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Einwände
Gegen meine Auslegungen gibt es eine ganze Reihe möglicher Bedenken. Der Haupteinwand ist sicher der, dass ein Experte an der Börse es vermeidet, so zu handeln wie alle Anderen auch. D. h. wenn alle anfangen, Aktien zu kaufen, hält er sich zurück. Sobald die Aktien auf dem Tiefstand sind, wird gekauft (vorzugsweise nach einem Crash). Aber dies entspricht noch der allgemeinen Regel: Kaufe, wenn die Kurse niedrig sind, verkaufe, wenn die Kurse hoch sind.
Ein Beispiel für Expertenhandeln: Experten sehen meistens auf die (möglichen) Kurssteigerungen, nicht auf die Dividenden. Laien handeln genau andersherum: Dividenden sind eine Art Zinsen, und man legt sein Geld einfach für gute Zinsen an ...
Interessant daran ist: betrachtet man die letzten 20 Jahre an der Börse, so war diese Strategie sehr erfolgversprechend, denn die Papiere mit den höchsten Dividenden hatten i. d. R. auch die höchsten Kurssteigerungen. Die Laien waren also klüger - oder zumindest: sie haben klüger gehandelt (dies ist nicht dasselbe!).
Vor einem Crash sind alle gleich - dies ist eine interessante Beobachtung: vor den meisten Crashs der letzten Jahre (wenn sich eine "Blase" gebildet hatte oder ein "Hype") waren sich plötzlich alle Experten einig: entweder, für diesen Sektor gelten die alten Regeln nicht, oder, dies sei eine neue Ökonomie mit neuen Regeln, der Übergang von der Produktionsökonomie ("Old Economy") zu einer Dienstleistungs- oder gar Aufmerksamkeitsökonomie ("New Economy") usw. usf. Jedesmal kam dann der Crash auch für die Experten überraschend, ausgelöst durch ein winziges Ereignis. Wer allerdings beim letzten Crash verloren hatte, der war beim nächsten schon etwas vorsichtiger. Für einen Crash gilt einfach das Paradoxon der unerwarteten Luftschutzübung. Dort macht sich Erfahrung etwas bemerkbar. Aber spätestens beim übernächsten Crash scheinen die Regeln nicht mehr zu gelten oder es hat sich eine neue Ökonomie gebildet usw. usf. Ein Crash wird durch menschliche Gier angetrieben, die ist häufig stärker als die Vernunft. Denn wenn ich bei diesem Crash zu früh ausgestiegen bin, dann neige ich dazu, dies beim nächsten Crash zu spät zu tun - und umgekehrt. Und da es allen anderen auch so geht, ist dieser nächste Crash so unvorhersehbar.
Aber zurück zu dem Einwand, dass Experten sich nicht so verhalten wie die Mehrheit der Laien. Angenommen, wir haben eine Hebelvorrichtung, die für einen Kräfteausgleich sorgt. Dann spielt es keine Rolle, ob auf der einen Seite kräftigere (und weniger) Leute drücken als auf der anderen Seite: Es bildet sich eine Balance. Und da der Kurs einer Aktie sich durch Angebot und Nachfrage bildet, man also besser von einem Gleichgewichtskurs reden sollte, spielt es keine Rolle, auf welcher Seite man steht.
Am Deutlichsten wird dies bei Futures. Futures sind ein Nullsummenspiel (minus Transaktionskosten). Eine Position (eine Wette auf die Zukunft) kann nur aufgebaut werden, wenn es eine Gegenposition gibt (d. h. jemanden, der dagegen wettet). Bei offensichtlichen Ausgängen wird man aber keinen finden, der dagegen wettet. Dann kommt kein Geschäft zu Stande. Auf Aktien übertragen: Wenn der Kursanstieg sicher ist, werde ich keine Aktien kaufen können. Wenn der Kursabfall sicher ist, werde ich keine finden, an den ich verkaufen kann, außer zu einem Kurs, an dem ein baldiger Anstieg wieder wahrscheinlich ist. Je höher das Risiko, dass der Kurs nicht mehr steigen wird, desto niedriger der Kurs, zu dem ich verkaufen kann. In der Gesamtheit gleichen sich die Ströme aus.
Aber, wie beim Roulette muss man eine zeitlang dabei sein, um annähernd auf einen Ausgleich zu kommen. Meist wird man sich von diesem ziemlich weit entfernt haben (und dann in der Illusion leben, man sei ein Experte, je nach Richtung ...).
Die meisten Börsianer, die ich kenne, sind nur in zwei Dingen Experten: in Zahlenspielereien (z. B. Chartanalysen) und in Volkswirtschaft. Und gegenüber der Volkswirtschaft hegen sie ein noch größeres Misstrauen als gegen Chartanalysen. Experten, die nur in einer einzigen Branche an der Börse spekulieren, sind selten. Und auch Experten in einer Branche können sich gewaltig vertun. Die meisten Börsianer sind Experten für die Börse!
Bei den meisten Chartanalysen kann man sehen, dass diese nur gute Aussagen über vergangene Ereignisse machen können (d. h. wenn man sich die vergangenen 10 Jahre an diese Analysen gehalten hätte, dann hätte man überdurchschnittlich verdient - allerdings: Wäre diese Methode schon vor 10 Jahren viel eingesetzt worden, dann hätte sie nicht funktioniert).
Hinterher schlauer sein ist eine exakte Wissenschaft!
Übrigens verbreitet sich das Wissen über die Börse dank dem Internet auch sehr viel schneller als früher. Die meisten Chartanlysen bekommt man im Internet bereits schnell (und kostengünstig). Dasselbe gilt für Tipps, Ratschläge und Hinweise. Nicht umsonst besitzt die Mehrheit der Börsianer bereits einen Internetanschluss. Nur: Das Internet erhöht (oder senkt) die Transparenz für alle gleichermaßen. Vorteile eines eventuellen Fachwissens nivellieren sich dadurch schneller als früher. Und um die Unsicherheit zu erhöhen: Auch die Geschwindigkeit, mit der sich Gerüchte verbreiten, erhöhen sich, aber damit auch das Risiko, auf eine Irreführung hereinzufallen. Und bis man ein Gerücht überprüft hat, ist die Chance zum Geldverdienen (oder -verlieren) bereits dahin. Denn wenn es alle wissen, dann ist es kein Vorsprung.
An der Börse werden Aktien nicht des Kurses alleine Wegen gehandelt: Es geht auch um Firmenbeteiligungen, bei denen Kursgewinne häufig keine (oder allenfalls eine sehr geringe) Rolle spielen. D. h. Aktien werden gekauft, um einen Einfluss auf eine Firma zu bekommen, um einen Markt zu kontrollieren oder Zusammenarbeit zwischen Firmen abzusichern etc. Hier spielt eine andere Motivation die Rolle. "Erzielung eines Kursgewinns" ist als Handlungserklärung nicht ausreichend.
Nur: Wir haben es hier mit Motiven zu tun, die einer Geheimhaltung unterliegen. Wenn jemand versucht, über den Kauf von Aktien einen Einfluss auf eine Firma zu bekommen, so wird er diese Absicht nicht offen kundtun. D. h. wir haben es mit weiteren "verborgenen" Einflüssen zu tun, die das System weiter chaotisieren, und welche die Rolle des Zufälligen eher verstärken. Werden derartige Absichten öffentlich, so werden die Erwartungen zu einem neuen Ausgleich getrieben: je nachdem, was die Gesamtheit der Handelnden antizipiert.
Jeder weitere Einfluss macht das System nur noch schwerer durchschaubar. Sicher beeinflusst das Wetter den Börsenkurs (besonders bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen). Wenn die Wettervorhersage besser wird, wird die Vorhersage trivialer, aber dieses Wissen besitzen alle, und es gereicht daher keinem zum Vorteil.
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