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Können Theologen die Welt erklären?
Hinter der Frage nach dem Supernaturalismus versteckt sich eines der Kernprobleme des Theismus. Ich bin auf dieses Problem bereits mehrfach eingegangen, aber es wird Zeit, die Schwierigkeit des Supernaturalismus noch von einem anderen Punkt aus zu beleuchten. Es geht um die Frage, ob unser Universum für Menschen prinzipiell erklärbar ist oder ob es prinzipiell nicht erklärbar ist [1].
Wir können drei Arten des Wissens [2] (mit aller Vorsicht, die beim Begriff des Wissens angebracht ist) unterscheiden:
- Wissen, welches wir haben.
- Wissen, welches wir (noch) nicht haben, aber welches uns prinzipiell nicht verwehrt ist.
- Wissen, welches wir prinzipiell niemals haben können.
Die Theisten behaupten nun, sie hätten noch eine vierte Art der Erkenntnis, welche nicht zu den Formen 1.-3. gehört, nämlich Erkenntnis über ein "jenseits unseres Universums" (siehe vorigen Abschnitt). Diese Erkenntnis wird durch Offenbarung, Inspiration etc. gewonnen. Diese Erkenntnis betrifft nicht das natürliche Universum. Abgeleitet wird diese Sonderform der Erkenntnis meist aus der Behauptung, es gäbe Wissen, welches wir auf "normalem" Weg niemals erlangen könnten - Fall 3.
Dass das Universum von uns nicht vollständig erklärt wird, ist unbestritten (sowohl unter Theisten wie auch unter Atheisten). Die Frage ist nur, können wir das Universum prinzipiell vollständig erklären (mal von praktischen Problemen - der Wissensmenge etc. - abgesehen) oder nicht? Und ohne Erklärung gibt es auch kein Verstehen. Wissen bedeutet auch, etwas erklären zu können.
Wann können wir von einem bestimmten Phänomen wissen oder annehmen, dass wir es niemals auf natürlichem Wege erklären können? Das können wir überhaupt nicht. Denn um das behaupten zu können, müssten wir alles wissen. Vom Standpunkt der Allwissenheit, d. h., wenn wir alle Phänomene kennen, können wir auch sagen, welche der Phänomene wir nicht erklären können. Da niemand von uns diesen Standpunkt einnehmen kann, können wir auch niemals sagen, dass wir dieses oder jenes Problem prinzipiell niemals erklären können. Abgesehen davon: allwissend zu sein bedeutet, alle Phänomene und alle Erklärungen zu kennen, wenn dann noch Phänomene übrig bleiben, die wir nicht erklären können, so sind wir nicht allwissend. Somit wäre diese Position sogar selbst-widersprüchlich. Anders gesagt: Fall 3. kann es für uns nicht geben, wir haben nur Wissen vom Typ 1. oder 2., zwischen denen die Grenzen fließend sind.
Das mögen viele verblüffend finden, dass wir von nichts sagen können, dass wir es niemals wissen werden, weil dies oft behauptet wird [3]. Gerade Theologen argumentieren nämlich gerne mit dem, was wir nicht wissen können, um von dort aus ihre Schlussfolgerungen ziehen zu können. Die Einnahme einer selbst-widersprüchlichen und ungültigen Position macht allerdings ihre auf dieser Basis getroffenen Schlussfolgerungen falsch. Manche Theologen versuchen nämlich, in die Lücke dessen, was wir noch nicht wissen, Gott zu vermuten - aber dieser Lückenbüßergott wird mit jeder geschlossenen Wissenslücke kleiner und hängt überhaupt völlig vom aktuellen Wissensstand ab, wird daher von der Theologenmehrheit auch abgelehnt.
Theisten sind darüber hinaus der Meinung, sehr viel mehr erklären zu können als beispielsweise die Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft kann beispielsweise die Herkunft des Universums nicht erklären - die Theisten behaupten, sie können es: Das Universum wurde von Gott geschaffen. Um die Herkunft des Universums überhaupt erklären zu können, wird auf eine Instanz (Gott) außerhalb des Universums zurückgegriffen.
Jetzt muss ich erstmal erklären, was erklären überhaupt bedeutet. Angenommen, Sie wüssten nicht, was das Wort "Window" bedeutet. Dann könnte ich auf ein Fenster deuten oder Ihnen erzählen, dass das deutsche Wort dafür "Fenster" lautet. Ich habe also das unbekannte Wort "Window" mit dem Ihnen bekannten Wort "Fenster" erklärt. Erklären also bedeutet, etwas (bislang) Unbekanntes in den Rahmen des bisherigen Wissens zu integrieren. Das Unbekannte wird auf das Bekannte zurückgeführt, also in bekannten (vertrauten) Worten erklärt.
Wenn ich nun Ihre Frage "Was bedeutet 'Window'" damit "erklärt" hätte, das sei ein Gnarzel, mit dem man frobizzeln kann, dann hätten Sie sich beschwert: Meine Erklärung wäre nicht verständlich und tauge damit nicht zum Erklären, sondern allenfalls zum Verwirren. Man kann eben das Unbekannte nur mit dem Bekannten erklären, aber nicht das Unbekannte mit dem Unbekannten. Und auch wenn man das schon Bekannte mit dem Unbekannten "erklärt", dann wird das Ganze nicht verständlicher - es wird verwirrender. Wenn man jemanden, der etwas kennt, dieses lange genug mit ihm unbekannten Dingen erklärt, wird er es nach einiger Zeit auch nicht mehr verstehen.
Wenn also das Jenseits ein Bereich ist, den wir nicht verstehen - dann können wir damit auch nichts erklären.
Gott ist für uns - so erklären es die Theisten - nicht vollständig verstehbar, also auch nicht erklärbar. Den Teil, den wir verstehen, der ist auch noch widersprüchlich. Damit scheidet Gott als Erklärungsbasis für irgendetwas aus. Ein Beispiel:
Wir sehen im Universum Komplexität, z. B. Leben. Diese Komplexität, so erklären die Theisten, hat Gott geschaffen. Gott selbst aber muss wohl ebenfalls komplex sein - ein allmächtiges personales Wesen - und wir vermeinen zu verstehen, dass wir als komplexe Wesen Komplexität schaffen können, also kann auch Gott das. Aber damit ist die Komplexität nicht erklärt, sondern bereits vorausgesetzt: Sie existiert in Gott von Anfang an und schafft neue Komplexität. Woher kommt die Komplexität Gottes? Diese ist unerklärt und unbekannt, folglich kann sie die vorhandene Komplexität nicht erklären.
Besser ist die folgende Erklärung: Komplexität bildet sich durch die Selbstorganisationsfähigkeit der Materie, aus kleinen und einfachen Dingen entstehen im Laufe der Zeit, z. B. durch Evolution, komplexere Dinge. Und jetzt kommt etwas Verblüffendes, denn das Argument des Theisten wird schlicht wiederholt. Der Theist fragt: Und woher kommt die Selbstorganisationsfähigkeit? Durch Gott! Aber auch hier wird die Selbstorganisationsfähigkeit, die Gott haben muss, bereits vorausgesetzt in der Erklärung - wieder ein Zirkel, die unbekannte Selbstorganisationsfähigkeit Gottes kann nicht die beobachtbare Selbstorganisationsfähigkeit des Universums erklären, weil man dann wieder fragen müsste, wie man sich die Selbstorganisation Gottes erklärt. Dies kann endlos so weiter gehen und erinnert mich an folgende Geschichte, von der ich nicht mehr genau weiß, woher ich sie habe (von Bertrand Russel, vermute ich):
Ein indischer Philosoph hält einen Vortrag über den Aufbau des Universums. Nach dem Vortrag kommt eine ältere Dame zu ihm, um ihm ihre Theorie über die Erde zu erklären. Die Erde, so sagt sie, ruhe auf einem großen Elefanten. Der Philosoph fragt: "Und worauf ruht der Elefant?" - Auf einem zweiten Elefanten, erwidert die Dame. "Und worauf ruht dann dieser Elefant?" fragt der Philosoph. Daraufhin ruft die Dame triumphierend: "Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber geben Sie sich keine Mühe - es sind Elefanten bis ganz runter!".
Und so bieten die Theologen als Erklärungen "Elefanten bis ganz runter" an. Aber wir sehen, dass es sich um lauter logische Zirkel handelt, mit denen versucht wird, zu verschleiern, dass man Unbekanntes nicht mit Unbekanntem [4] erklären kann und Bekanntes nicht mit Unbekanntem erklären sollte.
Wir können aus Unbekanntem Beliebiges schlussfolgern, aber nichts erklären. Die Theologen behaupten zwar, sie könnten mit Gott oder einem Supernaturalismus die Welt besser erklären als die Wissenschaftler. Aber das ist, wie ich hier versucht habe darzulegen, einfach falsch. Das ist ein Manko, welches sich wie ein roter Faden durch die ganze Theologie zieht. Supernaturalismus könnte allenfalls durch natürliche Phänomene erklärt werden, taugt aber seinerseits nichts zu Erklärung. Wenn wir etwas nicht mit den Methoden der Vernunft, der Naturwissenschaft, nicht erklären können, dann können die Theologen das auch nicht. Und das, was die Naturwissenschaftler erklären können, können die Theologen ebenfalls nicht erklären (oder bestenfalls schlechter). Es gibt zwischen "auf natürliche Weise erklären können" und "nicht erklären können" keinen dritten Weg, den die Theologen entdeckt haben.
Um das nun zu verschleiern, attackiert der Theologe meist das Verständnis der Naturwissenschaften (Angriff ist die beste Verteidigung). In dem er behauptet, auch die Naturwissenschaftler könnten die Welt weder erkennen noch erklären noch verstehen versucht er, eine prinzipielle Lücke zu schaffen, in denen er seine Pseudo-Erklärungen unterbringen kann. Theologen sind meist auch Ultra-Skeptiker - die Wissenschaft sei in ihrem begrenzten Bereich zwar ganz nützlich, aber wenn es um die "wirklich wichtigen" Dinge des Lebens geht, so sei ihr Instrumentarium eben doch begrenzt. Wenn dem wirklich so wäre, dann müsste der Theologe aber erstmal zeigen, dass er zu "besserer" Erkenntnis fähig wäre. Das aber kann er nicht, ohne sich auf logische Zirkel zurückzuziehen. Wann immer man versucht, den Theologen hier zu attackieren, wird er gegen das Naturverständnis zurückschlagen, weil er sich nicht verteidigen kann.
Man kann als entweder den Supernaturalismus mit dem Naturalismus erklären (und niemals umgekehrt), oder man kann den Supernaturalismus nicht erklären (und dies gilt für jede Behauptung einzeln), dann kann man auch keine oder beliebige Schlussfolgerungen daraus ziehen, aber da man nichts verstanden hat, werden die Schlussfolgerungen auch entsprechend aussehen. Vor allem kann man mit dem Supernaturalismus selbst nichts erklären, er ist dazu völlig ungeeignet. Bestenfalls eignet sich der Supernaturalismus zum Agnostizismus - wir können keine Aussage darüber machen, nichts damit erklären, wir müssten darüber schweigen. Das gilt natürlich auch auf alles, was wir im Supernaturalismus als "beheimatet" ansehen - z. B. Gott (diese Behauptung wird hier genauer untersucht).
Um das zu verstehen, muss man nicht einmal Ockhams Rasiermesser hervorholen. Es erklärt aber, warum Ockhams Rasiermesser so wertvoll ist.
Im nächsten Abschnitt zeige ich dann, warum Wunder ebenfalls den Supernaturalismus nicht retten können (ganz ohne Quantenmechanik!), und im übernächsten Abschnitt geht es dann um Offenbarungen - die uns auch nicht helfen.
Konfusius, er zitiert: "Reicht es nicht, einen Garten schön zu finden, ohne noch zusätzlich an unsichtbare Elfen auf seinem Grund zu glauben?" (Douglas Adams)
Anmerkungen:
- Die Anregung für dieses Kapitel entstammt dem empfehlenswerten Buch Smith, George H.: 1979, →Atheism : The Case Against God, Prometheus Books, New York. (Zurück)
- Es geht im Folgenden immer um Wissen und nicht um Informationen. Bei Wissen handelt es sich um dergestalt aufbereitete Informationen, dass sie in unseren bisherigen Wissenskontext passen und zum Verstehen der Welt genutzt werden können oder zur Erklärung bestimmter Phänomene. (Zurück)
- Um einige Einwände gleich zu entkräften: Gödels Beweis besagt, dass in einem hinreichend kompletten formal logischen System bestimmte selbstreferentielle Sätze nicht innerhalb des Systems als wahr bewiesen werden können, obwohl sie es sind. Trotzdem wissen wir, dass sie wahr sind, weil sie mit einem anderen System als wahr bewiesen werden können - sonst wäre die Aussage, sie seien wahr, sinnlos (woher wollte man dies wissen?). Nun zur Heisenbergschen Unschärferelation: Sie besagt grob, dass der Messvorgang das zu messende Objekt beeinflusst. D. h. wir messen in kleinsten Bereichen falsch, aber wir messen und wir wissen es ungefähr - und wir reden eben nicht über perfektes Wissen, weil das Unsinn wäre (denn wie sollten wir wissen, wann der höchste Perfektionsgrad erreicht ist?). Teilweise kann man diese Ungenauigkeit sogar herausrechnen. Wir können auch von einem Elektron entweder den Ort oder die Geschwindigkeit messen, aber nicht beides zusammen, aber wir können es jeweils messen. (Zurück)
- Hier stand leider bis vor kurzem ein sinnentstellender Flüchtigkeitsfehler, auf den mich dankenswerterweise ein aufmerksamer Leser hingewiesen hat - man kann nämlich Unbekanntes mit Bekanntem erklären (wie dort vorher stand), aber eben nicht Unbekanntes mit Unbekanntem (Zurück)
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