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Naturalismus versus Supernaturalismus
Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, dass die Wahrscheinlichkeit nicht gerade für die Annahmen der Gläubigen sprechen. Eines der beliebten Argumente, welches dann gebracht wird, ist Folgendes:
"Es gibt eine spirituelle Welt und eine natürliche Welt. Du kannst die Methoden, die in der natürlichen Welt gelten, nicht auf diese spirituelle Welt übertragen." (Siehe dazu auch die Hinweise im Abschnitt über die Betfalle)
Hier liegt ein interessanter Trugschluss vor. Nehmen wir einmal an, es gäb diese spirituelle Sphäre (oder Welt) [1] tatsächlich. Wenn sie also existiert, dann interagiert sie (in irgendeiner Form) mit der natürlichen (realen) Welt, die unserer Erfahrung zugänglich ist, oder sie tut es nicht. Wieder machen wir eine Fallunterscheidung (damit uns keine Möglichkeit entgeht) und analysieren die Konsequenzen. Als "spirituelle Sphäre" bezeichne ich ein unbestimmtes Etwas, welches "jenseits" oder "außerhalb" der natürlichen Welt existiert:
- Die spirituelle Sphäre existiert, aber sie interagiert nicht mit der natürlichen Welt [2].
- Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit der natürlichen Welt:
- Unsere Welt beeinflusst die Sphäre einseitig.
- Die spirituelle Sphäre existiert beeinflusst unsere Welt einseitig.
- Die spirituelle Sphäre existiert und diese und die Welt beeinflussen sich wechselseitig.
- Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit unserer Welt, aber diese Interaktion folgt keinen bzw. keinen erkennbaren Regeln [3]
- Die spirituelle Sphäre existiert nicht - es gibt daher auch keine Interaktion.
Position 3. bezeichnet man als Naturalismus - alles ist natürlich und alles lässt sich auch natürlich erklären. Aber diese Position interessiert uns momentan nicht. Position 1. und 2. bezeichnen wir als Supernaturalismus.
Position 1. ist für uns auch uninteressant - wenn es keine Interaktion gibt, dann betrifft diese Sphäre uns nicht, sie kann keine Auswirkungen auf unser Leben haben. Und dann ist auch jede Spekulation darüber müßig, denn wie im vorigen Abschnitt gesehen tappen wir dann tatsächlich vollständig im Dunkeln. Position 1. kann man also nicht sinnvollerweise einnehmen, sie ist logisch absurd. "Irgendetwas" müsste uns, unsere Welt, unsere Sinnesorgane etc. schon beeinflussen, dass wir überhaupt annehmen können (nicht dürfen), dass die Sphäre existiert.
Bleibt also noch Position 2. übrig, für die wir vier Fälle annehmen können. Wenn Fall 2a. zutrifft, dann ist dieser Fall für uns nicht von der Position 1. unterscheidbar. Wir bekommen keine "Rückmeldung" und können daher auch keine Rückschlüsse ziehen.
Es bleiben für eine mögliche Betrachtung einer regelmäßigen Interaktion noch 2b. und 2c. übrig. Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie von einer Beeinflussung der natürlichen Welt ausgehen. Sobald es so einen Einfluss tatsächlich gibt, könnten wir ihn auch nachweisen, denn damit "erreicht" die spirituelle Welt die Welt der Natur, also die Domäne der Naturwissenschaften. Immerhin konnten die Naturwissenschaften auch Dinge wie Neutrinos nachweisen, und bei Neutrinos ist das sehr, sehr schwer. Es ist unerheblich, ob 2b. oder 2c. richtig ist, Nachweis ist Nachweis, obwohl es schwer vorstellbar ist, eine einseitige Interaktion anzunehmen. "Schwer vorstellbar" ist nicht dasselbe wie "unmöglich". Aber gleichgültig ob wir 2b. oder 2c. annehmen, beide Positionen ließen sich nachweisen. Folglich sind beide Bestandteile der Natur.
Mehr noch: Wir könnten diese Beeinflussung nicht nur nachweisen, wir könnten im Fall 2c. dieses auch nicht von der Position 3. unterscheiden. 2c. und 3. sind dasselbe! Denn wenn etwas weder theoretisch noch praktisch unterscheidbar ist, muss es gleich sein. Sobald etwas mit uns interagiert, nachweisbar ist, dann verhält es sich wie die natürliche Welt. Woran erkennen wir die natürliche Welt? Genau daran, dass sie mit uns interagiert und nachweisbar ist! Was interagiert und nachweisbar ist, ist für uns die natürliche Welt.
Nun zur Position 2d. Ein Wunder wäre nach dieser Position ein Ereignis, für das wir keine Regeln finden können, weil das prinzipiell nicht geht. Damit wäre die Interaktion für uns nicht von zufälligen Ereignissen unterscheidbar. Wenn sich also spontan und ohne erkennbare Gesetzmäßigkeit mein Computer vor meinen Augen in eine Banane verwandelt, dann könnte ich weder wissen, was dies bedeutet, noch könnte ich praktische Konsequenzen daraus ziehen. Ich wüsste auch nicht, wer oder was dafür die Ursache ist (auf Ursachen können wir nur schließen, wenn es sich um ein regelmäßiges Ereignis handelt). Ich könnte vor allem auch nicht wissen, welchen Einfluss nun meine eigenen Handlungen auf die spirituelle Sphäre haben. Eine Religion, die behauptet, dass es bestimmte Regeln gibt, nach denen ich mich verhalten sollte, ist mit der Position 2d. nicht vereinbar, weil ja keine Regeln erkennbar oder ableitbar wären. Auch eine Kommunikation mit dieser Sphäre (durch Gebete oder Meditation etc.) wäre nicht möglich, weil Kommunikation auf beiden Seiten ein regelhaftes Verhalten voraussetzt. Es ist nicht möglich, aus reinem Zufall irgendwelche Regeln abzuleiten - und für mich wäre es nicht mehr als das. Folglich können sich Gläubige nicht auf die Position 2d. berufen.
Außerdem kann ich nie ausschließen, dass der Zufall nicht doch natürliche Ursachen hat bzw. dass es natürlicherweise Ereignisse ohne jede Ursache gibt. Also ist auch diese Position nicht wirklich von Position 3. zu unterscheiden, sie ist für mich gleich. Auch eine Mixtur aus den Positionen von 2.a bis 2d. ändert nichts daran.
Wir können auch die Position 1. nicht von der Position 3. unterscheiden. Beide sehen für uns gleich aus, theoretisch wie praktisch, sie sind also logisch und praktisch äquivalent (= gleichwertig).
Was ist, wenn diese "Interaktion" nur zeitweilig auftritt? Wenn sie immer nur dann auftritt, wenn wir gerade nicht hinsehen, dann existiert für uns keine Interaktion, und auch hier gibt es für uns keine Unterscheidungsmöglichkeit und keine Regel (Position 2d.). Wenn sie auftritt und wir bemerken sie, dann können wir sie auch festhalten und dann wird sie uns als natürliches Phänomen erscheinen. Wenn solche Phänomene auftreten, dann sind sie entweder willkürlich (und für uns vom Chaos ununterscheidbar) oder regelmäßig und damit naturwissenschaftlich erforschbare natürliche Erscheinungen! Aber selbst chaotische Erscheinungen hinterlassen Spuren und könne damit nachgewiesen werden, wenn wir auch keine Regel finden. Das Entdecken einer Regel ist nur ein kleiner Teil der wissenschaftlichen Arbeit.
Auch wenn es sich um singuläre Ereignisse handelt, so müssten diese Auswirkung auf die materielle Welt haben und damit wissenschaftlich erforschbar sein - auch singuläre Ereignisse sind empirische Tatsachen. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die Wissenschaft nur mit regelmäßigen oder im Labor unter kontrollierten Bedingungen auftretenden Phänomen beschäftigt. Weit gefehlt! Denn dann gäbe es keine Evolutionstheorie, keine Erforschung des Urknalls, keine Untersuchung von Supernovae u. v. a. mehr. Was innerhalb der materiellen Welt auftritt - also mit uns oder mit der Materie um uns herum interagiert, diese beeinflusst - hinterlässt Spuren oder Indizien. Und diese kann man erkennen - sonst wüssten wir nichts über unsere Vorfahren.
Genauer gesagt, alle hier aufgezählten Positionen sind gleich! Sie sind logisch und praktisch und in jeder vorstellbaren Hinsicht ununterscheidbar. Deswegen ist Naturalismus und Supernaturalismus dasselbe - wir können künstliche Unterschiede erfinden, aber es sind eben nur Erfindungen, Einbildungen, waghalsige Konstruktionen. Nur, weil wir etwas denken können, muss es nicht existieren. Damit aber etwas für uns eine Relevanz hat, muss es von Nicht- oder Irrelevantem unterscheidbar sein. Ist dies nicht der Fall, ist es unerheblich.
Das widerspricht erheblich der christlichen Position, und wie wir bei der Apologetik gesehen haben, wird auch damit argumentiert, von christlicher Seite aus. Nichtsdestotrotz handelt es sich um Scheinargumente. Eine supernaturalistische Position können wir weder theoretisch noch praktisch einnehmen. Damit wird "absurd und beliebig" zu einem Synonym für "supernaturalistisch".
Alles, was die Supernaturalisten tun, ist, sich selbst und Andere darüber hinwegzutäuschen, dass sie ihre "Ableitungen" aus ihrer "supernaturalistischen" (= denkunmöglichen) Position sich nach Belieben "aus den Fingern" saugen, d. h. letztlich doch aus einer naturalistischen Position, oder dass sie versuchen, die Unterschiede zwischen "wahr" und "ist eine haltlose und unbegründete Spekulation" bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen. Denn "wahr" kann nur etwas sein, was sich im Einklang mit den empirischen Tatsachen befindet. Verlassen wir die Empirie, dann kehren wir auch der Wahrheit den Rücken.
Das mag schwer einzusehen sein, und es ist deswegen so schwer, weil wir (christlich-)kulturell so sehr beeinflusst worden sind. Jetzt wissen Sie, warum sich Freidenker als Freidenker bezeichnen: Weil sie in der Lage sind, sich (mindestens teilweise) von überkommenen, widerlegten, kulturell indoktrinierten, orthodoxen Positionen frei zu denken.
Man mag einwenden, dass dies eine ignorante Position ist. Mag sein, aber der Punkt ist, dass sich Naturalismus und Supernaturalismus hinsichtlich ihrer Ignoranz nicht unterscheiden!
Einfache Gemüter werden mir jetzt unterstellen, ich würde behaupten, was nicht erkennbar sei, sei auch nicht vorhanden. Weit gefehlt. Es mag vorhanden sein oder auch nicht - es ist nur nicht erkennbar (und das ist etwas anderes). Wenn man allerdings zwischen "nicht erkennbar" und "nicht vorhanden" nicht unterscheiden kann, dann sind beide Positionen in praktischer Hinsicht identisch. Erst wenn wird das (bislang) Nicht-Erkennbare erkennbar gemacht haben, dann können wir eine Unterscheidung treffen - aber dann gehört es keiner spirituellen (oder transzendenten) Sphäre mehr an.
Man kann es auch anders formulieren: Was nicht mit dem Universum interagiert, ist irrelevant, was interagiert, ist (empirisch) erkennbar. Reine Vernunft ohne jede Empirie ist reiner Unsinn (darauf war Kant zuerst gekommen).
Es gibt mit Supernaturalismus noch ein weiteres Problem - wir müssten allwissend sein, um bei einem unerklärlichen Phänomen auf eine nicht-natürliche Ursache zu schließen, denn wir kennen nicht alle natürlichen Faktoren, es könnte also im Gegensatz zu unserer Annahme doch natürlich sein. Anders gesagt, wir gewinnen nichts an Erkenntnis dazu, wenn wir supernaturalistische Erklärungen "erlauben", sondern wir blockieren damit meist nur die Suche nach natürlichen Erklärungen.
Eine sehr schöne weiterführende Diskussion zum Thema findet sich bei Neukamm unter dem Titel: →Wissenschaft und Metaphysik - Supernaturalismus versus Naturalismus.
Es gibt noch zwei weitere Argumente für den Supernaturalismus: Das Argument der Anfangsparameter des Universums - wenn bestimmte Naturkonstanten nur ein ganz kleines bisschen vom jetzigen Wert abweichen würden, dann gäbe es kein intelligentes Leben im Universum bzw. überhaupt kein Leben. Dazu habe ich eine ausführliche Erwiderung geschrieben unter: Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I.
Das zweite Argument ist sehr viel komplizierter, weil es sich der Quantenmechanik (QM) bedient, ein Gebiet, das kaum jemand versteht. Nur kurz für Kenner (alle anderen bitte weglesen!):
- In der Welt der Quanten gibt es eine sehr starke Verschränkung von nahezu allem mit nahezu allem Anderen, was bedeutet, die Wechselwirkungen sind noch sehr viel umfassender als in der uns direkt zugänglichen Welt.
- Es gibt ursachenlose Wirkungen (d. h. echten Zufall), der zu merkwürdigen Effekten führen kann, die wir als "Wunder" interpretieren können - Geschehnisse, die sehr unwahrscheinlich sind, aber nicht unmöglich (und wenn man lange genug wartet oder genügend Fälle hat, dann muss das Wunder auch tatsächlich irgendwann mal geschehen).
- In der QM kann Materie und Energie aus dem Nichts entstehen - das ist keine bloße Theorie, das ist ein messbarer Effekt.
- Alle Regeln sind lediglich stochastischer Natur.
- Der Beobachter beeinflusst das zu beobachtende Ereignis - es gibt keine Unabhängigkeit von Subjekt und Objekt, und dies führt wiederum zum Teil zu als zufällig zu interpretierenden Ereignissen.
Das aber bedeutet, dass "Wunder" und "übernatürliche Ereignisse" geschehen können, und zwar als Teil von völlig normalen Prozessen. D. h. wir können auch größere Wunder nicht von natürlichem Geschehen unterscheiden, und damit existiert erst recht kein Anlass, einen Supernaturalismus zu bemühen, selbst dann nicht, wenn sich Ihr Computer spontan in eine Eistüte verwandelt ...
Es gibt aber auch ohne die verkomplizierende Quantenmechanik gute Gründe, warum Wunder weder die Existenz Gottes beweisen noch irgendeine Religion stützen: Wunder und Naturalismus.
Wem diese Argumentation nicht einleuchtet, für den haben ich noch einen weiterführenden Artikel: Naturalismus versus Supernaturalismus II.
Konfusius, er sagt: "Wissenschaftler erklären das Unbekannte mit dem Bekannten, Theologen das Bekannte mit dem Unbekannten - Letzteres macht die Welt selbst unbekannt und uns fremd."
Anmerkungen:
- Es handelt sich hierbei nicht um einen Aspekt unserer Welt wie Information o. ä., denn diese gehört zu unserer natürlichen Welt dazu. (Zurück)
- Ich hatte zuerst von der "realen Welt" geschrieben, aber da Gläubige "ihre" spirituelle Welt für ebenso "real" halten wie die natürliche Welt hoffe ich, damit Missverständnissen vorzubeugen. (Zurück)
- Diese Ergänzung und alle Überlegungen dazu verdanke ich Lars Gawallek, der mir dazu eine sehr interessante Email geschrieben hat - vielen Dank, Lars! (Zurück)
⇐ Wahrscheinlichkeit - Irrtum ⇒
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