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Der "Abstieg" von der Sicherheit des Glaubens zur Unsicherheit des Wissens

Bei dieser Massivität und Gewalt - in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht - beim Durchsetzen bzw. beim Aufrechterhalten der Glaubensvorstellungen verwundert es kaum, dass es so lange gedauert hat, bis - anknüpfend bei alten griechischen Vorstellungen - ein Versuch gemacht wurde, andere Methoden der Wahrheitsfindung zu etablieren. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Kirche im Mittelalter praktisch ein Bildungsmonopol und ein Schriftmonopol hatte.

Damit hatte die katholische Kirche zunächst auch ein Wahrheitsmonopol.

Wie bis zum heutigen Tage wurde auch dieses Monopol missbraucht. Insbesondere wurde es zur Vernichtung der Andersgläubigen benutzt. In dem man ihre Bücher auslöschte oder fälschte konnte auch die Geschichte in ihrem Sinne gefälscht werden. Wie der große Bruder in George Orwells Roman "1984" kontrolliert der die Zukunft, der die Vergangenheit kontrolliert.

Dieses System funktionierte in Europa über mehr als 1.000 Jahre - eine lange Zeit. In dieser Zeit wurden die meisten geistigen Fähigkeiten daraufhin ausgerichtet, dieses Glaubenssystem zu stärken und gegen jede Form des Einwands zu festigen. Aber mit der Stärkung der geistigen Fähigkeiten wurden zugleich auch die Fähigkeiten begründet, mit denen man das ganze System ins Wanken bringen konnte.

Zur Stützung des Systems war hauptsächlich die →Logik des Aristoteles benutzt und etwas weiterentwickelt worden. Wichtiges Merkmal der Logik ist aber, dass sie nur wahrheitsbewahrend, nicht wahrheitserweiternd ist. Logische Schlüsse können bestenfalls aus der Wahrheit der Prämissen Erkenntnisse hervorholen, die in den Prämissen bereits drinstecken (aber vielleicht nur nicht offensichtlich waren). Dies war im Sinne des Systems - denn wenn man die Prämissen durch Immunisierung nicht anzweifeln konnte bzw. durfte, dann konnten auch nur Wahrheiten herauskommen, die den Glauben stärkten.

Die ersten Wissenschaftler versuchten nun, die Wahrheit zu erweitern. Zu dieser Zeit war der Versuch naiv, denn man hatte noch nicht bemerkt, dass jede Begründung unweigerlich in das Münchhausentrilemma führt. Damit unterminierte man aber zugleich auch die Sicherheit des alten Systems, denn wenn man das "neue Denken" kritisieren konnte, wieso dann nicht auch das archaische Denksystem? Wenn man mit der Kritik das Denken schärfen konnte, galt dies denn nicht für jegliches Denken? Wo sollte man Halt machen, und warum sollte man überhaupt halt machen?

So kam es, dass die neu gefundenen Erkenntnisse zunehmend in Konflikt mit dem Glauben gerieten. Man war zwar froh, neue Erkenntnisse zu gewinnen, vor allem nützliches Wissen, aber man geriet an drei Fronten in Bedrängnis: dem Glauben, dem Begründungs-Trilemma und der Anschauung selbst. Offenkundig war das Universum bizarrer und vielfältiger als man ursprünglich gedacht hatte. Und offensichtlich ließ sich die Sicherheit des alten Glaubens nicht mehr retten. Man war von Dingen, die man "anschaulich" und "sicher" für wahr hielt, zu bizarrem, unanschaulichem und unsicherem Wissen gekommen, also vom Regen in die Traufe. Und je unsicherer das Wissen wurde, um so nützlicher wurde es gleichzeitig bei der Beherrschung der Welt. Dies ist ein gewaltiges Paradoxon ... wieso kann Wissen um so nützlicher werden, je unsicherer es wird?

Weil es sich natürlich nicht um einen "Abstieg" handelt, der vom "sicheren" Glauben zum "unsicheren" Wissen führt, sondern ein Aufstieg, der vom illusionär und fälschlicherweise für sicher gehaltenen Glauben zu einer relativ besseren Form der Erkenntnis führte. Denn alle Gründe, die gegen ein gesichertes Wissen sprechen, sprechen in noch stärkerem Maße gegen den Glauben. Dies einzusehen ist für Gläubige so schmerzhaft, dass sie sich lieber vor dieser Erkenntnis verschließen.

Konfusius, er sagt: "Je blinder der Glauben, umso sehender denken sich die Gläubigen."

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