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Euthyphrons Dilemma II

Angenommen, Sie sind ein überzeugter Christ. Sie haben sich Ihr ganzes Leben lang redlich bemüht, nach Gottes Geboten zu leben und ein guter Mensch zu sein. Und nun stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Eines Tages erscheint vor Ihnen plötzlich aus dem Nichts Jesus. Er sagt Ihnen dieses:

Jesus: Du hast ein vorbildliches christliches Leben gelebt und hast meinen Geboten stets gehorcht. Aus diesem Grund, weil ich besonderen Wohlgefallen an Dir habe, möchte ich Dich mit einer wichtigen Mission beauftragen: Gehe hin und predige das Evangelium auf der Straße, so dass alle Menschen davon hören und ein Leben wie Du führen können.

Danach verschwindet Jesus wieder.


Sie sind überrascht. Sie wissen zunächst nicht, ob Sie wachen oder träumen, aber es gibt keinen Zweifel - Sie waren wach und haben das wirklich erlebt! Was würden Sie nun tun? Sicher würden Sie dem Willen von Jesus entsprechen.

Und nun exakt dasselbe Szenario nochmal. Aber diesmal sagt Ihnen Jesus etwas anderes:

Eines Tages erscheint vor Ihnen plötzlich aus dem Nichts Jesus. Er sagt Ihnen dieses:

Jesus: Du hast ein vorbildliches christliches Leben gelebt und hast meinen Geboten stets gehorcht. Aus diesem Grund, weil ich besonderen Wohlgefallen an Dir habe, möchte ich Dich mit einer wichtigen Mission beauftragen: Gehe hin und töte Deinen erstgeborenen Sohn. Nimm ihn mit auf einen Berg und stoße ihm einen Dolch durch sein Herz.

Danach verschwindet Jesus wieder.


Sie sind überrascht. Sie wissen zunächst nicht, ob Sie wachen oder träumen, aber es gibt keinen Zweifel - Sie waren wach und haben das wirklich erlebt! Was würden Sie nun tun?

Vermutlich würden Sie - im Gegensatz zur ersten Szene - starke Zweifel hegen, dass Sie das wirklich erlebt haben. Warum eigentlich? Sie nehmen die Bibel, weil Sie sich nicht vorstellen können, dass Gott so handeln können, aber Sie finden →1 Mose 22:1-13, die Geschichte von Abraham, der aufgefordert wird, seinen Sohn zu opfern. Noch heute wird von Juden und Christen Abraham als besonders vorbildlich gelobt, weil er bereit war, seinen Sohn zu opfern. Die Geschichte ging insofern gut aus, weil Abraham am Opfer gehindert wurde, aber in diesem Szenario können Sie nicht davon ausgehen, dass dies wieder so geschehen wird.

Die meisten Gläubigen werden im ersten Szenario nach Gottes Willen handeln, im zweiten Szenario aber nicht, weil sie davon ausgehen werden, getäuscht worden zu sein, eine Halluzination gehabt zu haben etc. Kurz gesagt, sie weigern sich zu glauben, dass Gott so etwas befehlen würde, obwohl es genügend Unterstützung in der Bibel dafür gibt. Tatsächlich hat Gott schon schlimmere Dinge befohlen, nicht nur einmal, z. B. in →4 Mose 31:17-18. Es gibt also keinen Grund, an der Ernsthaftigkeit zu zweifeln. Es gibt auch keinen Grund, anzunehmen, dass Gott auch diesmal den Mord in letzter Sekunde verhindern wird.

Trotzdem werden die meisten Christen einen großen Unterschied sehen. Wenig Zweifel im ersten Szenario, viel Zweifel im zweiten Szenario. Und wenn man ihnen Gelegenheit gäbe, Gott eine Frage zu stellen, so würde diese vermutlich so lauten:

Gott, ist etwas gut, weil Du es für gut befindest, oder befindest Du es für gut, weil es gut ist?

Wir erkennen die beiden Möglichkeiten aus Euthyphrons Dilemma I wieder. Wenn etwas gut ist, weil Gott es für gut befindet, dann ist gut und böse eine Sache der absoluten göttlichen Willkür. Dann ist ein von Gott befohlener Mord eben eine gute Sache. Wenn Mord aber unabhängig von Gott eine schlechte Sache ist, dann existiert eine Moral völlig unabhängig von Gott.

Im ersten Fall wäre Atheismus eine unmögliche und ethisch nicht vertretbare Position. Allerdings wäre die christliche Ethik dann ein einer Akt der Willkür, eine echte Basis für eine Ethik käme nicht dabei heraus. Deswegen wird auch von vielen Christen (z. B. von Thomas von Aquin) eher die zweite Position vertreten - aber dies macht eine Ethik möglich, die völlig auf Gott verzichtet und öffnet dem Atheismus Tür und Tor. Außerdem setzt sie einen Standard, der noch über Gott steht, eventuell sogar seine Allmacht begrenzt, wenn man davon ausgeht, dass Gott nichts Schlechtes tun kann.

Die Frage ist also, ob es eine Ethik ohne Gott geben kann. Nur wenn das der Fall ist, könnte man sich in unserem Beispiel (als Christ) dagegen entscheiden, seinen Sohn zu opfern.

Die Frage nach einer "Ethik ohne Gott" lässt sich empirisch beantworten. Denn wenn man sich die Mehrheit der menschlichen Kulturen ansieht, so wird man feststellen, dass es allgemeine ethische Grundsätze gibt, die überall gültig sind, auch in Kulturen, die keinen Gott kennen. Mehr noch, es gibt eine Reihe von Kulturen mit einer hoch entwickelten Ethik, die keinen Gott kennen. Als ein Beispiel sei die chinesische Kultur zu nennen, die älteste existierende Hochkultur auf der Erde. Bis zum Eintreffen der ersten christlichen Missionare gab es in der chinesischen Sprache kein Wort für Gott. Die Chinesen konnten also nicht über Gott  [1] reden, also konnten sie auch keine Moral auf Gott aufbauen!

Es gibt noch zahllose andere Kulturen, die keinen Gott kennen und keine Moral auf Gott aufbauen. Zu behaupten, das sei unmöglich, wäre also zu bestreiten, dass es außerhalb der abrahamitischen Religionen eine Moral gäbe. Tatsächlich aber sind bestimmte moralische Regeln universell gültig - ein paar Beispiele:
  • Es gilt überall gut, einem Menschen in Not zu helfen, auch wenn es ein Fremder ist.
  • Sex mit Kindern und Inzest gilt überall als moralisch schlecht.
  • Klatsch und Tratsch gilt überall als schlecht, wird aber andererseits in jeder bekannten Gesellschaft ausgiebig praktiziert.
  • Mord gilt generell als schlecht, aber überall werden Ausnahmen erlaubt (Notwehr, zum Beispiel).
  • Kinder gelten überall als besonders schutzwürdig und als moralisch nicht voll verantwortlich.
Keine dieser Regeln gilt zu 100% - das sollte auch nicht weiter verwundern, denn keines der christlichen Gebote galt jemals zu 100%. Es lassen sich immer Situationen konstruieren oder herstellen, bei denen die Übertretung eines Gebotes als besser angesehen wird als die Einhaltung des Gebotes. Und für Menschen gibt es keine Hundertprozentigkeit, deswegen finden wir überall auch Menschen, die gegen Gebote verstoßen. Wir finden besonders in den sog. "Hochkulturen" mehr Verstöße gegen ethische Normen als bei naturnahen Gesellschaften. Wir finden ausgerechnet im christlichen Amerika eine der höchsten Mordraten  [2].

Von Anthropologen (Boyer 2002, beispielsweise) wird die Entstehung der religiösen Moral aufgrund der Empirie auch ganz anders gedeutet - zuerst gab es so etwas wie ein Naturrecht  [3], also einen weit gehenden gesellschaftlichen Konsens darüber, was gut und was schlecht ist. Aus diesem wurden die religiösen Gebote abgeleitet und später verabsolutiert. Nicht die religiöse Moral ist die Ursache des ethischen Verhaltens - sondern genau umgekehrt: Das ethische Verhalten der Menschen war die Ursache der religiösen Gebote! Die Religion hat hier das Ursache-Wirkungs-Verhältnis im Laufe der Zeit "umgedreht".

Wenn man das bestreitet, dann hat man ein sehr schwer zu lösendes Problem. Es gibt tausende verschiedener Religion - Ahnenkulte, atheistische, agnostische, monotheistische, polytheistische usw. usf. Religionen. Wieso können tausende verschiedener Religionen ursächlich ein und dasselbe Verhalten überall auf dieser Welt, unter unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten, bewirken? Das ist schlicht unvorstellbar und unsinnig.

Allerdings verhalten sich die Menschen aus natürlichen Gegebenheiten heraus moralisch. Nur konnten sich die Menschen diesen Umstand nie richtig erklären. Warum helfe ich einem Fremden in der Not, auch wenn das zu meinem persönlichen Nachteil ist? Warum halte ich es für falsch, wenn ein Bruder seine Schwester zur Frau nimmt? Den Menschen war dies stets ein Rätsel. Wodurch wurde das eigene Verhalten gesteuert?

Nun löst es, wenn wir etwas tun, aber nicht wissen warum, sofort Angst aus. Wir fühlen uns "fern- oder fremdgesteuert", wir verlieren die Kontrolle über uns. Die Möglichkeit, diese Angst zu bewältigen, bezeichnet man als "Angstabwehrmechanismus". Einer dieser Abwehrmechanismen bezeichnet man als Rationalisierung. Im Abschnitt über Angstabwehrmechanismen habe ich das ausführlicher begründet. Die Wirkung der Rationalisierung lässt sich experimentell nachweisen.

Folglich ist die religiöse Umschreibung ethischen Verhaltens aus dem Mechanismus der Rationalisierung zu erklären.

Die religiöse Erklärung des ethischen Verhaltens - die religiösen Gebote - sind eine Rationalisierung menschlichen Verhaltens. Da die Gründe für dieses Verhalten diffus und unbewusst sind, kommt natürlich eine Vielzahl von unterschiedlichsten, kulturell verschiedenen Erklärungsmodellen zustande. Ein und dasselbe Verhalten kann zwar verschiedene Erklärungen und Erklärungsversuche hervorrufen, aber die unterschiedlichen religiösen Vorstellungen können kaum ein und dasselbe Verhalten hervorrufen. Das ist ein starkes Argument dafür, dass Religion nicht die Mutter der Ethik ist, sondern eines ihrer Kinder. Man kann es auch so ausdrücken, dass die Religion die Ethik an sich gerissen hat und diese parasitär verwendet hat. Religion hat die tatsächlichen Verhältnisse der Ethik verkehrt, religiöse Ethik ist also Ausdruck eines falschen Weltverständnisses, eine Verdrehung der Tatsachen.

Wir können also nicht nur eine Ethik ohne Gott haben, sondern die göttliche Ethik entstammt dieser sogar! Den Religionen ist es gelungen, die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern. Es wird Zeit, dass wir die Moral wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Die Religion hat die Moral als ihre Geisel genommen und droht mit der Erschießung der Geisel, wenn wir ihr die Moral wieder nehmen. Aber diese Drohung ist leer, wir sollten uns nicht weiter erpressen lassen.

Im nächsten Abschnitt geht es dann um den Begriff der Sünde und seine Implikationen - und wie der Begriff das hier skizzierte Verhältnis von Moral und Religion verschleiert.

Weiterführende Links zum Thema

Euthyphrons Dilemma. Das ist der Originaltext, ein sokratischer Dialog.

Siehe auch meine Liste mit interessanten Links.

Interessante Literatur zum Thema

Boyer, Pascal: 2004, Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta , Stuttgart. Eine anthropologische, neurobiologische und linguistische Theorie, warum der Mensch Gott erfinden musste, eine Theorie sämtlicher existierender Religionen - gründlich fundiert und experimentell abgesichert. Ein Muss, wenn man wissen will, wieso die Religionen entstanden sind.

Dahl, Edgar (Herausgeber): 1995, Die Lehre des Unheils. Fundamentalkritik am Christentum., Goldmann, München. Kritik am Christentum von verschiedenen Autoren.

Martin, Michael: 2003, Atheism, Morality, and Meaning (Prometheus Lecture Series), Prometheus Books, New York. Sehr gutes Werk mit einer Begründung der atheistischen Moral und dem Sinn des Lebens, zugleich eine Fundamentalkritik an der christlichen Moral.

Das ist nur ein Ausschnitt aus meinem Literaturverzeichnis. Dort finden Sie noch weitere Literatur zum Thema.


Konfusius, er zitiert: "Ideen haben Konsequenzen, und völlig falsche Ideen haben wahrscheinlich zerstörerische Konsequenzen." (Steve Allen)



Anmerkungen:
  1.  Auch für den Taoismus gab es keinen Gott, dies war ein absolut fremdes Konzept. Dass die Taoisten einen Gott kannten, ist auf falsche Übersetzungen zurückzuführen - insofern muss ich mich entschuldigen, wenn ich von einem "taoistischen Gottesbild" geredet habe, gemeint ist damit die Abwesenheit einer Vorstellung von Gott. Inzwischen kennt die chinesische Sprache einen Ausdruck für Gott - Shang Di, was soviel heißt wie "über dem Kaiser". (Zurück)
  2.  Von Gebieten im Ausnahmezustand - Krieg, Bürgerkrieg etc. mal abgesehen. (Zurück)
  3.  Ethik dienst letztlich der Arterhaltung und der Selbsterhaltung - und zwar in dieser Reihenfolge. Deswegen kann man grundlegende ethische Ideen auch schon bei unseren nächsten Anverwandten, den Primaten, beobachten, bei denen eine Vorform unserer eigenen Ethik schon sehr ausgeprägt ist. Berühmt geworden ist der Fall einer Gorillamutter, die ein in das Gehege gefallene Menschenkind aufnahm und tröstete und umsorgte. (Zurück)

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