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Ex-Atheisten

Überall, wo es Diskussionen mit Christen gibt, stößt man auf Gottesbeweise. Obwohl Kant bereits alle diese Beweise widerlegt hat, tauchen Sie ständig auf. Aber die meisten dieser Beweise beweisen nichts, außer der mangelnden Fähigkeit vieler Menschen, die Dinge zu Ende zu denken. Die Pascalsche Wette habe ich bereits anderswo behandelt. Die Gottesbeweise werden ausführlich behandelt in: Die Gottesbeweise.

Nehmen wir den Standard-Gottesbeweis. Der geht in etwa so:

Das Universum ist hochkomplex und durchorganisiert. Ein solches wunderbares Universum kann nicht durch Zufall entstanden sein und braucht einen intelligenten Schöpfer.

Dieser "Beweis" basiert auf dem Anschauungsbeweis (Alltagsbeweis): "Es ist wahr, weil ich es mir (anders) nicht vorstellen kann". Das ist natürlich nicht wirklich ein Argument (außer eines für mangelndes Vorstellungsvermögen). Aber diese Form des Beweises ist auch zutiefst unlogisch und willkürlich.

Wenn also jemand behauptet, alles hoch Komplexe benötigt einen Schöpfer, dann wird dieser Schöpfer (da er sicher noch komplexer als seine Schöpfung ist) also ebenfalls einen Schöpfer benötigen. Das folgt daraus. Wenn jetzt behauptet wird, der Schöpfer braucht eben nicht seinerseits wieder einen Schöpfer, dann ist damit die Auffassung, alles hoch Komplexe braucht einen Schöpfer, widerlegt.

Der Schöpfer kommt (obwohl sicher komplexer, wunderbarer und organisierter) als seine Schöpfung also ohne einen Schöpfer aus. Wie kann man dann behaupten, alles brauche einen Schöpfer? Folglich kann man daraus auch nicht auf einen Schöpfer schließen - denn auch das Universum könnte ohne einen Schöpfer auskommen. Das Universum hat gegenüber einem imaginären Schöpfer einen entscheidenden Vorteil: Es scheint tatsächlich zu existieren.

Man sollte nicht glauben, wie viele intelligente und gebildete Menschen auf diese Beweisform "hereinfallen".

Es gibt viele Varianten dieses Pseudo-Beweises:

Alles hat eine Ursache - es muss also auch eine erste Ursache geben. Diese erste Ursache ist Gott.

Ach ja? Wenn alles eine Ursache hat, welches ist denn dann die Ursache für Gott? Wenn Gott keine Ursache hat, dann hat also nicht alles eine Ursache. Die Kette der Ursachen wird willkürlich abgebrochen. Auch hier ist es sinnvoller, dies beim Universum selbst zu tun, weil wir dies können, ohne wild drauflos zu spekulieren.

Das gibt es auch als "Uhrmachergleichnis".

Wenn Du an einem Strand gehst und findest dort eine Uhr - nimmst Du dann an, dass diese durch Zufall entstanden ist, oder nimmst Du eher an, sie sei von einem Uhrmacher gemacht worden? Dieser Uhrmacher ist Gott!.

Von Uhren weiß ich, dass sie für gewöhnlich von Uhrmachern gemacht werden. Aber wie viele Universen kenne ich, und wie viele "Universenmacher" kenne ich, um hier meine Erfahrung mit Uhren auf Universen übertragen zu können? Und was ist, wenn ich am Strand weitergehe und ein Atomkraftwerk dort stehen sehe? Muss ich dann auch annehmen, dass ein/dieser Uhrmacher dieses Atomkraftwerk gebaut hat? Wir erkennen Design daran, dass es sich ein Gegenstand von natürlichen Dingen unterscheidet. Wenn wir keinen Unterschied erkennen können zwischen natürlich und hergestellt, dann können wir auch nicht entscheiden, ob es sich um Design handelt oder nicht. Um also entscheiden zu können, ob unser Universum designed wurde, müssten wir es mit einem natürlichen oder nicht-hergestellten Universum vergleichen. Das können wir nicht.

Eine gute Replik (in Englisch) für das Uhrmachergleichnis finden Sie auf der →Website von Jim Huber.

Wir müssen uns damit abfinden, dass unsere Denk- und Anschauungsformen, wenn man sie aus dem Entstehungszusammenhang herausreißt, allzu leicht Unsinn produzieren. Sobald wir über Unendlichkeit reden, dann überschreiten wir damit unsere Kompetenz, und es kann alles dabei herauskommen, vor allem viel Unsinn. Dessen muss man sich gewahr werden.

Einen wirklich raffinierten "Beweis" habe ich kürzlich auf einer Website gefunden. Den sollten Sie sich unbedingt durchlesen - wieder zunächst ohne meinen Kommentar dazu. Dann denken Sie bitte eine Weile darüber nach. Erst nachdem Sie sich ihre eigenen Gedanken gemacht haben, sollten Sie hierher zurückkehren und weiterlesen.

Hier zunächst die Website: →Der philosophisch nicht wiederlegbare Gottesbeweis.

Gut. Haben Sie den Beweis gelesen und darüber nachgedacht? Beeindruckend, nicht wahr? Denn der "Gottesbeweis" ist philosophisch tatsächlich nicht widerlegbar. Es ist nämlich keine Spur von einem Beweis da! Wo kein Beweis ist, da kann man auch nichts widerlegen. Und hier haben wir dann die übliche Denkfigur: "Wenn es nicht widerlegbar ist, dann muss es wahr sein" (wir hatten bereits gesehen, dass das Unsinn ist). Hier wird ein rein gefühlsmäßiges Argument benutzt.

Der Erzähler behauptet, dass er ohne Gott und Gebet nicht in der Lage wäre, seine Frau zu pflegen. Woher wissen wir oder er selbst, ob das wahr ist? Und ist es so, dass alle Menschen, die andere pflegen und sich dafür aufopfern, auch an Gott glauben? Ein Mensch kann dies auch aus tief empfundener Liebe tun. Was die Geschichte also eindringlich beweist, ist, dass der Erzähler seine Frau liebt, und das ist wirklich wahre Liebe. Wie die Verbindung zu Gott und dem Gebet aussieht, bleibt im Dunkeln. Eher kommt die Kraft aus der Liebe zu seiner Frau - es gibt keine Notwendigkeit, da Gott mit ins Spiel zu bringen.

Die Geschichte geht ans Herz, und den Erzähler an irgendeinen Punkt anzuzweifeln, scheint einem mitfühlenden Menschen als zutiefst zynisch. Hier wird durch starke Gefühle das Denken "außer Gefecht gesetzt", und man ist bereit, dem Glauben zu schenken. Aber bewiesen wird nichts, daher ist hier auch nichts zu wiederlegen.

Der "Trick" in dieser Geschichte besteht in einem Ablenkungsmanöver. Wer sich hier emotional engagiert, dessen Bedenken werden fortgespült. Mit denselben Methoden arbeiten auch die Zeitschriftenverkäufer an der Tür: Sie appellieren an das Mitleid, und das funktioniert sehr häufig. Hier wie dort wird die Fähigkeit des Mitfühlens ausgenutzt. Die Existenz eines Gewissens beweist nichts, denn fast alle Menschen verfügen darüber, ob sie nun Christen, Atheisten, Buddhisten, Shintoisten etc. sind. Und in der Geschichte war es eben nicht Gott, der das Gewissen "angetippt" hat, sondern der Erzähler, der hier die Fähigkeit zur Empathie geschickt ausnutzt.

Wahrscheinlich ist die Geschichte sogar erfunden  [1], aber das spielt keine Rolle. Denn auch wenn sie wahr ist, so kann man nicht das daraus schließen, was impliziert wurde. Viele Atheisten/Agnostiker sind sehr rationale Menschen, aber viele davon kann man auf der Gefühlsebene "erwischen", weil dort nicht ihr Erfahrungsschwerpunkt liegt.

Ein Einwand eines Bekannten aus einem öffentlichen Forum: Wenn so ein Ereignis die Existenz Gottes "beweist", "beweist" dann der Familienvater, der seine Frau verprügelt und seine Kinder sexuell mißhandelt auch, dass es keinen Gott gibt? Vermutlich nicht, denn wir hatten vorher schon gesehen, dass zwar positive Beweise gerne anerkannt werden, negative aber "wegerklärt" werden. Hauptsache, die Beweise entsprechen den →eigenen Wunschvorstellungen ...

Übrigens wird mit diesem "Gottesbeweis" geschickt und unterschwellig noch ein Vorurteil genährt: Atheisten sind nicht nur gottlos, sie sind auch noch unmoralisch bzw. moralisch minderwertig. Dazu habe ich an anderer Stelle bereits etwas gesagt. Was die modernen moralischen Fortschritte angeht, sind die Christen Trittbrettfahrer, die überall verbreiten, sie seien die Wagenlenker.

Des Weiteren wird mit diesen "Gottesbeweisen" noch ein weiterer Trick benutzt: den Gedankensprung. Angenommen, ich würde Ihnen einen absolut plausiblen und "wasserdichten" Beweis für die Existenz Gottes liefern können - folgt dann daraus, dass der christliche Gott existiert? Oder der Gott der Taoisten, der Pantheisten, der Shintoisten, der Hinduisten? Ist damit die Existenz von Zeus oder die von Apollo oder Allah oder Manitu bewiesen? Tatsächlich sagt dies nichts über die Eigenschaften dieses Gottes aus. Auch hier wird - wie bei der Pascalschen Wette - das "Universum des Möglichen" von Milliarden und Abermilliarden von Möglichkeiten auf ganze zwei reduziert, nämlich auf "(der christliche) Gott existiert" und "Gott existiert nicht". Der gewaltige Sprung liegt darin, von der Existenz eines Gottes eine riesige Kette von Implikationen als "mitbewiesen" zu denken, nämlich den Wahrheitsgehalt der Bibel (AT und NT), die Existenz Jesus, seine Auferstehung und und und. Dabei gibt es zwischen den Aussagen "Gott existiert" und "Gott ist gut" und "Gott erwartet, dass wir ihn anbeten" keinerlei logische oder plausible Verbindung. Hier werden einfach eine große Zahl logischer (und notwendiger) Kettenglieder übersprungen. In der Disziplin des "Gedankenweitsprungs" verblüffen mich Gläubige auch nach Jahren der Diskussion immer wieder.

Einige Kreationisten benutzen diesen Trick auch. Sie behaupten, dass es auf der einen Seite die Evolutionstheorie (ET) gibt, auf der anderen Seite den Kreationismus. Wenn nun die ET falsch ist, dann folgt daraus, dass der Kreationismus richtig sein muss. Das ist natürlich Unsinn, denn auch hier haben wir Millionen und Abermillionen Theorien auf der einen Seite (und die ET verändert sich ohnehin ständig), und eine einzige Pseudo-Theorie - nichts anderes ist der Kreationismus - auf der anderen Seite. Hier wird den Menschen eine falsche Wahl vorgegaukelt, und das ist intellektuell unredlich.

Das Argument mit dem Zucker von der obigen Website behandle ich auch noch kurz. Denn vor allem Kreationisten benutzen den dort verwendeten Trick sehr gerne, weil er auch skeptische Denker überzeugt. Ich demonstriere Ihnen einmal, wie der Trick funktioniert.

Angenommen, ich schreibe mir mal 60 Zahlen eines Rouletttisches auf. Jede einzelne Zahl hat eine Wahrscheinlichkeit von 1:37, die Gesamtwahrscheinlichkeit beträgt also (1/37)^60, also ca. eins zu 1,2 hoch 94, mehr als es Atome im Universum gibt. Wir können also (wenn wir dem Kreationismus anhängen) mit Fug und Recht behaupten, dass diese Kombination von Zahlen vollkommen unmöglich stattgefunden haben kann, ohne dass Gott selbst eingegriffen hat ... Auch dieses Pseudo-Argument taucht regelmäßig in diesen Diskussionen auf, und man kann es nur parodieren  [2].

Die Unbedarften mag diese Art der Zahlenspielerei beeindrucken. Der Trick besteht darin, einen komplexen Entwicklungsprozess "von hinten", vom Ergebnis her zu betrachten. Es gibt eine Unzahl möglicherer Varianten der Desoxy-Ribose, und welche davon zum Tragen gekommen ist, ist tatsächlich zufällig. Es hat sich nur eine Variante davon durchgesetzt und nur die kennen wir. In der IT-Branche gibt es inzwischen die "Evolutionären Algorithmen", bei denen Probleme gelöst werden, in dem man die Evolution simuliert. D. h. man variiert durch Zufallsprozesse die Problemlösungsmethode und tastet sich so an eine annähernde Lösung heran. Das funktioniert sehr gut, aber wenn man den Prozess wiederholt, bekommt man eine andere Lösung, die auch funktioniert. Bei echten Zufallszahlen ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine bereits errechnete Lösung nochmal angesteuert wird, astronomisch gering. Hat Gott in die Computerprogramme eingegriffen? Wohl kaum.

Tatsächlich sind alle Ereignisse, die um uns herum ständig passieren, so unwahrscheinlich, dass sie "eigentlich" nie stattgefunden haben können oder permanent einen Gott zur Erklärung bräuchten  [3].

Und selbstverständlich ist jede Molekülkombination eines jeden Enzyms auf dieselbe Art "vollkommen unmöglich". Und alles, was so "unmöglich" ist, braucht einen Gott (oder Designer) zur Erklärung - aber es ist schlicht logisch unmöglich, mit Gott irgendetwas zu erklären - wenn man dies könnte, hätte man einen Gottesbeweis, und dann hätte man alle Probleme des Universums und deren Erklärung bloß ins Nirvana verschoben. Hilfreich ist das aber für niemanden.

Jetzt kommt der Einwand: "Hinter den Programmen steckt aber ein intelligenter Designer (= Programmierer), der müsste dann auch hinter dem Evolutionsprogramm stehen. Programme entstehen nämlich nicht durch Zufall oder aus dem Nichts". Wie wir oben gesehen haben, müsste die Frage dann sofort lauten: "Und wer war der intelligente Designer Gottes?". Sobald wir mit unserem Denken die Grenzen des Universums überschreiten, wird es leider falsch. Mit dieser Einschränkung müssen wir uns abfinden - Theologen sind Menschen, die sich mit den Beschränkungen des Denkens nicht zufrieden geben (wenigstens in diesem Punkt, sonst sind sie mit Denkverboten schnell bei der Hand). Nun, als Kind war ich auch unzufrieden damit, nicht wie Supermann fliegen zu können und habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn ich es doch könnte. Vielen Menschen geht es so. Die einen werden dann Flugzeugbauer, die anderen Science-Fiction-Schriftsteller oder Theologen. Wobei ich nichts gegen Science-Fiction gesagt haben möchte, ich lese SF leidenschaftlich gerne.

Das Interessante an dem Argument ist noch, dass es auch sehr stark gegen die Existenz Gottes spricht. Es wird behauptet, es sei sehr unwahrscheinlich, dass etwas sehr Komplexes aus etwas sehr Einfachem entsteht. Noch sehr viel unwahrscheinlicher ist es, dass etwas sehr Komplexes "einfach so" entsteht, ohne graduell aus etwas Einfacherem entstanden zu sein (wie das Argument behauptet). Gott jedoch, so wird behauptet, ist ein bewusstes Wesen. Bewusstsein ist etwas sehr Komplexes. Folglich ist es extrem unwahrscheinlich, dass sich ein so komplexes Wesen wie Gott "einfach so" gebildet hat. Den formalen Beweis für dieses Argument finden Sie hier: Komplexität und Gott.

Wir können jetzt auch sehen, warum es tatsächlich keinen Gottesbeweis gibt. Wir müssten jeden Beweis und die Beweismethode begründen, und wegen des Trilemmas können wir das nicht. Wir müssten eine Letztbegründung konstruieren können, um auf den "letzten Urgrund" allen Seins schließen zu können, und das geht nicht.

Konfusius, er zitiert: "Im christlichen Glauben hat die Vernunft nichts zu suchen und die Naturwissenschaft nichts zu melden." (Klaus Berger, Theologe)



Anmerkungen:
  1.  Der Verfasser der Geschichte hat mir die Authentizität der Geschichte in einer Email bestätigt. Er tat dies allerdings in sehr beleidigender Weise und unterstellte mir so häufig Verlogenheit, dass ich mich frage, ob er sein eigenes Verhältnis zur Wahrheit nicht auf andere Menschen projiziert. Es sind meist Menschen mit einem eigenen Hang zur Unwahrheit, die Andere ständig der Lüge verdächtigen. Aber, wie gesagt, ich bin trotzdem bereit, die Wahrheit der Geschichte anzunehmen, aber dies tut für das Argument selbst nichts zur Sache. Auf derselben Seite behauptet der Verfasser "Der philosophische Atheismus ist unkonsequent und verlogen" und behauptet die Inkompetenz der Philosophen der letzten vierhundert Jahre. Es scheint ihm ein Sport zu sein, andere Menschen der Lüge zu bezichtigen, was sowohl unhöflich als auch undurchdacht ist (denn seine Beweise sind ungültig). (Zurück)
  2.  Eine sehr gute Auseinandersetzung mit diesem Argument und seiner Widerlegung finden Sie bei Martin Neukamm: →Evolution oder Schöpfung, Zufall oder Notwendigkeit? - die Argumentation mit der Wahrscheinlichkeit. (Zurück)
  3.  Damit läuft man dann in ein weiteres, noch schwer wiegenderes Problem - das der Theodizee. Denn wenn Gott in alles haarklein eingreift, dann ist er auch für alles verantwortlich, und zwar auch für die negativen Dinge, die uns widerfahren. Ohne es zu wollen liefern die Kreationisten Argumente, mit denen man an der Güte Gottes zweifeln muss. (Zurück)

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