Angst und Angstabwehr
Bislang hatte ich die logischen Aspekte der Religion diskutiert. Nunmehr komme ich zu den Psycho-logischen Aspekten.
Ich hatte beschrieben, dass wir eine Weltsicht benötigen, um uns mit der Welt auseinander zu setzen. Die Weltsicht ist ein Interpretationsmuster, welches wir der Welt überstülpen, um fehlende Informationen zu ergänzen. Menschen sind großartige Mustererkenner - selbst wenn wir wahllos Tinte auf ein Blatt Papier spritzen, sehen wir immer noch ein uns sinnvoll erscheinendes Muster. Wir können Muster selbst unter schlechtesten Verhältnissen erkennen, auch wenn dies manchmal zu Fehlinterpretationen führt (jeder von uns hat in der Dunkelheit deswegen schon mal einen Menschen oder einen Hund gesehen, wo keiner war, weil wir eine ähnliche Form, eine Gestalt, erkannt haben). Wir projizieren unsere Kenntnisse in die Welt - so sehen wir die Welt immer konsistent mit unserer Erfahrung. Nur sehr auffällige Muster werden bei erstmaligem Auftreten als "fremd" erkannt.
Dieser Mechanismus der Interpretation durch Projektion geschieht vorbewusst. Wir müssen unser Bewusstsein nicht aktiv steuern, um sinnvolle Muster zu erkennen, unsere Wahrnehmung durchläuft eine Reihe von recht komplexen Filterregeln und wird uns erst dann bewusst. Der Sinn einer vorbewussten Informationsverarbeitung liegt in der höheren Geschwindigkeit, bewusstes Verarbeiten und Erkennen sind oft zu langsam. Sie können das daran erkennen, dass Sie manchmal schon zusammenzucken oder erschrecken, bevor Ihnen klar ist, warum.
Kompliziert wird das Ganze durch einen weiteren Einflussfaktor: das Unterbewusstsein. Dieses muss man unterscheiden vom Unbewussten, noch-nicht-Bewussten oder Vorbewussten. Ich möchte zunächst noch keine genaue Definition liefern, sondern nur beschreiben, wie Sigmund Freud das Unterbewusstsein entdeckte:
Auf einem Ärztekongress wurden Experimente mit Hypnose gezeigt, besonders mit posthypnotischen Befehlen (Befehle, die während der Hypnose dem Patienten einsuggeriert werden, die aber erst nach dem Erwachen wirksam wurden. Das Verblüffende daran war, dass wenn die Versuchsperson den Befehl ausführte, und man sie nach dem Warum? fragte, dass man immer eine rational plausible Erklärung für das Verhalten bekam. Die Versuchsperson war von dieser Erklärung überzeugt - aber sie war immer falsch! Keiner erklärte, dass er das getan hatte, weil er einen Befehl in der Hypnose bekam, sondern erfand einen Grund. Anders gesagt: Im Menschen musste eine Instanz existieren, die Menschen zum Handeln veranlassen konnte, ohne dass dem Menschen die wahren Gründe für die Handlungen bewusst wurden. Diese Instanz bezeichnete Freud als das Unterbewusstsein.
Die Frage, die sich erhebt: Ist eventuell ein Teil oder sogar ein großer Teil unserer Handlungen vom Unterbewusstsein gesteuert und wir täuschen uns selbst über die wahren Gründe unserer Handlungen hinweg? Und diese Frage muss man wohl bejahen. Wie weit dieser Einfluss geht, ist aber schwer zu sagen und schwankt im Einzelfall, ist sogar von der Tagesform des Einzelnen abhängig. Inzwischen kann man messtechnisch sogar nachweisen, dass wir Handeln, dass aber erst nach der Handlung derjenige Gehirnteil aktiv wird, der für die rationale Erklärung zuständig ist.
Die Erkenntnis war ein herber Schock für die Menschheit. Zunächst war der Mensch aus dem Zentrum des Universums verdrängt worden (von Kopernikus), dann reihte man die Tierwelt in seine Ahnengalerie ein (Darwin und schließlich erklärte man, dass er nicht einmal Herr im eigenen Haus sei (Freud)! Und bei jedem Mal fühlte sich die christliche Religion (bzw. ein Teil ihrer Vertreter) herausgefordert und bekämpfte diesen Fortschritt der Erkenntnis, den man als Rückschritt in der Religion ansah (der Widerstand gegen Kopernikus hat nachgelassen, aber Darwin und Freud werden noch heute bekämpft). Hinzu kam noch erschwerend, dass sowohl Darwin als auch Freud natürliche Erklärungen für etwas liefern konnten, welches man für die ureigene Domäne der Erkenntnis hielt.
Die Entdeckung des Unterbewusstseins ist aber nicht die wesentliche Leistung von Freud, denn auf diese Idee waren auch schon Andere gekommen. Was ich für viel entscheidender halte, ist die Entdeckung der Angstabwehrmechanismen. Bei diesen handelt es sich um eine organisierte Abwehr des Ich gegen Angst. Angst ist sowohl eine starke als auch eine überwiegende negativ empfundene Emotion. Angst ist notwendig zur Bewältigung von Gefahren, aber zu viel Angst wirkt lähmend und kann damit genau diese Bewältigung verhindern. Deswegen muss es eine Methode geben, zu viel Angst zu kompensieren, auszugleichen oder "wegzudrücken".
Folgende Methoden dazu sind bekannt (Systematisierung nach Anna Freud):
Rationalisierung: Damit bezeichnet man das nachträgliche Begründen einer Handlung durch die Vernunft, obwohl der ursprüngliche Grund ein ganz anderer (meist unbewusster Art) war. Dies wird bei dem Hypnose-Beispiel weiter oben besonders deutlich, hier wurde das Mittel der Rationalisierung benutzt, um das eigene Verhalten zu erklären. Denn zu handeln, ohne eine Erklärung dafür zu haben, löst unmittelbar Angst aus und unmittelbar das Bedürfnis, dafür eine plausible Erklärung zu haben [1].
Verdrängung (nicht im Sinne einer Triebunterdrückung): Verdrängung ähnelt sehr dem Vergessen. Vergessen geschieht jedoch passiv, Verdrängung ist aktiv: Teile der Erkenntnis des Ich werden in das Unterbewusstsein verschoben, also unterdrückt. Diese Unterdrückung wird aktiv aufrecht erhalten, kostet also permanent Energie - sonst kommt es zur "Wiederkehr des Verdrängten" und damit zu Angst. Vergessen hingegen erfordert kaum Anstrengung.
Reaktionsbildung: Dies geschieht vor allem bei ambivalenten (= zwiespältigen) Haltungen, z. B. Zärtlichkeit und Zuneigung versus Grausamkeit und Sadismus. Da die letzteren Gefühlsregungen negativ sind und Angst auslösen, werden sie durch Überbetonung des Gegenteils z. B. gegenüber Tieren (die dann besonders geliebt werden) "im Zaum gehalten" und die Regungen zu unterdrücken und damit gleichsam zu kontrollieren.
Isolierung (eines Affekts): Wenn zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit eine sehr starke Emotion gehört, so kann man sich diese Erinnerung sehr viel leichter bewusst machen. Wenn diese Emotion schmerzhaft ist, dann kann diese von der Erinnerung "isoliert" werden (Beispiel: jemand erzählt vom Tod seiner Mutter, empfindet dabei jedoch 'nichts'). Dies kann auch durch eine Art "Black-out" geschehen, einen kurzen Moment der Leere - damit wird dann der Impuls gleichsam isoliert, es gibt keine Assoziation zu der Emotion mehr.
Ungeschehenmachen: Eine Handlung oder ein Wunsch oder eine Fantasie wird durch eine spätere Handlung quasi "aufgehoben". Das klassische Beispiel: Ein kleines Kind schlägt seinen Bruder und gibt im nachher einen Kuss - damit wird der Hass auf den Bruder "ungeschehen" gemacht. So können sich wahre Rituale des Ungeschehenmachens herausbilden (Opferrituale z. B.).
Verleugnung: Dies geschieht im ursprünglichen Sinn durch Blockierung bestimmter Sinneseindrücke oder durch eine Uminterpretation der Realität. Die Blockierung wird meist durch eine Verringerung der Aufmerksamkeit erzielt, die Uminterpretation durch Fantasie. Bei Kindern finden wir dies oft in den sog. "Omnipotenzfantasien", mit denen die eigene Schwäche verleugnet wird, z. B. der Vorstellung, Superman zu sein und daher keine Angst haben zu müssen.
Projektion (hier im engeren Sinne als oben verwendet): Eigene Wünsche oder Antriebe werden einer anderen Person oder sogar Gegenständen der Außenwelt zugeschrieben. Beispiel: Ein unter Verfolgungswahn leidender projiziert seine eigenen gewalttätigen Impulse nach außen und behauptet, der Geheimdienst oder Kommunisten oder Nachbarn oder Außerirdische etc. bedrohten sein Leben. Das ist ein Extrembeispiel, aber Projektion tritt auch bei "normalen" Menschen auf. Besonders Vorurteile entspringen der Fantasie, wir neigen häufig dazu, eigene nicht akzeptierte Wünsche oder Impulse auf Minderheiten zu projizieren.
Wendung gegen das Selbst: Wenn eigene Impulse nicht nach außen gehen können, dann wird dieser Impuls gegen das eigene Selbst gerichtet, z. B. bei der Autoaggression: Ein Kind empfindet Zorn gegen jemanden, schlägt aber sich selbst, weil es nicht wagt, diesen Zorn der eigentlichen Zielperson gegenüber zu zeigen. Es identifiziert sich mit der Zielperson: "Ich bin er - und so werde ich ihn schlagen"!
Introjektion oder Einverleibung: Dies ähnelt sehr der Identifizierung. Man stellt sich (unbewusst) vor, die Person, mit der man sich identifiziert, aufzuessen oder von ihr aufgegessen zu werden. Weniger drastisch kann man auch die Meinung einer anderen Person durch Identifikation übernehmen, um so zu sein wie der Andere und damit z. B. aggressive Impulse "niederzuringen".
Regression: Dies ist ein Rückfall in der Entwicklungsphase, wenn es auf der aktuellen Stufe zu Konflikten kommt. Ein typisches Beispiel: Ein älteres Kind nässt wieder ein, weil ein jüngeres Geschwisterkind geboren wurde, und es nicht mehr die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt - dies geschieht meist unbewusst.
Dieser Ausflug in die "Welt" der Angstabwehrmechanismen war nötig, um die Entstehung bestimmter religiöser Vorstellungen erklären zu können. Tatsächlich werden Sie in vielen Handlungen der Religion diese Mechanismen als alte Bekannte wieder erkennen.
Konfusius, er zitiert: "Religion, wird häufig als Mittel verwandt, Schuldgefühle zu erzeugen und dadurch Verhalten zu manipulieren. Hier ist gewöhnlich Gott derjenige, den Sie enttäuscht haben. In manchen Fällen lautet die Botschaft, dass Sie nicht in den Himmel kommen, weil Sie sich gegen bestimmte Gebote versündigt haben." (Wayne W. Dyer, Psychotherapeut)
Anmerkungen:
- Die Wirksamkeit dieses unbewussten Mechanismus kann man besonders dann sehen, wenn man Menschen Elektroden in das Gehirn pflanzt, mit denen man ein Verhalten auslösen kann. Obwohl die Menschen das wissen, obwohl das Verhalten vom Versuchsleiter per Funk ursächlich ausgelöst wurde, werden sie immer eine plausible Erklärung zur Hand haben, warum sie sich so verhalten haben, in der weder Elektroden noch Versuchsleiter eine Rolle spielen. (Zurück)
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