Was man nicht weiß, weiß man nicht, und nichts wird besser, wenn man übernatürliche »Erklärungen« in diese Lücken stopft.
Inhaltsverzeichnis:

      Übernatürlich = unbekannt, unerforscht
      Religiöser Glauben ist immer blindes Vertrauen

 

Übernatürlich = unbekannt, unerforscht

Wenn man »übernatürlich« als das definiert, was man wissenschaftlich nicht erforschen kann, dann versucht man willkürlich, einen Teil der Welt dem Nachdenken und Forschen zu entziehen. Willkürlich, weil man nicht weiß, was man nicht wissen kann!

Übernatürlich ist also ein Synonym für »unbekannt, unerforscht«. Ob dies auch prinzipiell  unbekannt bleiben muss und unerforschbar bleiben muss, kann man im Vorhinein nicht wissen. Denn dazu müsste man wissen, was man dem eigenen Bekunden nach nicht weiß.

Wittgenstein hat dies so ausgedrückt: Man kann dem Denken keine Grenze ziehen. Denn man müsste diese Grenze von zwei Seiten definieren, von dem aus, was man weiß (das ist unproblematisch). Zusätzlich müsste man wissen, was man nicht weiß, um die Grenze von der anderen Seite her zu bestimmen. Das aber ist selbstwidersprüchlich. Das ist die schärfste Form von Falschheit, die wir haben.

Wir sehen dasselbe Motiv: Ein Teil der Welt wird, zum eigenen Nutzen, dem entzogen, was man wissen kann. Dann werden Behauptungen darüber aufgestellt, die man inhaltlich nicht wissen kann. Dann wird anderen eingeredet, dass man weiß, was man angeblich nicht wissen kann. Weiß man es denn nun oder nicht? Aber eigentlich hat man die Lücken seines Wissens nur mit seiner Fantasie gefüllt. Was in Romanen zum Wesen dessen dazugehört, wird nun zum Teil der Welt erklärt. Ob es sich nun um diese Welt oder eine andere handelt, macht prinzipiell  keinen Unterschied.

Das gilt auch für alles, was über Gott gesagt wird. Es handelt sich um fantasievolle Behauptungen, aber eben nicht mehr. Da es genügend Leute gibt, die auf solche Tricks hereinfallen, die autoritätsgläubig sind, die blind vertrauen, funktioniert das auch. Aber es klappt nicht bei allen, die man deswegen persönlich angreift und denen man die Moral pauschal abspricht. Es handelt sich aber um unredliche Tricks, und das bedeutet, dass die Moral der Theologen selbst korrupt ist. Dieser Defekt ist die eigentliche Basis ihrer Moral.

 

Religiöser Glauben ist immer blindes Vertrauen

Wer blind vertraut, der darf sich nicht wundern, wenn er ab und zu übers Ohr gehauen wird. Er hat auch keinen Grund, sich zu beschweren, den man könnte es besser wissen. Man will es bloß nicht. Warum? Weil man sich selbst wieder bestimmte Vorteile davon verspricht. Der eigene, egoistische Nutzen, steht im Vordergrund, richtet sich aber gegen einen selbst.

Wittgenstein sagte: Die Natur ist alles, was der Fall ist.

Man kann dies auf zweierlei Weise verstehen: Alles, was real existiert, ist Teil der Natur. Und alles, was zur Natur gehört, ist auch das, was wirklich vorhanden ist. Der Gegensatz dazu ist »das, was nicht der Fall ist«. Entweder, etwas gehört zur Natur, dann ist es der Fall, oder aber, es ist nicht der Fall, dann gehört es auch nicht zur Natur. Fantasie ist eine natürliche Eigenschaft der Menschen. Nur gehört nicht alles, was man sich ausdenken kann, oder über das man reden kann, auch zu dem, was es in der Natur gibt. Der Wahrscheinlichkeit nach dürfte das meiste, was man sich ohne weitere Anhaltspunkte ausdenkt, falsch sein bzw. nicht existieren. D. h., mit solchen Spekulationen hat man immer die Wahrscheinlichkeit gegen sich.

Deswegen ist es immer, unter allen Umständen falsch, etwas auf der Basis unzureichender Beweise, Belege und Argumente zu glauben. Wir neigen aber dazu, das für wahr zu halten, was wir uns wünschen, und das wird von den religiösen Monotheisten ebenso ausgebeutet wie von Scientologen.

Das blinde Vertrauen wird entweder getarnt oder zu einer Tugend erklärt. Aber das ist keine Tugend, das ist pure Bequemlichkeit. Fantasieren oder den Traumbildern anderer zu glauben ist leichter, als selbst zu forschen.

Man kann es auch anders ausdrücken: Alles, was existiert, gehört zur Natur. Da diese auf Wechselwirkung basiert, kann man von einem Teil der Umwelt logisch auf andere Bestandteile zurückschließen. So wurden beispielsweise unsichtbare Dinge wie Radiowellen entdeckt. Jede Wahrnehmung ist letztlich ein konsequenter Rückschluss entlang einer Ursache-Wirkungs-Kette auf die Ursache am Anfang. Gibt es eine solche Kette nicht, dann weiß man auch nicht, ob da etwas real ist. Oder ob man Opfer seiner Einbildung wurde, oder eines Trugschlusses. Was nicht zur Natur gehört, existiert auch nicht, oder ist für uns mindestens nicht zu bemerken. Man kann es nicht wissen. Das Übernatürliche gehört also entweder zu dem, was man nicht weiß, oder zu dem, was man nicht wissen kann.

Aber nicht nur ich kann nichts darüber wissen oder weiß nichts darüber – das gilt auch für alle anderen Menschen!

Wir neigen dazu, die Lücken unseres Wissens mit Spekulationen zu füllen. Das ist uns nicht immer bewusst, siehe den Punkt Rationalisierung  in Angst und Angstabwehr.

Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muss wiederum aus Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und hier sind selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, erträglicher, als eine hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre ein Prinzip der faulen Vernunft …
…transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft, und eine Freiheit, zu Ersetzung des Mangels an physischen Erklärungsgründen, sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann gar nicht gestattet werden, teils weil die Vernunft dadurch nicht weiter gebracht wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres Gebrauchs abschneidet, teils weil diese Lizenz sie zuletzt alle Früchte der Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens, nämlich der Erfahrung, bringen müsste.

Immanuell Kant


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