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Vorbemerkung zu den Gottesbeweisen

Bevor ich mit den Gottesbeweisen beginne eine kleine Vorbemerkung.

Auch unter Theisten sind die Gottesbeweise umstritten. Viele Theologen vertreten die Auffassung, dass diese Beweise überflüssig sind. Sie sind sogar in einer gewissen Weise kontraproduktiv. Denn alle diese "Beweise" implizieren, dass mit der Logik dieser Welt Gott zumindest in Teilen, was seine Existenz angeht, auch der Logik dieser Welt unterliegt und Gott damit logisch zugänglich ist.

Mehr noch: Wenn man den Glauben in den Rang einer Tugend erhebt, dann würde ein Beweis den Glauben selbst nutzlos machen. Wenn man etwas beweisen kann, dann braucht man nicht daran zu glauben, folglich wäre der Glauben überflüssig. Allerdings - wie sollte ein Ungläubiger zum Glauben kommen? Dieses Problem wäre nicht lösbar, denn man braucht dazu Argumente, die überzeugend wirken. Denn dass man sich "auf den Glauben einlassen muss" spricht nicht für einen spezifischen Glauben, sondern nur für den Glauben schlechthin - sei es für einen Glauben an Gott, an UFOs, an paranormale Phänomene, an Zeus, an unsichtbare rosa Einhörner, an hinduistische Gottheiten usw. usf. Denn alle Glaubensrichtungen argumentieren damit, dass man sich auf den Glauben "erstmal" einlassen sollte, damit man seine Wahrheit erkennen kann. Soll man nun an alles erstmal vorbeugend glauben und erkennt man dann die Wahrheit von allem, auch wenn es sich zum Teil in extremen Maße widerspricht? Wohl kaum.

Man kann also nur auf drei Wegen (in Kombination) zum Glauben kommen:

  1. Durch eine (meist frühkindliche) Indoktrination oder eine Gehirnwäsche oder andere Zwangsmaßnahmen
  2. oder durch überzeugende Argumente, mit den man die verschiedenen Glaubensrichtungen gegeneinander abwägen kann,
  3. oder durch ein "blindes" Einlassen auf den Glauben.
Jede Konversion bewegt sich irgendwo zwischen diesen drei Polen: Indoktrination, (rationale) Überzeugung oder Einlassen auf den Glauben. Eine Konversion, die auf nur einem Element beruht, ist schwer vorstellbar (man muss schließlich auch irgendwie überzeugt oder dazu indoktriniert werden, um sich auf den Glauben einzulassen). Allerdings werden die meisten Menschen nicht konvertiert sondern nehmen den Glauben ihrer Umgebung an. Das entspricht einem Einlassen ohne Alternativen bzw. einer Indoktrination.

An dieser Stelle beschäftige ich mich schwerpunktmäßig mit dem Weg der rationalen Überzeugung. D. h. ich setze zunächst voraus, dass es prinzipiell möglich sein kann, Gott zu beweisen, und dass der Glauben an Gott rational zu rechtfertigen ist. Aus dem Scheitern dieses Bemühens kann man schließen, dass der rationale Weg zu Gott nicht funktioniert und nur die beiden anderen Wege offen stehen - Einlassen oder Indoktrination. Da man allerdings eine rationale Rechtfertigung benötigt, um sich auf einen spezifischen Glauben einzulassen, bedeutet dies, dass es nur einen Weg gibt, auf dem man anfangen kann, zu glauben: den der Indoktrination. Rationale Überzeugung hätte dann nur eine Hilfsfunktion - man gaukelt dem Individuum vor, die Indoktrination sei rational gerechtfertigt.

Ein "blindes" Einlassen auf den Glauben ist m. A. nach nicht rational gerechtfertigt, weil man auf diese Weise anfangen kann, alles zu glauben. Denn nahezu alle Glaubensrichtungen argumentieren damit, dass man erstmal anfangen muss, zu glauben. Das bedeutet aber, dass man anfängt, zu glauben, um zu glauben. Das ist zirkuläre Logik. Es werden noch viele andere quasi-rationale Argumente verwendet, damit die Menschen anfangen, zu glauben - dass die Mehrheit an Gott glaubt (was kein Argument für den Glauen ist), dass es keine Moral gibt ohne Glauben usw. usf.

Wenn Gott selbst überhaupt nicht der Logik dieser Welt zugänglich ist, dann scheitern alle Gottesbeweise und man müsste sich eigentlich nicht damit befassen. Aber da die Gottesbeweise sehr populär sind und in Diskussionen eine große Rolle spielen werde ich sie hier darstellen und diskutieren. Ich werde zeigen, dass einige dieser Argumente nur aufgrund von Denkfehlern für Gott zu sprechen scheinen, während sie in Wahrheit Argumente gegen die Existenz Gottes sind.

Und es gibt einen Einwand, der sich gegen fast jeden dieser Gottesbeweise vorbringen lässt: Viele Menschen nehmen an, dass wenn die Existenz eines Schöpfers bewiesen ist, dies bereits der christliche Gott mit allen seinen Eigenschaften sei. Das ist ein schwerer Trugschluss. Ich nehme mal einen populären Gottesbeweis und demonstriere seine Widerlegung und welche Folgen es hätte, wenn die Widerlegung scheitert:

(P1) Alles hat eine Ursache.
(P2) Es ist nicht sinnvoll, einen unendlichen Regress von Ursachen  [1] anzunehmen.

(S1) Folglich muss es eine erste Ursache gegeben haben, die keine weiteren Ursachen hat.
(S2) Diese erste Ursache ist Gott.

Angenommen, dieser Beweis wäre gültig, d. h. (S1) wäre gerechtfertigt. Dann wäre (S2) aber mangelnde logische Folgerichtigkeit - es folgt keineswegs aus (S1), dass damit Gott bewiesen ist. Denn diese erste Ursache könnte das Universum selbst sein - der Beweis zeigt nur, dass es eine erste Ursache gegeben haben muss. Es könnte auch eine unpersönliche Kraft sein oder ein Naturgesetz. Es könnten ein Gott oder mehrere Götter sein, bekannte Götter wie unbekannte. Es könnte der Teufel persönlich sein. Es könnten Wesen sein, die über begrenzte Macht verfügen und über begrenztes Wissen, Wesen, die fehlbar sind. Es könnte sich um körperliche Wesen handeln. Usw. usf. Aus dem Erfolg dieses (und der meisten weiteren Argumente) kann man nicht auf die Existenz Gottes schließen, das wäre eine Über-Interpretation. Genau dies wird von geschickt argumentierenden Laienpredigern oder Theologen aber gerne versucht. Die Existenz einer ersten Ursache ist bewiesen, folglich muss es sich um den gesuchten Christengott handeln, der sich offenbart hat in Jesus, der auferstanden ist ... langsam! Genau das folgt überhaupt nicht, eher im Gegenteil.

Meistens wird der Übergang von (S1) zu (S2) in den Gottesbeweisen "unterschlagen". Aus gutem Grund, denn hier ist eine generelle Schwäche dieser Argumentation verborgen, die man übergehen muss, um den falschen Anschein zu erwecken, man habe einen Gottesbeweis. Vorsicht vor denen, die diesen kritischen Punkt verschweigen, denn sie haben keine redliche Argumentation im Sinne.

Die Widerlegung ist einfach und zeigt ein gewisses Schema, welches man auf fast jeden Beweis anwenden kann:

(1) Die Prämisse (P1) ist unbegründet. Warum sollte alles eine Ursache haben? Es wäre genauso gut vorstellbar, dass es unverursachte Ereignisse gibt (tatsächlich argumentieren vor allem Theologen gerne mit dem freien Willen, der unverursacht sein soll. Wenn also ein Theologe mit dem freien Willen argumentiert und mit dem Beweis der ersten Ursache, so ist das selbst-widersprüchlich. Aus Widersprüchen kann man aber alles Mögliche folgern.

(2) Die Prämisse (P2) ist unbegründet. Es ist sehr wohl vorstellbar, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben hat (beispielsweise: Das Universum existiert ewig, ohne Anfang). Tatsächlich, wenn (P1) wahr sein sollte, dann folgt daraus geradezu zwingend, dass es einen unendlichen Regress gegeben haben muss.

(3) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P1). Wenn es eine erste Ursache gegeben hat, die nicht selbst verursacht war, dann hat eben nicht alles eine Ursache. Folglich ist (P1) falsch und damit auch die Schlussfolgerung.

(4) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P2). Denn Gott selbst müsste ewig existieren, entspräche also einem unendlichen Regress von Ursachen. Wenn man dagegen einwendet, dass man das Kausalitätsprinzip (Ursache-Wirkung) nicht auf Gott anwenden kann, dann bricht der Beweis in sich zusammen, dann wäre nämlich ein Kausalitätsschluss auf die erste Ursache (Gott) nicht möglich, das geht nur, wenn Gott selbst dem Prinzip der Kausalität unterliegt.

(5) Die Prämisse (P1) widerspricht der Prämisse (P2) - wenn alles eine Ursache hat, dann muss es einen unendlichen Regress von Ursachen gegeben haben. Aus widersprüchlichen Prämissen kann man beliebige Schlüsse ziehen und genau dieser Umstand wird für diesen (und ähnliche) "Beweise" genutzt. Laien kann man damit verwirren und beeindrucken.

Vor allem (4) zeigt, dass der Beweis nur genau dann gültig sein kann, wenn man die im Beweis enthaltenen Prinzipien auch auf Gott anwenden kann. Wenn dies geht, dann funktioniert damit auch automatisch jeder Beweis gegen Gott, der dieselben Prinzipien verwendet. Wenn es also einen Gottesbeweis gäbe, dann könnte man eventuell einen Beweis gegen Gott konstruieren. Das ist tatsächlich problemlos möglich - mehr noch: Die Beweise gegen Gott sind überzeugender als die für Gott, weil sie nicht auf Denkfehlern wie (1) bis (5) basieren. Ein Theist, der argumentiert, es gäbe einen Gottesbeweis, liefert damit zugleich überzeugende Gründe für einen positiven Atheismus  [2].

Man kann nämlich folgern, wenn (P1) wahr ist, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben haben muss und dass folglich das Universum keine erste Ursache gehabt haben kann, also ewig existiert. Wenn das Universum ewig existiert, dann hatte es keinen Schöpfer, folglich existiert der christliche Schöpfergott nicht. Für die Annahme, dass das Universum ewig existiert, spricht zudem, dass weder Materie noch Energie vernichtet werden können (man kann sie nur umwandeln). Das bedeutet, dass das Universum mindestens kein Ende hat. In diesem Beweis gegen Gott steckt zumindest kein Denkfehler (wie in dem Beweis für Gott) und er stimmt mit unseren empirischen Evidenzen und Beobachtungen überein. Folglich ist seine Plausibilität größer.

Interessant ist noch das Argument: (P1') Alles hat eine Ursache außer Gott.


In diesem Fall hat man Gott bereits in der Prämisse drin stecken, das bedeutet, man setzt voraus, was man zu beweisen sucht (was einen zu der Logik führt "Wenn Gott existiert, dann existiert Gott" - eine Tautologie).

Die meisten der sog. kosmologischen Gottesbeweise (aus bestimmten Eigenschaften des Kosmos wird auf Gott geschlossen) folgen demselben oder einem sehr ähnlichen Schema und lassen sich auch fast schematisch widerlegen. Um den Beweis zu "retten" müsste man zeigen, dass alle meine fünf Widerlegungen (1) bis (5) falsch sind, es reicht nicht zu zeigen, dass eines der Argumente falsch ist. Und es müsste gezeigt werden, dass der Übergang von (S1) auf (S2) gerechtfertigt ist und es sich um den christlichen Gott handelt (beides ist sehr schwer und wurde nur selten versucht).

Wenn also das nächste Mal jemand auf die Natur deutet und behauptet "... und deswegen existiert Gott" dann bedenken Sie noch eines: Wenn man von der Schönheit der Natur auf die Güte Gottes schließen kann, dann kann man von der Hässlichkeit und der Bösartigkeit in der Natur auch auf die Bösartigkeit Gottes schließen. Kann man das nicht, kann man auch nicht auf die Güte Gottes schließen, jeder Beweis wäre ungültig. Theisten sind wählerisch, sie möchten aus der Schönheit des Regenbogens auf Gottes Güte und Liebe schließen, aber aus einem von einem Blitz verbrannten Kind nicht auf das Böse in Gott. Aber wenn man ersteres kann, kann man auch letzteres. Wenn man es nicht kann fehlt dem Theisten die rationale Rechtfertigung für seinen Glauben. Man sollte nicht mal so und mal so argumentieren. Doch, man kann es, und ich erlebe es in Diskussionen fast jeden Tag, aber redlich ist das nicht. Es ist ein Indiz dafür, wie sehr Glauben das Denken verzerrt und vergiftet und die Rationalität unmerklich unbewusst unterminiert.

Im weiteren Verlauf analysiere ich die gängigen Gottesbeweise und die Folgerungen daraus, immer unter der Annahme, dass es möglich ist, Gott zu beweisen oder zu widerlegen. Das ist der Haken an den Gottesbeweisen: Wenn man etwas beweisen kann, dann kann man es auch widerlegen, zumindest prinzipiell. Deswegen reden viele Theisten auch nicht von Beweisen, sondern eher von Hinweisen oder Indizien, also einer Abschwächung, weil dies auch eine Widerlegung abschwächt. Doch woher kommt dann die Glaubensgewissheit? Die kann dann doch nur Trug und Schein sein.

Ein besonders nettes Argument möchte ich im Vorwege gleich aus dem Weg räumen. Es wird behauptet, dass diese Beweise alleine eben noch nichts im strengen Wortsinn beweisen, dass sie aber in Kombination doch den Schluss zulassen, dass Gott existiert. Aber diese Beweise sind keine Wahrscheinlichkeitsbeweise oder eine Kette von Indizien, unter denen das eine oder andere Indiz schwach ist, aber die Kette insgesamt doch tragfähig ist. Diese Beweise sind allesamt falsch und beruhen auf Denkfehlern. Seit wann sagen ein Dutzend falscher Beweise etwas für eine Sache aus? Man stelle sich das schallende Gelächter vor Gericht vor, wenn man sagt, dass zwar jeder einzelne Beweis dafür, dass X der Mörder sei, gescheitert ist, aber das dies insgesamt doch die Annahme rechtfertigt, X sei der Mörder ... In unserem Fall hier ist es unredlich, einen gescheiterten Beweis in ein schwaches Indiz für Gott umzudeuten, wo doch die Beweise, von den Denkfehlern befreit, teilweise gegen die Existenz Gottes sprechen oder bestenfalls neutral sind.

Auch die Umdefinition von gescheiterten (also falschen Beweisen) in Hinweise oder ähnliches ist nicht sinnvoll. Man gibt zwar zu, dass es kein strikter Beweis ist, aber dies könne man bei Gott auch nicht verlangen, es sei eben nur ein Hinweis, der nur auf Gott deuten, ihn aber nicht beweisen soll. Aber ein falscher Beweis ist auch kein schwacher Hinweis und deutet immer noch in die falsche Richtung.

Was kann man aus den Gottesbeweisen lernen? Zum einen, dass gerne in Diskussionen ungültige Argumente benutzt werden, die plausibel zu sein scheinen. Zum anderen aber kann man noch dieses lernen:

Wenn ich behaupte, dass Gott existiert, aber wiederholt mit den Beweisen scheitere, dann wird mit jedem Scheitern die Existenz Gottes unwahrscheinlicher. Denn gäbe es Gott und er wäre beweisbar, dann müsste mit jedem neuen Anlauf die Wahrscheinlichkeit steigen, dass man es diesmal richtig macht. Aber andersherum, nach sehr vielen gescheiterten Anläufen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Gott existiert und man dies nochmal beweisen kann. Und mit dieser seit über 2.000 Jahren sinkenden Wahrscheinlichkeit kann man nunmehr mit allem Recht behaupten, dass die Behauptung, dass Gott existiert, unwahrscheinlich ist und ferner und ferner jeder Erfahrung liegt. Und unwahrscheinliche Behauptungen benötigen starke Beweise. Außerdem bedeutet dies, dass die Beweislast völlig beim Theisten liegt, wenn er entgegen allem Scheitern der vergangenen Jahre die Existenz Gottes trotzdem behauptet.

Konfusius, er zitiert: "Merkwürdig aber wahr: Diejenigen, die Gott am meisten liebten, haben Menschen am wenigsten geliebt." (Robert Green Ingersoll)



Anmerkungen:
  1.  A wird verursacht von B, B wird verursacht von C usw. usf., bis in alle Ewigkeit. (Zurück)
  2.  Martin 1990 unterscheidet zwischen negativem Atheismus, wie ich ihn definiert habe, als Fehlen eines Glaubens an Gott und positivem Atheismus, der begründeten Annahme, dass es keinen Gott gibt. In seinem Buch argumentiert Michael Martin übrigens für einen positiven Atheismus. Ein negativer Atheismus ist bereits gerechtfertigt, wenn man alle Gottesbeweise widerlegt hat - was bedeutet, dass es keine rationalen Gründe gibt, an Gott zu glauben - und wenn man den Glauben selbst als nicht gerechtfertigt ansieht. (Zurück)

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