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Das Theistische anthropische Prinzip II

Damit sind wir mit unseren Argumenten aber noch nicht am Ende.

(6) Das TAP enthält einen Denkfehler in seinem Umgang mit Logik. Nehmen wir folgende Abkürzungen:

F = Das Universum ist fein eingestellt.
N = Das Universum entstand auf natürlichem Weg.


Dann ist die Behauptung: P (F|N) << 1 (das Zeichen '|' liest man als "gegeben")

P (F|N) ist die Wahrscheinlichkeit, dass F wahr ist, gegeben, dass N wahr ist. 1 bedeutet, dass es sicher ist, << 1 bedeutet, dass es sehr unwahrscheinlich ist, 0 bedeutet, es ist unmöglich. Also lautet die Aussage P (F|N) dass, wenn ein Universum entsteht, es sehr unwahrscheinlich ist, dass seine Parameter fein eingestellt sind. Aber die Anhänger des TAP behaupten, dass weil unser Universum fein eingestellt ist, ist es sehr unwahrscheinlich ist, dass es natürlich entstanden ist - und diese Behauptung folgt nicht logisch aus P (F|N), es lautet P (N|F) << 1 und meint etwas ganz anderes. Man kann N und F nicht einfach vertauschen, das ist ein sehr gängiger Fehler in Wahrscheinlichkeitsannahmen.

Zur Erläuterung:

F = Ich habe einen Royal Flush (die höchste Kartenkombination beim Pokern, sehr, sehr selten)
N = Ich werde diese Poker-Partie gewinnen.


P (N|F) = 1 - wenn ich einen Royal Flush habe, so werde ich mit Sicherheit die Poker-Partie gewinnen. Nun vertauschen wir N und F, so wie dies die Anhänger von TAP in ihren Annahmen auch machen:

P (F|N) << 1 - wenn ich die Partie auch gewinne, so ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich zwingend einen Royal Flush habe. Wie man sieht, kann man bei Wahrscheinlichkeiten nicht die Argumente austauschen, weil sich dann die Aussage komplett ändert.

Es mag also unwahrscheinlich sein, dass ein natürlich entstandenes Universum fein eingestellt ist, aber daraus folgt nicht, dass ein fein eingestelltes Universum nicht natürlich entstanden sein kann bzw. dass dies sehr unwahrscheinlich ist. Das ist ein Denkfehler.

(7) Es gibt noch eine Tautologie in den Wahrscheinlichkeitsannahmen, die nicht leicht zu entdecken ist. Das wird jetzt leider eine harte Nuss (es wird niemand von Ihnen verlangen, das Folgende zu verstehen - gehen Sie einfach zur Interpretation, wenn Sie die Details uninteressant finden). Das TAP benutzt nicht alle Informationen, die wir haben - es dreht sich nur um die Frage, ob man aus der Feineinstellung auf eine übernatürliche Ursache schließen kann. Wir müssen aber noch berücksichtigen, dass es außerdem Leben in unserem Universum gibt, welches sich aus der Feineinstellung entwickelt hat. Wir kennen dieses bekannte Muster von anderen theologischen Argumenten - um das Argument einfacher und überzeugender zu machen, werden wichtige Informationen unter den Tisch fallen gelassen, womit das Argument zwar verstehbar wird, aber zugleich falsch (Beispiel: Die Pascalsche Wette. Demgegenüber hat man, wenn man wie ich gründlich vorgeht, immer den "natürlichen" Nachteil, dass die Argumente schwerer zu verstehen sind und damit auch weniger überzeugend - man muss ein Argument erst verstanden haben, um es überzeugend finden zu können.

Wir haben gesehen, dass aus der sehr geringen Wahrscheinlichkeit, dass ein existierendes Universum fein eingestellt ist, nicht folgt, dass es nicht natürlich entstanden ist - Argument (6). Es gelten:

N = Das Universum ist natürlich entstanden.

Dann ist die Frage, wie groß ist P (N) (= die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum natürlich entstanden ist) im Vergleich zu P (~N) (= die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum nicht natürlich entstanden ist, "~" bedeutet "nicht"). Das Universum muss entweder auf natürlichem Weg entstanden sein, oder es muss geschaffen worden sein. Daher gilt:

P (N) + P (~N) = 1 (a)

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein natürliches Universum fein eingestellt wurde, sei

P (F|N) * P (N)  [1].

Die Wahrscheinlichkeit, dass es fein eingestellt ist und auf übernatürlichem Wege entstanden ist:

P (F|~N) * P (~N)

Die folgenden beiden Formeln (b) und (c) gehören ebenfalls zu Bayes Theorem , sie sind beispielsweise hier zu finden: →Bayes' Theorem: Conditional Probabilities.

P (N|F) = P (F|N) * P (N) / P (F) (b)

Jetzt fehlt uns noch P (F):

P (F) = P (F|N) * P (N) + P (F|~N) * P (~N) (c)

Wenn wir (c) in (b) einsetzen, ergibt das:

P (N|F) = P (F|N) * P (N) / ( P (F|N) * P (N) + P (F|~N) * P (~N) )

Diese Formel müssen wir nun interpretieren.

Die Anhänger von TAP behaupten, dass P (N|F) sehr klein ist, weil P (F|N) klein ist. Diesen Denkfehler hatte ich in (6) bereits entlarvt. Dass ein natürlich entstandenes Universum fein eingestellt ist, mag unwahrscheinlich sein, aber dass ein fein eingestelltes Universum nicht natürlich sein kann, folgt daraus überhaupt nicht. Wir sehen in dieser Formel den Grund dafür: Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum natürlichen Ursprungs ist (P (N)), hoch ist, und P (~N) dementsprechend klein (oder P (F|~N) ist klein), dann ist die Wahrscheinlichkeit eines natürlichen fein eingestellten Universums ebenfalls hoch. Wenn also natürliche Universen wahrscheinlicher sind als übernatürliche geschaffene Universen, oder wenn übernatürlich geschaffene Universen nicht fein eingestellt sind, dann versagt TAP komplett.

Wenn man nun argumentiert, P (~N) sei wahrscheinlicher als P (N), dann sagt man nichts weiter, als dass unser Universum übernatürlichen Ursprungs ist, wenn es übernatürlichen Ursprungs ist! Das ist die verborgene Tautologie.

Eine weitere versteckte Annahme wird jetzt ebenfalls offenbar: Die Annahme, dass wenn ein Gott ein Universum schafft, dieses notwendig fein eingestellt sein wird. P (F|~N) ist dann sehr groß. Es gibt aber kein Argument, um diese Annahme zu stützen, im Gegenteil, warum sollte Gott das tun? Es ist nicht notwendig, weil Gott jederzeit eingreifen kann! Ansonsten sagt man, dass es unwahrscheinlich ist, dass Gott in das Universum eingreift, gleichgültig, ob P (F|~N) hoch ist oder P (N|F). Das macht Beten überflüssig und die Entsendung von Jesus unwahrscheinlich ... und spräche eher für den deistischen Gott. Ein Gott, der nicht eingreift, ist allerdings für uns genauso gut wie kein Gott.

Interpretation (ohne Formeln!):

Man kann das Ergebnis in Worten so interpretieren: Angenommen, unser Universum sei nicht fein eingestellt. Dann könnte kein Leben entstehen. Es existiert aber Leben in unserem Universum - obwohl das eigentlich nicht möglich wäre. In diesem Fall müsste man annehmen, dass es einen übernatürlichen Einfluss auf diese Welt gibt.

Nun ist aber unser Universum fein eingestellt - daraus folgt nicht, dass es nicht auch natürlich sein kann, im Gegenteil. Gerade die Feineinstellung deutet auf einen natürlichen Ursprung hin, denn sie wäre, wenn es Gott gäbe, nicht nötig - Gott kann ja jederzeit eingreifen. Aber in einem fein eingestellten Universum braucht Gott nicht einzugreifen. Mit anderen Worten, unser Universum hat genau die Einstellung und die Struktur, die es braucht, um ohne jeden Gott auszukommen. Entweder, weil Gott nicht eingreift (und nicht eingreifen will) oder weil er nicht existiert - beide Fälle kann man durch das Argument selbst nicht unterscheiden. Die Struktur unseres Universums ergibt kein Unterscheidungskriterium für die Frage, ob Gott existiert oder nicht, macht dies aber die Existenz unwahrscheinlich.

Noch anders ausgedrückt: Man sieht es dem Universum nicht unbedingt an, ob es einen, keinen oder beliebige viele Götter gibt (die Wahrscheinlichkeit deutet eher in die Richtung, dass es keinen gibt, jedenfalls keinen, der eingreift). Das kosmologische Argument baut aber genau auf dieser Vorstellung auf - es interpretiert zwar diese Spuren eines Gottes in den Kosmos hinein, aber diese Interpretation hält einer genauen Untersuchung nicht stand. Man kann sogar sagen, dass man bestimmte Spuren nur dann als Gottes Spuren ansieht, wenn man sowieso schon an Gott glaubt. Alle kosmischen Gottesbeweise sind Tautologien: Wenn man von Gottes Existenz ausgeht, sieht man Spuren von Gott. Oder, wenn einem von klein an erzählt wird, es seien Elfen für den Regen verantwortlich, so wird man in jedem Regen den Beweis für die Existenz von Elfen sehen.

Damit ist das Theistische Anthropische Prinzip gescheitert. Es beweist nicht, dass unser Universum übernatürlich geschaffen wurde, es macht dies sogar noch eher unwahrscheinlich! Auch hier müssten wieder sämtliche sieben Argumente entkräftet werden - und selbst dann wüsste man nur, dass es eine außerhalb unseres Universums liegende Kraft war, die dieses Universum schuf (die üblichen Einwände aus der Vorbemerkung wären gültig).

Theisten sollten dieses Argument (TAP) nicht mehr verwenden. Es spricht gegen ihre Ansichten, nicht dafür.

Konfusius, er zitiert: "Sie wissen, dass wir Vernunft und Wissenschaft repräsentieren, und gleichgültig wie zuversichtlich sie in ihrem Glauben auch sein mögen, sie fürchten, dass wir ihre Götter niederwerfen. Nicht durch einen vorsätzlichen Akt, aber auf eine subtile Art. Wissenschaft kann Religion durch Ignorieren oder auch durch die Widerlegung ihrer Lehren zerstören. Soweit ich weiß, hat niemand bislang die Nichtexistenz von Zeus oder Thor bewiesen, aber es gibt nur noch wenige Anhänger davon." (Arthur C. Clarke)



Anmerkungen:
  1.  Das bezeichnet man als Bayes Theorem - ein alter Bekannter, wenn man meine Begründung des Atheismus gelesen hat. (Zurück)

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