Übersicht ⇒ Psychologie & Börse  zufall.html   
   
  Psychologie & Börse Nach unten
  Platzhalter

Hauptmenu

Übersicht
Religion & Glauben
Atheismus
⇒ Psychologie & Börse
Geistiges Eigentum?
Anmerkungen
Links
Über mich + Impressum



Ich empfehle Ihnen den FireFox-Browser

Ausdruck
Ausdruck der Website



Die Rolle des Zufälligen

Wir haben im ersten Teil gesehen, dass sich die Gesetze der Statistik bei größeren Zahlen geradezu zwangsläufig durchsetzen, dass dies aber nicht für kleine Zahlen gilt. Dort ist es vielmehr so, dass die Abweichungen von der Erwartung sich ebenfalls notwendig reignen. Unwahrscheinliche Ereignisse müssen geschehen, wenn man hinreichend viele Durchgänge macht.

Eine Analogie gibt es beim Roulettspiel. Statistisch gesehen ist Roulette ein Nullsummenspiel: Was der eine verliert, gewinnt der andere, abzüglich von 1/36stel, der Summe, welche die Bank einstreicht. Individuell gesehen ist dies aber kein Nullsummenspiel: Die Wahrscheinlichkeit, stets genau 1/36stel der eingesetzten Summe zu verlieren, ist nahe Null. Erst bei sehr vielen Einsätzen kommt man in die Nähe dessen, was der statistischen Erwartung entspricht. Und man nähert sich diesem nur relativ, nicht aber absolut. Daher scheint die Statistik oft der eigenen Erfahrung zu widersprechen ... deswegen meinen viele Menschen, mit Anekdoten die Statistik widerlegen zu können ("Mein Opa hat wie ein Schlot geraucht, ist aber über 90 Jahre alt geworden!" - Schlussfolgerung: Rauchen ist nicht gesundheitsschädlich).

Beim Lotto beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige zu haben, nahe Null. Trotzdem gibt es jedes Jahr ein paar Dutzend neue Lottomillionäre. Das individuelle Erfahrung nichts mit der Statistik zu tun hat (und diese weder widerlegt noch bestätigt), obwohl das individuelle Tun in diese Statistik mit einfließt, widerspricht der Intuition. Deswegen wird gerne Goebbels Propaganda gefolgt: "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" (Goebbels legt mit diesem Ausspruch Churchill ein Zitat in den Mund, dass dieser nie gesagt hat - dieses gefälschte Zitat ist folglich nichts als Nazi-Propaganda).

Bei Glücksspielen findet langfristig ein Ausgleich aller Summen statt (minus der Kosten für das Glücksspiel, zu der auch der Gewinn der Spielbank gehört). Damit wäre das Glücksspiel vollkommen uninteressant, wenn man es langfristig spielen würde. Aber kurzfristig kann es sich lohnen, und das macht den Anreiz für den individuellen Spieler aus. Langfristig bekommt die Spielbank 1/36stel der eingesetzten Summen, und das macht den Anreiz für die Spielbank aus. Langfristig gewinnt nur die Bank.

Auch die Börse wurde ursprünglich geschaffen, um einen langfristigen Ausgleich zu erzielen. Die Börse entstand im Mittelalter zunächst aus dem Bedürfnis, einen zentralen Handelsplatz zu haben, an dem Waren ausgetauscht werden konnten, ohne dass diese präsent sein müssen (d. h. es wird mit Lieferversprechen gehandelt, statt mit den Waren selbst). Ähnlich hat sich auch das Geld entwickelt: statt eine Ware mit einem "realen" Wert auszutauschen (z. B. Gold) wird mit dem Geld ein Zahlungsversprechen gehandelt. Das ist praktischer.

An den Börsen haben sich nun vor allem Warentermingeschäfte entwickelt: Es ist das Interesse des Bauern, sein Getreide nicht lange zu lagern, sondern es sofort zu Geld zu machen. Dies hätte zur Folge, dass zur Erntezeit das Getreide im Preis stark fällt (großes Angebot, relativ geringe Nachfrage), aber zu anderen Zeiten der Preis zu hoch wird (kein Angebot, aber relativ hohe Nachfrage). Dieses Problem kann man nur durch Lagerung begegnen. Nur, wie lange und wie viel an Getreide soll gelagert werden? Diese Frage lässt sich nicht allgemein gültig beantworten.

Mit den Warentermingeschäften wurde diese komplizierte Frage gelöst: Der Spekulant versucht, das zukünftige Verhalten von Angebot und Nachfrage abzuschätzen. Je besser er das kann, umso mehr verdient er. Schlechte Spekulanten werden vom Markt eliminiert. Mit der Zeit optimiert sich dieses System von selbst. Die Methoden zur Vorhersage werden verbessert. Und die Warenströme verteilen sich besser über den Gesamtzeitraum. Für diese Dienstleistung (Schaffung eines Ausgleichs von Angebot und Nachfrage über den gesamten Zeitraum) kassiert der Spekulant eine Provision. Wir sehen auch hier: Das individuelle Interesse (viel Geld durch Spekulation zu verdienen) führt gesamtgesellschaftlich zu einem statistischen Ausgleich der Interessen (und der Warenströme). Es ist unerheblich, was die Absicht des einzelnen Individuums ist: Insgesamt trägt es zum Ausgleich bei. Diese Verhältnisse manifestieren sich hinter dem Rücken des Individuums. D. h., obwohl der Spekulant gegen den Ausgleich arbeitet (er will schließlich mehr Geld verdienen als die Anderen) trägt er dazu bei.

Ein wesentlicher Kritikpunkt von Karl Marx an den kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen war, dass nicht der Mensch Herr seines Schicksals ist, sondern dass sich diese Verhältnisse hinter dem Rücken des Individuums durchsetzen. Bislang sind die Pläne, diesen blinden Zufall durch menschliche Planung zu ersetzen, allerdings gescheitert. Wir können hier eine Analogie zur Evolution sehen: Auch hier setzen sich über den Mechanismus der Erhöhung der Fortpflanzungswahrscheinlichkeit ohne Wissen des Individuums bestimmte Gesetzmäßigkeiten durch. Dies gilt auch für die neue, menschliche Stufe der kulturellen Evolution (wenn auch über andere Mechanismen). Es ist ein Zeichen kulturellen Fortschritts, Zufall durch Planung zu ersetzen. In diesem Sinne kann man der marxistischen Gesellschaftskritik nicht widersprechen.

An der Börse funktioniert dieser Mechanismus über die gegensätzliche Erwartungshaltung. Angenommen, ich will Ihnen ein Paket Aktien der Firma XYZ verkaufen. Warum verkaufe ich? Weil ich annehme, dass der Aktienkurs stagniert oder gar sinkt. Warum kaufen Sie? Weil Sie im Gegensatz zu mir annehmen, dass der Kurs steigt. Wäre unsere Erwartungshaltung nicht gegensätzlich, so würde kein Geschäft zu Stande kommen.

Wenn wir beide annehmen, dass der Kurs steigt, so würden Sie zwar kaufen wollen, aber ich würde nicht verkaufen. Nehmen wir beide an, dass der Kurs sinkt, würde ich zwar verkaufen wollen, aber Sie wären ganz gewiss nicht so dumm, zu kaufen. Über Angebot und Nachfrage wird genau der Kurs bestimmt, bei dem sich genauso viele Verkaufswillige wie Kaufwillige finden. Der Kurs schafft so einen Ausgleich unserer Erwartungshaltungen (bzw. er ist der Grenzwert unserer Abschätzung der zukünftigen Entwicklungen). Auch hier ist unsere individuelle Haltung klar und gegensätzlich. Und auch hier findet zwar kein individueller Ausgleich statt, aber langfristig und statistisch gesehen geschieht genau das: Die Börse ist ein Nullsummenspiel.

Einen gewichtigen Unterschied gibt es aber doch: Während das Roulettspiel um die Summe Null schwankt (minus 1/36stel Spielbankerlös) bewegt sich die Börse um die allgemeine Marktentwicklung. Und die ist häufig über Null! Wenn sich also die Firmenerträge über einen gewissen Zeitraum um 5% nach oben bewegen, bewegen sich auch die Kursgewinne um diesen Betrag (im statistischen Durchschnitt, nicht im Individualfall) nach oben. Deswegen ist der langfristige Ertrag von Wertpapieren nicht Null (und dazu kommt noch die Gewinnbeteiligung in Form einer Dividende).

Die Behauptung, die Börse sei ein reines Glücksspiel, wird von den meisten Börsianern bestritten. Warum dies bestritten wird (werden muss), werde ich später erklären: Im Moment interessieren nur die Indizien, die für diese Behauptung sprechen.

Vor einiger Zeit traten in einem virtuellen Börsenspiel mehrere der Top Fondmanager gegeneinander an. Ohne Wissen der Beteiligten gab es noch einen weiteren geheimen Teilnehmer: einen dressierten Schimpansen. Dieser wählte die zu kaufenden und zu verkaufenden Aktien nach seinem Gutdünken aus. Und er war als Fondmanager besser als die anderen: Er schlug sie alle! Wer würde da nicht behaupten, dass dies Zufall sei, ein Glücksfall eben?

Ein anderes, aufsehenerregendes Portfolio würde von einigen Börsianern in feuchtfröhlicher Runde initiiert: das Dart-Portfolio. Die zu kaufenden Aktien wurden durch (von Dart-unerfahrenen Laien) geworfenen Dartpfeilen bestimmt. Dieses Portfolio gehörte fünf lange Jahre zu den Top Performern an der Börse!

Jetzt werden Sie verstehen, warum ich die Experimente des Dr. Rhine anfangs so ausführlich beschrieb. Man kann die (überdurchschnittlichen) Erfolge von einigen Börsianern mit genau den gleichen drei Theorien erklären wie die Experimente des Dr. Rhine: mit einer geheimnisvollen Fähigkeit (in außersinnlicher Wahrnehmung oder wirtschaftlichem Durchblick), mit Betrug (beim Versuchsaufbau, durch Insider-Geschäfte) oder mit statistischem Zufall. Selbstverständlich neigen die Betroffenen zur ersten Erklärung: Es handelt sich um eine spezifische Fähigkeit. Aber: Langfristig kann keiner bisher seine Erfolge wiederholen. Auch diese Fähigkeit scheint unter geheimnisvollen Umständen nach einer gewissen Zeit zu verschwinden. Aber egal, dann gibt es eben wieder neue VP oder Fondmanager, die diese besondere Fertigkeit besitzen ...

Eine Analyse der Fonddaten kann hier einen ersten Aufschluss geben: Kein Fond konnte bislang eine gute Position für längere Zeit halten. Auch wenn man statt der Fonds Fondmanager analysiert, so ändert sich an dieser Feststellung nichts.

Angenommen, sie hätten eine geniale Methode gefunden, mit der sie die Entwicklung von Aktienkursen genauer vorhersagen könnten als alle Anderen. Selbstverständlich verdienen Sie damit an der Börse massig Geld. Aber genau in dem Moment, wo auch ein anderer diese Methode entdeckt oder diese gar veröffentlicht wird, würde sie aufhören, zu funktionieren, und plötzlich wäre die Börse wieder genauso unvorhersehbar wie zuvor. Warum?

Angenommen, Sie könnten Börsencrashs vorhersehen (die Vorhersage von Trendwenden ist die eigentliche Herausforderung: die meiste Prognostik basiert ansonsten auf der Extrapolation von linearen Verläufen - eine Gerade auf einem Chart in die Zukunft zu verlängern kann nämlich jeder). Und angenommen, Ihre Methode wäre rational begründbar, und Sie wüssten mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass Freitag nächster Woche die Börse crasht. Da die Informationen der Börse prinzipiell allen offen stehen (d. h. der Grad der Markttransparenz ist für alle gleich, Insidergeschäfte mal ausgenommen) ist Ihre Methode für alle anderen nachvollziehbar, und nach relativ kurzer Zeit wüssten ALLE, dass besagter Freitag schwarz wird: dann käme der Crash (vorweggenommen) nur früher und damit wieder für alle vollkommen überraschend. Und schon wären die Verhältnisse wieder unvorhersehbar wie zuvor.

Was für einen Crash gilt, gilt auch für andere Kurswenden: in dem Moment, wo sie rational vorhersagbar wären, würden sie trotzdem vollkommen überraschend auftreten. Der Grund dafür ist simpel: menschliches Verhalten initiiert die Ereignisse und damit beeinflusst auch die Antizipation menschlichen Verhaltens die Ereignisse und selbst die Antizipation der Antizipation trägt dazu bei usw. usf. Das Resultat: ein vollkommen nicht-deterministisches System. Jedes Auftreten eines Determinismus führt über einen Rückkoppelungseffekt zu seiner Selbstaufhebung. Daher sind die Ergebnisse rationaler Methoden an der Börse nie reproduzierbar. Deswegen ist Chartanalyse nichts weiter als Kaffeesatzleserei.

Wir haben es, wie bei den Resultaten der Experimente in ASW, mit einem irrationalen (oder präziser: einem nicht deterministischem) System zu tun. Aber da an der Börse vieles (scheinbar) mit rationalen Dingen zugeht, beflügelt dies die Fantasie der Menschen: Was wäre, wenn man doch rational daran gehen könnte ... aber genau damit wird das System nicht überlistet, sondern so verändert, dass es sich nicht rational verhält.

Hinterher schlauer sein ist aber eine exakte Wissenschaft: Nachträglich kann man die rationale Grundlage des Systems erklären, d. h. in der Nachschau ist das System rational begründbar. Dies wiederum erweckt unbegründete Hoffnungen auf eine rationale Zukunft, bei der die Hoffnung selbst die erkannte Rationalität zerstört ... und der Kreislauf beginnt von vorne.

Anders gesagt: Wenn es eine rationale Möglichkeit zur Vorhersage gäbe, so könnte man an der Börse "Erträge "aus dem Nichts" schaffen (der Traum der Alchimisten und die Versprechung des Teufels in Faust II). Manchmal sieht es so aus, als ob dies möglich sei, aber dann hat sich nur eine Spekulationsblase gebildet ... und Zahltag ist, wenn diese platzt.


⇐ Voriges Kapitel - Nächstes Kapitel ⇒
Platzhalter

Suche und weiter(es)

Suche
Glossar

HGA - Häufig geäußerte Argumente

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Stichworte
Alle Seiten


Diese Seite weiterempfehlen


Literatur- Verzeichnis


⇐ Voriges Kapitel

Nächstes Kapitel ⇒



NEU!
Wenn Sie diesen Artikel diskutieren möchten, dann gehen Sie bitte zu Atheisten.org
 
 


 
Verweis: [URL=http://www.dittmar-online.net/boerse/zufall.html]Die Rolle des Zufälligen[/URL]
oder: <a href="http://www.dittmar-online.net/boerse/zufall.html">Die Rolle des Zufälligen</a>