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Was ist Wissenschaftsaberglaube?

Wissenschaftsgläubigkeit - der Aberglaube der Moderne?

Dieser Essay ist eine Replik auf den Artikel →Der große Aberglaube der Moderne. Bevor Sie meine Antwort lesen, sollten Sie also den Artikel von Robert Spaemann gelesen haben.

Zunächst muss ich Spaemann Recht geben: Szientismus, der Glauben, dass die Wissenschaft den einzigen Zugang zur Wahrheit bildet und dass die Wissenschaft letztlich alles, was zur Wirklichkeit gehört, auch erkennen kann (und was sich wissenschaftlich nicht erkennen lässt, sei auch nicht wirklich), dies ist Aberglauben. Das gilt aber nur nur, wenn wir beides zusammen als Kombination so stehen lassen.

Ob die Wissenschaft den einzigen Zugang zur Wahrheit bietet, kann man nämlich so nicht behaupten. Was man aber behaupten kann ist etwas anderes: Nämlich, dass die Wissenschaft bislang den qualitativ und quantitiv besten Zugang zur Wirklichkeit bietet. Alle bislang unternommenen Versuche, einen anderen Zugang zur Wirklichkeit - oder was man dafür hält - zu finden haben schwer wiegende Mängel. Sie bieten meist keine weit gehende interne Konsistenz (sind also logisch in sich widersprüchlich), und ihre externe Konsistenz (Übereinstimmung mit empirischen Tatsachen) ist oft schlecht. Außerdem fehlen ihnen meist noch nachvollziehbare Kriterien (Gründe), warum sie wahr sind, ihre Argumente sind schlecht oder ungültig, ihre Prämissen teils widersprüchlich und teils willkürlich (beliebig), ihre Beweislage ist mangelhaft, und es sprechen Evidenzen gegen sie oder zumindest keine für sie.

Des weiteren wird hier implizit eine unzulässige Zweiteilung vorgenommen: Wenn der wissenschaftiche Zugang zur Welt mangelhaft ist, dann ist der metaphysisch-christliche Zugang der Richtige. Aber aus denselben Gründen, die er anführt, ist das ein non seqitur. Wenn der wissenschaftliche Zugang ungenügend wäre, folgt daraus nicht, dass ein bestimmter Ansatz besser ist. Es könnte sein, dass jeder mögliche Zugang zur Wirklichkeit mindestens dieselben oder schwerere Mängel aufweist, es könnte also sein, dass jeder Zugang zur Wirklichkeit falsch ist, es könnte auch sein, dass ein ganz anderer Zugang zur als der von ihm favorisierte die "einzig wahre" Methode bildet, oder dass mehrere alternative Zugänge besser sind. Wir haben hier den Denkfehler der falschen Dichotomie vor uns, man muss aber alle Möglichkeiten berücksichtigen und kann sich nicht eine Möglichkeit heraussuchen und annehmen, diese sei die einzig wahre.

Ferner müsste er zeigen, dass sein Zugang zur Wirklichkeit besser ist, und er müsste dafür Kriterien und Gründe angeben, und daran ist die Theologie bislang ebenso gescheitert wie an den Gottesbeweisen. In dem er dieses Scheitern "unterschlägt", bietet er eine Alternative an, die weder qualitativ gut ist noch die einzige mögliche Alternative. Es könnte auch sein, dass der radikale Konstruktivismus wahr ist, der Solipsismus, oder die buddhistische Auffassung, nach der die Welt eine Illusion ist und weitere Denkmöglichkeiten. Interessanterweise führen nämlich der radikale Konstruktivismus, der Solipsismus und die buddhistische Auffassung letztlich zu einem Atheismus (nicht, dass ich eine dieser Ansichten für die richtige halten würde, aber man müsste sie auch berücksichtigen).

Dies ist ein alter, theologischer Trick, den Hans Albert als "die Erpressung mit den zwei Alternativen" bezeichnet hat. Entweder Gott existiert, dann hat das Leben einen rationalen Grund und einen Sinn und eine Moral, oder es existiert kein Gott, dann hat das Leben keinen rationalen Grund, keinen Sinn und es gibt keine Moral. Aber dieses Entweder-Oder ist schon falsch, weil noch viele andere Möglichkeiten existieren (auch Kombinationen daraus). Im Grunde genommen hat die moderne Theologie nicht viel mehr zu bieten als diese falsche Zweiteilung. So auch hier: Entweder, die Wissenschaft bietet einen vollständigen Weg zur Erkenntnis der "letzten Wirklichkeit" oder aber die (christliche) Theologie tut es. Wenn ersteres - wie wir gesehen haben - nicht gilt, bleibt die Theologie als "zweite Wahl" übrig. Aber das folgt eben nicht. Außerdem - die christliche Theologie hatte fast 2.000 Jahre Zeit, ihren Anspruch zu begründen, sie kann es immer noch sehr, sehr schlecht (und muss daher zu solchen Scheinargumenten greifen), während die Wissenschaft in nur 400 Jahren gezeigt hat, was in ihr steckt (und das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft!). Während also die Wissenschaft fast täglich beweisbar neue Dinge entdeckt, benutzt die Theologie immer noch ziemlich häufig die alten (und längst widerlegten) Argumente vergangener Epochen. 2.000 Jahre, und immer noch ist ihr Hauptgegenstand umstritten. Selbst die Argumente, warum das so ist, haben sich nicht deutlich weiter entwickelt. Und ihrer Gottesbeweise ist sie inzwischen verlustig gegangen, auch wenn da alle 10-20 Jahre mal was Neues auftaucht, wobei man dann nur ein paar Tage oder Wochen braucht, es zu widerlegen.

Was am Szientismus (den ich als "Wissenschaftsaberglauben" bezeichne) gänzlich falsch ist, ist der zweite Teil der Behauptung, nämlich, dass die Wissenschaft alles, was zur Wirklichkeit gehört, auch erkennen kann und dass alles, was sie nicht erkennen kann, auch nicht wirklich sei. Vor 20 Jahren konnte die Wissenschaft nicht erkennen, dass es Neutrinos gibt, offensichtlich existieren diese aber. Folglich war es vor 20 Jahren falsch, anzunehmen, die Wissenschaft könne alle Aspekte der Wirklichkeit erkennen, und mit sehr großer Sicherheit ist diese Ansicht immer noch falsch.

Aber aus der Tatsache, dass wir nicht alles, was existiert, auch mit Hilfe der Wissenschaft erkennen können, folgt nicht, dass andere Methoden dazu in der Lage sind. Es ergibt keinen Widerspruch, wenn ich behaupte, dass die Wissenschaft nicht alles erkennen kann, dass aber alles, was sie erkennen kann, das ist, was für uns wirklich ist, jedenfalls meistens, und weil wir über den existierenden Rest keine Aussagen machen können, für die wir sagen können, sie seien wahr oder falsch. Es ist möglich, dass dies eine Einschränkung ist, mit der wir leben müssen, ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich. Allerdings erweitert die Wissenschaft beständig ihre Erkenntnismethoden, daher kann man davon ausgehen, dass sie immer mehr und mehr von dem erkennen wird, was wir heute noch nicht erkennen können, vielleicht, ohne je zu einem Ende zu finden. Zu behaupten, dass wir bestimmte Dinge niemals wissen können, ist selbstwidersprüchlich. Man kann, wie Wittgenstein einmal schrieb, dem Denken keine Grenze setzen, weil man sich dieser Grenze, um sie bestimmen zu können, von zwei Seiten nähern müsste: Von dem, was man weiß (das ist relativ unproblematisch) und dem, was man nicht weiß. Man müsste dazu aber wissen, was man nicht weiß, und das ist logisch unmöglich.

Indirekt aber behauptet Spaemann, dass die Wissenschaft in ihrer Erkenntnis eine deutliche Grenze hätte, und diese Behauptung kann er nicht verteidigen, weil sie Unsinn ist (= selbstwidersprüchlich).

Aus der Vernunftkritik von Kant zieht Spaemann dann einen weiteren falschen Schluss, dass die Wissenschaft immer nur Kausalketten feststelle, ohne jedoch "Sinn und Urgrund" dieser ganzen Kette anzugeben. Es ist nämlich sehr gut möglich, dass es überhaupt nicht möglich ist, einen "Sinn und Urgrund" dieser Kette anzugeben, weil die Erkenntnis, dass etwas ohne jeden Grund existieren kann, unumgänglich ist. Diese habe ich an anderer Stelle ausgeführt: Nichts geschieht ohne Ursache. "Sehr gut möglich" ist dabei noch milde ausgedrückt, ich halte das sogar für logisch zwingend. Denn letztlich muss auch Spaemann daran scheitern, für alles einen "Sinn und Urgrund" anzugeben. Wenn dies die Wissenschaft auch nicht tut, dann tut sie gut daran.

Und dann folgt ein geradezu klassisches non seqitur (= es folgt logisch nicht):

"Das Sinnproblem verweist in die Transzendenz".

Ich halte - zusammen mit der Mehrheit der zeitgenössischen Philosophen - die Meinung, dass der Begriff der Transzendenz sinnfrei ist. Siehe dazu auch: Naturalismus versus Supernaturalismus. Wie dann aus etwas Sinnfreiem die Lösung eines Sinnproblems folgen soll, ist mir schlicht unerfindlich. Das Sinnproblem verweist m. A. nach darauf, dass wir nicht in allem einen Sinn finden werden, weil es Dinge gibt, die keine Ursache haben. Und zwangsläufig sogar geben muss, siehe meinen Artikel Nichts geschieht ohne Ursache.

Dass die Behauptung, "dem menschlichen Erkennen lediglich eine neurophysiologische und evolutionsgeschichtliche Dimension zuzugestehen, entziehe sich die eigene rationale Grundlage" zutreffend sein soll, finde ich eine gewagte Behauptung. Denn als Anhänger der evolutionären Erkenntnistheorie sehe ich genau darin eine der besten Grundlagen für unsere Rationalität, der bislang gefunden wurde, und so muss Spaemann sich auch jede Begründung sparen, warum seine Behauptung schlüssig sein soll. Es ist nur eine weitere, unbegründete Behauptung.

M. A. nach ist es eher so, dass rein psychologische Gründe dafür verantwortlich sind, dass der Gläubige an der "Einheit von Sinn und Sein festhält". Denn logisch lässt sich diese behauptete Einheit nicht begründen, nur psychologisch lässt sich begründen, warum der Gläubige dies behauptet. Dies ist einen gesonderten Artikel wert, und da muss ich Sie leider auf später vertrösten.

Dass die Gottesbeweise gescheitert sind, gesteht Spaemann zunächst zu, aber er möchte dies nicht so stehen lassen. Sein Einwand dagegen ist, dass die Voraussetzungen nicht zugestanden werden. Dieser Einwand ist sachlich richtig, aber dies geschieht aus zwingenden Gründen, nämlich, dass die Voraussetzungen entweder logisch widersprüchlich sind (siehe dazu meine Artikel über die Gottesbeweise, angefangen mit Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen) oder aber (im Fall der ontologischen Beweise, zu denen ich noch nichts geschrieben habe) weil die Prämissen nicht haltbar sind.

"Wenn es den Blick Gottes nicht gibt, gibt es keine Wahrheit jenseits unserer subjektiven Perspektiven." Auch das ist falsch - es gibt keinen angebbaren Grund, warum ohne Gott keine objektive Realität existieren sollte. Zu diesem Postulat fällt mir ein Ausspruch von Bertrand Russel ein:

Die Methode, etwas zu postulieren, was wir wollen, hat viele Vorteile. Es sind dieselben, die Diebstahl vor ehrlicher Mühsal hat.


Deswegen ist auch der Gottesbeweis von Spaemann nicht besser als viele andere, denn zum einen folgt aus der Existenz einer objektiven Realität nicht die Existenz Gottes, zum anderen ist diese Behauptung auch nicht leicht gegen skeptische Einwände zu verteidigen. Wobei ich als hypothetischer Realist es nicht für meine Aufgabe halte, diese Einwände zu formulieren, weil ich mit Spaemann der Ansicht bin, dass es eine objektive Realität gibt, nur folgt daraus nicht, dass auch Gott existiert - ich sehe da keine mögliche logische Verbindung, Nietzsche hin oder her.

Ich finde den Gottesbeweis nicht überzeugend, weil daran das Wesentliche fehlt, nämlich die Begründung, warum man ein "... Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein" postulieren muss. Vielleicht ist das eine Anspielung auf eine bestimmte (veraltete) Interpretation der Quantenphysik, nach der nur etwas existiert, wenn es auch einen Beobachter gibt (warum erwähnt Spaemann dies nicht?). Aber die modernen Interpretationen der Quantenphysik verzichten darauf, und zwar aus guten Gründen  [1]. Auch dieser Gottesbeweis hat denselben Mangel wie alle anderen, nämlich, dass behauptet wird, was gezeigt werden soll.

Auch setzt die Rede von der Wahrheit nicht Gott voraus. Sie setzt voraus, dass es eine Realität gibt, die unabhängig vom Beobachter existiert, oder aber eine subjektive Realität, die entsteht, in dem wir sie beobachten - wobei ich ersteres vorziehe. Aber eine Realität, die unabhängig von uns als Beobachter ist, kann ebenso unabhängig sein von jedwedem Beobachter. In gewisser Hinsicht ist es sogar ein leichter Widerspruch, wenn man behauptet, dass es eine Realität gibt, die unabhängig von jedem Beobachter existiert (das macht sie erst objektiv), um dann einen Beobachter (= Gott) einzuführen, der existieren muss, damit die Realität überhaupt existiert. Ist es nicht die Unabhängigkeit der Realität von jedem Beobachter, der sie überhaupt erst objektiv macht?


Anmerkungen:
  1.  Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob - wie die Quantenphysik zeigt - ein Beobachter ein beobachtetes Phänomen durch den Akt der Beobachtung beeinflusst oder es erst hervorbringt. Ersteres ist unbestritten, letzteres geht nicht aus ersterem hervor. (Zurück)

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