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Der Glauben als Konflikt
Zunächst und trivial: Wissen und religiöser Glauben (nicht mit dem Alltagsglauben verwechseln, bitte, denn der ist u. a. ein Synonym zu vermuten) sind nicht dasselbe, sollen es auch nicht sein. Der religiöse Glauben befasst sich zum großen Teil mit Dingen, die man nicht wissen kann. Könnte man sie wissen, wäre der Glauben selbst höchst überflüssig.
Nicht umsonst wird von einigen Gläubigen viele Mühe darauf verwandt, nachzuweisen, dass wir nicht alles wissen können (womit sie bei mir meist sperrangelweit offenstehende Türen einrennen - siehe das Münchhausentrilemma - Streitpunkt ist dann meist nur, was wir wissen können, mit welchem Grad an Genauigkeit, und was nicht und warum nicht).
Die entscheidende Frage (für mich) ist: Wie und Warum sollte man an etwas glauben, wenn man es nicht wissen kann? Interessanterweise ist diese Frage für Gläubige recht sperrig. So wird dem positiven Atheisten [1] das "Recht" bestritten, zu glauben, Gott existiere nicht, mit dem Hinweis, dass er dies nicht wissen könne. Tut man dies, dann kann man mit demselben Recht bestreiten, dass der Gläubige legitimerweise an Gott glauben kann, und zwar mit exakt derselben Begründung, mit der der Gläubige dem positiven Atheisten dasselbe Recht abspricht. Entlarvend (in gewisser Weise) ist, wenn einige Christen meinen, auch der (positive) Atheist "glaube ja nur" an die Nichtexistenz Gottes. Das nur muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Der Punkt ist der: Wenn sich irgendjemand in einer Diskussion auf den Glauben beruft, und meint, damit im Recht zu sein, dann verliert er automatisch das Recht, einem Andersgläubigen seinen Glauben zu bestreiten. Denn jedes Argument, dass er für seinen Glauben vorbringen kann, kann man dann automatisch auch gegen seinen Glauben vorbringen.
Dies ist - so scheint es - in der Tat ein Patt. Aus diesen Gründen ist es in den Wissenschaften auch absolut verpönt, sich auf den Glauben zu berufen, dies gilt als Fehler (wenn ein Wissenschaftler das Wort "glauben" benutzt, dann ist damit gemeint, dass er eine schwache Vermutung in der Richtung hegt, sich aber höchst unsicher ist, ob das auch stimmt - das Wort wird also anders als in religiösem Glauben verwendet). Der Fehler besteht darin, dass man damit automatisch eine Pattsituation schafft - die aber immer zuungunsten desjenigen ausgelegt wird, der die Behauptung aufgestellt hat. Wenn also jemand behauptet, "Also, ich würde sagen, daß die Partie sozusagen pari steht", so gilt dies vielleicht unter Gläubigen, nicht aber in Philosophie, Wissenschaft oder dem Recht, also praktisch dem ganzen Rest der Welt.
Viele der Gläubigen beanspruchen also einen Sonderstatus für ihren Glauben - während der Atheist kein Recht hat, wegen Mangels an Beweisen nicht an Gott zu glauben, "darf" der Gläubige dies andersherum sehr wohl trotzdem - zumindest glaubt er das. Einige Gläubige sind da allerdings generöser, sie gestehen auch dem Ungläubigen das Recht zu, nicht zu glauben, einigen muss man dieses "Recht" aber auch abringen. Und eine kleine Minderheit ist da völlig uneinsichtig, sie meinen, ein Atheist dürfe nicht an etwas glauben, sie selbst aber sehr wohl.
Soweit, so schlecht. Man kann niemandem das Recht absprechen, an etwas zu glauben, solange er sich damit auf seinen privaten Bereich beschränkt und es keine Konflikte gibt. Das ändert sich sobald man mit Ansprüchen aus dem Glauben den öffentlichen Raum betritt, denn der Glauben an sich birgt Konfliktpotenzial und ist vollkommen ungeeignet, irgendeinen Streitfall beizulegen. Die Religionsgeschichte ist voll an Beispielen, denn unter Berufung auf den Glauben kann man alles Mögliche glauben, auch das Gegenteil von dem, was der Andere glaubt, folglich kann der Glauben hier niemals dazu beitragen, einen Streit beizulegen, solange man den Anderen nicht dazu bringen kann, dasselbe zu glauben.
Paradoxerweise entsteht genau hier das große Problem, denn der Gläubige glaubt nicht gerne für sich allein, er möchte, dass möglichst viele Menschen dasselbe Glauben, dann fällt es nämlich nicht so auf, dass es legitim ist, genau das Gegenteil zu glauben. Also versucht er, den Anderen zu überzeugen, zu indoktrinieren, zu überreden, zu überlisten oder aber - in der Vergangenheit - die Andersgläubigen zu zwingen oder auszulöschen. Letzteres geht heute nicht mehr, war aber so üblich, fast keiner unserer früheren Vorfahren in Europa konnte sich seinen Glauben frei aussuchen, viele büßten den Versuch mit ihrem Leben. Das alles geschah, um vergessen zu machen, dass man zu jedem Glauben mit denselben Gründen (die man nur logisch umzudrehen braucht) das Gegenteil genauso gut glauben kann.
Glauben ist also geeignet, Konfliktfälle zu schaffen und völlig ungeeignet, Konfliktfälle zu lösen, es sei denn, jeder glaubt ohnehin dasselbe. (Und dann kann man nicht mehr von einem Konfliktfall reden)
Im säkulären Staat wurde das Konfliktpotenzial dadurch entschärft, dass man den Glauben zur Privatsache erklärte. Damit wäre das Problem eigentlich gelöst ... wenn nicht eine kleine Minderheit unter den Gläubigen immer noch Unfrieden stiften würde, in dem sie versuchen, alle auf ihren Glauben festzulegen. Und dies tun sie natürlich unter ihren Glaubensgenossen, die ihnen allzu leicht zur Beute werden, weil der organisierte Glauben eine weitere Achillesferse besitzt.
Diese Achillesferse besteht darin, dass die meisten Menschen nicht "einfach so aus sich heraus" an etwas glauben, sondern ihren Glauben übernommen haben. Nun besteht der religiöse Glauben ja daraus, wunderliche und unwahrscheinliche Dinge zu glauben, die gegen jede menschliche Erfahrung und gegen bekannte Naturgesetze verstoßen. Wenn ich aber dazu bereit bin, aufgrund von Zeugenaussagen etwas zu glauben, was gegen meine eigene Erfahrung verstößt (etwa, dass da jemand Wasser in Wein verwandelt hat, was nach allgemeiner menschlicher Erfahrung unmöglich ist), dann geht dies nur, wenn jemand Zeugenaussagen als höher einstuft als seine eigene Erfahrung. Nur wenn ich bereit bin, meine Erfahrung zu verwerfen, dann kann ich auch daran glauben.
Damit hat man seine Erfahrung mit einer großen Geringschätzung versehen. Dies lässt sich leicht ausnutzen, um den Menschen Dinge aufzuschwatzen, die jeder Vernunft Hohn sprechen. Wie gesagt, solange jemand dies in seiner Privatsphäre tut, ist das auch in Ordnung. Wenn aber nun demjenigen eingeredet wird, er müsse auch andere mit diesen Ansichten infiltrieren - seine eigenen Kinder zumeist - dann kann man ihm auch einreden, sich mit seinem Glauben in die Angelegenheiten der Öffentlichkeit einzumischen. Gelingt dies, sind die Folgen aus unserer unseligen Geschichte bekannt. Es wird ein Konfliktpotenzial aufgebaut, ohne die Möglichkeit, dies zu entschärfen, weil schlicht nur Glauben gegen Glauben steht. Der Glauben ist aber ungeeignet, zu entscheiden, welcher Glauben denn nun der "Richtige" ist, denn jeder Glauben ist sich selbst als Basis genug.
Man muss also die liberalen Gläubigen vor ihren weniger mit Skrupeln behafteten antiliberalen Glaubensgenossen schützen.
Tut man das nicht, dann lässt man zu, dass der Glauben von einigen wenigen als Waffe benutzt wird, ihre Ansprüche gegenüber der Öffentlichkeit durchzusetzen. Glauben ist und bleibt aber eine Privatsache. In der Öffentlichkeit muss man darauf drängen, dass Ansprüche vernünftig begründet werden, damit man eine Möglichkeit hat, Streitfälle vernünftig zu lösen. Das wiederum muss man vernünftig begründen. Darum geht es mir, und darum schreibe ich mir die Finger wund - es geht nicht darum, jemandem den Glauben auszureden, sondern darum, unbegründete Ansprüche an die Öffentlichkeit zurückzuweisen.
Soweit also die Begründung, warum Glauben Unfrieden stiftet und selbst ungeeignet ist, diese Geister, die er rief, auch wieder loszuwerden.
Konfusius, er zitiert: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben." (Albert Einstein)
Anmerkungen:
- Der Ausdruck positiver Atheist wird von Michael Martin (Martin 1990) verwendet, um Atheisten zu bezeichnen, die an die Nichtexistenz von Gott glauben, in Abgrenzung zu den negativen Atheisten, denen nur der Glauben an Gott fehlt. (Zurück)
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