Inhaltsverzeichnis:

      Naturalismus
      Supernaturalismus
         Übernatürliche Ursachen?

 

Naturalismus

Es gibt verschiedene Arten von Naturalismus, was die Diskussion (wieder einmal) nicht einfach macht.

Ein veralteter Ausdruck für »Naturalismus« ist Materialismus. Den Begriff sollte man nicht mehr verwenden, er ist mehrdeutig _1_ und wird oft ihn polemischer Absicht gebraucht.

Ich charakterisiere Naturalismus in Anlehnung an Wittgenstein so:

Die natürliche Welt ist alles, was der Fall ist.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das auszuführen:

  1. Schwacher Naturalismus: Die natürliche Welt ist alles, von dem wir feststellen können, ob es der Fall ist.
  2. Starker Naturalismus: Alles, was der Fall ist – alle Tatsachen – gehören zur natürlichen Welt.

Die absolute Mehrheit aller Naturwissenschaftler sind mindestens  schwache Naturalisten.

Es gibt unterschiedliche Arten von Tatsachen, über die wir Aussagen aufstellen können – Beispiele:

  1. »Paris liegt an der Seine« ist eine Tatsache unserer Welt.
  2. »1 + 1 = 2« ist eine mathematische, geistige Tatsache.
  3. »Wenn man Wasser stark genug erhitzt, fängt es bei 100 Grad an, zu kochen« ist eine prozedurale Tatsache.

Wenn die Existenz Gottes eine Tatsache wäre, so gehörte sie nach dem starken Naturalismus  zu den »natürlichen Tatsachen«.

 

Supernaturalismus

Im Grunde spaltet der Supernaturalismus die Welt in zwei Systeme auf: Die natürliche Welt  und eine Art übernatürlicher Sphäre, die wissenschaftlichen Beweismethoden oder Messverfahren nicht zugänglich ist.

Das habe ich hier genauer erläutert: →Kritik am Supernaturalismus.

Supernaturalismus trennt nicht die Welt in eine geistige Sphäre  und die materielle Welt, denn auch geistige Dinge wie Logik oder Mathematik sind Aussagen über die natürliche Welt (s. o.). Vielmehr muss es ich um eine Art »zweiter Sphäre« handeln, die neben oder über unserer materiellen und geistigen Welt existiert. In der Theologie bezeichnet man das als »Transzendenz« (etwas, was unsere Welt »überschreitet«).

Supernaturalistische Auffassungen gibt es mit und ohne Gott, letztere beispielsweise in der Esoterik. Hier interessiert aber nur die monotheistische Ansicht, nach der Gott identisch ist mit dem Übernatürlichen.

Rein sprachlich ist die Welt des Übernatürlichen teilidentisch mit dem Unerklärlichen. Nicht alles, was unerklärlich ist, ist übernatürlich, aber alles, was übernatürlich ist, ist unerklärlich  – nach wissenschaftlichen Maßstäben.

Der Fehler liegt darin, dass man mit dem Unerklärlichen  nichts erklären kann. Im Prinzip liegt hier immer ein logischer Fehlschluss der »Berufung auf Unwissenheit« vor. Man trifft zwei widersprüchliche Aussagen: »Ich kann mir ein Phänomen nicht erklären, schließe aber (willkürlich) aus, dass es natürliche Ursachen hat. Da ich es mir nicht erklären kann, ist das Unerklärliche die Erklärung dafür«.

Kann man es nun erklären oder nicht? Etwas nicht zu wissen schließt eigentlich eine Erklärung aus, trotzdem behauptet man, eine zu haben oder davon zu »wissen«. Man gibt also vor, etwas zu wissen, was man tatsächlich nicht weiß _2_.

 

Übernatürliche Ursachen?

Wenn man etwas auf eine übernatürliche Ursache  zurückführt, dann missbraucht man den Begriff der Ursache:

Siehe auch: Was ist eine Ursache?

Im Grunde haben wir damit bereits eine Dreiteilung der Welt erreicht:

  1. Die natürliche, materielle Welt.
  2. Die geistige Welt, die aus Logik und anderen (statischen) Ideen besteht, von der aber angenommen wird, dass dort auch eigenständiges Denken möglich ist – unabhängig von der materiellen Welt (Leib-Seele-Dualismus).
  3. Die übernatürliche, transzendente, jenseitige Welt, für deren Annahme nur ein Grund besteht: Wir können nicht alles erklären.

Um also die materielle, natürliche Welt »erklären« zu können, wird eine Aufspaltung der Welt in mehrere Varianten vorgenommen. Nur dass wir so keine Erklärungen erhalten und noch mehr haben, das wir erklären müssten, aber nicht können. Statt unsere Unwissenheit zu vermindern haben wir sie erweitert.

Unklar ist, wie die Beziehungen zwischen diesen Welten aussehen. Die geistige Welt ist nicht übernatürlich, dass »1 + 1 = 2« ergibt, ist keine übernatürliche Tatsache. Wie diese die materielle Welt beeinflusst, ist unerklärlich. Aus welcher »Substanz« die transzendente Sphäre besteht, und woher diese kommt, ist ungeklärt. Wie es von dort aus einen Einfluss auf diese Welt geben soll, ist unbekannt. Ob es eine Wechselwirkung dazwischen gibt, ist unerfindlich. Aber das müsste es, wie sollte Gott sonst bemerken, was in unserem Universum geschieht?

Dies alles, um ohne Not und empirischen oder logischen Zwang eine Pseudoerklärung für die Herkunft unserer materiellen Welt zu erfinden!

Wissenschaft  besteht darin, den minimalen Satz an Annahmen zu finden, mit denen wir die Welt erklären können. So viele Annahmen wie nötig, aber nicht mehr. Da jede Voraussetzung falsch sein könnte, handelt es sich hier um ein Sparsamkeitsprinzip. Ohne zwingenden Grund vermehrt man die Grundprinzipien nicht, die man zur Erklärung verwendet. Die (monotheistische) Religion schert sich nicht um Sparsamkeit, ebenso wie bei den vielen esoterischen »Erklärungen« für die Welt. In dieser Hinsicht ist Religion auch Esoterik. Überall lauern verborgene Einflüsse, über die man nichts sagen kann, und die daher für eine Erklärung auch nichts taugen.

Wenn behauptet wird, dass die Wissenschaftler nur das »Wie« erklären können, aber nicht das »Warum«, dann ist das erstens  falsch, zweitens  haben wir es mit einem Haufen von theologisch-theistischen Pseudoerklärungen zu tun, die eben nichts wirklich erklären. An dieser Stelle geraten Wissenschaft  und Religion  auch in einen Konflikt.

Dieser entsteht dadurch, wenn die Religion versucht, Aussagen über das Sein  (die Welt) zu machen. Die angenommene Existenz eines Schöpfergottes erzwingt logisch gesehen solche Weltsichten, wie Primat des Geistes, Leib-Seele-Dualismus, Realismus, Supernaturalismus  und hat daher Folgen für diese Welt.

In der Wissenschaft wird der Erfolg einer Theorie daran gemessen, ob sie messbare Vorhersagen für die Welt erlaubt. In der Theologie wird aber jede falsche Vorhersage mit viel Aufwand »wegdiskutiert«. Zum einen ergeben sich beliebige Vorhersagen – man kann Alles und damit zugleich Nichts erklären – und zum anderen wird jedes Scheitern an der Realität mit einer Flut neuer Behauptungen gekontert. Die Schwierigkeiten dieser neuen Annahmen werden aber kaum diskutiert.

Fazit: Jede religiöse Aussage über das Sein ist mit großer Vorsicht zu genießen.

Zurück

1. Er kann auch bedeutet: Die Ansicht, dass nur materielle Dinge wie Geld im Leben zählen. Zurück zu 1

2. Das ist meine Definition des Begriffs »religiöser Glauben«. Zurück zu 2


Zurück zum Anfang