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Überzeugung und freier Wille
Gegeben seien die folgenden beiden Prämissen:
- Gott existiert.
- Der Mensch hat einen freien Willen, Gott anzuerkennen oder Gott abzulehnen
Diesen Prämissen werden die meisten christlichen Theologen zustimmen. Und nun sehen wir, wohin uns das führt, wenn wir ein bisschen nachdenken.
Nehmen wir einmal an, ich behaupte "2 + 2 = 4". Sie haben, um das als wahr anzunehmen, keine große Wahl. Man kann davon reden, dass die Überzeugungskraft meiner Behauptung hoch ist, aber Ihre Freiheit bei der Annahme gering.
Nehmen wir eine weitere Behauptung: "Das unsichtbare rosa Einhorn existiert". Diese Behauptung werden Sie vermutlich (mitsamt aller Argumente, um sie davon zu überzeugen) als falsch ansehen. Sie haben aber die freie Wahl, die Behauptung trotzdem als wahr anzunehmen (ihr zu glauben). Wie Sie sehen nimmt Ihre freie Wahlmöglichkeit zu, je weniger überzeugend ein Argument oder eine Behauptung ist. Nehmen wir an, wir können die Überzeugungskraft eines Arguments oder einer Behauptung oder eines Lehrsatzes oder eines Glaubensbekenntnis prüfen. Wenn wir von 100 Leuten 80 von der Wahrheit der Aussage überzeugen können, so ist die (fiktive) Überzeugungskraft der Behauptung 80%. Wenn nur 50% von der Wahrheit überzeugt werden können, so betrüge die Überzeugungskraft 50%. Bei meiner ersten Behauptung betrug sie 100%, bei meinem Beispiel mit dem unsichtbaren rosa Einhorn waren es 0%. Je geringer die Überzeugungskraft, umso freier mein Wille bei der Annahme.
Wenn Gott uns also einen möglichst freien Willen lassen möchte, um ihn anzunehmen oder ihn abzulehnen, so müsste die Überzeugungskraft der Argumente für Gott möglichst gering sein. Allerdings: Je geringer die Überzeugungskraft ist, umso weniger kann man jemandem einen Vorwurf machen, wenn sie oder er die Behauptung ablehnt. Vor allem natürlich nicht Gott, denn er schuf den freien Willen selbst. Wenn es also wichtig wäre, dass jeder Mensch an Gott oder an ein Glaubensbekenntnis glaubt, so müsste Gott selbst dafür sorgen, dass die Überzeugungskraft der für ihn sprechenden Argumente hoch ist. Dies könnte durch eine "objektive Offenbarung" geschehen:
- Die Sterne könnten plötzlich "Gott existiert" durch ihre Anordnung buchstabieren.
- Jedes Buch könnte plötzlich die Bibel oder eine andere Offenbarung enthalten.
- Gott könnte zu allen Menschen gleichzeitig in ihrer Sprache reden (Stimme vom Himmel).
- Alle Menschen könnten eines Tages mit der Überzeugung aufwachen, dass Gott existiert.
- Alle Fernsehsender und Radostationen könnten plötzlich sein Programm übertragen.
- Usw. usf.
Für ein allmächtiges Wesen gäbe es genügend Möglichkeiten. Aber Gott hat dies bislang nicht getan, ersatzweise behaupten einige Menschen, er habe sich nur ihnen offenbart. Das ist vergleichsweise wenig überzeugend. Tatsächlich ist es nur dann überzeugend, wenn man mit der Idee, dies sei wahr, aufgewachsen ist. Ob man daran glaubt ist also von reinem Zufall abhängig - wer in Indien aufgewachsen ist, der wird das alles sehr wenig überzeugend finden. Viele sind außerdem nur deswegen von Gott überzeugt, weil man ihre Vorfahren dazu gezwungen hat, Christen zu werden.
Und weil es so wenig überzeugend ist, deswegen belohnt Gott alle Menschen, die an ihn glauben und bestraft alle Leute, die nicht an ihn glauben ... Und alle Menschen, die logisch denken und zu dem Schluss kommen, dass die Überzeugungskraft sehr mager ist, die werden dafür ebenfalls bestraft (oder erhalten keine Belohnung). Und dieser Gott wird dann auch noch barmherzig und gerecht genannt! Dabei hätte es ausgereicht, seine Anhänger mit überzeugenden Argumenten auszustatten und alles dies wäre nicht passiert. Dabei gibt es für die Existenz des Weihnachtsmanns überzeugendere Argumente.
Wie kann man die Überzeugungskraft eines Glaubensbekenntnisses steigern? Man kann
- das versprechen, was sich die Menschen wünschen (z. B. ewiges Leben ohne Sorgen),
- das versprechen wegzunehmen, wovor die Menschen Angst haben (z. B. den Tod),
- die Kinder in frühem Alter für die Inhalte empfänglich machen (z. B. durch Religionsunterricht),
- die Menschen dazu verpflichten, ihre Religion an ihre Kinder weiterzugeben (über die Erziehung),
- den Menschen drohen, wenn sie nicht daran glauben (z. B. mit Höllenstrafen),
- Logik und Argumente ersatzweise benutzen, die sich zunächst plausibel anhören (z. B. Gottesbeweise, zirkuläre Logik),
- die Menschen dazu zwingen, die Religion anzunehmen (z. B. Schwertmission, Zwangstaufe [1]),
- Methoden subtiler und unterschwelliger Gehirnwäsche (Indoktrination) benutzen, um sie zu überzeugen [2],
- sich in alle wichtigen Lebensbereiche vordrängeln, diese besetzen und damit seine Wichtigkeit betonen,
- Gutes tun und indirekt damit drohen, damit aufzuhören, um sich der allgemeinen Akzeptanz sicher zu sein,
- Sonderrechte vom Staat beanspruchen und sich damit in allen Lebensbereichen festsetzen,
- dubiose Wunderberichte unter das Volk streuen, damit dieses glaube,
- für jeden entdeckten Schwindel sich auf "darf man halt nur symbolisch verstehen" zurückziehen,
- Argumente zur Immunisierung gegen Kritik verwenden,
- genügend Geld sammeln, um ausreichend Propaganda betreiben zu können usw. usf.
Alle diese und ähnliche Methoden wurden verwandt - von freiem Willen ist da so gut wie nie die Rede, außer, man verteidigt seinen Glauben gegen anders Denkende. Das alles hat man nicht nur in einem Überschwang der Gefühle gemacht, sondern weil die Überzeugungskraft der Argumente so gering war.
Sollten diese dubiosen Methoden alles sein, was einem allmächtigen Gott dazu einfällt, einen Glauben an ihn zu verbreiten? Genau dieselben Methoden, wie sie von allen anderen Religionen oder Psycho-Sekten wie Scientology auch verwandt werden? Und das, obwohl es doch angeblich so wichtig sei, Gott zu verehren?
Wenn Gott verehrt werden möchte, dann sollte er zunächst die Voraussetzungen dafür schaffen - seine Existenz bekannt machen. Tut er dies nicht, dann deswegen, weil er nicht existiert oder nicht verehrt werden will. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein Gott keinen Gefallen darin findet, wie er von den Gläubigen verehrt wird (z. B. durch Religionskriege, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangstaufen, Schwertmission usw. usf.). Denn diese dubiosen Methoden fallen unmittelbar auf ihn zurück.
Wenn allerdings Menschen versuchen, einen Glauben zu verbreiten, der nur von Menschen ausgedacht wurde, dann dürfen wir erwarten, dass sie genau die beschriebenen Methoden benutzen. Was haben die Christen in der Form ihrer Religionsverbreitung zu bieten, was andere Religionen nicht auch bieten? Es gäbe natürlich auch lautere Methoden, um einen Glauben zu verbreiten. Wo diese verwendet werden? In der Wissenschaft.
Konfusius, er zitiert: "Glauben ist das, was Menschen trennt. Zweifel eint sie." (Peter Ustinov)
Anmerkungen:
- Früher war es in Europa übrigens üblich, dass die Untertanen die Religion ihres Fürsten (Oberhauptes) annahmen. Das war meist mit Zwang verbunden - d. h. man hatte keine freie Wahl. Dass heutzutage noch "Du musst dran glauben" synonym zu "Du musst sterben" verwendet wird ist ein Überbleibsel aus der damaligen Zeit. Das Christentum hat sich erst dann rasch verbreitet, als es zur Staatsreligion wurde, vorher handelte es sich um eine recht kleine und unbedeutende Sekte. (Zurück)
- Davon wird später noch ausführlich im zweiten Teil die Rede sein, wenn es darum geht, wie man Glaubensüberzeugungen unter die Leute bringt. (Zurück)
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