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Ergänzungen zu HGA
Eine der Fragen, über die heillose Verwirrung herrscht, ist das Verhältnis von Glauben und Wissen. Ich habe an anderer Stelle bereits kurz dazu Stellung genommen. Zunächst müssen wir zwischen religiösem Glauben und Alltagsglauben im Sinne von vermuten, für-wahr-halten unterscheiden (siehe dazu das Glossar). Im Folgenden geht es um den religiösen Glauben, dem ein besonderer Status zugesprochen wird - nicht dem einer bloßen Vermutung.
Ich hatte ursprünglich geschrieben:
Wahrheit ist definiert als Übereinstimmung mit den Fakten. Daher kann man Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt kritisch prüfen. Kann man es nicht kritisch prüfen, dann hat die Aussage nichts mit Wahrheit zu tun. Kann man also Glaubensaussagen keiner kritischen Prüfung unterziehen, dann können diese auch nicht wahr sein.
Darauf wird meist folgendes eingewendet: Ich behaupte, auf meinem Schreibtisch liegt ein blauer Ball. Nun können Sie, lieber Leser, diese Behauptung nicht nachprüfen. Aber diese Behauptung ist entweder wahr oder falsch. Ich kenne den genauen Status dieser Aussage, d. h. ich selbst weiß, ob sie wahr oder falsch ist, aber Sie können es nicht wissen. Jetzt wäre es doch möglich, dass Sie mir meine Behauptung glauben und sie ist wahr. In diesem Fall hätten wir einen Glauben an die Wahrheit. Es ist also - so die Schlussfolgerung - möglich an etwas Wahres zu glauben.
Ja, möglich ist das. Aber nur deswegen, weil ich da bin und über das notwendige Wissen verfüge. Wäre ich nicht da, so wäre der Status der Behauptung nicht wahr oder unwahr, sondern unbestimmt. Dann kann man sich redlicherweise auch nicht hinstellen und sagen, die Behauptung sei wahr, weil sie in Wahrheit unbestimmt (und eventuell unbestimmbar) ist. Und jetzt kommt etwas, womit viele Menschen ein Verständnisproblem haben.
Wahrheit unterscheidet sich von der Realität. Wahrheit ist eine Landkarte der Realität, und man sollte nicht die Landkarte mit der Landschaft verwechseln. Die Wahrheit ist eine (hoffentlich!) maßstabsgetreue Verkleinerung der und eine Abstraktion von der Realität. Und Wahrheit ist etwas, was nur in menschlichen Köpfen existiert. Vom blauen Ball, der eventuell auf meinem Tisch liegt, kann man nicht sagen, dass er "wahr" sei. Er existiert einfach. Nur von einer Aussage über die Realität können wir sagen, sie sei wahr oder falsch oder unbestimmt. Der Ball selbst ist nichts davon (wenn er überhaupt existiert). Meine Behauptung ist wahr, wenn sie ausreichend mit der Realität übereinstimmt, sie ist unwahr, wenn sie das nicht tut. Und für Sie ist diese Aussage immer noch unbestimmt. "Unbestimmt" bedeutet, dass sie (in diesem Fall) nicht fähig sind, eine wahre und eine falsche Aussage voneinander zu unterscheiden.
Ist die Behauptung damit wahr? Offensichtlich nicht, denn sie ist ja unbestimmt. Ist die Behauptung falsch? Auch das nicht. Kann sie wahr und falsch zugleich sein? Das nun ganz sicher nicht - der blaue Ball kann nicht zugleich auf dem Tisch liegen und nicht auf ihm liegen. Eine solche Behauptung wäre nicht unbestimmt, sondern ganz einfach falsch - und dazu brauchen Sie nicht auf meinen Schreibtisch zu sehen, um das zu wissen! Erstaunlich, nicht wahr? Sie können Dinge über meinen Schreibtisch wissen, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben! Und dieses Wissen ist auch noch sehr sicher obendrein!
Aber zurück zu der Behauptung. Für Sie ist diese Behauptung nicht wahr, sondern unbestimmt. Für Sie kann sie nicht wahr sein, weil Ihnen die Kenntniss über einen Teil der Realität (mein Schreibtisch) fehlt. Sie können es nicht wissen. Aber Sie können daran glauben. Das löst aber das Problem der Wahrheit nicht. Für Sie ist daher die Behauptung nicht wahr, sondern unbestimmt. Und eine Gewissheit über den blauen Ball können Sie nicht haben, und Sie können dies redlicherweise auch nicht behaupten.
Sie sehen, dass ich die Ausgangsaussage falsch (zu lax) formuliert habe (ich habe dies inzwischen korrigiert). Sie müsste lauten:
Kann man also Glaubensaussagen keiner kritischen Prüfung unterziehen, dann können diese auch für Sie nicht wahr sein. Sie können allenfalls unbestimmt sein.
Der wichtige Punkt ist, dass man nun nicht hingehen darf, und bei unbestimmten oder unbestimmbaren Aussagen von Wahrheit zu reden. Glauben hat nichts mit Wahrheit zu tun - auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird. Und: Es gibt eine sehr große Menge an unbestimmbaren Aussagen (z. B. "Gott existiert" - korrekterweise müsste man sagen: "Ich vermute (aber ich könnte mich irren), dass Gott existiert", was Theologen nur sehr verklausuliert tun). Sie können genauso gut das Gegenteil annehmen, ohne dass das etwas am Glauben ändert. Wenn man nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden kann, dann handelt es sich nur um ein "Zusammenprallen" von beliebigen Behauptungen.
Gläubige möchten nun gerne, getrieben von oft unbewussten Wünschen, eine Art "zweite Wahrheit" etablieren. Also die Vermutung, etwas sei wahr, was eventuell wahr sein könnte (oder eben auch nicht), um die Beliebigkeit der Annahmen zu vertuschen, und um zu verschleiern, dass es sich nur um eine Vermutung handelt. Diese "zweite Wahrheit" ist nur eine täuschende Umschreibung des Begriffs "Beliebigkeit". Wir sollten uns von solchen willkürlichen Behauptungen nicht das Denken vernebeln lassen. Unkenntnis ist Unkenntnis, auch wenn sie im Tarnmantel einer angeblichen "Glaubensgewissheit" daherkommt.
P.S.: Auf meinen Schreibtisch liegt kein blauer Ball.
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