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Euthyphrons Dilemma I

Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, dass Christen sich oft für die besseren Menschen halten und wie sie das begründen. Es gibt aber noch eine weitere Begründung, die wir genauer betrachten müssen. Demnach muss eine Moral religiös begründet sein, damit sie wirksam ist - ohne göttliche Gebote gäbe es nur willkürliche menschliche Gebote. Das erscheint auf den ersten Blick sehr einleuchtend zu sein, auch wenn es schwer erklärbar zu sein scheint, warum sich Atheisten dann überhaupt moralisch verhalten können. Aber wenn man versucht, eine Moral auf göttliche Gebote zurückzuführen, dann stößt man auf Euthyphrons Dilemma, welches zuerst von Platon formuliert wurde (im übersetzten Original ist es →hier zu finden. Dies ist eine etwas abgewandelte Variante.

Warum ist Nächstenliebe gut?

Ist die Nächstenliebe gut, weil Gott sie gut heißt? Wenn man dem zustimmt, dann macht man das Urteil über gut und böse zu einer Willkür Gottes  [1]. Wenn also Gott zufällig Nächstenliebe für böse hält und Folter für gut, ist es dann böse, seinen Nächsten zu lieben und gut, jemanden zu foltern? Wenn man nun behauptet, dies könne nicht sein, weil Gott sicher die Nächstenliebe nie für falsch und die Folter für richtig befunden hätte, weil er ja gut sei, der verstrickt sich in einen logischen Zirkel: Gott ist gut, weil er die Nächstenliebe für gut befindet, und die Nächstenliebe ist gut, weil Gott sie für gut hält. Wir haben bereits gesehen, dass logische Zirkel sich stets in eine Tautologie auflösen lassen, in diesem Fall wäre die Behauptung, Gott ist gut, weil er gut ist, und die Nächstenliebe ist gut, weil sie gut ist. So eine zirkuläre Begründung lässt sich für alles finden, auch für das Gegenteil, weswegen die Begründung ungültig ist.

Ist Nächstenliebe gut, weil Gott mächtig ist?

Nun kann man sich auf die Macht Gottes berufen. Aber bedeutet Macht, stets auch im Recht zu sein? Hitler war mächtig, war deswegen die Judenvernichtung richtig? Sicher nicht, also kann man auf Macht auch keine moralische Begründung aufbauen. Moralisches Handeln setzt eine gewisse Autonomie des Subjekts voraus, wer unter Zwang handelt, handelt nicht moralisch. Wer sich der Macht beugt, handelt nur moralisch, wenn er dies freiwillig tut, tut er aus Zwang heraus, handelt er nicht moralisch, denn er konnte nicht anders handeln.

Also müsste man begründen, dass Nächstenliebe deswegen gut ist, weil sie für die Menschen gut ist. Jetzt ist die Begründung aber völlig losgelöst von Gott - womit die Behauptung, man brauche Gottes Gebote, um gut zu handeln, widerlegt wäre. Wir können also ethische Begründungen finden, ohne uns auf Gott zu berufen. Mehr noch, wir machen unsere eigenen Maßstäbe zu denen, anhand derer wir Gottes Handeln beurteilen - Gott ist gut, weil er das für gut hält, was wir auch ohne ihn für richtig befinden.

Ist Nächstenliebe gut, weil es von Gott geoffenbart wurde?

Der Einwand der Christen lautet dann, dass Gott allwissend sei, und daher besser als die Menschen wüsste, was gut für sie ist (auch und gerade wenn sich dies mit unserer Auffassung deckt). Aber woher kennen wir denn die Gebote Gottes? Durch Offenbarung, so heißt es, aber damit verstricken wir uns in eine Reihe neuer Probleme. Wenn wir die Offenbarung der Bibel entnehmen, so werden wir feststellen, dass diese sehr unterschiedlich interpretiert wurden und werden. Die einen sagen "Du sollst nicht töten", die anderen sagen, es lautet "Du sollst nicht morden". Nicht umsonst lautet einer der Slogans der amerikanischen Friedensbewegung auch: "Welchen Teil von Du sollst nicht töten' haben wir nicht verstanden?". Denn auch Bush beruft sich auf das Christentum. Damit werden also moralische Gebote zu einer Frage der Auslegung und da in der Bibel nichts oder nicht viel über die richtige Auslegung steht, kann diese nicht Teil der göttlichen Gebote sein und ihre Begründung ist nicht auf Gott zurückführen, sondern wiederum auf rein menschliche Maßstäbe.

Dem steht nur entgegen, dass viele christliche Gruppen meinen, nur sie hätten die richtige Interpretation gefunden. Da diese aber viele Gruppen für sehr unterschiedliche Auffassungen sagen, brauchen wir wieder rein menschliche Maßstäbe, um unter der richtigen Auslegung auszuwählen (das Problem ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben). Das betrifft auch die Auswahl des Glaubens selbst, die Katholiken haben ein offizielles Lehramt - man müsste sich autonom entscheiden, deren Regeln anzuerkennen. Nun ist die Mehrheit der Katholiken aber in ihren Glauben hineinsozialisiert worden, also kann nicht von einer autonomen Entscheidung gesprochen werden, da die Entscheidung selbst nicht autonom war, kann sie kein moralisches Handeln begründen, ist also selbst nicht moralischer Natur. Entscheidet man sich doch dafür autonom, dann aufgrund von Maßstäben, die außerhalb des Lehramts liegen, die Entscheidung ist moralisch, aber nicht von Gott begründet.

Ist Nächstenliebe gut, weil dies persönlich offenbart wurde?

Können persönliche Offenbarungen eine Moral begründen? Sicher, aber das hängt von der Glaubwürdigkeit des Menschen ab, der behauptet, eine Offenbarung empfangen zu haben. Glaubwürdig kann nur heißen, dass die Gebote mit unserer eigenen Auffassung über gut und böse übereinstimmen, denn wir brauchen Kriterien, anhand derer wir das beurteilen können. Also stehen diese Gebote selber auf dem Prüfstand und können sich daher nicht selbst begründen.

Das prinzipielle Problem, ob eine sich auf Gott berufende Moral gut ist, wird durch die Art und Weise der Offenbarung übrigens nicht berührt. Des Weiteren wird hier das Problem angesprochen, woher wir denn wissen, ob Gott gut ist. Gott kann dies von sich behaupten, solange er will - ob jemand gut ist, können wir nur anhand seiner Handlungen abschätzen anhand menschlicher Maßstäbe. Angesichts der Übel der Welt muss man aber berechtigte Zweifel haben, ob Gott gut ist (Theodizeeproblem). Scheitert die Theodizee, d. h. die Rechtfertigung Gottes anhand der Übel der Welt, so kann und darf man sich nicht auf göttliche Gebote berufen, sondern muss diese gerade dann anhand menschlicher Maßstäbe sorgfältig prüfen.

Ist die Nächstenliebe gut, weil Jesus für uns am Kreuz starb?

Kann man sich dann auf bestimmte sog. "Heilstatsachen" berufen, z. B. den Kreuzestod Jesus? Aus dem Kreuzestod können verschiedene Schlussfolgerungen gezogen werden, er diente u. a. zur Rechtfertigung der Kreuzzüge ("Gott will es" war das Motto der Kreuzfahrer) und des Antisemitismus. Außerdem müsste der Kreuzestod eine normative Prämisse begründen, aber wer erklärt diese? Und wie entscheiden wir uns, welche Erklärung aus welchen Gründen die Richtige ist? Damit brauchen wir Kriterien, um eine bestimmte normative Komponente mit welcher "Heilstatsache" wie begründet werden kann und wie wir die Entscheidung darüber fällen können, und wir landen wieder in Euthyphrons Dilemma.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es Atheisten und Moslems und andere Glaubensgemeinschaften gibt. Wie erklärt man einem Hinduisten oder Shintoisten oder Buddhisten, wieso die Berufung auf den monotheistischen christlichen Gott eine Moral begründet im Angesicht von Euthyphrons Dilemma?

Moral ohne Gott

Aus diesem kann man nun folgern, dass wir eine Moral ohne Gott begründen können und dies sogar wegen der geschilderten Probleme tun müssen. Es gibt also keine Verbindung von Religion zur Moral. Eine weitere Evidenz dafür sind die Gräuel, die im Namen des Christentums begangen wurden. Wer also behauptet, die Religion möge vielleicht nicht wahr sein, sie sei aber zur Begründung einer Moral unerlässlich, den kann man auf Euthyphrons Dilemma verweisen.

Übrigens gibt es noch ein weiteres Problem, mit dem sich der Kreis wieder schließt: Da Gott als das Gute schlechthin definiert wird, sind alle seine Handlungen gut. Aber das ist wiederum eine Einschränkung seiner Möglichkeiten - denn dies hieße, dass Gott ein Gefangener seiner Güte ist, der nicht anders handeln kann, selbst wenn er wollte. Da aber Gott weiterhin als allmächtig definiert wird, wäre eine solche Einschränkung seiner Handlungen damit in Konflikt. Also könnte Gott auch Böses tun und z. B. lügen, aber damit ist es unsinnig, alle seine Handlungen als gut zu bezeichnen. Vor allem, weil wir Gott nicht vollkommen verstehen können, ist es völlig sinnfrei, alles von ihm als moralisch einwandfrei zu klassifizieren. Daher kommen wir in keinem Fall umhin, eine eigene Moral aufzustellen und anhand dieser Moral Gott zu beurteilen - nicht, weil wir dies so wollen, sondern weil wir nicht anders können.

Wenn Gott uns ein moralisches Gebot gibt, sind wir dann verpflichtet, nach diesem Gebot zu handeln? Wenn ja, warum? Gibt es dazu ein Gebot? Und schon sind wir in einem unendlichen Regress. Wir können also auch hier keine Gebote auf Gott begründen.

Manchmal wird noch behauptet, unsere Moral sei korrumpiert, und deswegen müssten wir auf Gott hören. Aber wenn unsere Moral korrumpiert ist, wie können wir dann die Ansicht begründen, es sei gut, auf Gottes Gebote zu hören? Das kann ja, weil unsere Moral so korrupt ist, genau die falsche Schlussfolgerung sein. Wir können dann überhaupt nichts mehr wissen oder urteilen über Moral, und wir können schon überhaupt nicht sagen, Gott sei gut.

Offenbarung von Geboten - Zusammenfassung

Man könnte nun meinen, dass Gott überhaupt keine Gebote offenbaren kann, und dies ist in gewisser Hinsicht auch richtig. Eine göttliche Offenbarung könnte man daran erkennen, dass sie keinerlei moralische Gebote enthält, und zwar wegen des geschilderten Dilemmas - man sollte davon ausgehen, dass Gott davon weiß. Was Gott offenbaren könnte, wären moralische Regeln, d. h. Gebote plus einer Begründung, die so gut ist, dass man sie akzeptieren kann, gleichgültig, ob sie von Gott oder von Menschen stammt. Wenn Gebote es nötig haben, geoffenbart zu werden, damit sie Autorität bekommen, dann können sie nicht von Gott kommen, nur Regeln, die so einsichtig sind, dass man es nicht nötig hätte, sich dabei auf Gott zu berufen, könnten wirklich von Gott stammen. Gebote ohne Begründung müssen nur unseren Argwohn erwecken, dass hier ein Mensch versucht, sich die Autorität Gottes zu "entleihen", um uns bewusst (in betrügerischer Absicht) oder unbewusst (in Selbsttäuschung) zu manipulieren. Wenn man sich die Gebote in der Bibel ansieht, so fehlt ihnen meist jede Begründung, sie können nicht auf "eigenen Füßen stehen", also stammen sie nicht von Gott. Glauben nützt nichts, weil sich jeder mit seinen widersprechenden Geboten auf Gott beruft und nur den Glauben als Rechtfertigung anbietet, welcher davon richtig wäre, müsste man nach Vernunftgründen entscheiden (Primat der Vernunft).

Religion trägt nichts zur Moral bei, solange diese nicht ohne Gott begründet wird.

Noch schlimmer wird es, wenn man sich dann konkrete Religionen wie z. B. das Christentum ansieht. Denn zum einen wird dort Gott als ewig, liebend und gerecht bezeichnet, zum anderen kollidiert genau das mit Geboten wie →Leviticus 20:13, wo zur Tötung von Homosexuellen aufgerufen wird. Ist dies ein göttliches Gebot, dann charakterisiert es einen grausamen und inhumanen Gott. Verwirft man das Gebot, setzt man seine Moral über die Gottes. Verwirft man selektiv die Gebote, die man für inhuman hält, dann macht man sich ebenfalls zum moralischen Richter über Gott, die Bibel wird zu einem willkürlichen Steinbruch für Ethik, man sucht sich aus, was einem passt, nach eigener Willkür. Wahlweise kann man auch selektiv den Offenbarungscharakter der Bibel anzweifeln, d. h. die Stellen, die zum eigenen Gottesbild oder zur eigenen Moral nicht passen, werden verworfen. Dies geschieht entweder willkürlich, was die Offenbarung entwertet, oder gezielt, womit man sich selbst wieder zum Richter Gottes macht. Aber in keinem Fall kommt man umhin, seine eigene Moral zum Maßstab und zur Richtschur Gottes zu machen, ob man nun will oder nicht  [2].

Dass Religion und Moral zusammengehören, ist ein lange gepflegtes Vorurteil. Es gibt auf der Welt ca. 100.000 verschiedene Religionen. Es gibt aber bestimmte Verhaltensweisen, die wir überall auf dieser Welt finden. So ist es gleichgültig, welche Kultur oder welchen Menschenstamm Sie betrachten, überall werden Sie einige gleichartige Regeln finden, z. B., dass man einem anderen Menschen in akuter Not hilft, oder dass kleine Kinder und Erwachsene keinen Sex miteinander haben sollten. Das ist vollkommen losgelöst von der praktizierten Religion überall so. Wie kann also eine Religion wie z. B. das Christentum die Ursache für ein Verhalten sein, welches auch von Menschen für gut befunden wird, die nie etwas vom Christentum gehört haben? Plausibler scheint es mir zu sein, dass hier das Verhältnis verkehrt herum erscheint: Da man nicht genau weiß, warum man eigentlich Menschen in Not hilft, bietet man als Rationalisierung  [3] die jeweilige Religion an.

Das beleuchte ich im nächsten Abschnitt noch genauer.

Verwandte Themen

Euthyphrons Dilemma - ein Vortrag zu dem Thema.

Weiterführende Links zum Thema

Euthyphrons Dilemma. Das ist der Originaltext, ein sokratischer Dialog.

Siehe auch meine Liste mit interessanten Links.

Interessante Literatur zum Thema

Boyer, Pascal: 2004, →Und der Mensch schuf Gott, Klett-Cotta , Stuttgart. Die Erklärung der Entstehung der religiösen Moral stammt aus diesem erstklassigen Buch!

Dahl, Edgar (Herausgeber): 1995, →Die Lehre des Unheils. Fundamentalkritik am Christentum., Goldmann, München. Eine Sammlung mit kritischen Texten zum Christentum.

Martin, Michael: 2003, →Atheism, Morality, and Meaning (Prometheus Lecture Series), Prometheus Books, New York. Eine fundierte Begründung einer atheistischen Moral, verbunden mit einer Kritik an der christlichen Moral.

Das ist nur ein Ausschnitt aus meinem Literaturverzeichnis. Dort finden Sie noch weitere Literatur zum Thema.


Konfusius, er zitiert: "Gott ist nur eine Arbeitshypothese. Es zeigt sich, dass alles auch ohne Gott geht, und zwar ebenso gut wie vorher." (Dietrich Bonhoeffer, Theologe (1906-1945))



Anmerkungen:
  1.  Tatsächlich ist dies die Haltung einiger Christen - was Gott tut ist gut, und wenn er alle Erstgeborenen umbringt, dann ist das eine gute Tat. Und wenn Gott seine Meinung ändert und zu einem Gott der Liebe wird, dann ist Liebe gut. Heute so, morgen anders. Damit wird die christliche Ethik, die vermeintlich ein absolutes Fundament hat, zu einem extremen ethischen Relativismus - unter gegebenen Umständen kann Massenmord eine gute Sache sein. Die Ethik wird dann zwar als absolut "verkauft", ist aber völlig an willkürliche Umstände gekoppelt und hat alle Merkmale einer Ethik, die Christen gerne den Atheisten unterschieben. (Zurück)
  2.  Beliebt ist auch die Methode der teilweisen Uminterpretation. Aber Maßstab für die Uminterpretation ist auch wieder ein eigener ethischer Maßstab, nur ist das hier besser verschleiert und schwerer zu erkennen. (Zurück)
  3.  Damit bezeichnet man das nachträgliche Begründen einer Handlung durch die Vernunft, obwohl der ursprüngliche Grund ein ganz anderer (meist unbewusster Art) war. (Zurück)

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