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Subjektivismus als Ausweg?
Die bisherige Diskussion orientierte sich sehr stark an der Logik - zu stark für viele Geschmäcker. Wo bleibt da der Mensch? Menschen sind nicht unbedingt logisch und rational, insofern werden viele der bislang geäußerten Argumente auch viele Menschen nicht erreichen.
Das Problem damit ist: Wenn wir miteinander reden wollen, so brauchen wir eine gemeinsame Basis dafür. An anderer Stelle hatte ich das bereits erwähnt. Und wenn wir nicht aneinander vorbeireden wollen, so brauchen wir auch gemeinsam akzeptierte Regeln für den Dialog. Ohne diese Regeln ist es, als ob wir in verschiedenen Sprachen miteinander reden würden.
Sprachregeln und Sprachen sind historisch gewachsen. Nur aus dieser Tradition erwächst eine Gemeinsamkeit. Wenn jede Gruppe ihre eigenen Regeln pflegt, so gibt es keinen Gedankenaustausch, sondern nur ein asoziales (im ursprünglichen Sinne von anti-sozial, d. h. gegen die Gesellschaft gerichtet) Gegeneinander oder bestenfalls ein belangloses Nebeneinander.
Dies führt uns zu den subjektiven Wahrheitstheorien, die ich kurz als Subjektivismus bezeichne. Beim Subjektivismus wird das Problem der Wahrheitsfindung umgangen, in dem man die vorhandenen Wahrheitstheorien umdefiniert. Nehmen wir die Standard-Definition von Wahrheit: Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie den Tatsachen entspricht. Subjektiv würde man sie so umformulieren: Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie für mich den Tatsachen entspricht. Dies führt dann dazu, dass zwei anerkannte Wahrheitgesetze nicht mehr aufrecht erhalten werden können: das Gesetz des Widerspruchs (A und Nicht-A sind nicht beide wahr) und das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten (entweder A ist wahr oder Nicht-A). Denn ich könnte feststellen, dass A den Tatsachen entspricht, Sie könnten feststellen, dass Nicht-A den Tatsachen entspricht. Das wäre kein Widerspruch, denn für mich ist A wahr, für Sie ist Nicht-A wahr, und es ist uns keine Einigung möglich.
Wenn man das Gesetz des Widerspruchs und das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten als Grundbedingung für eine Wahrheitstheorie akzeptiert, ist damit der Subjektivismus zu verwerfen, er genügt beiden Gesetzen nicht. Halten wir den Subjektivisimus trotzdem aufrecht, dann werden wir uns über einige Dinge nicht einigen können. Wenn wir aber in einer Gemeinschaft leben, dann werden wir uns über einige Dinge niemals einigen können. Die einzige Möglichkeit, solche Konflikte zu entscheiden, ist dann die Gewalt (oder permanente Nachgiebigkeit - sehr unwahrscheinlich!).
Durch Nicht-Anerkennung der allgemeinen Regeln des vernünftigen Redens, wozu unbedingt die Logik gehört, wird ein Gegeneinander gefördert: Denn, wer nicht für mich ist (d. h. meine willkürlichen Regeln akzeptiert), der ist gegen mich. Damit sind gerade die fundamentalistischen Gruppen tendenziell anti-sozial, intolerant und nur auf die Gruppenegoismen ausgerichtet. Meist richtet sich ihre soziale Verantwortung auch nur auf Mitglieder ihrer Gruppe. Damit wird die Gesellschaft atomisiert, moralisch unterminiert und in irrationale Bahnen gedrängt.
Dies alles wäre vollkommen harmlos, wenn aus den eigenen Anschauungen nicht eine Moral für die gesamte Gesellschaft abgeleitet würde, die dieser aufoktroyiert wird, und wenn diese Gruppen nicht in anderen Gesellschaften missionieren würden und wenn sie ihre Kinder nicht indoktrinierten. Und wenn sie sich aus den öffentlichen Dialogen (deren Regeln sie ohnehin nicht anerkennen) heraushielten.
Verschärft werden diese Tendenzen noch durch einen teilweisen Hang zu einem extremen Subjektivismus und zur Selbstüberhöhung. Das aus der Selbstüberhöhung häufig eine Intoleranz folgt können wir fast jeden Abend in den Nachrichten verfolgen. Rechtsradikale Modernitätsverlierer ("Loser" auf Neudeutsch) halten sich für "bessere Menschen" (z. B. Arier) als ihre ausländischen Mitbürger und nehmen sich daher das "Recht des Stärkeren" (das größte Unrecht) heraus um ihnen zu schaden. Nun halten sich auch die Christen leider für die moralisch besseren Menschen, was geschichtlich schon verheerende Konsequenzen hatte. Die angebliche Überlegenheit der Christen zeigt sich im Dialog durch die Überheblichkeit, jederzeit den Willen eines übergeordneten Wesens (Gott) für sich zu reklamieren, ohne dafür Beweise vorlegen zu müssen, während von der Gegenseite Beweise für alles gefordert werden. Diese soziale Schieflage, dieser Überlegenheitsdünkel, birgt ähnlichen sozialen Sprengstoff wie das "Übermenschentum" des rechtsradikalen Mobs. Die Vergangenheit beweist dies.
Der Subjektivismus birgt nicht ganz so viele Gefahren, außer der erwähnten Tendenz zur sozialen Spaltung. Es ist nun so, dass jeder Gedanke, jede Vorstellung, jede Erkenntnis zunächst im Subjekt stattfindet. Wir können diese Erkenntnisse - die geeigneten Regeln vorausgesetzt - kommunizieren und zum Allgemeingut machen. Wir können mit den richtigen Methoden (Wissenschaft) sogar herausfinden, welche dieser Ideen rein subjektiv sind, und welche eine objektive Grundlage haben. Kurz: Wir können Erkenntnisfortschritt produzieren, von dem alle etwas haben, sowohl im Guten als auch leider im Schlechten. Dieser Fortschritt ist sozial, kommunikativ, verbindend, intersubjektiv und weiterführend.
Einer der großen Fortschritte der Wissenschaft ist nie so recht gewürdigt worden: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es ein Wissen über die Welt, welches von der ganzen Welt geteilt werden kann, wo jeder Streit einen großen, unparteiischen Schlichter hat (die Natur), wo es einen Völker übergreifenden Konsens gibt. Zur Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus haben Physiker aus aller Welt nie aufgehört, ihre Ideen auszutauschen und zu diskutieren (misstrauisch beäugt von den verfeindeten Regierungen, die stets eilfertig mit Spionageverdächtigungen zur Hand waren) und sich zu einigen.
Während unglaublich viele Kriege wegen unterschiedlicher religiöser Auffassungen vom Zaun gebrochen wurden (zuletzt in Europa auf dem Balkan, ansonsten beispielsweise auch im Irak) hat es nie einen Krieg aus "wissenschaftlichen Gründen" gegeben, und jeder Wissenschaftler hält (bei allem Streit untereinander in Detailfragen) dies auch nicht für möglich - weil man Regeln hat, jeden Streit zu klären. Die Idee einer gemeinsamen Welt, für die wir auch gemeinsam verantwortlich sind, die Idee, dass wir Menschen in dieser Welt verwurzelt sind (und nicht in einem imaginären Jenseits), die Idee, dass die Befragung der Natur dieser Welt jeden Streit über die Wahrheit zu einem guten, gemeinsam getragenen Abschluss bringen kann, und die Tatsache, dass daraus ein Fortschritt erwächst, den wir für uns nutzen können: Diese Ideen sind den Gläubigen dieser Welt fremd, so wie sie selbst der Welt entfremdet sind.
Einige Gläubige leben teilweise in einer subjektiven, ichabgeschlossenen, unzugänglichen, unkommunizierbaren, individualistischen Welt und dünken sich daher als etwas Besseres. Was anderes soll daraus erwachsen als Unfrieden, die Unfähigkeit zum Dialog, die Unfähigkeit zum Konsens?
Wenn mir also jemand erzählt, er sei Gott in seiner persönlichen, subjektiven Welt begegnet, so mag dies noch harmlos sein. Wenn mir dann aber jemand erzählt, er habe damit den Auftrag, die Welt selbst zu ändern, dann läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Diese Art von Auftrag hatten die Attentäter vom 11. September ebenfalls ... und man kann nie vorhersagen (weil es so irrational ist), wie dieser Auftrag verstanden wird oder wohin sich das Ganze entwickelt. Vor allem, wenn diese Denkweise verbreitet wird, mit Denkfallen gespickt, immunisiert gegen jede Kritik und Widerlegung, damit unfähig zum Dialog und zum Konsens: Dann schrillen bei mir die Alarmglocken.
Hinzu kommt, dass aus logischen Gründen jeder Subjektivismus im Solipsismus endet. Denn wenn Wahrheit nur oder überwiegend vom erkennenden Subjekt abhängig ist, dann wird die Wahrheit vom Subjekt selbst konstruiert. Eine anti-sozialere Haltung als einen Solipsismus kann man sich kaum denken.
Konfusius, er sagt: "Der Preis des Glaubens ist die Opferung der Vernunft."
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