

    Warum unternehmen nun so viele Menschen (vergebliche) Anstrengungen, die Widersprüche "wegzuerklären", obwohl es doch nicht funktionieren kann? Weil die Fehler in einem größeren Denksystem schwerer zu finden sind. Sie fallen in dem Wust der Aussagen nicht so auf. Wenn P aus 10 Aussagen besteht, von denen zwei im Widerspruch stehen, dann wird dies sofort auffallen (20% der Aussagen stehen erkennbar im Widerspruch). Wenn wir nun zu P noch 990 Aussagen hinzufügen, alles perfekt und richtig machen, keine weiteren Fehler oder Widersprüche mit hinzufügen, dann sinkt die relative Fehlerzahl auf 0,2%! Denn es sind jetzt "nur noch" 2 von 1000 Aussagen miteinander im Widerspruch. 10 Aussagen kann ich bequem im Kopf vergleichen, bei 1000 Aussagen geht es nicht, d. h., es sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich die beiden Fehler überhaupt finde! Selbst wenn ich noch 18 weitere Fehler mit einschleuse, dann ist die relative Fehlerzahl immer noch bei "nur" 2%, d. h., es scheinen weniger Fehler im System zu sein. Absolut sind es mehr, aber relativ sind es weniger. Und mit jedem gefundenen Fehler werden neue "Wegerklärungen" hinzuerfunden, und jedesmal sinkt die relative Fehlerquote. Und jeder Fehler wird besser versteckt. Wir haben es also mit einem rein psychologischen Effekt zu tun. Absolut gesehen bleibt das System falsch (wir reden hier nur über Widersprüche - die Anzahl der falschen Sätze nimmt mit jeder Ableitung zu, die auf falschen Prämissen basiert).

    Deswegen werden im Laufe der Zeit Glaubenssysteme auch immer komplexer. Und deswegen ist ein "altes" Glaubenssystem scheinbar auch "besser" als ein Neues - es enthält relativ gesehen weniger Fehler und es stehen mehr Leute bereit, die hilfreich alle auftretenden Fehler "wegerklären" (d. h. noch besser verstecken). Aber es bleibt falsch und wird im Laufe der Zeit "immer falscher" (= die Anzahl der Fehler mehren sich, auch die Widersprüche).

    Die "Glaubensgewissheit" kommt also daraus, dass - gemessen an der Gesamtmenge - doch recht wenige Fehler insgesamt enthalten sind. Und man kann sich selbst jeden Fehler damit erklären, dass man eben nicht alles über das System weiß oder wissen kann, und dass es eben dafür eine perfekte Erklärung gibt, die man nur "gerade eben" nicht zur Hand hat.

    Glaubensgewissheit ist eine (psycho)logische Täuschung.


    Wir können hier noch einen Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft sehen: Auch in der Wissenschaft gibt es falsche Prämissen, logische Fehler, Irrtümer etc. Aber wenn eine Prämisse sich als falsch erweist oder wenn logische Widersprüche auftauchen, dann versucht man nicht, diese "wegzuerklären". Man eliminiert die falschen Prämissen und ersetzt die falschen Schlussfolgerungen. Fehler sind dazu da, zu lernen und sie auszumerzen. Religion kann die vorhandenen Fehler bestenfalls konservieren. Wissenschaft ist fehlerkorrigierend durch den Prozess der Ausmerzung, Religion ist fehlerkonservierend durch den Prozess des "Weginterpretierens". Wissenschaft erfindet sich immer wieder neu, (christliche) Religion schleppt die Fehler vergangener Zeit mit und fügt meist neue Fehler hinzu. Wissenschaft ist wissenserweiternd bei relativ konstanter Gesamtfehlerrate, Religion ist wissensbewahrend bei steigender Fehlerrate.

    Übrigens: Sobald wir externe Tatsachen auch als Prämissen zulassen, steigt die Anzahl der möglichen Widersprüche im System nochmals an. Deswegen der starke Hang, auch Tatsachen "wegzuerklären". Aber wie wir jetzt wissen, nehmen damit die Probleme zu und nicht ab, vollkommen unabhängig davon, für wie überzeugend wir die Erklärung halten.

    Konfusius, er zitiert: "Getretener Quark wird breit, nicht stark" (Johann Wolfgang von Goethe)

    Der unbekannte Got

    Ein ebenfalls sehr häufig geäußertes Argument, welches genau untersucht werden muss, ist dass Argument mit der unbekannten Natur Gottes (Gottes Wege sind unerforschlich). Ich selbst habe diese Argumentation als Gläubiger lange vertreten, und ihre Denkfehler sind sehr schwer zu durchschauen.

    Das Argument geht so: Gott hat eine uns unbekannte Natur, weil er unendlich und vollkommen ist, was wir uns als Menschen nicht vorstellen können. Wir kennen von dieser Gottesnatur nur einen kleinen Teil, weil wir endlich und unvollkommen sind. Wir kennen nur genau soviel von Gott, wie unser menschlicher Verstand erfassen kann.

    Sobald nun ein Argument kommt wie der Hinweis auf die Widersprüchlichkeit von Gottes Eigenschaften (wie etwa beim Theodizee-Problem) und dass widersprüchliche Dinge weder geglaubt werden können noch existieren können wird argumentiert, dass sich die Widersprüche im uns unbekannten Teil von Gott auflösen.

    Die Frage ist natürlich: Woher will man das wissen? Wenn Teile von Gott unbekannt sind, dann können wir das nicht wissen, sondern nur annehmen - aber für diese Annahme gibt es weder Substanz noch Begründung. Genauso gut könnten sich die Widersprüche auch so verstärkt haben, dass sie bei der Entstehung des Universums Gott getötet haben. Man kann keine sinnvollen Argumente aus etwas Unbekanntem beziehen, sondern nur beliebige Argumente. Man hat im Unbekanntem wie im Alogischem keine Basis für sinnvolle Schlussfolgerungen. Es scheint dem Gläubigen aber anders, weil er auf diese Art und Weise zu genau den Schlussfolgerungen kommen kann, zu denen er kommen will, ohne dass dies so offensichtlich wäre. Darüber schleicht sich dann das Wunschdenken in die Schlüsse hinein, quasi durch die Hintertür am Bewusstsein der Menschen vorbei.

    Der Trick besteht darin, dass man - weil man es mit etwas Unbekanntem zu tun hat - alle Alternativen ignoriert und nur das gelten lässt, was den eigenen (unbewussten) Wünschen entspricht. Aber aus Unbekanntem folgen beliebige Schlüsse und da man nicht begründen kann, wie man zu den Schlüssen kam, ist dies nur eine bequeme Ausrede dafür, es erst garnicht zu versuchen. Man kommt aber am Trilemma nicht vorbei, möchte aber verschleiern, dass man an bestimmten Stellen mit dem Begründen aufhört und dogmatisch verfährt. Das ist eine Taktik des Verschleierns und des Täuschens. Sie geschieht unbewusst (meistens), ist aber trotzdem unredlich, und die einzige Entschuldigung für dieses Manöver ist die Denkschwäche des so Denkenden. Es handelt sich um die altbekannte Strategie der Immunisierung gegen Kritik . Wenn etwas unbekannt ist, können wir es nämlich auch nicht kritisieren oder kritisch prüfen und hinterfragen. Argumente aus unbekannt infizieren dann das Denken und vergiften es.

    Die Wissenschaft erklärt das Unbekannte aus dem bereits Bekannten und macht es uns auf diese Weise vertraut (bekannt). Das Bekannte "färbt auf das Unbekannte ab". Die Theologie erklärt das Bekannte mit dem Unbekannten und damit wird auch das Bekannte uns unbekannt, fremd und unvertraut. Anders gesagt, die Theologie entfremdet uns von der Welt und bietet uns im Gegenzug billigen Trost an - sie tröstet und "versöhnt" uns mit dem Unbekannten, welches sie selbst in die Welt eingeführt hat und für das es eigentlich keine Notwendigkeit mehr gibt.

    Als dem Menschen die Welt noch insgesamt unbekannt war, konnte häufig nur Unbekanntes mit Unbekanntem erklärt werden - dieses Verfahren hat sich daher in unserer Kultur etabliert und scheint uns selbst oft angemessen zu sein, auch wenn es überholt ist.

    Nehmen wir folgende Analogie: Wir haben zwei Fässer, eines mit klarem, goldenen Wein, und wir können durch den Wein bis zum Boden des Fasses sehen (wenn auch manches ein wenig verzerrt ist). Und wir haben ein zweites Fass mit undurchsichtiger Jauche und der Boden des Fasses ist unsichtbar und unbekannt. Wir können nun im Jauchefass den Boden sichtbar machen, in dem wir den durchsichtigen Wein hineinfüllen, bis er die Jauche verdrängt oder verdünnt hat - die Jauche wird klarer. Das ist die Methode der Wissenschaft. Wenn man sich viel Mühe gibt, hat man irgendwann ein Fass voller Wein und die Jauche weit gehend ausgespült (auch wenn viele dies immer noch für ungenießbaren Wein halten).

    Wenn wir hingegen in unser Weinfass nur ein wenig Jauche hineinkippen - dann haben wir sofort ein Fass voller Jauche, und der Wein wird undurchsichtig und ungenießbar. Das ist das Verfahren der Theologie. Man bekommt einfach keine Klarheit, wenn man unbekannte, unklare und nicht zu wissende "Erklärungen" in die Welt setzt.

    Wir können uns nicht genug darüber wundern, dass die Theologen auf der einen Seite Teile von Gott für unerforschlich halten, auf der anderen Seite aber so eine Fülle genauer Aussagen über Gott produzieren. Gott ist der Schöpfer des Universums, es gibt nur einen Gott, Gott ist allmächtig, Gott ist allwissend, Gott ist omnipräsent, Gott ist allgütig, Gott lügt nie, Gott ändert seine Meinung nie, Gott ist unwandelbar, Gott offenbart sich (aber nie so eindeutig, dass es für jeden erkennbar wäre), Gott ist ein personales Wesen, Gott will geehrt werden, Gott will, dass wir seine Gebote halten, Gott kann uns persönlich im Gebet erscheinen, Gott erhört unsere Gebete, Gott kann die Naturgesetze beliebig brechen oder wandeln, Gott kümmert sich um uns, Gott liebt uns, Gott gab uns den freien Willen aus Liebe, Gott verspricht uns ewiges Leben, Gott spielt keine Spielchen mit uns, Gott hat einen Sohn, Gott besteht noch aus einem heiligen Geist, Gott hat die Bibel oder den Koran oder das Buch Mormon den Menschen diktiert, Gott ist eifersüchtig und will keinen Gott neben sich dulden, Gott will nicht bewiesen werden, sondern man muss an ihn glauben usw. usf. Wenn Teile von Gott uns unzugänglich sind, dann ist es auch der ganze Gott, denn, denn in diesem unbekannten Teil können sich die Dinge beliebig ändern. Alles ist möglich. Und wenn alles möglich ist, ist es von reinem Unsinn und reinem Chaos nicht zu unterscheiden. Diese Dinge sind uns fremd. Erstaunlicherweise hat Gott immer genau die Eigenschaften, die man gerade braucht, um irgendwelche Widersprüche im eigenen Denken "wegerklären" zu können (und daher kommen die vielen verschiedenen Eigenschaften, die Gott zugeschrieben werden - sie dienen alle dazu, Lücken im Weltbild mit einer beliebig dehnbaren "Knetmasse" zu füllen, so dass alles wieder glatt aussieht).

    Man kann also sagen, dass auf diese Art und Weise die Theologie den Menschen von der Welt entfremdet (sie ihm fremd, unbekannt und unerklärlich macht). Sie tut dies mit der ideologischen Methode der Immunisierung vor Kritik.

    Zu einer Vertiefung dieses Themas - warum Menschen dazu neigen, Unbekanntes mit Unbekanntem zu erklären - siehe auch Warum wir Unbekanntes mit Unbekanntem erklären.

    Konfusius, er zitiert: "Gott ist die aufs Lächerlichste vermenschlichte Erfindung der ganzen Menschheit. In den Jahrmilliarden, die unsere Erde alt ist, sollte sich Gott erst vor 4000 Jahren den Juden und vor knapp 2000 Jahren den Christen offenbart haben, mit deutlicher Bevorzugung der weißen Rasse unter Vernachlässigung der Schwarzen, der Gelben und der Rothäute? Auf solche Märchen kann ich mühelos verzichten." (Claire Goll, Dichterin)

    Kommunikationsstörung mit Gott

    Dass sich Gott nicht in eindeutiger Weise offenbart, ist für mich immer noch eines der stärksten Argumente gegen Gott. Warum? Weil es hier völlig ausreicht, menschliches Denken zu analysieren. Wir brauchen uns nicht mit der Standard-Antwort "Gottes Wege sind unerforschlich" herumzuplagen. Denn wenn Gott existiert, dann weiß er, wie wir denken, und er müsste genau das berücksichtigen, und seine Gründe müssten für Menschen durchschaubar sein - oder sie sind sinnlos. "Nicht verstehbar" ist von Menschen nämlich nicht von "ist völlig sinnlos" oder "ist völlig beliebig zu interpretieren" zu unterscheiden.

    Die einzige Form, wie wir von Gott erfahren könnten, wäre eine Offenbarung. Es gibt nämlich kein logisches Argument, mit dem man Gott beweisen könnte. Wir können mit unserem Denken Gott nicht erreichen, also kann es nur auf dem anderen Weg gehen, denn Gott könnte uns erreichen. Sofern er will und eine geeignete Kommunikationsform wählt, eine, die auf unsere Verstehensmöglichkeiten zugeschnitten ist.

    Nun kann keine Rede davon sein, dass es eine Offenbarung gäbe, die so eindeutig ist, dass ein Skeptiker (selbst wenn er Gott für möglich oder sogar für plausibel hält) zu einem Gottesgläubigen wird. Was also völlig fehlt, ist eine objektive Offenbarung. Für ein Wesen wie Gott wäre so eine Offenbarung (z. B. eine Stimme vom Himmel, die alle Menschen verstehen) absolut möglich, warum tut er das nicht? Dies würde nämlich schlagartig alle religiösen Streitereien beseitigen, vor allem das sinnlose Abschlachten von anders Denkenden im Namen der Religion. Für einen Gott der Liebe wäre das sogar eine gewisse Verpflichtung, denn viele Morde sind in seinem Namen begangen worden.

    Die Gläubigen sagen nun, dass Gott den Weg über die persönliche subjektive Erfahrung nimmt, um mit den Menschen zu kommunizieren. Er tut dies nur - so wird behauptet - wenn der Mensch bereit ist, sich darauf einzulassen. Nun ist dieses Argument nicht stichhaltig, denn zum einen gibt es genügend Gläubige, die nie in ihrem Leben eine Gotteserfahrung haben, obwohl sie inbrünstig glauben, zum anderen gibt es Menschen wie mich, die auch eine persönliche Erfahrung nicht überzeugt. Zum anderen wird in jeder Kultur diese Erfahrung anders verarbeitet und führt zu einem anderen Gottesbild und zu einer anderen Religion (und zu viel Streit über die "wahre Religion" selbst bei verschiedenen Anhänger ein und derselben Religion).

    Wir können also festhalten, dass Gott (wenn wir den Gläubigen vertrauen), von allen Kommunikationsformen diejenige wählt, die
    1. regional begrenzt ist,
    2. fast nur durch Unterricht weitergegeben wird und nur geglaubt werden kann, wenn man die Grundlagen ohne kritische Prüfung akzeptiert,
    3. nur einem kleinen Teil der Menschheit und auch nur einem Teil der Gläubigen zugute kommt,
    4. durch die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten offensichtlich starken Verzerrungen unterliegt,
    5. sich am leichtesten durch Betrüger manipulieren ließe (denn ich kann nicht nachprüfen, ob jemand wirklich eine Gotteserfahrung hatte oder nicht, jeder kann das vortäuschen, wenn er gerne möchte),
    6. sich nicht von Selbsttäuschungen unterscheiden lässt (wenn wir (c) zurückweisen),
    7. sich zudem durch Stimulation der Schläfenlappen (→ http://www.detrans.de/Dokumente/persinger.html) oder durch Drogen jederzeit hervorrufen lässt,
    8. im Widerspruch zur intersubjektiv erfahrbaren Welt steht (siehe mein Argument gegen den Supernaturalismus),
    9. widersprüchliche Botschaften transportieren, da von Gott Eigenschaften behauptet werden, die logisch unmöglich sind (Allmacht, Allwissen, Allgüte), vor allem in Kombination,
    10. die ausgerechnet nur tote Sprachen benutzt - altgriechisch, althebräisch, beides Sprachen, die große Probleme bereiten, weil kein Mensch sie mehr spricht - Jesus hingegen hat wohl aramäisch gesprochen, eine Sprache, die heute noch existiert.
    Was hätte Gott durch die Wahl dieser Kommunikationsmethode gewonnen? Nichts, außer, dass durch (b) und (c) sofort ein Streit unter Menschen über Gott ausbrechen muss, fast unausweichlich. Denn der Glauben ist ein schwaches Argument, wie ich schon häufiger dargelegt habe, weil es einer sehr starken Willkür und Beliebigkeit unterliegt. Gott könnte auch die subjektive Kommunikation wählen, und wenn er uns wirklich etwas zu sagen hätte, dann könnte er die Kommunikation durch ein "Echtheitssiegel" bestätigen, z. B. durch die Vorhersage eines kosmischen Ereignisses, welches nur Gott kennen kann, aber kein Mensch. Ohne ein Echtheitssiegel von Eindeutigkeit kann man nichts über die Authentizität der Kommunikation sagen (und man komme mir nicht mit den Prophezeiungen der Bibel - die habe ich bereits widerlegt).

    Für keine der genannten "Kommunikationsstörungen" (a) bis (g) gibt es einen erkennbaren Grund, vor allem keine Argumente, die dies in Kombination plausibel machen. Auch der freie Wille ist kein Argument - denn offenkundig ist Gott ja doch bereit, sich einigen wenigen Menschen zu offenbaren, und offensichtlich wird deren Wille dadurch in der Tat beeinträchtigt. Und überhaupt, es waren gerade die christlichen Religionen, die einen freien Willen, d. h. eine Glaubensfreiheit, stets am stärksten negiert haben: Sei es durch die Schwertmission (die Sachsen hatten nur die Wahl, sich taufen zu lassen oder sich den Kopf abschlagen zu lassen), durch die Zwangstaufe von Kindern, durch die Verpflichtung, dasselbe zu glauben wie der Fürst. Noch heute in unserem Sprachgebrauch wird dies widergespiegelt. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt, dann sagen wir "Er musste dran glauben" - eine Anspielung darauf, dass früher Leute, die sich nicht zum christlichen Glauben bekannten, sterben mussten. "Du musst dran glauben - oder Du wirst dran glauben" ist auch heute noch eine eindeutige Drohung. Auch Jesus selbst "unterstreicht" seine Argumente mit der Androhung ewiger Höllenqualen - seit wann haben Drohungen etwas mit freiem Willen zu tun? Das die Menschen früher, die von ihrem freien Willen Gebrauch gemacht haben, bedroht oder ermordet wurden, und die Vertreter der christlichen Religion heute die die Willensfreiheit in Glaubensfragen betonen, ist ein Hohn.

    Wenn es Gott darauf ankommt, uns unseren freien Willen zu lassen, damit wir aus freien Stücken glauben oder nicht glauben, und deswegen eine so höchst mehrdeutige "Kommunikation" wählt (die man nur unter Überdehnung des Kommunikationsbegriffs überhaupt so bezeichnen kann), dann beweisen genau die Religionen, die sich nicht strikt zur Glaubensfreiheit bekennen (und zwar von Anfang an - nicht erst durch Druck der Nichtgläubigen), dass sie praktizieren (Zwang, Höllendrohungen), was sie nicht glauben (Gott will den Menschen einen freien Willen lassen). Das macht das Argument des "freien Willens" zu einer fadenscheinigen Ausrede.

    Eine mehrdeutige Kommunikation ist eine gestörte Kommunikation. Dass die Kommunikation mehrdeutig ist, dafür ist die Vielzahl der verschiedenen Religionen ein empirischer Beweis.

    Gott lässt seine Anhänger schmählich im Stich, weil er ihnen keine überzeugenden Argumente gibt. Eigentlich kann man daraus nur folgende sinnvolle "Schlussvolkerungen" lachendes Smiley ziehen:

    (a) Gott interessiert sich nicht für eine Kommunikation mit uns, vor allem nicht für eine störungsfreie, (b) Gott existiert nicht, (c) das Universum selbst ist die Kommunikation und die Botschaft, und die Naturwissenschaft ist die "eigentliche" Theologie.

    (a) entspricht als Gottesvorstellung dem Taoismus oder dem Deismus, (b) wäre Agnostizismus /Atheismus, (c) eine Art von Pantheismus. Bemerkenswert ist, dass sich diese drei Positionen nicht sinnvoll voneinander unterscheiden lassen. Aber wenn Gott sich nicht offenbart, dann können wir auch nicht verpflichtet werden, an ihn zu glauben, und damit wäre auch jede Religion, die bei Nichtglauben mit der Hölle droht, automatisch abzulehnen (damit Drohungen wirksam sind, müssen sie glaubhaft sein, was nicht der Fall sein kann, wenn die Kommunikation gestört ist).

    Wenn Gott irgendetwas von uns will, dann möge er bitte eine eindeutige Kommunikation wählen, sonst ist davon auszugehen, dass er nicht mit uns kommunizieren will oder nicht existiert. Wir können nichts für diese Kommunikationsstörungen, das wäre das Problem Gottes, wir können nichts dagegen tun. Gott mag so alogisch sein wie die Christen meist behaupten, aber eine gewisse grundlegende Logik müsste er in der Kommunikation schon benutzen, wenn er sich wirklich verständigen will mit uns.

    Konfusius, er zitiert: "Offenbarung ist notwendigerweise auf die erste Kommunikation beschränkt - danach ist es nur noch etwas, von dem eine Person behauptet, es sei eine Offenbarung; und obwohl er sich verpflichtet fühlen mag, daran zu glauben, kann es mir nicht obliegen, daran in derselben Weise zu glauben, denn diese Offenbarung wurde nicht MIR gemacht, und ich habe nur sein Wort, dass es ihm offenbart wurde." (Thomas Paine in "The Age Of Reason")

    Jenseits der Grenzen

    Vorsicht! Dieses Thema ist sehr philosophisch ...

    Im vorigen Abschnitt sind wir (wie schon häufiger) an die Grenzen der Vernunft gestoßen. Wir haben gesehen, wie an den Grenzen der Vernunft Konzepte entstehen wie Allmacht oder Allwissen, die keinen Platz in der Vernunft haben und sofort zu Widersprüchen führen - diese Widersprüche von den Grenzen der Vernunft werden dann in die Religion "importiert" und bleiben dort, allen Auflösungsversuchen zum Trotz. Widersprüche in grundlegenden Annahmen bleiben bestehen und verletzen das minimale Wahrheitskriterium, die interne Konsistenz. Eine externe Konsistenz kann es erst recht nicht geben, denn es sind keine Tatsachen da, die wir prüfen können.

    Wir haben den Bereich der "reinen Vernunft" betreten. Und "reine Vernunft" hört sich zwar gut an, ist aber ein Synonym für "reiner Unsinn"  [33]. Die Vernunft ist in einem bestimmten historischen Zusammenhang entstanden, den wir als Mesokosmos bezeichnen, die Welt, die wir mit unseren Sinnen und unserer Anschauung erfassen und begreifen können. Sie reicht von einigen Zehntelmillimetern bis zu mehreren tausend Kilometern, von einigen Gramm zu ein paar Tonnen, von der Geschwindigkeit einer Schnecke bis zu der eines Flugzeugs. Den kleineren Bereich "darunter" nennt man Mikrokosmos, den Bereich "darüber" Makrokosmos, bei den Geschwindigkeiten den relativistischen Bereich. Diese Welten sind für uns erfassbar und verstehbar, aber nicht mehr anschaulich. Sowohl Denken als auch Fühlen beziehen sich auf den Kontext Mesokosmos.

    Gerade die Wissenschaft hat in diesen "neu entdeckten Welten" (Mikro- und Makrokosmos) ihre größten Triumphe gefeiert (und auch ein paar herbe Niederlagen einstecken müssen). Diese Bereiche befinden sich zwar jenseits der Anschauung, aber erstaunlicherweise nicht jenseits der Vernunft. Dieser Umstand spricht für die Universalität der Naturgesetze.

    Auch hier an den Rändern franst die Vernunft aus und man kommt zu bizarren Schlussfolgerungen, und hier muss (und wird) besonders genau geprüft, ob denn die Hypothesen mit den beobachtbaren Fakten übereinstimmen. Gerade hier ist die Methode der kritischen Prüfung besonders wichtig und die Ergebnisse besonders unerwartet. Vor allem Letzteres muss man betonen: Weder im Mikro- noch im Makrokosmos sind die Dinge so, wie sie uns scheinen, dort ist die Welt auf eine nicht mehr vorstellbare Weise bizarr. Mit interner Konsistenz als Wahrheitskriterium käme man nicht weit. Wenn die interne Konsistenz das einzige Kriterium ist, dann wird man nur beobachten können, was man ohnehin annimmt.

    Und jenseits der Welt des Meso- Makro- und Mikrokosmos soll sich noch eine Welt befinden - eine Welt jenseits der Vernunft, denn der Glauben beginnt, wo die Vernunft endet. Dies ist die übernatürliche Sphäre, und hier, so sagt man, residiert Gott, existieren Engel und Dämonen und andere unheimliche Lebensformen.

    Wir haben ein unüberwindliches Problem: Wir können nur erkennen, was mit uns interagiert - eine supernaturalistische Sphäre kann für uns nicht existieren (siehe den Abschnitt über Supernaturalismus). Sie ist mit der Vernunft und ihren Hilfsmitteln weder erfahr- noch erfassbar. Und wenn sie es doch wäre, wäre sie nicht übernatürlicher Art, sondern Teil der Natur. Was sinnlich erfahrbar ist, ist auch potenziell wissenschaftlich erforschbar.

    Die Wissenschaft geht vom Bekannten aus und tastet sich - sorgfältig jeden Schritt prüfend - in die unbekannten Bereiche der Welt hinein (sehr erfolgreich, wie man betonen muss). Jedes Bit an Informationen und Wissen wird dem Unbekannten abgerungen - dies erfordert Fleiß und Disziplin und ist eine Sisyphusarbeit. Es gibt auf diesem Weg keine Abkürzungen (leider). Einer der grundlegenden Irrtümer der Gläubigen besteht darin, eine Abkürzung gefunden zu haben - in reinem Denken, in reiner Vernunft, also in reinem Unsinn.

    Drängt man nun Gläubige in Diskussionen mit der Vernunft in die Enge und zeigt man ihnen, dass ihr Denken voller Widersprüche steckt, dann berufen sie sich auf den Bereich "jenseits der Vernunft". Die Vernunft, so argumentieren sie, kann nicht alles erfassen, es muss einen Bereich geben, der jenseits dieser Vernunft liegt, und dieser Bereich wird durch den Glauben "abgedeckt". An diesen Bereich kann man glauben, aber man kann ihn nicht erfahren und nicht der Wissenschaft zugänglich machen. Dieses Argument hatten wir schon, und ich habe es im Abschnitt über den Supernaturalismus zurückgewiesen.

    Dass es einen Bereich jenseits der Vernunft gäbe, den man durch eine andere Form des Denkens erfassen könne, beruht auf einem groben Unverständnis der Denkprozesse und einer mythischen Verschleierung der Welt. Um diesen Schleier werden wir uns jetzt kümmern.

    Wohlgemerkt: Ich werde nicht die Existenz einer Welt jenseits unserer Erfahrung bestreiten. Ich werde nur bestreiten, dass wir unter Umgehung der praktisch oder wissenschaftlichen Vernunft über dieses Jenseits irgendwelche sinnvollen (bedeutungsvollen) Aussagen machen können oder machen dürfen.


    Was ist Denken? Ganze Bücher sind damit gefüllt worden, deswegen kann ich hier nur einen groben Überblick geben. Wir haben zwei verschiedene Zugänge zur Welt: über die Sinne und über unser Denken. Wobei mit "Welt" sowohl unsere "innere Welt" (Gehirn, Körper) gemeint ist als auch die äußere Welt. Beides ist miteinander verschränkt, die Ränder zwischen "innen" und "außen" sind unscharf und fließend  [34].

    Das Denken selbst besteht aus der Manipulation von Symbolen. Ein Symbol ist ein Platzhalter, der für etwas steht, was er selbst nicht ist. Das Wort "Stuhl" ist so ein Symbol. Kann man sich auf das Wort (= Symbol) selbst setzen? Nein. Nur auf einen realen Stuhl (reales Objekt) können wir uns setzen. Das Symbol für "Stuhl" bekommt seine Be-Deutung daher, dass es auf etwas deutet, nämlich einen realen Stuhl (das Objekt). Deuten in diesem Sinne ist eine bildhafte Umschreibung, aber wir können auch auf Klänge "deuten" oder auf Gerüche (alles im übertragenen Sinne), aber es handelt sich stets um Objekte der realen Welt. Wir lernen als Kinder die Be-Deutung, indem jemand auf das Objekt "Stuhl" zeigt (= deutet) und dann dazu sagt: "Stuhl" (oder: "Dies ist ein Stuhl"). Ein Symbol ist also selbst kein Objekt, sonder ein Platzhalter, der auf ein Objekt deutet und so seine Be-Deutung bekommt. Anders gesagt: Ein Objekt ist etwas, auf das wir mit Fingern zeigen (deuten) können - oder auf etwas anderweitig sinnlich Erfahrbares  [35]. Das Symbol selbst steht nur für etwas, ist mit diesem Etwas aber nicht identisch.

    StuhlDies ist kein Stuhl - und dies ist auch kein Bild von Rene Magritte!

    Jedes Denken besteht nun aus der Manipulation von Symbolen. Wir können nach bestimmten Regeln und Metaregeln diese Symbole neu verknüpfen. Und wir können Symbole auf Symbole zeigen lassen! Damit "erschaffen" (konstruieren) wir eine Welt mit Symbolen, die eine neue Bedeutung bekommen - diese Bedeutung kommt dadurch zu Stande, dass wir die neuen Symbole auf alte (bekannte) Symbole zeigen lassen können. Meist zeigen die Symbole nicht auf ein einziges Objekt (oder Symbol), sondern auf eine ähnliche Klasse von Objekten (oder Symbolen). Symbole sind abstrakt. Wir haben so sehr gelernt, Symbole und Objekte miteinander zu vermischen, dass ein Bild wie das Obige uns irritiert - natürlich ist das kein Stuhl, es ist die Abbildung eines Stuhls (und eine Anspielung auf ein Bild von Rene Magritte mit dem Titel "Dies ist keine Pfeife" auf dem eine Pfeife abgebildet war).

    Wir können jetzt lange Ketten von Symbolen schaffen. A zeigt auf B, B zeigt auf C usw. usf., bis irgendwann ein Symbol auf ein Objekt deutet (also etwas, worauf wir mit dem Finger zeigen können). Diese Kette hat (wie alle Symbole) einen schweren Fehler: Alle Symbole deuten nur in eine einzige Richtung, nämlich zum Objekt (oder einer Klasse von Objekten oder einem anderen Symbol oder einer Gruppe von Symbolen ...) hin, aber nicht wieder zurück! Kein Objekt zeigt zurück auf sein Symbol! Symbole kann man dazu bringen, auf andere Symbole zurückzuzeigen (selbst referenzierende Symbole), in dem man eine Kette zu einem Kreis formt, aber in diesem Kreis gibt es keine Objekte, denn Objekte deuten nirgendwo hin. Und letztlich sind nur die Objekte Träger von Bedeutung, Symbole haben ihre Bedeutung stets nur "aus zweiter Hand" (oder dritter oder vierter oder x-ter Hand). Und die Deutungshandlung selbst ist willkürlich - deswegen gibt es verschiedene Sprachen. Es gibt zwar bildhafte Symbole, die ihrem Objekt ähnlich sind, aber wenn etwas mit einem Objekt identisch ist, ist es das Objekt selbst, ein Symbol ist nie mit seinem Objekt identisch.

    Objekte können selbst Symbole sein (Schilder z. B.), aber sie sind immer etwas, worauf wir "mit Fingern zeigen können" (oder anderweitig sinnlich erfahrbar machen können). Sie können zusätzlich auch ein Symbol sein.

    Das Denken selbst besteht nun aus der Anwendung von Regeln zur Manipulation von Symbolen. Sprache ist eine Form des veräußerten Denkens, auch auf das Wort "Stuhl" wird sich niemand setzen wollen, wenn ich es ausspreche.

    Aber wie kompliziert wir es auch betrachten, die Symbole selbst (an sich) haben keine Bedeutung. Symbole bekommen ihre Bedeutung von außen zugewiesen und am Anfang steht irgendeine Form der Zeigehandlung. Ohne Zeigehandlung keine Be-Deutung. Die Bedeutung des Worts "Stuhl" selbst ist keine andere als die des Wortes "nfeffewwwf", aber "Stuhl" ist mit einer Gruppe von Objekten der realen Welt assoziiert (= willkürlich verknüpft) und hat daher eine Bedeutung, während dies bei "nfeffewwwf" nicht der Fall ist (hoffentlich erzählt mir jetzt niemand, dass das Wort in Kisuaheli oder einer anderen fremden Sprache doch eine Bedeutung hat - das wäre aber reiner Zufall, keine Absicht).

    Abstraktionen sind Zusammenfassungen, bei denen wesentliche Aspekte herausgegriffen werden. "Rot" ist nichts, worauf wir direkt zeigen können, aber wir können auf Objekte deuten, die rot sind - und diese Eigenschaft wird dann hervorgehoben, so dass wir eine abstrakte Gemeinsamkeit zwischen einem roten Apfel und einem roten Ferrari entdecken. Und auch Abstraktionen lassen sich dann weiter abstrahieren, so dass jeder Zusammenhang zwischen der Abstraktion und dem realen Objekt verloren gegangen scheint.

    Auch in den längsten Ketten wird Bedeutung nur weitergereicht, nicht erschaffen - man kann sie über Ketten von Symbolen verteilen oder konzentrieren, man kann Symbole schaffen, die auf eine komplexe Gruppe von Symbolen zeigen und diese "Bibel" nennen usw. usf. Und alles dieses würde keine Bedeutung und keinen Sinn herstellen, wenn nicht an dem Anfang dieser Ketten irgendetwas Konkretes (sinnlich-Erfahrbares) stünde.

    Wenn wir Symbole im Kreis anordnen, woher soll dann die Bedeutung kommen? Sie kann nicht aus den Symbolen selbst kommen, denn die geben das nur weiter. Wir können auf diesen Kreis deuten und sagen "Unsinn", aber der Kreis zeigt nicht zurück und "hat nichts davon". Deswegen hat dieser Symbolkreis keine Bedeutung, erst in dem wir von außen darauf zeigen und den Kreis selbst an den Anfang stellen, können wir ihm Bedeutung zuschreiben. Meist in dem wir behaupten, der Kreis deute auf etwas (was er nicht tut - als Kreis nicht und als Objekt nicht). Wie die Objekte steht der Kreis jetzt "für sich selbst" und er deutet wie Objekte auf Nichts. Aber er existiert nur als Symbolkette, nicht als erfahrbares Objekt!

    Zusammenfassung: Symbole (Platzhalter) zeigen entweder auf Objekte dieser Welt oder auf Symbole. Be-Deutung haben weder Objekte noch Symbole selbst, sondern diese wird durch eine Zeige- oder Zuweisungshandlung erzeugt. Denken besteht aus einer Manipulation dieser Symbole - alles Denken ist symbolhaft bzw. findet mit Symbolen statt.

    Da Symbole also letztlich auf weltliche Objekte (sinnlich erfahrbare Dinge) oder auf künstlich erzeugte Symbolkreise zeigen, ist unser Denken in dieser Welt verwurzelt oder an imaginäre Symbolkreise gebunden, die selbst bedeutungslos sind. Denken ist Symbolmanipulation, und wenn diese den realen Vorgängen in der Welt nachgebildet wurde und denen genügend ähnlich ist, dann können wir Vorgänge der physischen Welt verstehen (sie in Gedanken nachvollziehen). Hier ist noch nichts über Logik ausgesagt oder andere Methoden des Denkens.

    Was ist mit Gefühlen? Gefühle sind innere Signalzustände unseres Körpers, also auch weltlich-irdische Dinge (nur für andere nicht sichtbar, weil im Körperinneren verborgen). Jedem Gefühl entspricht ein Vorgang in unserem Körper. Wir können dieses "merkwürdige Gefühl im Magen" mit dem Symbol "Hunger" assoziieren und fortan verstehen (nachvollziehen), was ein Anderer meint, wenn er sagt: "Ich habe Hunger". Wir sind ganz besonders in unseren Gefühlen irdisch-materielle Geschöpfe, und das gilt sogar für Gefühle wie "Liebe".

    Wenn es also eine Sphäre "jenseits des Verstands" gibt, dann können wir diese durch Denken nicht erreichen - das Denken ist davon entkoppelt. Eine Koppelung (und damit eine Be-Deutung) bekommen wir nur, wenn wir diese aus materielle Dinge dieser Welt zeigen lassen können, oder indem wir auf Symbolzirkel deuten, die selber frei von jeder Bedeutung sind und die an nichts gekoppelt sind. Durch diese Nicht-Koppelung haben wir auch keine Möglichkeit, herauszufinden, ob unsere Gedanken und die Prozesse in der Sphäre "synchron" oder ähnlich verlaufen. Eine Sphäre jenseits des Denkens existiert sowenig für uns wie eine supernaturalistische Sphäre.

    Je reiner die Fantasie, desto entkoppelter von dem Wirklichen ist sie. Koppelung an etwas Wirkliches setzt eine Deutungshandlung voraus, die wir hier nicht vornehmen können. Gleichgültig, auf welche Weise wir denken, ob es logisch oder alogisch ist.

    Die Götter waren früher Naturkräfte wie Wind oder Regen oder Blitze, auf die unsere Vorfahren mit dem Finger zeigen konnten. Mit der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit bekamen diese auch personale Züge zugeschrieben, und der Monotheismus entstand schließlich aus der Verehrung der Sonne als zentrale und einzige Gottheit. Damals war ein Gottesbeweis ganz einfach: Man konnte (tagsüber) mit dem Finger auf den Gott zeigen, und man konnte eine Pflanze unter Lichtabschluss halten (sie ging dann ein) und so direkt beweisen, dass dieser Gott alles am Leben erhält. Gott war spür- und fühlbar und sogar sichtbar.

    Heute wissen wir, dass die Sonne "nur" ein glühender Feuerball ist, ein Gasofen, der Wasserstoff zu Helium verbrennt. Da es die Theologen leid waren, mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis ein neues Domizil für ihren Gott zu suchen, verlegten sie ihn in eine abstrakte und sinnlich nicht erfassbare Sphäre - ein Symbolzirkel, denn eine solche Sphäre ist für uns weder erfassbar noch erfahrbar - und da wir nicht auf sie deuten können, enthält sie auch keinerlei Be-Deutung. Der Gottesbegriff wurde seines Sinnes entleert, um ihn der Widerlegung entziehen zu können. Wenn aber etwas nicht widerlegbar ist (so haben wir gesehen) dann enthält es weder Sinn noch Wahrheit. Gott wurde von den Theologen aus dieser Welt verbannt. Und damit ist er tot (= nicht wahrnehmbar, nicht erfahrbar, nicht denkbar, nicht für unser Denken erfassbar). Die Theologen haben ihn umgebracht. Gott ist nur noch ein Wort.

    Nun gibt es nur noch folgende Gründe, an Gott zu glauben: Keiner der genannten Gründe ist überzeugend, denn dasselbe können wir auch von unsichtbaren rosa Einhörnern (→ http://www.geocities.com/ipuprophecy/jobar1.html), Invasoren vom Sirius oder Elvis Presley sagen. Und wenn es für die Existenz von etwas nur so schwache Gründe gibt, die man alle damit erklären kann, dass sie auf etwas deuten, was nur im Gehirn des Betrachters zu existieren braucht, um dieselbe Wirkung zu erzielen, dann sieht das nicht gut aus.

    Ja, alles Wirken von Gott zeigt nur auf Prozesse in den Gehirnen der Gläubigen. Außerhalb dessen gibt es keine Beweise, die auf seine Existenz deuten.

    Wir sind am Ende unserer Reise angekommen. Wir suchten Gott, aber wir fanden den Menschen und sein Denken. Und damit alle Probleme, die wir schon angeschnitten haben. Ab jetzt können wir uns um das kümmern, was wirklich wichtig ist, und was ich bislang vernachlässigt habe:

    Den Menschen


    Konfusius, er zitiert: "Gerade weil wir alle in einem Boot sitzen, sollten wir heilfroh sein, dass nicht alle auf unserer Seite stehen." (Unbekannt)

    Schlussbemerkung zum Teil

    Es gibt zwei hauptsächliche Gründe, weswegen Menschen glauben. Menschen glauben

    1. weil der Glauben wahr ist und
    2. weil der Glauben nützlich (hilfreich, stabilisierend, kraftspendend) ist.
    Damit etwas wahr ist, müssen wir zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Dazu brauchen wir Wahrheitskriterien. Woher wissen wir, dass diese Kriterien richtig sind? Das wissen wir nicht. Deswegen brauchen wir Kriterien, anhand deren wir ableiten, welche Kriterien zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Woher wissen wir, ob diese Kriterien ... usw. usf. Entweder brechen wir unsere Suche ab (das wäre dogmatisch) oder wir landen in einem logischen Zirkel (das wäre unsinnig). Was immer wir auch tun, diese Falle ist unvermeidlich.

    Damit ist Wahrheit immer relativ zu unserem augenblicklichen Kenntnisstand. Ewige Wahrheiten oder gar Gewissheit gibt es nicht. Wenn der Gläubige meint, darauf nicht verzichten zu können, dann täuscht er sich in doppelter Hinsicht: Zum einen können wir auf angebliche Gewissheiten sehr wohl verzichten, zum anderen werden wir sie auch nicht bekommen, wer glaubt, sie zu haben, täuscht sich.

    So absolut das auch klingt: Dies ist unser gegenwärtiger Kenntnisstand. Bislang hat dem keine der angeblichen ewigen Wahrheiten standhalten können. Hinzu kommt, dass der Gläubige durch den Versuch, Teile seiner Begründungen in irgendwelche fernen und unerreichbaren Sphären zu verlegen oder der Vernunft zu entziehen, seine eigenen Wahrheitskriterien ausgehöhlt und unerreichbar und damit unbrauchbar gemacht hat. Die Unerreichbarkeit der Wahrheitskriterien ist in Wahrheit ein Versuch, seine Kriterien vor Kritik zu bewahren, sie gegen Kritik zu immunisieren.

    Für jede Erscheinung gibt es viele, teilweise sehr viele Erklärungen. Um die richtige zu finden, brauchen wir Kriterien, um die falschen auszusortieren. Mit unbegründeten und unhinterfragbaren Kriterien ist die Auswahl der richtigen Alternative ein Glücksspiel, gegen die sich ein Lottogewinn wie eine absolut sichere Sache ausnimmt. Nein, um die Begründung des Glaubens und seine Wahrscheinlichkeit steht es sehr, sehr schlecht.

    Ohne (einigermaßen) verlässliche Wahrheitskriterien, die kritisch untersucht werden können, kann und darf man nicht von Wahrheit reden  [36]. Glauben und Wahrheit sind inkompatibel zueinander. Von der "Wahrheit des Glaubens" zu reden ist ebenso unsinnig wie von "schwarzen Schimmeln" zu sprechen. Glauben ist etwas, was jenseits der Vernunft für wahr gehalten wird, ohne die Gründe für den Glauben wirklich offen zu legen.

    Immer noch gibt es Gläubige, die meinen, auch Wissenschaft sei eine Form des Glaubens (verwirrt durch den unterschiedlichen Gebrauch des Wortes Glauben). Dan Barker hat dies in seinem Buch Losing Faith In Faith (→ http://ffrf.org/books/?t=lfif.txt) so treffend karikiert, dass ich es Ihnen hier übersetze:

    Wahrheit verlangt keinen Glauben. Wissenschaftler reichen sich nicht die Hände jeden Sonntag und singen: "Ja, Gravitation existiert! Ich glaube an die Gravitation! Ich werde stark sein! Tief in meinem Herzen glaube ich, dass das, was hoch - hoch - hoch geht, auch wieder runter - runter - runter kommen muss! Amen!" Wenn sie es doch täten, dann müssten wir denken, sie seien sich ganz schön unsicher darüber.


    Einen weiteren grundlegenden Irrtum habe ich noch nicht erwähnt: Den Unterschied zwischen Erkennen und Erklären  [37]. Beides sind fundamental unterschiedliche Prozesse. Gläubige erkennen etwas in der Welt und glauben dann, sie könnten es damit auch erklären.

    Deswegen müssen wir den ersten Teil der obigen Behauptung zurückweisen. Damit kommen wir zur nächsten Frage: Wenn der Glaube schon nicht wahr ist (bzw. wir in diesem Zusammenhang nicht über Wahrheit reden können oder dürfen), ist der Glaube denn wenigstens nützlich? Dient er dem physischen oder psychischem Wohlbefinden der Menschen, ist er eine ernstzunehmende moralische Kraft? Und was sind die wahren Gründe zu glauben, wenn wir in der realen Welt schon keine Begründung dafür finden können?

    Damit sind wir bei der Psychologie angelangt und den innerpsychischen Befindlichkeiten der Menschen (speziell der Gläubigen). Und genau damit beschäftigt sich der nächste Teil.

    Konfusius, er zitiert: "Zu dem Adler sprach die Taube:
    Wo das Denken aufhört, da beginnt der Glaube;
    Recht, sprach jener, mit dem Unterschied jedoch,
    Wo du glaubst, da denk' ich noch
    " (Ludwig Robert)







    Anmerkungen:
    1.   Das Konzil von Florenz verkündete 1442: "Die heilige römische Kirche glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder die Heiden doch die Juden noch die Häretiker (=Ketzer) oder Schismatiker (= Abgespaltenen) des ewigen Lebens verhaftet werden, sondern in das ewige Feuer eingehen werden, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn sie nicht vor ihrem Tod sich der Kirche anschließen."
    2.  Eine Fülle von Beispielen finden wir bei Deschner.
    3.  Diesen Absatz habe ich - weil er vorher zu sehr polemisch gefärbt war - überarbeitet.
    4.  Die Position, dass es auch ein Heil außerhalb der Kirche geben könne, wird seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1965) von der katholischen Kirche vertreten.
    5.  Für weitere Linkvorschläge bin ich sehr dankbar! Herr Winterhoff war in dieser Hinsicht wieder sehr rührig und hat mir viele Links zugeschickt - leider die meisten in französischer Sprache. Meine völlig verkümmerten Französischkenntnisse aus meiner Schulzeit reichen leider nicht aus, die Websites zu beurteilen, und ohne Kenntnisse des Inhalts mag ich die Links nicht veröffentlichen.
    6.  Vor allem bei der allen Ketzern früher drohenden Strafe des Verbrennens bei lebendigem Leibe. Heute, wo das Christentum kaum noch physische Gewalt ausüben kann oder darf, wird eher zum Mittel der verbalen Drohung gegriffen - diese Drohung schwingt beispielsweise mit, wenn einem Zweifelnden erzählt wird, er ginge seines Seelenheils verlustig, wenn er seinen Zweifeln nachgibt.
    7.  Auch bekannt unter den Namen Agrippas Trilemma (→ http://www.phillex.de/agrippa.htm) oder Fries Trilemma.
    8.  Dazu ein Zitat aus ERWÄGUNGEN ZU DEN ENTWÜRFEN EINER RECHTLICHEN ANERKENNUNG DER LEBENSGEMEINSCHAFTEN ZWISCHEN HOMOSEXUELLEN PERSONEN (→ http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030731_homosexual-unions_ge.html) Von Kardinal Ratzinger: "Jene, die diese Toleranz gebrauchen, um bestimmte Rechte für zusammenlebende homosexuelle Personen einzufordern, müssen daran erinnert werden, dass die Toleranz des Bösen etwas ganz anderes ist als die Billigung oder Legalisierung des Bösen".
    9.  Die katholische Kirche hat Hitler so gut wie nie bekämpft, um ihre eigenen Anhänger, die Katholiken, zu schützen - leider ging dies sehr zu Lasten der Juden, denen die Kirche ohnehin ein jahrhundertealter Feind war. In neuerer Zeit bedauert die Kirche hier ihre frühere Haltung allerdings, so dass wir zu ihren Gunsten annehmen müssen, dass sie sich gewandelt hat. Seit dem die Kirche ihre geheimen Archive geöffnet hat, muss ich in dieser Hinsicht meine frühere Haltung korrigieren. Die Kirche war tatsächlich stärker gegen Hitler eingestellt, als ich früher gedacht hatte, sie hat sich aus taktischen Gründen aber seiner Macht gebeugt - und darüber die Juden "vergessen". Wobei einzelne Christen (auch innerhalb der Kirchenhierarchie) auch Juden geschützt haben, u. a. mit gefälschten Taufscheinen (denn ein getaufter Jude war für die Kirche ein Katholik, denn "Jude" war für die Kirche keine Frage der Rasse, sondern des Glaubens).
    10.  Wer vorschnell meint, Gott lügt nicht, der lese →2 Thessalonicher 2:11 oder →1 Könige 22:23
    11.  Eine besonders gute Formulierung für die Invertierung der Wette finden Sie auf den Seiten von Dietrich Spreter (Kreudensteins Atheisten Website (→ http://www.kreudenstein-online.de/Religionskritik/pascals_wette.htm)): "Wenn man an einen Gott glaubt, der gut ist, dann wirft er keine Menschen in die Hölle, nur weil sie nicht an ihn glauben. Wenn man aber glaubt, so glaubt man möglicherweise auch an einen Betrug. Und wenn man andere dazu verleitet an einen Betrug zu glauben, dann hat man sie betrogen, damit gegen eine Moral verstoßen, die die die Lüge unter Strafe stellt. Wenn der Andere diesen Betrug entdeckt, wird er einem nicht mehr vertrauen". Tatsächlich ist die Pascalsche Wette eine Aufforderung zum Selbstbetrug, und wenn man einmal darauf hereingefallen ist und andere Menschen betrügt, dann kann man nicht mehr sicher sein, von den Anderen nicht ebenso betrogen zu werden. Die Strafe für Lügen besteht nicht nur darin, dass einem die Anderen nicht mehr trauen, sondern dass man selbst Anderen nicht mehr trauen kann. Das ist auch der Grund, warum sogar Selbstbetrug sozialschädlich ist. Wenn man nicht einmal sich selbst trauen kann ...
    12.  Ein häufig geäußerter Einwand lautet, dass viele der Dinge kausal miteinander verkettet sind, und daher nicht unabhängig voneinander, wie ich hier unterstellt habe. Interessanterweise kommt der Einwand meist von Leuten, die behaupten, dass Gott über jeder Kausalität steht und ihr nicht unterliegt. Wenn sie Recht haben, dann ist ihr Einwand irrelevant, die Annahme einer Kausalkette wäre unsinnig. Wenn wir aber über Kausalketten auch auf Gott rückschließen könnten - dann hätten wir einen Gottesbeweis. Da es keinen Gottesbeweis gibt, halte ich die Anwendung von Kausalität in diesem Fall nicht für möglich. Folglich ist meine Annahme korrekt.
    13.  Es handelt sich hierbei nicht um einen Aspekt unserer Welt wie Information o. ä., denn diese gehört zu unserer natürlichen Welt dazu.
    14.  Ich hatte zuerst von der "realen Welt" geschrieben, aber da Gläubige "ihre" spirituelle Welt für ebenso "real" halten wie die natürliche Welt hoffe ich, damit Missverständnissen vorzubeugen.
    15.  Diese Ergänzung und alle Überlegungen dazu verdanke ich Lars Gawallek, der mir dazu eine sehr interessante Email geschrieben hat - vielen Dank, Lars!
    16.  Die Anregung für dieses Kapitel entstammt dem empfehlenswerten Buch Smith, George H.: 1979, Atheism : The Case Against God (→ http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/087975124X/psycholreligi-21), Prometheus Books, New York.
    17.  Es geht im Folgenden immer um Wissen und nicht um Informationen. Bei Wissen handelt es sich um dergestalt aufbereitete Informationen, dass sie in unseren bisherigen Wissenskontext passen und zum Verstehen der Welt genutzt werden können oder zur Erklärung bestimmter Phänomene.
    18.  Um einige Einwände gleich zu entkräften: Gödels Beweis besagt, dass in einem hinreichend kompletten formal logischen System bestimmte selbstreferentielle Sätze nicht innerhalb des Systems als wahr bewiesen werden können, obwohl sie es sind. Trotzdem wissen wir, dass sie wahr sind, weil sie mit einem anderen System als wahr bewiesen werden können - sonst wäre die Aussage, sie seien wahr, sinnlos (woher wollte man dies wissen?). Nun zur Heisenbergschen Unschärferelation: Sie besagt grob, dass der Messvorgang das zu messende Objekt beeinflusst. D. h. wir messen in kleinsten Bereichen falsch, aber wir messen und wir wissen es ungefähr - und wir reden eben nicht über perfektes Wissen, weil das Unsinn wäre (denn wie sollten wir wissen, wann der höchste Perfektionsgrad erreicht ist?). Teilweise kann man diese Ungenauigkeit sogar herausrechnen. Wir können auch von einem Elektron entweder den Ort oder die Geschwindigkeit messen, aber nicht beides zusammen, aber wir können es jeweils messen.
    19.  Hier stand leider bis vor kurzem ein sinnentstellender Flüchtigkeitsfehler, auf den mich dankenswerterweise ein aufmerksamer Leser hingewiesen hat - man kann nämlich Unbekanntes mit Bekanntem erklären (wie dort vorher stand), aber eben nicht Unbekanntes mit Unbekanntem
    20.  Das hängt natürlich damit zusammen, dass bei einer falschen Diagnose - es wurde irrtümlich auf Krebs erkannt - bei einer gründlichen Untersuchung dann kein Krebs gefunden wird. Vertraut man der ersten Diagnose, dann handelt es sich um eine scheinbare Spontanremission (oder ein Wunder, je nachdem, wie man es betrachtet), vertraut man ihr nicht, dann handelt es sich eben um eine Fehldiagnose. Die katholische Kirche untersucht nun die Wunder in Lourdes - wie ich schon sagte - sehr gründlich, daher kommen Fehldiagnosen seltener vor, und damit sind auch die mutmaßlichen Spontanremissionen seltener. Aber es kommen eben immer wieder Heilungen vor, bei Gläubigen wie bei Ungläubigen, die man nicht erklären kann, aber nur, weil man es nicht erklären kann, muss es noch kein Wunder sein sondern kann auch mit der Immunreaktion des Menschen erklärt werden. Wenn allerdings bei Gläubigen einer Religion "Wunderheilungen" häufiger vorkämen als bei den Anhängern anderer Religionen, dann wäre dies ein wichtiges Indiz. Bislang gibt es dazu aber keine Befunde.
    21.  Aus Smith 2000, Seite 212f. Dieses Argument wurde von Edward Gibbon verwendet in seinem Werk "The Decline and Fall of the Roman Empire".
    22.  Ein analoges Argument gilt auch für Märtyrer ("Blutzeugen") - jeder Märtyrer, wenn er denn die "Wahrheit" einer Religion bezeugen sollte, würde zugleich die Unwahrheit einer jeden widersprechenden Religion bezeugen. Aber auch Märtyrer sind kein Beweis für die "Wahrheit" einer Religion.
    23.  Ein sehr gutes Beispiel für die mangelnde interne Konsistenz der Bibel beim zentralen Punkt des christlichen Glaubens (der Auferstehung) beschreibt Leave No Stone Unturned - An Easter Challenge For Christians (→ http://ffrf.org/books/lfif/?t=stone) von Dan Barker. Die Herausforderung besteht darin, alle Informationen aus der Bibel zur Auferstehung zu nehmen und daraus eine widerspruchsfreie Geschichte zu machen. Das ist bislang nicht gelungen.
    24.  Wobei viele Christen ihre Annahmen nicht einmal benennen können.
    25.  Die Annahme, die Erde sei unbeweglich, ist sehr viel überzeugender als die Annahme, dass sich die Erde bewegt - ist also die Überzeugungskraft einer Annahme ein Beweis für ihre Richtigkeit?
    26.  Nochmal: Hier ist die Religion gemeint, die behauptet, irrtumsfrei zu sein - das geht zwar aus dem Satz hervor, wenn man ihn sich genau durchliest, aber man könnte ihn auch als "Religion generell" verstehen - dann wäre der Satz falsch, denn vor allem die moderne Theologie hat den Glauben an die eigene Irrtumsfreiheit längst aufgegeben - nur die archaischen Überbleibsel vergangener Jahrhunderte in der Religion wie ein unfehlbarer Papst oder einige fundamentalistische Sekten sind überhaupt als gefährlich einzustufen. Auch Wissenschaft ist nur meistens bescheiden, nicht immer - und wenn sie es nicht ist, dann ist auch die Wissenschaft gefährlich! Es geht hier um Tendenzen, nicht um absolute Aussagen.
    27.  Man hat sich beschwert, ich würde das nur behaupten, obwohl es so einfach wäre, das auch zu zeigen. Also: Wenn Gott allmächtig ist, kann er dann auch einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht aufheben kann?". Das erzeugt sofort ein Paradoxon: Kann Gott einen Stein schaffen, der so schwer ist, dann kann er ihn nicht aufheben - kann er ihn nicht schaffen, kann er auch nicht allmächtig sein. Gleichgültig, wie man sich dreht und wendet, Gott ist immer der "Verlierer" und eben nicht allmächtig. Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren, das Konzept der Allmacht ist in sich widersprüchlich. Deswegen wird allerdings inzwischen meistens eine Definition gewählt, die Selbstwidersprüche ausschließt. Das aber würde wiederum bedeuten, dass der Allmacht Gottes durch die Logik Grenzen gesetzt werden - von wem stammt denn dann die Logik und wieso steht diese über Gott? In jedem Fall hätten wir dann eine "beschränkte Allmacht", ein in sich widersprüchlicher Begriff.
    28.  Zum Problem des Allwissens siehe den Beweis von Barker.
    29.  Wenn Gott allgütig ist, wie kann es dann das Böse geben? Eben dies ist das Theodizeeproblem. Wenn man auf die Allmacht Gottes als Annahme verzichtet, dann wird Gott übrigens ziemlich schwach, denn in die meisten Geschehnisse greift er nicht ein. Auch dann muss man sich fragen: Warum eigentlich nicht? Das Problem ist sowohl logischer als auch moralischer und emotionaler Natur, und das macht es so schwerwiegend.
    30.  Eigentlich müsste man nur in die Bibel sehen, in →Jesaja 45:7 steht: "der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR, bin es, der das alles wirkt". Laut der Bibel ist es also Gott selbst, der alles Böse schafft. Da aber niemand willentlich einem Wesen folgen möchte, welches Böses schafft, versuchen die Gläubigen dies zu ignorieren - das Theodizeeproblem entsteht also durch aktive Ignoranz. Aktiv deswegen, weil trotz der Hinweise versucht wird, das Problem wegzuinterpretieren. "Unheil" wird in den verschiedenen Bibelübersetzungen auch verschieden übersetzt, als Unglück (disaster), Übel oder Böses (evil).
    31.  Aus dem Katechismus der katholischen Kirche (→ http://www.pfarrer.at/katechismus_glaube_katholisch.htm):
      159 Glaube und Wissenschaft. "Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben: denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch [kann] jemals Wahres Wahrem widersprechen" (1. Vatikanisches K., Dogm. Konst. "Dei Filius", K. 4: DS 3017). "Deshalb wird die methodische Forschung in allen Disziplinen, wenn sie in einer wirklich wissenschaftlichen Weise und gemäß den sittlichen Normen vorgeht, niemals dem Glauben wahrhaft widerstreiten, weil die profanen Dinge und die Dinge des Glaubens sich von demselben Gott herleiten. Ja, wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Dinge zu erforschen versucht, wird, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, gleichsam an der Hand Gottes geführt, der alle Dinge trägt und macht, daß sie das sind, was sie sind" (GS 36, 2)
    32.  Folgender Einwand wurde dagegen vorgebracht (von János Brender):

      (P1) Alle natürlichen Zahlen sind gerade.
      (P2) 2 ist eine natürliche Zahl.
      (S) 2 ist gerade.

      Nun ist (P1) sicher eine falsche Prämisse, aber der Schluss ist wahr.

      Funktioniert hier die Logik nicht? Doch. Ich kann aus falschen Prämissen wahre Schlussfolgerungen ziehen. Aber die Aussage war eine andere - wenn alle Prämissen wahr sind, dann ist auch der Schluss wahr. Ist mindestens eine der Prämissen falsch, dann kann ich per Zufall doch zu einer wahren Schlussfolgerung gelangen. Ich muss, um mich abzusichern, mehrere mögliche Fälle untersuchen. Anders gesagt, bei falschen Prämissen kann ich nicht mehr sagen, dass meine Schlussfolgerung richtig ist oder falsch.

      Man kann das an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn ich mich verrechne, dann kann das Ergebnis falsch sein oder auch nicht, denn ich kann ja auch einen zweiten Fehler gemacht haben, der den ersten Fehler aufhebt. Auch hier gilt, dass man bei einer falschen Schlussfolgerung leicht auf falsche Prämissen schließen kann, bei einer richtigen Schlussfolgerung aber nicht unbedingt auf die Richtigkeit der Prämissen zurückschließen kann. Oder anders gesagt, auch bei der Logik ist eine Falsifikation stets zuverlässiger als eine Verifikation.
    33.  Deswegen nannte Kant sein Hauptwerk auch "Kritik der reinen Vernunft". Da reine Vernunft keine Beziehung zur Realität hat, ist sie so "abgehoben", dass man sie als reinen Unsinn bezeichnen kann.
    34.  Gregory Bateson hat dies mit einer Frage sehr gut zum Ausdruck gebracht: "Wo beginnt und wo endet das Bewusstsein eines Blinden? Am Anfang oder am Ende seines Stocks". Die Unsinnigkeit dieser Frage verdeutlicht, dass es keine scharfe Grenzziehung gibt.
    35.  Im Weiteren werde ich "mit Fingern auf etwas deuten" synonym verwenden zu: "etwas sinnlich Erfahrbares durch eine Deutungshandlung mit einem Symbol assoziieren" - das bezieht sich also auch auf Klänge, taktil erfassbare Dinge, Gerüche etc. pp.
    36.  Auch diese Wahrheitskriterien sind immer nur vorläufiger Art, bis wir etwas Besseres gefunden haben - temporär (übergangsweise) geht man hier auch dogmatisch vor, aber nur als vorläufige Hilfskonstruktion, dynamisch, bis man etwas Besseres findet. Siehe dazu auch den Artikel von Dr. Michael Schmidt-Salomon: Das Münchhausentrilemma oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen? (→ http://www.schmidt-salomon.de/muench.htm) - dort wird das Thema erschöpfend behandelt. Eine kurze Antwort ist unter den Häufig gestellten Fragen zu finden.
    37.  Der Unterschied dazwischen ist so schwer greifbar, dass wir diesem Irrtum auch in der Wissenschaft begegnen! Schlimmer noch ist die Konfusion von Erkennen und Erklären in unserem Bildungssystem - aber dies ist ein eigenes Thema. Übrigens begegnen wir beim Erklären einem alten Bekannten: dem Münchhausentrilemma.