Übersicht ⇒ Psychologie, Religion & Glauben  irrtum.html   
   
  Psychologie, Religion & Glauben Nach unten
  Platzhalter

Hauptmenu

Übersicht
⇒ Religion & Glauben
Atheismus
Psychologie & Börse
Geistiges Eigentum?
Anmerkungen
Links
Über mich + Impressum



Ich empfehle Ihnen den FireFox-Browser

Ausdruck
Ausdruck der Website



Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit

Eine der zentralen Annahmen der Fundamentalisten gliedert sich in zwei Teile - und beide Teile sind sowohl gefährlich als auch falsch. Diese Grundirrtümer lauten so:

  1. Es gibt eine absolute Wahrheit, die vollkommen irrtumsfrei ist.
  2. Wir kennen (oder haben) diese Position absoluter Irrtumsfreiheit.
Wir hatten in den vorigen Abschnitten bereits gesehen, dass es keine irrtumsfreie Position geben kann, und selbst wenn es sie gäbe, so könnte man dies nicht beweisen. Dies hängt mit einer Asymmetrie der Erkenntnis zusammen: Wir können von einer Aussage nicht feststellen, ob sie wahr ist, wir können nur feststellen, ob sie falsch ist. Diese Position bezeichnet man als Fallibilismus.

Deswegen könnte man zwar rein theoretisch eine irrtumsfreie Position einnehmen, man könnte es aber weder beweisen noch begründen! Beweisen kann man es nicht, weil man dann die Irrtumsfreiheit des Beweises beweisen müsste, und auch diesen Beweis müsste man beweisen usw. usf. in alle Ewigkeit (der unendliche Regress aus dem Münchhausentrilemma). Oder man bricht diese endlose Kette ab und akzeptiert etwas als irrtumsfrei bewiesen, bevor man es bewiesen hat (Dogmatismus). Oder man "beweist" es mit zirkulärer Logik. Zudem müsste man beweisen, wenn keine Fehler bislang gefunden wurden, dass man auch niemals welche finden wird - das ist unmöglich. Alle diese Beweise sind unvollständig oder fehlerhaft, d. h. ungültig in Bezug auf Irrtumsfreiheit. Und mit reiner Vernunft, ohne Empirie, kann man schon überhaupt nichts beweisen!

Wenn also jemand behauptet, die Bibel sei das absolut wahre Wort Gottes, so frage man ihn, wie er dies begründet. Entweder beruft er sich auf ein "das ist so" (Dogmatismus) oder er sagt, das sei so, weil es in der Bibel selbst steht (zirkuläre Logik). Es gibt noch den "unvollständigen Beweis": Weil dort wahre Prophezeiungen drinstehen oder weil dort wahre Ereignisse erzählt werden, aber auch damit kann man keine vollständige Begründung liefern. Auch die interne Konsistenz (innere Widerspruchsfreiheit)  [1] ist nur ein minimales Indiz für Wahrheit (wenn es fehlt, kann die Bibel nicht komplett wahr sein, wenn die Bibel intern konsistent ist, beweist es nicht die Wahrheit der Bibel). Der "Beweis" der internen Konsistenz der Bibel funktioniert ohnehin über Ignoranz, d. h. man akzeptiert keine Widersprüche, sondern interpretiert sie weg. Mangelhafte interne Konsistenz ist sogar eine der großen Schwächen der Bibel.

Und deswegen kann sich niemand hinstellen und behaupten, er könne die Position 1. einnehmen. Es wird uns den Beweis immer schuldig bleiben, und warum sollte man in einer so wichtigen Frage auf alle Beweise verzichten? Sicher: Glauben heißt, auf Beweise für etwas verzichten und in etwas nicht Beweisbares vertrauen. Aber man kann das auch übertreiben. Denn absolutes Wissen bedeutet absolute Macht, also um Lord Acton zu zitieren: "Macht neigt dazu, den Mächtigen zu verderben, und absolute Macht verdirbt absolut". Warum sollte man es riskieren, andere Menschen zu verderben, in denen man ihnen die Macht gibt, kraft ihrer Autorität zu definieren, was absolut wahr ist? Die Berufung auf absolutes Wissen und Irrtumsfreiheit hat die Menschen bislang meisten korrumpiert, früher oder später.

Wenn man also weder beweisen noch begründen kann, dass die eigene Position irrtumsfrei ist, dann ist das für einen Dritten nicht von einer irrtumsbehafteten Position unterscheidbar. Wenn es aber weder logisch noch empirisch unterschieden werden kann, ist es gleichwertig. D. h. eine angeblich irrtumsfreie Position unterscheidet sich nicht von einer irrenden Position, ist also identisch mit einer irrenden Position oder sinnfrei. Die Berufung auf eigene göttliche Inspiration oder auf Offenbarung hilft uns auch nicht weiter.

Wir sehen, dass es weder eine absolute Wahrheit gibt noch geben kann, noch dass man dies für eine Position annehmen kann oder behaupten darf. Fundamentalisten, die behaupten, sie hätten eine absolute Wahrheit gefunden (und damit - das ist die Gefahr - auch eine absolute Rechtfertigung für ihr Handeln), täuschen sich aus folgenden Gründen über den Status ihrer Annahmen  [2] hinweg:

  1. Sie verharren auf Erkenntnisstufe 2 - d. h. sie ignorieren Kritik oder lassen sie nicht zu. Ihre Erkenntnis ist unkritisch gegen sich selbst, nur Kritik daran wird kritisch beleuchtet und stets zurückgewiesen.
  2. Die Immunisierung gegen Kritik , d. h. das Ausblenden von Kritik, führt zu einem Status scheinbarer Unangreifbarkeit - sie können jedes Gegenargument kontern, meist mit zirkulärer Logik. Diese Zirkel scheinen eine Selbstbestätigung zu sein (während sie in Wahrheit eine Selbstwiderlegung sind).
  3. Damit meinen Sie, auf das angeblich "unterlegene", weil - im Gegensatz zu ihrer Position - vorläufige und unsichere Wissen "herabsehen" zu können. Wenn man eine Gegenposition einnimmt, und eigene Irrtumsmöglichkeiten einräumt, ist man ihnen quasi-automatisch "im Nachteil", denn sie können sich nicht irren (glauben sie).
  4. Da sie ihre (falschen) Positionen mit mehr innerer Sicherheit und einem gewissen Absolutheitsanspruch vertreten, wirken sie auf schwache Menschen, die eine feste Position suchen, überzeugender. Diese Überzeugungskraft wird positiv als Bestätigung der Richtigkeit angesehen - ob eine Position überzeugend ist, hat aber nichts mit dem Wahrheitsgehalt zu tun  [3]!
  5. Das eigene emotionale Wunschdenken, die "Sucht" nach einem festen (absoluten) Halt, verstärkt die innere Sicherheit und gilt als Bestärkung - dabei ist es gleichgültig, wie sehr wir von der Wahrheit von etwas überzeugt sind, mit dem tatsächlichen Wahrheitsgehalt korreliert das sehr, sehr schwach.


Hüten wir uns vor Menschen, die meinen, nicht irren zu können! Beispiel für Menschen, die für unfehlbar gehalten werden sind die Päpste, die - sofern sie einen Lehrsatz ex cathedra verkünden, angeblich unfehlbar sein sollen.

Diese Kombination, die in einen inneren "Selbstverstärkungszirkel" mündet, macht den Fundamentalismus so gefährlich und ist der Nährboden für Fanatismus (längst nicht jeder Fundamentalist ist fanatisch, aber die meisten Fanatiker sind Fundamentalisten). Diese Form des Fanatismus erreicht man nur mit Annahmen, die gegen Tatsachen "immun" sind, d. h. bei denen niemals eine Tatsache auftauchen kann, die sich nicht entweder uminterpretieren ließe (und dann wieder passt) oder wo Tatsachen überhaupt keine Rolle spielen.

Fundamentalismus beschränkt sich nicht auf die Religion - es gibt auch säkulare Fundamentalismen, wie z. B. orthodoxer Marxismus(-Leninismus) oder Faschismus. Aber Religion ist tiefer in unsere Kultur eingegraben und stärker akzeptiert, damit sind viele Menschen bereits "vorgeprägt" und empfänglicher. Fundamentalismus ist schwer zu bekämpfen, weil die Fundamentalisten argumentationsresistent sind, d. h. meist nicht überzeugt werden können, wohl aber andere damit "anstecken" können. Das Potenzial wäre noch bedrohlicher, wenn nicht gerade sehr viele schwache Menschen davon angezogen würden. Erst in der Hand eines "starken" Menschen entfaltet diese Denkweise ihr vollen Missbrauchsmöglichkeiten. Schwache Menschen werden erst in der Masse stark und dann entsprechend unangenehm.

Ich will nicht behaupten bzw. wehre mich gegen die Behauptung, Fundamentalismus sei die einzige Vorbedingung für Fanatismus! Das ist falsch. Richtig ist vielmehr, dass Fundamentalismus eine notwendige aber keine hinreichende Vorbedingung für Fanatismus ist. Die Gefahr geht vielmehr von den Inhalten aus. Wenn jemand fanatisch meint, alle Menschen lieben zu müssen und ihnen vergeben zu müssen so kann das zwar u. U. lästig sein, aber wohl kaum gefährlich! Wenn aber jemand aus seiner absolut irrtumsfreien Position die eigene Überlegenheit, die seiner Rasse oder ethnischen Gruppe oder seiner Überzeugungen ableitet, dann wird es sehr wohl gefährlich - vorausgesetzt, er hat die Macht dazu, sich durchzusetzen.

Vermeintliche Irrtumsfreiheit ist deswegen auch so gefährlich, weil man sie nicht besitzen muss, damit Gefahr davon ausgeht - die Einbildung, sie zu haben, reicht schon aus, um pathologisch zu werden.

Der häufigste Einwand, der jetzt kommt, ist der, ob ich mir da so sicher sein könnte? Denn wenn ich mir absolut sicher sei, es gäbe keine irrtumsfreie Position, dann würde ich damit eine Position der absoluten Wahrheit (= Irrtumsfreiheit) einnehmen und mir also selbst widersprechen ...

Ich bin mir nicht sicher, ob ich recht habe. Ich kann aber auch keine Position des absoluten Irrtums einnehmen (das wäre das logische Gegenstück). Ich muss Stellung beziehen, weil es sich (m. A. nach) um eine wichtige Frage handelt. Ich kann nicht mit dem Argument "ich könne unrecht haben" mich aus allem heraushalten - wenn ich dies mache, dann räume ich damit den Fanatikern den Weg frei. Nehmen wir einmal ein, bei einer beliebigen Position steht "A ist irrtumsfrei" gegen "A ist falsch", und ich habe keine Möglichkeit, mich auf irgendeinem Weg für eine der Position zu entscheiden. Nehmen wir aber mal an, ich müsste das. Für welche Position entscheide ich mich? Schwache Menschen entscheiden sich für die Sicherheit und nehmen "A ist irrtumsfrei". Ich sage, wenn beide Position gleich wahrscheinlich falsch und gleich wahrscheinlich wahr sind, dann entscheide ich mich für die Position, bei der am wenigsten Schaden entsteht, wenn sie falsch ist. D. h. ich kalkuliere ein, mich irren zu können (Fundamentalisten rechnen meist nicht damit). Das Christentum hat in fast 2.000 Jahren bereits bewiesen, dass es sehr viel Schaden anrichtet. Und hier kommt mir noch zugute, dass es so sehr unwahrscheinlich ist, dass die Position "das Christentum [welches?] ist irrtumsfrei" so extrem unwahrscheinlich ist, dass ich nicht von einer Gleichwertigkeit der Positionen ausgehen muss. Da fällt die Entscheidung also leicht. Und deswegen kann ich das auch mit einer gewissen Entschiedenheit vertreten, weil ich mich entschieden habe. Mag sein, dass ich mich irre. Aber wenn ich irre, richtet mein Irrtum weniger Schaden an.

Wissenschaft ist bescheiden - sie hat zwar viel erreicht, aber nicht die Irrtumsfreiheit.

Religion ist unbescheiden - sie hat zwar viel Schaden angerichtet, behauptet von sich, irrtumsfrei zu sein  [4].

Im nächsten Abschnitt demonstriere ich an einem Beispiel, wieso die Irrtumsfreiheit selbst ein Irrtum ist, und woher die Irrtümer eigentlich kommen - wir bewegen uns also zur "Quelle der Irrtümer" vor. Und sie werden staunen, wenn Sie diese Quelle erblicken ...

Konfusius, er zitiert: "Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen" (Friedrich Nietzsche)



Anmerkungen:
  1.  Ein sehr gutes Beispiel für die mangelnde interne Konsistenz der Bibel beim zentralen Punkt des christlichen Glaubens (der Auferstehung) beschreibt →Leave No Stone Unturned - An Easter Challenge For Christians von Dan Barker. Die Herausforderung besteht darin, alle Informationen aus der Bibel zur Auferstehung zu nehmen und daraus eine widerspruchsfreie Geschichte zu machen. Das ist bislang nicht gelungen. (Zurück)
  2.  Wobei viele Christen ihre Annahmen nicht einmal benennen können. (Zurück)
  3.  Die Annahme, die Erde sei unbeweglich, ist sehr viel überzeugender als die Annahme, dass sich die Erde bewegt - ist also die Überzeugungskraft einer Annahme ein Beweis für ihre Richtigkeit? (Zurück)
  4.  Nochmal: Hier ist die Religion gemeint, die behauptet, irrtumsfrei zu sein - das geht zwar aus dem Satz hervor, wenn man ihn sich genau durchliest, aber man könnte ihn auch als "Religion generell" verstehen - dann wäre der Satz falsch, denn vor allem die moderne Theologie hat den Glauben an die eigene Irrtumsfreiheit längst aufgegeben - nur die archaischen Überbleibsel vergangener Jahrhunderte in der Religion wie ein unfehlbarer Papst oder einige fundamentalistische Sekten sind überhaupt als gefährlich einzustufen. Auch Wissenschaft ist nur meistens bescheiden, nicht immer - und wenn sie es nicht ist, dann ist auch die Wissenschaft gefährlich! Es geht hier um Tendenzen, nicht um absolute Aussagen. (Zurück)

⇐ Naturalismus - Theodizee ⇒
Platzhalter

Suche und weiter(es)

Suche
Glossar

HGA - Häufig geäußerte Argumente

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Stichworte
Alle Seiten


Diese Seite weiterempfehlen


Literatur- Verzeichnis


⇐ Naturalismus

Theodizee ⇒



NEU!
Wenn Sie diesen Artikel diskutieren möchten, dann gehen Sie bitte zu Atheisten.org
 
 


 
Verweis: [URL=http://www.dittmar-online.net/religion/irrtum.html]Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit[/URL]
oder: <a href="http://www.dittmar-online.net/religion/irrtum.html">Der Irrtum von der Irrtumsfreiheit</a>