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Die Überzeugung ist ein schlimmerer Feind der Wahrheit als die Lüge

Wenn man eine zeitlang religiöse Diskussionen verfolgt, dann fällt auf, mit welcher Energie diese Überzeugungen verteidigt werden. Es gibt kein Argument, welches absurd genug wäre, um nicht doch noch die eigene Überzeugung zu bestätigen, und es gibt keine Tatsache und kein Argument, welches gut genug wäre, diese zu widerlegen. Es werden Schichten über Schichten an komplizierten Konstruktionen zur Stützung der eigenen Auffassung übereinander gebaut und jeder Angriff darauf führt nur zum Aufbau weiterer Stützen, bis dass, was darunter liegt, schon fast nicht mehr erkennbar ist. Da werden lieber Wörter und Begriff umdefiniert, damit man noch den Anschein erweckt, im Recht zu sein. Dem Anderen wird eher pauschal unterstellt, das eigene Gedankengebäude nicht verstanden zu haben und nicht verstehen zu wollen (wieso könnte sie oder er es sonst wagen, einen Angriff darauf zu führen?  [1]) als dass man die Gegenargumente kritisch analysiert, um ihre Schwachstellen herauszufinden. Meist ist die einzige Schwachstelle eines Gegenarguments bloß die, zu einer anderen Überzeugung zu führen.

Selbst verdrehte Logik und falsche Prämissen veranlassen nicht dazu, die eigenen Schlussfolgerungen infrage zu stellen. Dergleichen beim Diskussionsgegner gefunden führt gleicht zu wildem Triumph. Man selbst benötigt keine Beweise für die eigenen Überzeugungen, aber wehe, der andere kann seine Meinung nicht perfekt begründen und belegen - und kann er es doch, dann werden die Belege gleich mit einem Hagel an ultraskeptischen Argumenten bedacht. Noch die dubiosesten Zeugen bestätigen die eigene Meinung, während die perfekteste Begründung beim Gegenüber nur ein Ausweis seiner Verstocktheit ist - müsste er mit seinem Herzen doch sehen, wie recht man selber hat!

Nicht, dass man rationalen Argumenten nicht zugänglich wäre - solange sie bloß die eigene Überzeugung bestätigen!

Wenn man diese Beobachtung auch mal kritisch gegen sich selbst wendet und gegen die Leute, die dieselbe Meinung verfechten wie man selbst, so wird man feststellen, dass man zwar das, was ich gesagt habe, sehr wohl als Schwäche beim Anderen gefunden hat - aber nicht bei sich selbst. Wenn man aber nur einen Funken Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bewahrt hat, dann wird man feststellen, dass man nicht frei davon ist.

In der Tat, ist gibt keinen Anlass dazu, zu vermuten, dass Menschen generell davon freizusprechen wären. Im Gegenteil gilt diese Beobachtung auch für die Menschen der letzten 2.000 Jahre.

Was besagt dies für die religiösen Diskussionen? Wenn man unterstellt, dass die Mehrheit der Menschen so war und ist wie wir selbst, dann ist dies eine starke Evidenz gegen jede religiöse Überzeugung. Denn wir können davon ausgehen, dass die Menschen vergangener Jahrtausende ihre Überzeugungen mit allem verteidigten, was ihnen zur Verfügung stand (auch mit Schwertern und Kanonen, wie die leidvolle Geschichte beweist), so falsch sie auch gewesen sein mögen. Denn auch falsche Überzeugungen wurden stets bis zum Schluss und darüber hinaus verteidigt. Noch heute gibt es Menschen, die ernsthaft behaupten, die Erde sei 6.000-10.000 Jahre alt und diese Ansicht mit aller Vehemenz vertreten.

Wenn dieses auch heute zu beobachtende Faktum der Meine-Überzeugung-ist-unbedingt-richtig-Fraktion entsprechend gewichten, dann wird man sehen, dass wenn sich eine Überzeugung erst einmal gebildet hatte, alles, was dagegen sprach, geflissentlich ignoriert wurde, während alles, was dafür sprach, hoch gewertet und bei Bedarf eher noch gefälscht wurde (siehe z. B. die vielen Reliquien). Die Wahrheit setzt sich in so einem Prozess der Verfälschung und Verdrehung und der Verteidigung der Überzeugungen ganz bestimmt nicht durch. Die Überzeugungen werden nämlich nicht wie bei der stillen Post mit dem Bemühen weitergegeben, die Ursprungsnachricht zu bewahren, sondern mit dem Anspruch, die eigenen Überzeugungen sei völlig wahr - in so eine Kette kann man am Anfang an Informationen Beliebiges hineinstecken, am Ende kommen in jedem Fall die Überzeugungen der daran Beteiligten zum Vorschein.

Folglich müssen wir alle alten religiösen Überlieferungen mit einer großen Skepsis betrachten. Unsere Skepsis kann fast nicht groß genug sein. Die Anfangswahrscheinlichkeit spricht zunächst strikt dagegen, dass etwas davon wahr ist. Wahr kann es nur dann sein, wenn es eingehender kritischer Prüfung standhält. In diesem Fall muss man also sagen: im Zweifel gegen die angeklagte Überzeugung. Wenn wir dann noch sehen, dass die meisten christlichen Überzeugungen fast ausschließlich auf von Zeugen aus zweiter und dritter Hand überlieferten Überzeugungen bestehen, dann müssen die Beweise, die diese Überzeugungen als wahr bestätigen, schon sehr, sehr stark sein. Welche Beweise? Genau, es gibt keine. Daher hat man das Recht, jede christliche Überzeugung zunächst mal bis zum Beweis des Gegenteils für falsch zu halten. Und da in den letzten 2.000 Jahren kaum Beweise auftauchten ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies mal in Zukunft geschehen könnte, als vernachlässigbar gering einzustufen.

Damit eine Überzeugung als wahr angenommen wird, muss sie sowohl wahrscheinlich sein als auch mit der eigenen Erfahrung vereinbar sein. Nun, die Wundererzählungen der Religionen sind wahrscheinlich Erzählungen von Legenden, die im Zuge des Weitererzählens zu Überzeugungen wurden und so immer stärker verteidigt wurden, ein Vorgang, der völlig meinen Erfahrungen mit Menschen entspricht. Das die Wunder dagegen tatsächlich geschehen sind, widerspricht nicht nur meiner Erfahrung, es ist auch noch sehr unwahrscheinlich. Welche Überzeugung soll ich also akzeptieren? Die, die mit meiner alltäglichen Erfahrung von Menschen und ihrem Verhalten übereinstimmt, oder die, die damit nicht übereinstimmt?

Warum sollten wir also an 2.000 Jahre lang tradierte Überzeugungen glauben?

Konfusius, er zitiert: "Ein Zeitalter wird nicht dunkel genannt, weil kein Licht mehr scheint, sondern weil sich die Menschen weigern, es zu sehen." (James Michener)



Anmerkungen:
  1.  Die Idee, dass einen der andere nur nicht verstanden hat oder verstehen will, kommt aus der Annahme, dass er die Überzeugung teilen würde, wenn er sie nur verstünde. Das man eine Überzeugung verstehen kann und sie gleichzeitig für falsch halten kann, hält man bei der eigenen Überzeugung nicht für möglich. (Zurück)

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