| |

Hauptmenu
|
Intoleranz und Stagnation
Nur einmal einen Moment angenommen, meine Erkenntnisse seien absolut richtig (denn sie sind mir z. B. im Traum als absolute Wahrheit von Gott geoffenbart worden): Dann wäre es doch völlig sinnlos darüber zu debattieren?
Denn Deine Kritik kann nur von einem menschlichen Standpunkt aus kommen - mein gesichertes Wissen hingegen stammt von einer höheren Warte. Mein Wissen wurde von einem weit über uns stehenden Wesen geadelt. Wieso sollte ich Kritik daran akzeptieren? Kann und muss fehlende Einsicht auf deiner Seite nicht vielmehr nur mit Bösartigkeit, Blindheit, Uneinsichtigkeit etc. erklärt werden?
Man muss sich vor Augen führen, wie ungeheuer verlockend es für Menschen ist, dieser Versuchung nachzugeben und die eigene Meinung als die Meinung eines Gottes auszugeben (und damit absolute Folgsamkeit zu verlangen). Es ist sehr einleuchtend und wird sicher auch von Fundamentalisten zugegeben, dass dieser Missbrauch in der Weltgeschichte sehr häufig vorgekommen ist (wie könnte man sonst die anderen, falschen Fundamentalismen alle erklären?).
Bei der Wissenschaft gibt es Korrekturmechanismen gegen falsche Behauptungen (Peer Review, Wiederholbarkeit, kritische Diskussionen, Experimente etc.). Sicher gab und gibt es auch in der Wissenschaft Fälschungen - auch Wissenschaftler sind gegen die Verlockungen nicht immun! Ich erinnere in diesen Zusammenhang an die Zwillingsstudien, die Cyril Burt vorgelegt hat, um in der Intelligenzdiskussion zu "beweisen", dass Intelligenz zum größten Teil angeboren ist. Aber immerhin ist der Schwindel aufgeflogen.
Wenn nun in der Wissenschaft mit denselben Methoden wie im Fundamentalismus die Ergebnisse und Theorien gegen Kritik abgesichert werden würden, dann wäre es unmöglich gewesen, den Schwindel aufzudecken. Dann würden wir den Fälschungen Burts "glauben", weil sie von einem renommierten Wissenschaftler stammen, und die Folgen wären verheerend (die Fälschungen von Burt waren einer der Gründe dafür, dass in den USA die Fördermittel für Minderbegabte gestrichen wurden).
Welche Mechanismen garantieren mir nun bei einem Fundamentalismus, dass ich nicht dort ebenfalls auf einen Schwindel hereinfalle? Und ich verlange diese Garantie, denn es gibt so viele "garantiert wahre", sich aber widersprechende Glaubensrichtungen, dass man sich da leicht (ver)irren könnte. Ich lege sehr hohe Maßstäbe an, d. h. mindestens dieselben wie bei der Wissenschaft - aber eigentlich (da absolut wahr) müssten diese sogar noch höher sein, also sind meine Maßstäbe sogar eher noch bescheiden.
Aus dem Münchhausentrilemma sehen wir, dass mir niemand diese Garantie geben kann (auch die Wissenschaft nicht). D. h. der Glauben verletzt jedes denkbare Qualitätskriterium, entgegen allen hohen Behauptungen. Wenn man eine Qualitätssicherung bei der Erkenntnis durchführt, dann wird man sehen, dass der Glauben hier äußerst ungenügend ist ... diese Unsicherheit auf der einen und Gehorsam dem Glauben gegenüber anderseits bilden einen seltsamen Kontrast.
Psychologisch gesehen wird durch das Verlangen nach "blindem" Gehorsam die Unsicherheit kompensiert: Sicherheit bekommt man nur als Gegenleistung dafür, keine Kritik zu äußern bzw. seinen kritischen Verstand gleichsam "abzuschalten". Da Glaubensvorstellungen häufig deckungsgleich zu Wunschvorstellungen sind, heißt dieses "Tauschgeschäft": Ich erfülle deine Wünsche, wenn du mir dafür deinen Verstand gibst. Das wäre ein fairer Handel, wenn die Erfüllung der Wünsche nachvollziehbar wäre. Aber für eine konkrete Leistung im Diesseits wird nur ein Versprechen gegeben (wie in der Geschichte von Hank). Wer immer daher auch die Fairness dieses Handels kritisiert, verdirbt damit ein Geschäft - und zieht den Zorn der Profiteure auf sich (auch den der Anhänger, denn die möchten ja gerne glauben und fühlen sich nun betrogen - allerdings wird hier der Überbringer der schlechten Nachrichten angegriffen, nicht der Verursacher). Oder, wie Deschner sagt: "Sicher an der Erlösung ist nur der Erlös daraus".
Ohne Korrekturmechanismen und ohne Qualitätssicherung wird der Glaubenskunde in doppelter Hinsicht betrogen: zum einen um ein Leben im Diesseits, das ganz anders aussehen könnte und u. A. ja auch mit einer Stagnation des Wissens bezahlt wird, zum anderen auch um die Erfüllung seiner Wünsche im Jenseits.
Wer glaubt, dies sei offensichtlich und leicht zu durchschauen, der sehe sich einmal die Protokolle einiger Betrugsszenarien an, wo die Betrogenen bis ganz zum Schluss felsenfest an die Erfüllung ihrer Wünsche geglaubt haben. Hier ist es allerdings so, dass der Betrug (oder die Selbsttäuschung) nie aufgedeckt werden kann, weil die Erfüllung der Wünsche nicht überprüft werden wird.
Es gibt eine Ökonomie des Glaubens: je mehr Energie in eine Ansicht gesteckt wurde, um so schwerer fällt es, diese loszuwerden, weil damit die investierte Energie ja aufgegeben wird. Dies ist auch in der Wissenschaft ein Problem, aber es fällt durch die vielfältigen Absicherungsmaßnahmen moderater aus.
Konfusius, er zitiert: "Hat eigentlich die Skepsis auf die Schlachtfelder geführt oder der Glaube?" (Karlheinz Deschner dt. Autor und Kirchenkritiker)
⇐ Kritik - Denkfallen ⇒
|
|

Suche und weiter(es)
|
|