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In einem dunklen Spiegel
Im ersten Teil der Reise zu den Grenzen der Vernunft haben wir gesehen, dass Menschen deswegen an eine Religion glauben, weil sie wahr ist. Man kann nicht an etwas glauben, wenn man denkt, es sei falsch. Man kann aber auch nicht an etwas glauben, was in sich widersprüchlich ist - man kann die Widersprüche ignorieren, aber der Glauben überwindet sie nicht. Im ersten Teil ging es um die Grenzen des Wissens, jetzt geht es um die Grenzen des Glaubens.
Um die Widersprüche zu ignorieren, werden die verschiedensten Strategien verwendet. Allen gemeinsam ist eine "Immunisierung gegen Kritik ". Kritik wird abgewehrt, verdrängt, ignoriert, durch Hilfskonstruktionen in unzugängliche Bereiche - z. B. die Gefühlswelt oder in übernatürliche Sphären oder das in Subjekt - "verschoben". Zusammen mit der Abwehr von Kritik geht aber zugleich der Wahrheitsanspruch verloren - wenn etwas immun ist gegen Kritik, dann ist es nicht wahr, sondern beliebig. Man kann jedes Weltbild auf diese Weise gegen kritische Analysen abschotten, aber damit verliert man jedes Wahrheitskriterium und damit jeden Wahrheitsanspruch. Denn wenn man dies zulässt, dann ist jedes denkbare Weltbild zugleich "wahr" - denn Kritik ist die einzige Methode, die wir kennen, um Wahres von Falschem zu trennen. Wahrheit und Falschheit wird so fest miteinander "legiert", dass sich beliebige Schlüsse daraus ziehen lassen. Dies gibt einem die "Freiheit" alles zu denken und die Unmöglichkeit, etwas über den Wahrheitsgehalt zu sagen.
Man muss sich entscheiden: Entweder man hat ein Weltbild, welches wahr ist - dann muss man auch jede einzelne Aussage dem Risiko des Scheiterns aussetzen. Oder man hat ein Weltbild, welches an keiner Tatsache scheitern kann - dann kann man nicht entscheiden, ob es wahr ist, und dann ist es sinnlos, von Wahrheit zu reden. Das ist keine "Gesamtentscheidung", sondern betrifft jede einzelne Aussage in diesem Weltbild für sich.
Trotzdem behaupten die Religionen, sie seien wahr. Sie behaupten dies in der Hoffnung, dass die Anhänger nicht entdecken, wie sinnlos die Behauptung ist! Dan Barker sagt dazu: "Die Christen befürchten, dass die Menschen selbstständig denken, die Freidenker befürchten, dass sie dies nicht tun". Ich befürchte ebenfalls, dass die Menschen nicht selbstständig denken und sich von alten Dogmen vorschreiben lassen, was sie überhaupt denken dürfen.
Trotzdem behaupten die Religionen, sie könnten den Sinn der Welt erklären. Das können sie in gewisser Hinsicht wirklich, aber das ist ein Schein, denn sie können nicht behaupten, dass ihre Sinndeutung einen Bezug zur Realität hat - Wahrheit bedeutet "Übereinstimmung mit den Fakten". Wenn etwas falsch ist, dann ist es zugleich auch "sinnlos", denn aus falschen Behauptungen kann man jede Form von Sinn herauslesen. Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt unüberprüfbar gemacht wurden, sind Behauptungen, über deren Wahrheitsgehalt man nichts sagen kann - es fehlt die Basis. Behauptungen ohne Basis haben einen beliebigen Sinn.
Zunächst aber die Frage: Wozu braucht man überhaupt ein umfassendes Weltbild?
Antwort: Wir können nicht alles wissen. Wenn wir alles wüssten, dann wäre es trivial, richtig zu handeln (abgesehen davon, dass wir noch das Problem hätten, die Fülle an Daten zu verarbeiten). Deswegen handeln wir fast immer auf der Basis von unzureichendem Wissen - einzige Ausnahme sind Denksportaufgaben. Im Alltag haben wir meist nicht alle notwendigen Informationen, teilweise sind die Informationen auch unzugänglich, wir wissen nicht, welche Informationen uns fehlen, und selbst wenn wir es wissen, ist die Beschaffung einer vollständigen Informationsbasis zu aufwändig, die Probleme ändern sich während wir uns mit ihnen beschäftigen, wir handeln unter Zeitdruck, die Strukturen sind auf undurchschaubare Weise miteinander vernetzt usw. usf.
Nun müssen wir diese Lücken in den Informationen "irgendwie" schließen, weil sonst aus Unwissen Unsicherheit wird, und bei wichtigen Dingen aus Unwissenheit Angst, und Angst macht uns handlungsunfähig. Deswegen werden unsere Basisinformationen "extrapolieren" (= ergänzen). Um dies vornehmen zu können, brauchen wir Interpretationsmuster, die uns anleiten, wie wir die Lücken "überbrücken" können. Dieses Interpretationsmuster nennen wir Weltbild.
Aus diesem Weltbild kann ich nun mit simplen Schlüssen fehlende Informationen "ergänzen". Hierbei sind (neben anderen) folgende Dinge wichtig:
(1) Das Weltbild darf nicht zu kompliziert sein - wenn es mich intellektuell überfordert, oder die Verarbeitung zu viel Zeit erfordert, ist es unzweckmäßig.
(2) Je mehr fehlendes Wissen ergänzt werden kann, umso besser ist das Weltbild.
Diese beiden Forderungen (1) und (2) sind zueinander meist widersprüchlich - dies trifft vor allem für simple Dinge zu. Wenn die Ableitung, welche ich durchführe, zu komplex ist, dann kann ich gleich alle Informationen zusammensammeln. Sinn eines Weltbildes ist es aber, mir die Zeit zum Sammeln aller Informationen zu ersparen. Wenn das Weltbild zu allgemein ist, enthält es zu wenig an Informationen, und genau dies ist ja mein ursprüngliches Problem.
Ein Beispiel: Ich will mir ein Auto kaufen. In der Fülle der Prospekte mit allen Informationen ertrinke ich nach einiger Zeit. Ich würde zu lange brauchen, alles zu sichten und durchzugehen und alles gegeneinander abzuwägen. Also entsinne ich mich, dass (beispielsweise) schon mein Vater gesagt hat, dass sich amerikanische Autos schwammig fahren und Japan nur billigen Schrott produziert. Also werfe ich alle betreffenden Prospekte weg. Damit verringere ich die Informationsfülle auf ein Maß, welches ich verarbeiten kann. Das ist eine sehr ökonomische Vorgehensweise. Und diese Ökonomie bestimmt auch, ob ich mein Weltbild mehr in Richtung (1) optimiere oder mehr in Richtung (2). Beides muss man ausbalancieren.
Weltbilder sind also Denkmuster, die mir problemlos und auf eine ökonomische Art eine Induktion (= Schaffung von neuem Wissen) ermöglichen.
Woher weiß ich nun, welches Weltbild das "richtige" ist? Dies entnehme ich der Kultur, in der ich lebe. Und hier gibt es eine einfache Regel: Je mehr Leute etwas für richtig halten, umso "richtiger" muss es sein. Das ist bereits selbst eine ökonomische Regel, also eine, die mir Denkarbeit erspart (ich bezeichne diese Regeln als "Alltagsbeweise", also alltagstaugliche Beweisformen, denn ich kann ja nicht bei jeder Entscheidung erst eine wissenschaftliche Untersuchung durchführen).
Das so allmählich entstehende kulturell geprägte Weltbild verhilft mir zu einer Orientierung und Sicherheit in der Welt und nimmt mir die "Angst vor der Unsicherheit". Es ist eher zweitrangig, ob das Weltbild selbst richtig ist. Besser, ein Weltbild, welches mir die Welt vollständig erklären kann, welches aber falsch ist, als eines, welches richtig ist, aber unvollständig.
Gott ist eine sehr ökonomische Idee. Gott erspart mir bei unerklärlichen Phänomen die Angst, ist zugleich eine "sinnvolle" Stütze, gibt mir Kontrollmöglichkeiten über diese Welt (Beten) und erlaubt es mir, dass ich mir die Idee an meine eigene geistige Kapazität anpasse. Das alles besagt nichts darüber, ob Gott existiert.
Die Vorstellung allerdings, mein Weltbild sei falsch, wirkt angstauslösend und ist daher zu vermeiden. Je starrer das Weltbild ist, umso sicherer erscheint es uns, aber auch Unflexibilität ist wieder ein Nachteil - auch hier muss ausbalanciert werden. Deswegen sind Weltbilder, die nicht widerlegt (als falsch entlarvt) werden können, stets im Vorteil.
Mit der Entwicklung der Kultur verändern sich auch die Weltbilder und irgendwann hat sich die Kultur soweit geändert, dass es eine Verschiebung gibt. Abgesehen davon kollidieren Weltbilder ab und zu eben doch mit den Fakten - und je mehr Fakten ein Weltbild als Stütze enthält, umso wertvoller ist es, weil Fakten den Erklärungswert erhöhen. Auch hier ist eine Balance nötig, weil die Integration von Fakten leicht das gesamte Weltbild "ins Rutschen" bringen kann. Wenn mir das Weltbild erlaubt, Fakten durch Uminterpretation zu integrieren, umso besser (neue Fakten werden stets "durch die Brille" des Weltbilds betrachtet, dies garantiert meist schon eine gewisse "Kompatibilität").
In Phasen, in den sich die allgemeine Bildung und das Wissen erhöht, werden daher auch meist nicht anpassungsfähige Weltbilder "zerstört". Das geht nicht ohne langwierige Rückzugsgefechte ab - warum sollte man ein bewährtes Weltbild aufgeben, bloß, weil einige Tatsachen dagegen sprechen?
Man kann also sagen, dass die Idee eines Gottes zwar nicht wahr, aber ökonomisch ist. Und deswegen hängen so viele Leute dieser Idee auch an. Mit der höheren Bildung nimmt dies tendenziell ab, bei Wissenschaftlern ist dies besonders auffällig. Insbesonders →Spitzenwissenschaftler sind meist Atheisten. Momentan funktioniert der Link nicht, versuchen Sie bitte →diesen hier oder →diesen.
Ein wichtiger Punkt dabei ist: Wer die Beschaffenheit eines Weltbilds kontrolliert, kontrolliert damit zugleich auch die Handlungen der Menschen! Und genau aus diesem Punkt sollte man auch Weltbilder kritisch prüfen. Von den Kontrolleuren des Weltbilds wird dies meist nicht erwünscht, weil kritische Individuen nicht so leicht zu "handhaben" sind. Daher ist es unerlässlich, sich die Interessen der führenden Vertreter eines Weltbilds genau anzusehen. Aber meist werden genau diese Interessen auch sorgfältig verschleiert. Man hat etwas zu verbergen. Man hat etwas gegen Misstrauen und Zweifel. Man lässt sich nicht gerne "in die Karten gucken".
Glauben ist ein dunkler Spiegel - nicht der Welt da draußen, sondern unserer inneren Verfassung.
Konfusius, er sagt: "Glauben überwindet keine Widersprüche, aber er erlaubt es, Widersprüche zu ignorieren und damit die eigene Rationalität zu untergraben."
⇐ Schlussbemerkung - Angstabwehr ⇒
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