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Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

Ich habe den Teil meiner Website, der sich mit Religion beschäftigt, den Titel gegeben

Eine Reise zu den Grenzen der Vernunft

Ich möchte mit einer kleinen Geschichte illustrieren, warum ich diese Überschrift gewählt habe.
Heute Morgen kam mein alter Freund Paul zu mir. Wir unterhielten uns über seine Pläne.

Paul: Ich habe mir heute Morgen ein französisches Auto geliehen. Ich werde heute Nachmittag die Grenzen von Deutschland überschreiten und nach Frankreich fahren.

Ich: Prima! Wohin willst Du in Frankreich?

Paul: Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

Ich: Moment, Du sagtest doch eben, Du wolltest Deutschland verlassen ...?

Paul: Nein, ich sagte, ich wollte die Grenzen überschreiten, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

Ich: Du fährst gleich wieder zurück? Wozu denn das?

Paul: Nein, Du verstehst nicht. Ich werde die Grenzen von Deutschland überschreiten und mir die französische Landschaft ansehen, vergnügt in meinem Auto sitzend, aber ich werde Deutschland nicht verlassen.

Ich: Ach so, Du fährst zur deutschen Botschaft nach Paris. Botschaften sind ausländische Enklaven, und ...

Paul: Nein, zur Botschaft will ich nicht.

Ich: Du willst Deutschland verlassen, ohne es zu verlassen? Wie soll ich denn das verstehen ...? Ist das ein Trick? Enthält Dein Auto deutschen Boden?

Paul: Wenn Du mir nur zuhören würdest! Es handelt sich um ein französisches Auto. Ich werde es durch Frankreich lenken, darin sitzend, aber ich werde die Grenzen von Deutschland nie verlassen.

Ich: Das verstehe ich nicht. Wie kannst Du die Grenzen von Deutschland überschreiten, ohne Deutschland zu verlassen?

Paul: Du verstehst mich nicht! Ich habe das Gefühl, Du willst mich nicht verstehen! Du willst mich nur ärgern! Du weißt doch genau, dass letztlich Deutschland nur eine Illusion ist und nicht wirklich existiert!

Ich: Wenn Deutschland nicht existiert, woher willst Du dann wissen, ob und wann Du Dich in Frankreich befindest?


Ich verstehe Paul wirklich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was er will. Sie etwa?

So wie in dem Gespräch mit Paul komme ich mir vor, wenn ich mit Gläubigen diskutiere. Wenn Sie Deutschland durch Vernunft ersetzen und Frankreich durch Nicht-Wissen oder Unvernunft ersetzen (mit einer ausdrücklichen Entschuldigung an alle Franzosen!), dann werden Sie sehen, was ich meine. Mir wird viel über die Grenzen der Vernunft erzählt und darüber, diese zu überschreiten und so zu neuem Wissen zu kommen - und dies alles soll geschehen, ohne den Rahmen der Vernunft zu verlassen, sozusagen auf vernünftige Art und Weise. Und ich bin der Meinung, dass das nicht geht.

Vorweg: Die Erkenntnis, wir hätten nicht alle Erkenntnisse und alles Wissen, was man haben könne, ist trivial. Auch die Erkenntnis, dass Vernunft und Logik nicht perfekt sind, ist trivial (siehe dazu auch Das Münchhausentrilemma). Das möchte ich in keiner Weise bestreiten. Ich werde nur begründen, warum wir nicht mehr haben, und warum der Versuch der Theisten, die Vernunft einzuschränken und sie zu untergraben, sie selbst doppelt so hart trifft wie etwa die Wissenschaft.

Wir können bis zur Grenze der Vernunft reisen. Wir können langsam und allmählich und mit viel Arbeit die Grenzen der Vernunft ausdehnen. Aber wir können nicht die Grenzen der Vernunft überschreiten und dabei uns im Rahmen der Vernunft bewegen. Wir können uns auf dem Gebiet unseres Wissens bewegen, aber wir können kein Wissen von jenseits unseres Wissens haben - wenn es "jenseits unseres Wissens" ist, ist es kein Wissen, wenn wir davon wissen, ist es nicht mehr jenseits unseres Wissens. Wir können unser Wissen erweitern, aber wir können es nicht überschreiten und meinen, immer noch zu wissen. Wir können die Grenzen von Deutschland überschreiten, aber wir sollten nicht glauben, uns dann immer noch in Deutschland zu befinden.

Die Grenzen sind manchmal verschwommen, und wir können häufig nicht präzise sagen, wo sie liegen. Das ändert aber nichts daran, dass wir bei deutlicher Überschreitung der Grenzen der Logik in dem Gebiet der Unlogik landen, wo die Gesetze der Logik nicht mehr gelten. Und wir können nicht auf logische Art und Weise beweisen, dass die Logik und wo die Logik ungültig ist. Wie vernünftig ist es, anzunehmen, die Vernunft sei nicht vernünftig?

Das ist etwas, wo bei vielen Menschen die Intuition einsetzt und sie zu schweren Denkfehlern verführt. Angenommen, ich hätte einen perfekten logischen Beweis, dass die Logik ungültig ist? Was folgt daraus? Viele Leute sagen, daraus folgt, dass die Logik nicht überall gültig sein kann. Das aber ist ein Trugschluss, denn was daraus folgt ist, dass mein Beweis vollkommen ungültig ist. Denn wenn die Logik nicht funktioniert, dann kann der Beweis auch nicht funktionieren, er muss also falsch sein, denn genau das habe ich ja "bewiesen". Das ist ein Paradoxon, der Beweis ist genau dann ungültig, wenn er gültig ist, woraus folgt, dass er nicht gültig sein kann.

Dasselbe gilt für unsere Wahrnehmung. Es gibt Dinge, die wir nicht sehen können - unbestritten. Wenn wir sie nicht sehen können (oder sichtbar machen können, und sei es auch durch mathematische Gleichungen oder spezielle Apparate), woher wollen wir denn dann wissen, dass sie existieren und wie sie aussehen? Wenn man mit diesem Einwand kommt, dann wird einem gleich die Unzuverlässigkeit unserer Sinne entgegengehalten. Wenn unsere Sinne aber unzuverlässig sind, schon bei den sichtbaren Dingen, wie unzuverlässig müssen sie dann erst bei den unsichtbaren Dingen sein - denn jetzt haben wir plötzlich zwei Probleme. Bei sichtbaren Dingen haben wir nur ein Problem, nämlich, herauszufinden, ob die Dinge so sind, wie sie uns scheinen. Bei unsichtbaren Dingen haben wir das Problem, dass wir diese erst sichtbar machen müssten, und selbst wenn es uns gelänge, wüssten wir immer noch nicht, wie die Dinge aussehen, denn unsere Wahrnehmung - wird behauptet - sei ja unzuverlässig. Abgesehen davon hätten wir Probleme, unsere Wahrnehmung generell als unzuverlässig zu kennzeichnen, weil wir das nicht herausfinden können - wir brauchen eine zuverlässige Wahrnehmung, um optische Täuschungen erkennen zu können und sie von korrekter Wahrnehmung zu unterscheiden. Können wir dies nicht mehr unterscheiden, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Täuschung und Wahrnehmung, deswegen können wir auch nicht mehr sagen, was denn nun was ist - was ist Täuschung und was ist Wahrnehmung, weil sie für uns gleich sind, identisch.

Man kann eine Reise bis zu den Grenzen der Vernunft machen, aber wenn man sie überschreitet (transzendiert, wie der Theologe sagt), dann verlassen wir den Boden der Vernunft. Und wenn wir den Boden der Vernunft verlassen, dann gilt unsere Logik nicht mehr und unsere Begriffe, und damit ist keine Kommunikation mehr möglich. Wir können nicht mehr darüber reden, wir müssten davon schweigen. Wir können neue Logiken entwickeln auf der Basis der bereits bewährten Logiken, aber wir müssen zunächst zeigen, dass die neue Logik vernünftig und verlässlich funktioniert, damit gehört sie zur Vernunft, und wir haben die Grenzen der Vernunft erneut verschoben. Aber wir können keine Logik "jenseits der Vernunft" entwickeln und hoffen, sie werde dort schon irgendwie funktionieren.

Existenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie räumlich und zeitlich begrenzt ist, und das gilt auch für die Vernunft. Eine "grenzenlose Vernunft" existiert nicht. Allenfalls die Negation der Vernunft erscheint einem manchmal als grenzenlos.

Ich bezeichne den Bereich jenseits der Vernunft als "unvernünftig" und werde meist dafür angefeindet. Aber wie würden Sie das Gebiet jenseits der Grenzen von Deutschland bezeichnen? Als Deutschland???

Sehen wir uns dazu einmal die folgende Abbildung an, die einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Wissenschaft und Religion verdeutlicht:

VernunftDie Basis unseres Verstands bilden Vernunft und Wissen. Die Wissenschaft (roter Pfeil) weitet diese Basis aus, in dem sie aus dem bereits vorhanden Wissen mithilfe der Vernunft die Basis allmählich und mühsam immer mehr ausweitet. Sie bewegt sich daher immer im Rahmen der Vernunft und verlässt ihn auch nicht. Die Religion hingegen versucht, unsere Vernunft zu überschreiten (zu "transzendieren"). Und das soll dann noch vernünftig sein. Um das zu tun, wird ein Ultra-Skeptizismus gepflegt - es wird behauptet, dass unsere Vernunft nicht ausreicht, und wir deswegen über sie hinaus gehen müssen (statt sie zu erweitern).

Was tatsächlich lustig ist: Wenn die Religion die Basis unseres Denkens, die Vernunft und die Logik selbst anzweifelt, verliert sie ihre eigene Basis. Denn auch die Exegese (Textinterpretation) beruht beispielsweise auf Vernunft und Wissen. Wenn diese Basis falsch sein sollte, ist auch jede theologische Interpretation falsch. Wir brauchen die Vernunft, um die Bibel zu verstehen. Ist die Vernunft ungültig, ist unser Verständnis von der Bibel falsch.

Die Wissenschaft kann, weil sie sich dynamisch entwickelt, mit Fehlern der eigenen Basis tatsächlich umgehen, weil sie sich veränderten Gegebenheiten anpassen kann. Die Religion kann das nicht, weil sie mit den Grundlagen nichts zu schaffen hat. Also verdoppeln sich die Probleme der Religion gegenüber der Wissenschaft. Nicht nur ihre bisherigen Ergebnisse verlieren ihre Gültigkeit, sondern auch das, was sie an neuen Ergebnissen aus einem Gebiet "jenseits der Vernunft" zu interpretieren sucht.

Um das zu stützen, werden aus dem Arsenal der Wissenschaftskritik die Waffen besorgt, mit denen sich die Religion dann in die eigenen Füße schießt.



Manchmal wird dies mit einer kleinen Geschichte eingeleitet - hier die des Physikers und Heisenbergschüler Hans-Peter Dürr - um den Punkt der Theologen zu verdeutlichen:

In einer frühen Gesellschaft versucht ein Mann, eine Meeresbiologie der Fische zu begründen. Er ist der "Physiker" des Titels "Das Netz des Physikers". Er sucht zu diesem Zweck das Meer mit einem Netz ab, dessen Maschen 5 Zentimeter weit sind. Er untersucht die gefangenen Fische sehr sorgfältig und so findet er grundlegende Gemeinsamkeiten dieser Tiere, die er schließlich in drei Grundgesetzen der Fischbiologie:
  1. Alle Fische haben Flossen.
  2. Alle Fische haben Kiemen.
  3. Alle Fische sind nicht kleiner als 5 Zentimeter.
Doch dann kommt ein anderer Mensch - der "Philosoph" - daher und wirft ein: "Grundgesetz 3. ist falsch, denn natürlich schlüpfen alle Fische, die kleiner sind als 5 cm sind durch die Maschen deines Netzes" Einen Moment lang überlegt der Wissenschaftler, dann aber entgleitet im ein Lächeln und er erwidert: "Auf den ersten Blick mag es so scheinen, aber für mich gilt: Was ich nicht mit meinem Netz fangen kann, ist kein Fisch"


Im übertragenen Sinne sind die Fische, die durch das Netz schlüpfen, natürlich die religiösen Erfahrungen. Anders gesagt, die Methoden der Wissenschaft (und der Philosophie) reichen nicht aus, um religiöse Dinge zu erfassen, zu erforschen und zu kritisieren. Das alles scheint im ersten Moment sehr plausibel zu sein.

Angenommen (im Beispiel) man könne keine kleineren Netze bauen. Dann kann man vermuten und spekulieren, dass es kleinere Fische gibt, aber beweisen kann man es nicht. Die Geschichte basiert natürlich darauf, dass wir bereits wissen, dass es kleinere Fische gibt. Sie setzt also voraus, was erst zu prüfen wäre. Man kann nun plausibel vermuten, dass es kleinere Fische gibt und ein engmaschigeres Netz bauen. Und ganz gleichgültig, wie eng die Maschen sind, immer wird jemand kommen können und behaupten, es gäbe noch kleinere Fische. Einige Theologen tun dies, in dem sie Gott immer in die Lücken unseres gerade aktuellen Weltbilds stopfen, aber da sich diese oft schnell schließen, ist dieser Lückenbüßergott nicht mehr sonderlich populär.

Um kleinere Fische zu fangen, braucht man engmaschigere Netze, keine Theologen, die einem erzählen, zum Fang ihrer Fische bräuchte man etwas anderes als Netze. Wenn die Theologen so gute Fischfänger sind und ihre Methoden soviel besser funktionieren - wo sind dann die Fische? Zeit genug, die Überlegenheit ihrer Methoden zu beweisen hatten die Theologen ja.

Man kann über das, was wir nicht wissen, spekulieren. Aber man kann sich nicht hinstellen und aus dem Unwissen per Dekret Wissen schaffen.

Ich will nicht behaupten, dass es keinen Bereich "jenseits der Vernunft" oder "jenseits des Wissens" gibt. Das wird mir fälschlicherweise meist unterstellt. Aber so eine Behauptung wäre definitiv falsch. Es gibt das Unerklärliche und auch das Unerklärbare. Aber wir haben nur die Vernunft, um uns das Unerklärliche zu erklären und zu verstehen. Das manche Dinge (momentan) nicht erklärlich sind, damit müssen wir uns abfinden und nicht unsere Zeit damit vergeuden, Pseudo-Erklärungen zu erfinden, die nicht wirklich etwas erklären sondern die Welt mystifizieren - wir sollten uns darauf konzentrieren, Unwissen in Wissen zu verwandeln, und nicht Wissen so zu mystifizieren, dass es selbst wieder zu Unwissen wird.

Über die Welt jenseits unseres Wissens können wir spekulieren - und das ist vollkommen legitim - solange wir die Spekulation auch Spekulation nennen und ihr nicht in unredlicher Weise ein Schwindelettikett wie "Gewissheit" aufkleben. Kunst und Literatur ist eine Spekulation über die Welt, aber sie ist von Menschen fabriziert, und dies ist uns auch bewusst. Spekulation ist eine Quelle der Inspiration, aber sie ist allenfalls der Beginn, um neues Wissen zu erlangen, nicht die Erlangung des Wissens selbst. Ungeprüfte und unprüfbare Informationen und Spekulationen bezeichnen wir als "Glauben" und wegen des ungewissen Status ist bis zur Prüfung nicht davon auszugehen, dass es sich um etwas "Höherwertigeres" als Wissen handelt (welches geprüft wurde). Glauben ist deswegen von teils erheblich geringerem Wert als Wissen (mag sein, dass es nicht vollkommen wertlos ist, aber es hat nicht mehr Wert als Spekulationen).

Glauben ist nicht mehr (und nicht weniger) als ungeprüfte (oder unprüfbare) Spekulation. Wer es als mehr ausgibt, als es tatsächlich ist, der täuscht sich selbst oder schlimmer noch, Andere, bis hin zum Betrug, unredlich ist es aber in jedem Fall.

Konfusius, er sagt: "Wenn die Vernunft einen Platz in der Religion hätte, was würde dann aus dem Glauben?"

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