Von Harry Krämer - vom Autor mit Genehmigung auf meiner Website veröffentlicht. Den Originalbeitrag finden Sie unter →Die Illusion Willensfreiheit.
Francis Crick zitierte John Archibald Wheeler:
"Finde auf jedem Gebiet die seltsamste Sache
und die untersuche dann."
Die Illusion Willensfreiheit Der heilsame Verzicht auf
Gläubigkeiten
von Harry Krämer
Die Faszination des wissenschaftlich-technischen Fortschritts
ist zu einer Normalität unseres Lebens geworden. Obwohl kaum jemand in der
Lage ist, sämtliche Ergebnisse der modernen hoch spezialisierten Forschung
nachzuvollziehen, gibt es eine kollektive Identifikation mit allen
Errungenschaften. Sobald aber das biblische Menschenbild in Frage gestellt
wird, erhebt sich Widerspruch - nicht nur von Seiten der religiös Gläubigen.
Die Rationalität unserer Zeit steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den
Bindungen kultureller Traditionen an Heilslehren, die im geistigen Freiraum
ihre bunte Palette von Wahrheiten anbieten. In einer Welt voller Hightech
erklingen Lobpreisungen der Einfalt. Auf dem Mond wurde die
Schöpfungsgeschichte deklamiert - spektakulärer lässt sich der zwiespältige
biologische Entwicklungsstand des blauen Planeten nicht demonstrieren.
Religiöser Glaube ist für viele Menschen von gewiss positiver Bedeutung.
Man verdrängt, dass aller Glaube planmäßig anerzogen wird. Für die beruflich
Zuständigen gehört Verdrängung zum Metier - sie wollen nicht
wahrhaben: Gläubigkeit ist keine Tugend. Sittlichkeit bedarf keiner
Verheißungen oder Drohungen. Religionen bereiten das geistige Klima für
weitere ideologische Manipulationen.
Jenseits und Seelenheil - Kirchen und Sekten verkündigen mit Inbrunst;
wie Priesterschaften der Antike genießen sie hausgemachte Kompetenz.
Sie wecken und verstärken latente Ängste und Sehnsüchte, um Berauschendes
zu vermarkten - ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen. Auch beste Absichten
mindern nicht die Gefahren.
Der Glaube - im Grunde unglaublich; austauschbar nach Belieben.
Bedenkenswert: Im geologischen Zeitmaß begann Kultur vor Sekunden.
Der Mensch fragt nach einem Woher und Wohin, nach einem Sinn -
Fragestellungen, die als solche reichlich glorifiziert werden, deren
Sinnlosigkeit aber schon lange bekannt ist - Lösungsversuche an Rätseln,
die es nur in den Köpfen gibt.
"Ich weiß, dass ich nichts weiß." Heute wissen wir: Wie jedes Organ so
ist auch das Gehirn im Rahmen zweckgebundener Evolution entstanden; unser
Verständnis hat vorgegebene Grenzen. Dennoch bleibt uns die Welt nicht
verschlossen. Die Naturwissenschaft hat sich ein Instrumentarium des Geistes
geschaffen; sie findet Gesetzmäßigkeiten, die unergründlich schienen:
Energie und Materie, Korpuskel und Welle, Theorien von Zeit und Raum - rein
mathematische Beschreibungen werden experimentell geprüft. Das bedeutet
Verstehen; Vorstellbarkeit ist kein Kriterium. So hat Wissenschaft keine
vorgegebenen Grenzen.
Die konsequente Anwendung dieses Instrumentariums auf den Menschen
leitet den wichtigsten jemals erzielten Fortschritt ein.
Entstehung und Institutionalisierung von Religiosität sind erklärlich.
Die wechselseitigen Unvereinbarkeiten von kirchlicher Lehre und
Naturwissenschaft lassen sich nicht überbrücken. Ohne Kommentar: Die Demut
der Ebenbilder.
Die Frage nach dem Anfang der Zeit. Der Schöpfungsgedanke enthält
letztlich keine Antwort. Die Personifizierung eines Schöpfers ist die naivste
Form der Übertragung des Kausalprinzips unserer Lebenswelt auf den Kosmos.
Wissenschaft erlaubt sich kein Credo - sie entwickelt kosmologische Modelle,
die keinen Zeitbeginn erfordern.
Gerade Menschen mit religiöser Grundeinstellung sollten sich von ihrem
eigenen Denken leiten lassen - als einer verpflichtenden göttlichen Gabe.
Kontemplation braucht keine Bevormundung. Das Gebet gewinnt an Reinheit durch
Verzicht auf die Hybris einer Gottesvorstellung. Der Ungläubige glaubt nicht,
dass die Kirche etwas weiß. Der Gläubige mag sich selbst befragen.
Erziehung zum Glauben wirkt nachhaltig; der aufoktroyierte Jenseitsglaube zieht
ein Konglomerat von Gläubigkeiten nach sich. Die fortschreitende Aufklärung
erzeugt zusätzlich eine reaktionäre Neigung zum Okkultismus und zur Esoterik;
wissenschaftlich verbrämte Gläubigkeiten dominieren die Vernunft. Da die
Forschung noch weit vom Verstehen des Gehirns entfernt ist, sehen sich nicht nur
die Frommen in ihrer Meinung bestärkt, der Mensch sei unergründlich. Nur
zu bereitwillig wird gefolgert: naturwissenschaftlich nicht Erklärbares ist
nicht natürlich. Umkehrungen der Wissenschaft, akademische Todsünde - nützlich
bei der Anerkennung von Wundern.
Einst betrachtete man die Natur als unbegreifliche Werke der Götter und
Dämonen. Das Weltbild hat sich gründlich verändert - unser Selbstverständnis
ist quasi-religiös geblieben. Seit den ersten Kulturen besteht die vage
Vorstellung einer Seele. Fast jeder ist davon überzeugt, neben dem wundersamen
Gehirn auch eine dem Menschen vorbehaltene, den Naturgesetzen übergeordnete
Spiritualität zu besitzen. Der kultische Dualismus - Nährboden für Glauben und
klerikale Macht.
Manch imposantes philosophisches Gedankengebäude, entstanden unter dem
Einfluss kirchlicher Lehrmeinungen - Variationen falscher Ansätze. Gläubigkeiten
sanktionieren Pseudowissen - reversibel.
Endlich meldet sich die Naturwissenschaft zu Wort. Geist und Seele werden
zu Objekten interdisziplinärer Forschung. Nicht ungestört; ein Chor sich
gegenseitig Bestätigender beklagt solches Sakrileg - nostalgische
Schwanengesänge.
Die Hirnforschung löst eine Renaissance aus: Philosophie besinnt sich auf
ihre klassische Bestimmung. Neuorientierung hat begonnen - eine Zäsur, viel
tiefer als die sogenannten Kränkungen, die mit den Namen Kopernikus und Darwin
verbunden sind: Nicht nur das Erkennen unserer Identität, unsere Gedanken,
der sich selbst bestaunende Geist - auch psychische Erscheinungen sind den
Naturgesetzen unterworfene Gegebenheiten und Abläufe in einer Galaxis aus
Neuronen. Unser Wesen ist mechanistisch bedingt - Physik und Chemie des
Körpers. Erstaunlich an dieser Einsicht ist der späte Zeitpunkt. Evidenz
dringt mühsam in die Allgemeinbildung; und wieder empört sich gekränktes
Selbstwertgefühl.
Eine weitere, noch größere Herausforderung ist unausweichlich: die
Hinterfragung von 'Willensfreiheit' - die Entlarvung eines fatalen
Irrtums. Das umgangssprachliche Wort Freiheit hat viele Bedeutungen. In Bezug
auf das Verhalten macht Freiheit keinen Sinn, ist nicht definierbar - es
sei denn, das zu Definierende wird als Prämisse verwendet - nach der Logik
unzulässig. 'Willensfreiheit' kann niemals Gegenstand einer wissenschaftlichen
Untersuchung, etwa Aufgabenstellung der Hirnforschung sein. Und doch unterziehen
sich auch gestandene Wissenschaftler so beweisbar widersinnigen Bemühungen.
Ein Vergleich hilft überfordertem Abstraktionsvermögen: Das ebenfalls
umgangssprachliche Wort Kälte wird vereinfachend auch in der Technik verwendet -
als Bezeichnung für entzogene Wärmemengen. Die Naturwissenschaft kennt keinen
Begriff Kälte, sondern nur die Energieform Wärme - wie sie Länge kennt, aber
keine Kürze - und eben auch keine Freiheit. Willensfreiheit und Kälte sind
irreführende Substantivierungen der Adjektive frei und kalt, welche sich auf
Empfindungen beziehen.
Eine mit dem Bewusstsein auftretende Empfindung - nichts anderes ist der
'freie Wille'. Nichts spricht dagegen, Entscheidungen als Output komplexer
Vorgänge zu betrachten. Auch unser Unvermögen, diese Tatsache einfach
hinzunehmen, ist Endglied einer Kette von Bedingtheiten; hier ist die
Hirnforschung gefragt.
Glaube gegen Logik. Der Fall Galilei erfährt eine
Neuinszenierung. Gläubige und Traditionalisten verteidigen vehement ihre
Besitzstände. Das übliche Procedere der Freiheits-Debatten:
Wissenschaftlichkeit wird mit einem 'ismus' versehen. Die somit eingestuften
Wissenschaftler werden in die Runde geisteswissenschaftlicher Glaubenskrieger
geladen. Es entsteht der Eindruck, Glaubensinhalte und Befindlichkeiten seien
mit Wissenschaft kompatibel. Die wirre Wortschöpfung
'Wissenschaftsgläubigkeit' ist typisch für derartige Events.
Schon im 18. Jahrhundert bezeichnete G. C. Lichtenberg eine Freiheit des
Willens als Illusion. Er war seiner Zeit zu weit voraus; Logik bekommt
Resonanz nur aus einem entsprechenden Umfeld.
Später schrieb Arthur Schopenhauer: "Eine Tatsache des Bewusstseins ist
das völlig deutliche und sichere Gefühl der Verantwortlichkeit für das, was
wir tun, der Zurechnungsfähigkeit für unsere Handlungen, beruhend auf der
unerschütterlichen Gewissheit, dass wir selbst die Täter unserer Taten
sind." Er analysiert und kommt zu dem Schluss: "Alles was geschieht, vom
Größten bis zum Kleinsten, geschieht notwendig. ... Sind einem gegebenen
Menschen, unter gegebenen Umständen, zwei Handlungen möglich, oder nur eine? -
Antwort aller Tiefdenkenden: Nur Eine." Er ahnte bereits: Das 'völlig
deutliche und sichere Gefühl' ist so funktional wie die Taten.
Nach Schopenhauer sind die neuen Bereiche der Naturwissenschaft entstanden
- mit exponentiellem Zuwachs. Jeder Versuch, den Menschen auszuklammern,
gerät im einundzwanzigsten Jahrhundert zu einer kulturellen Groteske.
Glauben sperrt sich gegen Argumente. Der Glaube an Freiheit hat ein
Patentrezept: Man vertauscht die Beweispflicht - basta.
Geistige Eliten verlassen nur zögerlich den Elfenbeinturm. Das Thema
Willensfreiheit steht unter dem Vorzeichen einer emotionalen
Verweigerung. An Willensfreiheit scheiden sich die Geister. Auch
Wissenschaftler, die für sich in Anspruch nehmen, keiner Gläubigkeit zu
unterliegen, erörtern 'Willensfreiheit', als handelte es sich um ein
wissenschaftlich, also objektiv beobachtetes Phänomen. Wie ist das
möglich? "... weil nicht sein kann, was nicht sein darf."
Man erklärt Willensfreiheit für axiomatisch, jeden Zweifel für geradezu
ungehörig - oder hat eigene Argumente - eigenartige: Ein freier Wille wäre
gekennzeichnet durch seine Unberechenbarkeit; vieles in der Natur ist nicht
berechenbar - ergo kann Willensfreiheit existent sein. Unschärferelation,
Chaostheorie, Quantenmechanik - das Zauberwort lautet: Indetermination; allen
Ernstes versucht man, aus Zufälligkeiten Freiheit herzuleiten.
Oder man greift doch lieber auf die Religion zurück; schlaue Kirchenmänner
haben ja die Seele mit einem Willen ausgestattet. Also Fremdbestimmung? Nein,
die Seele gehört zum Menschen. Ist der Mensch für seine Seele verantwortlich?
Ein unauflösbares Dilemma.
Bewusstsein wird mystifiziert, obwohl es sich definieren und nachweisen
lässt; das Phantom 'freier Wille' gilt als eine Selbstverständlichkeit, auf
die wir uns dauernd berufen. Auch das Denken ist nicht 'frei'. Willensfreiheit
ist nicht frei von Komik: Ein Organ plädiert für seine Übernatürlichkeit.
'Willensfreiheit' taugt für den Spielplatz Theologie. Die Kirche braucht
Fiktionen. Wir brauchen Objektivität und Logik.
Wer der Sache auf den Grund gehen will, muss sich zunächst klar machen:
Wir sagen 'unser' Gehirn - das 'Ich' ist aber Funktion des Gehirns.
Diese Binsenwahrheit scheint unzumutbar; ein Hauch von Narzissmus beflügelt die
Suche nach Antworten auf falsch gestellte Fragen.
Vielschichtig wie das Ich ist auch der Wille. Wir tun was wir wollen -
bestimmen aber nicht, was wir wollen; genauer: wir wollen das, was wir
tun. Es gibt messbare Zeitspannen zwischen Entscheidungen und deren
Bewusstwerdung. Wenn wir glauben, etwas zu entscheiden, dann hat die bereits
erfolgte Entscheidung unser Bewusstsein erreicht. So interessant diese
Messungen sind - für eine Falsifikation von 'Freiheit' werden sie nicht
benötigt; auch wenn nachgewiesen würde, dass alle Entscheidungen bewusst
entstehen, wäre dies kein Nachweis von 'Freiheit'. Die verinnerlichte
'Willensfreiheit' hat nun mal keinen Platz in der Wissenschaft.
Der ständige Eindruck, zwischen Verhaltensweisen zu wählen, macht
Willensfreiheit einzigartig: eine vorprogrammierte Gläubigkeit - ein
übermächtiger Glaube. Nicht wenige halten ihn für unentbehrlich.
Tatsächlich ist es schier unmöglich, sich jederzeit der Zusammenhänge
bewusst zu sein. Das ist auch nicht nötig. Berechtigte Frage: wozu dann diese
provokanten Überlegungen - wir sehen die Sonne aufgehen, über den Himmel
wandern und untergehen; die Erdrotation ist von überwiegend wissenschaftlichem
Interesse - warum können wir nicht auch mit der Illusion eines freien Willens
leben?
Antwort geben Historie und Gegenwart. Aus vermeintlicher Willensfreiheit
wird folgerichtig 'Schuld'. Hier liegt die Wurzel des Übels.
Die Schuld - probates Werkzeug religiöser Indoktrination. Auch der
strafrechtliche Begriff Schuld im Sinne von Schuldfähigkeit beruht auf
Gläubigkeit - dem Glauben an Freiheit des Willens. 'Schuld' hält einer
kritischen Überprüfung nicht länger stand.
Veranlagungen zum Sozialverhalten sind differenziert; aber niemand wurde
als Verbrecher, als Terrorist, Massenmörder, Selbstmörder geboren. (und wenn
es so wäre?) Man betreibt Ursachenforschung; doch auch die Experten haben
das Wort Schuld in ihrem Vokabular - ohne zu wissen, wovon sie
sprechen. Mit 'Schuld' kaschieren wir eine Schande: den Tätern wird etwas
angetan. Der Staat verhält sich wie alle Täter; er stellt Nutzen vor Moral.
Anachronismus mit Relikten finaler Scheußlichkeit.
Die verstaubte Monstranz Schuld, ein Tabu; professorales Pathos im Beharren
statt Professionalität. Eine Schizophrenie - nicht die einzige.
Noch immer gibt es die Verklärung von Idolen und Ideen - Keimzelle für
Fanatismus und Gewalt. Religionen haben modellhaften Charakter für alle
Ideologien. Die Strategie der Macht: Man ernennt sich zum Hüter des Guten
und errichtet eine Glaubensgemeinschaft; in deren Dienst werden angeborene
Hemmungen schlichtweg abgeschaltet.
Die ganze Tragik der sorgsam kultivierten Gläubigkeit 'Schuld' manifestiert
sich in den Kriegen. Gegenseitige Schuldzuweisungen markieren die Leidenswege
der Menschheit. Trotz schlimmster Erfahrungen - noch immer werden tödliche
Rituale von Schuld und Vergeltung zelebriert.
Auch demokratische Staaten pflegen ihre spezifischen Gläubigkeiten; so kann
auch hier der Zweck die Mittel heiligen - buchstäblich. Nationalstolz - ein
Glaube mit bluttriefender Symbolik; feierliche Berufung auf den
Friedfertigen, Gräuel im Namen der Ehre. Unsäglich.
"Soldaten sind Bürger in Uniform"? Bürger müssen ihre Taten verantworten -
Uniformen legalisieren das Töten. Schuld wird delegiert. Die gegnerischen
Bürger in Uniform sind natürlich alle schuldig, dürfen getötet werden - man
unterscheidet sie treffsicher von den unschuldigen Zivilisten. Es gibt
Unvermeidbares - man bedauert.
Was nur befähigt brave Familienväter, Familien zu verbrennen? Gläubigkeit,
der Glaube an eine Mission. Gerechte bombardieren gegen das Böse -
Kreuzzug-Syndrom.
Die Gemetzel des 20. Jahrhunderts - in ihrer Ungeheuerlichkeit liegt der
Zugang zum Verständnis: Würde man Willensfreiheit unterstellen - die
Menschheit müsste ihre Selbstachtung aufgeben und jede Hoffnung begraben.
Dieses Verständnis ist Trost und Chance.
Das zigmillionenfache Sterben mahnt zur Besinnung. Hatten Vorgänge in
einigen Gehirnen 'Schuld'? Können wir uns steinzeitliche Einfalt noch leisten?
Machtausübende haben schon immer erkannt: durch ständige Betonung von Freiheit
werden die Massen besonders leicht manipulierbar. Wir blieben diesen archaischen
Verhaltensmustern schicksalhaft ausgeliefert, wenn das menschliche Hirn nicht die
Fähigkeit der Selbstreflexion entwickelt hätte.
Mit dem Einblick des Gehirns in die eigenen Funktionen beginnt ein Umdenken von
größter Tragweite, ein endogener heilsamer Kulturschock ohne Alternative.
Wir haben uns in einer Zivilisation der Schlachtfelder und Gefängnisse
etabliert und erteilen ihr Weihen. Gläubigkeiten verschleiern unsere
Möglichkeiten. Missachtung von Wissen, Unterdrückung des Denkens ist ein
Unterrichtsfach; Kontradiktion zur Wissenschaft wird als Fakultät anerkannt.
Fundamentalismus hat viele Gesichter. Es geht darum, mentale Ressourcen
zu erschließen, die Hintergründe des Welttheaters zu durchschauen. Programmänderung
ist überfällig.
Ideologische Konstrukte haben gezeigt was sie vermögen. Garant kultureller
Höherentwicklung ist die exakte Wissenschaft; Voraussetzung: kompromisslose
Integration des Geistigen. Oder weiterhin Geisterglaube neben Neurologie und
Genetik?
Wir können die essentielle Trennung vom Primitiven vollziehen, die
verhängnisvolle Fehlinterpretation 'Willensfreiheit' korrigieren. Es gibt
aber keinen leichten Weg - und keinen schnellen. Kontrolle der Subjektivität
ist eine gewaltige Einübung disziplinierten Denkens.
Eine Gesellschaft ohne den Freiheitsbegriff - eine Utopie? Diese Frage
stellt sich nicht wirklich. Die menschliche Intelligenz als
Gemeinschaftsleistung kann gar nicht vor einer Illusion kapitulieren - nicht
für immer; utopisch ist eine Zukunft im kulturellen Status quo.
Die Aktivierung des intellektuellen Potenzials - das Ende bequemer
Simplifizierungen. Wir dürfen uns einiges zutrauen. Immanuel Kant: "... das
moralische Gesetz in mir." Jeder würde es als verwerflich empfinden, an
einer Werteordnung festzuhalten, deren Grundlage sich als falsch erweist.
Das falsche religiöse Menschenbild steht sich selbst im Wege, behindert die
Entfaltung einer feineren Sensibilität. "Liebet eure Feinde!" - die
überragende Weisheit - blockiert durch den dogmatisierten Irrtum Schuld -
von jeher und überall die Legitimation infantiler Grobheit.
Jede Art von Glauben ist eine Denk-Blockade. Kein Glaube hat
argumentative Bedeutung. Weder die Beliebtheit von Phantastereien noch die
Gewöhnung an ein Trugbild begründen deren Notwendigkeit. Der persönliche
Respekt vor Gläubigen rechtfertigt keinen Artenschutz für Gläubigkeiten.
Wer tradierte Voreingenommenheiten und die Eitelkeit des Ego ablegt, der
sieht sich und seine Mitmenschen als biologische Systeme, eingebunden in einem
gigantischen Netz innerer und äußerer Wirkungen; Primaten mit extremen
Gehirnen - höchst leistungsfähig, aber in beinahe somnambuler Befangenheit.
Die wissenschaftliche Sichtweise ist pure Ethik. Albert Einstein: "...
eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz." Nicht ein entrücktes Streben nach
Transzendentem, sondern nüchternes Denken führt zur Güte des Verstehens,
zu jener extrovertierten warmherzigen Humanität, die keinen Hass kennt -
unverzichtbarer Bestandteil eines Pragmatismus, welcher die Probleme des
Zusammenlebens an ihren Ursprüngen löst.
Abkehr vom Hochmut der Lehren, Hinwendung zur bewährten Methodik; es gibt
Vorboten für einen globalen Konsens. Erkenntnisse lassen sich nicht
unterdrücken: 'Körper, Geist und Seele' bezeichnet eine Einheit, eine von
vielen Hervorbringungen der allumfassenden Natur; uralte Thesen, die den
Menschen aus der Natur herausloben, verstummen allmählich - Grund zum
Optimismus. Die gern bejammerte Entzauberung unseres Daseins ist ein
evolutionärer erster Schritt in eine vielversprechende Epoche.
Überwindung der Illusion Willensfreiheit - die Entwicklung eines neuen
autonomen Bewusstseins. Ein emanzipatorischer Prozess - der Aufstieg zum
wahren Homo sapiens.
Das allgemeine Wissen um die Zwangsläufigkeiten entmachtet die Manipulierer.
Endlich findet auch das große Postulat der unantastbaren Würde eines
jeden Menschen gebührende Akzeptanz.
Der betörende Glanz des Unwirklichen verblasst. Früher oder später wird
die Spezies ihre von Gläubigkeiten bestimmte gefährliche Entwicklungsphase
hinter sich lassen. Künftige Generationen werden zurückblicken auf
vorkulturelles Geschehen und mit Schaudern vernehmen, was Unwissende sich
einst zugefügt haben.
⇐ Zur Startseite - Zum Abschnitt Religion & Glauben ⇒
|