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Warum wir Unbekanntes mit Unbekanntem erklären

Einer der fundamentalen Unterschiede in der Denkweise von Gläubigen und Ungläubigen zeigt sich in der Art, in der Erklärungen akzeptiert werden. Das möchte ich zunächst neutral diskutieren, weil wir dann nicht von unseren Vorurteilen in unserem Denken beeinflusst werden. Gegeben sei folgender Term:

3 * A + 4 * (B + C / 2) = ???

Können wir herausfinden, was dabei herauskommt? Offensichtlich nicht, denn dazu müssten wir die Werte von A, B und C kennen. Ohne diese Werte tappen wir im Dunkeln. Dabei gibt es für das Problem eine einfache Lösung, ich forme ihn einfach um:

3 * A + 4 * (B + C / 2) + G = 0  [1]

Jetzt wissen wir also, dass dabei 0 herauskommt. Das Problem ist durch die Einführung von G "gelöst" worden.

Moment! G ist uns aber auch unbekannt. Aber das macht nichts - G nimmt eben immer genau den Wert an, den wir brauchen, um die Gleichung zu lösen. Es kommt immer 0 heraus, und damit ist die Gleichung doch gelöst, oder?

Hier ist offensichtlich, dass wir unser ursprüngliches Problem jetzt eher vergrößert haben  [2], statt es verkleinert zu haben. Wir haben jetzt vier statt drei unbekannten Ausdrücken und eine Lösung ist damit eher in weitere Ferne gerückt. Es ist auch nichts damit gewonnen, denn wenn wir jetzt die Werte von A, B und C kennen, kennen wir auch den Wert von G und können die Aufgabe lösen. Allerdings: Ohne G geht das genau so gut.

G nenne ich den "Gottesterm". Er kann beliebige Werte annehmen, die es uns erscheinen lassen, ein Problem gelöst zu haben. Das oben skizzierte Verfahren wird in der Theologie ständig benutzt. Ein Beispiel:

Wir wissen nicht, wie das Universum entstanden ist. Von Nichts kommt Nichts, woher soll das Universum also kommen? Dieses Problem können wir nicht lösen. Dabei ist es doch ganz einfach: Gott hat es - schnipp! - aus dem Nichts erschaffen. Mit dieser Zusatzannahme können wir die Herkunft des Universums prima erklären. Allerdings: Woher kommt jetzt Gott, und wie konnte Gott das Universum aus dem Nichts erschaffen, wo wir doch annehmen, dass von Nichts auch Nichts kommt? Wir haben etwas uns Unbekanntes - die Herkunft des Universums - mit etwas Unbekanntem (Gott) "erklärt". Und während oben bei der Mathematikaufgabe jeder erkennt, dass die Einführung von G uns bei der Lösung der Aufgabe überhaupt nicht hilft, glauben viele Menschen, mit der Einführung von Gott sei unser "Ursprungsproblem" gelöst.

Dabei können wir jede Erklärung für Gott auch auf das Universum selbst anwenden. Wenn Gott eben nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern ewig ist, was hindert uns daran, schon vom Universum anzunehmen, es sei ewig? Wenn Gott Materie aus dem Nichts erschaffen kann, was hindert uns daran, anzunehmen, die Materie sei selbst aus dem Nichts entstanden?

Was uns daran hindert, ist klar, wenn wir Gott bereits als feste Annahme in unserem Weltbild haben. Gott ist eine "omniexplanatorische Annahme", eine Annahme also, die alles (omni = alles) erklären kann (explanatorisch = erklärend). Dies habe ich an anderer Stelle als "Universalargument" bezeichnet, ein Argument, welches immer passt und alles erklären kann. Leider entgeht vielen Menschen die Tatsache, dass ein Argument, welches alles erklären kann, in Wahrheit nichts erklärt, so wie unser Gottesterm G oben auch nichts erklärt. Jetzt können sie auch sehen, warum Gläubige eine Vorliebe für Universalargumente haben - sie finden nichts Anstößiges dabei, etwas Unbekanntes (die Entstehung der Welt) mit einem großen Label namens "Gott" zu versehen, um dann zu behaupten, damit eine "Erklärung" gefunden zu haben. Dabei haben sie das Unbekannte nur einfach an Gott weitergereicht und angenommen, es reiche aus, und durch den Prozess des "Weiterreichens des Unerklärlichen an eine neue Instanz" sei eine Erklärung zu Stande gekommen.

Die hier tätige Denkfalle ist "logisches Schließen durch plausibles Schließen ersetzen". Logisch gesehen wird nichts gewonnen, aber viele finden es plausibel, dass sie damit etwas Neues haben, was als Erklärung taugt.

Der Grund dafür ist einfach: Wir lieben es nicht, Lücken in unserem Weltbild zu haben, Dinge, die wir nicht erklären können. Lieber produzieren wir eine Pseudo-Erklärung, verschieben das Problem damit außerhalb unseres Horizonts, nehmen es als Problem nicht mehr wahr, und können uns beruhigt zurücklehnen und vor uns selbst behaupten, wir hätten es gelöst. Dabei haben wir es nur in unzugängliche Regionen verschoben, aber nicht gelöst. Denn wir können nunmal Unbekanntes nur mit Bekanntem erklären, aber nicht Bekanntes mit Unbekanntem oder gar Unbekanntes mit Unbekanntem, auch wenn es uns manchmal so scheint (plausibel ist).

Wir können hier genau verfolgen, wie Vorurteile unser Denken beeinflussen. Denn während viele bei der Rechenaufgabe noch einsehen, dass nichts gewonnen wird durch die Einführung eines "Gottesterms", finden dieselben Leute das bei der Erklärung der Herkunft des Universums plötzlich und mit vollem Wissen als "ganz plausibel". Die Übertragung der Erfahrung aus der Rechenaufgabe unterbleibt - das Denken wird blockiert an dieser Stelle. Auch an anderer Stelle löst so ein Erklärungsversuch sofort Protest aus - wenn wir beispielsweise einen unerklärlichen Mord durch die Einführung von Gespenstern zu "erklären" versuchen. Oder wenn wir definieren, dass "Intelligenz das ist, was ein Intelligenztest misst  [3]".

Das hat etwas mit "Wortmagie" zu tun. Wenn wir bestimmte Wörter hören, dann haben wir bestimmte Assoziationen, die dann unser Denken leiten. Daraus entspringt übrigens auch oft Humor, wie etwa bei "Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart". Da ist die Szene, bei der einige Crewmitglieder in ein Krankenhaus eindringen. "Pille" McCoy verkleidet sich als Arzt, eines der Crewmitglieder legt sich auf einen fahrbaren Operationstisch und mit dem Ausspruch: "Schnell! Wir müssen sofort in den OP! Diese Frau hat eine postprandiale Erweiterung des Oberbauches!" überlisten sie die Wachen. Muss eine gefährliche Krankheit sein, eine Notsituation, wer stellt sich da schon in den Weg, wenn es um Leben und Tod geht? Und was heißt nun "postprandiale Erweiterung des Oberbauches"? Nichts weiter als "Blähungen".

Konfusius, er zitiert: "Mystische Erklärungen werden als 'tief' angesehen. In Wahrheit sind sie noch nicht einmal oberflächlich." (Friedrich Nietzsche)



Anmerkungen:
  1.  In gewisser Hinsicht sind alle Analogien schief, denn man kann den Term auch formulieren als 3 * A + 4 * (B + C / 2) = X => A + 4 * (B + C / 2) - X = 0 und sagen G = -X. Man gewinnt durch die Umwandlung nichts, weder ein "Mehr" noch ein "Weniger" an Informationen, aber genau dies versuche ich ja, in diesem Text zu zeigen. (Zurück)
  2.  Nicht wirklich - denn wir haben immer noch drei Unbekannte, denn G können wir sofort berechnen, wenn wir die Werte von A, B und C haben. (Zurück)
  3.  Leider ist das nicht immer der Fall - genau diese Definition wurde lange Zeit in der Psychologie verwendet, woran man sehen kann, wie verbreitet diese Denkform ist, selbst manchmal unter Wissenschaftlern, die es eigentlich besser wissen sollten. (Zurück)

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