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Was ist "Immunisierung gegen Kritik"?

Woran kann man Ideologien erkennen? Was macht eine Ideenlehre zur Ideologie (wörtlich: Lehre von den Ideen)? Auch die Physik ist eine Sammlung von Ideen, aus der eine Lehre entstanden ist, wenn man unter "Ideologie" nur einfach eine "Lehre von Ideen" sieht, dann wäre alles eine Ideologie. M. A. nach ist wesentliches Merkmal einer Ideologie der Umgang mit Kritik, hier vor allem die Immunisierung dagegen.

Immunisierung gegen Kritik besteht darin, Kernteile des eigenen Weltbilds der Kritik (wie auch der Selbstkritik) zu entziehen, in dem man

  1. zirkuläre Logik verwendet, um seine Thesen unwiderlegbar zu machen (Beispiele dazu hier),
  2. Dogmen verwendet, die nicht mehr hinterfragbar sind und die zur unumstößlichen Wahrheit deklariert werden (sog. Letztbegründungen),
  3. Kernaussagen unwiderlegbar macht, in dem man sie in unzugängliche Sphären verlegt (metaphysische / spirituelle Welten), über die man beliebige, nicht widerlegbare Aussagen machen kann, wie man es beispielsweise im Supernaturalismus tut,
  4. Kritik grundsätzlich mit einer Kritik des Kritikers begegnet, in dem man Argumente ad hominem benutzt, den Gegner diskreditiert oder ihn mundtot macht (Entzug der Sprecherlaubnis, Androhung rechtlicher Schritte wegen Copyright-Verletzung bis hin zur Ermordung - früher das bevorzugte Verfahren, inzwischen aus der Mode gekommen  [1]).
  5. bei Kritik die Ebenen wechselt, z. B. analytische Aussagen mit ethischen Aussagen kritisiert - Beispiel: "Die Evolutionstheorie ist falsch, weil sie die Moral der Menschen untergräbt".
Die Punkte a. und b. laufen auf dasselbe hinaus, letztlich ist c. auch dogmatischer Art, aber die verwendete Methode ist eine andere.

Die Benutzung einzelner isolierter Punkte alleine rechtfertigt den Ideologieverdacht noch nicht, erst, wenn man zwei oder mehr dieser Methoden benutzt, kann man von einer Ideologie sprechen. Kurz, jeder Versuch, absolute, nicht hinterfragbare Wahrheiten zu etablieren, für die es keine ausreichende Begründung gibt bzw. für die von vornherein auf jede Begründung verzichtet wird, konstituiert eine Ideologie.

Trotzdem wird jede Ideologie kritisiert, dies ist Aufgabe der Ideologiekritik. Es geht also nicht um das Fehlen von Kritik, sondern um die organisierte Abwehr der Kritik, z. B. durch Apologetik, wobei nicht jede Apologetik ideologischer Natur ist, sie wird es erst durch Verwendung der Punkte a. bis e., nicht jede "Kritik der Kritik" ist ideologisch, wenn man seine Kritik begründen kann, auch Polemik ist nicht ideologisch.

Auch das Fehlen einer Begründung ist nicht gleich ideologisch, sie ist ein Mangel, aber da alles Wissen diesen Mangel hat, rechtfertigt sich daraus kein Ideologieverdacht (wenn alles ideologisch wäre, wäre der Begriff sinnlos).

Es gibt noch ein Erkennungszeichen (Indiz) für Ideologien, nämlich den starken Hang zur Divergenz, dem Auseinanderstreben und Zerfallen in kleine und kleinste Grüppchen, Abspaltungen und Sekten. Während die Wissenschaft immer stärker konvergiert (es gibt nur eine Physik - weltweit), wird eine Ideologie wegen der Beliebigkeit der Wahrheitskriterien sich auch immer stärker in "beliebige Wahrheiten" auflösen, denn es gibt keine Möglichkeit, sich auf vernünftigem Wege zu einigen.

Ideologien sind vermutlich fast so alt wie die Menschheit.

Konfusius, er sagt: "Der Glauben an das Unbeweisbare ist der Ideologie liebstes Kind."



Anmerkungen:
  1.  Es werden stets die Mittel aus einer breiten Palette benutzt, die gerade am Zweckmäßigsten sind (und der Zweck "heiligt" die Mittel). Außerdem bemüht man sich wenigstens, keine Mittel zu verwenden, die in der eigenen Ideologie verboten sind. Bei der Kritik der etablierten Religionen muss man heute nicht mehr mit seiner Ermordung rechnen. Man sollte aber nicht vergessen, dass das vor ein paar hundert Jahren noch anders aussah. (Zurück)

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