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Kritik und Selbstkritik

In den drei Schritten der Erkenntnis klang es bereits an: Die Fähigkeit zur Kritik ist nichts ohne die Fähigkeit zur Selbstkritik. Denn wenn alle Erkenntnis stets nur vorläufig begründbar ist, dann kann nur die Kritik die Erkenntnis in Bewegung halten (auf das Ziel von mehr und besserer Erkenntnis hin). Wenn die Kritik fehlt, dann fehlt auch der Antrieb, neue Erkenntnisse zu schaffen (sofern die Mängel nicht offensichtlich sind).

Während weniger hundert Jahre wurde in Griechenland vor dem Christentum mehr an Erkenntnis gewonnen als in 1.000 Jahren Christentum. Wenn die Bibel (oder eine beliebige andere "heilige Schrift") schon alle wesentliche Erkenntnis enthält, wozu sich dann noch anstrengen, um diese Kenntnisse zu erweitern?

Nur, wenn man die Vorläufigkeit aller Erkenntnis anerkennt, dann hat man einen gewichtigen Grund zu forschen.

Die Religionen erkennen die hypothetische Natur aller Erkenntnis vor allem an, wenn es sich um den Glauben anderer handelt. Nur bitte die eigenen Grundlagen verschone man von der Kritik, bei Marginalien (oder was man dafür hält) ist man schon großzügiger. Dafür geißelt man sich dann als "Ausgleich" auch gerne, was die Erreichung unerreichbarer Glaubensanforderungen angeht - aber genau diese Form der Kritik bzw. des moralischen Masochismus ist mit selbst-kritisch nicht gemeint.

Die Selbstkritik der Wissenschaft wird von Fundamentalisten mit Vorliebe gegen die Wissenschaft gewendet. Sie ist ein so wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft, dass es keinerlei Anstrengung bedarf, sie zu finden. Vor allem zwei wichtige Kritikpunkte haben es den Fundamentalisten angetan:
  1. Die Tatsache, dass alles Wissen hypothetisch ist.
  2. Die Lückenhaftigkeit des Wissens.
Um es mit Sokrates zu sagen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (aber inzwischen weiß man das ein ganzes Stück genauer!).

Vom 1. Punkt werden die eigenen Erkenntnisse natürlich ausgenommen. Dies scheint etwas zu sein, dass sich ausschließlich gegen die Wissenschaft wendet, eine ihrer großen "Schwächen". Wie ich oben gezeigt habe, wird dies aber von Wissenschaftlern bzw. wissenschaftlich gebildeten Menschen als Stärke angesehen. Festhalten an vorhandenem Wissen führt zur Stagnation. Wenn man nicht sicher ist, recht zu haben, wird man auch eher zur Toleranz neigen. Hinzu kommt, dass jede Untersuchung der Erkenntnis unweigerlich zu dem Schluss kommt, dass alles Wissen hypothetischer Natur sein muss: Denn wir landen jedesmal im beschriebenen Trilemma.

Aber dies gilt auch für das angeblich so "sichere Wissen" der Fundamentalisten. Da diese ihre Basis aber gegen derartige Einwände immunisiert haben, wird dies nicht anerkannt. In der Folge redet man aneinander vorbei. Wie diese Immunisierung funktioniert, habe ich unter Denkfallen genauer beschrieben.

Aber Ignoranz der Tatsachen ändert an den Tatsachen nichts. Glauben kann man durch Ignoranz ändern, Tatsachen nicht.

Korrekt wäre es, die Immunisierung der Basis anzugreifen und die Fundamentalisten auf ihr "nicht-erkennen-wollen-können" aufmerksam zu machen. I. d. R. wird dies aber am psychologischen Widerstand scheitern.

Auch der zweite Punkt (der aus dem ersten Punkt folgt) ist ein hervorragender, generischer Hebel, an dem man Kritik ansetzen kann. Die Menge an möglichen Forschungsthemen geht gegen unendlich, aber wir haben nur endliche Zeit und endliche Ressourcen, deswegen wird jede Forschung immer nur "Stückwerk" bleiben. In diese Lücken kann man vorstoßen und dort Erklärungen anbieten, die den Grundlagen der Wissenschaft widersprechen. D. h. die Evolutionstheorie (um nur ein beliebtes Beispiel zu nennen) lässt sich dadurch angreifen, dass die Wissenschaftler noch längst nicht alles wissen, sondern sich überall Erklärungslücken auftun, in denen sich ein "intelligenter Designer" unterbringen lässt. Die Wissenschaftler hingegen sind optimistisch, bei genügend großem Einsatz diese Lücken schließen zu können - dies ist auch recht häufig gelungen, wenn auch nicht immer.

Aber auch wenn in der Vergangenheit diese Lücken häufig geschlossen wurden, so mag dies Optimismus für die Zukunft rechtfertigen, aber eine Sicherheit lässt sich daraus keineswegs ableiten. Diese Unsicherheit kann man ausnutzen, um den Leuten hier die eigene Sicherheit zu "verkaufen". Gewissheit (und sei sie auch nur scheinbarer Art) ist von großer Attraktivität.

Man kann hier nur mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren: wenn (im Beispiel: Evolutionstheorie) bislang Lücken nach und nach geschlossen werden konnten, wieso ging dies, obwohl sich doch irgendwo in diesen Lücken ein "intelligenter Designer" verbergen muss, auf den man unweigerlich hätte stoßen müssen? Wieso konnte man davon keine Spuren entdecken?

Aber gerade die noch vorhandenen Lücken sind doch die Spur!

Hier spekulieren beide Seiten über die Natur dieser Lücken, dies ist natürlich sehr unergiebig, da hier (von beiden Seiten aus!) nur Vermutungen, aber keine Argumente gegeneinander gesetzt werden. Für die Gläubigen ist dies legitim, besteht doch der Glauben selbst fast nur aus Vermutungen.

Anders gesagt: Wir können schlecht über etwas reden, von dem wir nichts wissen, und Debatten darüber sind ziemlich sinnlos. Damit ist diese Debatte unentscheidbar.

Der wichtige Unterschied ist: Während die eine Seite sich mit den Wissenslücken zufrieden gibt und ihre eigenen, generischen Hypothesen dort einpassen (was automatisch zu einer Stagnation des Wissens führen würde, wenn die Gegenseite sich davon beeindrucken ließe), sucht die andere Seite aktiv nach Möglichkeiten, diese Lücken zu schließen und vermehrt das Wissen. Hier lässt sich sehr gut zeigen, dass man Fortschritt gegen Stagnation verteidigt.

Das Argument also lautet, dass die Fundamentalisten die Stagnation des Wissens verteidigen und auf dem Status quo beharren. Aber jedes Stück Wissen, dass man unerkannten Bereichen entreißt, ist zugleich ein Beweis dafür, dass es eben nicht ausreicht, nur darauf zu beharren, man habe doch recht.

Übrigens kann auch die Wissenschaft jederzeit in den Fundamentalismus abrutschen, wenn man sich der Wichtigkeit der Kritik nicht ständig neu bewusst wird ...

Konfusius, er sagt: "Glauben versetzt Berge? Nein, Glauben ignoriert Berge und spekuliert, wie es wohl dahinter aussehen mag, Wissen erklettert Berge."

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