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Kann man mit Logik alles begründen?

Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht NEIN.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Aspekte, z. B. normative (die Regeln betreffende, also ethische) Fragen, für die wir die Antworten weder aus den Wissenschaften, aus der Natur und aus der Logik entnehmen können. Auch in der Kunst hat die Logik nur dann etwas zu suchen, wenn der Künstler dies gerade als Stilmittel braucht, ist also mehr eine Frage des Geschmacks. Die Wissenschaft beschreibt, was ist, die Ethik beschreibt, wie es sein sollte.

Wenn also der normative Bereich weder von Logik noch von Wissenschaft abgedeckt wird, dann heißt dies doch, das es sich um ein Gebiet der Religion handelt?

Ja und nein. Ja, weil die Religion dies als ihr urtümliches Gebiet bezeichnet, dort sogar einen Monopolanspruch erhebt (wie bei der Wahrheit auch). Nein, weil man auf jede Form des religiösen Glaubens verzichten kann, um eine Ethik zu begründen (siehe dazu auch Euthyphrons Dilemma). Hier muss die Religion anerkennen, dass sie in einem Konkurrenzverhältnis steht.

Im Übrigen wurde (und wird) der Monopolanspruch auf "Moralität" von der Religion auch deswegen erhoben, weil die Religion wahr ist. Erst mit dem Schwächeln dieses Wahrheitsmonopols wird versucht, zu retten, was zu retten ist, und wenigstens die Moral vor dem weltlichen Zugriff zu bewahren. Eine ausführliche Kritik der christlichen Ethik finden Sie bei →Prof. Dr. Gerhard Streminger (dieser Link funktioniert wieder!).

Nun hat sich gezeigt, dass aus dem absoluten Wahrheitsanspruch auch eine gewisse Intoleranz folgt. Dies ist keine Behauptung, sondern eine Frage der Empirie (der Erfahrung), in diesem Fall der Geschichtswissenschaft. D. h. wenn man der Geschichte des Christentums folgt, dann wird man feststellen, dass das Christentum sehr wenig zu einer moralischen Besserung der Welt beigetragen hat. Meist standen die Christen aber auf der falschen Seite, und dies so häufig, dass man den Begriff des allzu menschlichen stark überdehnen muss.

Fast alles, was wir als modernen, humanitären Fortschritt bezeichnen, auch der Begriff der Menschenwürde (den man aus der Bibel nicht ableiten kann), wurde gegen den Widerstand der Christen erkämpft, meistens von Gegnern der Kirche und des Glaubens. Eine Anmerkung noch: die Unterscheidung zwischen Christentum und Kirche wird erst seit dem 18. Jahrhundert getroffen und war und ist ein Mittel der Apologetik, um sich gegen eine bestimmte Form der Aufklärung zu wenden. Im Folgenden werden die Begriffe Christentum und Kirche synonym verwandt. Ein paar Beispiele:

Abschaffung der Sklaverei - wurde von den Kirchen bis zuletzt bekämpft. Kirchensklaven waren sogar generell schlechter gestellt als die Sklaven weltlicher Herren. Sklaverei →wird in der Bibel gerechtfertigt, eine historische Übersicht über das Verhältnis Sklaverei/Christentum befindet sich →hier (in englischer Sprache).

Abschaffung der Folter - auch hier hat die Kirche (wegen der Inquisition) lange Zeit starken Widerstand geleistet. Siehe vor allem Herrmann 1998: Sex & Folter in der Kirche.

Abschaffung der Todesstrafe - auch hier haben die Christen bis zuletzt gekämpft. Das Christentum bestand in der Inquisition sogar oft auf einer besonders harten und grausamen Form der Todesstrafe (Verbrennung bei lebendigem Leibe).

Einführung des Rechtsstaates - auch eine Errungenschaft, die aus dem Kampf gegen die Inquisition herrührt.

Gleichstellung der Frau - auch heute noch ein umstrittenes Thema. Kirchenintern herrscht bei den Katholiken in dieser Frage noch tiefstes Mittelalter, während es im Evangelismus immerhin schon weibliche Bischöfe gibt. Fundamentalisten finden in der Bibel immer noch genügend Munition (→Leviticus 27:1-7, →Prediger 7:26, →1 Korinther 14:34-35, →Epheser 5:22-24, →1 Korinther 11:3, →Kolosser 3:181 Timotheus 2:11-14) gegen die Gleichstellung der Frau und benutzen dies auch heute noch.

Sexuelle Freizügigkeit - umstritten (durch moralische, religiös motivierte Indoktrination) und daher auch heute noch ein beliebtes Streitthema. Ich halte die Befreiung der Sexualität von der Leibfeindlichkeit christlicher Prägung aber für eine Errungenschaft der Moderne, aus drei Gründen:
  1. macht sexuelle Enthaltsamkeit oft neurotisch
  2. ist die Unterdrückung der Sexualität (insbesonders bei Kindern) →ursächlich gewaltfördernd
  3. ist der Mensch von Natur aus eher promisk
Nun kann aus 2. nicht gefolgert werden, dass eine Naturethik gerechtfertigt wäre, sondern nur, dass das Christentum ein falsches Menschenbild geprägt hat. 1. folgt aus der Psychoanalyse, 2. aus medizinischen Untersuchungen von Spermien: es gibt zwei Arten nicht-befruchtungsfähiger Spermien, die nur zur Verteidigung gegen andere Spermien mit fremder DNS dienen - so etwas kann sich nur dann in der Genetik niederschlagen, wenn der Mensch über Jahrhunderttausende promisk war (denn genetische Prozesse sind langsam). Mit der Unterdrückung der Sexualität alleine hat das Christentum bereits Leid und Elend über die Menschen dieser Welt gebracht.

Noch heute tut sich die katholische Kirche mit der Anerkennung der Homosexualität  [1] schwer, vor allem, wenn es um die Gleichberechtigung geht.

Bürgerliche Freiheitsrechte - auch ein Gebiet, auf dem die katholische Kirche bis heute noch gegen einiges kämpft, was modern ist. Im Faschismus bekämpften zwar einzelne Christen den Faschismus, die Kirche aber hat sich selten offiziell gegen den Faschismus gewehrt, oft sogar mit Faschisten zusammengearbeitet (Franco, Mussolini, Hitler und vor allem Ante Pavelic, dem übelsten faschistischen Verbrecher überhaupt), obwohl ihre interne Haltung gegen beispielsweise Hitler gerichtet war  [2], freie Meinungsäußerung wurde lange noch bekämpft (sogar bei uns, siehe den Streit um den sog. Gotteslästerungsparagraf - selbst die alten Griechen hatten hier eine vernünftigere Vorstellung: Für sie war die Verfolgung von Gotteslästerung alleine eine Sache der Götter, die Menschen nichts angeht). Der Index der verbotenen Schriften wurde →erst 1966 vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft und verdeutlicht das frühere zwiespältige Verhältnis der Kirche zur Meinungsfreiheit.

Religionsfreiheit: Heute bekennen sich die Kirchen insgesamt auch zu dem Menschenrecht auf freie Religionsausübung - das war nicht immer so.

Man könnte noch hunderte von Seiten damit füllen. Wer mehr darüber wissen möchte, der sollte sich das zehnbändige (!) Werk →Kriminalgeschichte des Christentums von Karlheinz Deschner ansehen (von dem bisher acht Bände erschienen sind).

Fazit


Es ist mir schlicht unerfindlich, woher das Christentum seinen moralischen Anspruch hernimmt, denn aus der Geschichte folgt eher das Gegenteil. Wenn wir also eine vernünftige Moral entwickeln wollten, dann wäre das Christentum nicht die Religion, die man zum Ausgang nehmen sollte. Der Buddhismus erscheint mir hier sehr viel sinnvoller.

Aber man kann auch eine Ethik auf Kant gründen. Man braucht weder das Christentum noch irgendeine andere Religion dafür, auch, wenn es immer wieder gerne behauptet wird.

Für ein Beispiel christlicher Ethik siehe auch den Abschnitt über die Strafandrohung für anders Denkende im Christentum.

Konfusius, er zitiert: "Glauben ist wesentlich intolerant ... wesentlich deswegen, weil damit notwendigerweise die Illusion verbunden ist, dass die eigenen Beweggründe auch Gottes Beweggründe sind." (Ludwig Feuerbach)



Anmerkungen:
  1.  Dazu ein Zitat aus →ERWÄGUNGEN ZU DEN ENTWÜRFEN EINER RECHTLICHEN ANERKENNUNG DER LEBENSGEMEINSCHAFTEN ZWISCHEN HOMOSEXUELLEN PERSONEN Von Kardinal Ratzinger: "Jene, die diese Toleranz gebrauchen, um bestimmte Rechte für zusammenlebende homosexuelle Personen einzufordern, müssen daran erinnert werden, dass die Toleranz des Bösen etwas ganz anderes ist als die Billigung oder Legalisierung des Bösen". (Zurück)
  2.  Die katholische Kirche hat Hitler so gut wie nie bekämpft, um ihre eigenen Anhänger, die Katholiken, zu schützen - leider ging dies sehr zu Lasten der Juden, denen die Kirche ohnehin ein jahrhundertealter Feind war. In neuerer Zeit bedauert die Kirche hier ihre frühere Haltung allerdings, so dass wir zu ihren Gunsten annehmen müssen, dass sie sich gewandelt hat. Seit dem die Kirche ihre geheimen Archive geöffnet hat, muss ich in dieser Hinsicht meine frühere Haltung korrigieren. Die Kirche war tatsächlich stärker gegen Hitler eingestellt, als ich früher gedacht hatte, sie hat sich aus taktischen Gründen aber seiner Macht gebeugt - und darüber die Juden "vergessen". Wobei einzelne Christen (auch innerhalb der Kirchenhierarchie) auch Juden geschützt haben, u. a. mit gefälschten Taufscheinen (denn ein getaufter Jude war für die Kirche ein Katholik, denn "Jude" war für die Kirche keine Frage der Rasse, sondern des Glaubens). (Zurück)

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