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Ein moralischer Beweis gegen die Existenz Gottes
Voraussetzungen, Definitionen
Wenn ich im Folgenden von Gott rede, dann meine ich damit den christlichen Gott, der unter anderem folgende Eigenschaften hat:
- Er ist der Schöpfer der Welt.
- Er ist moralisch gut und liebend.
- Er ist allmächtig und allwissend.
Nun wissen wir, dass dies zum Theodizeeproblem führt. Wenn das Theodizeeproblem nicht lösbar ist, dann führt dies zu der Annahme, dass kein guter, allmächtiger und liebender Gott existiert. Ohne eine Lösung des Problems kann man zwar annehmen, dass ein anderer Gott existiert, aber der wäre nicht durch und durch gut und/oder nicht allmächtig. Halten wir also fest:
Wenn das Theodizeeproblem nicht lösbar ist, existiert der christliche Gott nicht.
Nehmen wir aber einmal an, konträr zu dem, was ich behaupte, dass das Theodizeeproblem lösbar ist. Die nächste theistische Behauptung besteht darin, dass Gott ein Garant für die Existenz von Moral ist. Oder, kurz gesagt, ohne Gott keine Moral. Wir können dies auch andersherum formulieren: Wenn es keine Moral gibt, dann existiert auch kein moralisch guter Gott. Ohne eine Moral wäre nämlich die Behauptung, dass Gott moralisch gesehen gut ist, sinnfrei.
Wie sieht eine mögliche Lösung des Theodizeeproblems aus? Eine Möglichkeit ist, dass es kein Leid gibt. Das führt aber sofort zu einem Folgeproblem. Was nämlich ist Moral? Ziel einer Moral ist es, entweder Interessenkonflikte zu lösen oder aber Leid zu verhindern, zu vermindern oder zu lindern. Damit es eine Moral geben kann, müssen ein paar Voraussetzungen erfüllt sein:
Was ist Moral?
- Es muss möglich sein, eine moralische Entscheidung zu treffen.D. h., ich muss in der Lage sein, zwischen gut und böse zu unterscheiden und meine Handlungen so auszurichten, dass etwas Gutes daraus folgt. Eine Entscheidung ist dann moralisch richtig, wenn daraus mehr Gutes als Schlechtes folgt, sie ist moralisch falsch, wenn daraus mehr Schlechtes als Gutes folgt, und sie ist moralisch neutral, wenn sich das Gute und das Schlechte ausgleichen oder wenn aus der Entscheidung weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes folgt. Wenn es kein Leid gibt, dann gibt es in diesem Sinne auch keine moralische Entscheidung, die zu weniger Leid führen könnte. D. h., Moral ist überflüssig, und wenn es keine Moral gibt, dann gibt es auch den christlichen Gott nicht.
- Es kann nicht alles verursacht sein - wenn alles, was ich tue, kausal determiniert ist (also vollständig verursacht ist), dann kann ich nicht anders handeln, als ich es tue. Kann ich mich nicht entscheiden und Leid verhindern, dann ist jede Moral überflüssig, jedenfalls eine Moral, die als Ziel eine Verhinderung von Leid hat. Christen sollten es sich also gut überlegen, ob sie der Behauptung, alles sei verursacht, zustimmen können. Auch ist nicht plausibel, wieso Gott den ganzen Ablauf der Zeit und der Ereignisse kennen kann, ohne dass alle Ereignisse festgelegt sind.
Daher nehmen christliche Theologen gemeinhin auch an, dass es einen freien Willen gibt. Obwohl diese Annahme höchst problematisch ist (siehe auch Die Illusion Willensfreiheit), gehe ich im weiteren davon aus, dass es einen freien Willen gibt. Gott gab uns den freien Willen, damit wir keine Marionetten sind. Das hat aber zur Folge, dass wir auch das Böse tun können. Darin steckt die Annahme, dass der freie Willen ein so hohes Gut ist, dass diese Gabe, die eben auch zum Leid führt, die Existenz von Leid rechtfertigt.
Grob gesehen gibt es zwei Arten von Leid: Leid, das gerechtfertigt ist, weil es zu einem höheren Gut führt, und Leid, welches nicht gerechtfertigt ist, weil daraus kein höheres Gut folgt.
Beispiel:
Zum Zahnarzt zu gehen und sich einen vereiterten Zahn ziehen zu lassen, führt zu Leid - die Zahnentfernung verursacht nämlich Schmerzen. Aber, wenn man nicht zum Zahnarzt geht, dann kann der vereiterte Zahn zu sehr viel mehr Schmerzen führen, zu Folgekrankheiten und sogar zum Tod. Wir gehen daher zum Zahnarzt und erlauben ihm, uns Schmerzen zuzufügen. Wir tun es, weil dieses Leid, dass er verursacht, gerechtfertigt ist, es führt zu einem höherwertigen Gut, nämlich, keine weiteren Zahnschmerzen mehr, keine Folgeschmerzen, keine weiteren Krankheiten und kein vorzeitiger Tod.
Genaugenommen beruht das Theodizeeproblem nicht auf der Existenz von jeder Art von Leid. Der Zahnarzt fügt uns auch Leid zu, trotzdem würden wir sie oder ihn deswegen nicht als einen schlechten Menschen betrachten, im Gegenteil, wir sind froh, dass es sie oder ihn überhaupt gibt. Wenn man also zeigen kann, dass jedes Leid gerechtfertigt ist (einem höheren Ziel dient oder zu einem höheren Gut führt), dann ist das Theodizeeproblem gelöst und die Existenz von Leid spricht nicht gegen Gott. Es ist also nur das ungerechtfertigte Leid, welches gegen Gott spricht. Halten wir also fest:
Nicht die Existenz von Leid an sich spricht gegen Gott, sondern nur die Existenz von ungerechtfertigtem Leid.
Die bisherigen Lösungen des Theodizeeproblems behaupten daher auch meistens, dass es kein ungerechtfertigtes Leid gibt. Eine mögliche Lösung wäre, dass eben der freie Willen ein so hohes Gut ist, dass er das vorhandene Leid rechtfertigt, oder aber, dass jedes existierende Leid später im Paradies ausgeglichen wird. Menschen sind ja durchaus bereit, etwa ein schmerzhaftes Training zu absolvieren, wenn sie damit die Chance erhöhen, ein begehrtes Ziel, etwa eine olympische Goldmedaille, zu erhalten. Leid wäre also durchaus erträglich, wenn wir wüssten, dass es uns nachher dafür umso besser geht.
Um das Hoffen zu können, muss man natürlich voraussetzen, dass es ein Paradies gibt, und dass Gott gut ist. Ein moralisch schlechter Gott würde diese Hoffnung unrealistisch machen [1].
Was wäre, wenn das Theodizeeproblem lösbar wäre?
Um also das Theodizeeproblem lösen zu können, muss der Theist, der uns eine Lösung bietet, zur folgenden Behauptung kommen:
Es gibt kein ungerechtfertigtes Leid.
Ich nenne dies die "Alles-wird-gut"-Hypothese. Sicher, es gibt Leid und Schlechtigkeit in dieser Welt, aber in der nächsten Welt wird alles besser, jedes Leid wird "irgendwie" ausgeglichen, so wie unser Leid beim Zahnarzt durch die spätere Leidfreiheit belohnt wird. Der Atheist hingegen muss behaupten:
Es gibt ungerechtfertigtes Leid.
Es wird von Theisten - zu Recht - darauf hingewiesen, dass wenn der Atheist mit dieser Behauptung scheitert, man annehmen kann, dass das Theodizeeproblem lösbar ist, und dass dies den Glauben an einen guten Gott rechtfertigt. Man müsste also, um das Theodizeeproblem gegen Gott anführen zu können, beweisen, dass es Leid gibt, das nicht ausgeglichen wird, das kein höheres Gut erzielt. Aber dieser Beweis ist, zugegeben, recht schwer, weil man immer behaupten kann, dass wir nur nichts von einem Ausgleich wissen. Aber unser Unwissen rechtfertigt nicht, zu behaupten, dass es ungerechtfertigtes Leid gibt.
Nehmen wir also an, dass der Theist Recht hat. Alles Leid wird ausgeglichen, dass Theodizeeproblem ist lösbar, die Existenz eines guten Gottes ist eine logische Möglichkeit, und das Argument für die Nichtexistenz Gottes bricht in sich zusammen. Ist der Theist damit "aus dem Schneider"? Meine Behauptung: Nein, denn das ist zu kurz gedacht. Bis hierhin ist noch alles plausibel, aber wenn wir weiter denken, dann ergeben sich daraus neue, noch schwerere Probleme.
Ich hatte oben bereits gesagt, dass eine Moral nur dann möglich ist, wenn unsere moralischen Entscheidungen dazu führen, Leid zu verhindern, zu vermindern oder zu lindern. Eine Entscheidung ist dann moralisch richtig, wenn sie zu einer besseren Welt führt, als wenn ich die Entscheidung anders fälle. Wenn der Theist allerdings Recht hat, dann ist das unmöglich.
Warum? Nehmen wir ein Beispiel. Ich sehe einen Mann, der in einem See ertrinkt. Nun muss ich eine moralische Entscheidung treffen: Helfe ich ihm und rette ihn, oder lasse ich ihn ertrinken? In ersterem Fall würde ich sein Leid verhindern (und eventuell auch das seiner Familie), im zweiteren Fall würde ich das Leid vermehren. Also ist es richtig, dass ich ihm helfe. Aber Halt - wenn jedes Leid dazu dient, ein höheres Gut zu erreichen, dann verhindere ich, in dem ich ihm helfe, dass dieses höhere Gut erreicht wird. Vielleicht ist aber auch die Anspornung, dass ich ihm helfe, das höhere Gut? Dann erreiche ich das höhere Gut, in dem ich ihm helfe. Aber gleichgültig, was ich auch tue, in jedem Fall wird ein höheres Gut erreicht. Alles wird gut, auch dann, wenn ich nicht weiß, wieso und warum und wie. Aber das Leid, dass der Ertrinkende erfährt, ist ja in jedem Fall - so der Theist - gerechtfertigt.
Und daraus folgt, dass es mir unmöglich ist, eine falsche Entscheidung zu treffen.
Jede mögliche Entscheidung führt zur Erlangung eines höheren Guts. Also ist jede Entscheidung, gleich, wie sie ausfällt, moralisch richtig. Aber besteht die Möglichkeit einer Moral nicht gerade darin, dass ich eine Entscheidung treffen kann, die richtig oder falsch ist? Wie soll eine Moral überhaupt möglich sein, wenn ich niemals eine falsche Entscheidung treffen kann? Denn alles wird gut. Und wenn dem so ist - und das folgt aus der Behauptung des Theisten - gibt es keine Moral.
Wenn aber keine Moral existiert, dann gibt es auch keinen guten Gott. Gott ist also nicht der Garant dafür, dass Moral möglich ist, er ist vielmehr ein Garant dafür, dass jede Moral unmöglich ist, weil ja keine meiner Entscheidungen zu einer schlechteren Welt führen kann - jedenfalls nicht, wenn man die diesseitige und die jenseitige Welt im Zusammenhang betrachtet.
Schlussfolgerung
Wenn also das Theodizeeproblem nicht lösbar ist, dann existiert der christliche Gott nicht. Wenn aber das Theodizeeproblem lösbar ist, dann ist eine Moral unmöglich, und es existiert kein guter Gott, der ein Garant für Moral ist. Gleichgültig also, welchen Fall man betrachtet, Moral ist entweder völlig unabhängig von Gott, was bedeutet, es gibt keinen Gott, der ein Garant unserer Moral ist, und aufgrund unserer unabhängigen Moralbetrachtung [2] und der Unlösbarkeit des Theodizeeproblems kommen wir zu der Feststellung, dass es keinen guten Gott gibt. Oder aber, das Theodizeeproblem ist lösbar, dann gibt es keine Moral und folglich auch keinen guten Gott.
Gleichgültig also, was man auch annimmt und ob man dem Theist zustimmt oder nicht, als Schluss bleibt nur übrig, dass es keinen moralisch guten Gott geben kann. Der christliche Gott existiert also nicht, er kann sogar unmöglich existieren.
Anmerkungen:
- Das Argument ist natürlich zirkulär: Vorausgesetzt wird, dass ein guter Gott existiert, weswegen wir auf das Paradies hoffen können. Die Existenz des Paradieses zeigt, dass ein guter Gott möglich ist. Aber ich will an dieser Stelle alle Einwände gegen diese Lösungen beiseite schieben und einfach annehmen, dass eine Lösung möglich ist. (Zurück)
- Dass unsere Moral von Gott unabhängig sein muss, habe ich hier gezeigt: Euthyphrons Dilemma I (Zurück)
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