Ockhams Rasiermesser
Ockham, Wilhelm von (um 1285 bis ca. 1349), in Ockham (Surrey) geborener englischer Philosoph, theologischer Schriftsteller und Franziskaner. Das Wilhelm von Ockham zugeschriebene Ökonomieprinzip der formalen Logik, demzufolge einfache Denkmodelle den komplizierten vorzuziehen seien, wird Ockhams Rasiermesser genannt. Allerdings geht seine bekannte Formel entia non sunt multiplicanda sine necessitate (die Seienden sollen nicht ohne Notwendigkeit vervielfacht werden) nicht auf Ockham zurück.
Indirekt und direkt sind Sie Ockhams Rasiermesser auf diesen Seiten bereits mehrfach begegnet. Unter Wahrscheinlichkeit und große, schwarze Räume habe ich Ihnen eine statistische Interpretation nahe gebracht: Je mehr unbewiesene Annahmen man in einer Theorie oder Philosophie oder Religion man hat, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gedankengebäude wahr ist. Das ist aber nicht der einzige Grund für die Anwendung des Rasiermessers.
Ein weiterer Grund liegt darin, wie wir Erklärungen aufbauen. Dies ist in Können Theologen die Welt erklären? genauer beschrieben, aus Gründen der Vollständigkeit wiederhole ich es hier aber.
Erklären bedeutet, neue Informationen in ein vorhandenes Rahmenwerk aus Wissen so zu integrieren, so dass die neue Information selbst zu Wissen wird. Wobei man noch hinzufügen muss, dass jedem Erklären notwendig ein Erkennen voraus geht. Erkennen setzt Informationen voraus, Wissen und Informationen sind nicht dasselbe!
Das bedeutet: Neues Wissen kann nur durch bereits vorhandenes Wissen erklärt und verstanden werden. Es muss "immer schon" Wissen vorhanden sein, um überhaupt etwas Wissen zu können. Dieses Vorwissen bezeichnete Kant als die A Priori des Wissens (= Wissen vor aller Erfahrung), dieses Wissen ist für das Individuum transzendent, daher Transzendentalphilosophie (das hat überhaupt nichts mit dem religiösen Begriff der Transzendenz zu tun, im Gegenteil, Kant war der Meinung, jede Metaphysik und jede Transzendenz vernichtet zu haben). Damit konnte Kant die Auffassung der Empiristen widerlegen, für die jedes Individuum als eine "leere Tafel" geboren wird, die dann allmählich mit Erfahrung beschrieben wird. Um einen bekannten Satz zu paraphrasieren (der erste Teil stammt von den Empiristen, der zweite ist die Entgegnung der Rationalisten):
"Es ist nichts in Deinem Verstand, was nicht durch Deine irrenden Sinne hineingekommen ist - außer Deinem Verstand selbst"
Erst Darwin, Campbell und Lorenz konnten zeigen, dass die A Priori des Individuums von Kant die A Posteriori (= nach der Erfahrung) der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Art sind, was Lorenz als den "angeborenen Lehrmeister" bezeichnet - die Quelle des ursprünglichen Wissens, welches notwendig ist, um die Welt überhaupt verstehen zu können. Führt hier zu weit, wer mehr darüber wissen möchte, dem sei folgendes exzellente Werk empfohlen:
Riedl, Rupert: 2000, →Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens, Springer Verlag, Berlin.
Wie unterscheidet sich nun das theologische Erklären von dem wissenschaftlichen Erklären (welches ich kurz oben angerissen habe)?
Nun müsste einer Theorie des theologischen Erklärens zunächst eine Theorie des Erkennens vorausgehen. Ohne Erkennen kein Erklären. Und damit handelt sich der Theologe folgende Fragen ein:
- Was ist Erkenntnis? - Begriffsklärung
- Wie erkennen wir? - Wege und Formen
- Was erkennen wir? - Gegenstand
- Wie weit reicht die Erkenntnis? - Umfang und Grenzen
- Warum erkennen wir gerade so, dies und nur dies? - Erklärung
- Wie sicher ist unsere Erkenntnis? - Geltung
- Worauf beruht ihre Sicherheit? - Begründung
Soweit ich weiß, gibt es von Seiten der Theologen auf keine einzige dieser Fragen eine auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Das hat einen spezifischen Grund: Theologen beschäftigen sich mit Erkenntnis jenseits der natürlichen Grenzen des Universums. Und sie beschäftigen sich mit dem, was wir prinzipiell nicht wissen können (jedenfalls nicht im "herkömmlichen" Sinn).
Zunächst aber zur interessanten Randfrage: Warum gibt es keine theologische Erkenntnistheorie? Doch, die gibt es. Die bisherigen Theorien haben aber einen entscheidenden Nachteil: Versucht man die obigen Fragen zu beantworten, dann landet man entweder im Subjektivismus (Kierkegaard), und Subjektivismus in Konsequenz landet stets im Solipsismus, oder aber man landet im Agnostizismus , d. h. in der Erkenntnis, dass man nichts wissen kann und dass man über dass, worüber man nichts wissen kann, auch nicht reden kann. Um diese unangenehmen Folgeerscheinungen zu vermeiden lassen Theologen die obigen Fragen gerne so weit es irgend geht offen. Nur die Frage nach der Sicherheit (Geltung) wird gerne beantwortet: Es handelt sich natürlich um die höchste Stufe - Gewissheit. An der Begründung wird dann aber schon wieder gespart ...
Anders gesagt: Was uns die Theologen "eigentlich" erklären, ist eine offene Frage. Solange die Theologen also nicht erklären können, was Erklären in ihrem Sinne eigentlich ist, sind ihre Erklärungen entweder naturalistisch (dann können wir sie verstehen) oder supernaturalistisch (dann kann kein Mensch, inklusive der Theologen selbst) sie verstehen - siehe auch Können die Theologen die Welt erklären? wo ich diese Ideen noch einmal etwas anders beschrieben habe. Die bloße Behauptung, man habe eine Sonderform des "höheren Erklärens", taugt zu nichts.
Ockhams Rasiermesser besteht also in der Warnung, nicht zu versuchen, Unbekanntes oder Bekanntes mit Unbekanntem zu "erklären". Es ist die Warnung vor einer Denkfalle. Denn wenn man es versucht, landet man irgendwann unweigerlich in zirkulärem Pseudo-Erklären und Pseudo-Verstehen. Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie darin, dass versucht wird, diese Falle unbedingt zu vermeiden. Denn zirkuläre Logik erzeugt stets beliebige und tautologische "Erklärungen". Solange die Theologen nicht zeigen können, dass ihre "Erklärungen" nicht zirkulär sind, ist ihr Anspruch auf eine Sonderform des Erklärens pauschal zu verwerfen.
Wir haben also folgende Gründe, Ockhams Rasiermesser zu akzeptieren:
- Ohne Ockhams Rasiermesser landet man leicht in zirkulären, tautologischen "Erklärungen".
- Ohne Ockhams Rasiermesser sinkt die Wahrscheinlichkeit auf Wahrheitsgehalt (siehe meine statistische Begründung für Ockhams Rasiermesser).
- Ohne Ockhams Rasiermesser können wir Behauptungen ohne jede Begründung für unsere Erklärungen verwenden - damit wird aber der Sinn von Erklärungen prinzipiell verfehlt und Diskussionen unmöglich gemacht (Beweislastumkehr).
Besonders der letzte Punkt sollte noch mit einem Beispiel erläutert werden. Angenommen, ich behaupte, Sie schulden mir 1.000 Euro. Sie bestreiten das. Jetzt steht also Behauptung gegen Behauptung, bedeutet dies, dass unsere Gegensätze ausgeglichen sind? Nein. Denn der Normalfall ist, dass kein Mensch einem beliebigen anderen Menschen Geld schuldet. Dieser Grundsatz ist unbestritten. Nun mache ich eine Behauptung mehr als unbestritten ist. Ich kann jetzt nicht hingehen und sagen: "Und jetzt beweisen Sie mir mal, dass Sie mir keine 1.000 Euro schulden!", denn ich habe eine Behauptung mehr aufgestellt, als unbestritten ist - und da ich der Urheber der "überschüssigen" Behauptung bin, bin ich auch derjenige, der die Behauptung beweisen muss. D. h. Sie schulden mir nur genau dann 1.000 Euro, wenn ich einen Beweis für meine Behauptung aufbringen kann.
In einer Diskussion gilt dasselbe Prinzip: Derjenige, der eine Behauptung aufstellt, die bestritten wird, ist auch dafür beweispflichtig. Deswegen gilt auch für jede sinnvolle Diskussion, dass man sich erstmal auf einen Satz unbestrittener Behauptungen einigt, und dass dann derjenige Beweise liefert, der mehr behauptet, als unstrittig ist.
Das hat für Theologen die unangenehme Konsequenz, dass sie immer im Nachteil sind, denn da sie die Existenz von Gott annehmen und in ihre "Erklärungen" einbauen, haben sie immer schon von Anfang an mindestens eine Behauptung mehr als unstrittig ist - zudem noch eine Behauptung, für die sie keinen Beweis haben, nämlich die Behauptung, Gott existiert. Nach Ockhams Rasiermesser ist das die unnötige Vermehrung von Entitäten, nach der Statistik eine unbewiesene Behauptung, die die Gesamtwahrscheinlichkeit des Aussagensystems senkt, und eben eine "überschüssige" Behauptung, deren Nutzen nicht einzusehen ist, denn speziell die Wissenschaft kann die Welt erklären, ohne Gott als Hilfskonstruktion verwenden zu müssen. Deswegen, wenn man zwei Theorien hat, die in ihrem Erklärungswert gleich gut sind, sollte man sich stets für diejenige entscheiden, die am wenigsten Unerklärbares und Unbewiesenes enthält. Die Wissenschaft hat mit diesem Prinzip sehr gute Erfahrungen gemacht, denn es führt zu den Modellen, die einfach sind (nicht unnötig kompliziert).
Selbstverständlich kann man die Planetenbewegung auch durch unsichtbare Geister "erklären", die die Planeten vor sich herschieben. Es lassen sich sogar Millionen von äquivalenten Theorien ausdenken. Besser ist es, dass man derartige unbewiesene Sperenzchen weglässt, es vereinfacht die Erklärungen und vermehrt die Möglichkeit des Verstehens.
Es bedeutet aber auch, dass Atheismus die Vor- oder Grundeinstellung ist. Es gibt keine Evidenzen für Gott, also gibt es auch keinen Grund, an Gott zu glauben. An die Existenz von Zeus glaubt auch kaum ein Mensch mehr aus demselben Grund: keine Beweise. Das sollte als Grund bereits vollkommen ausreichend sein. Schon Ockham zuliebe.
Es gibt noch einen weiteren Grund für Ockhams Rasiermesser: Bayes Theorem. Ich möchte aber an dieser Stelle meine Ausführungen dazu nicht wiederholen, nur soviel, je unwahrscheinlicher etwas ist, und je weiter es von unserer Erfahrung ist, umso besser müssten die Beweise sein, um die Behauptung zu akzeptieren. Vermehrt man die Hypothesen unnötig, dann führt man zu leicht unakzeptable Elemente in seine Theorie (oder Weltbild) ein.
Konfusius, er zitiert: "W. V. O. Quine war einer der unbarmherzigsten Anwender dieses Prinzips [Ockhams Rasiermesser]. Ich erinnere mich an eine Festschrift (um 1980), in der jemand gegenüber Quine den Satz von Shakespeare zitierte 'Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Philosophie erträumt'. Quine sagte etwas wie 'Möglich, aber mein Anliegen ist es, in meiner Philosophie nicht mehr Dinge zu haben, als es zwischen Himmel und Erde gibt'." (David Lyndes, Übersetzung von mir)
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