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Wege zur Erlösung
Beim Theodizee-Problem haben wir bereits gesehen, wie durch das Konzept vom allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott Widersprüche in die Argumente gelangen, die nicht aufzulösen sind. Das von Apologeten eingeführte Argument, dass Menschen einen freien Willen haben, wird durch die Bibel aber kaum gestützt. Aus der Bibel kann man genauso gut eine Prädestinationslehre begründen, wie es Calvin getan hat: Gleichgültig, wie man handelt, ob man errettet wird oder nicht, es ist bereits vor der Geburt eines Menschen festgelegt.
Wir haben hier eines der Gebiete, wo die Bibel voller schwerster Widersprüche steckt. Und dies ausgerechnet bei der zentralen Frage, wie man Erlösung erlangen kann! Ähnlich viele Widersprüche finden wir nur noch in der anderen zentralen Geschichte, die der Auferstehung (siehe auch →Leave No Stone Unturned. Folgende Möglichkeiten zur Erlangung des Heils bietet die Bibel an:
Wege zur Errettung/Erlösung [1]:
- Glauben: Durch den Glauben alleine
- Werke: Durch gute Werke alleine
- Glauben und Werke: Durch den Glauben in Verbindung mit guten Werken
- Gnade: Durch die Gnade Gottes, einem Geschenk
- Willkür: Durch die Willkür Gottes
- Vorherbestimmung: Durch die Vorauswahl oder Vorherbestimmung (= Prädestination) der zu Rettenden
- Universalismus: Alle Menschen werden erlöst
- Annihilismus: Kein Mensch wird erlöst
Im Weiteren gebe ich Belege aus der Bibel an, die die jeweiligen Positionen stützen. Wer danach verwirrt ist, teilt die Verwirrung, die unter Christen herrscht. Die "Lösung" besteht für die Mehrheit der Christen darin, sich eines dieser Konzepte herauszupicken und die anderen zu ignorieren (bzw. einem anderen - einer Kirche - in der Auswahl zu folgen). Die Mehrheit der Christen kennt die Bibel nicht und kann daher auch nicht beurteilen, wie verworren das Ganze ist. Kirchen, die ein bestimmtes Konzept vertreten, zitieren dann meist selektiv genau das, was ihre Auffassung stützt. Die wenigen Gläubigen, die die Bibel komplett lesen, lesen gläubig, d. h. mit einem vorgefassten Interpretationsmuster im Kopf, das auf alle Textstellen angewendet wird - auch eine Form des selektiven Lesens bzw. des selektiven Uminterpretierens. Dies ist angeblich auch die einzige Methode, die Bibel "richtig" zu lesen, die Ungläubige selbstverständlich nicht beherrschen (weswegen sie dann zu so ungeheuerlichen Behauptungen kommen, die Bibel stecke voller Widersprüche). Für mich ist "gläubiges Lesen" ein Synonym für "selektiv, voreingenommen und unkritisch [2] lesen". Deswegen weise ich die Behauptung auch zurück, nur als Gläubiger könne man die Bibel wirklich lesen - eher im Gegenteil.
Die Werke von Homer kann man schließlich auch lesen und verstehen, ohne ein unbedingter Fan von ihm zu sein. Und was für ein seltsames Verständnis von "Verstehen" steckt dahinter, wenn man erst an etwas glauben muss, um es verstehen zu können?
Nur der Glauben rettet uns
Glauben beginnt dort, wo die Vernunft endet. Wir haben gesehen, dass die Vernunft ihre Grenzen hat, und so scheint dies zunächst ein einleuchtendes Konzept zu sein (welches ich an anderer Stelle kritisiere). Hier die Textstellen, die "beweisen", dass nur der Glaube den Gläubigen vor der ewigen Verdammnis (wenn man daran auch glaubt) rettet bzw. zur Erlösung vom sündigen Leben im Diesseits wie im Jenseits führt:
→Johannes 14:6
→Johannes 3:18
→Johannes 3:36
→Johannes 5:24
→Apostelgeschichte 16:30-31
→Johannes 8:24
→Markus 16:16
→1 Korinther 3:11
Bei den obigen Bibelstellen muss man noch hervorheben, dass sie nicht nur sagen, dass der Glauben rettet, sondern auch, dass nur der Glauben rettet. Das ist schon recht eindeutig. Andere Verse betonen die Rolle des Glaubens, wenn auch nicht in dieser Ausschließlichkeit:
→Johannes 3:16
→Johannes 6:28-29
→Johannes 6:47
→Apostelgeschichte 4:12
→Apostelgeschichte 13:39
→Römers 5:1
→Galater 3:11
→2 Timotheus 3:15
→Hebräer 11:6
→Epheser 2:8-9
Aus dem letzten Vers werden die Werke übrigens explizit ausgeschlossen! Wir haben also genügend Bibelstellen beisammen, um zu "beweisen", dass man nur durch den Glauben bzw. hauptsächlich durch den Glauben gerettet wird.
Nur durch gute Werke werden wir errettet
Auch die Errettung durch gute Taten wird propagiert. Es spielt also keine Rolle, was man glaubt oder wie intensiv man glaubt. Sehen Sie selbst:
→Mica 6:8
→5 Mose 10:12-13
→Prediger 12:13
→Matthaeus 19:16-18
→Lukas 18:18-22
→Psalm 62:12-13
→Lukas 19:8-9
→Psalm 15:1-3
→Johannes 5:28-29
→Jakobus 2:21
→Jakobus 2:25
→Matthaeus 7:24
→1 Mose 4:7
→Hesekiel 18:4-9
→Matthaeus 16:27
→Lukas 10:25-28
Alle diese Passagen zeigen, dass es wichtig ist, was man tut und nicht wichtig, was man glaubt. Diese stehen also im Widerspruch zu den Stellen im vorigen Kapitel. Die Verteidigung der Apologeten besteht nun darin, zu sagen: "Bevor Jesus gekreuzigt wurde, bestand die einzige Möglichkeit in den Werken, nach seinem Opfergang aber im Glauben". Wenn Sie das plausibel finden, dann habe ich hier Textstellen für Sie, die erst nach der Kreuzigung entstanden sind:
→2 Korinther 5:10
→1 Korinther 7:19
→1 Korinther 9:24
→Apostelgeschichte 10:35
→Offenbarung 22:14
→Offenbarung 22:12
→2 Petrus 1:10
→Römers 2:5-6
→Römers 2:13
→Jakobus 1:27
→Offenbarung 20:12-15
Also auch nach dem Kreuz werden Menschen (nur) nach ihren Werken beurteilt. Weitere wichtige Verse:
→Lukas 14:13-14
→Lukas 14:23-24
→Lukas 18:29-30
→Matthaeus 7:21
→Matthaeus 10:42
→Johannes 6:27
→2 Korinther 6:17
→Jakobus 1:25
Und noch ein paar Verse, die zeigen, dass Glauben nutzlos ist und alleine die Werke wichtig sind. Diese stammen alle aus Jakobus, von Luther geschmäht, weil die Textstellen dem Glauben der Protestanten genau entgegengesetzt sind:
→Jakobus 2:24
→Jakobus 2:17
→Jakobus 2:20
→Jakobus 2:26
→Jakobus 2:14
Nur der Glauben in Verbindung mit guten Werken errettet uns
Aus diesem Dilemma haben einige Apologeten den nahe liegenden Ausweg gewählt und die Erlösung von beidem abhängig gemacht: Glauben und Werken. Aber in beiden vorigen Abschnitten haben wir Stellen gesehen, die die andere Methode jeweils ausschließt, vor allem im Jakobusbrief. Insofern steht diese Position im Widerspruch zu den Textstellen, die ausschließlich sind in beiden vorigen Abschnitten. Das macht den Widerspruch nicht kleiner. Vor allem erhebt sich jetzt die Frage nach der Gewichtung ... und kann aus der Bibel nicht beantwortet werden.
Nur die Gnade rettet uns
Gnade ist ebenfalls für die Erlangung der Erlösung wichtig. Und obwohl genügend Textstellen da sind, die entweder Glauben oder gute Werke verlangen, kann es doch nicht ohne Gnade gehen oder vielleicht doch durch Gnade ohne Glauben und ohne Werke? Oder Gnade mit Glauben, aber ohne Werke? Oder Gnade mit guten Werken, aber ohne Glauben? Jede dieser Positionen lässt sich belegen:
→Johannes 6:44
→1 Korinther 12:18
→Römers 9:16
→Johannes 3:27
→Titus 3:5
→Jesaja 43:25
→Apostelgeschichte 15:11
→Apostelgeschichte 22:14
→Jeremia 30:21
→Römers 3:24
→Römers 6:23
→Römers 11:5-6
→Epheser 2:5
→Psalm 86:13
Gnade, die auf Werken beruht wie in →Römers 11:5-6 wäre kein Geschenk - seit wann muss man sich ein Geschenk verdienen? Wenn man annimmt (wie einige Apologeten), dass einige Menschen aufgrund ihrer Werke, andere aufgrund ihres Glaubens, wieder andere durch eine Mischung, noch andere wieder aufgrund von Gnade errettet werden, dann wäre dieses trotzdem ein Kuddelmuddel. Wonach soll man sich denn richten? Aber wir sind noch nicht am Ende. Es wird immer besser.
Das Konzept der Gnade wäre ja ganz nett, aber wenn es mir sowieso aus der Hand genommen wurde, ob ich errettet werde oder nicht ... was soll ich dann noch tun? Nichts? Einige Christen glauben ja (gestützt auf einige Bibelverse, wie wir gesehen haben), dass Erlösung eine Gnade ist, ein freies Geschenk des Christentums an die Welt, wie in →Epheser 2:8-9 zum Ausdruck kommt (und zwar deutlich). Na gut, so ganz frei ist es denn doch nicht, das wäre gelogen, man muss doch Jesus als den persönlichen Erlöser akzeptieren (weitere Bedingungen werden dann danach bekannt gegeben). Auch dieser Glauben muss erarbeitet werden ... dieses seltsame Verständnis, Gnade bekommt man, wenn man für den Glauben arbeitet, kommt auch in einigen Versen zum Ausdruck:
→1 Thessalonicher 1:3
→1 Thessalonicher 1:11
→Johannes 6:29
→Galater 5:4-6
Also obwohl es eine Gnade ist, muss man etwas dafür tun? Das wird ja immer schöner ... dabei sind wir noch nicht am Ende.
Es ist der Willkür Gottes anheim gestellt, ob wir gerettet werden oder nicht
Ein anderes Wort für "Gnade" wäre aber "Willkür". Rettung durch Gnade widerspricht nämlich →Römers 2:11 und →Epheser 6:9 eklatant. Wenn Gott also Gnade gewährt ohne Ansehen der Person, dann wäre es Willkür. Willkommen in der Erlösungslotterie!
Wenn im Widerspruch zu den Behauptungen der Bibel, nach denen nur der Glauben oder nur die Werke oder eben die Gnade zählt oder eine beliebige Mischung daraus, dann wäre auch dies eine hübsche Willkür. Soll man jetzt mehr glauben als handeln und auf Gnade hoffen oder umgekehrt?
Wenn Ihnen das nächste Mal jemand erzählt, er hätte eine frohe Botschaft für sie und wüsste, wie Sie zu erretten seien, dann lassen Sie sich den Heilplan genau erklären, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.
Wer errettet wird, ist vorherbestimmt
Das Konzept der Prädestination ist für die Theodizee entscheidend. Denn wenn vorherbestimmt ist, wer errettet wird und wer nicht, dann spricht dies für die Allwissenheit Gottes aber gegen den freien Willen des Menschen.
Aus folgenden Textstellen der Bibel wurde (und wird) die Prädestination herausgelesen bzw. herausinterpretiert:
→Epheser 1:4-5
→Roemer 8:29-30
→Epheser 1:11
→Apostelgeschichte 13:48
→Epheser 2:10
→Psalm 139:16
→1 Thessalonicher 5:9
→Sprueche 16:9
→Hiob 23:14
→1 Korinther 7:17
→Sprueche 20:24
→Johannes 6:44
→Sprueche 19:21
→Sprueche 16:33
→Hiob 14:5
→Apostelgeschichte 17:26
→Apostelgeschichte 2:47
→Psalm 37:23
→Daniel 11:36
→Matthaeus 20:23
→Apostelgeschichte 4:28
→Offenbarung 17:8
→2 Timotheus 1:9
→Matthaeus 25:34
→1 Petrus 2:9
→Jeremia 1:4-5
→Judas 1:4
→1 Petrus 1:20
→Offenbarung 13:8
→Offenbarung 20:15
Abgesehen davon, dass eine Prädestinationslehre sich verheerend auf die Moral der Menschen auswirkt, so verdeutlicht sie das Problem der Theodizee nochmal: Adam und Eva sündigen, woraufhin sie und alle ihre Nachfahren aus der Nähe Gottes verstoßen werden. Dann gibt Gott den Menschen einen äußerst widersprüchlichen Heilsplan, dessen einer Teil im Widerspruch zu anderen Teilen der Bibel besagt, dass genau vorher festgelegt wurde, wer den nun errettet wird und wer nicht.
Aus allen diesen Textstellen lässt sich ablesen, dass - nach der Bibel - der Mensch eben keinen freien Willen besitzt. Folglich ist der Mensch nicht für das Böse verantwortlich, sondern alles Böse kommt von Gott. Eine Folge der Vorstellung, Gott sei allmächtig!
Alle Menschen werden errettet
Das ist ein Thema, welches Apologeten möglichst meiden bzw. vermeiden. Dabei wäre das ja eigentlich die "wahre" frohe Botschaft: Alle Menschen werden errettet. Das sagt die Bibel:
→Johannes 12:32
→1 Timotheus 4:10 Der Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen - nicht nur der Gläubigen.
→1 Korinther 15:22
→Markus 3:28
→Römers 5:18
→Römers 11:32
→1 Johannes 2:2
→Johannes 1:29
Weitere, wenn auch nicht so ganz überzeugende Verse:
→Johannes 1:9
→1 Timotheus 2:4
→Titus 2:11
→Hebräer 2:9
→2 Korinther 5:19
→Epheser 1:10
→Apostelgeschichte 3:21
→Kolosser 1:19-20
→2 Petrus 3:9
→Philipper 2:10
Auch der Universalismus hat seine Anhänger im Christentum! Übrigens gibt es noch mehr Wege, um errettet zu werden, die ich Ihnen hier nicht unterschlagen möchte - zur allgemeinen Verwirrung tragen sie allemal bei:
→Apostelgeschichte 2:21
→Römers 10:13
→Römers 8:24
→Apostelgeschichte 10:35
→Johannes 6:50-54 Immerhin führt uns diese Stelle zu dem rituellen Kannibalismus, der als Bestandteil christlicher Messen zelebriert wird ...
Kein Mensch wird errettet
Dies ist sicher kein Weg zur Errettung, passt also nur insoweit zum Thema "Errettung" als hier demonstriert, wie viele widerstreitende Konzepte und Ideen es in der Bibel gibt.
→Prediger 9:5
→Prediger 3:19-21 Das ist doch deutlich, oder? Wenn man nun sagt: "Ja, aber der neue Bund ..." dann erhebt sich die Frage, wieso Jesus so spät kam, und was mit den Menschen vor dem neuen Bund war. Sind die alle verloren? [3]
→Psalm 88:11
Damit werden alle vorherigen Textstellen null und nichtig.
Die Taktik der Apologeten im Umgang mit den Widersprüchen ist folgende: Zuerst entscheidet man sich für eine bestimmte Interpretation. Dann betrachtet man alle anderen Stellen einzeln, um durch die Brille dieser (vorher festgelegten) Interpretation diese so umzuinterpretieren, dass es wieder passt. Wenn man eine Reihe von Apologeten damit beauftragt, ist der Streit quasi vorprogrammiert, da sich (fast) jeder für eine andere Sichtweise entscheidet [4].
Es gibt eine Regel für die Exegese (Auslegung), die besagt, dass wenn eine Textstelle in verschiedene Richtungen interpretiert werden kann, man diejenige nimmt, die nicht zu anderen Versen im Widerspruch steht. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass es keine Widersprüche gibt. Wenn man menschliche Werke (z. B. diese Website) nimmt, dann ist das keine sinnvolle Ansicht, denn ich bin mir sogar sicher, dass ich mir an verschiedenen Stellen widersprochen habe - denn meine Auffassungen haben sich beim Schreiben dieser Texte entwickelt. Wenn also jemand in meinen Texten einen Widerspruch entdeckt, dann werde ich nicht zögern, die Texte zu ändern. Die Bibel aber kann man nicht (beliebig) ändern, weil sie als das unverrückbare Wort Gottes angesehen wird. Also muss man Um- oder Neuinterpretieren (oder Neuübersetzen, ein beliebter Trick bei Widersprüchen ist, auf das griechische oder hebräische Original zurückzugreifen und mit den Bedeutungen zu spielen, bis es wieder passt - wenn Sie zufällig weder griechisch noch hebräisch können, dann haben Sie schlechte Karten in diesem Spiel).
Die im vorigen Absatz zitierte Regel basiert auf zirkulärer Logik: Man nimmt an, die Bibel ist widerspruchsfrei, also interpretiert man sie so, dass die Widerspruchsfreiheit sich aus der Interpretation ergibt. Um dann damit die Widerspruchsfreiheit, die man angenommen hat, zu "beweisen" ...
Man könnte also sagen, dass die Widerspruchsfreiheit durch den Akt der Interpretation erst hergestellt wird. In der nicht-theologischen Textkritik gilt dies als Fehler, hier ist es Methode. In der historisch-kritischen Methode geht man nicht von Vorannahmen aus, sondern versucht den Text kritisch zu lesen, also auch "gegen den Strich". Nur so kann man eventuell vorhandene Widersprüche tatsächlich aufspüren. Wir können also wieder feststellen, dass gläubiges Lesen und Interpretieren auf dem Ausblenden von Kritik beruht und daher auf Stufe 2 der Erkenntnis stehen geblieben ist.
Es gibt auch Gläubige, die die Bibel kritisch lesen, aber sie lesen sie selektiv-kritisch, d. h. sie kritisieren die Textstellen, die nicht ihrer Meinung entsprechen. Das entspricht auch zirkulärer Logik, denn woher soll die Meinung dann stammen? Aus der Bibel jedenfalls nicht, sondern wieder aus einem Vorverständnis.
Es ist zwar unmöglich, einen Text ohne Vorverständnis zu lesen, aber ohne ein gewisses Maß an Selbstkritik und in dem Bewusstsein der eigenen Voreingenommenheit geht dies mit Sicherheit schief. Aber Selbstkritik wird erst auf Stufe 3 der Erkenntnis ernst genommen ... und dort finden wir keine Religion mehr vor. Höher- oder weiterentwickelte Erkenntnisformen sind meist religionsfrei.
Zusätzliche Anmerkung:
Aus der Vielzahl der möglichen Interpretationen pickt sich jede christliche Gruppe nun eine heraus, die entweder durch wörtliches Verständnis oder durch Exegese entstanden ist, und dann wird mir vorgeworfen, ich würde die Bibel zu wörtlich nehmen oder zu weit hergeholt interpretieren. Das mag ja sein, aber für jede Interpretation kann man eine Gruppe von Christen finden, die dies genau so glaubt! Diese Verwirrung findet eben nicht in meinem Kopf statt, sondern ist eine objektiv existierende Verwirrung innerhalb des Christentums. Und selbstverständlich wirft sich jede Gruppe gegenseitig (und alle mir) ein falsches Verständnis vor und genau dies ist das Problem. Es ist auch völlig unmöglich, zu irgendeiner Auffassung zu kommen, für die man keine christliche Kritiker finden kann. Wer also nur einfach sagt, meine Interpretation sei falsch, der hat das Kernproblem nicht verstanden. Jede mögliche Interpretation ist falsch, dies ist eine starke Evidenz gegen den Offenbarungscharakter der Bibel selbst. Wenn Gott irgendeine Konsequenz für uns fordern würde - würde er dies so tun, dass wir ihn missverstehen müssen und uns auf keine Interpretation einigen können? Abgesehen davon gibt es ohnehin weitere Probleme mit allen Formen göttlicher Offenbarung aus zweiter Hand.
Subjektiv steht dieser Erkenntnis entgegen, dass jeder einzelne Christ glaubt, die einzig mögliche Interpretationsweise gefunden zu haben (und alle anderen irren). Damit kann die Verwirrung subjektiv leicht übersehen werden, die objektiv aber herrscht.
Im nächsten Teil beschäftige ich mich mit den Auswirkungen, die so ein Heilsplan hat, mit den Konsequenzen - und da geht es weiter mit den Widersprüchen.
Konfusius, er zitiert: "Lasst uns die Bibel lesen ohne die schlecht passenden gefärbten Brillengläser der Theologen, so wie wir andere Bücher lesen, uns unser eigenes Urteil bildend, basierend auf der Vernunft, auf unsere innere Stimme hörend, nicht auf das Gebrabbel achtend. Die meisten von uns besitzen analytische Denkfähigkeiten. Können wir sie benutzen oder müssen wir von anderen gefüttert werden wie Babies?" (Luther Burbank)
Anmerkungen:
- Dieser Text stützt sich heftig auf das Buch McKinsey, C. Dennis: 1995, →The Encyclopedia of Biblical Errancy, Prometheus Books, New York, welches sich in erster Linie gegen Bibelleser wendet, die das Buch wortwörtlich für wahr nimmt. (Zurück)
- Man kann die Bibel auch kritisch lesen, viele Theologen tun dies. Unkritisch bedeutet in diesem Fall nur, so zu tun, als ob diese kritische Lesart die einzige mögliche Herangehensweise sei. Und unkritisch bedeutet, die Widersprüche zu glätten und wegzuinterpretieren. (Zurück)
- Bedenken Sie Folgendes: "Vor mehr als 4.000 Jahren gab es keine Juden. Vor mehr als 2.000 Jahren gab es keine Christen. Vor mehr als 1.400 Jahren gab es keine Moslems. Was waren die Menschen dann? Waren sie nicht schon, was sie immer waren?" (Adolph Levy) (Zurück)
- Daran ändert auch das hermeneutische Verfahren nichts, weil jeder Leser - je nach Vorwissen, Vorverständnis etc. - trotzdem wieder zu einem anderen Ergebnis kommt. (Zurück)
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