Die Rechtfertigung Gottes
Einen guten Überblick über das Theodizeeproblem gibt Prof. Dr. Gerhard Streminger auf seiner Website unter →Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt. Ein Überblick über das Theodizeeproblem. Dies ist eine stark verkürzte Version seines Buches Streminger 1992. Eine weitere gute Einführung finden Sie von Norbert Hoerster hier: →Unlösbarkeit des Theodizee-Problems.
Die ursprüngliche Form des Theodizeeproblems stammt von Epikur (341-270 v. Chr.), es ist bezeichnend, dass auch das Christentum über 2.000 Jahre später sich immer noch mit diesem Problem herumschlägt:
Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht:
dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht:
dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?
Das Theodizeeproblem ergibt sich also aus folgenden Annahmen:
- Es gibt einen Gott, dieser ist personal und hat die Welt erschaffen.
- Dieser Gott ist allmächtig, allwissend und gütig.
- Jemand, der gut (gütig) ist, würde nach Möglichkeit etwas, was schlecht oder böse ist, nicht tun und es verhindern, wo er kann oder es ganz eliminieren.
- Es gibt Übel in der Welt.
Daher lautet die Frage: Wie kann man behaupten, Gott sei (all)gütig angesichts der Übel der Welt?
Eine Theodizee wäre demnach die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt. Die große Relevanz des Problems ergibt sich daraus, dass dies sowohl ein logisches als auch ein moralisches Problem mit weit reichenden Implikationen ist.
Eine solche Rechtfertigung müsste sich auf fünf Stufen gegen skeptische Einwände behaupten:
- Die Annahmen der Theologen beruhen auf bestimmten Prämissen. Jede dieser Prämissen ist frag-würdig im doppelten Wortsinn, m. A. nach ist die skeptische Position hier stärker. Eine Widerlegung einer einzigen theistischen Prämisse lässt die Theodizee scheitern.
- Angenommen, alle Einwände gegen die skeptische Position aus 1. könnten entkräftet werden, dann gibt es Einwände gegen diese Rechtfertigung selbst. Auch hier müsste jeder einzelne skeptische Einwand widerlegt werden (wie auf Stufe 1., ein Scheitern auf einer Stufe macht alle folgenden Stufen überflüssig und lässt das Theodizeeproblem ungelöst).
- Angenommen, die Rechtfertigung gelingt trotz aller Einwände auch auf Stufe 2., dann müsste ein Theist auch die Umkehrung der Argumentation entkräften. Diese sieht so aus: Wie kann man angesichts des Guten in der Welt die Boshaftigkeit Gottes rechtfertigen? Das geht i. d. R. (in den meisten Fällen) mit exakt derselben theistischen Argumentation (man muss nur 'gut' und 'böse' austauschen). Der Theist hat jetzt drei Möglichkeiten:
- Er kann die Rechtfertigung des Bösen widerlegen. Damit ist zugleich seine Begründung der Theodizee gescheitert, denn zum einen ist ein Argument, welches A "beweist" und Non-A gleichzeitig ungültig (sog. Universalargumente), zum anderen lässt sich die Begründung nun gegen ihn verwenden.
- Er kann die Rechtfertigung des Bösen akzeptieren, weil es keine guten Argumente dagegen gibt - dann könnte er aber nie mehr sicher sein, nicht einen bösen Dämon anstelle eines guten Gottes anzubeten.
- Die häufigste Variante ist die Flucht in den Irrationalismus, alle nicht passenden Argumente werden verworfen, gleichgültig, wie sie begründet sind.
- Sollte die Argumentation die Stufe 3. wider aller Erwartung überstehen, dann kann eine Rechtfertigung nur darin zu bestehen, dass die Übel der Welt unvermeidbar sind und Gott keine bessere Welt hätte erschaffen können. Wenn man diese Argumentation anerkennt, dann ist damit zugleich die Existenz des Paradieses widerlegt (und die Hoffnung auf eine 'ausgleichende Gerechtigkeit'), also der Kernpunkt der christlichen Botschaft erweist sich als ungerechtfertigt. Wenn man an dem Glauben, es gäbe ein Paradies trotzdem festhält, dann stellt sich die Frage, warum Gott die Bedingungen nicht gleich so gestaltet hat wie im Paradies - da er es nicht getan hat, muss man ihm Boshaftigkeit unterstellen (Unfähigkeit kann es jedenfalls nicht mehr sein). Wenn man trotzdem immer noch daran festhält, muss man zugestehen, dass es auch im Paradies jederzeit wieder die Möglichkeit einer Vertreibung geben könnte. Da bleibt nur Raum für eine völlig irrationale Hoffnung ...
- In der letzten Instanz müsste man die Aufrechnung von Leid gegeneinander rechtfertigen (dies gilt nicht für Argumentationen, die die Existenz von Leid überhaupt bestreiten, was meist nicht gemacht wird). Ferner müsste das Leid noch gegen den Einwand verteidigt werden, dass es uns zugefügt wird, ohne uns zu dazu gefragt zu haben, d. h. wir konnten nichts dazu sagen, ob wir diese Rechtfertigung für uns zugefügtes Leid akzeptieren.
Wenn die Theodizee gelöst ist, dann besagt dies übrigens nur, dass ein gütiger Gott möglich wäre, nicht aber, dass es ihn auch tatsächlich gibt. Angesichts dessen wäre zu fragen, warum die Theologen nicht erstmal beweisen, dass er existiert, anstatt ihre Energie darauf zu ver(sch)wenden, kunstvoll-hochspekulative Gedankengebäude auf etwas aufzubauen, dessen Existenz nicht gesichert ist (und damit u. U. auf einen Schlag alle ihre Konstruktionen zerstört).
Die meisten bekannten Theodizeen scheitern schon an der ersten Stufe, spätestens aber auf der dritten. Es scheint ein bisschen widersinnig zu sein, angesichts der Übel der Welt tatsächlich nach einer Rechtfertigung für Gott zu suchen. Man kann mit Gewalt in allem Bösen auch das Gute sehen und damit das Böse selbst rechtfertigen, aber mit dieser Kunst könnte man auch die Taten Hitlers oder Stalins gegen Einwände verteidigen. Es scheint auch kaum möglich zu sein, einen allwissenden und allmächtigen (!) Schöpfer von allen Folgen freizusprechen, die seine Schöpfung für die Lebewesen hatte - normalerweise versuchen wir auch nicht krampfhaft, jemanden, der einen Mord begangen hat in vollem Bewusstsein seiner Tat und unter dem Wissen aller Konsequenzen seiner Handlung von der Tat freizusprechen. Und da alle Lebewesen sterben müssen, handelt es sich hierbei sogar um Massenmord.
Viele Theisten argumentieren nun zirkulär: Wir sterben ja nicht wirklich sondern stehen wieder auf. Diese Annahme, dass Gott hier die Fehler seiner Schöpfung (z. B. den Tod) wieder gut macht, gilt natürlich nur, wenn Gott wirklich gütig ist. Aber dies soll durch die Theodizee erst gezeigt werden, wird hier aber schon wieder vorausgesetzt. Scheitert aber die Theodizee, dann gibt es auch keinen Grund mehr, anzunehmen, Gott würde als Garant einer ausgleichenden Gerechtigkeit stehen - das kann man eben ernsthaft nur von einem Wesen erwarten, dessen Güte sich bereits in dieser Welt zeigt, der Rest ist unsubstantiierte Hoffnung.
Scheitert die Theodizee, so kann man nicht mehr an einen gütigen Gott glauben, bzw. man kann nur wider bessere Einsicht glauben, was auch unter Theologen den Tatbestand des Aberglauben s erfüllt.
Konfusius, er zitiert: "Der Gott der Christen macht, wie wir gesehen haben, Versprechungen, um sie zu brechen, er sendet Pest und andere Krankheiten, um die Menschen zu heilen, er demoralisiert die Menschheit, um sie zu verbessern. Er schuf den Menschen 'nach seinem Bilde', und immer noch werden die Übel in den Menschen nicht ihm zugeschrieben." (Johann Most, "The God Pestilence")
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