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Die Kunst der Täuschung

Beruflich musste ich in letzter Zeit häufig mit dem Zug fahren. Dabei entspann sich folgendes Gespräch mit einem Zugnachbarn, ca. 50 Jahre alt, männlich, aus München stammend, von Beruf Optiker, intelligent und redegewandt. Ich las in dem Buch Nein und Amen, und so kamen wir ins Gespräch:

Er: Interessieren Sie sich für Religion?
Ich: Ja, ich lese in letzter Zeit einiges darüber.
Er: Glauben Sie an Gott?
Ich: Nein - ich bin bekennender Atheist.
Er: Sie machen einen intelligenten Eindruck - wieso können Sie da behaupten, Gott existiere nicht?


(An dieser Stelle erklärte ich ihm, dass ich negativer Atheist bin und nicht behaupte, dass Gott nicht existiert, sondern nur behaupte, dass ich nicht an ihn glauben kann, aus Mangel an Beweisen - um diese Begriffe entspann sich ein Gespräch, welches ich hier weglasse)

Er: Aber es gibt doch Beweise für die Existenz Gottes!
Ich: Welche?


(An dieser Stelle erklärt er mir den Design-Beweis - ich widerlege den Beweis in allen Punkten, was ich hier nicht wiederholen möchte, siehe Gottesbeweise / Das Design-Argument).

Er: Hm ... sie scheinen sich wirklich Gedanken gemacht zu haben! Aber bedenken Sie die Feinstruktur des Universums, die Anfänge, die können doch nicht einfach auf Zufall beruhen, das muss doch jemand dran gedreht haben!


(Auch diesen "Beweis" widerlegte ich - siehe auch Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I)

Er: Na ja, gut, ich sehe schon, mit Beweisen kommt man bei Ihnen nicht weiter! Wenn Sie allerdings die Energie, die Sie in die Widerlegung des Glaubens gesteckt haben, für den Glauben selbst verwendet hätten, statt ihn nur einfach abzuwehren, dann ginge es Ihnen sicherlich besser.
Ich: Erstens geht es mir auch so sehr gut, zweitens war ich früher selbst ein gläubiger Mensch - da hatte ich aber die Argumente, die gegen meinen katholischen Glauben sprechen, noch nicht gehört. Ich hatte nicht vor, Atheist zu werden, es ergab sich daraus, dass ich mich auf die Suche nach vernünftigen Gründen für den Glauben machte - und scheiterte. Ich möchte auf jeden Fall nicht gegen meinen Verstand glauben.
Er: Das sehe ich ein. Aber ich denke, Sie machen den Fehler, die Beweise zu sehr in naturwissenschaftlich-exaktem Sinn zu sehen, statt sie als Indizien oder Zeichen zu verstehen, was in diesem Fall angemessener wäre.
Ich: Ich sehe keinen Grund, sie als Indizien oder Zeichen zu deuten. Denn aus einem falschen Beweis wird auch durch Deutungskunst kein richtiges Indiz. Ein falscher Beweis deutet in die falsche Richtung, führt in die Irre, kann also auch nicht als Zeichen in die richtige Richtung gedeutet werden - damit verkehrt man das Prinzip des Beweises.
Er: Na, man sollte diese Beweise eben nicht so streng nehmen!
Ich: Man stelle sich vor, vor Gericht behauptet der Staatsanwalt, die Fingerabdrücke des Angeklagten seien auf der Mordwaffe. Nachdem nun der Verteidiger diesen Beweis als falsch entlarvt hat - die Fingerabdrücke passen nicht zu denen des Angeklagten - deutet der Staatsanwalt dies in ein schwaches Indiz um, welches ganz klar auf den Angeklagten als Mörder deute! Mehr als Heiterkeit würde der Staatsanwalt damit wohl nicht hervorrufen.
Er: Wir sind hier nicht vor Gericht.
Ich: Ja, das ist auch nur eine Analogie. Aber wann immer man eine Entscheidung treffen soll - wie z. B. ob man den Glauben für richtig hält oder für lebenswert - muss man die Argumente für und wider bedenken und abwägen. Man muss zum Richter seiner eigenen Angelegenheiten werden.
Er: Man kann diese Angelegenheit auch einfach in Gottes Hände legen.
Ich: In die Hände welchen Gottes? Das wird mir ein Muslim auch sagen, ich solle diese Angelegenheit in die Hände Allahs legen oder ein Hinduist legt mir nahe, dies in die Hände Krishnas zu legen usw. usf. Wenn die Entscheidung für den Glauben so wichtig ist, wie oft behauptet wird, dann muss ich mehr Sorgfalt aufwenden - nicht weniger.
Er: Ja, aber diese Sorgfalt besteht darin, sich auf den Glauben einzulassen, das sollte man schon sorgfältig machen. Denn immerhin, Sie haben jetzt logische Spielereien aufgeboten, um die Beweise zu widerlegen, aber das ist auch nicht so entscheidend, denn mit Logik lässt sich Gott sowieso nicht beweisen - Gott steht über aller Logik!
Ich: Wie?
Er: Gott lässt sich nicht mit menschlicher Logik begreifen. Er ist der Schöpfer dieser Logik und steht über diesen Dingen.
Ich: War das von Anfang an Ihre Meinung? Dass man Gott nicht beweisen kann?
Er: Ja, denn ich brauche für meinen Glauben keine Beweise. Da Gott über jeder menschlichen Logik steht, führen diese Beweise nicht zu ihm, sie können nur die Richtung andeuten.
Ich: Sie haben aber mit den Gottesbeweisen angefangen, als ob man Gott damit beweisen könne. Wir hätten uns die ganze Diskussion von eben also ersparen können - Sie wussten nämlich bereits, dass die logischen Beweise ungültig waren, von Anfang an. Und falsche Beweise sind deswegen falsche Beweise, weil sie in die falsche Richtung deuten, als Wegweiser zu Gott also unbrauchbar sind. Finden Sie das in Ordnung: Zuerst mit Beweisen zu kommen, von denen Sie wissen, dass sie falsch sind, um jemanden zu überzeugen? Ist das redlich?
Er: Die Beweise sind aber nicht falsch, sie entsprechen nur nicht göttlicher Logik! Kein Grund, mir Unredlichkeit vorzuwerfen! Das finde ich nicht in Ordnung. Sie sind ein gottloser Mensch, Sie schwören auf ihren begrenzten menschlichen Verstand und Ihre ach-so-tolle Vernunft, also muss ich eine angemessene Vorgehensweise finden, um Sie zu überzeugen. Die Beweise sind gut und überzeugend, deswegen sind sie richtig, weil sie zum richtigen Ziel führen. Sie sind nicht falsch!
Ich: Doch, die Beweise beruhen auf falscher Logik, Denkfehlern, eigentlich beweisen sie das Gegenteil von dem, was Sie behaupten - und sobald Sie dies sehen, erklären Sie die Beweise kurzerhand pauschal für ungültig.


Stellen Sie sich vor, jemand verkauft mir ein Produkt. Um mir weiszumachen, dass sein Produkt allen anderen überlegen ist, führt er Beweise an, die aber gefälscht sind. Wenn ich es ihm abkaufe, dann Ok, finde ich es heraus und werfe es ihm vor, dann behauptet er, mein Verstand reiche eben nicht aus, die Genialität des Produktes zu beurteilen, deswegen nehme er falsche Beweise, die meinem Verstand angemessen wären. Die Beweise dafür führten eben zum richtigen Ziel, deswegen seien sie gerechtfertigt.

Er: Ich habe aber nicht versucht, Ihnen etwas zu verkaufen!
Ich: Auch das war nur eine Analogie. Sie haben versucht, mir eine Meinung zu "verkaufen". Mit Mitteln, von deren Ungültigkeit Sie von Anfang an überzeugt waren. Wie soll man das nennen?
Er: Ok, es ist aber doch wichtig, dass Sie an Gott glauben und zum rechten Glauben geführt werden.
Ich: Und dazu sind auch Mittel der Täuschung erlaubt?
Er: Das ist unverschämt - ich habe nicht versucht, Sie zu täuschen, Sie missverstehen meine Absichten.
Ich: Nein, denn Sie verstehen Ihre eigenen Absichten nicht - ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie micht nicht täuschen wollten. Ich denke, Sie sind sich der Täuschung nicht bewusst - Sie selbst sind Opfer einer Täuschung geworden, die Sie nie durchschaut haben, und jetzt geben Sie diese Täuschung weiter, ohne zu wissen, was Sie eigentlich tun.
Er: Das ist ja wohl eine starke Behauptung!
Ich: Falsche Beweise zu benutzen als Mittel der Überzeugung erfüllt den Tatbestand der Täuschung - aber vielleicht wollen Sie mir erzählen, dass das bewusst machen. In dem Fall wäre es allerdings Betrug - das möchte ich Ihnen nicht unterstellen!
Er: Naja, aber die Beweise sind doch gültig - irgendwo muss in Ihrer Widerlegung ein Denkfehler stecken. Vielleicht gibt es auch andere Beweise, die überzeugend sind.
Ich: Wir könnten die Diskussion über die Beweise gerne wieder aufnehmen, aber das halte ich für müßig, denn Sie haben mir doch eben erklärt, warum das nicht geht.
Er: Was habe ich?
Ich: Sie haben mir erklärt, dass Gott mit menschlicher Logik nicht erfassbar ist und daher nicht beweisbar.
Er: Ja.
Ich: Deswegen funktionieren die Gottesbeweise auch nicht. Und wenn doch, dann nur, wenn sie falsch sind. Etwas, was sich jeder Logik entzieht, kann man nicht mit Logik beweisen.
Er: Ja, genau, jetzt verstehen Sie es!
Ich: Und so funktioniert der Trick: Man nimmt logische Beweise, die plausibel klingen, um die Existenz Gottes zu "beweisen". Nachdem man die gefälschten Beweise quasi als "Brücke" benutzt hat, um jemanden zu überzeugen, dass Gott existiert, brennt man diese Brücke nieder. Zunächst wird sie zu einem Wegweiser umgedeutet, später erzählt man den Leuten, dass Logik Gott sowieso nicht beweisen kann. Damit kann man seine nun geglaubte Existenz auch nicht mehr widerlegen. Die Brücke war eine Einbahnstraße, die jetzt vernichtet wurde. Oder anders gesagt, die Beweise waren der Grund, an Gott zu glauben. Wenn dann geglaubt wird, vernichtet man die - ohnehin falschen! - Beweise. Nur wissen die Leute jetzt nicht mehr, dass sie damit ohne jeden Grund an Gott glauben. Oder man verlagert ihre Gründe auf andere, ebenso ungültige Argumente wie Wunder, Märtyrer oder die tolle christliche Lebensweise. Die Leute glauben jetzt, weil sie glauben, dies ist der einzige Grund (neben den falschen Gründen, die sie nur noch nicht durchschaut haben).

Die Grundlage des Glaubens ist für viele Menschen einfach nur eine Täuschung. Die Täuschung steht am Anfang des Glaubens, aber seine Spuren werden verwischt. Ein Glauben aber, der mit falschen Gründen gestützt wird, ist ethisch in keinem Fall zu rechtfertigen. In dem man die Menschen daran hindert, diese Gründe in Zweifel zu ziehen, perpetuiert sich die Täuschung selbst. Fängt man einmal aus den falschen Gründen an, zu glauben, dann wird durch den Perspektivwechsel der Glauben sich stets selbst bestätigen. Dies nennt man eine Denkfalle.

Wäre es nicht an der Zeit, über die Grundlagen des Glaubens selbst nochmal ganz neu nachzudenken?
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