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Die persönliche Gotteserfahrung

Vorbemerkung: Beweisen benutze ich nicht in einem strengen naturwissenschaftlichen Sinn, wie mir oft vorgehalten wird. Würde ich den Begriff des naturwissenschaftlichen Beweises benutzen, sind fast alle religiösen Aussagen sofort und trivial als "sinnfrei" zu klassifizieren. Dann können wir über weltanschauliche Fragen nicht mehr debattieren. Deswegen benutze ich die Begriffe Beweis und Evidenz so, wie sie vom Common Sense (= gesunder Menschenverstand) vorgegeben werden, auf dem die Wissenschaft aufbaut, aber den sie überschreitet. "Etwas beweisen" bedeutet für mich, Evidenzen für und wider etwas anzugeben und zu zeigen, dass die Evidenzen dafür überwiegen und die aufgestellte Behauptung daher vernunftgemäß gerechtfertigt ist. Dem liegt die Zurückweisung von Ultra-Skeptizismus und Erkenntnis-Nihilismus zugrunde (nach der Art 'wir können nichts erkennen'). Eine "Evidenz" ist u. a. auch ein logischer Beweis, um das noch einmal zu bemerken.

Kann man die Existenz Gottes beweisen? Hans Küng kommt [2001] in seinem Buch "Existiert Gott?" zu dem Schluss, dass das wohl nicht möglich sei. Dabei geht es übrigens nicht nur um wissenschaftliche, sondern auch um philosophisch-logische Beweise. Man kann also sagen, dass man im Nachdenken keinen Gott finden wird, weder in der Rationalität noch in der Empirie.

In dem Buch Christ sein ([1974] schreibt Küng:

"Dass Gott ist, kann aber weder stringent aufgrund eines Beweises oder Aufweises der reinen Vernunft, noch unbedingt aufgrund eines moralischen Postulats der praktischen Vernunft, noch immer allein aufgrund des biblischen Zeugnisses angenommen werden."

Küng kommt (wie viele andere Christen) zu dem Schluss, dass nur darauf vertraut werden kann, dass Gott existiert. Aber für dieses vertrauen braucht man einen Grund. Es macht keinen Sinn, auf etwas grundlos zu vertrauen.

Viele Christen glauben nun, in einer persönlichen Gotteserfahrung diesen Grund gefunden zu haben. Sind diese persönlichen Erfahrungen ein ausreichender Ersatz für die fehlenden Evidenzen? Evidenzen sind laut Common Sense Dinge, über deren Existenz man sich mit einigen kann oder Argumente, die allgemein als gültig anerkannt werden, persönliche Erfahrungen zählen also dann und nur dann zu den Evidenzen, wenn sie mehrheitlich geteilt werden und es gute Gründe dafür gibt, dass sie nicht auf Halluzinationen oder Sinnestäuschungen etc. beruhen, d. h. sie müssen skeptischer Prüfung standhalten.

Zunächst einmal bezweifle ich nicht, dass es persönliche Gotteserfahrung gibt (steht mir auch nicht zu), vor allem deswegen nicht, weil ich diese Erfahrung selber sehr gut kenne. Trotzdem ist das für mich kein Ersatz für eine Evidenz bzw. handelt es sich nicht um eine Evidenz. Warum?

Handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um eine Erfahrung, die sinnlicher Wahrnehmung entspricht? Angenommen, das wäre so. In einer Analogie könnte ein Freund von uns behaupten, er hätte im Wald Wölfe gesehen. Würden wir ihm glauben? Ja, wenn wir wüssten, dass sein Augenlicht gut genug ist (was wir anhand täglichen Umgangs mit ihm bemerken würden, wenn er beispielsweise ständig gegen Möbel läuft und über Stühle stolpert, würden wir seine Sehkraft anzweifeln und auch sein Erlebnis). Außerdem müssten wir wissen, ob er Hunde von Wölfen zuverlässig unterscheiden kann. Wenn wir aber wüssten, er ist fast völlig blind, dann würden wir seine Behauptung zurückweisen.

Woher also sollte ich wissen oder erkennen können, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hatte oder einer Sinnestäuschung unterlag? Ich habe nichts, womit ich das vergleichen kann. Ich kann nicht feststellen, inwieweit ein Erkennungsvermögen eines Gottes verlässlich ist oder nicht. Ich kann nicht unterscheiden, ob da wirklich etwas ist oder nur eine Einbildung. Ohne die Möglichkeit der Unterscheidung ist es für mich gleich (das für mich ist sehr wichtig!).

Angenommen aber, die persönliche Gotteserfahrung wäre nicht wie normale Wahrnehmung sondern wäre ein spezieller religiöser Sinn. Dann wären die Probleme noch schwerer zu überwinden. Denn Wahrnehmungen kennen wir und normalerweise halten wir sie (außer unter speziellen Umständen) für verlässlich. Womit soll ich feststellen können, ob jemand einen religiösen Sinn hat oder nicht? Wenn jemand sagt, daran, dass man Gott erkennt, so landen wir in einem logischen Zirkel. Man erkennt an der persönlichen Gotteserfahrung das Gott existiert, und das die persönliche Gotteserfahrung sich auf Gott bezieht, erkennt man daran, dass jemand eine persönliche Gotteserfahrung hat. Dieser logische Zirkel ist tautologisch (d. h. Gott ist Gott und eine persönliche Gotteserfahrung ist eine persönliche Gotteserfahrung - mehr besagt das nicht, beide Sätze sind wahr, aber inhaltsleer).

Ich kann also, was eine Gotteserfahrung angeht, nur Agnostiker sein, d. h. sie zählt für mich weder zu den Evidenzen noch zu einem Ersatz dafür.

Ich will mal ein Beispiel geben:
A: Gespenster existieren!
B: Glaube ich nicht - ich kann keine sehen.
A: Das liegt daran, dass Du nicht sensibel genug bist, um Gespenster sehen zu können. Wärst Du sensibel genug, dann könntest Du sie auch sehen.


Für "Gespenster" könnte man auch unsichtbare Drachen oder unsichtbare rosa Einhörner o. ö. einsetzen. Der Inhalt ist beliebig, er kann auch leer sein, ist von leerem Inhalt nicht zu unterscheiden und daher für uns leer, sowohl vom Sinn her als auch kognitiv (= vom Wahrnehmen und Erkennen her).

Noch abenteuerlicher wird es, wenn man behauptet, eine persönliche Gotteserfahrung spräche für einen monotheistischen Gott. Um behaupten zu können, es gäbe nur einen Gott, müsste man alle Universen zu allen Zeiten und alle übernatürlichen Sphären zu allen Zeiten überblicken können und auch genau wissen, dass man wirklich alles gesehen hat - man müsste selbst allwissend sein. Tatsächlich sprechen die vielen unterschiedlichen persönlichen Gotteserfahrungen der Christen, Muslims, Juden, Hindus, Shintoisten usw. usf. ganz eindeutig für einen Polytheismus (= Vielgottglauben). Jeder Gott könnte natürlich behaupten, er sei der Einzige. Vermutlich wäre der Teufel selbst in der Lage, uns als Gott zu erscheinen und uns zu täuschen - wie wollen wir das unterscheiden? Wenn man sagt, am Inhalt, dann verstrickt man sich sofort in Euthyphrons Dilemma.

Tatsächlich handelt es sich bei der persönlichen Gotteserfahrung um ein vollkommen natürliches Phänomen. Aber dies ist ein Thema für den zweiten Teil meiner Website.

Konfusius, er zitiert: "Die Tatsache, dass Menschen religiöse Erfahrungen haben, ist von einem psychologischen Standpunkt aus interessant, aber es impliziert in keiner Weise, dass es so etwas wie religiöses Wissen gibt ... außer jemand kann sein 'Wissen' so formulieren, dass es empirisch verifizierbar ist, sonst können wir sicher sein, dass er sich selbst täuscht." (A. J. Ayer in "Language, Truth and Logic")

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