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Euthyphrons Dilemma

Skeptizismus und Moral - Euthyphrons Dilemma

Inhaltsverzeichnis

Vortrag von Volker Dittmar

Eine skeptische Betrachtung christlicher und atheistischer Moral

Einleitung: Warum man einen Atheismus auch moralisch verantworten können muss

 
  1. Was ist Moral?
  2. Über die Berechtigung der christlichen Kritik
  3. Moralisches Verhalten bei Atheisten - Warum?
  4. Kann es ohne Gott eine Moral geben?
  5. Was ist Euthyphrons Dilemma?
  6. Moral ohne Gott
  7. Das Theodizeeproblem und seine Folgen
  8. Weitere Kritikpunkte
  9. Eine Ethik jenseits des Glaubens
  10. Zusammenfassung und Schluss


1. Was ist Moral?

Laut Microsoft Encarta 2005:
Moral (von lateinisch mores: Sitten, Gewohnheiten, Charakter), System von Werten und Normen sowie deren Umsetzung im täglichen Leben, oft auch im Zusammenhang mit Sittlichkeit (Sitte und Moral) gebraucht. Moralvorstellungen unterliegen allgemein einem historischen Wandel; sie können sowohl individuell wie auch gemeinschaftlich gebildet werden, wobei Individualmoral und gesellschaftliche Moral nicht unbedingt deckungsgleich sein müssen. Die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen "gut" und "böse", "falsch" und "richtig" ist ein Ergebnis von Erziehung und Sozialisation. Als besonders wichtige moralische Instanz gilt traditionell die Religion. Sinn, Zweck und Wesen der Moral sind Gegenstand verschiedener Wissenschaften, wie in erster Linie der Philosophie und Theologie, aber auch der Soziologie und Psychologie.

Die Moral stellt den für die Menschen grundlegenden normativen Rahmen für ihr Verhalten vor allem gegenüber ihren Mitmenschen dar. Die geltende Moral bildet sich aus einem Komplex von Verhaltensregeln, Wertmaßstäben und Vorstellungen vom Sinn des Lebens. Moral soll nicht nur durch eine stillschweigende Übereinkunft gelten, sondern sie soll für alle Menschen gültig sein. Sie betrifft nicht bloß Personen, sondern auch öffentliche Institutionen mit ihren sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ordnungen.

Ethik (auch Moralphilosophie; griechisch ethos: Gewohnheit, Herkommen, Sitte, Brauch), philosophische Disziplin, die sich mit dem Handeln des Menschen beschäftigt, insbesondere im Hinblick auf dessen wertorientierte Zielsetzung und Rechtfertigung.


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2. Über die Berechtigung der christlichen Kritik

Die Vorwürfe der Christen an den Atheismus:

  1. Atheismus führt zu einer nicht objektiven Moral, was zu moralischem Relativismus oder Skeptizismus oder gar Nihilismus.
  2. Außerdem, wenn es keinen Gott gibt, ist das Leben sinnlos.
Wenn der Atheismus in der Konsequenz zu moralischem Subjektivismus oder zur Beliebigkeit o. ä. führt, ist dies Grund genug, den Atheismus abzulehnen. Dann gäbe es keinen willkürlichen Grund, nicht zu morden, zu vergewaltigen, zu foltern und zu rauben.

Tatsächlich glauben einige Christen, dass dies dazu führt, dass Atheisten eine größere Neigung haben, sich unmoralisch zu verhalten (oder diese haben müssten, weil sie über keine eigenständige Moral verfügen) - abgesehen von den jeweiligen Landesgesetzen, die jede Gesellschaft als ordnende Funktion hat.

Andererseits behaupten die Mehrheit der Christen, dass das Christentum eine objektive Moral mit nicht willkürlichen Gründen bietet, die solche Gräuel verbietet. Außerdem führt der Glauben an die Sinnlosigkeit des Lebens zu einer depressiven, freudlos-trüben und pessimistischen Weltsicht. Wäre dies richtig, dann wäre es falsch, eine atheistische Weltsicht in der Öffentlichkeit zu vertreten, ungeachtet ihres (eventuellen) Wahrheitsgehalts.

Logische Rechtfertigung

Die Kritik kann man wie folgt rechtfertigen:

Gott ist der Garant und die Basis der (christlichen) Moral. Wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es keine Basis einer (objektiven, kulturunabhängigen) Moral. Dann ist alles erlaubt.

Folglich hat jemand, der nicht an Gott glaubt, auch keinen Grund, moralisch zu handeln. Er kann allenfalls grundlos moralisch handeln bzw. weil er die Strafe der Gesellschaft fürchtet. Aber eine Handlung aus Furcht vor den Gesetzen kann man nur schwer als moralisch bezeichnen.

Außerdem, wer nicht an einen Ausgleich für seine moralischen Handlungen im Jenseits glaubt (wo Gutes belohnt und Böses bestraft wird), der hat auch keinen Grund, moralisch zu handeln (wenn dies nicht gesellschaftlich sanktioniert wird).

Ferner, wer nicht glaubt, dass seine Handlungen von Gott beobachtet wird, der hat auch keinen Grund, moralisch zu handeln, denn es unter bestimmten Umständen ist niemand da, der die Handlungen bewertet (und sie später bestraft oder belohnt). Wobei man anmerken muss: Es reicht aus, wenn die Menschen daran glauben.

Der christlichen Kritik an der Moral der Atheisten wird meist damit begegnet, dass nun seinerseits die christliche Moral (vor allem das Verhalten der früheren Christen) kritisiert wird. Mit dieser "Antwort" gibt es zwei Probleme:

  1. Kein heute lebender Christ ist für Gräuel wie Hexenverbrennungen, Kreuzzüge u. ä. moralisch verantwortlich
  2. Es ist kein Zeichen einer hochstehenden Moral, den anderen zu entgegnen: "Ihr seid auch nicht besser!"
Wenn man es für berechtigt hält, heute lebende Christen damit zu kritisieren, dass ihre Glaubensgenossen früher Verbrechen begangen haben, dann muss man im Gegenzug auch akzeptieren, dass heute lebende Atheisten mit den Verbrechen des Stalin- oder Pol-Pot-Regimes in Verbindung gebracht werden. Und umgekehrt: Wer nicht bereit ist, diese christliche Kritik zu erwägen, darf den heute lebenden Christen auch keinen Vorwurf machen, dass früher Christen irgendwelche Untaten begangen haben. Man sollte nicht mit zweierlei Maß messen, weil das eine Einladung ist, dass auch der andere mit zweierlei Maß misst.

Es ist m. A. nach sinnvoller, zu zeigen, dass die christliche Moral bereits an der Basis einige Probleme hat, die natürlich auch zu moralischen Absurditäten führen. Sonst läuft die Auseinandersetzung darauf hinaus, dass zwischen ideellem und realem Christentum unterschieden wird - das Christentum ist gut, aber der einzelne Christ ist manchmal schlecht und setzt die guten Ideen nicht um.

Ohne eine eigenständige atheistische Moral müsste man die christliche Kritik akzeptieren.

Jedes moralische System hat bestimmte Probleme, z. B. wie man es durchsetzt und allgemein akzeptabel macht. Es nützt nichts, diese Kritik an der christlichen Moral zu äußern (außer, es wird behauptet, dass die christliche Moral dieses Problem nicht hat).

Meine weitere Vorgehensweise

Ich werde zum einen die christliche Moral einer Kritik unterziehen und dabei nur die Probleme aufwerfen, die für die christliche Moral spezifisch sind.

Da ich selbst der Auffassung bin, dass eine Moral aus der Vernunft kommen sollte und daher auch vernünftig begründet sein sollte, ist mein eigener Standpunkt, von dem aus ich kritisiere, auch der einer allgemein anerkannten Vernunft.

Ich werde aber nicht nur kritisieren, sondern am Ende auch meinen eigenen moralischen Standpunkt deutlich machen - und eine mögliche atheistische Moral begründen. Eine atheistische Kritik an christlicher Moral ist schwach, wenn sie nicht auf einer eigenen Moral beruht.

Allerdings ist trotzdem Kritik auch dann möglich und erforderlich, wenn man selbst nicht weiß, wie man es besser machen kann. Zitat von Dieter Hildebrandt: "Man muss kein Meisterkoch sein, um zu erkennen, dass ein Steak angebrannt ist". Aber bloße "Meckerei" ist trotzdem nicht genug, es sei denn, aus gegebenem Anlass heraus wie beispielsweise bei den Vorrechten der Kirche, kirchlicher Diskriminierung o. ä.

Auf eine Kritik der biblischen Moral werde ich hier nicht eingehen.

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3. Moralisches Verhalten bei Atheisten - Warum?

  1. Es gibt keine empirischen Beweise für die Behauptung, dass sich Atheisten weniger moralisch verhalten als Christen. Es gibt aber auch keine guten empirischen Beweise dagegen. Offensichtlich wurde diese Frage bislang nicht ausreichend untersucht. Der Mangel an Daten hängt auch damit zusammen, dass es nicht ganz einfach ist, zwischen "reinblütigen" Christen und Atheisten zu unterscheiden.


  2. Andererseits gilt in unserer Gesellschaft christliches Verhalten als Synonym für Barmherzigkeit, Nächstenliebe, gemeinschaftlichem Verhalten, karitativen Engagement und anderen positiven Verhaltensweisen.


  3. Hinzu kommt die Assoziation von Gräueltaten des Stalinismus, Faschismus und des Pol-Pot-Regimes mit dem Atheismus.


  4. Demgegenüber steht eine Tradition der Aufklärung, bei der das moralische Verhalten "der" Christen mit Gräueltaten der Inquisition, Kreuzzügen, Ketzerverbrennungen und Judenverfolgung verbunden wird (siehe auch das Werk von Deschner: "Kriminalgeschichte des Christentums"). Aber die "Aufrechnung" der Gräueltaten der einen oder anderen Weltsicht scheint wenig sinnvoll zu sein. Vor allem, weil die heute lebenden Christen keine Hexen verbrennen und keine Atheisten mehr - wie die Stalinisten - Priester ermorden. Keinem heute lebenden Menschen kann man die Taten seiner Vorfahren (im Geiste) mehr zurechnen. Eine Kritik muss sich an den heute lebenden Christen orientieren und dabei berücksichtigen, dass es liberale, pazifistische Christen gibt bis hin zum "Kreuzzügler" Bush.


  5. Es bleibt also die Frage, warum sich Atheisten heute moralisch verhalten bzw. viele Christen dies früher nicht taten, aber heute.


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4. Kann es ohne Gott eine Moral geben?

Die Frage nach einer "Moral ohne Gott" wird von vielen Christen negativ beantwortet. Andererseits, wenn man sich nach Moralphilosophien im Internet umsieht, wird man viele Entwürfe finden, die keinen Bezug auf Gott haben. Es scheint also keinen zwangsläufigen Zusammenhang zu geben zwischen "Gott" und "Moral".

Die Frage nach der Moral ist stets auch die Frage nach einer bestimmten Lebenspraxis. Und da ist nicht auf Anhieb erkennbar, welche Unterschiede es eigentlich zwischen Christen und Nichtchristen gibt. Beide, atheistische Philosophien und Ideologien wie auch die christliche Religion haben ein gerütteltes Maß an Gräueltaten zu verantworten. Dass es auch ohne Gott geht, wird vor allem dann offensichtlich, wenn man sich andere, nicht abendländische Religionen wie den Buddhismus ansieht. Im ursprünglichen und vielen heutigen Richtungen des Buddhismus gab und gibt es keinen Glauben an Götter. Der Dalai Lama beispielsweise ist ein Atheist, gilt aber selbst bei uns als eine Art "moralische Autorität" - bei Christen wie auch bei Nichtchristen.

Gerade der Blick über den "christlichen Tellerrand" zeigt, dass Moral und Atheismus doch zusammengehen können. Aber auch der Buddhismus ist eine Religion, da könnte man auf die Idee kommen, dass eine Religion - auch wenn sie ohne Gott auskommt - wichtig ist für die Moral der Menschen. Immerhin kommt auch der Buddhismus nicht ohne eine Transzendenz aus und ohne ein religiöses Druckmittel - verhalte Dich richtig, sonst wirst Du als Wurm wiedergeboren.

Reicht also der Bezug auf das Natürliche nicht aus, um eine Moral zu begründen? Kann es eine "naturalistische Moral" geben? Auf diese Frage komme ich noch zurück.

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5. Was ist Euthyphrons Dilemma?

Wenn man versucht, eine auf Gott basierende Moral zu begründen, dann stößt man früher oder später auf "Euthyphrons Dilemma" (wenn auch nicht unbedingt unter diesem Namen). Dies wurde von Platon formuliert und geht auf Sokrates zurück. Ich will aber hiervon nur das Dilemma erwähnen und nicht auf den Dialog eingehen.

Angenommen, Sie sind ein gläubiger Christ. Sie haben sich Ihr ganzes Leben lang redlich bemüht, nach Gottes Geboten zu leben und ein guter Mensch zu sein. Und nun stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Eines Tages erscheint vor Ihnen plötzlich aus dem Nichts Jesus. Er sagt Ihnen dieses:

Jesus: Du hast ein vorbildliches christliches Leben gelebt und hast meinen Geboten stets gehorcht. Aus diesem Grund, weil ich besonderen Wohlgefallen an Dir habe, möchte ich Dich mit einer wichtigen Mission beauftragen: Gehe hin und predige das Evangelium auf der Straße, so dass alle Menschen davon hören und ein Leben wie Du führen können.

Danach verschwindet Jesus wieder.


Wie würden Sie handeln?

Und nun dasselbe Szenario nochmal, aber diesmal sagt ihnen Jesus etwas anderes:

Eines Tages erscheint vor Ihnen plötzlich aus dem Nichts Jesus. Er sagt Ihnen dieses:

Jesus: Du hast ein vorbildliches christliches Leben gelebt und hast meinen Geboten stets gehorcht. Aus diesem Grund, weil ich besonderen Wohlgefallen an Dir habe, möchte ich Dich mit einer wichtigen Mission beauftragen: Gehe hin und töte Deinen erstgeborenen Sohn. Nimm ihn mit auf einen Berg und stoße ihm einen Dolch durch sein Herz.

Danach verschwindet Jesus wieder.


Wie wäre Ihre Reaktion jetzt? Vermutlich wäre Ihre Reaktion:

  1. Zweifel an der Realität des Erlebten.
  2. Suche nach möglichen Gründen, warum Jesus dies gesagt haben könnte.
  3. Nachforschung in der Bibel, wobei Sie die Geschichte von Abraham finden würden.


Und damit sind wir bei der Kernfrage aus Euthyphrons Dilemma:

Ist etwas gut, weil Gott es für gut hält?

Ist die Nächstenliebe gut, weil Gott sie gut heißt? Wenn man dem zustimmt, dann macht man das Urteil über gut und böse zu einer Willkür Gottes. Wenn also Gott zufällig Nächstenliebe für böse hält und Folter für gut, ist es dann böse, seinen Nächsten zu lieben und gut, jemanden zu foltern? Wenn man nun behauptet, dies könne nicht sein, weil Gott sicher die Nächstenliebe nie für falsch und die Folter für richtig befunden hätte, weil er ja gut sei, der verstrickt sich in einen logischen Zirkel: Gott ist gut, weil er die Nächstenliebe für gut befindet, und die Nächstenliebe ist gut, weil Gott sie für gut hält - wobei sich der "Gott der Bibel" nicht immer liebend verhielt.

Ist Nächstenliebe gut, weil Gott mächtig ist?

Nun kann man sich auf die Macht Gottes berufen. Aber bedeutet Macht, stets auch im Recht zu sein? Hitler war mächtig, war deswegen die Judenvernichtung richtig? Sicher nicht, also kann man auf Macht auch keine moralische Begründung aufbauen. Moralisches Handeln setzt eine gewisse Autonomie des Subjekts voraus, wer unter Zwang handelt, handelt nicht moralisch. Wer sich der Macht beugt, handelt nur moralisch, wenn er dies freiwillig tut, tut er aus Zwang heraus, handelt er nicht moralisch, denn er konnte nicht anders handeln.

Also müsste man begründen, dass Nächstenliebe deswegen gut ist, weil sie für die Menschen gut ist. Jetzt ist die Begründung aber völlig losgelöst von Gott - womit die Behauptung, man brauche Gottes Gebote, um gut zu handeln, widerlegt wäre. Wir können also ethische Begründungen finden, ohne uns auf Gott zu berufen. Mehr noch, wir machen unsere eigenen Maßstäbe zu denen, anhand derer wir Gottes Handeln beurteilen - Gott ist gut, weil er das für gut hält, was wir auch ohne ihn für richtig befinden.

Ist Nächstenliebe gut, weil es von Gott geoffenbart wurde?

Der Einwand einiger Christen lautet dann, dass Gott allwissend sei, und daher besser als die Menschen wüsste, was gut für sie ist (auch und gerade wenn sich dies mit unserer Auffassung deckt). Aber woher kennen wir denn die Gebote Gottes? Durch Offenbarung, so heißt es, aber damit verstricken wir uns in eine Reihe neuer Probleme. Wenn wir die Offenbarung der Bibel entnehmen, so werden wir feststellen, dass diese sehr unterschiedlich interpretiert wurden und werden. Die einen sagen "Du sollst nicht töten", die anderen sagen, es lautet "Du sollst nicht morden". Nicht umsonst lautet einer der Slogans der amerikanischen Friedensbewegung auch: "Welchen Teil von 'Du sollst nicht töten‘ haben wir nicht verstanden?". Denn auch Bush beruft sich auf das Christentum. Damit werden also moralische Gebote zu einer Frage der Auslegung und da in der Bibel nichts oder nicht viel über die richtige Auslegung steht.

Ist Nächstenliebe gut, weil dies persönlich offenbart wurde?

Können persönliche Offenbarungen eine Moral begründen? Sicher, aber das hängt von der Glaubwürdigkeit des Menschen ab, der behauptet, eine Offenbarung empfangen zu haben. Glaubwürdig kann nur heißen, dass die Gebote mit unserer eigenen Auffassung über gut und böse übereinstimmen, denn wir brauchen Kriterien, anhand derer wir das beurteilen können. Also stehen diese Gebote selber auf dem Prüfstand und können sich daher nicht selbst begründen.

Das prinzipielle Problem, ob eine sich auf Gott berufende Moral gut ist, wird durch die Art und Weise der Offenbarung übrigens nicht berührt. Des Weiteren wird hier das Problem angesprochen, woher wir denn wissen, ob Gott gut ist. Gott kann dies von sich behaupten, solange er will - ob jemand gut ist, können wir nur anhand seiner Handlungen abschätzen anhand menschlicher Maßstäbe. Angesichts der Übel der Welt muss man aber berechtigte Zweifel haben, ob Gott gut ist (Theodizeeproblem). Scheitert die Theodizee, d. h. die Rechtfertigung Gottes anhand der Übel der Welt, so kann und darf man sich nicht auf göttliche Gebote berufen, sondern muss diese gerade dann anhand menschlicher Maßstäbe sorgfältig prüfen.

Ist die Nächstenliebe gut, weil Jesus für uns am Kreuz starb?

Kann man sich dann auf bestimmte sog. "Heilstatsachen" berufen, z. B. den Kreuzestod Jesus? Aus dem Kreuzestod können verschiedene Schlussfolgerungen gezogen werden, er diente u. a. zur Rechtfertigung der Kreuzzüge ("Gott will es" war das Motto der Kreuzfahrer) und des Antisemitismus. Außerdem müsste der Kreuzestod eine normative Prämisse begründen, aber wer erklärt diese? Und wie entscheiden wir uns, welche Erklärung aus welchen Gründen die Richtige ist? Damit brauchen wir Kriterien, um eine bestimmte normative Komponente mit welcher "Heilstatsache" wie begründet werden kann und wie wir die Entscheidung darüber fällen können, und wir landen wieder in Euthyphrons Dilemma.

Müssen wir Gott gehorchen, weil wir seine Geschöpfe sind?

Müssen wir unseren Eltern bis an unser Lebensende gehorchen, weil wir ihre Kinder sind? Sicher nein, und wenn uns unsere Eltern schlecht behandeln - wenn sie uns Übel antun - dann werden wir diese Frage sogar mit großer Sicherheit verneinen.

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6. Moral ohne Gott

Aus diesem kann man nun folgern, dass wir eine Moral ohne Gott begründen können und dies sogar wegen der geschilderten Probleme tun müssen. Es gibt also keine Verbindung von Religion zur Moral. Eine weitere Evidenz dafür sind die Gräuel, die im Namen des Christentums begangen wurden. Wer also behauptet, die Religion möge vielleicht nicht wahr sein, sie sei aber zur Begründung einer Moral unerlässlich, den kann man auf Euthyphrons Dilemma verweisen.

Übrigens gibt es noch ein weiteres Problem, mit dem sich der Kreis wieder schließt: Da Gott als das Gute schlechthin definiert wird, sind alle seine Handlungen gut. Aber das ist wiederum eine Einschränkung seiner Möglichkeiten - denn dies hieße, dass Gott ein Gefangener seiner Güte ist, der nicht anders handeln kann, selbst wenn er wollte. Da aber Gott weiterhin als allmächtig definiert wird, wäre eine solche Einschränkung seiner Handlungen damit in Konflikt. Also könnte Gott auch Böses tun und z. B. lügen, aber damit ist es unsinnig, alle seine Handlungen als gut zu bezeichnen (vor allem wenn man die Bibel berücksichtigt, vor allem das alte Testament). Vor allem, wenn wir Gott nicht vollkommen verstehen können, ist es völlig sinnfrei, alles von ihm als moralisch einwandfrei zu klassifizieren. Daher kommen wir in keinem Fall umhin, eine eigene Moral aufzustellen und anhand dieser Moral Gott zu beurteilen - nicht, weil wir dies so wollen, sondern weil wir nicht anders können.

Die zwei Seiten der christlichen Moral

Die autoritäre Seite besteht darin, dass alles, was Gott als gut deklariert (oder was in seinen Namen als gut bezeichnet wird), auch deswegen gut ist.

Die libertäre Seite besteht darin, dass wir nach einer eigenständigen Moral beurteilen, was gut ist und was nicht - und danach auch die Handlungen Gottes beurteilen.

Beide Strömungen waren im Christentum stets vertreten. Man muss sich als Christ entscheiden, welche Seite man wählt. Aber das ist selbst wieder eine moralische Entscheidung.

Der Ursprung der religiösen Moral

Woher kommt die religiöse Moral? Es gibt noch zahllose andere Kulturen, die keinen Gott kennen und keine Moral auf Gott aufbauen. Zu behaupten, das sei unmöglich, wäre also zu bestreiten, dass es außerhalb der abrahamitischen Religionen eine Moral gäbe. Tatsächlich aber sind bestimmte moralische Regeln universell gültig - ein paar Beispiele:

  1. Es gilt überall gut, einem Menschen in Not zu helfen, auch wenn es ein Fremder ist, auch, wenn man keinen unmittelbaren oder erkennbaren Vorteil davon hat.
  2. Sex mit Kindern und Inzest gilt überall als moralisch schlecht.
  3. Klatsch und Tratsch gilt überall als schlecht, wird aber andererseits in jeder bekannten Gesellschaft ausgiebig praktiziert.
  4. Mord gilt generell als schlecht, aber überall werden Ausnahmen erlaubt (Notwehr, zum Beispiel).
  5. Kinder gelten überall als besonders schutzwürdig und als moralisch nicht voll verantwortlich.
Keine dieser Regeln gilt zu 100% - das sollte auch nicht weiter verwundern, denn keines der christlichen Gebote galt jemals zu 100%. Es lassen sich immer Situationen konstruieren oder herstellen, bei denen die Übertretung eines Gebots als besser angesehen wird als die Einhaltung des Gebots. Und für Menschen gibt es keine Hundertprozentigkeit, deswegen finden wir überall auch Menschen, die gegen Gebote verstoßen. Wir finden ausgerechnet im christlichen Amerika eine der höchsten Mordraten.

Moral ist ein universelles menschliches Phänomen

Moralisches Verhalten finden wir überall, wo es Menschen gibt, ob diese nun an Gott glauben oder nicht. Dieses Verhalten ist sich in vielen Fällen sogar ähnlich und abhängig von der Kultur.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil der Mensch dadurch zum Menschen wurde, dass er mit anderen Menschen kooperierte. Dies ist für unser Überleben von hoher Wichtigkeit (früher wie heute) - ein Mensch, der nicht mit anderen Menschen zusammenarbeitete, hat kaum eine Überlebenschance und gehört daher wahrscheinlich nicht zu unseren Vorfahren.

Beispiel Inzesttabu

  1. Inzest ist in praktisch allen Kulturen weitgehend verboten (mit kleineren Ausnahmen)
  2. Inzest bringt Nachteile für das Überleben: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit genetischer Defekte (z. B. der Bluterkrankheit [1]) und es vermindert die genetische Variabilität. Diese ist wichtig, um sich an geänderte Umweltanforderungen anpassen zu können.
  3. Inzestvermeidung finden wir daher bei fast allen Säugetieren (z. B. bei Ratten), es bildet sich eine Inzestschranke
  4. Die Inzestschranke bildet sich mit der Geschlechtsreife heraus. Kleine Jungen finden es noch völlig natürlich, später mal ihre Schwester zu heiraten, mit der Pubertät verschwindet diese Vorstellung völlig.
  5. Den Menschen ist der Grund für ihre Handlungsweise nicht bewusst
Menschen handeln teilweise moralisch, ohne dass ihnen die Gründe dafür klar oder bewusst sind.

Anders gesagt: Menschen handeln teilweise instinktiv, wissen aber nicht, woher die Handlungsimpulse kommen. Für die Menschen sieht es so aus, als ob sie "ferngesteuert" würden oder einer fremden Kontrolle unterliegen.

Handlungen, die wir ausführen, aber deren Gründe wir nicht kennen, lösen Angst aus.

Die Beobachtung Freuds

  1. Unter posthypnotischem Befehl stehende Personen führen oft auch unsinnigste Handlungen aus (Beispiel)
  2. Diese Personen haben stets eine vernünftige Erklärung für ihre Handlung
  3. Der wahre Grund ihrer Handlung ist ihnen nicht bewusst
Schlussfolgerung: Die Begründung ihrer Handlung ist falsch, die Falschheit dieser Erklärung ist ihnen nicht bekannt. Weitere Schlussfolgerung: Es gibt Instanzen im menschlichen Gehirn, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, die also unbewusst arbeiten und die handlungssteuernd wirken können. Für die Existenz unbewusster Aktionen im Gehirn sprechen neurophysiologische Befunde.

Die Ausführung einer Handlung, die ohne bewusste Gründe stattfindet, löst Angst aus. Mit dieser Angst muss "irgendwie" umgegangen werden.

Die Erklärung Freuds: Rationalisierung

Rationalisierung: Damit bezeichnet man das nachträgliche Begründen einer Handlung durch die Vernunft, obwohl der ursprüngliche Grund ein ganz anderer (meist unbewusster Art) war. Dies wird bei dem Hypnose-Beispiel deutlich, hier wurde das Mittel der Rationalisierung benutzt, um das eigene Verhalten zu erklären. Denn zu handeln, ohne eine Erklärung dafür zu haben, löst unmittelbar Angst aus und unmittelbar das Bedürfnis, dafür eine plausible Erklärung zu haben. Das Erfinden einer plausiblen Begründung geschieht unbewusst.

Um also moralisches Handeln (wie beim Inzest) zu rechtfertigen, mussten die Menschen früher Gründe erfinden, warum z. B. Inzest verboten ist (und nur unter ganz bestimmten Umständen erlaubt). Diese Gründe finden wir in der religiösen Moral. Die religiöse Moral ist folglich zum einen eine Rationalisierung menschlichen Handelns.

Es gibt noch weitere Gründe für eine Moral. Bestimmtes moralisches Verhalten ist vernünftig gerechtfertigt. Aber kaum ein Mensch handelt unter allen Umständen vernünftig. Es ist daher richtig, auch noch weitere Gründe für ein vernünftiges Verhalten zu haben als die Vernunft selbst. Diese weiteren Gründe finden wir in der religiösen Moral: Verhalte Dich richtig (= nach den göttlichen Geboten), dann wirst Du später dafür belohnt. Verhalte Dich falsch, dann wirst Du später dafür bestraft. Oder: Wenn wir uns richtig verhalten, dann belohnt uns Gott mit einer reichen Ernte. Verhalte Dich also nach den göttlichen Geboten, dann wird es uns allen gut gehen. Verhalte Dich nicht richtig, dann werden wir alle dafür bestraft. Darüber wird ein zusätzlicher gesellschaftlicher Druck aufgebaut, sich richtig zu verhalten.

Religiöse Rituale und ihr tieferer Grund

Neben der Rationalisierung gibt es noch weitere Gründe für religiöse Handlungen, die uns nicht bewusst sind.

Beispiel Totenbestattung: Menschliche Gesellschaften bestatten seit Urzeiten ihre Toten. Warum? Bislang wurde meist angenommen, dass dies (vor allem bei Grabbeigaben) vor allem religiöse Gründe hat. Diese Auffassung ist aus folgenden Gründen falsch:

  1. Die Beseitigung von Leichen ist unter den Gesichtspunkten der Hygiene wichtig. Leichen übertragen Krankheiten, wobei die Ursache dafür unseren Vorfahren unbekannt war (von Krankheitserregern wissen wir erst seit Erfindung des Mikroskops).
  2. Aufgrund unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens sind wir darauf angewiesen, andere Menschen als eigenständige Persönlichkeiten (autonome Agenten) zu betrachten. In gewisser Weise ist auch ein toter Mensch immer noch eine Persönlichkeit. Es gibt für uns daher keinen Grund, anzunehmen, dass die Persönlichkeit eines Menschen mit seinem Tode aufhört, zu existieren, weil dies in unserem Gedächtnis nicht der Fall ist.
  3. Aus diesen Gründen wurde die Bestattung, die Gefahrenvermeidung und Hygiene zugleich ist, kulturell überformt - mit den religiösen Ritualen.
Auch hier stellt die Religion die Mittel zur Verfügung, das entsprechende Verhalten zu rationalisieren. Rationalisierung ist nichts per se Schlechtes, sondern erfüllt eine Reihe wichtiger Funktionen im menschlichen Leben. So fördern gemeinsame Riten auch den Zusammenhalt einer Gruppe.

Belohnung und Bestrafung

Nicht jede gute Handlung wird belohnt und nicht jede böse Handlung wird bestraft. Die Welt ist also ungerecht, woher sollte da die Motivation kommen, sich richtig zu verhalten, wenn nicht aus der Religion?

Mit dieser Auffassung gibt es einige Probleme:

Die Psychologie hat gezeigt, dass Belohnung und Bestrafung nur dann wirksam sind, wenn sie zeitlich unmittelbar auf die Handlung folgen. Dies ist bei einem Verschieben der Sanktion auf einen sehr späten Zeitpunkt nach dem Tode nicht gegeben. Trotzdem, die Angst vor Strafe verhindert in vielen Fällen unmoralische Handlungen.

Ferner hat sich gezeigt, dass Belohnung wirksamer ist als Strafe. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum sich das neuzeitliche Christentum von der Hölle nach und nach verabschiedet hat. Im Katholizismus beispielsweise gibt es noch eine Hölle, aber sie ist leer: Ob jemand in der Hölle bestraft wird, ist nicht sicher. Ferner ist die Androhung einer Höllenstrafe auch nicht kompatibel zu einem gütigen Gott und führt zum Theodizeeproblem (dazu später mehr).

Außerdem ist die Konsequenz unserer Handlungen (Belohnung/Bestrafung im Jenseits) nicht sicher. Eine Belohnung/Bestrafung, die nicht mit Sicherheit auf unsere Handlungen folgt, ist nur sehr eingeschränkt wirksam.

Beispiel Rauchen - wir wissen, dass es schlecht ist, zu rauchen, aber wir tun es trotzdem, weil die "Bestrafung" unseres Verhaltens erstens nicht sicher ist und zweitens erst mit sehr großer Verspätung erfolgt.

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7. Das Theodizeeproblem und seine Folgen

Theodizee - die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt der Kritik an den verschiedenen christlichen Moralauffassungen ist das Theodizeeproblem. Dies wurde zuerst von Epikur (341 v. Beg. d. Zeitrechnung bis 271) formuliert:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht:
dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht:
dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?


Die logische Formulierung des Theodizeeproblems

Der christliche Gott wird gedacht als ein Wesen, welches u. a. folgende Eigenschaften hat:

  1. Er ist gütig und liebt alle Menschen
  2. Er ist allmächtig (und damit auch allwissend)
  3. Es gibt Übel in der Welt (Leid ohne Rechtfertigung, d. h. ohne einen Grund)
  4. Wenn Gott die Menschen lieben würde, so würde er sie weitgehend vor Übeln bewahren, d. h. es dürfte keine oder kaum Übel geben, und wenn doch, so müssten diese leicht zu umgehen sein [2].
  5. Gott tut dies aber nicht, entweder weil er im moralischen Sinne nicht gut ist, oder aber, weil er es nicht kann (dann ist er nicht allmächtig), oder aber, weil er nicht existiert.
Das Problem ist sowohl logischer als auch moralischer (und damit emotionaler) Natur. Es ist eines der stärksten Argumente der Atheisten gegen Gott (Georg Büchner bezeichnete es als "den Fels des Atheismus").

Das Problem ist - Gottes Existenz einfach vorausgesetzt - dass man nun entweder an der Güte oder an der Allmacht Gottes zweifeln müsste.

Die Rechtfertigung (in christlichem Rahmen) läuft nun meist auf folgende Möglichkeiten hinaus:

1. Gott ist nicht allmächtig

Damit wäre das Theodizeeproblem gelöst. Allerdings zu einem hohen Preis, denn die Verehrung Gottes beruht zu einem großen Teil darauf, dass Gott das höchste Wesen schlechthin ist, ein Wesen, "über das nichts Größeres hinaus gedacht werden kann" (Anselm von Canterbury). Aus diesem Grund ist diese Lösung nicht sehr populär, obwohl man auch annehmen könnte, dass Gott nur "fast allmächtig" ist.

2. Gott ist nicht gütig und liebend

Diese Variante ist noch weniger populär, weil die Gottesverehrung auch auf seiner moralischen Perfektion beruht. Das Problem damit ist, dass die Christen damit die Basis ihrer Moral verlieren würden, denn wenn Gott nicht gut ist, ist es eine Moral auf dieser Basis auch nicht, man hätte damit gute Gründe, göttliche Gebote mit großem Misstrauen zu betrachten.

3. Gottes Denken entspricht nicht unserer Logik

Dies ist eine sehr verbreitete Variante. Sie hat aber ein paar schwierige Probleme: Wenn Gottes Denken nicht unserer menschlichen Logik gehorcht, dann sind logische Schlussfolgerungen aus seine Geboten vermutlich falsch.

Wenn keine logischen Widersprüche existieren, dann kann ich meinem Nachbarn meine Liebe dadurch zeigen, dass ich ihn grundlos foltere. Das ist moralisch absurd.

4. Gott hat Gründe für sein Verhalten, die uns nicht bekannt sind

Ähnlich wie bei Punkt 3. hat dies absurde Konsequenzen:

Angenommen, ich beobachte, wie das Kind meines Nachbarn ins Wasser fällt uns zu ertrinken droht. Ich eile ihm zu Hilfe - aber halt! - es könnte wichtige Gründe dafür geben, dass Gott das Kind ertrinken lässt. So könnte es später durch unbekannte Umstände zu einem Massenmörder oder einem bösartigen Diktatur werden. Oder vielleicht soll ihm nur eine schlimme Krankheit erspart bleiben mit großem Leid?

Es gäbe keine Basis mehr, aufgrund dessen wir eine moralische Handlung als richtig oder falsch betrachten könnten.

5. Es gibt kein Leid - Leid ist eine Illusion

Auch diese Auffassung wird vertreten - das Schlechte ist demnach nur ein "Mangel an Gutem", Leid existiert nicht, sondern ist nur ein Mangel. Aber es scheint eher umgekehrt zu sein, während Zahnschmerzen von eindringlicher Intensität sind, sind Glücksmomente eher flüchtig. Außerdem, wenn unser Leiden nur eine - sehr realistische - Täuschung wäre, wäre es Gott, der uns täuscht, und auch das kann man nicht für moralisch gut halten. Leid wird auch nicht dadurch weniger real, dass wir uns einreden, es sei "nur eine Illusion".

6. Jedes Leid wird später (im Jenseits) ausgeglichen

Jede gute Handlung wird belohnt, jede böse Handlung wird bestraft. Mal abgesehen davon, dass jede Strafe das Leid der Menschen noch zusätzlich erhöht - wir erinnern uns: nicht alle Christen gehen heutzutage von einer ewigen Höllenstrafe aus - wird Leid nicht dadurch ungeschehen gemacht, dass es später ausgeglichen wird.

Das Ganze hat außerdem eine ziemlich absurde Konsequenz, wenn ich nämlich hergehe, und ein kleines Kind zum Vergnügen oder "einfach so" foltere, dann ist das dadurch gerechtfertigt, dass dieses Kind ja später einen Ausgleich dafür erhält. Es gibt also kein "ungerechtfertigtes Leid" (= Übel).

Ja, man dürfte Leid auch nicht verhindern, denn dann würde derjenige später um seinen "Lohn" für dieses Leid gebracht.

7. Es gibt mehrere Götter - gute und böse

Das wäre Polytheismus und wird von den Christen meist abgelehnt. Die populäre Variante lautet, dass es Satan ist, der die Menschen verführt und zu bösem Handeln veranlasst, beispielsweise, in dem er sie täuscht. Wenn aber jemand einer Täuschung unterliegt, ist er zugleich auch weniger verantwortlich für das, was er tut - was moralisch gesehen absurd ist: Handelt jemand gut, dann weil er gut ist, handelt er schlecht, dann weil er von Satan versucht wurde. Außerdem muss man sich fragen, wieso Gott es zulässt, dass Satan uns bedrängt.

8. Gott hat gute Gründe, Leid zuzulassen

Diese Verteidigung gegen die moralischen Implikationen ist am Häufigsten. Hier wird eingewandt, dass nicht jedes Leid ungerechtfertigt ist. Eine Zahnarztbehandlung ist häufig mit Leid verbunden, aber nur, um uns Schlimmeres zu ersparen.

Das ist richtig, deswegen unterscheiden wir auch zwischen gerechtfertigtem Leid und ungerechtfertigtem Leid - wobei wir letzteres als Übel bezeichnen. Diese Verteidigung behauptet also, dass es kein ungerechtfertigtes Leid gibt, keine Übel. Dazu wird meist eingewandt, dass Gottes Allmacht nicht darin bestehen kann, dass logisch Unmögliche zu tun, und dass beispielsweise die sog. moralischen Leiden dadurch zustande kommt, dass Gott uns einen freien Willen gab, während die natürlichen Übel (Überflutungen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Seuchen etc.) darauf zurückzuführen sind, dass Gott diese Welt nach bestimmten Regeln erschaffen hat.

Ich möchte hier nicht auf die Schwächen in dieser Argumentation eingehen - das wäre ein abendfüllendes Thema.

Aber mal angenommen, der christliche Verteidiger der Güte Gottes hätte recht, und jedes Leiden hätte seinen Grund, wäre also gerechtfertigt. Dann folgt daraus wiederum eine moralisch absurde Implikation - nämlich die, dass jedes Leid seine Berechtigung hat, dass es also richtig ist, dass wir leiden. Es könnte dann niemand aus "falschen Gründen" leiden, sondern sein Leid wäre Teil eines göttlichen Plans oder die Folge von freien Willensentscheidungen, und es wäre gerechtfertigt, dass wir deswegen leiden, weil wir immer leiden, um ein höheres Gut zu erreichen.

Das Theodizee-Trilemma

Ich bezeichne dieses skizzierte Dilemma als Theodizee-Trilemma. Es folgt daraus, dass jede mögliche Theodizee zu moralischen Absurditäten führt. Es besteht aus drei Seiten:

  1. Entweder, dem christlichen Verteidiger gelingt die Theodizee, d. h. er löst die Widersprüche auf, dann hat er gezeigt, dass es kein ungerechtfertigtes Leid gibt. Das bedeutet, dass jede böse Handlung letztlich gut ist, sie folgt einem höheren Zweck. Das ist als Grundlage für eine Moral aber völlig untauglich. Es kann auch nicht Sinn und Zweck einer Moral sein, Leid zu rechtfertigen. So wird eine große Katastrophe dann damit "gerechtfertigt", dass sie den Menschen zu Gott führt ("Not lehrt beten") und für die Helfenden die Grundlage für Barmherzigkeit ist, die dann wieder im Jenseits belohnt wird. So hat jedes Leid nicht nur sein Gutes, sondern es ist gut.
  2. Oder aber, jede Handlung gleich welcher Art folgt einem göttlichen Plan, einem "höheren Zweck", ist also vorherbestimmt. Ohne freie Handlung aber gibt es keine Moral - die Folge ist ein extremer moralischer Nihilismus. Gleichgültig, was ich auch tue, ich kann den Plänen Gottes nicht zuwider handeln (Prädestinationslehre).
  3. Oder aber, die Theodizee misslingt. In diesem Fall müsste man berechtigte Zweifel daran haben, dass Gott gut ist, womit er keine taugliche Basis für eine Moral darstellt.
Diese Implikation aus dem Theodizeeproblem wurde m. A. nach bislang nicht ausreichend berücksichtigt in Fragen der christlichen Moral. Wir haben hier neben Euthyphrons Dilemma ein zweites, schweres, ungelöstes Problem für die christlichen Theologen - aber auch für die Laien.

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8. Weitere Kritikpunkte

Dass Christentum führt zu moralischem Relativismus - denn jede Interpretation der göttlichen Gebote in der Bibel unterliegt den zeitgeistlichen Vorstellungen. Bibelkritik wird von den meisten Christen damit zurückgewiesen, dass man die befohlenen Gräuel im Rahmen der Zeit sehen muss, in der sie stattgefunden haben. Die Moral wird an der Basis nicht geändert, aber uminterpretiert, was im Effekt dasselbe ist.

Christliche Ethik führt zu moralischem Nihilismus (Leugnung moralischer Werte). Gegen Atheisten wird meist folgendes eingewandt:

  1. Wenn Gott nicht existiert, dann gibt es keine moralischen Werte
  2. Atheisten glauben nicht an Gott
  3. Daraus folgt: Atheisten haben keine moralischen Werte (= Nihilismus)
Daraus kann man folgendes Argument bilden:

  1. Wenn es keine guten Gründe gibt, an Gott zu glauben, dann ist der Nihilismus wahr
  2. Es gibt keine guten Gründe, an Gott zu glauben
  3. Daraus folgt: Der Nihilismus ist wahr
Das Christentum führt zu erkenntnistheoretischem moralischen Skeptizismus

Wenn eine Moral auf Gott basiert, wir aber nicht genau wissen können, was Gott will, dann muss man jeder christlichen Moral skeptisch gegenüber stehen. Das Problem besteht darin, dass man annehmen muss, dass moralische Aussagen entweder wahr oder falsch sind. Wenn man nicht genau weiß, was Gott für moralisch richtig hält und was nicht, dann kann man das aber nicht wissen.

Göttliche Offenbarungen stehen im Widerspruch zueinander. Christen untereinander, aber auch Juden und Muslime, berufen sich auf verschiedene Quellen göttlicher Offenbarung. Wenn es eindeutig wäre, welche Offenbarung samt ihrer Auslegung richtig ist, dann gäbe es darüber keinen Streit. Es gibt aber Streit darüber, weil man nicht klar erkennen kann, was Gott für richtig und für falsch hält. Offensichtlich gibt es keine guten Kriterien dafür, wie man diesen Streit entscheiden könnte.

Das Christentum führt zu amoralischem Skeptizismus

Angenommen, jemand glaubt, er habe die moralische Verpflichtung, nicht zu töten, aber er hat keine interne Motivation, dieses Gebot einzuhalten. Dann ist dieser jemand ein amoralischer Skeptizist.

Kann man glauben, eine moralische Verpflichtung zu haben, aber selber keine Motivation dazu? Ja:

  1. Man kann meinen, dass die anderen diese Verpflichtung haben, aber man selbst nicht (die 10 Gebote sind gut für die anderen, aber nicht für mich - oder, wie Ambrose Bierce einmal definierte: "Christ - jemand, der glaubt, dass das Neue Testament ein heilig inspiriertes Buch sei, bestens für die moralischen Bedürfnisse seines Nachbarn geeignet. Jemand, der den Lehren Christi folgt, insoweit sie nicht seinem sündigen Leben widersprechen".
  2. Man kann meinen, dass die anderen diese Verpflichtung haben, aber man stimmt nicht mit ihnen überein
Man kann - als Christ - nun einwenden, dass es eine externe Motivation gibt, nämlich die im Jenseits zu erwartende Belohnung oder Strafe. Wir wissen aber aus der Geschichte, dass dies nicht immer funktioniert hat. Die Belohnung/Bestrafung erfolgt in weiter Ferne und ist nicht sicher. Es ist auch nicht sicher, was nun genau belohnt oder bestraft wird, weil darüber die Ansichten auch unter Christen weit auseinander gehen.

Außerdem ist die Frage, ob dieses System gerecht ist, und daran muss man Zweifel haben (Argument der Unfairness).

Diese Frage erhebt sich vor allem deswegen, weil in verschiedenen christlichen Richtungen viel Wert auf den Glauben gelegt wird, für den man belohnt wird und weniger auf die Handlungen, und weil manchmal sehr auf die göttliche Gnade spekuliert wird. Dies deshalb, weil die moralischen Ansprüche teilweise so hoch sind, dass ein Mensch sie kaum erfüllen kann. Aber Gnade und Gerechtigkeit sind zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen.

Pragmatischer moralischer Skeptizismus

Vor allem die hohen Ansprüche, z. B. in der Bergpredigt, rechtfertigen einen Zynismus - die Anforderungen sind so hoch, dass man sie nicht erreichen kann, also kann man zynisch sagen, dass man es auch nicht versuchen sollte oder kann.

Im Gegensatz zum amoralischen Skeptizismus kann man die Motivation haben, den Geboten zu folgen, dies auch prinzipiell für richtig halten, aber dem aus pragmatischen Gründen nicht folgen.

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9. Eine Ethik jenseits des Glaubens

Nach all dieser Kritik muss man sich nun fragen, inwiefern Atheisten eine bessere Ethik aufstellen können. Dazu reicht der Verweis auf den Humanismus alleine nicht aus, denn die humanistischen Gebote sind meist nicht begründet, sie lassen sich auch kaum durchsetzen. Man kann skeptisch einwenden, aus welchem Grund ich allen anderen Menschen dieselben unveräußerlichen Rechte zubilligen sollte wie mir selbst.

Solange wir Atheisten auf diese Frage keine Antwort haben, solange wird die Moral des Christentums unsere Moral dominieren. Außerdem antworten viele Christen auf die Herausforderung des Humanismus damit, dass dieser aus dem Christentum abgeleitet worden ist (was historisch nicht ganz korrekt ist), und dass das Christentum für den Humanismus eine bessere Grundlage bietet. Aber aus meiner Kritik ist deutlich geworden, dass man gute Gründe hat, das anzuzweifeln.

Aber eine christliche Moral ist besser als keine Moral. Ohne eine Alternative stehen wir bei aller Kritik "mit leeren Händen" da. Grundlage einer atheistischen Ethik sollte dabei die Vernunft sein, so wie sie allgemein anerkannt wird. Ähnlich wie beim Glauben ist es allerdings so: Wer die Vernunft (oder die Logik) nicht anerkennt, für den bietet diese Moral keine Basis. Dieses Problem ist aber nicht zu umgehen - irgendetwas muss man als Basis anerkennen, um daraus Folgerungen zu ziehen.

Als Beispiel für eine atheistische Ethik nehme ich die Theorie von Roderick Firth des Idealen Beobachters sowie eine Ergänzung dazu, das weite reflektierte Gleichgewicht.

Firth Theorie des Idealen Beobachters

Diese Theorie geht auf David Hume und Adam Smith zurück.

Die Idee dahinter ist simpel. Wir analysieren moralische Handlungen wie etwa "Es war falsch von Paul, dass er das Buch gestohlen hat" oder "Es gibt dem Augenschein nach eine moralische Verpflichtung, seine Versprechen zu halten" oder "Es ist moralisch falsch, Menschen ohne Grund zu foltern", in dem wir überlegen, wie ein Idealer Beobachter darauf reagieren würde. Dabei handelt es sich um einen idealisierten Menschen, der über folgende Eigenschaften verfügt:

  1. Er ist allwissend, kennt also alle Tatsachen, die zu der Beurteilung einer Handlung notwendig sind
  2. Er ist völlig unparteiisch, hat also keine eigenen Interessen und ist leidenschaftslos
  3. Er ist vollständig rational konsistent
  4. Er verfügt über eine vollkommene Empathie, kann sich daher in alle (beteiligten) Menschen völlig hinein versetzen, ja, man kann sagen, er ist jeweils identisch mit allen Beteiligten
  5. Er ist fiktiv, nur ausgedacht, ähnlich wie der ideale Beobachter in der Physik
Nun können wir moralische Aussagen analysieren:

Es ist moralisch falsch, einen Menschen zu töten = Wenn es einen Idealen Beobachter gäbe, würde ihm das Töten eines Menschen missfallen.

Wir können uns diesem Idealen Beobachter annähern, in dem wir selbst uns in seine Lage versetzen. Würden wir die Handlung "Paul hat Susanne angelogen", unter Kenntnis aller relevanten Tatsachen, wenn wir unparteiisch sind und uns in Paul und in Susanne hinein versetzen, missbilligen? Was für ein Gefühl wurde es in uns auslösen, wenn wir uns in Paul und in Susanne hinein versetzen?

Dies passt gut mit unserer Vorstellung von Moral im Alltag zusammen. Wir würden das moralische Urteil eines Menschen über eine Handlung ablehnen, wenn dieser Mensch parteiisch ist oder nicht alle relevanten Tatsachen kennt.

Meinungen über die Moral konvergieren, je besser die Menschen über alles informiert sind, wenn sie unparteiisch sind und sich genau in die Lage aller Beteiligten hinein versetzen können. D. h. Je mehr wir uns dem Idealen Beobachter annähern, umso besser werden unsere moralischen Beurteilungen.

Wir gehen davon aus, dass eine Handlung entweder moralisch richtig oder falsch ist. Außerdem nehmen wir normalerweise an, dass ein moralischer Relativismus abzulehnen ist, dass also eine moralische Beurteilung folgender Art falsch ist:

Eine Handlung ist moralisch verpflichtend = Wenn diese Handlung in der jeweiligen Kultur als moralisch verpflichtend angesehen wird. So würden wir z. B. nicht zustimmen, wenn jemand sagt: "In der Kultur der Azteken wurde es allgemein als moralisch verpflichtend angenommen, dass man Menschen opfern muss, daher war es für die Azteken moralisch richtig, Menschen zu opfern". Anders gesagt, die Theorie des Idealen Beobachter stützt keinen moralischen Relativismus, sondern ist ein objektive Theorie moralischer Werte.

Sie ist deswegen objektiv, weil sie nicht von rein subjektiven Zuständen ausgeht, außerdem von objektiven moralischen Tatsachen. Die Theorie lässt sich auch empirisch verifizieren, in dem man untersucht, welche Tatsachen eine Rolle spielen und welche Gefühle die Beteiligten Personen haben, und ob unvoreingenommene Beobachter zu denselben Schlussfolgerungen gelangen. Außerdem, das Gefühl des Missbilligens von Handlungen kennen wir alle.

Natürlich ist diese Theorie eine Idealisierung - ähnlich wie in der Physik, wo es auch kein perfektes Vakuum oder einen reibungslosen freien Fall gibt.

Um die Eigenschaften des Idealen Beobachters festzulegen, müssen wir uns darauf einigen, welche der Eigenschaften er haben muss. Dazu müssen wir berücksichtigen, welche Eigenschaften wir bei einer rationalen moralischen Entscheidung explizit oder implizit als besonders gut ansehen. Die von mir zuvor erwähnten Eigenschaften sind die, die wir selbst allgemein als eine gute Grundlage für eine moralische Entscheidung ansehen.

Wie sehen die Inhalte einer solchen Moral aus? Das ist etwas, auf das wir uns einigen müssen, ich kann hier natürlich nicht einer Einigung vorgreifen und inhaltlich vorstellen, was ich für eine gute Moral halte. Es handelt sich bei dieser Moral um eine Basis, sich zu einigen, was auch voraussetzt, dass sich nicht einer alleine hinsetzt und eine Moral austüftelt, die dann alle anderen zu akzeptieren haben.

Der Ideale Beobachter ist ansonsten ein "normaler" Mensch, was ihn ganz deutlich von einem theistischen Gott unterscheidet - abgesehen davon, dass er fiktiv ist. Mit der Theorie des Idealen Beobachters haben wir eine gute Grundlage, um moralische Ausdrücke zu analysieren und zu bewerten.

Die Theorie des Idealen Beobachters ähnelt in gewisser Hinsicht den theistischen Moralvorstellungen, aber sie ist gänzlich atheistisch, was sich schon daraus ergibt, dass der Ideale Beobachter eine Fiktion ist und dass ihm wichtige göttliche Eigenschaften fehlen, wie z. B. die Allmacht, die Körperlosigkeit, er ist kein Schöpfer, befindet sich nicht außerhalb von Raum und Zeit, er offenbart sich nicht, er tut keine Wunder, ist kein Objekt von Verehrung und Anbetung und er ist nicht unsterblich.

Daraus ergibt sich einerseits, dass es sich nicht um eine bloße Kopie theistischer Moralvorstellungen handelt. Der Ideale Beobachter hat weder das mit Euthyphrons Dilemma aufgezeigte Problem noch braucht er eine Theodizee, weil er uns nicht vor Übeln bewahrt, sondern nur der Analyse von moralischen Aussagen dient.

Vor allem lässt sich der Ideale Beobachter gut in die vorhandene moralische Praxis einbinden und seine Begründung erfolgt rein rational.

Eine der Begründungen lautet wie folgt: Eine Moral sollte nicht auf Zufällen aufbauen. Das ich als Person existiere ist etwas, was ich vielen verschiedenen Zufällen verdanke. Meine Eltern mussten sich finden, meine Großeltern und Urgroßeltern ebenfalls usw. usf. Ich könnte auch jeder von Ihnen, der hier sitzt, sein sowie irgend jemand anders, oder ich könnte nicht existieren. Wenn ich also als Mensch handle, so sollte ich berücksichtigen, dass ich auch jede der anderen Personen sein könnte, die von dieser Handlung betroffen sind. Wie würde ich an ihrer Stelle auf meine Handlungen reagieren? Wie würde ich wollen, dass andere Menschen handeln, wenn ich von ihren Handlungen betroffen bin und umgekehrt? Diese Betrachtungsweise bezeichnet man als Goldene Regel, und sie ist älter als das Christentum. Nur wenn ich mich so verhalte, wie ich wollte, dass andere sich verhalten, kann ich auch erwarten, dass andere sich so verhalten, wie ich es wünsche.

Weites reflektiertes Gleichgewicht

Dies ist eine weitere Theorie der moralischen Entscheidung, die sich sehr gut mit der Theorie des Idealen Beobachters kombinieren lässt. Auf ihr basiert beispielsweise John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Diese moralische Theorie versucht, ethische Prämissen so zu begründen, dass sie mit unseren Vorstellungen, was moralisch ist und unserem Wissen über diese Welt in einem Gleichgewicht befindet.

Die Anforderungen an diese Theorie sind dieselben wie bei wissenschaftlichen Untersuchungen. Mit dieser Theorie soll begründet werden, wie die Moral einer idealen menschlichen Gesellschaft begründet wird, unser Wissen, unser Glauben, unsere Vorannahmen, Menschenbild etc. vorausgesetzt. Alle diese Vorstellungen müssen sich in einem Gleichgewicht befinden und dürfen keine logischen Inkonsistenzen aufweisen. Gibt es Inkonsistenzen, so müssen diese behoben werden.

Ich will diese Theorie hier nicht vollständig darstellen, sondern lieber ein praktisches Beispiel dafür zeigen.

Man kann nämlich ihre Auswirkungen gut an John Rawls Vorstellungen über Gerechtigkeit zeigen. Angenommen, wir wollen eine Entscheidung darüber treffen, ob Homosexuelle dieselben gesellschaftlichen Rechte wie heterosexuelle Bürger haben. Dann kann man die Menschen fragen, ob das der Fall sein sollte, wobei man ihnen für die Entscheidung folgende Voraussetzungen mitgibt:

  1. Sie können frei entscheiden, wie die Rechte der Homosexuellen in einer idealen Gesellschaft aussehen sollten. Das geht von "gleichen Rechten" für Homosexuelle bis hin zur Extremvorstellung der "Todesstrafe für Homosexuelle" (mit sämtlichen denkbaren Zwischenvorstellungen).
  2. Sie sollten aber dabei bedenken, dass sie in diese ideale Gesellschaft, deren Rechte sie begründen, hinein geboren werden und dort leben müssen mit ihrer Entscheidung.
  3. Sie wissen vorher nicht, ob sie als homo- oder heterosexueller Mensch in dieser Gesellschaft geboren werden. Die Wahrscheinlichkeit, homosexuell zu sein, beträgt etwa 7-10%.
Und nun entscheiden Sie ... ist es richtig, unter diesen Voraussetzungen Homosexuelle in einer zu bildenden neuen, idealen Gesellschaft zu diskriminieren? Wenn man unter diesen Umständen die Frage mit "Nein" beantwortet, dann ist es offensichtlich moralisch richtig, Homosexuelle nicht zu diskriminieren.

Man kann damit auch verschiedene andere moralisch-gesellschaftliche Fragen klären, z. B. die Frage, ob in einem Steuersystem die Reichen den Armen etwas abgeben sollten, vorausgesetzt, man weiß vorher nicht, ob man arm oder reich sein wird.

Wir sehen, dass man wie bei der Theorie des Idealen Beobachters hier von seinem persönlichen Status, seinen Interessen und Vorlieben absehen muss, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Man kann also die obige Frage besser beantworten, wenn man sich überlegt, wie ein Idealer Beobachter sich entscheiden würde.

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10. Zusammenfassung und Schluss

Folgende Punkte habe ich in diesem Vortrag angesprochen:

  1. Die Kritik der Christen eines "Atheismus ohne Moral" ist berechtigt, wenn wir nicht eigene Vorstellungen über eine Moral entwickeln und diese in die Gesellschaft einbringen.
  2. Dies wirft die Frage auf, ob im Gegensatz zur christlichen Moralauffassung eine Moral ohne Gott möglich ist.
  3. Um diese Frage zu klären, habe ich Euthyphrons Dilemma aufgeführt. Dieses Dilemma stellt die Frage, ob beispielsweise Nächstenliebe gut ist, weil Gott diese für richtig hält, was bedeutet, richtig und falsch unterliegen der Willkür Gottes, oder ob Nächstenliebe unabhängig von Gott richtig ist - und wenn man diese Frage beantworten kann, dann ist die Basis der Moral offensichtlich unabhängig von Gott.
  4. Daraus folgt, dass selbst wenn es Gott gäbe, eine Moral stets nach menschlichen Maßstäben gebildet werden müsste - oder kurz: eine vernünftige Moral ist atheistisch.
  5. Aus den skizzierten Ursprüngen der Moral folgt, dass die Basis unserer Moral nicht religiöse Vorstellungen sind, sondern dass umgekehrt sich die religiöse Moral aus natürlichen Vorstellungen heraus entwickelt hat, aus der Rationalisierung natürlicher menschlicher Verhaltensweisen.
  6. Auch das Theodizeeproblem hat schwer wiegende Folgen für die christliche Moral - entweder muss man berechtigte Zweifel an der Güte Gottes haben, oder aber es folgen aus der Theodizee moralische Absurditäten, beides bietet keine guten Grundlagen für eine Moral.
  7. Nach diesen und einigen weiteren Kritikpunkten muss man sich fragen, wie eine Moral ohne Gott aussehen könnte.
  8. Dazu habe ich zwei moralische Theorien kurz vorgestellt: Firth Theorie des Idealen Beobachters und das weite reflektierende Gleichgewicht, welches ich anhand von Rawls Theorie über die Gerechtigkeit in einem Beispiel vorgestellt habe.
  9. Man kann zusammenfassend sagen, dass die christliche Moral ernste Probleme hat, die bislang nicht zufriedenstellend gelöst worden sind - obwohl beide Probleme länger bekannt sind als das Christentum! Außerdem folgt daraus, dass eine Moral ohne Gott nicht nur möglich ist, sondern darüber hinaus auch auch notwendig.

Ich möchte zum Abschluss noch ein paar persönliche Anmerkungen machen. Ich bin als katholischer Christ aufgewachsen und erzogen worden, ich war selbst lange Zeit gläubig. Aber noch lange nachdem ich inhaltlich das Christentum verworfen hatte, war ich weiterhin Mitglied der katholischen Kirche. Es gab einen guten Grund, warum ich nicht früher ausgetreten bin: die Moral. Ich war Agnostiker und hatte meine Zweifel an der Existenz Gottes, aber in mir war tief die Vorstellung verwurzelt, dass es ohne den Glauben an Gott keine Moral geben könnte. Ich denke, da draußen gibt es noch ziemlich viele Kirchenmitglieder, die mit ihrer Kirchensteuer die katholische Kirche unterstützen, obwohl weder die Institution Kirche noch der Glauben an Gott sie dort hält. Dafür gibt es viele gute Gründe - die Gemeinschaft der Christen, die kirchlichen Rituale, die Caritas der Kirchen, die Hochzeiten und Begräbnisse - aber vor allem das berechtigte Gefühl, dass es außerhalb der Kirche keine moralische Stütze gibt, dass alleine die Kirche der alleinige Hort und der Garant für eine Moral ist. Diese Menschen dürfen wir nicht alleine lassen, eine bloße Kritik der christlichen Moral ohne Alternativen ist zu wenig.

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Verwandte Themen

Euthyphrons Dilemma I Der erste Text auf meiner Website, der sich mit Euthyphrons Dilemma beschäftigt.

Euthyphrons Dilemma II Fortsetzung zu dem ersten Text.

Das Theodizeeproblem Einführung in das Theodizeeproblem.

Die Rechtfertigung Gottes Erweiteter Text zum Theodizeeproblem.

Die Offenbarung und das Theodizeeproblem Das Verhältnis von Offenbarung und Theodizee.

Weiterführende Links zum Thema

Euthyphrons Dilemma. Das ist der Originaltext, ein sokratischer Dialog.

Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Theodizee

Siehe auch meine Liste mit interessanten Links.

Interessante Literatur zum Thema

Boyer, Pascal: 2004, Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta , Stuttgart. Eine anthropologische, neurobiologische und linguistische Theorie, warum der Mensch Gott erfinden musste, eine Theorie sämtlicher existierender Religionen - gründlich fundiert und experimentell abgesichert. Ein Muss, wenn man wissen will, wieso die Religionen entstanden sind.

Dahl, Edgar (Herausgeber): 1995, Die Lehre des Unheils. Fundamentalkritik am Christentum., Goldmann, München. Kritik am Christentum von verschiedenen Autoren.

Drange, Theodore M.: 1998, Nonbelief and Evil: Two Arguments for the Nonexistence of God, Prometheus Books, New York. Zwei Argumente für die Nichtexistenz des (christlichen) Gottes, eines davon ist das Theodizeeproblem, hier systematisch dargestellt und mit einer Widerlegung der meisten bekannten Lösungen des Problems.

Martin, Michael: 2003, Atheism, Morality, and Meaning (Prometheus Lecture Series), Prometheus Books, New York. Sehr gutes Werk mit einer Begründung der atheistischen Moral und dem Sinn des Lebens, zugleich eine Fundamentalkritik an der christlichen Moral.

Streminger, Gerhard: 1992, Gottes Güte und die Übel der Welt, Das Theodizeeproblem, Mohr Siebeck, Tübingen. Hervorragende Auseinandersetzung mit dem Thema und eine Widerlegung sämtlicher gängiger und weniger gängiger Theodizeen, wobei der philosophische Beweis geführt wird, dass das Problem unlösbar ist.

Das ist nur ein Ausschnitt aus meinem Literaturverzeichnis. Dort finden Sie noch weitere Literatur zum Thema.



Anmerkungen:
  1.  Ein besseres Beispiel wäre die Mukoviszidose, eine zystische Fibrose, autosomal-rezessive Erbkrankheit, bei der es durch einen Gendefekt zur Fehlbildung eines für die normale Schleimproduktion exokriner Drüsen erforderlichen Transportproteins kommt. (Zurück)
  2.  Natürlich wäre es für uns nicht gut, wenn Gott alles Leid von uns nehmen würde, vor allem, weil einiges Leid durchaus gerechtfertigt ist. Deswegen ist auch nur von Übeln die Rede, d. h. ungerechtfertigtes Leid, Leid ohne Grund, und vor allem Leid, welches uns keine Möglichkeit gibt, uns zu verbessern. Wenn Gott uns alle Hindernisse nehmen würde, wäre es für uns nicht gut, denn wir sind durchaus nicht an ein Leben im Paradies angepasst, sondern an diese Welt. Wir brauchen das Überwinden von Schwierigkeiten, um uns wohl fühlen zu können.

    Allerdings - dies wird oft übersehen - ist dies ein Einwand gegen das verheißene Paradies selbst, gegen die Heilserwartung. Außerdem, weil es Leid gibt, sind wir an dieses Leid angepasst - gäbe es kein Leid, wären wir an das Nichtvorhandensein von Leid ebenfalls angepasst, damit entfiele dieser Einwand. (Zurück)

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