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Über die christliche Doppelmoral
Wesentlicher Aspekt einer Ideologie ist, dass die Basis durch Immunisierung gegen Kritik abgeschirmt wird. Da die Basis alogisch ist (weil sie in den Subjektivismus verlagert wurde, in die Gefühlswelt oder in supernaturalistische Sphären oder andere Bereiche, in denen Logik und Tatsachen keine Rolle spielen) folgen aus dieser Basis beliebige Schlüsse. Denn es fehlen genau die Kriterien für eine konsistente Begründung, die für Folgerichtigkeit wesentlich wären - die Kriterien werden ad hoc zurechtgebastelt. Auf dieser Basis werden dann wiederum völlig logische Gedankengebäude aufgesetzt, die in sich (halbwegs) stimmig sind. Die Basis scheint absolut zu sein, die Beliebigkeit wird geleugnet, und der Rest gibt eine absolute Gewissheit und Überzeugung.
Die Gefahr, dass man etwas glaubt, was im Widerspruch zu irgendwelchen Tatsachen steht, ist kaum gegeben - dafür sorgt die Immunisierung. Der Rest scheint widerspruchsfrei zu sein, also läuft man auch nicht in Gefahr, Widersprüchliches zu glauben (das wäre unmöglich), und jeder auftauchende "Restwiderspruch" wird sofort in eine alogische Sphäre abgeschoben und dort "eliminiert". Wir können so den psychologischen Mechanismus der Verdrängung in Aktion erleben - dass der Wunsch Vater aller Gedanken ist, darf eben nicht bewusst werden, weil das für erwachsene Menschen eine "kindische" Vorstellung ist, also wird der Wunschanteil aus dem Denken verbannt und man baut darüber ein Gebäude an Rationalisierungen auf. Verdrängung und Rationalisierung sind beides Verteidigungsstrategien gegen Angst - es handelt sich um einen Angstabwehrmechanismus. Was die (vermeintliche) Sicherheit der eigenen Auffassung bedroht, löst Angst aus (und sei es nur, die Angst im Unrecht zu sein, sich zu irren) und muss daher "unschädlich" gemacht werden.
Die Bibel ist u. a. auch deswegen so beliebt, weil sie genau diese Voraussetzungen bietet - ein weites Betätigungsfeld, um Rationalisierungen einzuüben und auszutesten, eine absolute Grundposition ("Das Wort Gottes") und eine ziemliche Beliebigkeit in der Moral. Man gebe mir zwei gegensätzliche moralische Positionen, denselben Interpretationsspielraum, den Christen für sich in Anspruch nehmen, und ich belege und begründe beide Positionen aus der Bibel (ein schönes Beispiel dafür finden Sie im Heilsplan der Bibel - da sind es allerdings acht widerstreitende Positionen). Es gibt aber auch Positionen, wo das nicht geht. Und damit kann man - wenn man in der Diskussion an einen Punkt angekommen ist, bei dem der Gesprächspartner moralische Argumente ad hominem benutzt - kognitive Dissonanz auslösen.
Kognitive Dissonanz tritt auf, wenn die eigenen Ansichten in Widerspruch zu den Tatsachen geraten - das Gefühl dazu ist relativ unangenehm und bildet den Antrieb zum Auflösen der Widersprüche. Da gibt es dann zwei Methoden, diese aufzulösen: Man passt die Anschauung den Tatsachen an, oder man passt die Tatsachen (durch Uminterpretation, Rationalisierung, Leugnung, Verdrängung, ad hoc Annahmen etc.) den Anschauungen an. Je mehr Mühe man in den Aufbau der Anschauungen gesteckt hat, umso mehr wird der zweite Weg bevorzugt - dies ist eine Ökonomie des Denkens, denn es wäre "Verschwendung", die investierte Arbeit verloren zu geben. Dadurch wird an Ansichten auch dann zäh festgehalten, wenn deren Realitätsgrad gering ist.
Wie löst man bei Christen kognitive Dissonanz aus? Z. B. durch folgende Bibelstellen:
→Lukas 14:33
→Matthaeus 19:21
→Markus 10:17-22
→Markus 8:34
→Matthaeus 19:23-24
→Markus 10:23
→Matthaeus 6:19
→Lukas 12:33-34
→Lukas 11:41
→Lukas 3:11
→Matthaeus 5:42
→Matthaeus 5:40
→1 Johannes 3:17-18
→Matthaeus 10:9-10
Da helfen keine Rationalisierungen, auch kein "Das ist aber aus dem Kontext genommen!"-Argument, keine Uminterpretationen - die Bibel ist hier ziemlich eindeutig. Wer mehr hat als die Ärmsten darf sich weder Christ (= jemand, der Christus folgt) nennen noch auf das Himmelreich hoffen. Wenn man kognitive Dissonanz in Aktion sehen möchte, dann zitiere man diese Stellen und beobachte die Reaktion. Wenn man einen Hang zur Boshaftigkeit hat (und, glauben Sie mir, wenn man lange genug mit Fundamentalisten argumentiert, dann bekommt man den) dann fragt man zunächst ganz unschuldig danach, was denn derjenige mit einem größeren Lottogewinn oder einer Erbschaft tun würde.
Welcher große Christ sagte denn noch gleich: "Wer seinen Nächsten liebt wie sich selbst hat nicht mehr als der Nächste" - ein (bei Christen) sehr unbeliebtes Zitat.
Man kann dies auch indirekt aus folgender Bibelstelle auslesen, in der das gerechtfertigt wird: →Matthaeus 6:25-34. Nun ist genau diese Bibelstelle sehr weltfremd und löst bei den meisten Menschen sofort eine kognitive Dissonanz aus. Wenn aber jemand die Ethik des Christentums verteidigt, dann kann man ihn auf diese Bibelstellen aufmerksam machen. Damit erzeugt man (meistens - bei Nonnen oder Mönchen oder armen Schluckern funktioniert das natürlich nicht) man einen unangenehmen Zustand (aber nichts Ernstes). Wenn man das verstärken möchte, dann kann man sein Gegenüber fragen, ob er einen Morallehrer für vorbildlich hält, der seine eigene Lehre missachtet - und ob er jemandem folgen könne, der sich nicht einmal ansatzweise an Gebote hält, die er gerne anderen Menschen aufs Auge drücken möchte?
Dieses Argument kann man nicht umdrehen - ich bin Atheist, ich halte die Morallehre der Bibel für verfehlt, ich muss dem also nicht folgen, weil für mich sowieso ein Platz in der Hölle reserviert ist. Aber wenn Christen zentral wichtige Lehren der Bibel nicht achten und nicht befolgen, so ist ihre Glaubwürdigkeit in moralischen Fragen auch eher gering anzusehen.
Sollte also in den Diskussionen jemand mit Argumenten ad hominem kommen, die ohnehin Bestandteil einer unfairen Diskussionspraxis sind, dann halte ich es für absolut gerechtfertigt, die hier skizzierte Strategie zu verwenden. Hier mit der Kirchengschichte zu kommen ist unproduktiv - denn unser Gesprächspartner kann nichts dafür, dass früher Hexen verbrannt worden sind. Aber für seine eigene Lebensführung kann er etwas tun. Aber so können wir später jedes Argument ad hominem abwehren, in dem wir anzweifeln, dass unser Gegenüber in Moralfragen irgendeinen vernünftigen Maßstab zu bieten hat. Nach einiger Zeit hat unser Diskussionspartner begriffen, dass wir sofort kognitive Dissonanz bei ihm auslösen können, wann immer wir es wollen, und wird um Moralfragen und Argumente ad hominem einen großen Bogen machen.
Ist das eine unfaire Taktik? Nein, denn wenn wir Moralfragen sowieso zum Thema haben, und wir eindringlich auf die Vorbildlichkeit der Bibel hingewiesen werden, dann dürfen wir auch fragen, wie es unser Gegenüber damit hält - so wie er uns auch fragen wird. Wenn der Diskussionspartner selber unfaire Taktiken einsetzt (Argumente ad hominem sind immer unfair), dann können wir ihn zu einer fruchtbaren Diskussion zurückführen, in dem wir seinen Argumenten die Basis (seine angebliche moralische Überlegenheit) nehmen. Wie Du mir, so ich Dir, aber mit einem deutlichen Hinweis, wie es besser geht.
Konfusius, er zitiert: "Der große Haufen bekümmert sich wenig um Moral; der Glaube ist ihm bequemer." (Karl Julius Weber)
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