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Was ist eigentliche Glauben?
An verschiedenen Stellen hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Glauben im Alltag und dem religiösen Glauben. Worin besteht dieser Unterschied? Wir können die verschiedenen Arten des Glaubens an der Form und an dem Inhalt unterscheiden. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele:
Glauben Sie an Ihre eigene Existenz? Vermutlich empfinden Sie diese Frage bereits als absurd. Sie wissen (sind sich sicher), dass Sie existieren. Folglich glauben Sie nicht daran, Sie wissen es. Es ist kein Glauben nötig.
Glauben Sie an die Existenz Ihres Computers oder Ihres Schreibtisches? Das erscheint ebenfalls absurd zu sein. Sie wissen, dass diese Dinge existieren. Sie können sich, wenn Sie sich auf einen ultra-skeptischen Standpunkt stellen, daran zweifeln, aber im täglichen Leben gehen Sie davon aus. Und wenn Ihr Schreibtisch plötzlich verschwunden wäre, wäre Ihr erster Ausruf nicht "Meine Zweifel an der Existenz des Schreibtisches war also gerechtfertigt!" sondern "Wer hat den Tisch entfernt? Wo ist er geblieben?". Zweifel an der Existenz der Dinge, die wir sinnlich erfahren können, mag sich am Philosophenstammtisch ganz gut machen, im praktischen Leben selbst von Ultra-Skeptikern spielt das keine Rolle, wird meist auch als absurd empfunden. Wenn ein Ultra-Skeptiker sich sein Schienbein an einem Tisch stößt, wird er sich meistens nicht wundern, wieso diese Erfahrung so intensiv ist - denn "eigentlich" existiert der Tisch ja nicht. Es ist kein Glauben nötig.
Glauben Sie daran, dass 1 + 1 = 2 ist? Auch nicht. Das wird ebenfalls so hingenommen und akzeptiert. Es ist kein Glauben nötig, um das zu akzeptieren.
Glauben Sie daran, dass ein Gebilde zugleich ein Kreis und ein Quadrat sein kann? Nein. Das geht nicht, das ist so widersprüchlich, dass man daran im Normalfall ebenfalls nicht glauben kann. Bei der Ablehnung dieser Idee ist ebenfalls kein Glauben nötig.
Glauben Sie daran, dass sich Ihr Telefon plötzlich in ein Auto verwandeln könnte? Nein. Auch hier muss man den Glauben nicht bemühen, um anzunehmen, dass das nicht möglich ist. Ein Telefon ist ein Telefon, ein Auto ist ein Auto. Alles andere wie in diesem Beispiel bezeichnen wir als Unsinn. Man kann es sich vorstellen, aber nicht daran glauben.
Glauben Sie an die Schwerkraft? Vermutlich ebenfalls nicht. Auch hier spielt Glauben keine Rolle.
Zusammenfassend könnte man sagen, dass wir weder an sinnlich erfahrbare Tatsachen noch an Logik glauben. Aber vorsicht, gerade Theologen bestreiten dies ganz gerne, weil sie nach einem Hebel suchen, um uns einzureden, wir würden an derlei Dinge eben doch glauben. Im alltäglichen Leben glauben wir nur an Dinge, die unsicher sind, von denen wir nichts Genaues wissen. Wir sprechen von einem rational gerechtfertigten Glauben, wenn wir zwar Grund zu der Annahme haben, etwas sei so, wie wir annehmen, aber mit einem gewissen (teils hohen) Unsicherheitsfaktor. Wir sind uns nicht sicher, wir wissen nicht, also glauben wir. Glauben im Alltag setzt immer eine bestimmte Unsicherheit voraus. Glauben bedeutet also vermuten, für wahr halten, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit annehmen, aber auch Vertrauen in eine Person oder einen Ablauf (kein Fußballer würde gegen einen Ball treten, wenn er Grund zu der Annahme hätte, dass sich dieser plötzlich in eine massive Eisenkugel verwandeln könnte). Wir reden von Wissen bei einem bestimmten Grad der Sicherheit, wir reden von Glauben sobald die Sicherheit unter einen bestimmten Grad sinkt und es auch anders sein könnte, als wir vermuten (= glauben).
Wissen bezeichnet normalerweise eine hinreichend gut gesicherte Erkenntnis, Glauben bezeichnet im Alltag dabei ein Wissen mit einem höheren Grad an Unsicherheit. Je sicherer wir etwas wissen, umso eher bezeichnen wir es als "Wissen", je unsicherer wir uns sind, umso eher bezeichnen wir es als "Glauben", wobei die Übergänge fließend sind und vom Kontext abhängen. Obwohl die Theologen etwas anderes meinen, wenn sie vom Glauben reden, wird beides gerne miteinander verwechselt, teilweise sogar in unredlicher Absicht, teilweise deswegen, weil der Glauben der Theologen tatsächlich vom Alltagsglauben abstammt und nicht wesentlich von diesem verschieden ist. Theologen betonen tatsächlich häufig die Ähnlichkeit von Alltagsglauben und metaphysischem Glauben wie auch seine Verschiedenheit, vor allem, was den Grad der Sicherheit angeht. Das ist das übliche Argumentationsmuster: metaphysischer Glauben ist wie Alltagsglauben, nur vollständig anders.
Von dieser Art alltäglichen Glauben müssen wir also den metaphysischen Glauben der Theologen unterscheiden. Zum einen, weil diese Art zu Glauben nicht mit der alltäglichen Unsicherheit in Verbindung gebracht wird, sondern mit Gewissheit, also einem sehr hohen Grad an Sicherheit. Im Folgenden bezeichne ich diese Art zu glauben als m-Glauben (= metaphysischen Glauben), um ihn vom Alltags-Glauben abzugrenzen. Allerdings gilt auch hier, dass man an Tatsachen oder Logik nicht m-glauben kann, ebenso wenig kann man "eigentlich" an widersprüchliche Dinge (wie an einen quadratischen Kreis) m-glauben. Wissen und Tatsachen fallen als Ziel für den m-Glauben ebenfalls aus. Wenn jemand sagt: "Ich glaube an die Existenz von Jesus" und es würden ganz klare Beweise für die Existenz von Jesus auf den Tisch gelegt - Beweise, an denen man kaum zweifeln kann - dann würde der Glauben verschwinden und dieser jemand würde sagen "Ich weiß, dass Jesus gelebt hat".
Wobei man sagen muss, dass es individuelle Unterschiede gibt, ab welchem Grad der Wahrscheinlichkeit wir von Wissen statt von (m-)Glauben reden. Hier spielt eine Rolle, wie gut wir eine neue Tatsache in den Rahmen unseres bisherigen Wissens integrieren können. Je schlechter wir dies können, umso mehr Sicherheit (= höhere Wahrscheinlichkeit) verlangen wir von der neuen Tatsache, je besser es geht, umso weniger wahrscheinlich braucht es zu sein. Stehen Tatsachen im Widerspruch zu bisherigem Wissen oder (m-)Glauben, so werden wir unsere Anforderungen an die Belege für diese Tatsachen hinaufschrauben, denn die Integration dieser Tatsache wird einen Umbau unseres bisherigen Wissensrahmens erfordern, was mit großem Aufwand verbunden ist. Der Aufwand lohnt sich nur dann, wenn die neue Tatsache mit großer Sicherheit verbunden wird und selbst dann werden sich viele Menschen noch scheuen, diesen aufwändigen Umbau vorzunehmen und die neue Tatsache lieber ignorieren. Denn auch vieles andere müsste sich mitändern, deswegen weisen Weltbilder eine gewisse Resistenz (Widerstand) gegen Veränderungen auf.
Wenn wir weder an Tatsachen noch an Logik oder Widersprüche oder Unsinn glauben oder m-glauben können, was bleibt dann noch übrig? Für den Alltag die Dinge, deren wir uns nicht ganz sicher sind und Irrtümer. Man kann auch an Irrtümer glauben und auf falsche Informationen vertrauen. Angenommen, jemand erzählt uns, dass Spinat sehr viel Eisen enthalte [1] und wir erklären ihm seinen Irrtum mit Veröffentlichungen aus renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften. Dann wird er vermutlich sagen: "Und ich habe die ganze Zeit an den Eisengehalt des Spinats geglaubt" - und nicht: "Ich habe doch die ganze Zeit gewusst, dass Spinat viel Eisen enthält!". Das würden wir zu Recht für Unsinn halten. Allenfalls kann man noch sagen, er habe geglaubt, zu wissen.
Für den m-Glauben bleiben nur die Dinge übrig, die wir nicht wissen können. Das kann natürlich auch falsch sein (jede der Religionen bezichtigt auch jede der anderen Religionen des Irrtums, da nicht alle gleichzeitig recht haben können, ist damit bewiesen, dass da jemand in Irrtum glauben muss). Sollte man unbekannte Erkenntnisse in Wissen überführen können, dann hört damit der m-Glauben auf. Wir überführen unbekannte Informationen durch Erklärungen in Wissen über. Wir reden vom Wissen dann, wenn wir diese Erklärungen verstanden haben. Aus unbekannten Informationen wird also durch den Akt des Erklärens Wissen. Die unbekannten Informationen werden in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert. Dies geschieht dadurch, dass wir den vorhandenen Wissenskontext [2] dazu benutzen, die bislang unbekannte Information auf Bekanntes zurückzuführen.
Und da sind wir schon beim ersten großen Dilemma des m-Glaubens. Denn wenn wir etwas nicht wissen, so können wir aus diesem Nicht-Wissen auch keine Erklärungen beziehen, es kann auch nicht selbst erklärend sein. Es müsste also erklärt werden, in dem man es in den Rahmen des bisherigen Wissens integriert, aber damit würde es selbst zu Wissen. Gelänge die Integration, so würde der m-Glauben verschwinden. Beim m-Glauben kann es sich also nur um Dinge handeln, die wir nicht wissen. Also handelt es sich auch hier um eine Form des Nicht-Wissens. Andererseits aber soll mit dem m-Glauben etwas (z. B. der Sinn der Welt, des Lebens oder die Entstehung des Universums) erklärt werden. Man kann aber Unbekanntes nur mit bereits bekannten Dingen erklären, also Dingen, von denen man bereits weiß. Dies nennen die Theologen ein Geheimnis, aber das Geheimnis besteht nur darin, dass es sich um einen logischen Zirkel handelt.
Worin besteht der Zirkel? Man erklärt die Welt aus etwas heraus, was nicht zu unserem Wissen gehört (z. B. Gott), also eigentlich unerklärbar und undefinierbar ist. Damit hat man eine neue Perspektive auf diese Welt. Diese ist keine Erklärung, weil man mit Unerklärtem nichts erklären kann, sondern im Gegenteil, es handelt sich um eine Verklärung der Welt (Mystifizierung, Umwandlung in ein Geheimnis, eine Haltung, die man auch als Obskurantismus [3] bezeichnet). Aus dieser neuen Perspektive erscheint es als völlig logisch, dass es z. B. Gott (oder worum es gerade auch immer geht) gibt. Jetzt können Sie auch verstehen, warum man als Nicht-Gläubiger den Glauben nicht verstehen kann, sondern erst dann, wenn man bereits glaubt, d. h. wesentliche Grundprämissen des Zirkels teilt, was geschehen muss, bevor man sie verstanden hat, denn aus einer naturalistischen Sicht sind die "Erklärungen" wertlos. Warum die "Erklärungen" wertlos sind, habe ich (etwas philosophisch-abstrakter) hier erklärt: Können Theologen die Welt erklären).
Durch die Annahme der grundlegenden Erklärungen bekommt man einen Anteil am Geheimnis, man wird ein "Eingeweihter". In Wahrheit bedeutet das, dass man sich in einem Zirkel aus tautologischen Erklärungen bewegt. Die Zirkel sind aber meist zu kompliziert, um als Zirkel durchschaut zu werden. Die "Erklärungen" (eigentlich: Verklärungen) sind aufgrund des zirkulären Charakters inhaltlich aber leer, was immer dann deutlich wird, wenn man einen Zirkelgläubigen dazu nötigt, seine Begriffe zu erklären. Was dann noch zu einem Verständnis fehlt, wird wiederum als "Geheimnis" deklariert, welches nur Eingeweihten (= Gläubigen) zugänglich ist. Ein solches System kann auch nie ernsthaft mit irgendwelchen Tatsachen kollidieren, dagegen ist es immun. Es kollidiert erst dann mit den Tatsachen, wenn versucht wird, auf dieser Basis in die reale Welt einzugreifen, denn das kann nicht funktionieren (außer über die Köpfe anderer Menschen).
Auf diese Art und Weise lässt sich jedes Denksystem gegen Widerlegung abschotten, aber je besser die Abschottung ist, umso inhaltsleerer wird das System. Ein vollkommen abgeschottetes Denksystem ist auch vollkommen leer, deswegen sind die bisherigen Systeme in dieser Hinsicht auch nicht "vollkommen", was uns einen Hebel gibt, wo wir unsere Kritik ansetzen können. Die Kritik treibt dann die Kritisierten dazu, ihr System immer weiter leer zu definieren. Aus der Lehre wird eine große Leere. Allerdings ist das eine Sisyphosarbeit - um Albert Camus zu zitieren: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (zitiert von der sehr empfehlenswerten →Homepage von Dr. Schmidt-Salomon. Man kann so aus jedem Unsinn, jeder Lehre eine große Leere machen: nicht mehr kritisierbar, aber ohne Inhalt. Wer Inhalte hat, hat auch keine Angst vor Kritik. Wer keine hat, muss die Kritik meiden, weil er verbergen muss, keine Inhalte zu haben.
Was die Wissenschaften auszeichnet, ist der schlichte Umstand, dass man dort leere Definitionen und leere Erklärungen und derartige Zirkel vermeidet.
Konfusius, er zitiert: "Ein Glauben ist nicht wahr, weil er nützlich ist." (Henri Frederic Amiel)
Anmerkungen:
- Dieser Irrtum wurde durch eine wissenschaftliche Untersuchung in die Welt gesetzt, bei der versehentlich bei der Angabe des Eisengehalts von Spinat ein Komma um eine Stelle zu weit nach rechts gesetzt wurde. Heute ist dieser Irrtum allgemein bekannt, ich wurde in meiner Kindheit noch mit Spinat traktiert, weil es ja sooooo gesund sei, wegen des Eisengehalts. (Zurück)
- Man kann also behaupten, dass es ohne bereits vorhandenes Wissen kein weiteres Wissen geben kann. Woher kommt das ursprüngliche Wissen? Das ist uns angeboren, es entstammt unserer evolutionären Entwicklungsgeschichte. (Zurück)
- Obskurantismus: Aufklärungs- und Fortschrittsfeindlichkeit, Bestreben, die Menschen in Aberglauben und in Unwissenheit zu halten. (Zurück)
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