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Das Theistische anthropische Prinzip I

Ein weiteres gerne verwendetes Argument für die Existenz Gottes wird als "Theistisches anthropisches Prinzip" (TAP im Folgenden genannt) bezeichnet. Das Prinzip lautet wie folgt  [1]:

(P1) Viele physikalische Konstanten haben die Hervorbringung von Leben überhaupt erst ermöglicht.
(P2) Wenn sie nur um eine Winzigkeit von den tatsächlichen Werten verschieden wären, so wäre niemals Leben entstanden.
(P3) Die spezifische Kombination von Werten ist extrem unwahrscheinlich.
(P4) Deswegen können die Konstanten nicht zufällig ihre Werte haben (folgt aus (P3).
(P5) Es muss also jemand diese Konstanten so fein eingestellt haben, dass Leben möglich wurde (Schlussfolgerung aus (P4)).

(S) Dieser jemand ist Gott.


Kurz gesagt, die Anfangsparameter unseres Universums wurden sehr fein eingestellt (fein getuned), sodass Leben entstehen konnte. Würde die Gravitationskonstante nur in der fünften Nachkommastelle von ihrem jetzigen Wert abweichen, so hätten sich keine Galaxien und keine Sterne bilden können, folglich auch kein Leben. Jemand muss dafür gesorgt haben, dass diese ganzen Parameter präzise den Wert hatten, der zu unserer Entstehung geführt hat - Gott.

Widerlegung:

(1) Die Annahmen (P1) und (P2) sind unbegründet. Wir kennen nur dieses eine Universum, aber das schließt nicht aus, dass auch bei einer völlig anderen Einstellung von Parametern Leben entstehen kann - tatsächlich hat man gerade eine kleine Krebsart entdeckt, die bei Temperaturen von über 100° Celsius existiert. Vorher hat man Leben in diesem Bereich für unmöglich gehalten. Und vielleicht sagt gerade in einem anderen Universum ein grüner Nebel zu einem violetten Nebel: "Wie unwahrscheinlich, dass dieses Universum genau so fein eingestellt ist, dass hier intelligente Nebel entstehen konnten".

(2) Die Annahme von (P3) ist aus folgenden Gründen falsch: Erstens können wir keine Annahmen über die Wahrscheinlichkeiten der Parametereinstellungen machen, weil wir zu wenig Informationen haben. Es wäre z. B. möglich, dass es keine andere Möglichkeit für Materie gibt, als genau diese Einstellungen zu haben. Oder die Parameter können nicht unendlich viele Werte annehmen, sondern nur einige wenige Werte, womit unser Universum eine recht hohe Wahrscheinlichkeit hätte. Wahrscheinlichkeiten verteilen sich meist nicht gleichmäßig, wenn man zwei Würfel wirft, ist eine Zwölf viel weniger wahrscheinlich als eine Sieben.

Ferner wäre es auch möglich, dass es unendlich viele verschiedene Universen gibt, jedes mit einem anderen Satz von Parametern. In den meisten Universen entstand kein intelligentes Leben, dort sitzt also niemand und wundert sich darüber, dass die Bedingungen zu schlecht sind, um intelligentes Leben hervorzubringen ... zwinkerndes  Smiley Und in den wenigen Universen mit günstigen Parametern entstand intelligentes Leben und wundert sich darüber.

Hinzu kommt: Auch wenn etwas astronomisch unwahrscheinlich ist, so bedeutet dies nicht, dass es nicht passieren kann. Also ist auch (P4) eine unbewiesene Behauptung.

Das kann man wie folgt begründen: Angenommen, wir haben eine riesig große Lotterie mit einer Milliarde Teilnehmern. Die Wahrscheinlichkeit, den Preis zu gewinnen, ist sehr gering, aber die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt jemand den Preis gewinnt, ist 100%. Die Verteidiger von TAP müssten sich hier auf den Standpunkt stellen, dass es eine Verschwörung ist, dass der Preis gewonnen wurde oder dass Gott dort eingegriffen haben muss ...

(3) Es ist eine Frage, ob es überhaupt möglich ist, an den Parametern herumzumanipulieren. (P5) ist also sogar recht unwahrscheinlich. Wenn man nicht zeigen kann, dass es möglich ist, die Parameter zu ändern, so macht die Annahme, dass es einen "Jemand" gibt, der es tun kann, keinen Sinn. Hier wird vorausgesetzt, was zu beweisen wäre.

(4) Die Annahme, dass unser Universum gemacht wurde, um Leben hervorzubringen, steckt in (P1). Das ist aber eine unbewiesene Annahme. Das Universum könnte einen anderen Zweck haben und als "Abfallprodukt" uns hervorgebracht haben. Flöhe beispielsweise würden auch glauben, dass der Hund nur für sie gemacht worden ist ...

(5) Gott als eine Hypothese zur Erklärung der Parametereinstellungen ist eine sehr schlechte Hypothese. Sie erklärt weder, wie die Parameter eingestellt wurden noch warum und erlaubt auch keine Vorhersagen. Es wird nicht erklärt, wie eine Schöpfung aus dem Nichts entstehen konnte. Gott wirft mehr Fragen als Antworten auf:

  • Wie kann ein übernatürliches Wesen existieren?
  • Wie kann etwas allmächtig und allwissend sein?
  • Was tat ein allgütiges Wesen, bevor es eine Gelegenheit hatte, seine Güte zu zeigen?
  • Warum wurde das Universum so konstruiert, dass es über 10 Milliarden Jahre brauchte, um Leben hervorzubringen? Warum schuf Gott uns nicht gleich am Anfang?
  • Warum ist die Erde nicht freundlicher zu uns?
  • Warum bringen Mutationen nicht mehr positive Resultate? Konnte ein allmächtiger Gott die Bedingungen dazu nicht so einstellen?
  • Warum gibt es so viele Krankheiten und andere Übel?
Theologen behaupten, dies sei eben ein "Geheimnis". Wir fingen mit einem Geheimnis an, das wir erklären wollten, und jetzt haben wir noch mehr Rätsel als vorher, und die angebliche Lösung widerspricht unserer Erfahrung, unserer Intuition, ist logisch inkonsistent, unverstehbar, unbegreifbar. Das bedeutet, wir haben mit Gott eine sehr schlechte Erklärung, die alle Geheimnisse vergrößert, statt eine Lösung anzubieten. Man kann das nicht eine Erklärung nennen, allenfalls eine Mystifikation.

Bessere Erklärungen für diesen Umstand sind: Alles ist ein großer Zufall, die Parameter lassen sich nicht anders einstellen oder bestimmte Einstellungen sind sehr viel wahrscheinlicher als andere, es gibt noch sehr viel mehr Universen oder das Universum existiert nur in unserer Einbildung. Jede dieser Hypothesen ist sehr viel besser als die Gott-Hypothese.

Wenn man etwas erklären möchte, sollte man die Anzahl der erklärungsbedürftigen Dinge vermindern und nicht sie vermehren, sonst ist die Erklärung selbst unsinnig.

Damit sind wir mit der Widerlegung aber noch nicht am Ende! Jetzt wird es allerdings richtig kompliziert. Denn wenn man diesen "Gottesbeweis" weiter durchdenkt und seine Folgerungen genau analysiert, dann kommt man auch hier wieder zum Schluss, dass es sich um ein Argument gegen die Existenz Gottes handelt, welches durch einen Denkfehler zu einem Argument für Gott gemacht wurde.

Konfusius, er zitiert: "Meinen Sie, wenn Ihnen Allmacht und Allwissenheit und dazu Jahrmillionen gegeben wären, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku-Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?" (Bertrand Russel)



Anmerkungen:
  1.  Große Teile dieses Textes sind von folgenden Websites inspiriert: →Theistic Anthropic Principle Refuted von Victor Gijsbers und →The Anthropic Principle Does Not Support Supernaturalism von Ikeda & Jefferys. (Zurück)

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