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Schlussbemerkung zum Teil I

Es gibt zwei hauptsächliche Gründe, weswegen Menschen glauben. Menschen glauben

  1. weil der Glauben wahr ist und
  2. weil der Glauben nützlich (hilfreich, stabilisierend, kraftspendend) ist.
Damit etwas wahr ist, müssen wir zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Dazu brauchen wir Wahrheitskriterien. Woher wissen wir, dass diese Kriterien richtig sind? Das wissen wir nicht. Deswegen brauchen wir Kriterien, anhand deren wir ableiten, welche Kriterien zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Woher wissen wir, ob diese Kriterien ... usw. usf. Entweder brechen wir unsere Suche ab (das wäre dogmatisch) oder wir landen in einem logischen Zirkel (das wäre unsinnig). Was immer wir auch tun, diese Falle ist unvermeidlich.

Damit ist Wahrheit immer relativ zu unserem augenblicklichen Kenntnisstand. Ewige Wahrheiten oder gar Gewissheit gibt es nicht. Wenn der Gläubige meint, darauf nicht verzichten zu können, dann täuscht er sich in doppelter Hinsicht: Zum einen können wir auf angebliche Gewissheiten sehr wohl verzichten, zum anderen werden wir sie auch nicht bekommen, wer glaubt, sie zu haben, täuscht sich.

So absolut das auch klingt: Dies ist unser gegenwärtiger Kenntnisstand. Bislang hat dem keine der angeblichen ewigen Wahrheiten standhalten können. Hinzu kommt, dass der Gläubige durch den Versuch, Teile seiner Begründungen in irgendwelche fernen und unerreichbaren Sphären zu verlegen oder der Vernunft zu entziehen, seine eigenen Wahrheitskriterien ausgehöhlt und unerreichbar und damit unbrauchbar gemacht hat. Die Unerreichbarkeit der Wahrheitskriterien ist in Wahrheit ein Versuch, seine Kriterien vor Kritik zu bewahren, sie gegen Kritik zu immunisieren.

Für jede Erscheinung gibt es viele, teilweise sehr viele Erklärungen. Um die richtige zu finden, brauchen wir Kriterien, um die falschen auszusortieren. Mit unbegründeten und unhinterfragbaren Kriterien ist die Auswahl der richtigen Alternative ein Glücksspiel, gegen die sich ein Lottogewinn wie eine absolut sichere Sache ausnimmt. Nein, um die Begründung des Glaubens und seine Wahrscheinlichkeit steht es sehr, sehr schlecht.

Ohne (einigermaßen) verlässliche Wahrheitskriterien, die kritisch untersucht werden können, kann und darf man nicht von Wahrheit reden  [1]. Glauben und Wahrheit sind inkompatibel zueinander. Von der "Wahrheit des Glaubens" zu reden ist ebenso unsinnig wie von "schwarzen Schimmeln" zu sprechen. Glauben ist etwas, was jenseits der Vernunft für wahr gehalten wird, ohne die Gründe für den Glauben wirklich offen zu legen.

Immer noch gibt es Gläubige, die meinen, auch Wissenschaft sei eine Form des Glaubens (verwirrt durch den unterschiedlichen Gebrauch des Wortes Glauben). Dan Barker hat dies in seinem Buch →Losing Faith In Faith so treffend karikiert, dass ich es Ihnen hier übersetze:

Wahrheit verlangt keinen Glauben. Wissenschaftler reichen sich nicht die Hände jeden Sonntag und singen: "Ja, Gravitation existiert! Ich glaube an die Gravitation! Ich werde stark sein! Tief in meinem Herzen glaube ich, dass das, was hoch - hoch - hoch geht, auch wieder runter - runter - runter kommen muss! Amen!" Wenn sie es doch täten, dann müssten wir denken, sie seien sich ganz schön unsicher darüber.


Einen weiteren grundlegenden Irrtum habe ich noch nicht erwähnt: Den Unterschied zwischen Erkennen und Erklären  [2]. Beides sind fundamental unterschiedliche Prozesse. Gläubige erkennen etwas in der Welt und glauben dann, sie könnten es damit auch erklären.

Deswegen müssen wir den ersten Teil der obigen Behauptung zurückweisen. Damit kommen wir zur nächsten Frage: Wenn der Glaube schon nicht wahr ist (bzw. wir in diesem Zusammenhang nicht über Wahrheit reden können oder dürfen), ist der Glaube denn wenigstens nützlich? Dient er dem physischen oder psychischem Wohlbefinden der Menschen, ist er eine ernstzunehmende moralische Kraft? Und was sind die wahren Gründe zu glauben, wenn wir in der realen Welt schon keine Begründung dafür finden können?

Damit sind wir bei der Psychologie angelangt und den innerpsychischen Befindlichkeiten der Menschen (speziell der Gläubigen). Und genau damit beschäftigt sich der nächste Teil.

Konfusius, er zitiert: "Zu dem Adler sprach die Taube:
Wo das Denken aufhört, da beginnt der Glaube;
Recht, sprach jener, mit dem Unterschied jedoch,
Wo du glaubst, da denk' ich noch
" (Ludwig Robert)



Anmerkungen:
  1.  Auch diese Wahrheitskriterien sind immer nur vorläufiger Art, bis wir etwas Besseres gefunden haben - temporär (übergangsweise) geht man hier auch dogmatisch vor, aber nur als vorläufige Hilfskonstruktion, dynamisch, bis man etwas Besseres findet. Siehe dazu auch den Artikel von Dr. Michael Schmidt-Salomon: →Das Münchhausentrilemma oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen? - dort wird das Thema erschöpfend behandelt. Eine kurze Antwort ist unter den Häufig gestellten Fragen zu finden. (Zurück)
  2.  Der Unterschied dazwischen ist so schwer greifbar, dass wir diesem Irrtum auch in der Wissenschaft begegnen! Schlimmer noch ist die Konfusion von Erkennen und Erklären in unserem Bildungssystem - aber dies ist ein eigenes Thema. Übrigens begegnen wir beim Erklären einem alten Bekannten: dem Münchhausentrilemma. (Zurück)

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