Woher will man wissen, angesichts der Übel der Welt, dass Gott gut ist?
Inhaltsverzeichnis:

      Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt
      Stimmen die Prämissen?
      Ist die Lösung konsistent?
      Funktioniert die Lösung nicht auch für das Gegenteil?
      Wenn sie funktioniert, ist damit bewiesen, dass es kein Paradies gibt!
      Kann man Leid gegen etwas anderes aufrechnen?
      Führt die Lösung nicht zu einer absurden Moral?

 

Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt

Im Abschnitt über die Probleme der monotheistischen Moral (Probleme monotheistischer Moral) hatte ich kurz das Theodizeeproblem  erwähnt. Dieses ungelöste Problem ist älter als das Christentum und wurde zuerst von Epikur (341-270 vor Beginn der Zeitrechnung) formuliert. In seiner Ursprungsform lautet es so:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:

dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,

oder er kann es und will es nicht:

dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,

oder er will es nicht und kann es nicht:

dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,

oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?

Das Theodizeeproblem ergibt sich also aus folgenden Annahmen:

  1. es gibt einen Gott, dieser ist personal und hat die Welt erschaffen.
  2. dieser Gott ist allmächtig, allwissend und gütig.
  3. jemand, der gut (gütig) ist, würde nach Möglichkeit etwas, was schlecht oder böse ist, nicht tun und es verhindern, wo er kann oder es ganz eliminieren.
  4. es gibt Übel in der Welt.

Daher lautet die Frage:

Wie kann man behaupten, Gott sei (all)gütig angesichts der Übel der Welt?

Eine Theodizee wäre demnach die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt. Die große Relevanz des Problems ergibt sich daraus, dass dies sowohl ein logisches als auch ein moralisches Problem mit weit reichenden Implikationen ist.

Eine solche Rechtfertigung müsste sich auf sechs Stufen gegen skeptische Einwände behaupten. Die ersten fünf Stufen stammen von Streminger aus [Streminger 1992], dem umfassendsten und wichtigsten Werk zu diesem Thema:

 

Stimmen die Prämissen?

1.) Die Annahmen der Theologen beruhen auf bestimmten Prämissen. Jede dieser Prämissen ist frag-würdig im doppelten Wortsinn, m. A. nach ist die skeptische Position hier stärker. Eine Widerlegung einer einzigen theistischen Prämisse lässt die Theodizee scheitern.

 

Ist die Lösung konsistent?

2.) Angenommen, alle Einwände gegen die skeptische Position aus 1. könnten entkräftet werden, dann gibt es Einwände gegen diese Rechtfertigung selbst. Auch hier müsste jeder einzelne skeptische Einwand widerlegt werden (wie auf Stufe 1., ein Scheitern auf einer Stufe macht alle folgenden Stufen überflüssig und lässt das Theodizeeproblem ungelöst).

 

Funktioniert die Lösung nicht auch für das Gegenteil?

3. Angenommen, die Rechtfertigung gelingt trotz aller Einwände auch auf Stufe 2., dann müsste ein Theist auch die Umkehrung der Argumentation entkräften. Diese sieht so aus: Wie kann man angesichts des Guten in der Welt die Boshaftigkeit Gottes rechtfertigen? Das geht i. d. R. (in den meisten Fällen) mit exakt derselben theistischen Argumentation (man muss nur 'gut' und 'böse' austauschen). Der Theist hat jetzt drei Möglichkeiten:

a.) Er kann die Rechtfertigung des Bösen widerlegen. Damit ist zugleich seine Begründung der Theodizee gescheitert, denn zum einen ist ein Argument, welches A »beweist« und Non-A gleichzeitig ungültig (sog. Universalargumente), zum anderen lässt sich die Begründung nun gegen ihn verwenden.

B.) Er kann die Rechtfertigung des Bösen akzeptieren, weil es keine guten Argumente dagegen gibt – dann könnte er aber nie mehr sicher sein, nicht einen bösen Dämon anstelle eines guten Gottes anzubeten.

c.) Die häufigste Variante ist die Flucht in den Irrationalismus, alle nicht passenden Argumente werden verworfen, gleichgültig, wie sie begründet sind.

 

Wenn sie funktioniert, ist damit bewiesen, dass es kein Paradies gibt!

4.) Sollte die Argumentation die Stufe 3. wider aller Erwartung überstehen, dann kann eine Rechtfertigung nur darin zu bestehen, dass die Übel der Welt unvermeidbar sind und Gott keine bessere Welt hätte erschaffen können. Wenn man diese Argumentation anerkennt, dann ist damit zugleich die Existenz des Paradieses widerlegt (und die Hoffnung auf eine 'ausgleichende Gerechtigkeit'), also der Kernpunkt der christlichen Botschaft erweist sich als ungerechtfertigt. Wenn man an dem Glauben, es gäbe ein Paradies trotzdem festhält, dann stellt sich die Frage, warum Gott die Bedingungen nicht gleich so gestaltet hat wie im Paradies – da er es nicht getan hat, muss man ihm Boshaftigkeit unterstellen (Unfähigkeit kann es jedenfalls nicht mehr sein). Wenn man trotzdem immer noch daran festhält, muss man zugestehen, dass es auch im Paradies jederzeit wieder die Möglichkeit einer Vertreibung geben könnte. Da bleibt nur Raum für eine völlig irrationale Hoffnung …

 

Kann man Leid gegen etwas anderes aufrechnen?

5.) In der letzten Instanz müsste man die Aufrechnung von Leid gegeneinander rechtfertigen (dies gilt nicht für Argumentationen, die die Existenz von Leid überhaupt bestreiten, was meist nicht gemacht wird). Ferner müsste das Leid noch gegen den Einwand verteidigt werden, dass es uns zugefügt wird, ohne uns zu dazu gefragt zu haben, d. h. wir konnten nichts dazu sagen, ob wir diese Rechtfertigung für uns zugefügtes Leid akzeptieren.

 

Führt die Lösung nicht zu einer absurden Moral?

6.) Als letzten Punkt dürfte die Rechtfertigung nicht zu einer absurden Moral führen.

Ein Beispiel: Überall wird erzählt und ist man der Ansicht, dass wenn man die Möglichkeit hat, einzugreifen und etwas zum Besseren zu wenden, dass man das dann auch tun sollte. Ausgerechnet beim »größten moralischen Vorbild«, angeblich der Grundlage aller Moral, behauptet man das Gegenteil. Gott greift nicht ein, obwohl er es könnte, und wird dafür gepriesen. Man preist ihn, wenn er bei einer Nonne Krampfadern heilt, sagt aber nichts dazu, wenn er es bei einem Tsunami nicht tut.

Wenn Gott nicht verhindern kann, dass beispielsweise Babys mit AIDS infiziert werden, wieso sollte man dann annehmen, dass er ein Paradies für Menschen schaffen kann? Wenn er es nicht will, wieso sollte man dann annehmen, dass er ein Paradies schaffen will? Wenn das die Grundlage einer Moral ist, dann führt es zu einer absurden Moral.

Wir können nun zeigen, dass es keine Lösung gibt, die nicht an einem der Hindernisse scheitert.

Das beweist, dass die Annahme, man könne der Moral Gottes folgen, weil sie gut  ist, keine Basis hat. Zusätzlich wirft dies starke Zweifel auf, ob Gott überhaupt existiert. Man kann sich entscheiden, was man glauben will – Gott existiert nicht, oder er ist nicht gut. Aber eine Annahme, die besagt, dass Gott existiert und gut ist, hat keine vernünftige Basis.

Was natürlich auch bedeutet: Selbst wenn es möglich  wäre, Gott zur Basis der Moral zu machen – man sollte es nicht tun.

Weitere interessante Literatur zu dem Thema: [Angeles 1997], [Barker 1992a], [Busch 1973], [Craig 2003], [Dembski 2009], [Dietrich 2000], [Drange 1998], [Ehrman 2009a], [Everitt 2004], [Greshake 2007], [Gross 1999], [Hahne 2008], [Harris 2005], [Hoenger 2009], [Kahl 1993], [Kermani 2005], [Kreiner 2005], [Lewis 2005], [Mackie 1997], [Martin 2003], [O'Connor 1998], [Peterson 1998], [Schulz 2006], [Smith 1979], [Staguhn 2006b], [Stenger 2007b], [Streminger 1992], [Strobel 2006].

Je mehr ich über das Universum lerne, umso weniger bin ich davon überzeugt, dass es irgendeine gute Macht gibt, die hinter allem steht.

Neil deGrasse Tyson


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